Leichter Käthe, geb. Marianne Katharina Pick, Ps.: Anna Gärtner, Maria Mahler

Politikerin (SDAP), Volksbildnerin und Gewerkschafterin

Geb. Wien, 20.8. 1895

Gest. KZ Ravensbrück, 17.3. 1942 (ermordet)

 

Herkunft, Verwandtschaften:

Jüdische Herkunft; großbürgerliche Wiener Familie; Mutter Charlotte, geb. Rubinstein; Vater Dr. Josef Pick, Rechtsanwalt in Wien; Schwester Vally Weigl, Musikerin und Pädagogin, USA.

 

LebenspartnerInnen, Kinder:

1921 verheiratet mit Otto L., Publizist, Parteipolitiker (SDAP), 1938 Emigration F, USA, nach 1945 US-Korrespondent der AZ, Vorsitzender der Zeitungskorrespondenten bei den Vereinten Nationen;           Söhne Dr. Heinz (Henry) L., Rechtsanwalt, (*1924) 1938 Emigration F, 1940 USA, im 2. WK Soldat in US-Armee; Franz L., Rechtsanwalt und Politiker (*1930), 1938 Emigration F, 1940 USA.

 

Ausbildungen:

Beamten-Töchter-Lyzeum, ab Herbst 1914 Studium der Staatswissenschaften in Wien, ab Herbst 1917 Studium in Heidelberg (M. Weber), da Abschlussprüfung für Frauen in Wien noch nicht möglich; Sommer 1918 mit Sondergenehmigung Promotion mit Auszeichnung in Heidelberg, Dr.rer.pol.

 

Laufbahn:

K. L. entwickelte sich, vor allem unter dem Eindruck des Attentats von Friedrich Adler auf den Ministerpräsidenten Graf Karl Stürgkh, zur Sozialistin.

Ende 1917 wurde sie wegen politischer Betätigung als Kriegsgegnerin aus dem Deutschen Reich ausgewiesen.

In Wien war sie Mitglied studentischer Linksgruppen und Mitglied der SDAP, neben Otto Leichter führendes Mitglied der sogenannten Neuen Linken innerhalb der SDAP und nahm aktiv an den Sitzungen des Kreisarbeiterrats sowie des Bezirksarbeiterrats Innere Stadt teil. Im Herbst 1918 war sie Mitgründerin des Verbands sozialdemokratischer Studenten und Akademiker (1925 Verband Sozialistischer Studenten Österreichs).

K. L. redigierte nach 1918 in Wien die Frauenbeilage der Gewerkschaftszeitung „Der Metallarbeiter" und arbeitete als Sekretärin bei O. Bauer im Finanzministerium sowie ab 15.4.1919 als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Staatskommission für Sozialisierung, besonders engagiert bei der Ausarbeitung der Betriebsdemokratie. 1919-1934  war K. L. stellvertretende Vorsitzende und Verantwortliche für Bildungs- und Frauenarbeit in Wiener Bezirksgruppen der SDAP und Delegierte zu fast allen sozialdemokratischen Parteitagen, ab 1923 zu allen Frauen-Reichskonferenzen der SDAP. 1923 heftige Reaktion auf die Liquidierungsversuche der Gemeinwirtschaft; ständige Mitarbeiterin von Der Kampf und Arbeiter-Zeitung.

Mit Jahresbeginn 1925 als Mitarbeiterin der Sozialisierungskommission gekündigt mit der Bestätigung, dass sie auf eigenem Wunsch ausgeschieden sei; danach auf Empfehlung Wilhelm Ellenbogens von der Arbeiterkammer mit der Leitung eines neugegründeten Referats für Frauenarbeit betraut; 1925-34 Mitarbeiterin der Arbeiterkammer Wien; 1924 übernahm sie das Referat für Frauenarbeit in der Wiener Arbeiterkammer, leitete die Redaktion von Arbeit und Leben (gemeinsames Organ der Arbeiterkammern und der Freien Gewerkschaften Österreichs) und ab 1927 den Frauenteil derselben Zeitschrift.

 

In enger Zusammenarbeit mit der Frauenabteilung der Freien Gewerkschaften und dem Frauenkomitee der SDAP entwickelte K. L. eine breite politische und gewerkschaftliche Versammlungstätigkeit, führte Betriebrats- und Funktionärinnenschulungen durch und stellte eine Reihe soziologisch-statistischer Untersuchungen zu brennenden Problemen der Frauenarbeit an, deren Ergebnisse in den Sozialgesetzen Ende der 20er Jahre Niederschlag fanden. K. L. war Vorsitzende des Bezirksbildungsausschusses in der Bezirksorganisation Wien-Innere Stadt sowie Vorsitzende des Bezirksfrauenkomitees und Obmannstellvertreterin der Bezirksorganisation. Sie forderte vor allem ab 1926 (Linzer Parteitag) eine offensive Oppositions- und Einheitspolitik. Sie lieferte Beiträge für „Arbeit und Wirtschaft" und für "Die Unzufriedene". Ab 1927 war K. L. im Rahmen der Sozialistischen Arbeiter-Internationalen (SAI) und des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) Delegierte und Beraterin auf zahlreichen internationalen Frauen- und Arbeiterinnen-Konferenzen.

Ab 1934 im Untergrund, war sie mit ihrem Mann eines der Gründungsmitglieder der illegalen „Revolutionären Sozialisten". 1932 trotz heftiger Widerstände von männlicher Seite Kandidatur bei den Betriebsratswahlen; Anfang März 1934 fuhr sie über Brünn (Besprechung mit Otto Bauer) nach Zürich und widmete sich dort wissenschaftlichen Arbeiten. Im September 1934 nahm sie an der sog. Wiener Konferenz der RSÖ in Blansko bei Brünn teil und wurde zur Leiterin des Bildungsausschusses der RSÖ gewählt. Anschließend kehrte sie nach Wien zurück. Ab dem 12.2.1934 permanente Gefahr der Verhaftung für sie und ihren Mann, Anschluss an die RSÖ, Koordination von Hilfsaktionen für die Familien der ersten Opfer des Austrofaschismus; ab September 1934 Rückkehr von einem mehrmonatigen Aufenthalt in der Schweiz, ihr Haus in Mauer wurde zum Treffpunkt für illegale Funktionäre.

 

Versuch der Existenzsicherung durch wissenschaftliche Arbeiten für ausländische Institute, Verfassung von illegalen Flugblättern; bis 1938 hatte sie eine zentrale Rolle im illegalen Apparat der RSÖ, war ab 1937 als Nachfolgerin von Karl Ausch Leiterin des Informationsdenstes der RSÖ, Ende 1937 Verlegung der illegalen Arbeiterzeitung von Brünn nach Wien, Reise nach Brünn, Mitarbeiterin bei "Der Kampf" (Brünn), Ps. und Deckname Maria, Maria Mahler, Anna Gärtner. 1938 verhalf sie ihrem Mann zur Flucht ins Ausland, sie selbst wurde kurz vor der Abreise am 30. Mai 1938 von der Gestapo verhaftet und wegen Hochverrats angeklagt. Das Urteil im Oktober 1939 lautete vier Monate Gefängnis. Im Herbst 1939 kam sie ins KZ Ravensbrück und wurde im Februar 1942 im Zuge einer „Versuchsvergasung“ von ca. 1500 JüdInnen in der Nähe von Magdeburg in einem Eisenbahnwaggon ermordet.

 

Verkehrsflächenbenennung: Käthe-Leichter-Gasse, 13. Bezirk, seit dem 15.2.1949, vorher: ab 1943: Horngasse

Am 8. Oktober 1988 Benennung des Käthe Leichter Hofes und Gedenktafel in der Auhofstraße 152-156

 

Spez. Wirkungsbereich:

Käthe Leichter war Vertreterin der Neuen Linken und eine der herausragendsten Figuren der österreichischen Rätebewegung, insbesondere einer der Kritikerinnen der "Verschmelzung" der Rätebewegung mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, sie war der Meinung, dass die Idee der Gemeinwirtschaft innerhalb dieses Wirtschaftssystems nicht möglich sei und wandte sich gegen die sogenannte Keimzellentheorie, nach der die einzelnen gemeinwirtschaftlichen Betriebe die restlichen Unternehmen zum ideologischen Überlauf bewegen würden. In der Arbeiterkammer war sie eine der ersten Frauen in leitender Position und hatte mit dementsprechenden heftigen Angriffen zu kämpfen. Die Diskriminierung der Frauen, so glaubte sie, würde sich mit der Umstrukturierung in eine Gesellschaft auf sozialistischer Grundlage aufhören.

 

Werkangaben:

Was wollen die Frauen in der Politik? Reihe: Lichtstrahlen. Heft 19, Wien 1910.

Die handelspolitischen Beziehungen Österreich-Ungarns zu Italien. Diss.phil. masch. 1918.

Wie leben die Wiener Hausgehilfinnen). 1926.

Frauenarbeit und Arbeiterinnenschutz in Österreich. Kammer für Arbeiter und Angestellte in Wien. Wien:Verlag  "Arbeit und Wirtschaft" 1927.

Wie leben die Wiener Heimarbeiter? Eine Erhebung über die Arbeits- und Lebensverhältnisse. Wien: Wiener Volksbuchhandlung in Komm.1928.

Handbuch der Frauenarbeit in Österreich. (Mitverf. und Red.). 1930. darin: Die Entwicklung der Frauenarbeit nach       dem Krieg, S. 28-42.

So leben wir...1320 Industriearbeiterinnen berichten über ihr Leben. Eine Erhebung. Wien: Verlag  "Arbeit und Wirtschaft" 1932.

Vom revolutionären Syndikalismus zur Verstaatlichung der Gewerkschaften. In: Festschrift für Carl Grünberg. 1932.

Sanierung und Krise, Rationalisierungs- und Stabilisierungspolitik. In: Geschichte der österreichischen Gewerkschaftsbewegung im Weltkrieg und in der Nachkriegszeit. 1932.

100.000 Kinder auf einen Hieb. Die Frau als Zuchtstute im Dritten Reich. 1933.

Mahler, Maria (Ps.): Die Gewerkschaften im Faschismus. In: Internationale Studienwoche, veranstaltet vom Internationalen Frauenkomitee der Sozialistischen Arbeiter-Internationale, Brüssel 22.8. bis 29.8.1936. 1936.

Gärtner, Anna (Ps.): Erfahrungen und Aufgaben sozialistischer Schulungsarbeit. In: Der Kampf, 1936.

Bibliographie der Schriften in: Steiner, Herbert (Hg.): Käthe Leichter. Leben und Werk. Wien 1973, S.229-231.

Kindheitserinnerungen. (1939 in der Gestapo-Haft verfasst und ihren Kindern Heinz und Franz gewidmet, das Original befindet sich im DÖW.)

 

Literatur:

AZ, 15.2.1952, 19.8.1965.

Dictionaire Biographique du Mouvement Ouvrier International, Tome I: Autriche., 1971, Paris.

Die Frau, 21.2.1952.

Käthe Leichter zum 100. Geburtstag. Texte zur Frauenpolitik., 1995, Wien

NDB

ÖBL

Rathaus-Korrespondenz, 15.3.1967.

Sozialistische Korrespondenz, 20.8.1965.

Widerstand und Verfolgung in Wien 1934-1945. Eine Dokumentation. 3 Bde., 1975, Bd. 1, Wien

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www.aeiou.at

Autengruber, Peter, Lexikon der Wiener Straßennamen. Bedeutung. Herkunft. Hintergrundinformation frühere Bezeichnung(en), 1995, Wien, Verlag: Perlen-Reihe

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Buttinger, Joseph, Am Beispiel Österreichs. Ein geschichtlicher Beitrag zur Krise der sozialistischen Bewegung., 1953, Köln.

Gardiner, Muriel, Deckname "Mary". Erinnerungen einer Amerikanerin im österreichischen Untergrund. Mit einem Vorwort von Anna Freud., 1989, S. 110, Wien, Verlag: Promedia.

Göhring, Walter, Käthe Leichter - Gewerkschaftliche Frauenpolitik., 1996, Wien.

Knapp, Gabriele, Frauenstimmen. Musikerinnen erinnern sich an Ravensbrück., 2003, S. 238f, Berlin, Verlag: Metropol.

Kratzer, Hertha, Die großen Österreicherinnen. 90 außergewöhnliche Frauen im Porträt., 2001, Wien, Verlag: Ueberreuter.

Leichter, Otto, Käthe Leichter. In: Werk und Widerhall., 1964, Wien.

Leichter, Otto, Zwischen zwei Diktaturen. Österreichs revolutionäre Sozialisten 1934-1938., 1968, Wien.

Leser, Norbert (Hg.)., Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus., 1964, Wien.

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Sporrer, Maria; Steiner, Herbert (Hg.):, Rosa Jochmann. Zeitzeugin., 1983, Wien.

Steiner, Herbert (Hg.):, Käthe Leichter. Leben und Werk., 1973, Wien (mit einem Vorwort von Dr. Hertha Firnberg).

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