Thomas Adrienne, geb. Hertha A. Strauch, verh. Deutsch, verh. Lesser, Ps. Erika Theobald
Erzählerin und Kinderbuchautorin

Geb. St. Avold/Moselle, Elsaß-Lothringen, 24. 6. 1897
Gest. Wien, 7.11. 1980 (begraben am Grinzinger Friedhof)

Emigrationspfad: 1933 CH, 34 F (1934 A), 38 F, 40 USA, A/Wien

Herkunft, Verwandtschaften:
Mutter Johanna Bernstein (1862 - 1944);
Vater Julius Strauch, Geschäftsinhaber (1867 - 1927);
1 Schwester, Alice (*1895), deportiert, starb in einem KZ

LebenspartnerInnen, Kinder:
1921 bis zu seinem Tod mit dem Arzt Arthur Lesser verheiratet. 1950 heiratete sie den Politiker Julius Deutsch, SDAP-Funktionär (1884 Lackenbach/Ungarn - 1968 Wien), Gründer des Schutzbundes, General im Spanischen Bürgerkrieg, Mitglied des Auslandsbüros der österreichischen Sozialisten (ALÖS), NR-Abgeordneter

Freundschaften:
Olga Schnitzler (Witwe von Arthur Schnitzler); A. Th. war unter anderem mit Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger, Hermann Kesten und dessen Ehefrau Toni befreundet. Kontakt hatte sie auch zu Ferdinand Bruckner, Ernst Toller, Hermann Broch, Klaus und Erika Mann und Erwin Piscator.

Ausbildungen:
zweisprachig aufgewachsen, Lyzeum in Metz, 1918 Gesangstudium in Frankfurt

Laufbahn:
Während des ersten Weltkrieges diente sie als Rot-Kreuz Schwester, zunächst in Metz und später in Berlin-Mariendorf. Später entstand durch diese Erfahrungen der sehr erfolgreiche Antikriegs- und Liebesroman "Die Katrin wird Soldat". Neben dem Kriegsdienst nahm sie Gesangsstunden und sang in einem Mädchenchor. Kurzzeitig war sie auch als Erzieherin in einer Volksschule tätig. 1918 begann sie ein Gesangs- und Schauspielstudium an einem Privatkonservatorium in Frankfurt am Main. Sie lebte später in Berlin und in Lugano.
1930 wurde sie schriftstellerisch tätig. 1931 erschien im "Völkischen Beobachter" ein Hetzartikel gegen ihr erstes Buch, worauf sie ins Ausland floh. 1932 ging sie in die Schweiz, 1933 nach Frankreich und 1934 nach Österreich. 1937 unternahm sie eine Vortragstournee durch Palästina.
Wieder zurück in Wien, erhielt sie im März 1938 den Befehl, sich im Gestapo-Hauptquartier zu melden. Sie entschloß sich jedoch zu fliehen und emigrierte am 5. April mit Hilfe französischer Freunde und einem falschen Paß auf Umwegen wieder nach Frankreich. Ihre Flucht brachte sie in die Tschechoslowakei, nach Ungarn, Jugoslawien und Italien bis nach Straßburg. Ihre Manuskripte mußten allerdings zurückbleiben. 1939 lebte sie einige Monate in Sevres ím Haus einer deutschen Jüdin. Schon bald wurde diese als "Spionin" verhaftet. Alles Schriftliche im Haus wurde beschlagnahmt. Ein Vorwort von Giraudoux, das ein Beamter beim Durchblätern der Bücher von Adrienne Thomas fand, rettete sie vor dem Verlust ihrer Manuskripte.
1940 wurde sie im Frauenlager Gurs interniert. Mit gefälschten Entlassungspapieren konnte sie jedoch entkommen.

1941 gelang ihr mit Hilfe des Emergency Rescue Committee die Flucht in die USA. Sie lebte dort als freie Autorin und publizierte ihre Werke in Exilverlagen. Als Mitglied der Free World Association wurde sie 1942 Sekretärin der europäischen Niederlassung. Als Angestellte beim "Free World Magazine" konnte sie vom Schreiben leben. Während der Nazizeit waren ihre Werke verboten, sie zählte zu den "verbrannten" Autoren.
Im Exil schrieb sie Beiträge für das "Neue Wiener Tagblatt", für die "Basler Nachrichten", für die "Neue Jüdische Zeitung" und für das "Free World Magazine". Dort leitete sie den deutschen und österreichischen Sektor. A. Th. hatte sich in Amerika gut eingelebt, trotzdem kehrte sie 1947, auf Drängen ihres
Mannes Julius Deutsch, nach Österreich zurück und führte in ihrem Haus in Grinzing eine Art Salon. Ab 1948 schrieb sie für die Wiener Tageszeitung "Neues Österreich" eine Artikelserie. Außerdem verfaßte sie Romane, Novellen und Hörspiele. In den fünfziger Jahren ging sie auf mehrere Vortragsreisen und las vor allem vor Mitgliedern des PEN-Clubs aus ihren Werken. Später beschäftigte sie sich nur noch mit Überarbeitungen und Korrekturen ihrer Werke und war hauptsächlich ihrem Mann Julius Deutsch bei der Niederschrift seiner Memoiren behilflich. Nebenbei hielt sie weiterhin Vorträge, so zum Beispiel 1967 unter dem Titel "Israel vor 30 Jahren" im Palais Palffy. Nach dem Tod von Julius Deutsch bemühte sie sich vor allem, sein Andenken zu bewahren und wurde seine Nachlaßverwalterin. Später ging sie wieder auf Reisen, unter anderem nach Israel. Zuletzt lebte sie eher zurückgezogen in Grinzing, Wien.

Adrienne Thomas war während ihres ganzen Lebens eine engagierte Pazifistin und trat für Freiheit und Menschlichkeit ein.

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
Ab 1949 war sie Mitglied und Vorstandsmitglied des österreichischen PEN-Clubs, 1948-1950 Mitglied der SPÖ. Sie erhielt am 18. April 1969 die große Ehrenmedaille in Silber und die Ordensschnalle der Bundeshauptstadt Wien und am 25. Juni 1973 den Professorentitel vom österreichischen Unterrichtsministerium verliehen.

spez. Wirkungsbereich:
eine bekannte Autorin der Weimarer Republik, "Die Katrin wird Soldat" größter Bucherfolg einer Frau in Deutschland, in 15 Sprachen übersetzt, zählt neben Erich Maria Remarques "Im Westen nichts Neues" zu den wichtigsten Antikriegsromaenen.

Nachlaß, Archive, Quellen:
Institut für Zeitgeschichte München; Literaturhaus/Exilbibliothek

Nachlaß:
Heeresgeschichtliches Museum, Wien; Teilnachlaß: Oberst Mag. jur. Raimund Truxa, Wien (enthält Verlagspost ab 1930, private Briefe und Unterlagen zu ihren Büchern). Der Nachlaß kommt laut Ingrid Schramm (siehe lili 5/2001 eventuell in das Literaturarchiv der ÖNB)
Datenbank Ariadne Österreichische Nationalbibliothek; Projekt "Österreichische Autorinnenn und Autoren jüdischer Herkunft" an der Österreichischen Nationalbibliothek; Verbundkatalog Aleph Mai 2001; Katzoom Nominalkatalog 1500-1929
Nachlaß Adrienne Thomas ÖLA 181/02, ÖNB

Zitate:
"Weder habe ich Kinder, noch habe ich mir je welche gewünscht" (zitiert nach Schramm, lili 5 Sept. 2001)
Über ihren Antikriegsroman "DIe Katrin wird Soldat" schrieb sie: "Ich hatte in Deutschland den größten Bucherfolg, den eine Frau dort jemals hatte. Trotzdem war es der größte Mißerfolg, den ein Buch dieser Art nur haben kann." (zitiert nach Gürtler, Schmid-Bortenschlager, S. 265)
"Vielleicht konnte man zu Kindern noch reden. Mit den Erwachsenen hatte ich keine gemeinsame Sprache mehr" (zitiert nach Gürtler, Schmid-Bortenschlager, S. 265)

Werkangaben:
Die Katrin wird Soldat. Ein Roman aus Elsaß-Lothringen. Berlin: Propyläen Verlag 1930, 1932; Amsterdam: Allert de Lange 1950; Wien: Danubia 1950; Marbach: Bücher für Alle, Gemeinschaft der Bücherfreunde 1951; Frankfurt/Main: ner-tamid-Verlag 1962; Gütersloh: Bertelsmann-Lesering 1964, München: Goldmann 1988. Das Buch, das vorher von einem halben Dutzend Verlagen abgelehnt worden war, hatte später einen riesigen Erfolg und wurde in fünfzehn Sprachen übersetzt.
Dreiviertel Neugier. Amsterdam: de Lange 1934; Wien: Tal 1934; Hannover: Fackelträger-Verlag 1954.
Katrin! Die Welt brennt! Amsterdam: Allert de Lange 1936., im selben Jahr in das Tschechische, Schwedische und Holländische übersetzt, 1937 in das Französische, Polnische und Englische
Viktoria. Eine Erzählung von jungen Menschen. Basel, Wien, Mährisch-Ostrau: Atrium 1937; 1938 erschien eine Schulausgabe in deutscher Sprache in Holland, Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1952, 1976.
Andrea. Eine Erzählung von jungen Menschen. Basel, Wien, Mährisch-Ostrau: Atrium 1937; Zwolle: Tjeenk 1938 (= Neue deutsche Bibliothek, 20); Wien: Ueberreuter 1949, 1950, 1951; Wien: Buchgemeinschaft Jung-Donauland 1955. 1937 erschien eine tschechische und holländische Übersetzung 1938 eine norwegische und ungarische, 1939 eine polnische, 1946 eine italienische und 1949 eine Schwedische.
Von Johanna zu Jane. Amsterdam: de Lange 1939. (Erschien später als "Wettlauf mit dem Traum". Amsterdam, de Lange 1939, Wien: Neues Österreich 1949, Köln, Berlin: Kiepemheuer 1951, Hannover: Fackelträger-Verlag 1955 (=Faro-Bücherei 14.)
Reisen Sie ab, Mademoiselle! Amsterdam: de Lange 1947; Wien: Danubia 1947, 1948; Berlin: Verlag das Neue Berlin 1958, 1961, Hamburg: Konkret-Literatur-Verlag 1982 (=Bibliothek der verbrannten Bücher), Frankfurt am Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1985, 1988.
Ein Fenster am East River. Amsterdam: de Lange 1945, Wien, Salzburg: Alpen-Verlag 1948.
Da und dort. Wien: Danubia 1950.
Wettlauf mit dem Traum. Roman. Wien: Neues Österreich 1949; Amsterdam: de Lange; Köln, Berlin: Kiepenheuer 1951; Hannover: Fackelträger 1955.
Ein Hund ging verloren. Eine Erzählung für die Jugend. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1953, 1973 unter dem Titel Ein Hund zweier Herren.
Markusplatz um vier. Wien, Heidelberg: Ueberreuter 1955; Wien: Buchgemeinschaft Jung Donauland 1961.
Andrea und Viktoria. Eine Erzählung von jungen Menschen. Erzählung. Wien: Tosa-Verlag 1965.
Rund um mein Gästebuch. (unvollendet)
Hymnen 1974 (unveröffentlicht)
Beiträge in "Neues Wiener Tagblatt", "Basler Nachrichten", "Neue Jüdische Zeitung", "Free World Magazine" (New York), "Prager Tagblatt" u.a.m.

Literatur:
BLÖF
Deutsches Biographisches Archi. Neue Folge
Die Presse, 26.6.1957. (Artikel zu ihrem 60. Geburtstag)
Kinder- und Jugendliteratur im Exil 1933-1950. Mit einem Anhang Jüdische Kinder- und Jugendliteratur in Deutschland 1933-1938. Eine Ausstellung der Sammlung Exil-Literatur der Deutschen Bücherei Leipzig, 1999, Verlag: Die Deutsche Bibliothek
Röder, Bd. II., S. 1163
www.aeiou.at
Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur
Bolbecher, Siglinde / Kaiser, Konstantin, Lexikon der österreichischen Exilliteratur., 2000, S. 631-632, Wien, Verlag: Deuticke
Bruckmann, Ernst, Personenlexikon Österreichs, 2001, Wien, Verlag: Buchgemeinschaft Donauland
Fuss Philipps, Zlata, German Children's and Youth Literature in Exile 1933-1950. Biographies and Bibliographies, 2001, München, Verlag: Saur
Gürtler, Christa; Sigrid Schmid-Bortenschlager, Erfolg und Verfolgung. Österreichische Schriftstellerinnen 1918-1945, 2002, S. 263-279, Wien, Verlag: Residenz
Hessmann, Daniela, Der Beitrag jüdischer Autorinnen zur Kinder- und Jugendliteratur der dreißiger Jahre, dargestellt an Beispielen von Anna Maria Jokl, Auguste Lazar, Ruth Rewald und Adrienne Thomas, 1999, Salzburg
Hladej, Hubert, Das österreichische Kinder- und Jugendschrifttum nach dem Zweiten Weltkrieg, 1968
Internationales Institut für Jugendliteratur und Leseforschung (Hg.), Die österreichische Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen bis zur Gegenwart, 1999 (CD-ROM)
Killy, W. (Hg.):, Literaturlexikon. Autoren und Werke deutscher Sprache., Verlag: Bertelsmann Lexikon Verlag
Pichler, Maria, Bücher für jugendliche Leser. Ein empfehlendes Bücherverzeichnis, 1955, Wien
Schmid-Bortenschlager, Sigrid; Schnedl-Bubenicek, Hanna, Österreichische Schriftstellerinnen 1880-1938. Eine Bio-Bibliographie., 1982, Stuttgart, Verlag: Akademischer Verlag Hans-Dieter Heinz
Schramm, Ingrid, Adrienne Thomas. Die kinderlose Kinderbuchautorin, 2001, S. 25-27, Wien
Seeber, Ursula (Hg.), Kleine Verbündete. Vertriebene österreichische Kinder- und Jugendliteratur, 1998, Wien, Verlag: Picus Verlag
Sinhuber, Karin, Adrienne Thomas. Eine Monographie., 1990, Wien
Spalek, John M.; Strelka, Joseph (Hg.):, Deutsche Exilliteratur seit 1933., 1989, Bern
Stock, Karl F., Visible Bibliogramm Modul Visibel. Recherche in den Dateien der bibliographischen Nachschlagewerke von Stock-Heilinger-Stock, 1995, Graz, Verlag: Stock & Stock
Teichl, R., Österreicher der Gegenwart., 1951, Wien
Wall, Renate, Verbrannt, verboten, vergessen. Kleines Lexikon deutschsprachiger Schriftstellerinnen 1933-1945., 1989, 2. Aufl., Köln, Verlag: Pahl-Rugenstein
Zohn, Harry, ...ich bin ein Sohn der deutschen Sprache nur ... Jüdische Erbe in der österreichischen Literatur., 1986, München

Autorin der Biografie: Susanne Blumesberger