Anfaenge der Phantastik - Gego - 2010

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Anfänge der Phantastik · Jung schaut sie aus... Zeitreise zu den Anfängen der phantastischen Literatur
Zeitreise zu den Anfängen der phantastischen Literatur
Gego Gego · Mülheim 2005 · Verlag:  · Ed 1

Reihe: Corona Magazine 151 · Corona Magazine 151,
ISBN/ISBN13:/ · ISSN:1422-8904
Sprache: Deutsch · (v1.00, Volltext)
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Gego, Gego: Anfänge der Phantastik Zeitreise zu den Anfängen der phantastischen LiteraturJung schaut sie aus... Zeitreise zu den Anfängen der phantastischen Literatur (Mülheim 2005). In: eLib.at (Hrg.), 19. Januar 2019. URL: http://elib.at/
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 · Eingereicht bei den Textdays 2010 ·
Science Fiction · Literaturwissenschaft · Phantastik · Fantasy · Literatur
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Dieser Beitrag wurde von Gego Gego (@ Red- bekannt im Rahmen der eLib.at Textdays eingereicht. Wir bedanken uns herzlich!


"On waking up, before turning in, and any time your ass feels disoriented, immediately fix your position, using at least three bearings on reference points with righteous angles between each. It does not matter if your space is psychological or physical: it is good for the ass know where it is in space." Hawkley Appendix "F": "Navigational Religion The Freetraders Almanac and Cookbook
Contraband, George Foy


Gelegentlich soll man(n) getrost wieder einen Blick zurück werfen. Wie George Foy in dem Zitat aus seinem sehr empfehlenswerten SF Buch "Contraband" bemerkt hat, ist es ein tröstlicher und unglaublich wichtiger Moment, in dem man eine Peilung zu drei Punkten vornimmt und wieder einmal ganz genau weiss, wo in all dem Chaos man sich gerade befindet.

So ist es gerade durch die erneute Popularität dieser Gattung und die damit verbundene Flut an Büchern und Filmen sinnvoll, sich die Entwicklung der phantastischen Literatur wieder in Erinnerung zu bringen.

Etwas, das oft ausgelassen wird, weil es den jeweiligen Rahmen sprengen würde, ist die historische Verankerung von Science Fiction und Fantasy in Literatur, Sagen und Folklore, Anthropologie, Mythologie und Mystizismus. Dabei ist es erstaunlich, wie viele typische Gedankengänge dort ebenso repräsentiert sind, wie in "moderner" Fantasy und Science Fiction. Dieser Artikel möchte dies daher trotzdem versuchen.

Als erstes sollte man hier den Griechen Lucian von Samosata nennen, der trotz dieses eher ernsthaften Namens satirische Science Fiction zu einer Zeit schrieb, als Kaiser Hadrian gerade seine eigene kleine Version einer Mauer baute. Von ihm stammt nicht nur die Urversion des "Zauberlehrlings" als Teil des Philopseudes (Griechisch für jemanden, der es liebt zu lügen - nimm das, Mickey Mouse - von Goethe reden wir ja gar nicht) sondern ließ in "Eine wahre Geschichte" auch eine Expedition zum Mond aufbrechen oder Kriege zwischen Ausserirdischen und unseren armen Erdenbürgern austragen (Jules Verne und H. G. Wells ?!). Später wird Johannes Kepler den Roman "Somnium" (1634) schreiben, welche ebenfalls eine phantastische Reise zum Mond beschreibt, um durch diese Hintertüre seine astronomischen Erkenntnisse und damit das heliozentrische Weltbild in die Köpfe der Menschen zu hämmern (früher las man noch das Buch, heute sieht man sich den Film an). Auch Cyrano de Bergerac überlegte sich verzweifelt, wie man von diesem kleinen blauen Ball im Weltraum zu neuen Abenteuern aufbrechen kann ("L’histoire comique contenant les états et empires de la lune", 1649, hg. 1657 (Roman) und "L’histoire comique contenant les états et empires du soleil", ca. 1650) und Bernard le Bovier de Fontenelle besiedelte etwa 1686 den Planeten Venus mit Ausserirdischen.

Um auch die satirische Science Fiction und Fantasy vom Thron zu stossen, werden in der "Wahren Geschichte" auch einige seltsame Geschichten aus Homer's Odyssee und zur damaligen Zeit kursierende Gerüchte in Form von phantastischen Episoden satirisch zerpflückt (Terry Pratchett und Douglas Adams - ich glaub jetzt hab ich fast alle erwischt). Generell ist Lucian weder Religion noch Wissenschaft heilig und beides wird gnadenlos zerpflückt.

Auch Apulcius Buch mit dem wunderbaren Namen "Das Goldene Hinterteil" (das, welches die Briten so liebevoll als "behind" betiteln) nimmt als Hintergrund einen Plot von Lucian um sich mit den Phänomenen "Zauberei" und "Wissenschaft" auseinanderzusetzen. Er nennt auch Beispiele für Probleme mit Religion, Wissenschaft, Zauberei und Aberglaube - und beschreibt die Massaker am Christentum als ein Beispiel für seine Schlussfolgerungen.

Lucian und Apulcius bedienen sich der Satire und Phantastik um ethablierte Systeme zu hinterfragen und zu durchleuchten. Die selbe Taktik wurde auch später immer wieder von unterschiedlichen Autoren benutzt, welche sich mit einem einzementierten Fundament aus Glaube, Logik oder Dogma konrontiert sahen. So haben Schriftsteller aus dem ehemaligen Soviet-Republiken diese Werkzeuge sowohl dazu benutzt, um das kapitalistische System mit seinen Eliten zu kritisieren und ein egalitäres System als Lösung zu propagieren (Brüder Strugatzky) als auch, um in einem repressiven System an der Zensur vorbei Bücher zu publizieren, die die realen Mißstände der Staatsmacht kritisieren (Yevgeny Zamyatin/Samjatin 1920 mit "Wir", einem Vorgänger von "1984" oder die Werke Stanislaw Lems).

Natürlich ist dies nicht nur dort passiert - man denke nur an die Geschichten über die repressive Staatsmacht, wie Friedrich August von Hayeks Werk "Der Weg in die Knechtschaft" 1944, George Orwells "1984" oder "Farm der Tiere" in den 50ern. Auch der kritische Blick auf Wissenschaft und Fortschritt ist ein typischer Focus für Science Fiction, man denke nur an Aldous Huxleys "Brave New World".

Aber zurück zu den Anfängen. Eine anderes, relativ altes Thema ist die Utopie. Geprägt wurde der Begriff von Sir Thomas Moore. Wenn Odysseus auf der Insel der Zauberin Circe eine kleine Gemeinschaft findet, die ihm so gefällt, daß er dort bleiben will bis er die Fehler und Tücken des Systems erkennt, dann ist das symptomatisch für die meisten späteren Utopien. Auch Platos "Politea" handelt von einem utopischen Staat, allerdings einem eher langweiligen - zumindestens wenn man darin leben müsste. Auch Sir Francis Bacons Werk "A new Atlantis" und Tommaso Campanellas "Civitas solis" ebnen den Weg in Richtung moderne Utopie.

Auch Jonathan Swifts Buch "Gullivers Reisen" aus 1726 spielt mit unterschiedlichen Gesellschaften und deren Eigenheiten. Interessant sind auch die Orte (unter anderen die fliegende Insel Laputa) und die im Buch enthaltenen wissenschaftlichen Details. So gibt Gullivers Bericht über zwei Marstrabanten (inklusive Durchmesser und Entfernung zum Planeten) den Forschern Rätsel auf, da diese offiziell erst 1877 von Asaph Hall entdeckt wurden. Auch in Voltaires Utopie "Micromégas" aus dem Jahre 1752, in der ein Ausserirdischer die Erde bereist, werden zwei Marsmonde erwähnt.

Positiv fällt mir in diesem Zusammenhang François Rabelais ein, dessen Utopien zur Abwechslung auch gut ausgehen (damit man bei "Sim City" endlich wieder das Gefühl hat, daß es irgendwann einmal von selber funktioniert). Mit Rabelais haben wir einen grossen Sprung ins 15./16. Jahrhundert gemacht - er ist der Vater des Themas "Utopie" in der neueren Geschichte. Er propagierte eine frohsinnigen Lebensstil und den Genuß der Weine seiner Heimatstadt Chinon (Product Placement hat er dann wohl auch erfunden). Meistens reagiert das Establishment nicht unbedingt humorvoll auf Kritik, überhaupt in Zeiten, wo es noch kein Satellitenfernsehen gab. Daher kam Rabelais unter den Kirchenbann.

Während manche der oben erwähnten Werke durch ihre altertümliche Sprache und mangelnde Übersetzung nicht leicht zugänglich sind, so sind die jüngeren Werke auch heute noch gut lesbar. Jonathan Swifts Satire "Gullivers Reisen", Voltaires Utopie "Micromégas", Daniel Defoes "Robinson Crusoe" oder Louis Sebastian Mercier mit "L'An 2440" in einem utopischen Paris hatten noch die Erde als ihren Hauptfokus.

Doch mit der zunehmenden Erschließung auch abgelegener Territorien wurde der Fokus ins Erdinnere bzw hinaus zu den Sterne gelekt, den letzten unerforschten Orten. Ludvig Holberg führte uns mit "Niels Klims unterirdische Reise" 1716 ins Erdinnere und Eberhard Christian Kindermanns "Die geschwinde Reise auf dem Luft-Schiff nach der Oberen Welt" entführt uns auf den Mars und lenkt unseren Blick zu den Sternen und damit zu einem wichtigen Fokus der modernen Science Fiction.

Der Mars und seine von dem Astronom Schiaparelli berühmt gemachten Kanäle ("canali") war von der Erde aus leicht zu beobachten und auch schon erstaunlich genau zu kartographieren. So ist es nicht weiter verwunderlich, daß gerade der rote Planet die Menschen inspirierte und es in der Science Fiction fast eine eigene Sub-Gattung zum Thema Mars gibt. So schrieb der amerikanische Diplomaten Percivall Lowell zwischen 1895 und 1908 drei Büchern, die das Bild einer gegen die Hitze und Austrocknung ihrer Welt kämpfende Hochzivilisation auf dem Mars zeichneten. Auch der deutsche Lehrer Kurd Lasswitz sah den Mars als bewohnten Planeten und beschrieb in "Auf zwei Planeten" 1897 eine der Menschheit ähnliche, friedliche und technologisch fortgeschrittene Zivilisation, ebenso Ferdinand Kringel 1905 in "Von der Erde zum Mars". H G Wells sah das etwas anders und ließ seine Marsbewohner die Invasion der Erde planen ("Krieg der Welten" 1898), die schlußendlich an einem kleinen Detail scheitert. Zu erwähnen ist auch noch Albert Daibler, der seine Skizzierung der Gesellschaft des roten Mars 1910 in "Die Marssegler. Drei Jahre auf dem Mars" als Kritik an den realen Zuständen auf dem blauen Planeten nutzt.


E T A Hoffmann beschert uns schließlich 1816 in der "Der Sandmann" den Auftritt der mechanischen Puppe Olympia und öffnet Robotern in der Literatur damit Tür und Tor - und das ganz ohne Asimovs Robotergesetze. Auch Technik und Wissenschaft sind wichtige Elemente der Phantastik.

Einzig die Elemente des (Aber)glaubens, der Folklore und der Sagen haben sich in den phantastischen Werken wenig geändert. So findet man beim Vater der "Gothic Novel" Horace Walpole in seinem "Castle of Otranto" (1865), den Werken von H P Lovecraft, Kafka oder E T A Hoffmann enthalten(Der Goldene Topf, 1814) oder Die Elixiere des Teufels, 1815) Elemente aus alten Mythen und Legenden. 1731 wurde vom Österreichischen Kaiser auch eine Kommission zur Aufarbeitung lokaler Mythen und Bräuche ins Leben gerufen, deren Schlussfolgerungen insbesondere über Vampire unter anderen in den bald international verbreiteten Berichten des Armee-Chirurgen Johannes Fluckinger überlebten, welcher damit wohl auch als "Vampirjäger" in die Geschichte eingehen wird. Sie bildeten eine Referenz für spätere Autoren und wird im Fokus Artikel "Vampire" genauer behandelt.

Weitere wegbereitende Vertreter der Phantastik in allen ihren Ausformungen sind sicher Jules Verne, H G Wells, Edgar Alan Poe, H P Lovecraft, Edward Bellamy, William Morris oder Mary Shelley, wobei die beiden erstgenannten wohl als Väter der modernen Science Fiction zu nennen sind.


Wie man sieht, haben viele "ethablierte" Autoren Beiträge zu diesem Genre geleistet, wie Kepler, Bacon oder Goethe (Dies sage ich mit grösster Befriedigung als Abschluß einer die ganze Schulzeit andauernden Diskussion mit meinem Deutschlehrer). Dabei war es oft die Doppeldeutigkeit, die diese Werke auszeichnete und sie in alle Bildungs- und Meinungsschichten eindringen ließ, um ihre Ideen zu verbreiten.

Generell muss man sagen, daß die Phantastik sowohl aber nicht nur als Science Fiction als auch als Fantasy einen ernsthaften Platz in den modernen Literaturwissenschaften verdient hat, gerade weil sie das gefährlichste für bestehende Systeme enthält - Ideen, oft haarsträubend, manchmal sehr treffend, aber immer kreativ und von einem veränderten Standpunkt. Und diese Sichtweise lässt die Menschen weiter denken.


Danksagung

  • Herzlichen Dank an Michael und Sebastian für Ihre Anregungen, Berichtigungen und Ergänzungen - nichts geht über ehrliche Kritik !



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Kategorie Science Fiction