Reich Annie, geb. Pink

Psychoanalytikerin


Geb. Wien, 9.4.
1902

Gest. Pittsburgh/Pennsylvania, USA, 5.1. 1971

Emigrationspfad: 1930 D, 1933 CS, 1938 USA

 

Herkunft, Verwandtschaften:

Tochter des wohlhabenden jüdischen Geschäftsmanns Alfred Pink, Mutter Theresa, geb. Singer, ein Bruder.

 

LebenspartnerInnen, Kinder:

In erster Ehe (am 1. März 1922) verheiratet mit Wilhelm Reich (24.3.1897-3.11.1957), in Berlin Trennung; zwei Töchter, Eva (*1924), Lore (*1928).

In zweiter Ehe (1938) verheiratet mit Arnold Rubinstein, Historiker.

 

Ausbildungen:

Ab 1921 Studium der Medizin, Promotion am 23. Dezember 1926, danach Beginn der psychoanalytischen Ausbildung.

 

Laufbahn:

A. R. kam über ihren Bruder zur Wiener Jugendbewegung, wo sie die jungen Intellektuellen Siegfried Bernfeld, Otto Fenichel und Wilhelm Reich kennen lernte. Über ihre Bekanntschaft mit Fenichel und Reich wurde sie mit der Psychoanalyse bekannt. Sie begann ihre Analyse bei Wilhelm Reich und setzte sie bei Herman Nunberg und Anna Freud fort.

 

Nach dem Studium zunehmend politisches Engagement an der Seite ihres Mannes; neben Anni Angel, Edith Buxbaum u. a. Mitarbeiterin in der von Wilhelm Reich und Marie Frischauf Ende 1928 gegründeten "Sozialistischen Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung" und Leitung einer der sechs Sexualberatungsstellen.

1930 folgte sie ihrem Mann nach Berlin, wo sie sich endgültig trennten. In Berlin war sie auch kurze Zeit wegen antifaschistischer Aktivitäten inhaftiert. Danach ging A. R. mit ihren beiden Töchtern nach Prag und verbrachte sechs Jahre n der tschechischen Hauptstadt, bis sie rechtzeitig nach New York emigrieren konnte. In New York arbeitete A. R. in freier analytischer Praxis sowie am Mount Sinai Hospital. Von 1960 bis 1962 war sie Präsidentin des New York Psychoanalytic Institute.

 

Spez. Wirkungsbereich:

A. R. gehörte zu den politisch links stehenden PsychoanalytikerInnen. Publizistisch trat A. R. kaum in Erscheinung. Außer einem zweiseitigen Bericht „Zur Frage der Sexualaufklärung“ (1928/29) ist nur die sexualpolitische Schrift „Ist Abtreibung schädlich?“, welche sie gemeinsam mit Marie Frischauf verfasst hatte, zu nennen. Auch in Berlin waren es populäre Aufklärungsbroschüren, „Wenn dein Kind dich fragt ...“ bzw. „Das Kreidedreieck“, welche sie mehr in der politischen als in der wissenschaftlichen Öffentlichkeit bekannt machten.

Sie zählte neben George Gero, Edith Jacobson, Edith Ludowyk-Gyömröi u. a. zu jenen linksoppositionellen PsychoanalytikerInnen, die Otto Fenichel 1934 bis 1945 mit geheimen Rundbriefen informierte und  im Exil zusammenhielt.

 

Werkangaben:

Gem. mit Frischauf, Marie: Ist Abtreibung schädlich? Wien 1930.

Das Kreidedreieck. Berlin 1932.

Wenn dein Kind dich fragt ... Gespräche, Beispiele und Ratschläge zur Sexualerziehung. Berlin 1932.

Psychoanalytic Contributions. New York 1973.

 

Literatur:

Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur.

Fallend, Karl, Annie Reich. In: Keintzel, Brigitta / Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirkung. 2002, Wien-Köln, Böhlau, S. 608-609.

Fallend, Karl, Wilhelm Reich in Wien. Psychoanalyse und Politik., 1988, Wien, Salzburg.

Handlbauer, Bernhard, Psychoanalytikerinnen und Individualpsychologinnen im Roten Wien. In: Ingrisch, Doris / Korotin, Ilse / Zwiauer Charlotte (Hg.): Die Revolutionierung des Alltags., 2004, Frankfurt am Main, Verlag: Peter Lang.

Kerbl, Brita, Die weiblichen Mitglieder  der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Biobibliographische Daten mit besonderer Berücksichtigung der Emigration, 1992, Wien, Diplomarbeit.

Mühlleitner, Elke, Biographisches Lexikon der Psychoanalyse. Die Mitglieder der Psychologischen Mittwoch-Gesellschaft und der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung 1902-1938., 1992, Tübingen, Verlag: edition diskord.