Alice Rühle-Gerstel

24.3.1894, Prag - 24.6.1943, Mexiko
Die im März 1894 in Prag geborene Tochter einer wohlhabenden jüdischen Fabrikantenfamilie war in den 20er und 30er Jahren eine der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands, wobei sie sich vor allem durch ihre individualpsychologischen und feministischen Auseinandersetzungen einen Namen machte.
Alice Rühle-Gerstel, die 1921 in München ihr Philosophie- und Germanistikstudium mit einer Arbeit über Friedrich Schlegel abschloß, war bereits während der Studienzeit mit der Individualpsychologie des Wiener Arztes Alfred Adler in Berührung gekommen und war in München später auch als Therapeutin tätig, was neben ihrer publizierenden Arbeit einen praxisorientierten Bezug zu den Problemen der Individualpsychologie darstellte. Ihre theoretischen Arbeiten sind einerseits von der Auseinandersetzung mit der Synthese von Individualpsychologie und Arbeiterbewegung und andererseits durch die Beschäftigung mit frauenspezifischen Problemen gekennzeichnet. Den Versuch, Marxismus und Individualpsychologie zu vereinen, der auch von Manès Sperber unternommen wurde, arbeitete sie in ihrem Buch "Der Weg zum Wir" auf, mit dem sie sich als führende Vertreterin der marxistischen Individualpsychologie etablieren konnte, wobei sie - wie Manes Sperber, der sie als "die intelligenteste und wohl auch die gescheiteste Frau," der er je begegnet sei, bezeichnete, in seinen Memoiren ausführte - auf die ausdrückliche Zustimmung Adlers zurückgreifen konnte.

Neben ihren Arbeiten über die Individualspsychologie wurde die Aufarbeitung der Rolle der Frau in der Gesellschaft, aber auch in der Arbeiterbewegung immer wichtiger für sie, wobei sie in dem traditionellen Wirkungsgebiet und der einseitig ausgerichteten Mädchenerziehung die Machtzementierung des Patriarchats sah. Bereits 1932 schrieb sie: "Ein traditionelles Weiblichkeitsideal, eine bestimmte Vorstellung von dem verschiedenen Wesen der Geschlechter schwebt als Leitstern über dem Erziehungswerke. Sein Ziel ist: Einordnung der Frauen in jene Position des zweiten Geschlechts, welche ihnen von der derzeitigen Menschenordnung und scheinbar von der Natur zugewiesen ist. Es ist bewußt und unbewußt orientiert an der gewohnten Ideologie von der Artverschiedenheit und Machtverteilung der beiden Geschlechter und wirkt als Erhaltungsmittel dieser Ideologie."

Alice Rühle-Gerstel wies darauf hin, daß die Unsicherheit der Männer gegenüber (selbst)bewußten Frauen sich nicht ausschließlich auf den sexuellen Bereich bezog, daß die Sexualität jedoch der Ursprung der Diskriminierung der Frauen war, weil die Rollenvorstellungen in den Sexualvorstellungen begründet waren. Durch die "Sichtbarkeit der männlichen Geschlechtsorgane" wurde "die Geschlechtlichkeit als etwas vorwiegend Männliches" angesehen. Mit der Geschlechtlichkeit wurden den Frauen jedoch gleichzeitig Verstand, Eigenständigkeit, Leidenschaft und zum Teil die Zugehörigkeit zur Menschheit abgesprochen. Was übrig blieb war die Mutterrolle. Die "Unsichtbarkeit" der Frauen, die in der Gesellschaft nur durch ihre Väter, Ehemänner und Söhne vertreten waren, bedeutete die Absicherung der gesellschaftlichen Rollen- und politischen Machtverteilung, wobei die Abwehrreaktionen gegen die Gleichberechtigung der Frauen mit Entprivilegisierungsängsten im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bereich verbunden waren. Die Angst der Männer, ihre Vormachtstellung zu verlieren war dabei weder an ideologische, noch an soziale Faktoren gebunden.
In ihrem Buch "Die Frau und der Kapitalismus" zeigte Rühle-Gerstel sehr deutlich, daß auch die Arbeiterschaft und die Gewerkschaft nur marginales Interesse an der Gleichberechtigung der Frauen hatten. Vielmehr war auch hier die Absicherung der geschlechtsspezifischen "Pfründe" wichtiger als die Realisierung der theoretisch proklamierten Gleichheit. So traten gewerkschaftlich organisierte Männer gegen die Zulassung von Frauen zu bestimmten Berufen auf, weil sie dadurch eine Verschlechterung der Lohn- und Arbeitsbedingungen befürchteten. Die Solidarität gegenüber dem eigenen Geschlecht war wichtiger als jene innerhalb der Klasse

Am 24.6.1943 schied Alice Rühle-Gerstel, nach dem Herztod ihres Mannes Otto Rühle, im mexikanischen Exil freiwillig aus dem Leben.

 

Publikationen:

Der Weg zum Wir. Versuch einer Verbindung von Marxismus und Individualpsychologie, Dresden 1927,
Das Frauenproblem der Gegenwart, Leipzig 1932, S. 4, Neuauflage unter dem Titel: Die Frau und der Kapitalismus, Frankfurt/Main 1972;
Nur ein Mädchen! - Erziehung als Entmutigung, in: G. Brinker-Gabler (Hgin), Zur Psychologie der Frau, Frankfurt/Main 1978;
Die Weibliche Sexualität, in Gisela Brinker-Gabler, ebda;
Der Umbruch oder Hanna und die Freiheit" (Roman, posthum erschienen 1984);
Kein Gedicht für Trotzki (Tagebuchnotizen, posthum 1979).
1924 Gründung des Verlages "Am anderen Ufer - Dresden-Buchholz-Friedewald" (veröff. u.a. die "Monatsblätter für sozialistische Erziehung").

Häselbarth, Heiko, Die Individualpsychologie Alfred Adlers in ihre Wirkung im sonderpädagogischen Handeln bei verhaltensgestörten Kindern und Jugendlichen, Hausarbeit; hier zitiert nach: http://www.rz.hu-berlin.de/~h0444zpc/adler.htm.
Marková, Marta (Hg), Rühle-Gerstel Alice: Verlassenes Ende. Gedichte, Innsbruck1998,
Frommhold, Erhard; Viel zu oppositionell, in: SZ 24.3.94;
Nordmann, Ingeborg, Alice Rühle-Gerstel (1894-1943). Der Versuch, Emanzipation individuell zu denken, in: Barbara Hahn (Hg), Frauen in den Kulturwissenschaften, München 1994;
Serloth, Barbara, Alice Rühle-Gerstel, in: Mesner/Mauerhofer (Hg), Frauen! Das andere Geschlecht, Wien 2000 FrauenDok, Sondernummer.
Sperber, Manes, Die vergebliche Warnung, in: derselbe: All das Vergangene, Wien 1983.

Verfasserin der Biografie: Barbara Serloth