Im Namen des Vaters

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Publisher: Dokumentationsstelle für ost-- und mitteleuropäische Literatur
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Publication Date: 14. März 2019
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In stock: YES
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Country: Slovakia

BALLA

Im Namen des Vaters

Ich ging zum Kinderarzt, obwohl ich schon zwanzig Jahre alt und gerade beim Präsenzdienst war. Die Krankenschwester betonte, dass mich der Doktor nicht in Uniform sehen dürfe, denn dies würde ihn wütend machen: er hasst Soldaten, Polizisten, Eisenbahner und Krankenschwestern. Darum trage ich keine Schwesterntracht, krächzte die Frau. Wozu bin ich dort überhaupt hingegangen? Ich schließe nicht aus, dass ich das nur träumte, irgendwann neunzehnhundertdreiundsechzig, oder noch ein Jahr früher. Mir war, kurz gesagt, schlecht. Ich ging zum Arzt in die Ordination hinein und mein Blick fiel auf seine Hände. An der rechten Hand fehlten ihm der Mittelfinger und der Zeigefinger. „So, was fehlt uns?“ fragte er. Dann entschloss er sich, eine Untersuchung der Samendrüsen zu machen, er begann mich abzutasten und erklärte etwas, was sich später als wesentlich herausstellte: „Sie sind nicht zeugungsfähig, Genosse! Sie sind nicht zeugungsfähig oder zeugen ein Raubtier.“ Ich wartete, was weiter kommt. Der Doktor fuhr fort: „Aber wenn ihre Frau frühzeitig altert, schwach und kränklich wird, ihr schon in den Dreißigern die Zähne ausfällen und die Haare schütter werden, was bei jungen Frauen ziemlich selten ist, so wird das von Ihnen gezeugte Raubtier davon sehr gekennzeichnet sein. Es wird ein feiger Mensch geboren. So einer, der in seinem Innern ein Raubtier ist, aber nach außen das versteckt. Das tu keinem an, Bursche!“ Warnend hob er den Zeigefinger der rechten Hand. Also fehlte ihm der Zeigefinger nicht. Ich saß auf einem kalten durchsichtigen Plastiküberzug, mit dem das weiße Bett der Ordination bedeckt war, mein Vogel hing herunter, die Eier liegen in Händen des Arztes. Er wog sie mit der Hand ab. „Und vielleicht“, murmelte er, „vielleicht haben wir Glück und du bist am Ende impotent. Davon zeugt, dass ein Ei irgendwie unterentwickelt ist… irgendwie eingezogen… zurückgezogen, ein winziges, ein goldenes zartes Eierl.“ Er riss mich an den Eiern und knallte mir eine /gab mir eine Watschen/: „Du, fick nicht, hast du verstanden?!“ Im Reflex gab ich ihm einen Tritt, das war eher ein Krampf und keine aggressive Antwort. Schnell zog ich mir die Unterhose an und verschwand aus der Ordination. Er schrie mir vom Linoleum nach, auf dem er nach dem Fußtritt liegen geblieben war: „Ich weiß sowieso, dass du ein Soldat bist!

Glaubst du, ich habe nicht alles von dir in den Papieren? Du hast den Arzt überfallen! Dafür sperre ich dich ein!“ Ich floh und im Fluge wurde mir klar, dass ich eine solche Frau kenne. Gerade so eine wie die, über die der Doktor gesprochen hatte.

 

S.7-8

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich wollte Kinder haben.

Oder nicht?

Vielleich unterschied ich mich darin von den Gleichaltrigen.

Wir wurden reif und gingen allmählich aus unserem Grätzl fort, aber nicht zu weit, damals konnte man nicht weit gehen. Wir flogen aus dem heimatlichen Nest, doch landeten wir gleich auf dem Nebenast. Aber auch für diesen kurzen Flug war ein ernster Vorwand notwendig: eine Ehe. Die meisten von uns interessierten sich eher für Fußball, das Tischlerhandwerk, das Spenglerhandwerk, der nervöse Barnabáš träumte davon, dass er Automechaniker wird, aber es stimmt auch, dass wir auch beischlafen wollten, obwohl uns die natürlichen Folgen des Beischlafs nicht dufteten. Oder nur mir? Ich hatte das Gefühl, dass die Eltern in ihrer Fürsorge und Liebe – wenn sie zu so etwas in Lage sind – lindern das ganze Leben nur das Leiden, das sie den Kindern angetan haben, indem sie sie zur Welt gebracht haben. Meine Freunde sehnten sich vielleicht auch nach der Erhaltung ihres Geschlechts, ich möchte das nicht in Zweifel ziehen. Was waren das für Geschlechter? Arbeiter- und Bauernclans von Alkoholikern und Trottel. Hier waren keine Könige im Spiel, auch kein Taubenvolk. Die Leute in dieser Stadt hatten nichts gemeinsam mit einem Volk. Die Völker lösten sich in Kopulationen über die Grenzen hinweg auf und die Grenzen lösten sich in Kriegen und nach Kriegen auf, sie wurden von immer neuen Vagabunden, die ihre Linien boshaft oder blind zogen, umgeändert, sie schwenkten Fahnen und blökten vaterländische Lieder. Sie machten es genau wie ihre Vorfahren und wie die Vorfahren ihrer Vorfahren: aus Gewohnheit.

 

 

 

 

 

S. 15-16

Ich verstehe nicht, warum ich jemanden bevorzugen soll, nur darum, weil er mein Sohn ist. In Ordnung, ich erschlage ihn nicht. Aber das ist alles. Es ist für mich ein fremder Mensch. Ich scheiße auf das Gefühl, von herab scheiße ich. Jahrelang habe ich die Söhne nicht gesehen, jahrelang haben wir uns nicht unterhalten, alles was war, ist verblasste, verschwunden, verdampft, ist futsch. Vielleicht ähneln sie mir, aber ist das ein Wert? Wie vielen ähnele ich? Ich bin ein Dutzendmensch. Dutzendmenschen sind ganze Dutzend. Ein Freund hat mir gesagt, dass ich ihn an den Gitarristen von Pink Floyd erinnere. Na, und? Wenn der Gitarrist stirbt, vergieße ich keine Träne. Wenn ich sterbe, weint der Gitarrist kein bisschen. Und könnte er von meinem Tod erfahren, so ist heute alles ins Netz gestellt. Der Pontifex, der Brückenbauer, ist nicht ganz wie der Papst. Warum sollte ich nicht meine Söhne töten? Damit meine Gene überleben? Was bleibt mir von ihnen? Auch Adam hat nicht gezögert, das Messer gegen Isaak zu erheben. Gut, er hatte eine Idee. Er dachte sich: Gott hat befohlen. Gott ist für viele Leute eine Autorität. Übrigens denke ich, dass Abraham  durchgeknallt ist. Hat niemand bemerkt, dass der Großvater mit dem Messer durchgedreht ist?  Aber vielleicht bin ich durchgedreht, und darum kommuniziere ich nicht mit Gott. Es reicht, dass das meine Frau tut. Auf jeden Fall erkenne ich an, dass es kein Argument ist, sich gerade auf Abraham zu beziehen. Aber auch so: was bleibt mir heute von den Söhnen? Von den Eltern wird heute automatisch erwartet, dass sie ihr Leben für den Höhepunkt einsetzen, dass ihnen Kinder geboren werden. Danach muss man für sie leben, ausschließlich ihr Leben gestalten. Muss ich mich dafür schämen, dass ich mich auch weiterhin um mein eigenes, persönliches Glück bemühe? Um die Freude? Ja, ohne Rücksicht darauf, wie sich die Gestopften das Leben eingerichtet haben. Soll ich mich dafür schämen, dass ich immer noch als Mann, als Partner erfolgreich bin? Nur für sie sollte ich leben? Sie leben, ich gehe weiter und lebe auch. Zwar von der Pension, aber ich lebe. In der Geschichte waren auch auf unserem Kontinent Zeiten, wo die Eltern ihre Kinder nicht hätschelten: sie hatten so viele, dass es keinen Grund gab, sie zu hätscheln. Eins verletzte sich, starb, das dritte verkauften sie, das vierte vergaßen sie irgendwo. Sagen wir, das waren nicht die besten Zeiten. Aber Tatsache ist, dass auch so Menschen existierten. Ich bin also scheinbar in diesem Sinne altmodisch, mittelalterlich. Ich begreife, dass mein Jüngerer mich nicht mag. Ich habe ihm keinerlei Grund zur Liebe gegeben. Und wenn, so ist das sehr lange her. Vielleicht hat er ein schwaches Gedächtnis. Hat er den Drachen vergessen, den ich ihm gebastelt habe? Er hat ihn in der Tür, die zum Hühnerstall und in den Garten führt, zerbrochen. Der Drachen bekam nicht einmal eine Chance zu fliegen. Und was habe ich mich mit dem Firlefanz gequält! Gut, ein Drachen für die ganze Kindheit ist ein bisschen wenig. Aber vielleicht gab es von diesen Drachen mehr. Wieviel Drachen dieser Fratz in Wirklichkeit alles zerbrochen hat? Er hat kein Recht, vom Vater Gefühle und Liebe als Selbstverständlichkeit zu erwarten.

Liebe aus Pflicht?

Interesse als Pflicht?

Ich bin aus einem anderen Teig.

 

S. 33/34

 

Mein Elternhaus in der Fatragasse war kein Haus, sondern nur eine improvisierte Stube in so etwas wie einem Schuppen. In der Stube hatten wir kein Buch, mit Ausnahme des kleinen ungarischen Volkskochbuchs, aber das lag unberührt auf der Holzfassung des Radios, wo immer derselbe Sender eingestellt war. Mama kochte aus dem Gedächtnis. Immer dasselbe. Ich bin nicht böse, ich stelle nur fest. Soll ich behaupten: wir lebten in einer Villa, wenn wir in einem Schuppen lebten? Soll ich behaupten: sie kochte im großen Stil, wenn ich mit Fisolensuppe aufwuchs? Der Sachleinenstoff auf der Stirnseite des Radios bedeckte den Lautsprecher. Ich hatte in ihn militärische Sterne und Abzeichen gestochen. Vor dem Radio stand auf einem Eisengestell ein Lavoir. Dort wusch sich meine Frau, als wir noch bei meinen Eltern wohnten, die Brust, die vor Weiße  leuchtete, ich nahm sie wie ein pulsierender selbstständiger Organismus wahr. Der Vater lag auf der Couch zwischen den Federn, unbeweglich, den Kopf in die Mitte des Raumes gewendet. Er beobachtete die halbnackte Frau, während sich an seinen Zehen die Zuckerkrankheit zu schaffen machte. Ich weiß nicht, ob ihn die Eltern in der Kindheit auf den Kampf mit solch einer Krankheit vorbereitet hatten. Kaum. Eltern pfropfen Kindern eher Überflüssiges ein. Sie verheimlichen ihnen das Wesentliche nicht darum, weil sie hinterhältig sind, sondern weil sie die Zukunft beschwören wollen: das, was wir verschweigen, tritt nicht ein. Die Frau wusch sich die Brust und errötete.

Damals begann sie meinen Vater zu hassen.

Wann sie begann mich zu hassen, weiß ich nicht.

Vater verließ niemals die Stube, lag, aber schlief nicht, obwohl das, dass er nicht schlief, nicht bedeutete, dass er wach war. Die Augen waren geöffnet, das merkte sich die Frau für immer. Immer erinnerte sie mich daran, schrie, dass ich ein Hurenbock bin wie er.

„Er wollte mich, tausend mal wollte er mich bekommen!“ schrie sie.

Sie beurteilte eigentlich die sonderbare, abwesende Art seiner Anwesenheit nicht richtig.

In diesem Haushalt hatten wir wirklich keine Bücher, in der Fatragasse wuchs man einfach in einer solchen Welt auf, wir waren die buchlosen Fortsetzer unserer ungebildeten buchlosen Vorfahren. Auch darum konnte der Staat mit uns machen, was er wollte. Auch darum war das dann nur so ein Staat. Aber obwohl ich heute viele Bücher habe, kann ich die Beziehung zu meinem Sohn nicht auflösen. Auch bei ihnen ist sicher alles voller Bücher, und trotzdem wissen sie nicht, was sie mit ihrer Beziehung zu mir machen sollen. Die Unlösbarkeit ist vielleicht ihre Methode der Lösung. Oder sie nehmen diese Beziehung überhaupt nicht als Problem wahr, sie haben mich schon durchgestrichen. Wer hat eigentlich mit dem Durchstreichen begonnen?

 

59/60

 

 

 

Der jüngere bat mich, dass ich ihm einen Drachen bastele.

Hej, manchmal ist es passiert, dass er mich ansprach. Aber selten.

Auch der ältere unterhielt sich nicht mit mir. Er schloss sich in die Stille ein, in der Stadt treffe ich ihn nicht, das kann man vom Jüngeren nicht sagen. Vor kurzem ging er auf der Straße mit einer schönen Frau. Beide schauten mich absolut kalt an. Ich begriff, dass die Frau mich kannte. Der Jüngere hatte sicher von mir referiert. Aber, nein danke! Wir begegneten uns in der Nähe der früheren sowjetischen Kasernen, die wir Russenkasernen nannten, obwohl in ihnen Großteils wild aussehende Asiaten gelebt hatten. Davon hatte ich mich einmal überzeugt, als mir einmal eine Abteilung Soldaten beim Morgenlauf in die Quere kam.

Russen, fiel mir automatisch ein. Umsonst waren diese schweißtriefenden Gesichter irgendwie mongolisch. Und niemand wäre auf die Idee gekommen, sie Sowjets zu nennen. Sowjets? Ein Schmarrn. Das Wort stank nach Propaganda.

Aber wer stellte die Propaganda dar, wer machte Propaganda? Und wem sollte was propagiert werden? Wir saßen alle im selben Boot. Um mich haben sich die Kommunisten nie persönlich gekümmert. Was sollten die Kommunisten mit mir anfangen? Es waren unter ihnen auch Spielfreunde von der Straße, in der Kindheit haben wir gemeinsam gekickt und die ausgelacht, die nicht kickten. Wer nicht Fußball spielte, war für mich ein Hosenscheißer.

Der Jüngere schritt neben einer schönen Frau einher.

Nebenbei, Fußball hat ihn nie interessiert.

Und trotzdem – wie ähnelt  er mir jetzt! Aber ich hatte nicht immer dieses pausbäckige Gesicht, ich vermute, auch jetzt ist es nicht so feist wie seins.

Ich wette, dass ich seinen Kopf nicht ertrage.

Es lag mir viel an dem Drachen. Es war ein großer Rhombus aus Papier und Speichen

mit einem langen Schwanz, der sich gleich zu Anfang in dem Stachelbeerstrauch verfitzte, sodass, als ich ihn hochriss, Papierfetzen im Busch hängenblieben. Das machte den jüngeren genauso traurig, wie wenn er mich Hühner abstechen sah. Auf das Schlachten von Geflügel habe ich mich niemals gefreut, die Söhne dachten, dass ich mich freue.

ma videl zarezávať kurence. Na zabíjanie hydiny

som sa nikdy netešil, synovia si mysleli, že sa teším.

Der jüngere hat mich bestimmt verurteilt, ich weiß nicht, ob auch der ältere so streng war. Der hatte mich vielleicht auch gern, die traurige Liebe des schwachen,  unsicheren Jünglings.

Er hatte mich gern, aber ich habe mir das verdorben. Mal ma rád, ale ja som si to pokazil.

Ich nahm ihn mit zur Arbeit zum Lehrpraktikum, so wurde er Zeuge meiner Dummheiten mit den Kolleginnen.

Das erniedrigte ihn. Außerdem stotterte der Bursche ein bisschen von klein auf. Ich sehe ein, aus ihm einen Verkäufer zu machen, war ein Fehler. Aber jeder täuscht sich einmal. Ich wollt, dass aus ihm ein Verkäufer wird, soll er wie der Vater sein! Aber konnte er so sein wie ich? Ich bin ein ganz anderer Mensch. Ein anderer Typ.

Bei mir in der Verkaufsstelle erlebte er die Hölle. Alle folgten, beobachteten und bedauerten ihn. Nicht der Vater, sondern gerade der junge ledige Sohn sollte mit den Verkäuferinnen seines Alters flirten. Aber auch diese jüngsten drehten sich nur um mich. Er wurde von den Mädchen kalt gestellt. Wo der Vater jagt – der Geschäftsleiter, dort kann gesetzmäßig der kleinlaute, schüchterne, schweigsame Sohn, auch wenn er ganz hübsch ist, kein Glück haben. Vielleicht wenn sich eine empathische, romantische Seele mit dem Naturell einer Beschützerin finden würde… Seine Mutter war genau so ein Typ! Aber mein älterer hatte kein Glück bei liebevollen Mädchen, die ihn von der Angst befreiten, eventuell auch der Panik. Einmal, als ich mich im Büro einem Lehrmädchen, seiner Mitschúlerin, widmete, kam er herein und sah alles. Augenblicklich trat er zurück /vycúvnuť/ und schlug die Tür zu. Daheim sagte er nichts. Das hätte keinen Sinn gehabt. Meine Frau glaubte so oder so, dass ich sie betrüge, sie glaubte das auch in der Zeit, als ich sie nicht betrog, es kam also nicht darauf an, ob es Beweise oder Zeugen gibt, sie nahm meine Untreue seit einer gewissen Zeit als Fakt. Die Untreue war ein Teil meines Naturells. Das Zeugnis des Sohnes hätte die Anzahl von Streitereien und Eifersuchtsszenen nicht erhöht. Alles hat er damals richtig beurteilt und geschwiegen. Ich weiß, dass er seitdem etwas trauriger ist, aber was sollte ich machen? Ich bin kein Psychologe! Außerdem ein ordentlicher Sohn würde den Vater verstehen, gewiss würde er iihm auch die Daumen drücken. Männer müssen ganz natürlich Bündnisse gegen die Frauen schließen. Ränke schmieden! Konnte ich die Familie retten, wenn in ihr die Männer nicht an einem Strick zogen? Na und wenn ich mit den Dummheiten aufhören würde, würde mir meine Frau das nicht glauben. Sie würde davon sogar nichts erfahren, hatte sie doch mit niemandem Kontakt, der sie informieren könnte? Sie kannte zum Beispiel überhaupt keinen Klatsch, der  über mich in der Stadt verbreitet wurde, aber sie hielt ihn zugleich schon damals für selbstverständlich, als noch niemand über mich Klatsch verbreitete.

Das Lehrmädchen hatte ein schönes Gesicht, ein kindliches, das erregte mich. Lippen, vom Speichel glänzend, weiche Haut an den Wangen, helle Büschel, die sich kaum fühlen ließen, du siehst sie nur mit dem Auge, ja sie sind dort. Sie lag zwischen den Rechnungen auf dem Tisch, ich beugte mich über sie, als der ältere die Tür öffnete. Er trat zurück /vycúval/, was davon zeugt, dass er alles registriert und kapiert hatte. Aber nicht nur, dass er daheim nichts erwähnte, sondern auch mir gegenüber deutete er nichts an. Ich weiß, dass das in seiner Situation die einzige vernünftige Reaktion war. Ich ahne nicht einmal, wie ein zufälliges Gespräch über dieses Ereignis aussehen würde. Ich glaube, dass unvorstellbare Gespräche sich gerade darum nicht abspielen, weil sie unvorstellbar sind. Und der jüngere?

Zugleich brachte ihn bis zur Unzurechnungsfähigkeit seine Mutter in Wut, er hielt ihr Gerede über Untreue nicht aus. Er dachte, dass man mich sehr leicht auch ohne Ursache hassen konnte.

„Aber, aber,” bremste das Lehrmädchen meine Leidenschaft und stieß mir die Hände von der aufgeknöpften Bluse weg. Sie meinte, dass sie sich über die exklusive Gunst des Geschäftsleiters freuen musste. Sie ahnte nicht, dass sich inzwischen meine Gunst praktisch alle Angestellten in unserem kleinen Geschäft am Korso verdient hatten. Einige von ihnen treffe ich auch heute in der Stadt. Wer weiß, ob sie noch etwas mit irgendwem haben. Kaum. Sind größtenteils im Pensionsalter. Mit mir haben sie sicher nichts. Ich bin derjenigen treu, derentwegen ich von meiner Frau fortgegangen bin. Eigentlich nicht: meine Frau habe ich verlassen, weil sie als Ehefrau versagt hat. Persönlich kümmert sie sich um ihre zukünftige Einsamkeit. 

Ich bin unschuldig.

Ich habe ein Familiennest eingerichtet, es ist zerbröselt, aber es finden sich viele solche, die in ihrem Leben nichts eingerichtet haben!

Im Vergleich zu ihnen bin ich sauber. Einer von diesen Leuten, die nichts eingerichtet haben, ist mein jüngerer. Und wenn ich schon von Treue und Untreue spreche: kann ein Mensch untreu sein, wenn er alt und müde ist. Wir alten Männer haben es einfach.

Die Erschöpfung macht aus uns unbescholtene Bürger.

Darum beanspruchen wir Ehre. Das, dass unser Anspruch durch nichts begründet ist, ist sich zum Glück kaum jemand bewusst.

 

61-65

 

 

 

 

Gehen S‘ weiter,“ sagte Ľalika.

Es passierte ein paar Monate vor meinem Definitiven Abgang aus der Jägerstraße. Wir setzten uns ins Vorzimmer, es kam eine Debatte in Gang, ich beschwerte mich über meine Frau. 

Ľalika bemerkte, dass ihr Gatte vor zwei Jahren gestorben sei, aber sie trauere nicht mehr. Sie zeigte mir die Wohnung und danach gingen wir in den Keller. 

Die Dämpfe von den undichten Verschraubungen zwischen den Rohren stiegen zum Plafond. Das halte ich nicht aus.

Und noch in so einer Wärme. Ich schaute mir die Kellerräume an und konnte mein Entsetzen nicht verbergen: „Hier ist alles wie bei uns, nur – umgekehrt! Verkehrt! Alles ist verkehrt!“  Ich lief über den Gang, bog um die Ecke, schaute hinter ihm hervor. Ich sah die Nachbarin. Ekelhaft, fett, klein. Ein breites Ksicht, fleischig, die Nase krumm. Und ich sah den Gang. Der Gang in den Keller meines Hauses bog nach rechts ab, dieser Gang hier nach links.

Ich schaute die Wand an: im Verhältnis zu den Wänden in meinem Keller war das eine Antiwand. Ich stampfte auf den Fußboden  (Fliesen//dlážka).

Antifußboden!

Und ich sah:

Einen Antiplafond.

Ein Antiinsekt.

Antimäuse in Antilöchern.

Und ich sah:

Einen Antibrunnen.

Und ich sah:

Antitreppen.

Antipfeiler.

„Dies ist doch das Gegenhaus!“Sprang ich zur Nachbarin.

„Genau.“

„Gegen mein Haus!“

„Sitzt.“

„Ein Haus zum Trotz!”

„Getroffen.”

„Eine trotzende Gegenbaustelle!“

„So.“

Seitdem sie das bauten, konnte nichts funktionieren.

Das Haus, in dem ich wohnte, war wegen dieses Hauses ganz gewöhnlich, ohne Mehrwert, ohne spezielle Funktionen. Der Sinn des Lebens, den mir und meiner Familie allein das Wohnen in unserem Haus bieten sollte, hatte nie existiert. Wir lebten ohne Sinn. Im Keller des Gegenhauses konnte mich auch nicht die Tatsache erfreuen, dass wir also so lebten, wie alle übrigen. Rein auf eigene Faust. Wir selbst mussten uns einen Sinn schaffen, aber wir machten das nicht. Irrtümlich nahm ich an, dass sich irgendetwas Wichtiges tut und das wir ein Teil von ihm sind, wie Wächter eines Leuchtturms, wie Hirten einer Herde.

„Wer hat das hier gebaut?“

„Ihr Bruder.“

„Ausgeschlossen!“

„Wer anders hätte das gekonnt? Der Architekt Kassai? Der beschäftigt sich nur mit dem Entwurf von Plätzen. Das ist ein Kunstwerk, nicht nur von Händen gebaut, sondern auch mit dem Herzen. Solch ein Irgendetwas erlernt man nicht auf der Hochschule. Aber vielleicht drücke ich mich schlecht und ungenau aus. Ich bin dumm, fett, kurzbeinig.

Ich habe Orangenhaut?“

„Der Bruder? Aber was wollte er erreichen?”

„Freiheit. Freiheit für alle. Damit unsere Leute frei handeln können. Damit sie nur das machen, was sie selbst wollen, selber von selbst.“

„In solch einem Fall hätte es vollkommen gereicht, wenn er mein Haus gebaut hätte.“

„Nur dass er zugleich auch einen Kampf wollte. Spannung! Er hatte niemand, mit dem er kämpfen konnte. Kassais Niveau habe ich schon erwähnt.

Die Luft musste vor Spannung vibrieren, musste ein Kampfplatz der Kräfte, der Energie, der Ausstrahlung sein. Haben Sie nicht bemerkt, wie sich wann immer in dieser Stadt dem Menschen die Haare sträuben?“

„Ich dachte, dass das eine Mode ist. Die aus dem Westen kam. Punk?”

„Nein, das ist Spannung! Bei den Jugendlichen zeigt sich das am häufigsten, sie sind empfindlich. Und für solche wie Sie gibt es nichts zum Sträuben.

Ihr Bruder hat über Sie viel nachgedacht. Er war kopflos. Zuerst baute er Ihnen ein außergewöhnliches Haus, doch dann bemerkte er, wie gleichgültig Sie an das Leben herangehen. Dieses Haus sollte alles für Sie machen? Dachten Sie sich, dass Sie persönlich sich um nichts kümmern müssen? Ihr Bruder begriff, dass er es mit diesem Haus verdorben hatte. Auch in der Beziehung zu den Bewohnern dieser Stadt.

Darum errichtete er ein Gegenhaus. Er verriet es Ihnen nicht, er schaffte es nicht.

Er starb auf der Baustelle.”

„Hier irgendwo?“

„Nein, beim dritten Haus.“

„Er hat ein drittes gebaut? Aber warum?“

„Wie ich schon gesagt habe, er war verwirrt. Als er mein Haus erbaute, tat ihm gleich alles leid. Denn er brachte nicht nur Sie und Ihre Familie um den Sinn des Lebens, sondern auch sich: beide Häuser funktionierten vollendet – vollendet diametral – sie setzten sich gegenseitig außer Kraft. Plötzlich war Ihr Bruder ein gewöhnlicher Handwerker. Er nahm also den dritten Bau in Angriff, der das langweilige Gleichgewicht liquidieren und wieder von Anfang an das spannende, vielleicht wahnsinnige Spiel abspielen.“

„Wo ist dieser Bau?“

„Er hat ihn nicht zu Ende geführt. Es passierte ein Unglück. Die Sache wurde untersucht, aber es wurde nichts festgestellt. Den Bau stellte dann Kassai fertig, aber nur auf seinem Niveau. Etwas von den Absichten Ihres Bruders blieb erhalten, wenn auch wirr und beschädigt. Die Leute in diesem Haus verlieren den Verstand.

Zum Glück fällt das in ihrem Fall nicht ins Auge.“

„Was ist das für ein Haus?“

„Dieses große in der Straße Unter dem Schloss.“

„Das Gebäude des Kreis Ausschusses?“

„Lassen wir das.“

Ľalika stand da, schwach, schwammige Arme, Finger wie kleine Walzen /valčeky/, zu große Zähne, zu kleine Augen.

Ich sagte: „So ist mein Leben eine Groteske.”

„Ist das Leben denn nicht eine Groteske? Es gibt zwei Möglichkeiten: Eine Groteske oder eine tragische Komödie.“

„Ich habe mich niemals für etwas entschieden.“

„Und was ist mit den Frauen? Wählen Sie aus. Hier oder dort…“

„Ich suche sie mir sie aus, denn ich muss. Ich kann mich nicht beherrschen. Was ist, wenn ich wirklich treu sein will? Was ist, wenn es mir nur allein darum geht?! Ja, ich will! Will! Aber irgendetwas treibt mich immer.“

„Die Triebe?“

„Die Triebe.“

„Das passiert.“

„Ich bin unfrei, leer, egoistisch!“

„Willkommen im Club.“

Ich schaute und sah: einen Anticlub.

Die Apathie der hiesigen Leute ist also nicht die Folge einer aktiven Sendung meines Hauses. Sie sind apathisch, denn es liegt einfach in ihrer Natur. Sie lassen sich auf dem Kopf herumspringen, sie ertragen schweigend jedes Regime, sie stimmen demütig zu, sie heben die Hand bei der Abstimmung wie Puppen, darin ist keine Prise Weisheit, buddhistischer Ergebenheit, es geht auch nicht um die Wirkung eines brüderlichen /bratovho/ Apparates, es ist kurz gesagt diese ihre / poondiata/ sklavische Natur. 

In die Kellerluft mischte sich ein Geruch, der mir bekannt vorkam.

Mir fehlten die Worte.

Ich langte nach der Nachbarin.

„Lass mich!” schrie sie.

Seit wann duzen wir uns?

 

105-109

Author

Balla, Vladimír

BALLA, geb. 8. 5.

 

Translator

Stephan-Immanuel Teichgräber

Literaturwissenschaftler und Übersetz