Kirchliche Gerichtsbarkeit (1857-1868)

DATENERHEBUNG

Arti­kel zehn des in der Restau­ra­ti­ons­pha­se abge­schlos­se­ne Kon­kor­dat von 1855 leg­te fest, dass „alle kirch­li­chen Rechts­fäl­le und ins­be­son­de­re jene, wel­che den Glau­ben, die Sacra­men­te, die geist­li­chen Ver­rich­tun­gen […] betref­fen, ein­zig und allein vor das kirch­li­che Gericht gehö­ren“.  Der zehn­te Arti­kel ver­lieh dem  kirch­li­che Rich­ter das Recht, „auch über die Ehe­sa­chen nach Vor­schrift der hei­li­gen Kir­chen­ge­set­ze und nament­lich der Ver­ord­nun­gen von Tri­ent zu urthei­len und nur die bür­ger­li­chen Wir­kun­gen der Ehe an den welt­li­chen Rich­ter zu ver­wei­sen“. Unter die „bür­ger­li­chen Wir­kun­gen“ fie­len bei­spiels­wei­se die Ver­mö­gens­an­sprü­che, die eine Par­tei gegen die ande­re stel­len konn­te, wobei auch dar­über – sofern bei­de Tei­le damit ein­ver­stan­den waren – vor dem Kir­chen­ge­richt ver­han­delt wer­den konn­te.

Die geist­li­chen Gerich­te nah­men ihre Tätig­keit 1857 auf. 1868 setz­te Kai­ser Franz Joseph I. die Bestim­mun­gen des Kon­kor­dats durch die im Reichs­rat beschlos­se­nen „Mai­ge­set­ze“ außer Kraft und über­wies die Gerichts­bar­keit in Ehe­sa­chen wie­der an die welt­li­chen Gerich­te. An die Stel­le der kirch­li­chen Bestim­mun­gen tra­ten neu­er­lich die Vor­schrif­ten des ABGB und der nach­träg­lich ergan­ge­nen Geset­ze und Ver­ord­nun­gen. Da die Kir­che die ein­sei­ti­ge Kün­di­gung des Kon­kor­dats sei­tens der öster­rei­chi­schen Mon­ar­chie nicht akzep­tier­te, übten die Kir­chen­ge­rich­te ihre Funk­ti­on als Schei­dungs­ge­rich­te jedoch zumin­dest bis 1871 aus. For­mell gekün­digt wur­de das Kon­kor­dat erst 1874.

Isa­bel­la Pla­ner / Andrea Grie­seb­ner, 2017

Wei­ter zu: 1. Diö­ze­san­ge­rich­te (1857-1867)