Feldmann Else
Erzählerin

Geb. Wien, 25.2. 1884
Gest. Sobibor, Polen, 17. 6. 1942 (ermordet im Vernichtungslager, andere Quelle: nach dem 14. 6.)

Herkunft, Verwandtschaften:
Vater: Ignaz Feldmann (geb. 1842 oder 1848 Nyirbator/Ungarn) - Händler und Kaufmann, starb 1935. Mutter: Fanny, geb. Pollak (1859 Deutschkreuz/Westungarn - 1941 (1940?) Wien). E. F. wuchs mit vier (sechs?) Geschwistern in ärmlichen Verhältnissen auf. Schwester Johanna starb an einer Lungenkrankheit.

Freundschaften: Anna Nussbaum

Ausbildungen:
Armenschülerin. Den Besuch einer LehrerInnenbildungsanstalt musste sie abbrechen.

Laufbahn:
Fabriksarbeiterin in einer Miederwerkstatt. 1912 debütierte sie als Journalistin, 1916 wurde ihr Theaterstück "Der Schrei, den niemand hört. Ein Bericht aus dem Ghetto" an der Wiener "Freien Volksbühne" uraufgeführt. Korrespondenz mit Arthur Schnitzler. 1919 Option für Österreich. In den 1920er Jahren machte sie sich mit sozialkritischen Reportagen aus den Armenbezirken Wiens und aus dem Milieu des jüdischen Proletariats, dem sie selbst entstammte, einen Namen. Sie schrieb Skizzen, Feuilletons und Sozialreportagen für verschiedene Zeitungen, hauptsächlich für die AZ (1922-34), aber auch für "Der Abend" (1916-18), "Dr. Blochs Österr. Wochenschrift. Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums", "Neues Wiener journal" (1918/19), "Neue Freie Presse", "Bunte Woche", "Arbeiter-Sonntag", "Arbeiter-Woche". Sie hielt Kontakte zu dem engen Kreis des Sozialreformers Josef Popper-Lynkeus und stand in Verbingung mit C. Hauser, der den Roman "Der Leib der Mutter" (1924) illustrierte. Zwei Romane und ein Erzählband erschienen zwischen 1921 und 1931. 1927, anläßlich der Verleihung der Kunstpreise der Stadt Wien, ehrende Erwähnung für ihren Roman "Das Lied vom Leben" (gewidmet: J. L. Stern), der vom 2. bis 12. Juli 1927 in Fortsetzungen in der Arbeiterzeitung veröffentlicht wurde. Im Oktober Abdruck von Auszügen der Komödie "Der Mantel" nach Gogol. 1930 Libretto "Ballett der Straße. Ein Entwurf für Jazzmusik". Ab November 1933 bis 11. 2. 1934 erschienen insgesamt 78 Folgen des Romans "Martha und Antonia" in der AZ, die restlichen Kapitel gelten als verschollen. Ab Februar 1934 waren ihre Werke verboten. Zeitlebens in finanzieller Bedrängnis, bestehen die wenigen noch erhaltenen Spuren ihres Lebensweges - vor allem der letzten Jahre - nur aus Kündigungsschreiben wegen chronischer Mietenrückstände und Delogierungsprotokollen. Von den Nazis wurden sämtliche ihrer Schriften auf die "Liste des schädlichen und erwünschten Schrifttums" gesetzt. E. F. fand keine Publikationsmöglichkeit mehr. Mitte 1938 wurde sie aus ihrer Gemeindebauwohnung delogiert, bis 1942 wechselte sie mehrmals die Wohnung. Ihr Bruder Heinrich, geb. 1885, wurde 1941 nach Riga deportiert. Ihre jüngere, kranke Schwester, geb. 1900, wurde am 21. 9. 1940 in die Anstalt Ybbs an der Donau überstellt und von dort in die Euthanasieanstalt Schloß Hartheim gebracht, wo sie ermordet wurde. Am 14. Juni 1942 wurde E. F. aus Wien deportiert und endetete im Vernichtungslager Sobibor. Nicht einmal ein Photo von ihr ist erhalten. Eine Sammlung von Sozialreportagen und Kurzgeschichten findet sich in der von Herbert Exenberger herausgegebenen Anthologie "Aus Dunkel und Entbehren. Sozialistische Schriftsteller - ermordet in Auschwitz, Hartheim, Solibor..."

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
1922 Mitbegründerin der Wiener Gruppe "Clarté" (einer internationalen, von Henri Barbusse initiierten Vereinigung zur Bekämpfung von Krieg) mit Alfred Adler, Leonhard Frank, J. L. Stern, B. Balázs, O. M. Fontana, Otto Neurath, Anna Nussbaum. 1932 erhielt sie bei einem Preisausschreiben der AZ für die beste Kurzgeschichte gemeinsam mit H. Rossi für "Letzte Küsse" den dritten Preis, der mit 100 Schilling dotiert war. 22. 1. 1933: Gründungsmitglied der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller Österreichs. 1994 wurde im 21. Bezirk eine Gasse nach ihr benannt, 1998 wurde in der Staudingerstraße 9, 20. Bezirk eine Gedenktafel angebracht.

Nachlaß, Archive, Quellen:
Tagblattarchv (Personenmappe)

Werkangaben:
1912 erschien die erste Publikation: "Sederabend im Allgemeinen Krankenhaus"
Der Schrei, den niemand hört. Schauspiel aus dem Ghetto in vier Akten. (Drama) Wien 1916. (gespielt vom 12. bis 24. 2. 1916 in der "Freien Volksbühne", Wien. R: Arthur Rundt. SchauspielerInnen: Lia Rosen, Anni Mewes, P. Barnay, Lothar Mendes)
Löwenzahn. Eine Kindheit. Wien: Rikola 1921, unter Melodie in Moll. Roman. Leipzig: Rothbarth 1930 (= Glöcker Bücher 67), Wien: Verlag für Gesellschaftskritik 1993, Wien: Döcker 1993 (Hg. von Adolf Opel und Marino Valdéz (=Antifaschistische Literatur und Exilliteratur- Studien und Texte)

(Hg. zusammen mit A. Nussbaum) Das Reisebuch des Wiener Kindes. (Dokumentation) Wien: Gloriette 1921 (Sammlung von Briefen, Aufsätzen, Zeichnungen der Wiener Schulkinder, die nach dem 1. Weltkrieg Aufnahme bei ausländischen Gastfamilien fanden).
Der Leib der Mutter, Fortsetzungsroman erschien zwischen dem 23.3. und 5.5.1924 in der Arbeiterzeitung, später in Buchform in ungarisch in einem Budapester Verlag erschienen, 1931 im Prager Verlag auf Deutsch (=Das Gesicht der Zeit), am 31. Dezember 1938 auf die Liste des "schädlichen und unerwünschten Schrifttums" gesetzt, Wien: Wiener Frauenverlag 1993, Nachwort von Adolf Opel, Marino Valdéz
Das Lied vom Leben. 1927.
Liebe ohne Hoffnung. Erzählung. Berlin: Buchmeister Verlag 1928.
Letzte Küsse. Erzählung. Weihnachtsausgabe der Arbeiterzeitung 1932, 3. Preis bei einem Preisausschreiben
Martha und Antonia. Arbeiter-Zeitung 1933/34, Wien: Milena Verlag 1997

Literatur:
www.aeiou.at

Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe; Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur
Bolbecher, Siglinde / Kaiser, Konstantin, Lexikon der österreichischen Exilliteratur., 2000, S. 187-189, Wien, Verlag: Deuticke
Exenberger, Herbert, Auf den Spuren von Else Feldmann: eine Wiener Schriftstellerin - Opfer des Holocaust. In: Jahrbuch 1990. Dokumentationsarchiv des österr. Widerstands (Hg.), 1990, Wien
Gürtler, Christa; Sigrid Schmid-Bortenschlager, Erfolg und Verfolgung. Österreichische Schriftstellerinnen 1918-1945, 2002, S. 81-97, Wien, Verlag: Residenz
Lorenz, Dagmar C.G., Keepers of the Motherland. German Texts by Jewish Women Writers, 1997, S. 83, Lincoln, London, Verlag: University of Nebraska Press
Malleier, Elisabeth, Jüdische Frauen in Wien (1816-1938). Wohlfahrt - Mädchenbildung - Frauenarbeit., 2000, S. 261-263, Wien
Mayer. Helga, Else Feldmann. Journalistin und Schriftstellerin (1884-1942)., 1992, Wien
Schmid-Bortenschlager, Sigrid; Schnedl-Bubenicek, Hanna, Österreichische Schriftstellerinnen 1880-1938. Eine Bio-Bibliographie., 1982, Stuttgart, Verlag: Akademischer Verlag Hans-Dieter Heinz
Spreitzer, Brigitte, Texturen. Die österreichische Moderne der Frauen., 1999, Wien, Verlag: Passagen-Verlag (Studien zur Moderne 8)
Wagner, R., E. Feldmann. In: Frauenblatt 29. 5. 1993
Wall, Renate, Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen im Exil 1933 bis 1945. 2 Bde., 1995, 1. Bd., S.81-83, Freiburg i. Br., Verlag: Kore Verlag

Verfasserin der Biografie: Margit Wolfsberger