Eckdaten

Das Web­por­tal “Ehen vor Gericht” und die dazu­ge­hö­ri­ge Daten­bank ent­stand im Rah­men zwei­er vom öster­rei­chi­schen Wis­sen­schafts­fonds geför­der­ter For­schungs­pro­jek­te. Bei­de Pro­jek­te sind bzw. waren an der Uni­ver­si­tät Wien, His­to­risch-kul­tur­wis­sen­schaft­li­che Fakul­tät, Insti­tut für Geschich­te, ange­sie­delt:

P 28063 Ehe­pro­zes­se zwi­schen dem 16. und 19. Jahr­hun­dert.
Regio­na­le und sozia­le Ver­or­tung
Pro­jekt­lauf­zeit: Okto­ber 2015 bis Sep­tem­ber 2017 (kos­ten­neu­tra­le Ver­län­ge­rung bis 30.09.2018)

P 23394 Ehen vor Gericht. Kon­flikt­fel­der und Hand­lungs­op­tio­nen vom 16. bis in die Mit­te des 19. Jahr­hun­derts
Pro­jekt­lauf­zeit: Okto­ber 2011 bis Sep­tem­ber 2014 (kos­ten­neu­tra­le Ver­län­ge­rung bis Novem­ber 2015)

Bei­de For­schungs­pro­jek­te befas­sen sich mit der Ehe­ge­richts­bar­keit im Erz­her­zog­tum Öster­reich unter der Enns (heu­te Wien und Nie­der­ös­ter­reich). Das For­schungs­team unter­sucht Gerichts­ver­fah­ren, in wel­chen über den Sta­tus einer bestehen­den Ehe ent­schie­den wur­de. Erho­ben wur­den Ver­fah­ren zur Annul­lie­rung, zur Schei­dung bzw. zur­Tren­nung von Tisch und Bett eben­so wie Ver­fah­ren zur Ver­hand­lung der Bedin­gun­gen des ehe­li­chen Zusam­men­le­bens oder zur Rege­lung der Tren­nungs- bzw. Schei­dungs­fol­gen.

UNTERSUCHUNGSZEITRAUM

Der Unter­su­chungs­zeit­raum der Ehe­ge­richts­pra­xis reicht von der Mit­te des 16. bis ins aus­ge­hen­de 19. Jahr­hun­dert und über­schrei­tet so die gän­gi­ge Zäsur zwi­schen Frü­her Neu­zeit und Neu­zeit bzw. Vor­mo­der­ne und Moder­ne.

1558 setzt eine dich­te­re Über­lie­fe­rung der Pro­to­koll­bü­cher des Unte­ren Offi­zi­alats der Diö­ze­se Pas­sau ein, 1871 muss die katho­li­sche Kir­che die Ehe­ge­richts­bar­keit end­gül­tig an die welt­li­chen Gerich­te abtre­ten.

Die ers­ten sechs Jah­re des Unter­su­chungs­zeit­rau­mes lie­gen damit vor dem Dekret Tamet­si, wel­ches das Kon­zil von Tri­ent im Novem­ber 1563 ver­ab­schie­det wur­de. Die­ses Dekret, wel­ches als Ant­wort auf refor­mier­te Rege­lun­gen der Ehe ver­ab­schie­de­te wur­de, stell einen sehr wich­ti­gen Schritt in der Ent­wick­lung des katho­li­schen Ehe­rechts dar.

Wäh­rend in der öster­rei­chi­schen Rechts­ge­schich­te wie Geschichts­schrei­bung vor allem die Bedeu­tung des ABGB von 1811 betont wird, stell­te für die Ehe­ge­richts­bar­keit bereits das Jose­phi­ni­sche Ehe­pa­tent von 1783 einen wesent­li­chen Ein­schnitt dar. Es über­trug die Ehe­ge­richts­bar­keit von den kirch­li­chen an welt­li­che Gerich­te und Behör­den.

Von zen­tra­ler Bedeu­tung für die Ehe­ge­richts­bar­keit war zudem die in Fol­ge der Revo­lu­ti­on von 1848 durch­ge­führ­te Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Gerichts­we­sens. Ab 1. Juli 1850 waren nicht mehr die Patri­mo­ni­al­ge­rich­te, son­dern die Bezirks- und Lan­des­ge­rich­te (spä­ter Kreis­ge­rich­te) für die Ehe­ver­fah­ren zustän­dig.

Zwi­schen 1857 und 1871, die letz­ten Jah­re des Unter­su­chungs­zeit­rau­mes, hat­te die katho­li­sche Kir­che auf­grund des Kon­kor­dats von 1855 neu­er­lich die Juris­dik­ti­on in Ehe­sa­chen inne.

Im kurz skiz­zier­ten Unter­su­chungs­zeit­raum, der sich über mehr als drei Jahr­hun­der­te erstreckt, konn­ten wir selbst­ver­ständ­lich nicht alle Ehe­ver­fah­ren erhe­ben, son­dern muss­ten  zeit­li­che Schwer­punk­te set­zen (vgl. dazu Daten­er­he­bung).

UNTERSUCHTE GERICHTE

Bis zur Regu­lie­rung der Bis­tü­mer unter Joseph II. unter­stand ein Groß­teil der Pfar­ren im Erz­her­zog­tum Öster­reich unter der Enns ent­we­der der Diö­ze­se Wien (ab 1722 Erz­diö­ze­se) oder der Diö­ze­se Pas­sau. Nur eini­ge weni­ge Pfar­ren gehör­ten zu ande­ren Diö­ze­sen, u.a. zu der Erz­diö­ze­se Salz­burg, dem Bis­tum Wie­ner Neu­stadt und der Diö­ze­se Raab [Győr].

Auf­grund ihrer räum­li­chen Aus­deh­nung war die Diö­ze­se Pas­sau seit dem 14. Jahr­hun­dert in zwei Ver­wal­tungs­ein­hei­ten auf­ge­teilt. Vie­le der Pfar­ren des Erz­her­zog­tums Öster­reich unter der Enns – von der Ybbs im Wes­ten bis zur Pies­ting im Süden – gehör­ten zum Ost­teil der Diö­ze­se Pas­sau. Als Unte­res Offi­zi­alat bezeich­net wur­de der Ost­teil von einem eige­nen Offi­zi­al ver­wal­tet, der alle bischöf­li­chen Funk­tio­nen ein­schließ­lich der Gerichts­bar­keit aus­üb­te.

Die Ehe­ge­richts­pra­xis bis 1783 unter­such­te das For­schungs­team auf der Basis der Pro­to­koll­bü­cher des Kon­sis­to­ri­ums des Unte­ren Offi­zi­alats der Diö­ze­se Pas­sau (künf­tig als UO Pas­sau­er Kon­sis­to­ri­um abge­kürzt) und der (Erz-)Diözese Wien. Die Pro­to­koll­bü­cher bei­der Kon­sis­to­ri­en wer­den heu­te im Diö­ze­san­ar­chiv Wien ver­wahrt.

Die Quel­len­ba­sis für die Pra­xis der welt­li­chen Ehe­ge­rich­te zwi­schen 1783 und 1850 bil­den die Zivil­ge­richts­ak­ten des Wie­ner Stadt­ma­gis­trats. Die­se befin­den sich im Wie­ner Stadt- und Lan­des­ar­chiv und betref­fen die Schei­dungs­ver­fah­ren von Ehe­paa­ren, die ihren Wohn­sitz in der Inne­ren Stadt oder in einer der zwi­schen Gla­cis und Lini­en­wall (dem heu­ti­gen Gür­tel) lie­gen­den Vor­städ­te hat­ten.

Um den Blick auch auf Klein­städ­te zu erwei­tern, sich­te­ten wir zudem die Magis­trats­ak­ten von vier lan­des­fürst­li­chen Märk­ten bzw. Städ­ten: Eggen­burg, Lan­gen­lois, Perch­tolds­dorf und Tulln. Die Quel­len­be­stän­de befin­den sich teil­wei­se in den jewei­li­gen Stadt­ar­chi­ven, teil­wei­se auch im Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­ar­chiv.

Um auch Ehe­paa­re aus rura­len Gebie­ten in den Fokus zu bekom­men, bezo­gen wir einer­seits die ade­li­ge Herr­schaft Sit­zen­berg, ande­rer­seits die geist­li­che Herr­schaft Sei­ten­stet­ten in die Unter­su­chung ein. Die für das For­schungs­pro­jekt rele­van­ten Akten bei­der Herr­schaf­ten befin­den sich im Nie­der­ös­ter­rei­chi­schen Lan­des­ar­chiv.

Die Ehe­ver­fah­ren zwi­schen 1857 und 1867 unter­such­ten wir anhand der Gerichts­ak­ten des Ehe­ge­richts der Erz­diö­ze­se Wien und des Ehe­ge­richts der Diö­ze­se St. Pöl­ten. Die Akten­dos­siers des fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richts Wien wer­den künf­tig im Wie­ner Diö­ze­san­ar­chiv auf­be­wahrt wer­den, die Akten des St. Pölt­ner Ehe­ge­richts befin­den sich im Diö­ze­san­ar­chiv St. Pöl­ten.

Andrea Grie­seb­ner | Georg Tschan­nett

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