Wahle Anne, Schwester Hedwig, NDS
Religionspädagogin, Theologin und Lehrerin

Geb. Wien, 17.12. 1931

Herkunft, Verwandtschaften:
Vater: Karl Wahle (Dr. jur., 6. 6.1887 Wien - 15. 6. 1970 Wien) Oberlandesgerichtsrat, ab 1945 Leiter, später Präsident des Handelsgerichts, ab 1948 Rat des Obersten Gerichtshofes, 1949 Senatspräsident, 1954 Zweiter Präsident und 1956 bis zu seiner Pensionierung Erster Präsident. Er erhielt 1967 den Ehrendoktor der Innsbrucker Universität und war zusätzlich Universitätsprofessor für Handelsrecht und Mitglied mehrerer Prüfungskommissionen).

Mutter: Dr. phil. Hedwig Brunner (13.11.1897 – 1957) Versicherungsmathematikerin.
Bruder: Franz (geb. 1929) emigrierte nach Großbritannien, studierte Nationalökonomie an der Londoner Universität und legte sie Prüfungen für ein "Chartered Accounteant" ab. Danach arbeitete er mehrere Jahre für John Lewis (eine Großkaufhauskette). 1959 bis 1966 studierte er in Rom und wurde 1965 zum Priester geweiht)

Anne Wahle stammte aus einem liberaljüdischen Elternhaus, wurde katholisch erzogen. Die Eltern tauchten nach dem Anschluß unter und wurden von der früheren Haushaltshilfe versorgt. Als jeweils mit anderen Partnern verheiratetes Liebespaar getarnt, konnten sie sich so mit zahlreichen Arbeiten finanziell über Wasser halten.

Ausbildungen:
Besuchte die Volksschule in mehreren Klöstern, unter anderem der Erzdiözese Wien am Judenplatz, ab Herbst 1938 die Schule am Börseplatz. Wegen ihrer jüdischen Abstammung wurde sie zusammen mit ihrem Bruder von ihren Eltern am 10. Jänner 1939 mit einem Kindertransport nach England geschickt und blieb bis 1950 in mehreren Klöstern, unter anderem in "Unsere Liebe Frau von Sion" in London, wo sie die Volks- und Mittelschule besuchte. Im Juli 1948 erhielt sie das Oxford School Certificate und 1950 das Higher School Certificate. Nachdem sie nach Österreich zurückgekehrt war und die in England abgelegten Prüfungen anerkannt worden waren, begann sie Mathematik und Physik an der Universität Wien zu studieren. 1954 legte sie die Lehramtsprüfung ab.

Laufbahn:
Kam mit einem von den Quäkern organisierten Transport nach England. Sie absolvierte 1951 bis 1953 das theologische Laienjahr. Am 14. Februar 1955 trat sie in Wien in die Kongregation "Unsere Liebe Frau von Sion" ein. Das letzte Jahr ihres Noviziates verbrachte sie in Frankreich. 1957/58 leistete sie ihren Probedienst am privaten Mädchengymnasium in der Kenyongasse. 1959 bis 1962 unterrichtete sie an der Handelsakademie der Kongregation. Danach lebte sie zwei Jahre lang in Paris, begann Hebräisch zu lernen und sich mit Judaistik zu beschäftigen.. Nach ihrer Rückkehr 1964 inskribierte sie Judaistik an der Universität Wien und übernahm zugleich die Leitung des Studentinnenheims der Kongregation in der Burggasse. Dabei organisierte sie monatliche Veranstaltungen mit christlich-jüdischer Thematik. 1965 bis 1967 unterrichtete sie am neusprachigen Gymnasium. Um sich intensiver ihren Studien widmen zu können, zog sie sich vom Lehramt zurück, 1969 bis 1971 unterrichtete sie wieder in der Sperlgasse. Zu dieser Zeit begann sie an ihrem Buch "Ist Adam an allen schuld?" zu arbeiten. 1967 erarbeitete sie zusammen mit Prof. Dr. Kurt Schubert und Dr. Clemens Thoma das vom Koordinierungsausschuß für christlich-jüdische Zusammenarbeit vorgelegte Memorandum mit dem Titel "Darstellung des Judentums in der Katechese". Zu gleichen Zeit begann sie ein Informationszentrum im Dienste der christlich-jüdischen Verständigung (IDCIV) einzurichten und leitete es bis 1991. 1969-1975 war sie an der Erarbeitung der "Einführung in die Perikopen" des Österreichischen katholischen Bibelwerkes beteiligt. 1969 bis 1972 unterrichtete sie wieder an der Sperlgasse. 1972 promovierte sie mit der Dissertation "Das Problem der rabbinischen Anthropologie" zum Dr.phil.

1973 organisierte sie im Auftrag des Koordinierungsausschusses eine ökumenisvche Studientagung für Religionslehrer zum Thema "Judentum und Katechese" in Neuwaldegg. Ab 1975 arbeitet sie in der Projektgruppe Wien, die heute Interdiözesane Projektgruppe heißt, an der Erstellung eines neuen Lehrplanes und an Religionsbüchern für die Unterstufe der AHS mit. 1975 bis 1991 unterrichtet sie hauptsächlich Religion und einige Stunden Mathematik und Physik in der Schützengasse, im April 1980 wurde sie pragmatisierte Lehrerin. Dazwischen studierte sie Theologie und wurde 1982 zum Magister der Kombinierten Religionspädagogik sponsiert. 1974 bis 1991 war sie geschäftsführende Präsidentin des "Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit". 1991/1992 verbrachte sie in den USA und nahm an einem Sabbatical Programm "Focus on Leadership" in Spokane, Washington teil. 1992 bis 1998 verbrachte sie teilweise in Rom und in Brüssel. In Rom arbeitete sie im SIDIC in Brüssel und hielt unter anderem Vorlesungen über das Judentum und den christlich-jüdischen Dialog in Lumen Vitae, dem CETEP und der Faculte´s Universitaires Saint-Louis. Ab 1998 lebt sie in London und bereitet sich vor, als Spiritual Director und Retreat Director zu wirken. Daneben ist sie mit der Computerisierung der Bibliothek des Studienzentrums für Christlich-jüdischen Dialog beschäftigt. Zugleich arbeitet sie an ihren eigenen Memoiren und denen ihrer Eltern.

Nachlaß, Archive, Quellen:
Korrespondenz mit Susanne Blumesberger am 28.7.2000. Mutter, Bruder, Vater, ich. In: Entschluß 5/1991 (Jesuitenzeitung).

Werkangaben:

Bücher:
Ist Adam an allem schuld? Wien: Tyriolia Verlag, 1971
Das gemeinsame Erbe. Judentum und Christentum in heilsgeschichtlichem Zusammenhang Wien: Tyrolia Verlag, 1980 (wurde ins Polnische übersetzt)
Das Evangelium – ein jüdisches Buch? Eine Einführung in die jüdischen Wurzeln des neuen Testaments. Freiburg im Breisgau: Herder Taschenbuchverlag 1986
Juifs et Chrétiens en dialoque. Vivre d’un héritage commun. Bruxelles: Lumen Vitae 1997 (wurde ins Flämische übersetzt)

Beiträge:
Die Erbsündenlehre und die zwischentestamentliche Literatur In: Dexinger-Staudinger-Wahle-Weismayer: Ist Adam an allem schuld? Innsbruck: Tyrolia Verlag 1971, S. 116-181
Das christlich-jüdische Gespräch in Österreich In: Emuna 2/1973, S. S. 142-146
Bibliographie und Hilfsmittel zum Thema Judentum und Katechese In: Christlich-pädagogische Blätter 4/1973, S. 213-215
Jüdische Riten und Gebräuche im Christentum In: Religionsunterricht an höheren Schulen Düsseldorf 2/1975
Die christlich-jüdische Zusammenarbeit in Europa In: Lebendiges Zeugnis Februar 1977
Der christlich-jüdische Koordinierungsausschuß und sein Werden In: Christlich-pädagogische Blätter 6, 1991
Christlich-jüdische Zusammenarbeit in TRE /Theologische Realenzyklopädie)
Mutter, Bruder, Vater, ich In: Entschluß 5/1991 (Jesuitenzeitung)
Das I.D.C.I.V. - Entstehen und Wirken des Informationszentrums im Dienste der christlich-jüdischen Verständigung. Vortrag Nr. 9 Oktober 1987 (Informationszentrum im Dienste der christlich-jüdischen Verständigung)
Die Juden in Ungarn IDCIV Vortrag Nr. 27 Oktober 1988
Rabbinische Gleichnisse und die Gleichnisse Jesu IDCIV Vortrag Nr. 3 Juni 1986
25 Jahre nach der Konzilserklärung Nostra Aetate §4 IDCIV Vortrag Nr. 31 Oktober 1990
Some known and unknown pioneers (in Christian –Jewish Dialogue) of continental Europe. In: SIDIC 2/1997 (Englisch und Französisch)
Das synagogale Gebet am Freitag Abend IDCIV Behelf Nr. 1 o.J. (zusammen mit Kurt Bergmann)

Literatur:
Blumesberger, Susanne / Doppelhofer, Michael / Mauthe, Gabriele (Bearb.), Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft. 18. bis 20. Jahrhundert, Hg. Österr. Nationalbibliothek, 2002, München, Verlag: K. G. Saur
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Hg.), Jüdische Schicksale. Berichte von Verfolgten (Erzählte Geschichte. Berichte von Widerstandskämpfern und Verfolgten, Band 3), 1992, S. 623-626, Wien, Verlag: ÖBV
In: Entschluß 5/1991 (Jesuitenzeitung).

Autorin der Biografie: Susanne Blumesberger