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Brichacek, Berta, geb. Gratzl,
Decknamen: Emmi Tröger, Emmy Walter
Politische Funktionärin (KPÖ), Buchbinderin und Widerstandskämpferin

* 12. 10. 1914 Wien
† 3.4. 2009

Berta Brichacek wurde am 12. 10. 1914 als Tochter des Sozialdemokraten und Schutzbundkommandanten Rupert Gratzl in Wien Favoriten geboren.

Als angelernte Arbeiterin in einer Buchbinderei trat sie der Sozialistischen Jugend bei, wurde in der Gewerkschaft aktiv und demonstrierte bereits ab 1933 gegen die Demontage der Republik und die Einschränkung der ArbeiterInnenrechte seitens der austrofaschistischen Regierung. Nach dem Scheitern des Aufstandes der ArbeiterInnen im Februar 1934 trat sie, wie viele enttäuschte SozialdemokratInnen, der bereits seit 1933 verbotenen KPÖ bei. Sie arbeitete im Zentralkomitee des Kommunistischen Jugendverbandes und baute illegale Widerstandsgruppen im Burgenland und in Wiener Neustadt auf. Zwischen 1934 und 1938 wurde sie wegen illegaler Betätigung vier Mal verhaftet und musste insgesamt sieben Monate an Gefängnisstrafen verbüßen. 1934 wurde sie als Mitangeklagte im Prozess gegen ihren späteren Mann, den Schutzbündler Otto Brichacek, (28.1.1915 – 16.12.1999) und den Sekretär des Kommunistischen Jugendverbandes, Leo Gabler, welcher am 7. Juni 1944 als Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus hingerichtet worden war, zu neun Wochen Arrest verurteilt.

Berta Gratzl nahm im Oktober 1934 gemeinsam mit Otto Brichacek am 6. KJI-Kongress in Moskau teil. Zu dieser Zeit studierten die beiden als „Emmi Tröger“ bzw. „Fritz Bergau“ an der Internationalen Lenin-Schule in Moskau. Die Schulung dauerte bis Jänner 1937 und viele der AbsolventInnen wurden von Moskau zur verbotenen politischen Aktivität nach Österreich geschickt. Dieser Studienaufenthalt im Ausland erklärt, warum Berta Brichacek von Ende Juli 1935 bis Anfang August 1937 nicht in Haft gekommen ist. Am 7. Jänner 1938 musste sie Ihre letzte Haftzeit im „ständestaatlichen“ Österreich antreten, diese endete aber durch eine allgemeine Amnestie für politische Gefangene nach sechs Wochen - am 20. Februar 1938-, kurz vor dem Einmarsch der deutschen Truppen.

Nach der Okkupation Österreichs durch die Nationalsozialisten beschließt die KPÖ, dass alle ParteiaktivistInnen, die unter der austrofaschistischen Regierung aktenkundig geworden waren, emigrieren sollten, da die Gefahr, von den neuen Machthabern sofort verhaftet zu werden, sehr groß war. Die Partei plante, sie zu einem späteren Zeitpunkt unter falschem Namen zurückzuholen und im Widerstand gegen die nationalsozialistische Regierung einzusetzen. Im März 1938 wird Otto Brichacek von der Gestapo verhaftet und wieder freigelassen. Daraufhin flüchten er und Berta Gratzl im Mai 1938 zunächst in die Tschechoslowakei. Im Herbst desselben Jahres können sie über Polen und Kopenhagen nach London emigrieren.
Am 28. Jänner 1939, dem fünfundzwanzigsten Geburtstag Otto Brichaceks, heiraten sie in London. Als politisch Verfolgte erhält Berta Brichacek Unterstützung durch den Solidaritätsfonds der KPÖ. Offizielle kommunistische Betätigung ist in England zwar nicht möglich, trotzdem wird der Kampf gegen den Nationalsozialismus weitergeführt. Otto und Bertha Brichacek agieren unter den Decknamen Emmy und Fritz Walter. Berta Brichacek ist Mitbegründerin der Organisationen „Austrian Center“, „Young Austria“ und „Free Austrian Movement“. Diese Bewegungen waren überparteiliche Zentren der Begegnungen, der kulturellen Aktivitäten sowie des politischen Gesprächs und hatten die Wiederherstellung eines unabhängigen demokratischen Österreichs zum Ziel. Ab 1942 waren auch Solidaritätsaktionen zu Gunsten der Roten Armee im Programm.


Im Herbst 1945 kehren Otto und Berta Brichacek nach Wien zurück. Berta Brichacek arbeitet nach ihrer Rückkehr nach Österreich in der „Freien Österreichischen Jugend“ und gehört gemeinsam mit Herbert Steiner, Max Ungar u.a. der österreichischen Delegation beim ersten Weltjugendkongress im Oktober 1945 an. Ab 1970 ist sie Mitglied der Schiedskommission der KPÖ und arbeitet in der Fraktion „Gewerkschaftliche Einheit“ des ÖGB mit. Als Mitarbeiterin des Frauenreferats des ÖGB setzt sie sich vor allem für die Interessen der Frauen ein. Sie ist auch langjährige Sekretärin des Bundes demokratischer Frauen und beteiligt sich aktiv in der KPÖ-Bezirksorganisation Favoriten. Am 3. April 2009 verstirbt Berta Brichacek im 95. Lebensjahr.

Werke:
Walter, Emmy: Die soziale und wirtschaftliche Lage der österreichischen Jugend unter der deutschen Fremdherrschaft. London 1944. In: Historische Kommission des ZK der KPÖ (Hg.): Beiträge zur Geschichte der kommunistischen Jugendbewegung in Österreich. O.J.

Literatur und Quellen:
Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (Hg.): Österreicher im Exil: Großbritannien 1938 – 1945. Eine Dokumentation. Wien 1992
Frauenreferat der KPÖ (Hg.): Frauen der KPÖ. Gespräche und Porträts. Wien 1989
Historische Kommission beim ZK der KPÖ (Hg.): Beiträge zur Geschichte der kommunistischen Jugendbewegung in Österreich. o.J.
KomInform – Frauen der KPÖ (www.kominform.at)
Maimann, Helene: Politik im Wartesaal. Österreichische Exilpolitik in Großbritannien 1938 bis 1945. Wien-Köln-Graz 1975
Pasteur, Paul: Femmes dans le Mouvement Ouvrier Autrichien 1918-1934. (Centre d‘ Etudes et de Recherches Autrichiennes). Rouen 1986 (Diss.)
Röder, Werner und Herbert A. Strauss: Biographisches Handbuch der deutschsprachigen  Emigration nach 1933. International Biographical Dictionary of Central European Emigres 1933-1945. New York – Paris 1983. Bd. 1
Tidl, Maria, Frauen im Widerstand, Frauen im Kampf gegen Faschismus und Krieg. Wien 1982
DÖW 1178


Bearbeiterin: Karin Nusko