Geiringer-Mises Hilda von, verh. Mises, verh. Pollaczek
Mathematikerin

Geb. Wien, 28.9. 1893
Gest. Santa Barbara/Kalifornien, USA 22. 3. 1973

Emigrationspfad: 1933 B,1934 TR,1939 P,1939 USA

Herkunft, Verwandtschaften:
Vater Ludwig Geiringer, Textilerzeuger; Mutter Martha, geb. Wertheimer; 3 Brüder, Ernst, Paul und Karl

LebenspartnerInnen, Kinder:
1. 1922 verheiratet mit Felix Pollaczek (1892-1981); Tochter Magda (* Juli 1922)
2. 1944 verheiratet mit Richard v. Mises (+14.6.1953)

Ausbildungen:
1913 Matura am Gymnasium des Vereins für erweiterte Frauenbildung in Wien (Humanistisches Gymnasium, Rahlgasse) und Beginn des Studiums der Mathematik und Physik an der Universität Wien, Vorlesungen über Philosophie; 1917 Dissertation

Laufbahn:
in ihrer Jugend und während des Studiums Engagement in der vor dem 1. WK entstandenen MittelschülerInnen- und Jugendbewegung rund um Siegfried Bernfeld und Karl Frank, Mitarbeit am pädagogischen Experiment "Kindergarten Baumgarten"; 1918/19 Mitarbeit am Jahrbuch für die Fortschritte der Mathematik in Berlin unter Leon Lichtenstein, im Juli 1919 Rückkehr nach Wien und Unterricht an einer Schule und Volkshochschulen; private Kontakte in Österreich, Beruf in Deutschland; 1. 4. 1921 Assistentin am Institut für angewandte Mathematik in Berlin bei Richard von Mises, Studentenbetreuung in den Praktika, Abhaltung von Seminaren; 1925 Einreichung der Habilitationsschrift, sehr negative Beurteilung Bieberbachs im März 1926, Zurückziehen der Arbeit, Einreichung einer neuen Arbeit im November 1926, Bieberbach entdeckt wieder einen Fehler, Bestellung zwei weiterer Gutachter, Einreichung eines Zusatzes, Beginn des Habilitationsverfahrens, November 1927 Verleihung der venia legendi; 1927 erste Privatdozentin für angewandte Mathematik in Deutschland, 15. 8. 1929 Ernennung zur Oberassistentin, Anfang der dreißiger Jahre vermehrte Teilnahme an internationalen Konferenzen; 1933 Vorschlag für eine außerordentliche Professur; nach dem 7.4.1933 und dem Erlass des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufbeamtentum" Verlust des Arbeitsplatzes als Jüdin, 1933 Emigration nach Belgien, ein Jahr am Institut für Mechanik, 1934 mit Richard von Mises nach Istanbul, der dort an einer Universität das Institut für Reine und Angewandte Mathematik leitete; nach Istanbul, 1934-39 in Istanbul als außerordentliche Professorin am Institut für reine und angewandte Mathematik unter Richard von Mises als Direktor tätig, die ersten Jahre Unterricht in Französisch, dann auf Türkisch; 1939 aus politischen Gründen Ausreise aus der Türkei, Weiterreise in die USA, Richard v. Mises erhält Professur, Lehrerin am Bryn Mawr College in Pennsylvania bis 1944, trotz zahlreicher Versuche keine ädäquate wissenschaftliche Stellung, nach ihrer Heirat Wechesel nach Massachusetts, Head of Department of Mathematics am Wheaton College in Norton bis 1958, nebenbei wissenschaftlichg tätig; a. o. Prof. Univ. Berlin; nach dem Tod ihres Mannes mit der Herausgabe seines Nachlasses beschäftigt, 1953-1963 Research Fellow an der Harvard University, 1955-58 gemeinsam mit G. S. Ludford Arbeit an einem unvollendeten Manuskript ihres Mannes, Mathematical Theory of Compressible Fluid Flow; 1967 Erneuerung ihrer Promotion an der Universität Wien

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
1960 Ehrendoktorat des Wheaton College, Professor emeritus der Universität Berlin nach jahrelangem Kampf um die Anerkennung ihrer Pensionsansprüche in Deutschland; 1967 Feier an der Universität Wien zu ihrem Goldenen Doktoratsjubiläum; während des Studiums im Akademischen Frauenverein tätig.

spez. Wirkungsbereich:
Anfang der 20er Jahre wissenschaftliche Arbeiten zur Geometrie, zur Theorie der Differentialgleichungen, unter dem Einfluß von Mises Beschäftigung mit der Wahrscheinlichkeitstheorie; am Institut für angewandte Mathematik bei Richard von Mises bei den Studenten sehr beliebt, er selbst bescheinigt ihr ein "ausgesprochenes Lehrtalent" (Vogt); erste habilitierte Frau in Deutschland auf dem Gebiet der Angewandten Mathematik; Anfang der 30er Jahre vermehrte Veröffentlichungen zu speziellen Aspekten der Wahrscheinlichkeitstheorie und der mathematischen Statistik; in Massachusetts Beschäftigung mit Untersuchungen über Plastizität und mathematische Genetik, Anknüpfung an ihre Arbeiten in den 30er Jahren, 1930 Geiringer-Gleichung für die Deformation von Plastik

Nachlaß, Archive, Quellen:
Harvard University Archives, Cambridge

Werkangaben:
Das vollständigste Schriftenverzeichnis Hilda Geiringers findet sich bei Binder (1992, S. 47-51) und enthält 90 Einträge.
Hier wird nur ein Auszug der im Artikel erwähnten Veröffentlichungen angeführt.
[Geiringer, Hilda]: Über Trigonometrische Doppelreihen. In: Monatshefte für Mathematik und Physik, 1918, Jg. 29, S. 65-144.
Die Gedankenwelt der Mathematik. Wien, 1922.
[Pollaczek-Geiringer, Hilda]: Über die Gliederung ebener Fachwerke. In: Zeitschrift für angewandte Mathematik und Mechanik, 1927, Jg. 7, S. 58-72.
Die Charliersche Entwicklung willkürlicher Verteilungen. In: Skandinavisk Aktuarietidskrift, 1928, Jg. 11, S. 98-111.
Über die Poissonsche Verteilung und die Entwicklung willkürlicher Verteilungen. In: Zeitschrift für angewandte Mathematik und Mechanik, 1928, Jg. 8, S. 292-309.
[Geiringer, Hilda] Von Mises, Richard: Probability, Statistics and Truth. Second revised English Edition, prepared by Hilda Geiringer. London / New York, 1957.
von Mises, Richard. Mathematical Theory of Compressible Fluid Flow. Completed by Hilda Geiringer and G. S. Ludford. New York, 1958.
von Mises, Richard. Mathematical Theory of Probability an dStatistics. Edited and complemented by Hilda Geiringer. New York, 1964.

Literatur:
IWK-EMIGRATION
Röder
Binder, Christa, Beiträge zu einer Biographie von Hilda Geiringer.-Jugend und Studium in Wien. In: GAMM-Mitteilungen 1995, Heft 1., S. 61-72
Binder, Christa, Hilda Geiringer: ihre ersten Jahre in Amerika. In: Amphora. Festschrift für Hans Wussig zu seinem 65. Geburtstag., 1992, S. 25-53, Verlag: Birkhäuser Verlag
Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, 2002, München, Verlag: K. G. Saur
Brüning, Jochen; Ferus, Dirk; Siegmund-Schultze, Reinhard (Hg.):, Terror and Exile: Persecution and Expulsion of Mathematicians from Berlin between 1933 and 1945., 1998, Berlin
Pinl, M., Kollegen in einer dunklen Zeit. In: Jahresbericht der Deutschen Mathematiker-Vereinigung 71, I. Abt., Heft 4., S. 189
Richards, Joan L., Hilda Geiringer von Mises (1893-1973). In: Women of Mathematics: A Biobibliographic Sourcebook., 1989, p. 41-46, New York, Verlag: Grinstein, Louise S.; Campbell, Paul J.
Siegmund-Schultze, Reinhard, Hilda Geiringer-von Mises, Charlier Series, Ideology and the Human Side of the Emancipation of Applied Mathematics at the University of Berlin during the 1920s. In: Historia Mathematica 20, 1993., S. 364-381
Siegmund-Schultze, Reinhard, Mathematiker auf der Flucht vor Hitler: Quellen und Studien zur Emigration einer Wissenschaft., 1998, Braunschweig, Wiesbaden
Strohmeier, Renate, Geiringer, Hilda. In: Lexikon der Naturwissenschaftlerinnen und naturkundigen Frauen Europas., 1998, S. 114, Frankfurt
Vogt, Anette, Erste Privatdozentin für angewandte Mathematik in Berlin. In: Berlinische Monatsschrift 7, Heft 12, Dezember 1998., S. 40-45
Wolfsberger, Margit, Hilda Geiringer-Mises. In: Keintzel, Brigitta; Korotin, Ilse (Hg.): Wissenschafterinnen in und aus Österreich. Leben, Werk, Wirken., 2002, Wien, Verlag: Böhlau