Grünwald Sidonie, geb. Zerkovitz, Zerkowitz, verh. Koloktroni (Kolokotronis), Grünwald-Zerkowitz
Erzählerin, Sachschriftstellerin und Übersetzerin

Geb. Tovacov, Mähren (Tschechien), 7. 2. 1852 (Tobitschau/Mähren (Kosch, ÖBL),Trebitschau (Friedrichs und Buchegger); geb. 17. 2. (Wininger); geb. 1859 (Nigg), geb. 1858 (Pataky))
Gest. Karlsbad, Böhmen (Karlovy Vary, Tschechien), 12. 6. 1907 (gest. 16. 6. (Blumesberger 2002); begraben in Wien (lt. Buchegger))

geograph. Lebensmittelpunkt(e): Budapest, Athen, seit 1880 Wien
Herkunft, Verwandtschaften: Vater Arzt, jüdischer Herkunft, Mutter gebildet
S. G. konvertiert zum Katholizismus

LebenspartnerInnen, Kinder:
Schlägt einen Heiratsantrag des ungarischen Schriftstellers Koloman Tóth aus.1875 erste Ehe mit Nikolo Koloktroni (Kolokotronis), dem Enkel des griechischen Nationalhelden Theodoros Kolokotronis, schon bald Scheidung.
Seit 1877 verheiratet mit Leopold Grünwald, Witwer, Kaufmann und Fabrikant. mit diesem hatte sie zwei Mädchen und zwei Buben; dazu 4 Stiefkinder aus der ersten Ehe von Grünwald. Die Familie wohnte in Wien. L. Grünwald starb 1890.

Freundschaften:
Bekannt mit Franz Liszt, Richard und Cosima Wagner

Ausbildungen:
Ihre Schuldbildung erwarb sie in der Normalschule in Holeschau und in einem Mädchenpensionat in Wien. Schon frühzeitig zeigte sie Intentionen, die finanzielle Lage der Eltern durch eigene Erwerbstätigkeit aufzubessern. Sie lernte Italienisch, Tschechisch, Klavier und nahm Privatunterricht in Französisch und in anderen Fächer. In Französisch legte sie auch die Lehrerinnenprüfung ab. In Budapest lernte sie weiters Ungarisch und machte nach eineinhalbjährigem Aufenthalt auch in dieser Sprache die Lehrerinnenprüfung ab. Ab 1875 in München Theaterausbildung auf Kosten Ludwig II. von Bayern.

Laufbahn:
Durch ihre gewinnende Erscheinung und ihr selbständiges, geistvolles Wesen voll Energie gelang es ihr, das Interesse und allgemeine Bewunderung der Budapester SchriftstellerInnen- und Gelehrtenkreise zu erwecken.
Nachdem sie die Volksschul- und bald darauf die BürgerInnenschullehrerinnenprüfung mit glänzendem Erfolg in ungarischer Sprache abgelegt hatte, begann sie lyrische Gedichte, Essays und pädagogische Artikel für die ersten Tagesblätter in Budapest zu schreiben. Bald wurde sie in den wissenschaftlichen und SchriftstellerInnenkreisen so bekannt, dass Unterrichtsminister Trefort auf sie aufmerksam wurde. Ihre pädagogischen Artikel dürften Auslöser für einige Reformen der höheren staatlichen Mädchenanstalten in Ungarn gewesen sein.
Sidonie Zerkowitz erhielt schon bald eine Stelle als Lehrerin an einer städtischen Schule in Budapest. Durch ihren Ehrgeiz, ihre Begabungen und künstlerischen Neigungen sowie durch ihre außergewöhnliche, durch eigenen Fleiß erworbene Bildung, fand sie allerdings in diesem Beruf keine Erfüllung.
Einen Heiratsantrag des ungarischen Dichters Koloman Tóth schlug sie aus und vielfache Aufforderungen sich der Bühne zuzuwenden, wofür sie angeblich prädestiniert gewesen wäre, verweigerte sie. Zerkowitz war auf literarischem Gebiet intensiv tätig. 1874 veröffentlichte sie zahlreiche Übersetzungen aus verschiedenen Sprachen, unter anderem "Zwanzig Gedichte" von Koloman Tóth (Wien 1874, Rosner) aus dem Ungarischen.
Der Widerstand sich schauspielerisch zu betätigen wurde allerdings gebrochen, als sie erfuhr, dass König Ludwig II von Bayern sich für sie interessierte und sie auf seine Kosten für die Bühne ausbilden wollte. Sie fuhr nach München, wo ihre Probedeklamation am Hoftheater glänzend ausfiel.
Dort lernte sie auch den Enkel des griechischen Nationalhelden Fürst Theodoros Kolokotronis kennen. Der griechische Fürst schwärmte ihr von seinen Reichtümern und vom berühmten Namen seiner Familie vor und bat um ihre Hand. Die Perspektive, mit einer solchen Verbindung die finanzielle Situation ihrer Familie sichern zu können, bewog sie, den Antrag anzunehmen und den jungen, hinkenden Aristokraten 1875 zu heiraten. In Athen angekommen musste sie jedoch erkennen, dass ihr nunmehriger Ehemann sein gesamtes Vermögen bereits verspielt hatte. Bald darauf ließ sie sich von ihm scheiden, und mit Hilfe angesehener Persönlichkeiten gelang es ihr, in ihre Heimat zurückzukehren.
Nach eineinhalbjährigem Aufenthalt in einem Dorf in Mähren, hielt der vermögende Kaufmann und Witwer mit vier Kindern, Leopold Grünwald um ihre Hand an, und kurze Zeit später gab sie ihm das Jawort. Aus dieser Ehe stammten zwei Mädchen und zwei Buben.
Seit der Hochzeit lebte Sidonie Grünwald-Zerkowitz in Wien, wo sie die Modezeitung "La Mode" in deutscher Übersetzung herausgab. Sie wollte in Wien eine staatliche Modeakademie für Bekleidungskunsthandwerk schaffen. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahr 1890 übernahm sie die Leitung einer Wiener Sprachschule.
Als Schriftstellerin erregte sie Aufsehen durch ihr Werk "Das Gretchen von heute", vor allem wegen der Darstellungsweise der erotischen Leidenschaft in Österreich. In "Lieder der Mormonin" übt sie Gesellschaftskritik und prangert die "doppelte Geschlechtsmoral", die "Liebeleien" der Männer vor ihrer (Vernunft-) Heirat und das Los der Ehefrau an.
Beide Bücher waren in Österreich verboten. Der Frauenbewegung stand sie dennoch ablehnend gegenüber.Neben zahlreichen pädagogischen Artikeln und Essays übersetzte sie aus dem Ungarischen und schrieb ein Lehrbuch der ungarischen Literaturgeschichte. Sie starb 1907 im Alter von 55 Jahren und wurde in Wien begraben.

spez. Wirkungsbereich:
Als Schriftstellerin erregte sie Aufsehen durch ihre naturalistischen erotischen Dichtungen "Das Gretchen von heute" und "Lieder der Mormonin", worin sie die "doppelte Geschlechtsmoral" - die "Liebeleien" der Männer vor ihrer (Vernunft - ) Heirat und das Los der Ehefrau - beklagt.
Lyrikerin, Erzählerin
Mitarbeiterin bei Frauen-Modezeitungen
Herausgeberin der deutschsprachigen Übersetzung der Modezeitung "La Mode"

Nachlaß, Archive, Quellen:
Ariadne/ÖNB-Datenbank "Frauen in Bewegung", Tagblattarchiv (Personenmappe)

Werkangaben:
Die Lieder der Mormonin. Leipzig: Hermann Dürselen (Papyrus: in Form einer Thorarolle) 1874. 2.Teil. 6.Auflage. Leipzig: Dürselen o.J. (1886); 7. Auflage, verbessert und verm. Dresden: Pierson 1899.
Die Mode in der Frauenkleidung. Wien: Georg Szelinski 1889.
Das Gretchen von heute. Gedichte. Wien: La Mode 1890 (das Buch war zunächst verboten); 6. Auflage. Zürich: Schmidt 1900, 7.verm. Auflage (Mit Rücksicht auf die im Jahre 1890 in Österreich erfolgte Confiscation abgeändert). Zürich: Schmid 1900.
Achmeds Ehe. Aus dem Harem. Erzählungen. 1899. (Rezension von Max Nordau).
Doppelehen. 1900.
Die Schattenseite des Frauenstudiums. Vortrag gehalten in Wien 1899. Zürich: Schmid 1902.
Wie verheiratet man mitgiftlose Mädchen? Wien: Szelinski 1905.
Eheweh. Eine häßliche Geschichte vom Alltag. Wien: Szelinski 1906 (Kosch, Kaiser),1903 (Giebisch-Guggitz)
Magyar irodalom törtenete. Szerkesztette Zerkowitz Sidonia, Budapest: Franklin-Gesellschaft (Lehrbuch der ungarischen Literaturgeschichte für ungarische Lehrerseminare)

Übersetzungen:
Tóth, Koloman: Zwanzig Gedichte von Koloman Tóth. Übersetzung aus dem Ungarischen, Wien, 1874.

als Manuskript:
Der große Hut (Die Anarchisten). Operette.
Fiamma Oder Die falschen Diamanten. Musikdrama.
Dann. Drama.
Amerikanisch. Tragödie.
Hagar. Tragödie.
Deklassiert. Schauspiel.
Die silberne Hochzeit.

Beiträge:
Toilettenkünstlerinnen auf der Bühne. In: Bühne und Welt, sowie kritische Essays über Sara Bernhardt, Wolter, Duse, Rejane, ajne Hading u. a.

Literatur:
Deutscher biographischer Index (MF 431, 216-222)
DLL 6, Sp. 904f.
Giebisch-Gugitz, 126
Kürschner Nekrolog 1., 244
Lebens- und Arbeitsbilder sudentendeutscher Lehrer Bd. 1, 1932, 497
Musikalisches Wochenblatt, 1907, 565
Neue Freie Presse, 13.6.1907. Nachruf
Nigg 26
ÖBL 2, 563
Pataky Bd. 1, 290ff.
Wurzbach, Bd. 51
Bettelheim, A. (Hg.):, Biographisches Jahrbuch und Deutscher Nekrolog. 18 Bde., 1897 - 1917; hier 1907 Bd. 12, Berlin (Toteniste)
Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur
Brümmer, F., Lexikon der deutschen Dichter und Prosaisten vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. 8 Bde., 1913, 6. Auflage, Leipzig ((=Reclams Universal-Bibliothek, n. 1981-1990, 3531-3540 und 5531-5550) (oder: Bd. 2, 477f.))
Buchegger, Birgit, Stiller Brotberuf oder subversive Rebellion? Österreichische Übersetzerinnen im 19. Jahrhundert. Eine Spurensuche, 2002, S. 69-71, Graz
Eisenberg, L., Das geistige Wien. Künstler- und Schriftstellerlexikon. 2 Bde., 1891, S. 122, Wien
Friedrichs, Die deutschsprachigen Schriftstellerinnen des 18. und 19. Jahrhunderts. Ein Lexikon. (=Repertorien zur Deutschen Literaturgeschichte Bd. 9)., 1981, S. 109
Giebisch, H.; Pichler, L.; Vancsa, K. (Hg.):, Kleines österreichisches Literaturlexikon., 1948, Wien
Jaksch, August von, Lexikon sudetendeutscher Schriftsteller und ihrer Werke für die Jahre 1900-29., 1929, 327
Klein, J., Kritische Studien über berühmte Persönlichkeiten., 1897, Bd. 2
Kosch, W., Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisches und bibliographisches Handbuch. 4 Bde., 2. Auflage, 1949 ff., Bern (3., neu bearbeitete Auflage, Bd. 1 ff., Bern 1968 ff. (oder: 758f.))
Kosel, C., Deutsch-österreichisches Künstler- und Schriftstellerlexikon. 2 Bde., 1902-06, Wien
Lang, Marie (Hg.):, Dokumente der Frauen, 1899 - 1912.
Nagl, J.W.; Zeidler, J.; Castle, E. (Hg.):, Deutsch-österreichische Literaturgeschichte. 4 Bde., 1899 - 1937; hier Bd. 4, S. 1361, Wien
Schmid-Bortenschlager, Sigrid; Schnedl-Bubenicek, Hanna, Österreichische Schriftstellerinnen 1880-1938. Eine Bio-Bibliographie., 1982, Stuttgart, Verlag: Akademischer Verlag Hans-Dieter Heinz
Voss, Hein / Vogler, Bruno (Hg.), Literarische Silouetten, 1908, 581
Wininger, Salomon, Große Jüdische National-Biographie. 7 Bde., Bd. 2, S. 542 (494?), Czernowitz

Bearbeiterinnen der Biografie: Susanne Blumesberger / Karin Walzel