Forschungsinteresse

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Bis dass der Tod euch schei­det.” Die römisch-katho­li­sche Kir­che ver­tritt den Stand­punkt, dass bei der Trau­ung ein sakra­men­ta­les Ehe­band gestif­tet wird, wel­ches nur durch die Annul­lie­rung  ent­we­der als ungül­tig erklärt oder durch den Tod des Ehe­part­ners / der Ehe­part­ne­rin gelöst wer­den kann. Aus­gangs­punkt der For­schungs­pro­jek­te war die Fra­ge, über wel­che Optio­nen katho­li­sche Ehe­paa­re vor der Ein­füh­rung der Zivil­ehe ver­füg­ten, wenn sie nicht mehr gemein­sam leben woll­ten bzw. leben konn­ten.

Zu Beginn des ers­ten For­schungs­pro­jekts (2011–2015) war in der öster­rei­chi­schen Geschichts­schrei­bung das Wis­sen über Ehe­kon­flik­te sowie über deren gericht­li­che und außer­ge­richt­li­che Aus­hand­lungs­pro­zes­se äußerst gering. Dass Handwerker*innen, Bau­ern und Bäu­rin­nen oder auch Tagelöhner*innen in der Frü­hen Neu­zeit ihre Ehe­kon­flik­te gericht­lich aus­tru­gen,  erschien undenk­bar. Obwohl bekannt war, dass das Jose­phi­ni­sche Ehe­pa­tent 1783 die Ehe­ju­ris­dik­ti­on von der Kir­che an die welt­li­chen Gerich­te über­tra­gen hat­te, wuss­ten weder Jurist*innen noch Historiker*innen, wel­che welt­li­chen Gerich­te ab 1783 zustän­dig waren. Für die Ehe­ge­richts­bar­keit vor 1783 war sich die For­schung nicht einig, ob die­se loka­len Kir­chen­ge­rich­ten oder nicht doch dem Hei­li­gen Stuhl in Rom unter­stand. Ins­ge­samt wur­de der Ehe­ge­richts­bar­keit aber ohne­hin kaum Bedeu­tung bei­gemes­sen, da die Ansicht vor­herrsch­te, dass katho­li­sche Ehen nicht geschie­den wer­den konn­ten und es daher – abge­se­hen von Annul­lie­run­gen – vor der Ein­füh­rung der Zivil­ehe kei­ne Ehe­ver­fah­ren gege­ben habe.

In einem ers­ten Schritt galt es daher, die recht­li­chen Nor­men und die im lan­gen Unter­su­chungs­zeit­raum im Erz­her­zog­tum Öster­reich unter der Enns (heu­te Nie­der­ös­ter­reich und Wien) jeweils zustän­di­gen Gerich­te zu eru­ie­ren, um in einem zwei­ten Schritt her­aus­zu­fin­den, wo die Quel­len die­ser Insti­tu­tio­nen heu­te archi­viert sind. Der Haupt­fo­kus des ers­ten For­schungs­pro­jekts galt der Suche nach und der Erhe­bung der Ehe­ver­fah­ren, um quel­len­ge­stütz­te Aus­sa­gen über die Pra­xis der Ehe­ge­rich­te im Unter­su­chungs­ge­biet tref­fen zu kön­nen.

Für aus­ge­wähl­te Zeit­seg­men­te zwi­schen 1558 und 1783 erho­ben wir die Ehe­ver­fah­ren vor den kirch­li­chen Gerich­ten des Unte­ren Offi­ci­alats der Diö­ze­se Pas­sau und der (Erz-)Diözese Wien. Aus dem Zeit­raum der welt­li­chen Gerichts­bar­keit unter­such­ten wir die Ehe­ge­richts­bar­keit des Zivil­ma­gis­trats der Stadt Wien zwi­schen 1783 und 1850.

Bei der Ana­ly­se der ver­schie­de­nen Ehe­ver­fah­ren galt unser Inter­es­se vor allem der Fra­ge, mit wel­chen Argu­men­ten die Ehe­tei­le ihre Inter­es­sen - sei es eine Schei­dung von Tisch und Bett oder auch ein Zusam­men­le­ben - begrün­de­ten. Wel­che Stra­te­gi­en ver­folg­ten sie (in Abspra­che mit ihren Anwäl­ten), um ihre For­de­run­gen durch­zu­set­zen? Wel­che Erwar­tun­gen knüpf­ten die ein­zel­nen Ehe­frau­en und Ehe­män­ner an die Ehe bzw. das kon­kre­te Zusam­men­le­ben?

Wäh­rend wir aus den Pro­to­kol­len und Akten der Ehe­ge­richts­bar­keit zwar sehen konn­ten, wie Ehe­tei­le ihre For­de­run­gen begrün­de­ten, erfuh­ren wir oft nicht, wo das Ehe­paar wohn­te, wie alt die Ehepartner*innen waren oder wie sie ihren Lebens­un­ter­halt ver­dien­ten. Das zwei­te For­schungs­pro­jekt erwei­ter­te die Quel­len­ba­sis daher in drei­fa­cher Hin­sicht: Sozi­al, indem für alle erfass­ten Ehe­paa­re wei­te­re Quel­len gesucht wur­den, die nähe­re Infor­ma­tio­nen zur Ehe selbst, aber auch zur sozia­len Einor­dung des Ehe­paa­res bzw. der Ehepartner*innen ermög­lich­ten. Regio­nal um Ehe­schei­dun­gen, wel­che von den Magis­tra­ten von Eggen­burg, Lan­gen­lois, Tulln und Perch­tolds­dorf bzw. den Orts­ge­rich­ten der Herr­schaf­ten Sei­ten­stet­ten und Sit­zen­dorf geneh­migt oder per Urteil ent­schie­den wur­den. Und zeit­lich um Ehe­ver­fah­ren vor den katho­li­schen Ehe­ge­rich­ten St. Pöl­ten und Wien, wel­che nach dem Kon­kor­dat von 1855 zwi­schen 1857 und 1867 die Ehe­ju­ris­dik­ti­on im Erz­her­zog­tum Öster­reich unter der Enns aus­üb­ten.

Die Recher­che wei­te­rer per­so­nen­re­le­van­ter Quel­len ver­folg­te kei­ne pro­so­po­gra­phi­sches Inter­es­se im enge­ren Sin­ne, son­dern soll­te eine fun­dier­te Aus­wer­tung der Ehe­ver­fah­ren ermög­li­chen, die zum einen zwi­schen Stadt, Klein­stadt und Land dif­fe­ren­ziert, zum ande­ren aber auch sozia­le Unter­schie­de berück­sich­tigt. Die­se Dif­fe­ren­zie­run­gen sind unter ande­rem auch die Vor­aus­set­zung dafür, um nicht nur zwi­schen Män­nern und Frau­en zu unter­schei­den, son­dern Geschlecht in Bezie­hung zu ande­ren Kate­go­ri­en zu set­zen, Geschlecht als mehr­fach rela­tio­na­le Kate­go­rie anzu­wen­den.

Für alle Ehe­paa­re haben wir vor allem mit Hil­fe der Pfarr­ma­tri­ken ver­sucht, den Wohn­ort, das Datum der Ehe­schlie­ßung, die Tau­fe all­fäl­li­ger Kin­der sowie die Lebens­da­ten der Ehepartner*innen zu eru­ie­ren. Ver­tie­fen­de per­so­nen­be­zo­ge­ne Recher­chen zu 396 Ehe­paa­ren, wel­che zwi­schen 1783 und 1850 ein “unein­ver­ständ­li­ches” Schei­dungs­ver­fah­ren vor dem Wie­ner Zivil­ma­gis­trat führ­ten, wur­den zwi­schen März und Juni 2018 von der Kul­tur­ab­tei­lung der Stadt Wien geför­dert (MA 7-755941/17).

Der Schwer­punkt unse­rer gegen­wär­ti­gen For­schun­gen, deren Ergeb­nis­se am Web­por­tal in regel­mä­ßi­gen Abstän­den zugäng­lich gemacht wer­den, gilt der Fra­ge, wie die getrenn­ten bzw. geschie­de­nen Ehe­paa­re das ehe­li­che Ver­mö­gen teil­ten und die Obsor­ge der Kin­der regel­ten.

Andrea Grie­seb­ner / Georg Tschan­nett, 2016
update: Andrea Grie­seb­ner, 1. Dezem­ber 2018, 1. Febru­ar 2019

Wei­ter zu: Unter­su­chungs­zeit­raum