Anna Boschek


eine andere Person

Boschek Anna, Gewerkschafterin, Frauenrechtlerin und Nationalrätin (SDAP); röm.-kath., Dissidentin

Geb. Wien, 14.5. 1874

Gest. Wien, 19.11. 1957

Herkunft, Verwandtschaften:
Vater Eisenbahnschlosser, Mutter ehemalige Landarbeiterin, später Textilheimarbeiterin; sieben Geschwister; Anton Hueber, Obmann und Sekretär der österreichischen Gewerkschaftskomission war ihr Vormund bis zu ihrer Volljährigkeit, ihr symbolischer Vater und ihr politischer Mentor. A. B. wurde in die Familie aufgenommen, mit der sie gemeinsame Urlaube verbrachte. 1900 als 26-jährige begann sie, Anton Hueber in der Frauenfrage zu widersprechen. In den 20er Jahren war ihr Leben eng mit ihrer Schwester und ihrem Schwager Heinrich Dworak verbunden, bei denen sie meist den Winter in der Linzerstraße 410, im 14. Wiener Gemeindebezirk, verbrachte. Auch der Kontakt zu ihren Neffen und Nichten war ihr wichtig.

LebenspartnerInnen, Kinder:
A. B. lebte allein und hatte eine Hausgehilfin.

Freundschaften:
Anton Huebers Tochter Josefine, verehelichte Holzer, blieb bis an ihr Lebensende eine enge Freundin; die Nächte vom 14. bis 17. Februar 1934 verbrachte sie bei ihr.

Ausbildungen:
Abbruch der Volksschule nach vier Jahren.

Laufbahn:
A. B. begann nach dem Tod des Vaters mit 9 Jahren zu arbeiten (Heimarbeit), mit 11 Jahren in einer Perlenbläserei, mit 14 nach einer Verätzung im Gesicht und an den Händen Wechsel in eine Galvanisierungswerkstätte, Mundharmonikafabrik, Abbruch der Lehre in einer Chinasilber-Fabrik wegen eines Augenleidens, Fabriksarbeiterin, seit 1891 Spulerin in einer Ottakringer Trikotfabrik; Mitglied der Gewerkschaft der Textilarbeiter 1891, Beitritt zum sozialdemokratischen Arbeiterinnen-Bildungsverein, Wahl in die Vereinsleitung; 1893 durch Anton Hueber Anstellung bei der Gewerkschaftskomission für die gewerkschaftliche Organisierung von Frauen, Delegierte des 1. österreichischen Gewerkschaftskongresses der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften 1893, seitdem Agitationstouren in die verschiedenen Gebiete der Monarchie, Versammlungen, Referate, Gerichtsverhandlungen wegen "des Verbrechens der Religionsstörung", Vorbehalte der Gewerkschafter gegen die Kolleginnen; 1894 erstmals Delegierte zu einem Parteitag, nahm an fast allen Parteitagen vor dem Ersten Weltkrieg und in der Ersten Republik teil, trat jedoch nicht oft als Diskutantin in Erscheinung. 1894 Sekretärin der Gewerkschaftskomission, 1890 die erste Frau im Parteivorstand der SDAP; Geschäftsführerin des am 1. Mai 1898 gebildeten Frauen-Reichskomitees; auf dem Parteitag 1900 in Graz Kritik an der Partei, daß diese die Forderung nach dem Frauenwahlrecht vernachlässige; 1901 zum Verein der Heimarbeiterinnen und aller im Haus tätigen Frauen umgewandelt; als eine der österreichischen Vertreterinnen Teilnahme an der ersten sozialistischen Frauenkonferenz im August 1907 in Stuttgart; Frauenreichskomitee, Vorsitzende der Frauensektion im Bund Freier Gewerkschaften; im 1. WK in Fürsorgeaktionen und in der Frauenhilfsaktion aktiv; 1918 für die Sozialdemokraten in die Komission für Frauenarbeit beim Ministerium für soziale Verwaltung delegiert; Abgeordnete des provisorischen Gemeinderates von Wien 1918 - 1919, dort Mitglied des Ausschusses zur Beratung der Gemeindeverfassung, Mitglied der Frauenkomission des Internationalen Arbeitsamtes seit 1919, Teilnahme an der Hauptversammlung in Genf 1932, Gewerkschaftskongreß über Frauenarbeit 1928; Mitglied des Gemeinderates von Wien 1919 - 1920 (1923 Hauch), Mitglied in der ersten Reichskomission der freien Gewerkschaften Österreichs, Mitglied der Konstituierenden Nationalversammlung SdP 4.3.1919 - 9.11.1920, Abgeordnete zum Nationalrat (I.-III.GP) 10.11.1920 - 1.10.1930, Abgeordnete zum Nationalrat (IV. GP) SdP 2.12.1930 - 17.2.1934; 1934 verhaftet, im Verhör Angabe, von den Ereignissen überrascht worden zu sein; sieben Wochen im Polizeigefangenenhaus an der Elisabethpromenade, nach Entlassung unter Polizeiaufsicht; im Ständestaat bei jener Gruppe Sozialdemokraten, die sich bei Amalie Seidl trafen; von einer Verhaftung oder Einvernahme während des Nationalsozialismus ist nichts bekannt. 1945 trat A. B. mit 71 Jahren aus gesundheitlichen Gründen - sie hatte grauen Star - aus ihren politischen Funktionen zurück, blieb jedoch in der Sektion der SPÖ des 15. Bezirkes aktiv und nahm an allen Frauen- und Gewerkschaftstagungen teil. Noch als 80-jährige referierte sie bei politischen Schulungskursen, im Sommer 1957 hatte sie bei der Internationalen Sozialistischen Frauenkonferenz in Wien ihren letzten großen Auftritt.

Ausz., Mitgliedschaften, Kooperationen:
A. B. wurde in Form des Anna Boschek-Lehrmädchen-Heims, das zwischen 1957 und 1959 für 100 Lehrmädchen errichtet wurde, ein Denkmal gesetzt. Heute ist es aufgelassen und trägt den Namen Anna Boschek-Haus. 1891 Bekanntschaft mit Maria Krasa, die Mitglied in mehrern Arbeiterinnen-Vereinen war; durch sie kam A. B. zur Sozialdemokratie. Maria Krasa überzeugte auch A. B.s Mutter, die dem Engagement der Tochter ablehnend gegenüberstand. 1893 Teilnahme am Gewerkschaftskongreß der sozialdemokratischen Freien Gewerkschaften mit Maria Krasa und Adelheid Popp; neben Adelheid Popp die zweite "Berufspolitikerin" der österreichischen Sozialdemokratie, mit ihr und Therese Schlesinger drei Jahrzehnte die unveränderte Führungsschicht der sozialdemokratischen Frauenbewegung. Auf dem Parteitag 1900 in Graz gemeinsam mit Therese Schlesinger Kritik an der Parteilinie in puncto Frauenwahlrecht; 1923 wurde mit Cilli Lippa eine zweite Frau in die Gewerkschaftskomission, das leitende Gremium der Freien Gewerkschaften, gewählt.

Spez. Wirkungsbereich:
F ührende Pionierin der gewerkschaftlichen und politischen Frauenorganisationen der SDAP; Gründung der Gewerkschaft der Näherinnen als Versuch, in die Definition von Frauenarbeit auch die häusliche Reproduktionarbeit mit einzubeziehen, war weder innerorganisatorisch noch nach Mitgliedern erfolgreich, auch innergewerkschaftlich kritisiert. Nach 1918 in der Kommission für Frauenarbeit beim Ministerium für soziale Verwaltung trug A. B. den Abbau der Frauenerwerbstätigkeit mit. Als Mitglied des Sozialpolitischen Ausschusses des Nationalrates während der gesamten Ersten Republik, oft als einzige Frau in dem 26-köpfigen Gremium, war sie maßgeblich an der Vorbereitung und Ausarbeitung der Heimarbeiterinnen-, Hausgehilfinnen-, Hebammen- und Ammengesetze beteiligt. Mit ihrer vierjährigen Volksschulausbildung tat sich A. B., laut eigener Aussage, als Parlamentarierin mit der juristischen Terminologie schwer. Auf dem Gewerkschaftskongreß zu "Frauenarbeit" 1928 forderte sie die Schaffung frauenspezifischer Sektionen, denn "nebst Arbeiterin ist die Frau auch Frau", so A.B. (Hauch, Protokoll des 10. Österreichischen Gewerkschaftskongresses, o.J. (1928), S. 457)

Zitate:
A. B. war eine eifrige Verfasserin von Gedichten. In ihren biographischen Skizzen beschrieb sie, mit welchen Ängsten und Schikanen ihre Agitationstouren durch die Monarchie für eine junge Frau, alleine, mit den damaligen Verkehrsmitteln, verbunden waren (vgl. Boschek, 1912). In ihre Reden im Nationalrat flossen immer wieder persönliche Erlebnisse ein, wie etwa anläßlich der geplanten Ausdehnung der gesetzlichen Arbeitsruhe an katholischen Festtagen: "Schon ihre Mutter" habe immer gesagt, der "schulfreie Tag sei der Tag, an dem die Kinder den ganzen Tag essen wollen und viel mehr aufgeht, weil die Familie zu Hause ist". (Hauch) Rückblickend meinte sie: "Ich habe mich behaupten können". (Hauch, Sten. Prot. NR, GP IV, 155, 27.1.1933, 2976)

Biograph. Mitteilungen, Hinweise:
Protokoll des ersten österreichischen Gewerkschaftskongresses 1894, Protokoll des Siebenten ordentlichen Gewerkschaftstages 1913; Verhandlungen, Parteitage der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Österreichs, Wien 1889-1932, hier 1894, 1900, 1901, 1903-05, 1909, 1911, 1917, 1919 und 1920-32 (für 1933 existiert kein Protokoll).

Nachlaß, Archive, Quellen:
Wien, Wienbibliothek im Rathaus (enthält u.a. den Bestand, welcher ursprünglich bei der Kammer für Arbeiter und Angestellte untergebracht war):
Splitternachlaß, 0,3 Meter: Aufzeichnungen, Reden, Aufsätze, Gelegenheitsgedichte; ca. 30 Briefe an (u.a. von Rosa Jochmann vom 6. und 8.8.1946) und ca. 30 Briefe von Boschek, Familiendokumente, Photos, Sammlung ihrer Zeitungs- und Zeitschriftenbeiträge, vorgeordnet;
Wien, Verein für Geschichte der Arbeiterbewegung (VGA), Sammlung, 1 Mappe: Glückwünsche zum 80. Geburtstag. Photos. Verzeichnung: Inventar. und SD-Parteistellen, Kt. 110, M. Biographische Skizzen;
Österreichisches Institut für Zeitgeschichte, Nachlaß Motzko, Schrift "Frau und Staatsbürgertum";
AZ-Archiv; ÖGB-Archiv, Mappe A. B.;
DÖW, Aklt Nr. 5738, Bupoldion, Niederschrift A. B., 26.2.1934;
Wiener Stadt- und Landesarchiv, MA 8, Meldearchiv, M-4250-63/91, A. B.;
Tagblattarchiv/AK / Personenmappen, (mittlerweile ebenso wie der Splitternachlass in der Wienbibliothek im Rathaus untergebracht).
Gesamtverzeichnis der künstlerischen und wissenschaftlichen Nachlässe in Österreich: Projektleitung: Priv.-Doz. Dr. Volker Kaukoreit (Literaturarchiv), Mag. Teresa Profanter (Koordination und Datenerhebung), Mag. Stefan Maurer (NachlasserInnen-Biographien), Mag. Tanja Gausterer (Normdaten-Aufgaben) u. Mag. Kyra Waldner (15.9.2009 bis 30.4.2010).
( http://www.onb.ac.at/sammlungen/litarchiv/literaturarchiv_projekte.htm#gvz )

Werkangaben:
Amalie Seidel – 70 Jahre. In: Die Frau 7 (1946);
Aus vergangenen Tagen. In: Popp, Adelheid (Hg.): Gedenkbuch. 20 Jahre österreichische Arbeiterinnenbewegung. Wien 1912, S. 89-103;
Die Frauenarbeit in Österreich vor dem Kriege. In: Handbuch der Frauenarbeit in Österreich. Wien 1930;
Die Aufgaben der freien Gewerkschaften und die Frauen. Ebd.;
Frauenarbeit und Gewerkschaften. Rede A. B.s und Diskussion zur Rede auf dem österreichischen Gewerkschaftskongreß in Wien im Juni 1928. Wien 1929;
Therese Schlesinger 70 Jahre. In: Die Frau 7 (1933);
Was fordern die Arbeiterinnen. 1903. Artikel in den Zeitungen zum Frauentag 1918-1932.

Literatur:
Arbeit und Wirtschaft 5 (1924)., S. 338;
Arbeiterzeitung (AZ), 6.5.1984;
AZ, 4.12.1918;
BLÖF;
Hauch, Gabriella, Arbeite Frau! Die Gleichberechtigung kommt von selbst? Anmerkungen zu Frauen und Gewerkschaften in Österreich vor 1914. In: Konrad, Helmut (Hg.): "Damit unsre Greise nicht mehr betteln gehen!" Sozialdemokratie und Sozialpolitik im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn von 1880 bis 1914., 1991, S-. 62-87, Wien, Zürich;
Hauch, Gabriella, Vom Frauenstandpunkt aus. Frauen im Parlament 1919-1933., 1995, S. 246-249, Wien, Verlag: Verlag für Gesellschaftskritik;
Lengauer-Lösch, Andrea, Anna Boschek. "Die liederliche Dirne aus Wien". In: Prost, Edith (Hg.): "Die Partei hat mich nie enttäuscht..." Österreichische Sozialdemokratinnen., 1989, S. 45-88, Wien;
Lösch, Andrea, Die Frau hat ihre Schuldigkeit getan... Staatliche Verdrängungspolitik gegenüber erwerbstätigen Frauen. In: Lösch, Andrea; Prost, Edith u.a. (Hg.): Stille Reserve? Erwerbslose Frauen in Österreich., 1987, S. 107-129, hier S. 110, Wien (über den Eintritt A. B.s für den Abbau erwerbstätiger Frauen nach dem 1. WK);
Neugebauer, Wolfgang, Die sozialdemokratische Jugendbewegung in Österreich 1894-1945., 1966, S. 418, Wien (ungedruckt);
Parlamentarierinnen;
Pluskal-Scholz, L., Anna Boschek. In: Leser, Norbert (Hg.): Werk und Widerhall. Große Gestalten des österreichischen Sozialismus., 1964, S. 92-97, Wien;
Renner;
Schneider-Hanusch, Julie, Interview mit A. B. In: Die Frau, 15.5.1954;
Sporrer, Maria; Steiner, Herbert (Hg.):, Rosa Jochmann. Zeitzeugin., 1983, S. 38, 41, 113, 126; Kurzbiographie S. 183, Wien;
Steiner, Herbert (Hg.):, Käthe Leichter. Leben und Werk., 1973, S. 74, 87, 92, 94f., 129f., 197, Wien (mit einem Vorwort von Dr. Hertha Firnberg);
Weinzierl, Erika, Emanzipation? Österreichische Frauen im 20. Jahrhundert., S. 49.