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Weinmann, Maria Magdalena, geb. Grigar
Sekretärin, Haus- und Grundbesitzerin, Widerstandskämpferin

Geb.: Orlau/Orlová, 25.5.1885
Gest.: Wien, 4.10.1978

Maria Weinmann wurde als Tochter des Bahnmeisters der Kaiser Ferdinands Nordbahn Josef Vinzenz Grigar und der Katharina, geb. Grossinger geboren. Sie hatte vier Brüder und zwei Schwestern. Häufiger Wechsel des Arbeitsplatzes und des Wohnorts entlang der Nordbahn kennzeichneten das Leben der Eisenbahnerfamilie. Maria Weinmann besuchte fünf Klassen einer Klosterschule in Orlau, anschließend drei Klassen Bürgerschule und zwei Klassen der Handelsschule Weiss in Wien. Von 1902 bis 1915 war sie in Eisgrub/Lednice und Wien als Kontoristin und Sekretärin tätig. 1914 heiratete sie den Privatbeamten Johann Weinmann. Die Ehe wurde im Jahr 1920 geschieden.
Von 1916 bis zu dessen Tod im Jahr 1921 war Maria Weinmann als Privatsekretärin des Industriellen und Betreibers der Aktiengesellschaft für Zuckerindustrie Fritz Redlich in Göding/Hodonín beschäftigt. Von 1922 an war sie langjährige Privatsekretärin von dessen Bruder, des Juristen, Hochschullehrers, Publizisten und Politikers Josef Redlich. Maria Weinmann besorgte die Vorbereitung von Redlichs Manuskripten zur Drucklegung. Sie war auch privat mit der Familie Redlich befreundet und machte dadurch die Bekanntschaft zahlreicher Vertreter des Wiener Kultur- und Gesellschaftslebens, wie Alma Mahler, Hermann Bahr, Arthur Schnitzler oder Hugo von Hofmannsthal. Ein 1930 mit Rudolf Kuhn geschlossenes Verlöbnis wurde noch im selben Jahr gelöst. 1934 erwarb Maria Weinmann in Nikolsburg/Mikulov ein Anwesen mit Weingarten, das sie gemeinsam mit ihrer Schwester Anna bewirtschaftete. Nach dem Tod von Josef Redlich 1936 wurde sie als dessen Nachlassverwalterin eingesetzt.
Im Zuge der Unruhen, die der Abtretung der Sudetengebiete an das nationalsozialistische Deutschland vorangingen, wurde Maria Weinmann als Angehörige der deutschen Bevölkerungsgruppe im September 1938 von den tschechischen Behörden kurzfristig inhaftiert. Sie unterhielt weiterhin freundschaftliche Beziehungen zur Familie Redlich, insbesondere zu Josef Redlichs Witwe Gertrude. Diese betraute Weinmann nach ihrer Emigration in die USA 1939 mit der Verwaltung ihres Vermögens. Über Redlich wurde Maria Weinmanns Kontakt zu dem Augustinerchorherrn Roman Karl Scholz angebahnt, der als Leiter der Widerstandsgruppe „Österreichische Freiheitsbewegung“ auch Verbindungen ins Ausland aufzubauen versuchte. Während ihrer Aufenthalte in Wien traf Maria Weinmann regelmäßig mit Scholz zusammen und übergab im Auftrag Redlichs Geldbeträge zur Unterstützung der Organisation. Darüber hinaus sorgte sie für den Informationsaustausch zwischen Scholz und Redlich, der brieflich in verschlüsselter Form erfolgte.

Durch den Spitzel Otto Hartmann gelang es der Gestapo, die Strukturen der „Österreichischen Freiheitsbewegung“ aufzurollen. Der darauf folgenden Verhaftungswelle fiel am 26. August 1940 auch Maria Weinmann zum Opfer. Gemeinsam mit anderen Mitgliedern der Gruppe, darunter die Studentin Hedwig Bodenstein, die Bankdirektorswitwe Hilda Heinsheimer, der Oberst a. D. Arthur Reis, der Student Peter Schramke und der Banklehrling Viktor Imhof, wurde sie wegen Beihilfe zur Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Ferner wurde sie des Abhörens ausländischer Rundfunksender beschuldigt. In der Anklageschrift werden auch ihre Beziehungen zu „Juden oder jüdisch versippten Personen“ (gemeint ist u. a. die Familie Redlich) negativ hervorgehoben. Ob Maria Weinmann tatsächlich, wie im Akt ausgeführt, ursprünglich eine Anhängerin der Sudetendeutschen Partei Konrad Henleins war, oder ob es sich hierbei um eine Schutzbehauptung der Angeklagten handelte, lässt sich nicht belegen.
Die Untersuchungshaft verbrachte Maria Weinmann im Landgerichtsgefängnis von Krems. Dort wurde sie zur Arbeit für die Kriegsproduktion – unter anderem stellten die Frauen Tarnnetze her – herangezogen. In Kassibern an ihre Familie schildert Maria Weinmann die entbehrungsreiche Haft und das Leid der Gefangenen, liefert aber auch ein eindrucksvolles Zeugnis von der Solidarität unter den Frauen, die unterschiedlichen weltanschaulichen Lagern angehörten. So berichtet sie über eine improvisierte Weihnachtsfeier im Jahr 1940:
„Voriges Jahr verlief der hl. Abend so: im Landger. in ebenerdiger Zelle (7.98 m2 groß) waren wir 4 Personen, darunter eine Bibelforscherin, … dazu waren etwa 100 alte Militärhosen in der Zelle. Ich schnitt aus Pappendeckel ein Tannenbäumchen, das ich mit schmal geschnittenen Staniolstreifen (von Käse) zierte, aus Klammern (von der Markenschneiderei) wurden Kerzchen aufgesetzt mit einer Flamme aus Watte darauf. Auf das Waschstockerl wurde ein weißes Hemd als Tischtuch gebreitet, darauf das Bäumchen gestellt und einen Apfel, den mir Frau Graf auf der Rossauerlände gab, hatte ich aufgehoben, den teilte ich in 4 Viertel u legte sie unter den Baum. Dann sangen wir alle: die kl. Kommunistin, die Bibelforscherin, Frau Meitner u. ich: „Stille Nacht, heilige Nacht“. Zum Nachtmahl bekamen wir eingebrannte Kartoffel mit einem Stück Pferdewurst u. das erstemal weißen Kaffee u. ein Stück gutes Milchbrot.“

Maria Weinmann blieb bis zum 2. April 1943 in Haft und kehrte sodann nach Nikolsburg zurück, wo sie sich regelmäßig bei den Behörden zu melden hatte. Am 6. Dezember 1943 wurde sie vom 2. Senat des Volksgerichtshofs in Wien zu zwei Jahren und drei Monaten Zuchthaus verurteilt, die durch die Untersuchungshaft verbüßt waren.
Nach dem Ende des Krieges teilte Maria Weinmann das Schicksal der deutschsprachigen Antifaschisten, deren Engagement im Widerstand von Seiten der neuen tschechoslowakischen Regierung unbedankt blieb und die gleichermaßen Opfer der Vertreibungs- und Enteignungsmaßnahmen gegen die deutschsprachige Bevölkerungsgruppe wurden. Als ehrenamtliche Mitarbeiterin des österreichischen Konsulats in Brünn sowie des „Österreichischen Repatriierungskomitees“ verhalf sie zahllosen österreichischen Staatsbürgern zur Ausreise. Angebote zur Zusammenarbeit mit der tschechischen Staatspolizei wies sie zurück. Mitte November 1951 wurde ihr – sie war ebenfalls österreichische Staatsbürgerin – der weitere Aufenthalt in der Tschechoslowakischen Republik untersagt. Aufgrund bürokratischer Schikanen zog sich ihr Verbleib in Nikolsburg weiter hin, zudem wollte sie auch ihre staatenlose Schwester Anna nicht allein zurücklassen. In dieser Zeit wurde sie zweimal Opfer bewaffneter Attacken einer psychisch kranken Frau, die sie mit Glück überlebte. Im März 1953 wurde Maria Weinmann zur Staatspolizei vorgeladen. Man legte ihr Kenntnis von illegalen Grenzübertritten zur Last, die sie den Behörden nicht angezeigt habe. Im Juni 1953 wurde sie zu einer zweijährigen Haftstrafe verurteilt, darüber hinaus zum Verfall von drei Vierteln ihres Eigentums und zur Ausweisung aus der CSR. Nun begann für Maria Weinmann eine Odyssee durch mehrere tschechoslowakische Gefängnisse, bevor sie im März 1954 – bereits in schlechter gesundheitlicher Verfassung – entlassen und an die österreichische Grenze eskortiert wurde. Mittellos traf sie in Wien ein, wo sie zunächst in einem Obdachlosenasyl lebte, bevor sie mit ihrer Schwester Anna in eine Wohnung übersiedeln konnte. Maria Weinmann starb hoch betagt im Carolus-Altersheim in Wien Währing. Für ihre Tätigkeit im Widerstand wurde ihr das Ehrenzeichen für Verdienste um die Befreiung Österreichs verliehen. Sie war Mitglied des Bundes demokratischer Freiheitskämpfer Österreichs, der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und des Anrather Kreises.

Literatur, Quellen:
Der Freiheitskämpfer. Organ der Kämpfer für Österreichs Freiheit, Nr. 2, Juni 1980
Kassiber von Maria Weinmann aus dem Landgerichtsgefängnis Krems, 1941, 1942 (Nachlass Maria Weinmann, Privatarchiv Fritz Lange, Wien)
Bericht von Maria Weinmann über Gerichtsverfahren, Haft und Enteignung in der Tschechoslowakei, Wien, 1. August 1954 (Nachlass Maria Weinmann, Privatarchiv Fritz Lange, Wien)
Mitteilungen von Fritz Lange, Wien, Dezember 2009
DÖW 1769, DÖW 4296, DÖW 19793/9, DÖW 3043
Datenbank Nicht mehr anonym. Fotos aus der Erkennungsdienstlichen Kartei der Gestapo Wien (www.doew.at)

Fotonachweis: Nachlass Maria Weinmann, Privatarchiv Fritz Lange, Wien

Bearbeiterin der Biografie: Christine Kanzler