Firnberg Hertha
Wirtschafts- und Sozialwissenschafterin, Politikerin (SPÖ) und Bundesministerin

Geb. Wien, 18. 9. 1909 (Wien-Währing)
Gest. Wien, 14. 2. 1994

Herkunft, Verwandtschaften:
Mutter Anna F.; Vater Dr. Josef F., beide engagierte Sozialdemokraten; zwei Brüder, beide an Kriegsfolgen gestorben, eine Schwester, Trude; ab 1916 lebte die Familie in Korneuburg, 1916 übersiedelte sie nach Niederrußbach im niederösterreichischen Weinviertel, wo der Vater als Gemeindearzt tätig war; die Mutter war vor ihrer Heirat Beamtin, dann im Haushalt tätig; Zusammenleben mit Trude, der jüngeren Schwester, die im gemeinsamen Haus in Favoriten eine Leihbibliothek führte.

LebenspartnerInnen, Kinder:
vor dem Zweiten Weltkrieg zweimal verheiratet, beide Ehen wurden geschieden

Ausbildungen:
Volksschule, Gymnasium der Bundeserziehungsanstalt Wien, Kalvarienberggasse; zwei Semester Jus an der Universität Wien, dann Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten Wien und Freiburg (1930), 1936 Dr. phil in Sozial- und Wirtschaftswissenschaften; der Grund für den Abbruch des Jus-Studiums war laut Firnberg eine öffentliche Absichtserklärung eines Universitätsprofessors, keine Frauen bei der Prüfung durchkommen zu lassen. (Die Zeit, 5. 3. 1982).

Laufbahn:
1926 Beitritt zu den Sozialistischen Mittelschülern, 1928 Eintritt in die SDAP, unter dem NS-Regime nicht illegal tätig, während des Zweiten Weltkrieges Buchhalterin im Modeverlag Wiener Weltmode; September 1945 bis Mai 1946 Bilanzbuchhalterin bei der Städtischen Bestattung der Gemeinde Wien, freie Wirtschaftsjournalistin, Verlagsarbeit (Prokura), Assistentin und Bibliothekarin am Seminar für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Universität Wien 1946-1948, Besuch von Statistik-Vorlesungen, in dieser Zeit Mitglied im Bund Sozialistischer Akademiker (BSA), Leitender Sekretär der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich 1948-1969, Leiterin der Studienbibliothek, 1948 Abteilung für Statistik in AK NÖ, Aufbau einer sozialwissenschaftlichen Bibliothek, in der Folge vom Österreichischen Arbeiterkammertag als ordentliches Mitglied in die statistische Zentralkomission delegiert, Mitglied in verschiedenen Fachbeiräten, Expertin für sozialpolitische Angelegenheiten; Mitglied der österreichischen Delegation zur Parlamentarischen Versammlung des Europarates 1959-1970, Vizepräsidentin der Komission für Flüchtlings- und Bevölkerungsfragen der Parlamentarischen Versammlung des Europarates, Mitglied des Asylbeirates im Bundesministerium für Inneres, Mitglied des Bezirksparteivorstandes der SPÖ Wien/Favoriten seit 1959, Vorsitzende des Bundes-Frauenkomitees der SPÖ als Nachfolgerin von Rosa Jochmann 1966-1981, dadurch innerparteiliche Stärkung, sie wurde dies "parteiintern überraschend" (profil, 9. 4. 1975); Stellvertreterin des Bundesparteivorsitzenden und Mitglied des Bundesparteipräsidiums, Bundesvorstandsmitglied des BSA , Vorsitzende der Frauenarbeitsgemeinschaft im BSA; Mitglied des Bundesrates SPÖ 26. 6. 1959-16 .10. 1963, Abgeordnete zum Nationalrat für den Wahlkreis 5 (Wien-Südost) (X.-XII. GP) SPÖ 16. 10. 1963-24. 6. 1970, Abgeordnete zum Nationalrat (XII.-XV.GP) SPÖ 19. 10. 1970-18. 5. 1983, Sprecherin der sozialistischen Fraktion in Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsangelegenheiten, Sprecherin für Fragen der Rechtsreform und Mitglied des Justiz-, des Finanz- und Unterrichtsausschusses (letzterer war bis 1971 auch für Wissenschaft und Forschung zuständig); der Ausgang der Nationalratswahlen vom 1. 3. 1970 deutete zunächst auf eine Koalition zwischen SPÖ und ÖVP hin. Nachdem die Koalitionsverhandlungen nach den Wahlen 1970 an der Ressortverteilung scheiterten, wurde im SPÖ-Vorstand die Bildung einer Minderheitsregierung beschlossen. Nachdem Bruno Kreisky Hertha Firnberg 1968/69 im Rahmen einer Aktion 1400 Fachleute mit der Ausarbeitung eines Humanprogrammes betraut hatte, lag es nahe, daß Hertha Firnberg nach dem Wahlerfolg vom März 1970 ein Umwelt- und Gesundheitsressort übernehmen würde. Kreisky bestellte Firnberg. jedoch zur Bundesministerin für Wissenschaft und Forschung 26. 7. 1970-24. 5. 1983, erste sozialistische Ministerin Österreichs, zunächst ohne Portefeuille, da ihr Ressort erst durch eine Umstrukturierung der Kompetenzen - vornehmlich im Unterrichtsministerium - festgelegt werden mußte, dieses Kompetenzgesetz war eine der Gesetze der Minderheitsregierung Kreiskys. Die ÖVP stimmte gegen die Errichtung eines Wissenschaftsministeriums, was wenig Verhandlungsbereitschaft Firnbergs mit der ÖVP später zur Folge hatte. Als Firnberg das Ministeramt antrat, war sie 61 Jahre alt, sie gehörte zu den ganz wenigen, für die eine Ausnahme von der Altersklausel der SPÖ gemacht wurde. Zunächst betraut mit der Leitung des Bundesministeriums für Gesundheit und Umweltschutz 8. 10. 1979-5. 1. 1979; 1967 Vorsitzende des Bundes-Frauenkomitees, Präsidentin des Arbeiter-Samariterbundes, Delegierte zum Europarat, dort verschiedene Funktionen (Fritjof-Nansen-Ring), 1967 Partei-Vorsitzender-Stellvertreterin; stimmte am Parteitag 1967, Ablöse Pittermanns durch Bruno Kreisky, laut Zeitungsberichten gegen Kreisky (Wochenpresse, 8. 7. 1970, profil, 9. 4. 1975) 1981 legte sie ihre Funktion als Vorsitzende des Bundes-Frauenkomitees der SPÖ sowie die Funktion der Parteivorsitzenden-Stellvertreterin zurück. Mit dem Rücktritt Kreiskys als Bundeskanzler nach den Nationalratswahlen 1983 endete auch die Amtsperiode Hertha Firnbergs. Sie zog sich ins Privatleben zurück, behielt aber verschiedene Funktionen wie z. B. jene als Kuratoriumsmitglied des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstandes, bis ca. 1991 war sie auch Vorsitzende der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft.

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
zahllose nationale und internationale Ehrungen, Ehrendoktorate usw.; im Kabinett enge Zusammenarbeit mit Dr. Frühauf; Förderer Otto Probst (Obmann des Bezirksparteivorstandes Favoriten, entdeckte das politische Talent Firnbergs und forcierte ihren Einzug ins Parlament).

spez. Wirkungsbereich:
als Bundesministerin konsequente Förderung von Frauen als höhere Beamtinnen und als Universitätslehrerinnen; Februar 1972: Hochschul-Taxengesetz, Einführung der Gebührenbefreiung an allen Universitäten und Kunsthochschulen; der Kern der Firnbergschen Strukturreform war das Universitätsorganisations-Gesetz (UOG). Es sollte vor allem demokratische Entscheidungsabläufe an den Universitäten sichern. Der bereits 1968 geschaffene parlamentarischen Hochschul-Reformkomission war es nicht gelungen, sich auf einen einheitlichen Entwurf zu einigen. Firnberg setzte zu Beginn ihrer Amtsperiode eine sechsköpfige Arbeitsgruppe (bestehend aus Heinz Fischer, Wolf Frühauf, Ludwig Otruba, Norbert Roszenich, Franz Skotton und Franz Trappl) zur Ausarbeitung eines UOG-Entwurfs ein. Im Herbst 1973 wurde das UOG nach langen Protesten der Professoren im Parlament vorgelegt und nach langer Debatte 1975 mit den Stimmen der SPÖ gegen die Opposition verabschiedet. Das UOG war das erste Hochschulgesetz, das ohne die Opposition im Parlament beschlossen wurde. Am 1. Oktober 1975 trat das UOG in Kraft. H. Firnberg lehnte den Numerus Clausus ab und befürwortete die steigenden StudentInnenzahlen als Folge des freien Zugangs zur Universität. In der Frauenpolitik war Firnberg ebenso konfliktfreudig wie als Wissenschaftsministerin. Sie drohte bei den Nationalratswahlen 1971 mit einer überparteilichen Frauenfraktion, um "wenigstens acht Frauen in den Nationalrat zu bringen". (profil, 14. 9. 1973) Sie lehnte ein eigenes Frauenministerium ab, Frauenanliegen seien kein Minderheitenthema, so Firnberg. Sie legte stets Wert auf die männliche Endung "Bundesminister" und konnte sich mit der von ihren Nachfolgerinnen geforderten Quotenregelung nicht anfreunden. In der Abtreibungsfrage warnte sie vorerst vor einem möglichen Konflikt mit der Kirche, setzte sich aber dann für die Fristenlösung ein. Weitere Gesetze, die unter Firnberg beschlossen wurden, sind die Novelle zum Denkmalschutzgesetz 1978, das Forschungsorganisationsgesetz 1981 sowie das Kunsthochschul-Studiengesetz, welches 1983 beschlossen wurde. Während ihrer Ministerschaft wurde sowohl die Errichtung neuer Museen (z. B. Museum Moderner Kunst im Palais Liechtenstein) als auch die Errichtung der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Kunst und Wissenschaft initiiert. Der Aufbau des Wissenschaftsministerium ist ihr zu verdanken, ein Ministerium, das bis zur Jahrhundertwende Frauen gänzlich verschlossen war.

Nachlaß, Archive, Quellen:
Archiv der AK NÖ, Parlamentsarchiv, Archiv der SPÖ, Bibliothek des BM für Wissenschaft und Forschung, Tagblattarchiv (Personenmappe)

Werkangaben:
Lohnarbeit und freie Lohnarbeit im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. Ein Beitrag zur Geschichte der agrarischen Lohnarbeit in Deutschland. Dissertation, Universität Wien, 1935.
Österreichische Jugendprobleme – wie sie der Bevölkerungsstatistiker nicht sieht. In: Die Zukunft, Nr. 1, 1957.
Die berufstätigen Frauen in Wien. In: Arbeit und Wirtschaft, Nr. 12, Heft 10, 1958, S. 295 – 297.
Wesen und Wandel der Sozialschichtung Österreichs. In: Wilhelm Weber (Hg.): Österreichs Wirtschaftsstruktur. Gestern - Heute - Morgen, Band 2.Berlin, 1961.
lUntersuchungen über Altersprobleme. In: Österreichische Gemeindezeitung. Offizielle Zeitschrift des Österreichischen Städtebundes, Nr. 29/6, 1963, S 1 – 4.
Der innere Wandel der Kriminalität. In: Die Zukunft, Nr. 12, 1964.
Winterarbeitslosigkeit in Wien. Studie der Niederösterreichischen Arbeiterkammer. Wien, 1964.
Neue Ergebnisse auf dem Gebiet der Altenforschung. In: Österreichische Gemeindezeitung. Offizielle Zeitschrift des Österreichischen Städtebundes, Nr. 30/22, 1964, S. 17–24.
Helfer der Hausfrau. In: Arbeit und Wirtschaft, Band 19, Nr. 12, 1964, S. 53 – 54.
Wesen und Wandlung der Sozialschichtung Österreichs. In: Österreich in Geschichte und Literatur, Band 9, 1965, S. 473 – 483.
Die Lebensverhältnisse niederösterreichischer Arbeiterfamilien. In: Arbeit und Wirtschaft, Band 19, Nr. 3, 1965, S. 12 – 15.
Säuglingssterben geht zurück. In: Arbeit und Wirtschaft, Band 20, Nr. 10, 1966, S. 39.
Die Frauen in Österreich. In. Arbeit und Wirtschaft, Band 20, Nr. 12, 1966, S. 52 – 54.
Gem. mit Rutschka, Ludwig: Die Frau in Österreich, Wien, 1967.
Die soziologischen Strukturveränderungen in Wien. Österreichische Gesellschaft für die Fürsorge und Erziehung des Kleinkindes (Hg.): Kleine Reihe für den Erzieher.Wien - München, 1968.
Gedanken zum Humanprogramm. In: Die Zukunft, 1969, Nr. 7, S. 8.
Ringen mit den Lebensfragen unserer Zeit. In: Die Zukunft, 1971, Nr. 18, S. 11 – 13.
Die gesellschaftspolitische Bedeutung der Wissenschaftspolitik. In: Mitteilungen des Instituts für Gesellschaftspolitik in Wien. 6. Mai 1971, S. 1 – 8.
Die Europäische Integration der Hochschulen. In: Die Zukunft, 1972, Nr. 22. S. 1 – 4.
Gem. mit Schubnell, Hermann: Demographische Forschung in Österreich. In: Demographische Forschung in Österreich. Veröffentlichung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, Springer, Wien - New York 1974, S. 5 – 6.
Forschung und Wirtschaftswachstum. In: Die Zukunft, 1974, Nr. 9, S. 4 – 8.
Wissenschaftspolitik als zentrales gesellschaftliches Anliegen. Das 1970 errichtete Ministerium stellt die Weichen für die Zukunft unseres Landeszentralsekretariat der SPÖ, Wien, 1975.
"Gleichberechtigt aber nicht gleichwertig....". In: Der Sozialistische Akademiker, Nr. 6/7, 1975, S. 2 – 5.
Zur Problematik von Politik und Wissenschaft. In: Michael Neider (Hg.): Festschrift für Christian Broda. Europaverlag, Wien 1976. S 7-15.
Lohnarbeit und freie Lohnarbeit im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. Ein Beitrag zur Geschichte der agrarischen Lohnarbeit in Deutschland. (Neudruck der Ausgabe 1935). Veröffentlichungen des Seminars für Wirtschafts- und Kulturgeschichte an der Universität Wien, 11, 'Scienti', Baden, 1978.
(Hg.): Studieren in Österreich. Ein Leitfaden für den Universitäts- und Hochschulbesuch. Molden – Schulbuchverlag, Wien, 1981.
Die Frau in der sozialistischen Arbeiterbewegung Österreichs 1900-1938. In: Ernest Bornemann (Hg.), Arbeiterbewegung und Feminismus. Berichte aus vierzehn Ländern, Frankfurt am Main, 1982.
Österreichische Forschungspolitik in den 80er Jahren. In: Forschung – Perspektiven für die 80er Jahre. Hrsg. vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Wien, 1982, S. 9 - 21.
Die Rolle des Akademikers in der heutigen Gesellschaft. Akademiker und Intellektuelle in der Geschichte. In: Götschl. Johann (Hg.): Der sozialdemokratische Intellektuelle. Analysen – Bewertungen – Perspektiven. Literas-Verlag, Wien, 1983, S. 3 – 14.
Gem. mit Bock, Fritz / Gredler, Willfried: Österreich zuliebe, Wien: Paul Zsolnay Verlag, 1985.
Das österreichische Nationalbewußtsein, in: Die Zukunft, 1986, Nr. 1, S. 28 – 31.

Literatur:
BLÖF
Parlamentarierinnen
www.aeiou.at
Bernold, Monika; Blimlinger, Eva; Ellmaier, Andrea, Hertha Firnberg: "Meine Leidenschaft": Die Anliegen der Frauen und die Wissenschaft". In: 100 Jahre Frauenstudium. Zur Situation der Frauen an Österreichs Hochschulen., 1997, S. 17-51, Wien, Verlag: BM:WV
Blimlinger, Eva, 100 Österreicherinnen des 20. Jahrhunderts. In: Dr. Karl-Renner-Institut (Hg.): Zukunft. 2/1999. Frauen. Körper. Macht., 1999, S. 40-43, hier S. 41, Wien, Verlag: Echo Ges.m.b.H.
Bundesfrauenkomitee der SPÖ (Hg.):, Hertha Firnberg. Porträt eines politischen Menschen., 1974, Wien
Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung (Hg.):, 15 Jahre Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung., 1987, Wien
Fischer, Heinz (Hg.):, Die Kreisky-Jahre 1967-1983., 1983, Wien
Frühauf, Wolf (Hg.):, Wissenschaft und Weltbild. Festschrift für Hertha Firnberg., 1975, Wien
Kratzer, Hertha, Die großen Österreicherinnen. 90 außergewöhnliche Frauen im Porträt., 2001, Wien, Verlag: Ueberreuter
Kriechbaumer, Robert, Österreichs Innenpolitik 1970-1975., Wien
Steininger, Barbara, Hertha Firnberg. In: Keintzel, Brigitta; Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirken. 2002, Wien, Verlag Böhlau
Steininger, Barbara, Hertha Firnberg. In: Dachs, Herbert; Gerlich, Peter; Müller, Wolfgang C. (Hg.): Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik., 1995, S. 134-140, Wien, Verlag: Manzsche Verlags- und Universitätsbuchhandlung

 

Biografie aus dem Buch "Wissenschafterinnen in und aus Österreich":
FIRNBERG, Hertha
Wirtschaftshistorikerin, Politikerin
*1909 Wien +1994 Wien

*18.9.1909 in Wien, +14. 2. 1994 in Wien. Hertha Firnberg studierte zunächst zwei Semester Rechtswissenschaften an der Universität Wien, wechselte aber dann zu Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Der Grund des Abbruchs des Jus-Studium war laut Firnberg eine öffentliche Absichtserklärung eines Universitätsprofessors, keine Frauen bei der Prüfung durchkommen zu lassen. 1930 studierte sie ein Jahr lang an der Universität Freiburg in Deutschland, 1936 promovierte sie in Wien. Der Titel ihrer Dissertation lautete: Lohnarbeit und freie Lohnarbeit im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. In ihrer berufliche Karriere war sie unter anderem als Assistentin und Bibliothekarin am Seminar für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Universität Wien tätig. Ab 1948 war Firnberg Angestellte in der Kammer für Arbeiter und Angestellte für Niederösterreich, wo sie die Abteilung Statistik leitete und eine sozialwissenschaftlich orientierte Bibliothek aufbaute. Ihre politischen Karriere begann die Sozialdemokratin Firnberg 1959 als Mitglied des Bundesrats, es folgte ein Mandat im Nationalrat. Auf parlamentarischem Boden profilierte sie sich unter anderem als Sprecherin der sozialistischen Fraktion in Bildungs-, Wissenschafts- und Forschungsangelegenheiten. 1970 wurde sie vom damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky als erste Wissenschaftsministerin in die österreichische Bundesregierung berufen. Zu diesem Zeitpunkt war sie 61 Jahre alt.

Neben ihrer persönlichen Dynamik und ihrem Engagement ermöglichten ihr nicht zuletzt die Alleinregierung der SPÖ und eine lange Amtszeit von 13 Jahren, ihre Vorstellungen auch in die Praxis umzusetzen. Für Hertha Firnberg trifft die Bezeichnung Reformerin jedenfalls zu. Den Kern der Firnbergschen Strukturreform der Universitäten bildete das Universitäts-Organisationsgesetz (UOG). Es sollte vor allem demokratische Entscheidungsabläufe an den Universitäten sichern. Daneben sind aber auch die Novelle zum Denkmalschutzgesetz 1978, das Forschungsorganisationsgesetz 1981, sowie das Kunsthochschul- Studiengesetz welches 1983 beschlossen wurde, in ihrer Amtszeit beschlossen worden. Weiters wurden während ihrer Ministerschaft sowohl die Errichtung neuer Museen (z. B. Museum moderner Kunst im Palais Liechtenstein) als auch die Errichtung der Österreichischen Ludwig-Stiftung für Wissenschaft und Kunst initiert. Nach den Nationalratswahlen 1983 trat Bundeskanzler Kreisky zurück und auch Firnberg beendete ihre Amtsperiode. Ihre Funktion als Vorsitzende des Bundes-Frauenkomitees der SPÖ hatte sie bereits 1981 zurückgelegt. Insgesamt war es ein wesentlicher Verdienst Firnbergs, die gesamte Aufbauarbeit des Wissenschaftministeriums geleistet zu haben. Sie hat in einem Bereich ein Ministerium geführt, der bis zur Jahrhundertwende den Frauen gänzlich verschlossen war.

Schriften:
Lohnarbeit und freie Lohnarbeit im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. Ein Beitrag zur Geschichte der agrarischen Lohnarbeit in Deutschland. Dissertation, Universität Wien, 1935.
Österreichische Jugendprobleme – wie sie der Bevölkerungsstatistiker nicht sieht. In: Die Zukunft, Nr. 1, 1957.
Die berufstätigen Frauen in Wien. In: Arbeit und Wirtschaft, Nr. 12, Heft 10, 1958, S. 295 – 297.
Wesen und Wandel der Sozialschichtung Österreichs. In: Weber, Wilhelm (Hg.): Österreichs Wirtschaftsstruktur. Gestern - Heute - Morgen, Band 2.Berlin, 1961.
Untersuchungen über Altersprobleme. In: Österreichische Gemeindezeitung. Offizielle Zeitschrift des Österreichischen Städtebundes, Nr. 29/6, 1963, S 1 – 4.
Der innere Wandel der Kriminalität. In: Die Zukunft, Nr. 12, 1964.
Winterarbeitslosigkeit in Wien. Studie der Niederösterreichischen Arbeiterkammer. Wien, 1964.
Neue Ergebnisse auf dem Gebiet der Altenforschung. In: Österreichische Gemeindezeitung.
Offizielle Zeitschrift des Österreichischen Städtebundes, Nr. 30/22, 1964, S. 17 – 24.
Helfer der Hausfrau. In: Arbeit und Wirtschaft, Band 19, Nr. 12, 1964, S. 53 – 54.
Wesen und Wandlung der Sozialschichtung Österreichs. In: Österreich in Geschichte und Literatur, Band 9, 1965, S. 473 – 483.
Die Lebensverhältnisse niederösterreichischer Arbeiterfamilien. In: Arbeit und Wirtschaft, Band 19, Nr. 3, 1965, S. 12 – 15.
Säuglingssterben geht zurück. In: Arbeit und Wirtschaft, Band 20, Nr. 10, 1966, S. 39.
Die Frauen in Österreich. In. Arbeit und Wirtschaft, Band 20, Nr. 12, 1966, S. 52 – 54.
Gem. mit Rutschka, Ludwig: Die Frau in Österreich, Wien, 1967.
Die soziologischen Strukturveränderungen in Wien. Österreichische Gesellschaft für die Fürsorge und Erziehung des Kleinkindes (Hg.): Kleine Reihe für den Erzieher.Wien - München, 1968.
Gedanken zum Humanprogramm. In: Die Zukunft, 1969, Nr. 7, S. 8.
Ringen mit den Lebensfragen unserer Zeit. In: Die Zukunft, 1971, Nr. 18, S. 11 – 13.
Die gesellschaftspolitische Bedeutung der Wissenschaftspolitik. In: Mitteilungen des Instituts für Gesellschaftspolitik in Wien. 6. Mai 1971, S. 1 – 8.
Die Europäische Integration der Hochschulen. In: Die Zukunft, 1972, Nr. 22. S. 1 – 4.
Gem. mit Schubnell, Hermann: Demographische Forschung in Österreich. In: Demographische Forschung in Österreich. Veröffentlichung des Bundesministeriums für Wissenschaft und Forschung, Springer, Wien - New York, 1974, S. 5 – 6.
Forschung und Wirtschaftswachstum. In: Die Zukunft, 1974, Nr. 9, S. 4 – 8.
Wissenschaftspolitik als zentrales gesellschaftliches Anliegen. Das 1970 errichtete Ministerium stellt die Weichen für die Zukunft unseres Landeszentralsekretariat der SPÖ, Wien, 1975.
"Gleichberechtigt aber nicht gleichwertig....". In: Der Sozialistische Akademiker, Nr. 6/7, 1975, S. 2 – 5.
Zur Problematik von Politik und Wissenschaft. In: Neider, Michael (Hg.): Festschrift für Christian Broda. Europaverlag, Wien 1976. S 7-15.
Lohnarbeit und freie Lohnarbeit im Mittelalter und zu Beginn der Neuzeit. Ein Beitrag zur Geschichte der agrarischen Lohnarbeit in Deutschland. (Neudruck der Ausgabe 1935). Veröffentlichungen des Seminars für Wirtschafts- und Kulturgeschichte an der Universität Wien, 11, 'Scienti', Baden, 1978.
(Hg.): Studieren in Österreich. Ein Leitfaden für den Universitäts- und Hochschulbesuch. Molden – Schulbuchverlag, Wien, 1981.
Die Frau in der sozialistischen Arbeiterbewegung Österreichs 1900-1938. In: Bornemann, Ernest (Hg.): Arbeiterbewegung und Feminismus. Berichte aus vierzehn Ländern, Frankfurt am Main, 1982.
Österreichische Forschungspolitik in den 80er Jahren. In: Forschung – Perspektiven für die 80er Jahre. Hrsg. vom Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, Wien, 1982, S. 9 - 21.
Die Rolle des Akademikers in der heutigen Gesellschaft. Akademiker und Intellektuelle in der Geschichte. In: Götschl. Johann (Hg.): Der sozialdemokratische Intellektuelle. Analysen – Bewertungen – Perspektiven. Literas-Verlag, Wien, 1983, S. 3 – 14.
Gem. mit Bock, Fritz / Gredler, Willfried: Österreich zuliebe, Wien: Paul Zsolnay Verlag, 1985.
Das österreichische Nationalbewußtsein, in: Die Zukunft, 1986, Nr. 1, S. 28 – 31.

Literatur (Auswahl):
Bundesfrauenkomitee der SPÖ (Hg.): Hertha Firnberg. Porträt eines politischen Menschen. Wien, 1974.
Frühauf, Wolf (Hg.): Wissenschaft und Weltbild. Festschrift für Hertha Firnberg. Europaverlag, Wien, 1975.
Steininger, Barbara: Hertha Firnberg. In: Dachs, Herbert / Gerlich, Peter / Müller, Wolfgang C. (Hg.): Die Politiker. Karrieren und Wirken bedeutender Repräsentanten der Zweiten Republik. Manz, Wien, 1995, S. 134 – 140.
Bernold, Monika / Blimlinger, Eva / Ellmaier, Andrea: Hertha Firnberg: "Meine Leidenschaft: Die Anliegen der Frauen und die Wissenschaft". In: 100 Jahre Frauenstudium. Zur Situation der Frauen an Österreichs Hochschulen. Bundesministerium für Wissenschaft und Verkehr. Wien, 1997, S. 17 – 51.

Barbara Steininger