Kallmus Dora Philippine, seit 1907 Künstlername Madame D´Ora
Fotografin

Geb. 20.3.1881, Wien
Gest. 30.10.1963 Frohnleiten/Steiermark

geografische Lebensmittelpunkte:
aufgewachsen in Wien
1907 Ausbildung in Berlin
Wien bis 1927
1921-1926 in den Sommermonaten in Karlsbad
mehrfache Aufenthalte in Paris
ab 1925 Atelier in Paris
1927 dauernd in Paris ansässig.
1940 bis Kriegsende: Flucht in Südfrankreich
1946/47 besucht Dora Kallmus zum ersten Mal wieder Österreich
1961 Österreich: Frohnleiten

verwandtschaftliche Beziehungen)/Herkunft:
Vater: Dr. Philipp Kallmus, ca. 1842-14.7.1918, Notar am Hofgericht Wien
Mutter: Malvine, geb. Sonnenberg, ca. 1853-8.12.1892
Schwester: Anna Malvine, 28.2.1878 Wien - ca. 1942 (Deportation 2.11.1941 Wien-Litzmannstadt)
Willem Grütter: Fotosammler und persönlicher Freund. (Ihm war es gelungen, nach dem Krieg das von den Nationalsozialisten 'arisierte' Haus in Frohnleiten zurückzugewinnen).

Ausbildung/Laufbahn:
1900 beschließt Dora Philippine Kallmus, Fotografin zu werden. Erste Einblicke in die Fotoatelierarbeit erhält sie 1905 im Sommeratelier des Gesellschaftsfotografen Hans Makart (Sohn des Malers). Frauen war damals die Fotografinnenlehre verwehrt. Auch die Ausbildung an der K.K. Lehr- und Versuchsanstalt für Fotografie und Reproduktionsverfahren in Wien war ihr als Frau verwehrt, sie erhält jedoch Sondererlaubnis, an Vorträgen teilzunehmen. Dora Kallmus entschließt sich zur weiteren Ausbildung in Berlin, weil dort, anders als in Wien, die "künstlerische Fotografie" im Vordergrund steht.

Weitere Ausbildung bei Nicola Perscheid in Berlin von Januar bis Mai 1907 in Fotografie, Kopie und Retusche. Perscheid erkennt ihre außerordentliche Begabung und bezeichnet sie in ihrem Zeugnis als "bisher beste Schülerin".

1907 erhält sie in Wien den Gewerbeschein und richtet in der Wipplingerstrasse 24 im ersten Wiener Bezirk ein elegantes Atelier ein. Zusammen mit Arthur Benda (1885-1969) eröffnet sie im Herbst 1907 das Atelier "d`Ora". Durch Ausstellungen und Veröffentlichungen in Zeitschriften und Werbeblättern macht sie sich einen Namen weit über die österreichischen Grenzen hinaus. 1916 folgen wichtige offizielle Aufträge. Sie fotografiert die Krönung Kaiser Karls zum König von Ungarn und verfertigt 1917 eine Portraitserie der kaiserlichen Familie. Ab 1917 ist sie mit großem Erfolg in der inländischen und internationalen Modefotografie tätig.

Seit 1915 beschäftigt sie sich auch mit dem Thema Tanz und der fotografischen Darstellung von Tänzern und Tänzerinnen. Ihr kongenialer Partner, Arthur Benda, ist technisch höchst begabt und für die technische Umsetzung und die Edeldruckverfahren der Abzüge verantwortlich. Er ist es, der hinter der Kamera steht. Die Fotografin ist hingegen für die Regie und das Arrangement zuständig. Sie findet neue Bildlösungen und szenische Arrangements.

Von 1921-1926 unterhält Madame d' Ora ein Sommeratelier in Karlsbad. Ab 1925 führt die Künstlerin auch in Paris ein eigenes Atelier und zieht sich 1927 ganz nach Paris zurück. Sie verkauft ihr Wiener Atelier an Benda. Auch in Paris zählt die Künstler- und Intellektuellenszene zu ihren Auftraggebern und künstlerischen Kontakten Außerdem widmet sie sich verstärkt der Modefotografie. Es folgen Aufträge von verschiedenen namhaften Modezeitschriften, wie z.B. "Die Dame" aus dem Ullstein-Verlag. Der Einmarsch der Nationalsozialisten in Frankreich 1940 ist eine Zäsur in ihrem Leben und Werk. Dora Philippine Kallmus verkauft ihr Atelier in Paris und hält sich in Südfrankreich versteckt.

1946/47 besucht sie zum ersten Mal wieder Österreich und macht Aufnahmen in Flüchtlingslagern. Die unsagbaren Schrecken des Krieges verändern ihren Fotostil: Sie verläßt zum ersten mal das Atelier und hält das Elend und die Resignation der Flüchtlinge fest. Es entstehen nun auch schockierende Pariser Schlachthaus-Bilder (1950-58), in denen die Grausamkeit des Massenschlachtens zum Thema gemacht wird. Daneben sichern die Portrait- und Modefotografie den Lebensunterhalt der Künstlerin.

Freundschaften/Arbeitskontakte:
Seit 1907 gemeinsames Atelier mit Arthur Benda.
D`Oras Kunden kommen aus der jüdischen Wiener Intelligenz - aus dem Adel, der Wissenschaft, der Presse oder der Kunst: Alma Mahler Werfel, Arthur Schnitzler, Max Reinhardt, Berta Zuckerkandl, die Sacher, Gustav Klimt und Emilie Flöge, Gräfin Szechenyi-Vanderbil, Karl Kraus, Anna Pawlowa und die Schwester Wiesenthal, Tina Blau, Maria Jeritza zählen zu ihren AuftraggeberInnen.
Seit 1917 Arbeitskontakt zur Modeabteilung der Wiener Werkstätten.
Ab der zweiten Hälfte der 20er Jahre auch in Paris Kundenkreis aus der Künstler und Intellektuellenszene mit Aufträgen von verschiedenen Modezeitschriften. Sie fotografiert u.a. Josephine Baker, Maurice Chevalier, Anna Pawlowa, Coco Chanel.

spezieller Wirkungsbereich:
Dora Philippine Kallmus, die ohne jeden Zweifel als Pionierin der Fotografie gelten kann, ist geschäftstüchtig, selbstbewußt und von sich selbst überzeugt, "größer als (ihr Lehrer) Perscheid zu sein". Die Künstlerin leitet das Wiener Fotoatelier, kümmert sich um Werbung und Präsentation des Ateliers nach außen und nimmt an Ausstellungen teil, die das künstlerische Niveau ihrer Arbeit zeigen sollten.

Kallmus vereint in ihrem Still repräsentative Darstellung des Motivs und individuelle Charakterisierung von Menschen durch geschickte Regieführung. Ihre Aufnahmen wirken zufällig und momenthaft bei höchster Aussagekraft und vollendeten Bildkompositionen, welche den Kompositionsprinzipien der Malerei nahe stehen. Im Laufe der Zeit wird ihr Stil - wie im zeitgenössischen Schauspiel - immer expressiver.

In Paris ändert sich Dora Kallmus` Stil gemäß den Tendenzen der zeitgenössischen Mode: der Stil wird weicher und fließender, Glitzereffekte, die den Glamour der Zwanzigerjahre widerspiegeln, werden eingesetzt. Besonders die - großteils inszenierten - Aufnahmen von Künstlern und Künstlerinnen zeigen Spannungsgeladenheit. Berühmtheit erlangten eben diese Portraits der Prominenz, da diese in der Literatur immer wieder publiziert wurden.

Nach dem zweiten Weltkrieg beweist Kallmus künstlerische Verantwortung und bekennt, dass das stattgefundene Grauen auch die herkömmlichen künstlerischen Mittel obsolet macht. Sie unterbricht ihre Laufbahn, um soziale und zeitgeschichtliche Themen zu dokumentieren. Ab 1956 entstehen die Serien auf den Pariser Schlachthöfen. (Vgl. Dorothea Lange, die die Depression der dreißiger Jahre in Amerika aufzeichnete. Auch Lee Miller fand nach den Fotos in Dachau nicht mehr zu schönen Bildern zurück.) Das von der Tierliebhaberin in den Pariser Schlachthöfen festgehaltene industrialisierte Töten ist schonungslos und erschreckend aktuell.

Mitgliedschaft:
Die K.K. Fotografische Gesellschaft nimmt Dora Kallmus 1905 als erstes weibliches Mitglied auf. Dort erlernt sie die Praxis in der Dunkelkammer.

Ausstellungen:
Photoklub, Wien 1906 (Beteiligung).
Kunstsalon Heller, Wien 1909.
unbekannter Ausstellungsort, Budapest, 1910.
Kunstsalon Heller, Wien 1912.
Kunstsalon Keller und Reiner, Berlin 1913. (+ Kat.)
"Professional Photographers` Society of New York Annual Convention", City of Buffalo, New York, 1914 (Beteiligung).
"Meisterbund österreischicher Photographen", Arkadenhof des K.K. Österreichischen Museums für Kunst und Industrie, Wien, 1914 (Beteiligung).
Galerie Arnot, Wien 1916.
Galerie Montaigne, Paris 1958; (auch die Schlachthausbilder werden ausgestellt).
Staatliche Lichtbildstelle, Hamburg 1969.
Landeslichtbildstelle, Bremen 1971.
Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg, 1980 (Perscheid - Benda - d`Ora).
"Übersee. Flucht und Emigration österreichischer Fotografen 1920 - 1940". Kunsthalle Wien im Museumsquartier, 1997 (Beteiligung).
"Das Jahrhundert der Frau. Künstlerinnen in Österreich. 1870 bis heute", Bank Austria Kunstforum, Wien, 1999. (Beteiligung).

Werkverzeichnis
Ihre Werke befinden sich in:
Österreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv.
Österreichische Nationalbibliothek, Theatersammlung.
Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg.
Bilbiotheque Nationale, Paris.
Sammlung Fotografis, Länderbank Wien.
Archiv Setzer-Tschiedl, Wien.
Sammlung Mag. Adolf Adler, Wien.
Sammlung Peter Baum, Linz.
Sammlung Dr. Christian Brandstätter, Wien.
Sammlung Dr. Christian Coudenhove-Kalergi, Wien.
Sammlung Hans Frank, Bad Ischl.
Sammlung Peter Schnitzler, Wien.
Sammlung Seemann, Wien.
Sammlung Timm Starl, Frankfurt/Main.

Literatur:
eigene Texte von Dora Kallmus:
Hundeportraits (mit Text), in: Die Dame 4 (1926).
Jadefigur. Eine Caprice von Mme. d`Ora" (mit Text), in: Das Magazin 39 (1927).
Das Auto und die Tänzerin (mit Text), in: Die Dame 19 (1929).
Komagiku heißt die kleine Tänzerin (mit Text), in: Das Magazin 69 (1930).
Kinderophotos (mit Text), in: Madame, November 1955.

eigene zeitgenössische Veröffentlichungen (= Publikationen, die ausschließlich mit Werken von Dora Phillippine Kallmus illustriert sind):
H. H. Ewer: Bild und Photo, München 1914 (Werbebroschüre).
Le portrait élégant. 12 Fotos, Karlsbad 1921.
Die Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase. Anita Berber, Sebastian Droste, Wien 1922 (16 Fotos).
Maurice Chevalier, 27 Fotos, Genf, Monaco 1955.

eigene Fotojournalistische Tätigkeit:
Erdgeist (Wien 1909)
Die Bühne (Wien ab 19223)
Die Dame (Berlin ab 1920)
Die Damenwelt (Wien 1917)
Wiener Salonblatt (ab 1910)
Die Woche (Berlin ab 1914)
Das Wiener Magazin (ab 1917)
Vu (Paris ab 1917)
Officiel de al Couture et la Mode (Paris ab 1917)
Das Magazin (Berlin ab 1926)
Femina (Pairs ab 1925)
Moderne Welt (Wien ab 1921)
Madame (München ab 1953)
Querschnitt
Der Tanz
Uhu

Ausstellungskataloge

Ausstellungskatalog 1913:IV. Kollektivausstellung der Wiener Portraitfotografin Mme. d`Ora. Kunstsalon Keller und Reiner, Berlin 1913.
Ausstellungskatalog 1958: Portraits et Récherches. 60 ans de la fotografie. Galerie Montaigne, Paris 1958.
Ausstellungskatalog 1971: Madame d' Ora zwischen Atelier und Abattoirs, Landesbildstelle Bremen 1971.
Ausstellungskatalog 1980: Fritz Kempe, "Nicola Perscheid, Arthur Benda, Madame d'Ora". Dokumente zur Fotografie 1, Ausstellungskatalog Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg 1980.
Austellungskatalog 1997: Übersee. Flucht und Emigration österreichischer Fotografen 1920 - 1940. Ausstellungskatalog Kunsthalle Wien im Museumsquartier, Wien 1997.
Ausstellungskatalog 1999: Das Jahrhundert der Frau. Künstlerinnen in Österreich. 1870 bis heute, Bank Austria Kunstforum, 23. September 1999 bis 6. Jänner 2000, Wien 1999.

Sekundärliteratur
Eine ausführliche Zusammenstellung der älteren Zeitschriftenliteratur findet sich in: Monika Faber, Madame d' Ora. Wien-Paris. Portraits aus Kunst und Gesellschaft 1907-1957. Wien -München 1983.

Neuere Sekundärliteratur
Fritz Kempe, Das Leben der Madame d' Ora. (Fritz Kempes Begegnungen und Freundschaften III), in: Foto Magazin, München 1977.
Monika Faber, Wien-Paris. Portraits aus Kunst und Gesellschaft 1907-1957. Wien -München 1983.
Claudia Gabriele Philipp, Zu den Schlachthausbildern von Madame d`Ora, in: Fotogeschichte 12 (1984), S 55-66.
Monika Faber, Dekor und Ironie, in: Kairos 5-6 (1987), S 88-93.
Eva Gerber, Sonja Rotter, Marietta Schneider, Madame d' Ora und Trude Fleischmann, in: dies (Hrsg.), Die Frauen Wien, 1992, S 443.
Monika Faber, "... mein Wunsch und meine Aufgabe" Die Gründung des Fotoateliers von Dora Kallmus, in: Frauen Kunst Wissenschaft, Fotografie, Heft 14, Oktober 1992, S 15-27.
Marion Beckers, Madame d' Ora, in: Jutta Dick, Marina Sassenberg (Hrsg.), Jüdische Frauen im 19. und 20. Jahrhundert. Lexikon zu Leben und Werk, Hamburg 1993. (Rowohlt Verlag, = Handbuch Nr. 2290)
Eva Geber und Sonja Rotter, (1881-1963). Eine Wienerin schreibt Fotografiegeschichte, in: Severit Frauke, Das war alles ich. PolitikerInnen, KünstlerInnen ExzentrikerInnen der Wiener Moderne, Wien 1999. (Böhlau), S 101-113.

Quellen/Nachlassangaben
Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg.
Sammlung Hans Frank, Bad Ischl (Briefwechsel mit Arthur Benda).
Österreichische Nationalbibliothek; Bildarchiv und Theatersammlung.

Autorin: Tamara Loitfellner