Annelies Umlauf-Lamatsch: Märchenmutti oder Propagandaautorin ? (1)
(zitiert aus: biblos. Beiträge zu Buch, Bibliothek und Schrift, hrsg. von der Österreichischen Nationalbibliothek 50,2, PHOIBOS, Wien 2001)

Annelies Umlauf-Lamatsch, wie sich Anna-Louise Umlaufnannte, wurde als Tochter eines österreichischen Offiziers am 6.3. 1895 in Herrnsdorf bei Dresden geboren. Sie unterrichtete ab 1915 an einer Wiener Volksschule und begann 1920, Bilderbücher zu schreiben. 1923 bis 1945 war sie als Lehrerin am Pädagogischen Institut (2) in Wien tätig. Außerdem arbeitete sie an Hör- und Fernsehspielen mit. Die mit dem Titel "Professor" ausgezeichnete Autorin starb am 18.3. 1962 in Wien (3). Die in Wien geborene Tochter Ellen Umlauf war als Schauspielerin, Produzentin und Regisseurin tätig. Sie starb mit 74 Jahren.

Eine der fruchtbarsten Jugendschriftstellerinnen, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb, ist Anneliese Umlauf-Lamatsch. Sie war eine gute Lehrerin und verstand es, Kindern packend zu erzählen. Sie vermochte es aber nicht, neueren literarischen Entwicklungen zu folgen.(4) Umlauf -Lamatsch hat aber nicht nur vor und nach dem 2. Weltkrieg ihre "packenden" Kinderbücher geschrieben, sondern auch währenddessen, wie die folgende bibliographische Liste zeigt (5):

Wiener Märchen. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk. 1923, 2. Auflage 1925*, Wien: Verlag für Jugend & Volk 1948,1951*
Pilzmärchen. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1925*, 1926, Wien: Verlag für Jugend & Volk 1951 *
Schnick, Schnack, Schnuck die Hutzelmännchen. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1926*, 1927, 1929, 1941 *, Wien: Verlag für Jugend & Volk 1952*, 1958*
Mein erstes Geschichtenbuch. Erzählungen, Märchen und Gedichte. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1927*, 1928, 1941 *, 1943*, Wien, München: Jugend & Volk, 1948*,1951*,1955* 1963*,1973*,1981*
In der Heimat df!r Blumen. Wien, Leipzig: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1931 *, 1941 *, 1946, Wien: Verlag für Jugend und Volk 1950*, 1990*
Die neun Kegel. Wien, Leipzig: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1932* Wien: Verlag für Jugend & Volk 1950*, 1962, München: Hirundo Verlag 1968*, München: Jugend & Volk 1968, Wien: Breitschopf 1987*
Wunder um uns. Wien, Leipzig: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1932*, Verlag für Jugend & Volk 1950*
Der kleine Peter in der Katzenstadt. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1933*, 1934*, Wien, München: Jugend & Volk 1950*,1953*,1956*,1961*, 1964*,1967* 1970*,1972*,1975*,1977*, 1982* 1984*,1987*,1989*, 1991* 1993
Die Steinzwerge und ihre schwarze Stadt. Wien, Leipzig: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1935* 1935, 1949*,Wien: Verlag für Jugend & Volk 1950*, unter dem Titel Die Steinzwerge Wien: Breitschopf 1987*
Ping, der Schmetterling. Großschönau u. a.: Kaiser 1936
Die Reise ins verkehrte Land. Großschönau u. a.: Kaiser 1936
Putzi, das Teufelchen. Großschönau u. a.: Kaiser 1936 Wien: Verlag für Jugend & Volk 1949* 1953, 1956*1984*
Wenn die Sonne Schlittschuh läuft. Heitere Märlein für Kleine. Großschönau: Kaiser um 1936 Wien: Verlag für Jugend & Volk 1952*
Gucki das Eichkätzchen und sein Wald. Wien: Deutscher Verlag für Jugend undVolk 1938*, 1940* 1941*,1946*
Blumenkinder im Jahresreigen. Dresden: Flechsig 1940
Pampf, der Kartoffelkäfer. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1943*, 1949*
Ein Kinder-Festspiel zur Geburtstagsfeier unseres Führers und ein Märchen zur Maifeier. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1939*
Nixis Erlebnisse im Waldsee. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1943*, 1946, 1948*
Die Schneemänner. Wien, Leipzig: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1931 *, 1933, 1940*,1941*, 1942,1943*,1944*, München: Jugend & Volk 1946,1947*1953*, 1955* 1960*, 1962, 1963*, 1965*, 1968*, 1969*, 1973*, 1978*, 1982*, 1985, 1988*,1989* 1994
Hannerl in der Pilzstadt. Wien: Deutscher Verlag für Jugend und Volk 1941 *,Wien: Verlag für Jugend & Volk 1946, 1948* 1951 *, 1976, Wien: Buchgemeinschaft Donauland, Gütersloh: Bertelsmann Club, Zug/Schweiz: Buch- und Schallplattenfreunde, Stuttgart: Europäische Bildungsgemeinschaft 1983*, Wien, München: Jugend und Volk 1990*
Die Speckflöte. Wien: Verlag Baron 1947*
Putzi und Bauxi. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1948*, 1951 *, 1984*
Die drei Hasenkinder. Wien: Baron Verlag 1948* Wien: Kremayr & Scheriau 1953*, Wien: Buchgemeinschaft Jung-Donauland 1954*
Schönbrunner Lausbuben. Ein Bilderbuch über die lustigen Streiche und Abenteuer unserer Schönbrunner Tierkinder. Wien: Göschl 1950**, 1951 *, 1952, 1954*, 1956, 1960*1962*, 1963*, 1965* 1968*
Das grüne Schloß. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1950*
Hand in Hand ins Friedensland. Wien: Verlag des Österreichischen Gewerkschaftsbundes 1951*
Putzis weitere lustige Streiche. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1951, 1984
Dackeljana. Wien: Adolf Swoboda und Söhne 1951 *
Das Puppelinchen. Eine Puppengeschichte für kleine Mädchen. Wien: Göschl1951 *
Der verkühlte Guglhupf. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1952*
Der kleine, kleine Wutzi geht in die große, große Welt. Wien: Birken Verlag 1952* Wien: Toman 1981*
Pong springt durch die Welt. Großschönau u.a.: 1936*1953* Berlin: Weiss 1954
Der Goldregen. Ein Märchenstrauß. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1953 Wien: Kremayr & Scherlau 1954*, Wien: Buchgemeinschaft Jung-Donauland 1955*
Das schlimme Töfferl. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1953, Stuttgart: Loewes Verlag Ferdinand Carl 1953
Tra-raa die Feuerwehr. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1953*
Puppelinchens Erlebnisse und Abenteuer. Wien: Verlag A. Göschl & Co 1953*1954
Zigeuner der Landstraße. Stuttgart: Loewes Verlag 1954, 1955*
Der gestohlene Stern. Wien: Kremayr & Scherlau 1955*, Wien: Buchgemeinschaft Jung- Donauland 1955*
Mixtebix, der Kräuterdoktor. Wien: Verlag für Jugend & Volk 1955*,1956*
Peterles Weihnachtstraum. Pürth: Pestalozzi Verlag 1963

Die lange Liste an Werken mit den vielen Neuauflagen zeigt, wie beliebt die Bücher dieser Autorin waren bzw. immer noch sind. Mehrere Generationen kamen nicht umhin, Bücher von Umlauf-Lamatsch zu lesen, da einige ihrer Bücher Klassenlesestoff waren. Die Autorin hat auch selbst mitgeholfen, ihren Bekanntheitsgrad zu erhöhen, indem sie in ihren Märchen immer wieder Geschichten aus früheren Büchern einarbeitete und somit bei den Kindern Neugierde auf die angedeuteten Figuren weckte.
Auf den ersten Blick scheint es sich bei den Büchern um harmlose Märchen und Geschichten für Kleinkinder bzw. um nette Jugendromane zu handeln. Annelies Umlauf-Lamatsch hat aber auch politische Propaganda betrieben, wie die Auseinandersetzung mit jenen Werken zeigt, die während der Zeit des Nationalsozialismus entstanden sind. Hinter der "Märchenmutti", als die sie sich den Kindern in ihren Büchern immer wieder vorgesteIlt hat, steckte noch eine ganz andere Frau.
Zunächst soll jedoch ihr Schaffen vor dem Zweiten Weltkrieg näher betrachtet werden:

Mit den Wiener Märchen, 1923 zum ersten Mal erschienen, werden in mehreren Märchen Ereignisse geschildert, die sich in Wien zugetragen haben sollen. Bei Pilzmärchen greift die Autorin nicht nur alten Märchenstoff auf, sondern versucht auch, pädagogisch auf die jungen Leser einzuwirken. In einem dunklen Zauberwald lebende Zwerge wollen ihren Wald verschönem und zaubern sich die schönsten und wohlschmeckendsten Pilze herbei. Die böse Hexe jedoch will den Zwergenkönig vergiften und schafft zu jedem guten Speisepilz auch einen ähnlich aussehenden Giftpilz. Schließlich ißt der König von einem solchen Pilz und stirbt. Den trauemden Zwergen gelingt es schließlich, die Hexe zu töten, und alle werden wieder glücklich. Allerdings wird nicht nur der pädagogische Auftrag, das Auseinanderhalten von guten und giftigen Pilzen den Kindern mitgegeben, sondern auch der Grundsatz, daß das Böse so schnell und restlos wie möglich ausgerottet werden soll. Schnick, Schnack, Schnuck ist 1926 erstmals erschienen, wurde 1929 mit Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht vom 18. November 1929 für allgemeine Volksschulen als Klassenlesestoff zugelassen und 1941 wieder aufgelegt. Drei Wichtelmännchen freunden einander an und verbringen ein idyllisches Leben mit Insekten und anderen Waldbewohnern.

In Mein erstes Geschichtenbuch, 1927 erstmals erschienen und in den ersten Auflagen von Ida Bohatta-Morpurgo(6) illustriert, werden Stellen aus anderen Büchern von Umlauf-Lamatsch übernommen. Das Buch ist an Kleinkinder gerichtet und gibt traditionelle Rollenklischees weiter. Die Auflage von 1941 wurde im Sinne der NS-Ideologie erweitert, wie weiter unten noch besprochen werden wird. Ähnlich wie in Pilzmärchen versuchte die Autorin auch In der Heimat der Blumen die Natur auf kindliche umealistische Weise zu erklären und die Kinder gleichzeitig zu einem vorsichtigeren Umgang mit der Umwelt anzuleiten. Die Blumen ziehen ins Blumenland, weil sie von unachtsamen Kindern zu schlecht behandelt werden. Erst als die Menschen schon am Verhungern sind und keine Kräuter mehr haben, aus denen sie Arzneien herstellen können, kehren die Blumen wieder ins Menschenland zurück. Allerdings nur mehr für die Hälfte des Jahres, was auch die Entstehung der Jahreszeiten erklären soll. In Wunder um uns von 1932 sollen Ursprung und Verarbeitung von Alltagsgegenständen wie zum Beispiel Möbelstücken erklärt werden. Umlauf-Lamatsch bedient sich dabei wieder ihrer bevorzugten Erzählform und läßt die Dinge einander ihre Geschichte erzählen. Menschen kommen in diesem Buch so gut wie nicht vor.

Die Steinzwerge und ihre schwarze Stadt, in späteren Ausgaben nur noch Die Steinzwerge, ist eine komplexere Geschichte. Wieder handelt es sich um ein Zwergenvolk, das glücklich und froh lebt, während über dem Fluß ein anderes Zwergenvolk lebt, das unwissend und arm, in Menschensprache übersetzt, ganz einfach "unzivilisiert" ist. Sie kennen kein Feuer und auch keine Seife, leben also in Unwissenheit, Dunkel und Schmutz dahin und sehnen sich nach nichts mehr, als von ihrem üblen Dasein erlöst zu werden. Schließlich gelingt es dem glücklichen Zwergenvolk, mit Hilfe einer Elfe zu dem unglücklichen Volke durchzudringen und es mit allem Nötigen zu versorgen und es zu lehren, wie man Seife herstellt und sauber wird. In der Ausgabe von 1935 heißt es dann auch auf Seite 61: Ein gesundes Geschlecht wuchs da in Sonne und Luft heran, was in Nachkriegsausgaben verändert wurde in Gesunde Kinder wuchsen da in Sonne und Luft heran.

Das Motiv des Erlöstwerdens und das Spiel mit Gut und Böse läßt sich auch gut bei der Putzi-Trilogie beobachten. In Putzi, das Teufelchen, wird ein "Krampusserl" wie Umlauf-Lamatsch es nennt, am Nikolaustag zu den Menschenkindern mitgenommen und darf ein Jahr lang bei den beiden braven Kindern wohnen, es spielt den Menschen zwar einige harmlose Streiche, ist aber sonst ebenso brav wie die beiden Kinder. Die Geschichte setzt sich in Putzi und Bauxi fort. An dem Tag an dem Putzi wieder zurück in die Hölle kommen soll, wo es aber nicht mehr hin will, trifft es einen verzauberten Weihnachtsengel mit dem Namen Bauxi und darf schließlich bei ihm im Himmel wohnen. Im dritten Band Putzis weitere lustige Streiche werden wieder einige Abenteuer des ehemaligen Teufelchens erzählt. Schließlich ist es so brav geworden, daß ihm richtige Engelsflügerl gewachsen sind und der Teufel keine Chance mehr hat, den ehemaligen Krampus zurück in die Hölle zu holen.
Die Aufforderungen zum Brav-, Gehorsam- und Fleißigsein setzen sich auch in anderen Märchenbüchern, die Umlauf-Lamatsch in dieser Zeit herausgegeben hat, fort. So zum Beispiel in Gucki, das Eichkätzchen und sein Wald, ein Märchen um die Tiere des Waldes.

Erläuterungen:

1
Der Beitrag entstand im Rahmen des Moduls "Kinder- und Jugendbuchautorinnen", des Projekts "Biografische Datenbank und Lexikon österreichischer Frauen am Institut für Wissenschaft und Kunst, ein Jubiläumsfondsprojekt mit der Nummer 8546".
2
Nachfolgeinstitut der ehemaligen Lehrerakademie, wurde 1923 von Otto Glöckel eröffnet. Das Institut diente hauptsächlich der Fortbildung für Lehrer und der Vorbereitung auf die Lehrbefähigungsprüfung für Volksschulen.
3
Obwohl die Bücher von Umlauf-Lamatsch sehr große Verbreitung fanden und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden, findet man nur sehr wenige biographische Hinweise.
4
Lexikon der Kinder- und Jugendliteratur Band 1 Weinheim, Basel: Beltz Verlag 1975, 597f.
5
Werke, die mit einem * gekennzeichnet sind, sind in der Österreichischen Nationalbibliothek vorhanden. ** bedeutet Verlust. In die Liste wurden alle in Online-Katalogen und im Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums (GV) 1911-1965 New York, London, Paris 1981 nachweisbaren Bücher aufgenommen.
6
*15. 4. 1900 in Wien. Sie absolvierte den Kinderkurs bei Prof. Pranz Cizek, studierte an der Kunstgewerbeschule und illustrierte und schrieb selbst zahlreiche Kleinkinderbücher. Obwohl sie als tiefgläubige Katholikin mit monarchistischer Gesinnung galt, wurde sie am 1. 7. 1938 in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen. Ihre Bücher schienen in einem empfehlenden Auswahlverzeichnis von 1940 auf. Sie starb am 1.11. 1992 in Wien.