Begrifflichkeiten

PROJEKT

Sowohl im All­tag als auch in den Fach­spra­chen bezeich­net der Begriff ‘Schei­dung’ heu­te die Auf­lö­sung der Ehe, womit den geschie­de­nen Ehe­leu­ten das Recht ver­lie­hen wird, eine neue Ehe ein­zu­ge­hen. Die­ses Wie­der­ver­ehe­li­chungs­recht bezieht sich aller­dings auf die Zivil­ehe und nicht auf die reli­giö­se Ehe, wel­che, sofern nach katho­li­schem Ritus geschlos­sen, bis heu­te durch ein sakra­men­ta­les Ehe­band ver­bun­den ist, wel­ches nur der Tod eines Ehe­teils löst. Die Annul­lie­rung der Ehe durch ein Diö­ze­san­ge­richt löst nicht das Ehe­band, son­dern erklärt die Ehe als ungül­tig.

Bis zur Ein­füh­rung der obli­ga­to­ri­schen Zivil­ehe – in Öster­reich erst mit dem „Anschluss“ an das natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Deutsch­land und der damit ver­bun­de­nen Über­nah­me des deut­schen Ehe­rechts im Som­mer 1938 – hat­te der Begriff ‚Schei­dung‘ je nach Reli­gi­on und Kon­fes­si­on, aber auch je nach Kon­text unter­schied­li­che Bedeu­tun­gen.

Wur­den Ehen, wel­che nach katho­li­schem Ritus rechts­gül­tig geschlos­sen und auch voll­zo­gen wor­den waren, annul­liert, so bezeich­ne­te das Cor­pus iuris cano­ni­ci die­sen Rechts­akt als Schei­dung des Ehe­ban­des (divor­ti­um quoad vin­cu­lum). In den aller­meis­ten Fäl­len war mit der Annul­lie­rung das Recht auf Wie­der­ver­hei­ra­tung ver­bun­den. Kein Recht auf Wie­der­ver­hei­ra­tung erhielt aller­dings jener Ehe­teil, der wegen abso­lu­ter Impo­tenz zur Voll­zie­hung der Ehe als unfä­hig erklärt wor­den war.

Die Schei­dung von Tisch und Bett (divor­ti­um quoad men­sam et tho­rum) erlaub­te den Ehe­part­ne­rIn­nen, getrenn­te Leben zu füh­ren. Da das von Tisch und Bett geschie­de­ne Ehe­paar wei­ter­hin durch das Ehe­band ver­bun­den war, ver­bot bzw. ver­bie­tet die katho­li­sche Kir­che bei Leb­zei­ten des Ehe­part­ners bzw. der Ehe­part­ne­rin eine wei­te­re Ehe­schlie­ßung. Gin­gen geschie­de­ne Ehe­part­ne­rIn­nen den­noch eine neue Ehe ein, so mach­ten sie sich des Ehe­bruchs und der Biga­mie schul­dig.

Begrenz­te das Kir­chen­ge­richt den Zeit­raum, in wel­chem das Ehe­paar Tisch und Bett nicht tei­len muss­te, so wur­de das als Tren­nung von Tisch und Bett (sepa­ra­tio quoad men­sam et tho­rum) oder ab dem aus­ge­hen­den 16. Jahr­hun­dert alter­nie­rend auch als Zeit der Tole­ranz bezeich­net.

Bis ins 16. Jahr­hun­dert fand der Begriff der Tole­ranz für die kirch­li­che Legi­ti­mie­rung von ganz bestimm­ten Lebens­ge­mein­schaf­ten Ver­wen­dung. Ver­hei­ra­te­te Frau­en wie Män­ner, deren Ehe­mann bzw. Ehe­frau seit meh­re­ren Jah­ren abwe­send war, konn­ten um die Tole­rie­rung einer auch ohne Todes­nach­weis ein­ge­gan­ge­nen Lebens­ge­mein­schaft ansu­chen. Geneh­mig­te das Kir­chen­ge­richt die­ses Ansu­chen, so stell­te es eine „Tole­ranz­ur­kun­de“ aus. Kam der Ehe­part­ner bzw. die Ehe­part­ne­rin wie­der zurück, so hat­ten sie die ers­te Ehe fort­zu­set­zen.

Die welt­li­chen Ehe­ge­set­ze nach 1783 akzep­tier­ten die Spiel­re­geln der ein­zel­nen Reli­gio­nen und Kon­fes­sio­nen. Für Katho­li­kIn­nen über­nah­men sie die Begriff­lich­kei­ten des kano­ni­schen Rechts. Für die Schei­dung von Tisch und Bett katho­li­scher Ehen wur­de wei­ter­hin der Begriff ‚Schei­dung‘ ver­wen­det, die Annul­lie­rung bzw. Nich­tig­keits­er­klä­rung der Ehe wur­de  als ‚Ungül­tig­keits­er­klä­rung‘ bezeich­net. Für die Schei­dung mit Wie­der­ver­hei­ra­tungs­op­ti­on nicht-katho­li­scher Ehen benut­zen die welt­li­chen Geset­ze dage­gen den Begriff ‚Tren­nung‘.

Die im Web­por­tal ver­wen­de­ten Begrif­fe ‚Schei­dung‘ und ‚Tren­nung‘ sind immer im Kon­text des Insti­tuts der Schei­dung oder Tren­nung von Tisch und Bett zu lesen. Bezie­hen wir uns auf die Schei­dung im jüdi­schen oder pro­tes­tan­ti­schen Kon­text, wei­sen wir expli­zit dar­auf hin. Für die Annul­lie­rung bzw. Ungül­tig­keits­er­klä­rung katho­li­scher Ehe (divor­ti­um quoad vin­cu­lum) ver­wen­den wir den Begriff Annul­lie­rung‘.

Andrea Grie­seb­ner

wei­ter: For­schungs­in­ter­es­se