Weltliche Gerichtsbarkeit (1783-1850)

DATENERHEBUNG

Wie im Menü­punkt Nor­men aus­ge­führt, trat mit 1. Novem­ber 1783 das Jose­phi­ni­sche Ehe­pa­tent in Kraft trat. Es defi­nier­te die Ehe als „bür­ger­li­chen Ver­trag“ und über­trug die Ehe­ju­ris­dik­ti­on „den lan­des­fürst­li­chen Gerichts­stel­len“ (§ 1).

Die gericht­li­che Zustän­dig­keit war vor allem über Hof­de­kre­te gere­gelt wor­den. Wäh­rend die katho­li­schen Kon­sis­to­ri­en kei­ne Gerichts­pri­vi­le­gi­en aner­kannt hat­ten, leg­te das Hof­de­kret vom 28. Juli 1783 (JSG 1780-1784, 166) fest, dass für ade­li­ge Per­so­nen das Nie­der­ös­ter­rei­chi­sche Land­recht zustän­dig sein soll­te, für alle nicht­ade­li­gen Per­so­nen dage­gen die „Orts­ge­rich­te“.

Mit­tels Patent vom 27. Sep­tem­ber 1783 (JSG 1780-1784, 192) wur­de wei­ters prä­zi­siert, dass die Gerichts­bar­keit in „Streit­sa­chen“ sich nach der „per­sön­li­chen Eigen­schaft des Beklag­ten“ rich­tet (§ 1). Die Ehe­frau­en wur­den der Gerichts­bar­keit des „Haus­va­ters“ unter­wor­fen (§ 11). Dar­über hin­aus bekräf­tig­te Para­graph 24 noch­mals, dass in „Nie­der-Oes­ter­reich unter der Enns“ die Gerichts­bar­keit in Streit­sa­chen dem N.Ö Land­recht oder den Orts­ge­rich­ten oblag und kon­kre­ti­sier­te, dass mit Orts­ge­rich­ten die „in jedem Orts­be­zir­ke bestehen­den Magis­tra­te oder Grund­ge­rich­te“ gemeint sind. Von die­sem Grund­satz aus­ge­nom­men wur­den die Ange­hö­ri­gen des Mili­tärs, deren Ehe­ver­fah­ren von der Mili­tär­ge­richts­bar­keit ver­han­delt wer­den soll­ten (§ 25). Das N.Ö. Land­recht wur­de auch zum „Schei­dungs­ge­richt“ für alle sich im Erz­her­zog­tum auf­hal­ten­den „Untertha­nen der Otto­man­ni­schen Pfor­te“ bestimmt (§ 26).

Das Hof­de­kret vom 19. Mai 1786 (JGS 1786-1787, 550) erläu­te­te noch­mals „die Grund­sät­ze des Ehe-Patents“. Es hielt fest, dass „Streit­ge­gen­stän­de“ wie die Fra­ge, ob ein Ehe gül­tig geschlos­sen wor­den war oder die Ehe für nich­tig erklärt wer­den soll­te, nur von einem Rich­ter ent­schie­den wer­den kön­ne, wäh­rend ein Schei­dungs­ver­gleich dage­gen „ent­we­der der poli­ti­schen Obrig­keit oder dem Rich­ter vor­ge­legt wer­den“ konn­te.

Quellenüberlieferung

Die Fra­ge der gericht­li­chen Zustän­dig­keit war nicht nur für die Zeitgenoss*innen rele­vant, son­dern ist es auch für Historiker*innen auf der Suche nach über­lie­fer­ten Quel­len. Die im Zeit­raum von 1783 bis 1850 vor dem Wie­ner Zivil­ma­gis­trat ver­han­del­ten Schei­dungs­ver­fah­ren sind heu­te in 52 Kar­tons im Wie­ner Stadt- und Lan­des­ar­chiv archi­viert.

Schwie­rig gestal­tet sich dem­ge­gen­über die Recher­che der vor den ande­ren Magis­tra­ten bzw. den Orts­ge­rich­ten geführ­ten Schei­dungs­pro­zes­se. Nach den Anga­ben im „Hand­buch der neu­es­ten Geo­gra­phie“ exis­tier­ten 1817 im Erz­her­zog­tum Öster­reich unter den Enns 612 Orts­ge­rich­te, wovon meh­re­re durch Dele­ga­ti­on ver­wal­tet wur­den. Nach der „Oes­ter­rei­schi­schen National=Encyklopädie“ bestan­den 1836 im Erz­her­zog­tum 38 Magis­tra­te und 481 Patri­mo­ni­al­ge­rich­te der „Domi­ni­en“. Wie­der ande­re Zah­len nennt dage­gen die Sta­tis­tik des öster­rei­chi­schen Kai­ser­staa­tes von 1840, in der 45 Magis­tra­te und 703 Orts­ge­rich­te ange­führt wer­den.

Unab­hän­gig davon, ob 700 oder auch nur 500 Gerich­te zustän­dig waren: Die Suche nach über­lie­fer­ten Quel­len stellt sowohl für Historiker*innen wie auch für Archivar*innen eine Her­aus­for­de­rung dar. Nach der Abschaf­fung der Patri­mo­ni­al­ge­richts­bar­keit und der Neu­or­ga­ni­sa­ti­on des Gerichts­we­sens wur­den die Schei­dungs­ak­ten der Magis­tra­te und Patri­mo­ni­al­ge­rich­te teil­wei­se den mit 1. Juli 1850 zustän­di­gen Kreis­ge­rich­ten über­ge­ben und befin­den sich heu­te – sofern noch erhal­ten – in deren Akten­be­stän­de inkor­po­riert. Ein Find­be­helf, um in den tau­sen­den Kar­tons der Kreis­ge­rich­te nach Schei­dungs­ak­ten zu suchen, fehlt, sodass die Schei­dungs­ak­ten zwar mög­li­cher­wei­se über­lie­fert, aber den­noch in den Kar­tons “ver­lo­ren” sind. Mit den Akten war zugleich auch das Wis­sen ver­lo­ren, dass sich katho­li­sche Ehe­paa­re bereits vor der Ein­füh­rung der Zivil­ehe im Juni 1938 von Tisch und Bett schei­den las­sen konn­ten und vor allem Ehe­frau­en von die­ser Mög­lich­keit auch Gebrauch mach­ten. Bis vor weni­gen Jah­ren wuss­ten daher auch die Archivmitarbeiter*innen nicht, dass im Bestand der Kreis­ak­ten Ehe­schei­dungs­ver­fah­ren aus dem Zeit­raum vor 1938 ent­hal­ten sind.

Verwendete Literatur

Joseph Marx von Liech­tens­tern, Hand­buch der neu­es­ten Geo­gra­phie, Bd. 1., Wien 1817. 145.
Franz Gräf­fer, Johann Jakob Czi­kann (Hrsg.), Oes­ter­rei­schi­sche National=Encyklopädie. Bd. 4., Wien 1836.
Johann Sprin­ger, Sta­tis­tik des öster­rei­chi­schen Kai­ser­staa­tes, Bd. 2., Wien 1840.

Andrea Grie­se­ber, 2016
letz­tes update: 27. Febru­ar 2019

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