Kirchliche Gerichtsbarkeit (1857-1868)

Von “zeitweiligen” und “lebenslänglichen” Scheidungen
Die Scheidung von Tisch und Bett wird für so lange bewilligt, bis die Klägerin/der Kläger ohne Gefahr für ihr/sein zeitliches und ewiges Heil die ehliche Gemeinschaft mit ihrem Gatten/seiner Gattin erneuern kann.

Die zitier­te For­mu­lie­rung eines Schei­dungs­ur­teils steht für vie­le Urteil, wel­che in den 1860er-Jah­ren  vom Wie­ner fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richt aus­ge­spro­chen wor­den waren. Das Ehe­ge­richt gewähr­ten den Ehe­leu­ten eine zeit­lich befris­te­te Schei­dung von Tisch und Bett und mach­te die Dau­er der Tren­nung davon abhän­gig, wie lan­ge der Klä­ger bzw. die Klä­ge­rin eine Gefahr für das dies- und jen­sei­ti­ge „Heil“ sehe. Von wem die­se Gefahr aus­ging, dar­über gibt der Aus­zug aus dem Urteil kei­ne Aus­kunft. In den aller­meis­ten Fäl­len ging die Gefahr vom Ehe­mann, sei­ner Gewalt­be­reit­schaft und/oder sei­ner Alko­hol- bzw. Spiel­sucht aus.

Wäh­rend Schei­dun­gen von Tisch und Bett zwi­schen 1783 und 1856 - als in Wien und Tei­len der Habs­bur­ger Mon­ar­chie staat­li­che Gerich­te für Ehe­strei­tig­kei­ten zustän­dig waren - stets unbe­fris­tet aus­ge­spro­chen bzw. bewil­ligt wur­den, erlaub­te das fürster­bi­schöf­li­che Ehe­ge­richt in den 1860er-Jah­ren zumeist nur “zeit­wei­li­ge” Schei­dun­gen von Tisch und Bett und setz­te auf eine mög­li­che Ver­söh­nung und damit Wie­der­ver­ei­ni­gung der Ehe­leu­te. Nur in weni­gen Fäl­len (meist auf­grund eines bewie­se­nen oder ein­ge­stan­de­nen Ehe­bruchs) gewähr­ten die Räte eine „lebens­läng­li­che Schei­dung von Tisch und Bett“. Mit die­ser restrik­ti­ven Urteils­pra­xis schlos­sen die Räte an die Recht­spre­chung der Kir­chen­ge­rich­te vor 1783 an.

Scheidungszahlen in Wien zwischen 1857 und 1865

Karl Dwor­zak ver­fass­te 1867 einen Erfah­rungs­be­richt über sei­ne lang­jäh­ri­ge Tätig­keit als Rat des fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richts in Wien. Von beson­de­rem Inter­es­se sind dabei sei­ne sta­tis­ti­schen Anga­ben zu den Wie­ner Schei­dungs­zah­len. In den ers­ten acht Jah­ren der Zustän­dig­keit des kirch­li­chen Ehe­ge­richts zählt Dwor­zak 2.100 Schei­dungs­kla­gen. Inter­es­sant ist, dass er in der Aus­dif­fe­ren­zie­rung der Urtei­le kei­ne Unter­tei­lung zwi­schen lebens­läng­li­chen und befris­te­ten Schei­dun­gen vor­nimmt:

Vom 1. Jänner 1857 bis gegen das Ende des Jahres 1865 wurden über 2.100 Klagen auf Scheidung von Tisch und Bett bei dem f[ürst]e[rzbischöflichen] Ehegericht eingebracht.

Davon wurden bei 1.760 durch Haupturtheil, 230 durch Aussöhnung der Gegner, 122 durch Abweisung ohne Untersuchung, 5 durch Ableben Eines der Gegner während der Verhandlung erledigt.

Aus den durch Urtheil erledigten Scheidungssachen wurden im Durchschnitte bei je hundert Urtheilen 66 Scheidungsgesuche bewilligt, 34 abgewiesen.

Von 100 bewilligten Scheidungen wurden 58 aus alleinigem Verschulden des Gatten, 24 aus alleinigem Verschulden der Gattin, 18 aus beiderseitigem Verschulden bewilligt.

Als Scheidungsgründe erscheinen bei hundert bewilligten Scheidungen siebzehnmal der Gatte, neunmal die Gattin des Ehebruches schuldig; in achtundsechzig Fällen erscheint Mißhandlung oder gefährliche Bedrohung, in zweiundsiebzig empfindliche Kränkungen, in sechs Fällen böswillige Verlassung, in dreizehn Fällen ansteckende Krankheiten, in neun Fällen Kerkerstrafe, in sechzehn Fällen Verschwendung, in etwa dreihundert Urtheilen einmal Verführung zu Lastern als Scheidungsgründe; selbstverständlich erscheinen in den meisten Urtheilen mehrere Scheidungsgründe nebeneinander; in einem einzigen Falle war ein von einem Ehemanne an seiner Gattin mit Erfolg gemachter und mit mehrjährigem Kerker bestrafter Vergiftungsversuch die Ursache der Scheidung.
Erwähnenswert scheint noch, daß aus hundert Ehepaaren, welche wegen Scheidung vor dem Ehegerichte standen, 35 bis 40 Perzent in kinderloser Ehe lebten.
Auf 100 Urtheile entfallen 28 Appellationen; aus 100 appellirten Urtheilen wurden 8 in den höheren Instanzen aufgehoben oder theilweise abgeändert.

Karl Dworzak: Aus den Erfahrungen eines Untersuchungs-Richters in Ehestreitsachen, Wien 1867, S. 166f.
Nota bene

In den Schei­dungs­ak­ten des fürst­erz­bi­schöf­li­chen Ehe­ge­richts Wien aus dem Jahr 1867 tau­chen die mit “N.B.” (= Nota bene) aus­ge­wie­se­nen Bemer­kun­gen wie­der auf, die wir in den Gerichts­ak­ten des Wie­ner Magis­tra­ti­schen Zivil­ge­richts ver­miss­ten. Ver­misst des­halb, weil die zumeist an den lin­ken Rand einer Sei­te geschrie­be­nen Bemer­kun­gen einen (oft ein­zig­ar­ti­gen) Ein­blick in die Wahr­neh­mung oder das Gesche­hen abseits des eigent­li­chen Ver­wal­tungs­akts geben.

Karl Dwor­zak, der für das Ehe­schei­dungs­ver­fah­ren zwi­schen August und Anna Dirn­böck zustän­di­ge Refe­rent des Kir­chen­ge­richts, füg­te sei­nem im Dezem­ber 1867 ver­fass­ten Gut­ach­ten bei­spiels­wei­se fol­gen­de Bemer­kung bei. Dar­in kommt sei­ne per­sön­li­che Ein­schät­zung der beklag­ten Ehe­frau klar zum Aus­druck:

N.B. Beklagte vollkommene Comödiantin, Declamatorin [= Redekünstlerin]
Bedenke, wenn wir geschieden …”

Eine über die gewöhn­li­che Akten­über­lie­fe­rung hin­aus­ge­hen­de Doku­men­ta­ti­on fin­det sich in einem Schei­dungs­ver­fah­ren aus dem Jahr 1867/68. Par­al­lel zum Schei­dungs­pro­zess führ­te das jun­ge, erst seit einem hal­ben Jahr ver­hei­ra­te­te Ehe­paar einen inten­si­ven Brief­ver­kehr. Die Brie­fe wur­den als Beweis­mit­tel ein­ge­bracht und lie­gen den Pro­zess­ak­ten bei. Vor allem der Ehe­mann war an einer Aus­söh­nung inter­es­siert und reflek­tier­te in einem sei­ner Brie­fe über das Leben nach einer mög­li­chen Schei­dung von Tisch und Bett:

Bedenke, wenn wir geschieden, sind wir alle zwei für dieses Leben tot, heirathen dürfen wir nicht mehr und so in der wilden Ehe zu leben ist grausam [...]

Andrea Grie­seb­ner / Georg Tschan­nett, 2016