Bachmann Ingeborg, Ps. Ruth Keller
Philosophin und Schriftstellerin

Geb. Klagenfurt/Mauern, Österreich/Kärnten 25.6. 1926
Gest. Rom, Italien, 17.10. 1973 (Tod in Folge von Verbrennungen, Brandunfall, Grab: Klagenfurt

Herkunft, Verwandtschaften:
Erstes Kind von Olga und Mathias Bachmann, Geschwister Isolde Bachmann, verh. Moser; Heinz Walter Bachmann

LebenspartnerInnen, Kinder:
Max Frisch u.a./Withold Gombrowicz

Freundschaften:
FreundInnen - Kollegen: Uwe Johnson, Hans Werner Henze (für den I. B. Libretto schrieb), Witold Gombrowicz, Max Frisch (1958-62), Martin Walser, Anna Adunatova, Ilse Aichinger, Christine Koschel, Inge v. Weidenbaum, Thomas Bernhard, Peter Handke, Hans-Werner Richter, Adolf Opel

Ausbildungen:
Gymnasium in Klagenfurt (bei den Ursulinen), Februar 1944 Matura, 1945-50 Studium der Rechtswissenschaften und Philosophie an der Uni Graz,Wien; 1950: Dr. phil. (Dissertation über Heidegger).

Laufbahn:
1952 erste Lesung auf einer Tagung der "Gruppe 47", wird Mitglied der Gruppe; 1951-53 Redakteurin der Sendegruppe Rot-Weiß-Rot, 1953 erster Gedichtband erscheint, freie Schriftstellerin, zieht nach Rom; 1955 Amerikareise auf Einladung der Harvard-University, 1957 zieht nach München, 1959/60 "Frankfurter Vorlesungen"; 1963 zieht nach Berlin, 1964 zieht nach Zürich, Reisen nach New York, Prag, Ägypten, Sudan, Polen

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
1953 Preis der "Gruppe 47", 1955 Literaturpreis des Kulturkreises der Deutschen Industrie, 1957 Literaturpreis der Hansestadt Bremen, 1958 Hörspielpreis der Kriegsblinden, 1961 Berliner Kritikerpreis, 1964 Georg-Büchner-Preis, 1968 Großer Österreichischer Staatspreis, 1971 Anton-Wildgans-Preis der Österreichischen Industrie, 1972 Anton-Wildgans-Preis; seit 1957 korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, seit 1961 außerordentliches Mitglied der Westberliner Akademie der Künste; in Wien Anschluß an den "Wiener Kreis" um Viktor Kraft. I. B. Karriere begleiteten: z. B. Hans Weigel (angeb. "Entdecker"), Walter Höllerer (früher Förderer), Reinhard Baumgart (betreute als Verlagslektor I. B.Bücher).

Nachlaß, Archive, Quellen:
Nachlaß: Dokumentationsstelle für neuere deutsche Literatur des BMUK, NB; wissenschaftlicher Vertrauensmann der Erben: Dr. Robert Pichl, Institut für Germanistik, Wien
Bachmann-Biographen/innen brauchen Einwilligung der Familienmitglieder (Isolde Moser und Heinz Walter Bachmann).
Tagblattarchiv/AK (Personenmappe)

Werkangaben:
Ein Geschäft mit Träumen. Hörspiel, erstmals gesendet 1952.
Essay über Wittgenstein. 1953.
Die gestundete Zeit. Lyrik. 1953.
Anrufung des Großen Bären. Lyrik. 1956.
Das dreißgste Jahr. Erzählungen. 1961.
Malina. Roman. 1971. (Bestseller)
Simultan. Erzählungen. 1972.
Ingeborg Bachmann. Werke in vier Bänden. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum, Clemens Münster. München: Piper 1978.
Die kritische Aufnahme der Existenzialphilosophie Martin Heideggers. Wien 1950. (Diss.)

Literatur:
BLÖF
www.aeiou.at
Barheiss, Otto; Ohloff, Franke, Ingeborg Bachmann - Eine Bibliographie., 1978, München, Verlag: Piper
Bauer, Edith, Drei Mordgeschichten. Intertextuelle Referenzen in Ingeborg Bachmanns Malina. In: Europäische Hochschulschriften, Reihe 1, Deutsche Sprache und Literatur, Bd. 1668, 1998, S. 237, Frankfurt/M. u. a., Verlag: Peter Lang
Blimlinger, Eva, 100 Österreicherinnen des 20. Jahrhunderts. In: Dr. Karl-Renner-Institut (Hg.): Zukunft. 2/1999. Frauen. Körper. Macht., 1999, S. 40-43, hier S. 41, Wien, Verlag: Echo Ges.m.b.H.
Hechtfischer, Ute; Hof Renate; Sephan Inge; Veit-Wild Flora, Metzler Autorinnen Lexikon, 1998, S. 34-36, Stuttgart - Weimar, Verlag: J. B. Metzler
Kratzer, Hertha, Die großen Österreicherinnen. 90 außergewöhnliche Frauen im Porträt., 2001, Wien, Verlag: Ueberreuter
Stoll, Andrea, Grenzerfahrungen der poetischen Existenz. Ingeborg Bachmann (1926-1973). Ein Porträt In: Brinker-Gabler, Gisela (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen. Zweiter Band 19. und 20. Jahrhundert., 1988, S. 432ff, München, Verlag: Beck
Wallner, Fritz G., Ingeborg Bachmann. In: Keintzel, Brigitta; Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben- Werk- Wirken. Wien, Verlag Böhlau 2002.

Aus: Brigitta Keintzel / Ilse Korotin (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben-Werk-Wirken. Böhlau, Wien 2002.

Bachmann, Ingeborg
Philosophin, Schriftstellerin

*1926 Klagenfurt + 1973 Rom

Ingeborg Bachmann wurde am 25. Juni 1926 in Klagenfurt als erstes Kind von Olga und Mathias Bachmann geboren. Im Februar 1944 maturierte sie und begann 1945 das Philosophiestudium, welches sie 1950 abschloß. 1952 wurde ihr Hörspiel Ein Geschäft mit Träumen erstmals gesendet und 1953 erschien ihr Wittgenstein Essay sowie ihr erster Lyrikband Die gestundete Zeit. 1956 erschien ihr zweiter Lyrikband Anrufung des Großen Bären und 1957 erhielt sie den Literaturpreis der Freien Hansestadt Bremen. 1961 erschien der Erzählband Das dreißigste Jahr und sie erhielt den Berliner Kritikerpreis. 1964 wurde ihr der Georg Büchner-Preis verliehen und 1968 erhielt sie den Großen Österreichischen Staatspreis. Im März 1971 erschien der Roman Malina und wurde zu einem Bestseller. 1972 erschien der Erzählband Simultan und im Mai erhielt sie den Anton-Wildgans-Preis. Am 17. Oktober 1973 starb sie an den schweren Verbrennungen eines Brandunfalls.

Das Bild Heideggers, welches uns Ingeborg Bachmann in ihrer Dissertation vermittelt, ist anders als die damals gängige Meinung über Heidegger. In Fachkreisen findet man gelegentlich die Meinung: es ist eine Dissertation über und gegen Heidegger. Doch diese Formulierung vereinfacht den Sachverhalt. Es ergibt sich aus der Arbeit mit ziemlicher Sicherheit, daß Ingeborg Bachmann weder "Sein und Zeit" noch ein anderes Werk Heideggers zur Gänze im Original gelesen hat. Dadurch möchte ich jedoch den hermeneutischen Wert der Dissertation keinesfalls herabsetzen, sondern nur eine klärende Bemerkung über ihren Inhalt vorausschicken. Was wirft Ingeborg Bachmann Heidegger vor? Neben den Vorwürfen der einzelnen Positionen scheint ihr der innere Widerspruch in dem, was Heidegger tun will und was er tut, gravierend zu sein. Was er tun will, hält sie durchaus für legitim; sie versteht mit Gehlen seine psychologischen und phänomenologischen Analysen als ästhetische Tatbestände. Diese dürfen aber für sich keine Wahrheit beanspruchen. Die Pointe von Heideggers Wahrheitsbegriff - Wahrheit als "Unverborgenheit" – scheint Ingeborg Bachmann entgangen zu sein. Sie erkennt jedenfalls nicht, daß "Wahrheit" in verschiedener Bedeutung gebraucht wird. Da sie aber das Anliegen, Grunderlebnisse zur Aussage zu bringen, anerkennt, stellt sie sich die Frage, ob dieser von der wissenschaftlichen Philosophie vernachlässigte Wirklichkeitsbereich durch eine "zweite Wissenschaft" erfaßt werden könnte. Doch hier trifft sie eine wesentliche Entscheidung: Es ist besser, auf Rationalisierung einer Sphäre überhaupt zu verzichten, als halb zu rationalisieren. Diese Zurückweisung des Weges einer Halbrationalisierung spricht sie mit dem Satz 7 von Wittgensteins Tractatus logico-philosophicus aus. ("Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.")

In ihrem viele Jahre später publizierten Essay Ludwig Wittgenstein – Zu einem Kapitel der jüngsten Philosophiegeschichte meint sie aber, daß Wittgensteins verzweifelte Bemühung um das Unaussprechliche ein stets zu erneuerndes Mitdenken wert sei. Und im selben Essay macht sie eine Andeutung, wie dieses Mitdenken zu verstehen sei: "Die Bewegung, die hinter diesem Philosophieren steht …ist die gleiche, von der Baudelaire in seinem Gedicht Le gouffre spricht." Hier wird nicht nur die philosophische Tätigkeit mit dem Dichten verglichen, vielmehr ist das als Beispiel angeführte Gedicht dasselbe, mit welchem die Dissertation ausklingt. Wenn man sich nun die Frage stellt, warum Bachmann bei Wittgenstein preist, was sie bei Heidegger ablehnt, so könnte man dazu sagen: Heidegger versucht – aus der Sicht Ingeborg Bachmanns – Objektverständnis mit unbrauchbaren Mitteln (irrationaler Art) zu erreichen, zu deren Darstellung er sich wieder des Verstandes bedienen muß. Wittgenstein hingegen beansprucht erst gar nicht Objekterkenntnis zu bieten. Er bleibt auf der Ebene der Sprache. Doch die Art, wie Ingeborg Bachmann Wittgenstein beurteilt, läßt sich nicht auf Viktor Kraft, ihren "Doktorvater", zurückführen. Das entscheidende Moment dürfte die Heidegger-Kritik (nicht die Heidegger-Lektüre!) gewesen sein: Ingeborg Bachmann wurde dadurch eines von der wissenschaftlichen Philosophie vernachlässigten Wirklichkeitsbereiches gewahr, ohne von philosophischen Verfahrensweisen zu seiner Bewältigung überzeugt zu werden. Dies ließ sie fürs erste die Konsequenz einer strikten Trennung von Philosophie und Kunst ziehen, wobei die Skizzierung der künstlerischen Wirklichkeitsbewältigung einen philosophischen Anstrich zeigte. Diese zunächst noch nicht durchschaute Verbindung zwischen Kunst und Philosophie erahnte sie bei einem genaueren Studium des Traktats, welches bald nach der Fertigstellung der Dissertation erfolgt sein muß. In diesem Einfluß auf die intellektuelle Entwicklung der Autorin liegt die Bedeutung der Dissertation. Deshalb halte ich es nicht für angebracht, von einer Arbeit für oder gegen Heidegger zu reden; sie hat vielmehr an Heidegger vorbeigeführt.

Die These vom Einfluß der Doktorarbeit auf das literarische Werk muß natürlich an diesem selbst geprüft werden. In ihrem Hörspiel Der gute Gott von Manhattan liegt die zentrale Tragik im – letzlich erfolglosen – Streben nach Identität und in der unerfüllten Sehnsucht nach einer "neuen Sprache". Die Ich-Problematik wird in starker Anlehnung an den Traktat dargestellt und zieht auch im gesamten literarischen Lebenswerk der Autorin weite Kreise. Jedoch endet das Hörspiel tragisch und die Suche nach Identität bleibt erfolglos, obwohl der Traktat dies gerade nicht sagen will. Seine Aussage ist vielmehr: Obwohl sich das Ich unter philosophischen Intentionen nicht feststellen läßt, haben wir im Handeln des Alltags, also auch zum Beispiel in der Liebe, keine Probleme mit unserer Identität. Die Dichterin läßt aber am Ende des Hörspiels das Liebespaar nicht in die Heimat des alltäglichen Sprachgebrauchs zurückfinden. Sie geht von einem anderen Philosophiekonzept aus, als Wittgenstein, der die Wissenschaftlichkeit der Philosophie ablehnt; denn die Philosophie hat ein Sonderdasein, das sie zu Zeiten des Funktionierens der Sprache fruchtlos macht. Ingeborg Bachmann führt hingegen in ihrer Doktorarbeit aus, daß Philosophie notwendig wissenschaftlichen Charakter haben muß. Ende der fünfziger Jahre hält Ingeborg Bachmann Wittgensteins Wirkung auf die Dichtung für bereits abgeklungen und in einer späteren Vorlesung meint sie: "Vielleicht wird Wittgenstein noch eine Wirkung tun." Aber in den späteren Werken, wie beispeilsweise in den Erzählungen Das dreißigste Jahr und Ein Wildermuth, sowie im Romanfragment Malina ist die Ich-Problematik eine zugrundeliegende Struktur, was darauf hindeutet, daß die Schriftstellerin wieder zu Wittgenstein zurückfindet. Die Ich-Problematik wird jetzt deutlicher an Wittgensteins Spätphilosophie, also an der Sprachspieltheorie, orientiert.

Wenn wir Ingeborg Bachmanns intellektuelle Entwicklung abschließend überblicken, so können wir sagen: Es sind drei Phasen unterscheidbar – die Phase der Abhängigkeit von der akademischen Philosophie (einschließlich des nicht dazugehörenden, aber von Ingeborg Bachmann doch teilweise danach beurteilten Genies Ludwig Wittgenstein); die Phase der Emanzipation von der akademischen Philosophie (einschließlich Wittgensteins) und schließlich die Phase des Übergangs der Dichtung in Philosophie. In dieser letzten Phase geht die große österreichische Dichterin daran, das Vermächtnis Wittgensteins einzulösen. Ob ihr dabei ein zu früher Tod die Feder aus der Hand nahm oder ob die wesentlichsten Arbeiten dieser Phase unvollendet bleiben mußten, wage ich nicht zu beurteilen. In dieser Hinsicht hat die Literaturwissenschaft noch beträchtliche Forschungsarbeit zu leisten. Dies ist – soweit ich sehe – gänzliches Neuland für die Bachmann-Forschung.

Schriften:
Ingeborg Bachmann: Werke. Hg. von Koschel, Christine / von Weidenbaum, Inge / Münster, Clemens. München 1978.

Literatur:
Philosophisches Wörterbuch, begründet von Schmidt, H., 16. Aufl., hg. von Schischkoff, G., Kröner Taschenausgabe, Bd. 13, Stuttgart, 1961.
Ludwig Wittgenstein, Schriften 1, Frankfurt a. M., 1969.

Autor der Biografie: Fritz G. Wallner