Gedichte

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Publisher: Dokumentationsstelle für ost- und mitteleuropäische Literatur
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Publication Date: 19. Juli 2017
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In stock: YES
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Country: Austria
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Gábor Schein

Grüße aus dem Inneren des Kontinents

 

Der letzte Personenzug hält quietschend auf dem

äußersten Gleis. Die Geister fahren erneut in ihre

tristen, dunklen Körper zurück, und auf den Bahnsteig tretend

baut sich jeder sofort einen Schirmbunker

gegen den tröpfelnden Regen und rüstet sich mit Blick

zu den geschlossenen Ständen für den ersten Ansturm.

Die Stadt schlägt die Augen nieder. Sieht nicht den zerstörerischen

Absichten zu. Lebt mit immer lauterem Getöse, und will,

des krankhaften Hoffens entsagend, Tag und Nacht nur völlern.

 

Wo die Küche gut ist, kann man die Zeit gar dreißig

Jahre zurückdrehen. So werden die Restaurants erneut

zum Schlupfwinkel der Leidtragenden. Das Tischtuch kariert, die Tür

knarrend, Salz, Pfeffer, Zahnstocher in der Mitte des Tisches,

doch das Rauchen ist nicht mehr erlaubt. Dennoch ist es besser,

die unveränderlichen Szenen der Pogrome draußen abzuwarten.

Das Unkraut in den Vororten bohrt sich mit seinen Wurzeln durch

den Beton, doch auf den Ringstraßen fahren auch nach Mitternacht noch

die Straßenbahnen, und in den Rettungswagen fliehen noch

 

nicht die Mörder. Es gibt also noch Grund zur Beruhigung.

Was auch geschieht, die Musik der Gleise ändert sich nie,

und wer kein Bett besitzt, den peitscht auch noch der Regen.

Sowie auch die Blumen am Sockel des Denkmals. Niemand entreißt

den Krallen des bronzenen Vogels das Schwert. Das Gesetz der Zeit

lautet wie jenes der Winde: ganz gleich woher, sie soll nur vorbeiziehen.

Schickst du von hier eine Karte, schreib nichts anderes! Verrate nicht einmal

der Stadt Namen! Im Bunker schaffen wir es schon bis zum Morgen.

Draußen im Freien strahlen die Zementplatten im Neonlicht.

 

Abschied nach Art der Russen

 

Zurückreisen, ohne auch nur eine Haltestelle

auszulassen. Jedes kleine Detail zusammentragen,

um dann alles einzeln vom Fenster des Zuges wegzuwischen,

wie noch so viele dunstige, leere Bilder. Die Anschrift

von den Umschlägen ablösen, die Postfächer entleeren,

den Datenspeicher des Rechners vernichten,           

 

das Telefon zerstören. Jede Aufzeichnung, Skizze, Notiz,

jedes Manuskript verbrennen. Wenn all dies getan ist,

sich kurz setzen, nach Art der Russen, vor dem Aufbruch.

Draußen warten der gesicherte Korb, die Kutsche mit Decke obenauf,     

das alte Pferd eingespannt. Übe dich in Demut, stolzer Mensch!

Dann noch ein letzter Blick über die Hausdächer  gegenüber.

 

Diesem Anblick wohnte die Ruhe inne. Sich verabschieden,

vom Sessel aufstehen, mit reichlich Wasser den Tisch,

die Regale abwischen. Davongehen und keine lesbaren

Spuren zurücklassen. So bleibt vielleicht die wahre Geschichte

des begangenen Wegs erhalten. Denn der Tod nimmt

nichts zurück, er verändert bloß. Diesen Satz          

 

unterstrich ich einst in einem Buch. Heute weiß ich,

dass auch dies nicht so ist. Der Tod nimmt nur das zurück,

was kein Leben hat, und verändert nicht das, was lebt:

Liebe, stärker als mein Dasein, graviert Gesichter in mich ein.

Danke, dass ich mit ihnen leben und für den Tod ergrauen durfte.

Möge ich verwehen wie Rauch, wie eine Sommerwolke am Himmel.

 

Morgens im Krankenhaus

 

Seit Tagen sehe ich eine efeuüberwachsene 

Hausecke und die kümmerlichen Äste einer Pappel.

Stumm tröpfelt die Infusion in mich hinein. Sie sagen,

ich sei todkrank. Ich höre mir an, was sie

in weiße Kittel gehüllt sagen, weine zuweilen

und erschrecke. Doch in den Augen meiner Liebsten         

lese ich anderes. Ich wusste nicht, dass in ihnen

des Lebens jede Minute so endlos und wahrhaftig ist.

Ich liebte sie zu sehr, wir lebten zu nah beisammen,

seit zu langer Zeit, was jede Wunde mit Samt bedeckte,

sodass ich nicht darauf achten konnte.

 

*

 

Ich gehe pinkeln. Ich tanze

mit dem rollenden Infusionsständer

wie der Bräutigam mit seiner Braut.

 

*

 

Weiße Wand, Infusion, das durchgeschwitzte Bett

und so viel Leid, dass es schon lächerlich ist.

Die Zeit vergeht langsam, steht beinahe still.

Neben meinem Kopf stehen Bruder Tumor

und Schwester Embolie in sterilen Masken Wache.

 

*

 

Die Haare ausgefallen und im Abfluss verschwunden.

Auch vom Barte blieb kein Haar übrig.

Dies ist mein neues Gesicht. Seitdem spross doch wieder

ein wenig Flaum auf meinem Kopf. Genug dafür,

um zu verkünden, wie beharrlich das Leben ist.

 

*

 

Die Krankheit führt ab und an, über jeden Schmerz hinaus,

zu strahlender Erschöpfung, ebenso wie die Liebe.

Der Mensch verausgabt sein gesamtes inneres Licht,

und die Dunkelheit nimmt nicht seinen Platz ein.

Die schöne Gesundheit kennt dieses Moment nicht.

Ich liege im Bett, still und bewegungslos.

 

*

 

Ich bin müde. Lauter Risse,

durch die meine Kraft

heraustritt und entrinnt, bis

ich irgendwann ganz und gar leer bin.

 

*

 

Auf den Ast der kümmerlichen Pappel

setzte sich frühmorgens eine Krähe.

Lange Zeit pflegte sie ihr helles

Gefieder. In meine Gedanken

versunken drehte ich schließlich

den Kopf weg. Dunkle und lichterfüllte

Gedanken wechselten sich ab.

Ich begann zu schreiben, und merkte nicht,

als sie vom blattlosen Ast davonflog.

 

Kehr zurück

 

Anstelle ihrer entfernten Brüste

ließ sie ein Bild tätowieren.

Ein Engel flog herab in ihren umgekehrten Himmel,

da draußen schneite es.

 

Der Stein weggeschoben, der Engel

saß vor dem Eingang der Höhle.

Er versank im schiefen,

nächtlichen Licht: gut, dass sie nie gebar.

 

Ein halbes Jahr nach dem ersten Eingriff

wurde ihr auch der Bauch aufgeschnitten.

Was die Chemo auf der Vene, der Aorta

an Lymphomen hinterließ, wurde entfernt.

 

Es war kalt im OP-Saal. Sie fror fürchterlich.

Eine Nadel flößte ihr Schlaf ein.

Zuletzt sah sie eine Hand,

dann stürzte sie in einen engen Schacht,

 

erfüllt von dichtem, buttrigem Licht.

Unterdessen wartete der Engel im Flur.

An der Wand Bilder von Ärzten. Von der Station

schlurfte zuweilen eine Schwester herüber.

 

Stunden vergingen so. Erwachen auf der Intensiv. 

Ihr Bauch bis zum Brustbein aufgeschnitten.

Schön bist du, weibliches Selbst meines Körpers,

zugedeckt in der Handfläche des Nichts.

 

Und der Engel beugte sich über sie.

Flüsterte in ihr Ohr:

Adonai, Elohim, Zebaoth.

Kehr zurück in die Höhlennacht.

 

Presse

 

Die Ausnahme als Köder in unserer Mitte. Leben versprechende,

brillante Zahlen, als gäbe man das Gewicht von Neugeborenen

in Gramm an. Doch unter dem Druck einer Presse

verändert sich der Körper. Wie soll sich jener gebärden,

dessen Fäkalien seit einem Jahrzehnt an seiner Seite ablaufen?

Er öffnet das Fenster und bittet um Vergebung. Schließlich steht

jedem Vergebung zu. Auch dir, Herr. Dein Licht

erfüllt schon lange nicht den Himmel, doch wir

entsinnen uns deiner noch. Du lagst dort im Bett am Rande.

Des Nachts standest du mindestens fünfmal zum Pinkeln auf,      

und bei jedem Mal hast du das Licht angeknipst.

Einmal fuhr ich dich an: Könntest du nicht endlich

ruhig liegen! Sogleich schämte ich mich dafür.

Wirf mir dies nicht als Sünde vor. Weißt du, die Seele

mit den Bindungen des Lebens zu verknoten ist nicht leicht,

und auch nicht sich so hintereinander zu stellen,

als seien die ins Nichts greifenden Arme doch Flügel.

 

Steinchen

 

Ihr, die ihr zu mir gekommen seid,

und euch an mein Bett gesetzt habt,

oder mit mir im Krankenhausgarten spazieren ginget,

 

bis ich erschöpft war und ihr mit vorsichtiger

Angst im Blick zu mir sagtet,

ich solle stark sein, ich werde gebraucht,

 

und ihr, die die Nachricht verstummen ließ,

die ihr aber dennoch an mich dachtet,         

an mich, euren Freund,

 

und du, Herr, zu dem wiederum ich schon lange

nicht sprechen kann, habe ich doch  

die Schauplätze deiner Flucht aus den Augen verloren,

 

ihr alle müsst wissen,

dass die endlosen Tage und Nächte,

die ich auf diversen Krankenstationen

 

inmitten von Atemkrämpfen,

mit Schmerzen, erschöpft, zerbrochen

und todesnahe verbrachte,    

 

schön waren, schön waren, schön waren:

als hätte ich mich an die Wand

einer vergessenen Kirche geheftet,

 

und wäre mit Schmerzen, erschöpft, zerbrochen

im flammenlosen Licht versunken,

doch fragt mich nicht, was es dort gab,

 

nichts, das ich euch nun zeigen könnte,

nichts, das mehr wert wäre als ein Steinchen,

das ihr in einen Teich werft,

 

ich weiß nur, nachdem ich auf die Beine kam,                    

und langsam meine Kraft zurückkehrte,

um im Lärm der Tage zu wandeln,

 

wünschte ich mir noch lange die Krankheit zurück,

ich fürchtete, ihr Geschenk zu verlieren,      

eine undefinierbare Leere blieb hinter ihr zurück.

Übersetzung: Agnes Nagy

 

Unsichtbarer Krieg

 

Die Straßenbahn strahlt. Der farblosen Häuser Schlaf

ist meerestief und stumm. Die Gesichter sind durchsichtige

Blasen, die von den Fenstern hochsteigen,

wo früher das Wasser durchbrach. Den Verfall

hat dennoch niemand bemerkt. Der Passant,           

der von einer Straßenseite zur anderen quert,

schleppt schwere Jahre in seiner Tasche. Besser,

gar nicht an sie zu denken. Manch einer biss am Haken

des schnellen Todes an. Manch einer wurde bloß krank,

ließ nach der Genesung sein Balkongerüst

von Efeu überwachsen und zog in Töpfen Blumen

heran. Schrieb auch manchmal, nur immer weniger.

Aus dem Schlaf weckt nicht einmal die quietschende Bremse.      

Kalk legt sich auf die Knorpel, hinter den Stirnlappen

bilden sich unbewohnbare Inseln. Doch die

Metronomschläge der Angst vermag nichts zu dämpfen.

Die Straßenbahn bleibt auf einem achteckigen Platz liegen.

Passagiere rufen in Panik, schlagen gegen die Tür.

Hilfe kommt keine. Die Ornamente der Jahrhunderte         

klettern langsam über sie wie winzige Blumentiere.

 

Ohne Schnee

 

Weihnachten verging ohne Schnee. Kiefernstümpfe

hier und dort am Rande des Gehsteigs. Kalter Wind weht.

Die Ringstraßen noch in Lichter gehüllt,

der Bedürftige wappnet sich mit verschlissenen Schals.     

Wo kriegt er heute eine warme Suppe?

Würde ihm doch ein Zwanziger den Weg kreuzen.                        

 

Alles ist beim Alten. Die im Nacken

gehäuften Falten, die Leitartikel, der Hass, 

die aus den Ritzen des Putzes strömende Dunkelheit.

Wer nach langer Abwesenheit nach Hause kommt,

findet dennoch nichts an seinem Platz vor.

Und auch der nicht, der jeden Tag hier erwacht.

 

Die Spuren der Zukunft meiden sie alle

wie einen Haufen Hundekot. Sie fliehen

allesamt, an ihnen erfüllt sich die Prophezeiung.     

Ihr Seufzen ist die festgefahrene Zeit.

Das Herz ruht außerhalb in einer Schachtel,

nicht länger eine sture Kinderfaust.

 

Nicht einmal der Hunger bricht das Glas der Ringstraßen,

die blinde Hoffnung rebelliert nicht. Das Silber des Himmels

funkelt dennoch im Frost. Sieh da, wie der Bedürftige

sich über die Kippe freut, die er am Fuße

der Säule findet. Er zündet sie nicht, steckt sie bloß ein.

Duldsamkeit kann töten und auch retten.

Author

Gábor Schein

Ungarischer Dichter, Essayist und Lit

 

Translator

Ágnes Nagy

 
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