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Fischer, Maria (Marie)
Deckname: Netz
Seidenwinderin und Widerstandskämpferin

Geb.: 30.7.1897, St. Pölten
Gest.: 6.2.1962, Wien

Kinder:
Sohn Karl Fischer (geb. 23.9.1918, gest. Wien 17.3.1963)

Maria Fischer wird 1897 als Tochter eines Sattlergehilfen in St. Pölten geboren. Nach dem Besuch der Volksschule arbeitet sie als Hilfsarbeiterin in verschiedenen Betrieben. Seit 1916 ist sie Mitglied der Sozialdemokratischen Partei und der freien Gewerkschaften. Am 23. September 1918 wird ihr Sohn Karl geboren, den sie selbstbewusst „Kegel“ - der Ausdruck für ein uneheliches Kind - ruft. Später wird Karl Fischer diesen Namen als Decknamen im Untergrund verwenden. Der junge Handelsangestellte findet sich 1936 mit Gleichgesinnten, die der Kommunistischen Partei gegenüber kritisch eingestellt sind und mit Leo Trotzki sympathisieren, zu einer Organisation zusammen, die sich „Revolutionäre Kommunisten“ nennt. Maria Fischers Wohnung in der Wiener Gusenleitnergasse fungiert als Sekretariat, wo regelmäßige Treffen stattfinden. Auch sie, die von Genossen Mitzi-Tante genannt wird, schließt sich der neuen Arbeiterorganisation an.

Die Gruppe steht seit längerem unter Beobachtung der austrofaschistischen Behörden, noch im selben Jahre werden mehrere Mitglieder verhaftet. Im so genannten „Trotzkistenprozess“ vom August 1937 werden sie teils zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Maria Fischers Sohn erhält fünf Jahre schweren Kerker, durch die Februaramnestie 1938 geht er frei. Im Mai 1938 emigriert Karl Fischer in die Schweiz, später nach Frankreich und Belgien, wo er im Widerstand aktiv ist. Auch die Untergrundarbeit in Wien geht weiter. Maria Fischer gehört der trotzkistischen Organisation “Gegen den Strom“ an. Wieder stellt sie ihre Wohnung als Zentrale zur Verfügung. 1943 wurde die Gruppe von der Gestapo aufgerollt, mehrere Personen, unter ihnen Maria Fischer, wurden im Laufe des April festgenommen. Bei einer Hausdurchsuchung wurden bei ihr eine Schreibmaschine, Papier und weitere Utensilien für die Herstellung von Flugblättern sichergestellt, die sie in eigens angefertigten Geheimfächern von Wäschekästen versteckt hatte. Gemeinsam mit den Handelsangestellten Josef Jakobovits und Johann Putz, dem Drehergehilfen Franz Kascha, dem Metalldrucker Leopold Kascha, der Privatbeamtin Paula Binder und dem Partieführer Ludwig Weseli wurde Maria Fischer, die zuletzt als Seidenwinderin beschäftigt war, wegen Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Man legte ihr zur Last, die Organisation durch Mitgliedsbeiträge unterstützt und gemeinsam mit Jakobovits in ihrer Wohnung die Flugschriften „Gegen den Strom“ und „Rundschau“ hergestellt zu haben. In den Schriften werden die internationalistischen und defätistischen Positionen der Gruppe dargelegt. So wird der nationalistische Kurs der Sowjetunion scharf kritisiert und der Sturz der Stalin-Bürokratie gefordert. Der imperialistische Krieg müsse in einen Bürgerkrieg mit dem Ziel der Errichtung der Diktatur des Weltproletariats umgewandelt werden. Am 10. Dezember 1943 fand vor dem 5. Senat des Volksgerichtshofs in Wien die Hauptverhandlung statt. Das Gericht verurteilte Maria Fischer zu fünf Jahren Zuchthaus. Als „mildernd“ wurde „ihr nur sehr mäßiger Intellekt …, der sie daran gehindert haben mag, die volle Tragweite ihres Tuns zu übersehen“ ins Treffen geführt. Gegen Jakobovits und Franz Kascha wurden Todesurteile verhängt und im März 1944 vollstreckt.

Maria Fischer verbüßte ihre Strafe im Frauenzuchthaus Jauer in Oberschlesien und später in einem Außenkommando in Leipzig-Kleinmeusdorf. Sie blieb bis zu ihrer Befreiung durch amerikanische Truppen am 20. April 1945 in Haft. Sie schlägt sich nach Linz durch, wo es zum Wiedersehen mit ihrem Sohn Karl kommt, der aus dem Konzentrationslager Buchenwald entlassen wurde. Bald folgt für Maria Fischer der nächste Schicksalsschlag. Im Jänner 1947 wird Karl Fischer an der amerikanisch-sowjetischen Demarkationslinie vom sowjetischen Geheimdienst NKWD entführt. Vergeblich setzen seine Genossen alle Hebel in Bewegung, um eine Intervention offizieller österreichischer Stellen zu erwirken. Karl Fischer wird schließlich unter der Anschuldigung, eine trotzkistische Spionageorganisation geleitet zu haben, zu fünfzehn Jahren Lagerhaft verurteilt und in die Sowjetunion verschleppt. Erst 1955 kann er nach einer Odyssee durch mehrere GULAGs nach Österreich zurückkehren. Maria Fischer starb 1962, ein Jahr vor dem frühen Tod ihres Sohnes.




Literatur, Quellen:
Keller. Fritz: In den Gulag von Ost und West. Karl Fischer. Arbeiter und Revolutionär. Frankfurt / Main 1980
Scheuer, Georg: Nur Narren fürchten nichts. Szenen aus dem dreißigjährigen Krieg 1915- 1945. Wien 1991
Arbeitsgruppe Marxismus (Hg.): Trotzkistische Opfer des NS-Terrors in Österreich. Eine Dokumentation. Marxismus, Sondernummer 8, August 2001, Wien
Meldung wichtiger staatspolizeilicher Ereignisse – Nr. 5 (30.4.1943). In: Nationalsozialismus, Holocaust, Widerstand und Exil 1933-1945. Online-Datenbank. De Gruyter. 16.12.2009 (http://db.saur.de/DG20/basicFullCitationView.jsf?documentId=rk786)
Anklage 7J 327/43. In: Nationalsozialismus, Holocaust, Widerstand und Exil 1933-1945. Online-Datenbank. De Gruyter. 16.12.2009 (http://db.saur.de/DG20/basicFullCitationView.jsf?documentId=wh1757)

Urteil 5H 102/43 -7J 327/43. In: Nationalsozialismus, Holocaust, Widerstand und Exil 1933-1945. Online-Datenbank. De Gruyter. 16.12.2009 (http://db.saur.de/DG20/basicFullCitationView.jsf?documentId=wh1758)
DÖW 20000/f147

Bearbeiterin der Biografie: Christine Kanzler