Publications

Literaturgeflüster

Gedichte

Gábor Schein

Grüße aus dem Inneren des Kontinents

 

Der letzte Personenzug hält quietschend auf dem

äußersten Gleis. Die Geister fahren erneut in ihre

tristen, dunklen Körper zurück, und auf den Bahnsteig tretend

baut sich jeder sofort einen Schirmbunker

gegen den tröpfelnden Regen und rüstet sich mit Blick

zu den geschlossenen Ständen für den ersten Ansturm.

Die Stadt schlägt die Augen nieder. Sieht nicht den zerstörerischen

Verse

Diese Gedichte wurden mit anschließender Übersetzung beim Literarischen Lenz in Centrope X am 18. Mai 2017 im Theaterbrett vom Autor selbst gelesen und anschließend folgte die Übersetzung von Agnés Nagy, die sie auch in der Datenbank finden werden.

Schein Gábor

Üdvözlet a kontinens belsejéből

 

Az utolsó személyvonat a legkülső vágányon

csikorogva megáll. A szellemek visszaveszik

megunt, sötét testüket, és a nedves peronra lépve,

akinek esernyője van, a szemerkélő esőben

azonnal bunkert épít magának, a bezárt kioszkok

Auf dieser Etage leben nur Frauen

Auf dieser Etage leben nur Frauen

 

„Ich bin über fünfunddreißig”, sagte Edit, dabei war sie fast siebenundvierzig. „Ich war noch nie zuvor in solch einem elenden Zustand.”

Ihr Lachen hallte von den leeren Wänden wider.

Caput mortuum

Michal Habaj

Caput Mortuum

Ausruf

Ich weiß was das ist töten

Ich weiß was das ist Massenmord

Ich weiß was das ist Genozid

Ich weiß was das ist Vernichten

Ich weiß was das ist Endlösung

Ich weiß was das ist schlachten

Mit kultivierten Methoden

Mit scheinbar freundlichen Technologien

Mit klimatischen und chemischen Waffen

Ich weiß was das ist Vernichten

Ich weiß was das ist Mord

Ich habe getötet

Ich habe das gemacht

Ich weiß was das ist Vermehrung (premnoženie)

DAS WELTALL IST NUR DIESER EINZIGE ORT

Adam Borzič

 

Das Weltall ist nur dieser einzige Ort

für Martin & für San

 

Das Weltall ist heute nur dieser einzige Ort, 

denn das Weltall ist stets heute dieser eine einzige Ort,

ein Riesentropfen Lust breitet sich aus in dieser Aprilnacht,

ein Ort eines Tropfens Lust: Du liest die Zeilen des alten Dichters,

und verfolgst, wie ein gewandter Zentaur dem jungen Riesen die Haare schneidet,

das Weltall ist heute gerade dieser Ort, und Wellen könnten es ausfüllen,

Mittwochabend

Petra Soukupová

Mittwochabend

 

Am Samstag fahren wir ab, sagt Alice beim Abendessen, während sie Lola mit Griesbrei füttert. Lola mampft ǀ isst gehorsam. Richard mampft ǀ isst auch gehorsam, die anderen haben Risotto, das vom gestrigen Hühnchen mit Reis übriggeblieben ist. Richard denkt dabei, ob er morgen früh laufen geht, oder ob er sich am Abend ein weiteres Glaserl Wein genehmigen und in der Früh dagegen länger schlafen kann.

Karlík schlägt mit der Gabel auf den Teller. Richard ermahnt ihn, wie schon hundert Mal zuvor…

Orphische Linien

Adam Borzič

Orfické linie [Orphische Linien] Praha 2015

Wem gehört die Geschichte?

 

Ich sah Mussolini in einer Pelerine, er tanzte

und von seinem Faltensaum quoll Fischlicht.

Von dem Glanz seines Kegels wollte ich schreien:

„Wem gehört diese Geschichte?“ aber etwas wie eine schwarze Hand

das in den steilen Felsen wohnt hielt mich zurück

und ich blieb im Gehege still wie ein Kreis allein.

Was ich wusste, zerfloss. Angefroren an den Fußboden

Orphische Geste: Essay

 

 

 

I.

Es ist überhaupt die Frage, ob man heute schreiben soll? Sie wird wieder drohend neu gegen den dunklen Himmel aufgeworfen. So sieht das Unbekannte aus, dem die Angst sofort die Mundöffnung mit einem obszönen Rouge nachziehen will.

 

Schreiben? Das frage ich, der instinktiv Vertrauen in Eruption und Glauben an Gott hat?

 

 

II.

Pages