Claude Cahun - Non-Cooperation avec Dieu - Ute Huber - 2007

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Non-Coopération avec Dieu: Résistance passive ·
Claude Cahun: Performance, Fotografie, Literatur, Résistance.
Huber Ute (Autor) · Wien 2007 ()

Herausgeber:  · Verlag:  · (Ed)
ISBN/ISBN13:/ · ISSN:
Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
beschreibung
Lucy Schwob / Claude Cahun
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 ·  ·  · Erweiterte und leicht abgeänderte Version der Beitrages aus [sic!] (Oktober 2007).
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Huber Ute: Non-Coopération avec Dieu: Résistance passive . In: eLib.at (Hrg.), 20. November 2018. URL: http://elib.at/
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 ·  · Artikel ·
Germanistik · Gender Studies · Kunstgeschichte · Feminismus · Kunst
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Volltext


"Non-Coopération avec Dieu: Résistance passive"

Claude Cahun: Performance, Fotografie, Literatur, Résistance.


"Meine Ansicht über die Homosexualität und die Homosexuellen ist genau die gleiche wie meine Meinung über die Heterosexualität und die Heterosexuellen: alles hängt vom Individuum und den Umständen ab. Ich trete für die allgemeine Freiheit der Sitten ein."


Claude Cahun schreibt diesen Satz 1925 in "L'Amitié", einer Pariser Homosexuellenzeitschrift. In älteren Kunstgeschichten wird Cahun, wenn überhaupt, als Mann geführt. Tatsächlich handelt es sich bei der Autorin dieses zeitlosen Kommentars aber um eine Frau: Lucy Schwob, geboren 1894 in Nantes, arbeitete seit den 1920ern unter männlichem Pseudonym, gemeinsam mit ihrer Stiefschwester und Lebensgefährtin Suzanne Malherbe alias Marcel Moore.

Die beiden sind eines der seltenen Beispiele dokumentierten lesbischen Kulturschaffens der Moderne mit fließenden Grenzen zur Postmoderne; wie überhaupt Leben und Werk der beiden Frauen von Grenzüberschreitungen geprägt sind. Liest man die – erst in den 1990ern häufiger erscheinenden – Aufsätze zu Cahun, finden sich Phrasen wie "Dekonstruktion avant la lettre", oder, salopper: "Society has only just begun to catch up with Claude Cahun." – Was auf den ersten Blick fasziniert und gefangen nimmt, sind die Fotografien der Performances Cahuns.

Wie kann etwas dargestellt, zur Schau gestellt werden und dabei selber noch viel mehr schauen als man es selbst je könnte? Diese Frage stellt Elfriede Jelinek 2005 im Nachruf auf den Maler Robert Zeppel-Sperl. Der Satz kann ebenso für die Bilder Cahuns gelten. Im Fall der Selbstdefinition marginalisierter Minderheiten erhält der Blick aus dem Kunstwerk heraus größtmögliche Brisanz: Cahun lebt im Paris der zwanziger Jahre als Frau und Kulturschaffende, als Jüdin und Kommunistin – und offen lesbisch. Sie ist bekannt für extravagante Kleidung, androgynes Auftreten und schrille Frisuren – abrasiertes oder wechselweise rosa, golden oder silbern gefärbtes Haar. Was herkömmlich als Travestie bezeichnet wurde, subversive bodily action im Butlerschen Sinn, bahnt sich quasi aktionistisch den Weg von der Bühne in den Alltag. In der Tradition der Moderne greifen Leben und Kunstschaffen in einander. Cahun wirft sich quasi selbst in die Waagschale, arbeitet mit und am eigenen Körper, um Rollenzuschreibungen und Dichotomien aufzubrechen. Ihre vieldeutigen Selbstbespiegelungen machen scheinbar Natürliches deutlich als religiös-kulturelle Norm. Verweigerung der Kooperation mit Gott. Passiver Widerstand, schreibt sie unter der Überschrift Narziss und Narziss im Text- und Bildband Aveux non avenus. Identität wird brüchig, fächert sich auf, wird wandelbar, imaginativ und medial. Narziss liebt sich nicht selbst. Er ließ sich von einem Bild verführen. Ein derartiges Hinterfragen des eigenen Selbst bringt ein ganzes Menschen- und Weltbild zum Kippen. "Unter dieser Maske eine andere Maske. Ich werde nicht aufhören, all diese Gesichter abzuziehen." Doch: Ich hatte meine einsamen Stunden damit verbracht, meine Seele zu verhüllen. Die Masken waren so vollkommen, daß es ihnen gelang, sich auf dem Marktplatz des Bewußtseins zu treffen, ohne daß sie sich wiedererkannten. [...] Aber die Schminke, die ich dazu benutzt hatte, schien nicht mehr abwischbar zu sein. Ich rieb so sehr, um die Haut zu reinigen, daß sie sich ablöste. Und meine Seele hatte wie ein lebendig gehäutetes Gesicht keine menschlichen Züge mehr .

Über einenm einzigen Körper brechen sich die Grenzen zwischen Mann und Frau, zwischen Europa, Afrika und Asien, zwischen Mensch und Tier, Mensch und Natur, Leben und Tod.

So zeigen Fotomontagen etwa Arme, die aus einem Felsblock in die Luft greifen oder Überblendungen von Beinen und Seetang, Überblendungen von Körpern mit anderen Körpern, einen nackten Körper quasi angespült am Strand, am Rücken ein Stück Schnur? Draht? Surreale Fantasien alternieren mit exotisch anmutenden Requisiten lassen das Andere zur Maske, damit aber in letzter Instanz das Fremde zum Eigenen werden.

Diese Zugänge sehen auf den ersten Blick spielerisch aus, kippen aber oft ins Ernsthafte. Im Weg der Katze sieht es auf den ersten Blick so aus, als hielte Cahun ihre Katze an der Leine. Bei näherem Hinsehen fällt die Augenbinde auf – die Frau lässt sich blind vom Tier an der Leine führen, und zwar auf der Oberkante der Friedhofsmauer im Jahr 1948. In den frühen Fünfzigern wird die Serie fortgesetzt: auf "unmenschlichen" Wegen durchs Gebüsch und über schmale Holzplanken, dokumentiert in Fotoserien.

Während das Tier sich seinen Weg hier selbst suchen kann, findet sich die Frau in anderen Bildern eingesperrt: Cahun hinter vergittertem Fenster auf der Fensterbank sitzend, diesmal im Blümchenkleid mit klassischer Dauerwelle. Ihre Augen sind geschlossen: Gibt es aus dem häuslichen Käfig keinen Blick mehr nach draußen? Eine zweite Aufnahme zeigt die Figur stehend, mit offenen Augen, in der Bildmitte das Fensterkreuz. - Eine andere Szene zeigt sie, in der Kleidung eines Hausmädchens, in einer Küchenkredenz, der Frauenkörper liegend zwischen Regalbrettern voller Geschirr. Auch hier ist die Figur blicklos. Vor gitterartigen Kalkfugen einer groben Steinwand wiederum ist sie mit kahlgeschorenem Schädel, aberissenem Hemd zu sehen, die Betrachterin fixierend.

Diese Auflösung von Dichotomien setzt sich bis ins Privatleben fort: Ihre Lebensgefährtin Suzanne Malherbe bezeichnet sie als ihr "anderes Ich". Malherbe ist Grafikerin und arbeitet oftmals mit Cahun gemeinsam. Eine Fotografie zeigt die beiden Frauen in genialer Montage. Coni Schlothauer beschreibt die Darstellung wie folgt:Ein Doppelportrait von Claude mit ihrer Liebsten Suzanne ist lesbar als Beziehungsentwurf: Jede verfügt im Bild über ihren eigenen Raum. Durch ein feines Gittergeflecht voneinander getrennt stehen sie vor einer stabilen Balkonbrüstung. Die Verbindung der beiden im Bild durch dieses Geländer ist - erst auf den zweiten Blick erkennbar - nicht linear, sondern gebrochen, versetzt. Beim genaueren Hinschauen wird deutlich, daß beide nicht nur einen einzelnen Raum im gemeinsamen Bild haben. Es handelt sich vielmehr um zwei getrennte Aufnahmen der Frauen am jeweils gleichen Ort. Jede ist also einzeln portraitiert, steht unabhängig von der anderen mit jeweils anderer Haltung im (gleichen) Raum und Rahmen. Zusammengefügt durch eine nachträgliche Doppelbelichtung ergeben die einzelnen Portraits etwas Neues, nicht klar Definiertes, jedenfalls Gleichwertiges, das zugleich mehr und etwas anderes ist als die bloße Addition der einzelnen Personen

Neben Cahuns künstlerischem Werk steht ihre schriftstellerische Tätigkeit. Die heute bekannten Selbstporträts wurden mit einer Ausnahme zu Lebzeiten nicht veröffentlicht; Cahun schien daran selbst kaum interessiert. Allerdings wurden ihre Texte kontinuierlich in verschiedenen Medien publiziert. SSeit den 1910ern erscheinen Aufsätze, Kommentare und Essays. 1914 wird "Vues et Visions" veröffentlicht; Cahuns Prosagedichte sind umrahmt von den Jugendstilillustrationen Suzanne Malherbes. "Héroïnes" von 1925 ist eine Sammlung von Novellen. Frauenfiguren aus der Bibel und der klassischen Antike werden parodiert, hinterfragt und neu geschrieben: von Sappho über Helena zu Salomé erzählt und interpretiert Cahun die Geschichten der Frauen auf ihre eigene, völlig neue Art. "Aveux non Avenus" von 1930 ist bebildert mit surrealen Fotomontagen, deren Grundlage zum Teil die Selbstportäts bilden. Der Text selbst sprengt jeden klassifikatorischen Rahmen – neben Einsprengseln aus diversen Fremdsprachen handelt es sich um ein teils dialogisches, teils monologisches, teils appellatives Textkonvolut.

Auch im klassisch politischen Sinn ist Cahun bemerkenswert aktiv. 1932 tritt sie der Association desr Ecrivains et Artistes Révolutionnaires (AEAR) bei. Über diese kommunistische KünstlerInnenvereinigung lernt sie André Breton kennen. Als dieser gemeinsam mit SurrealistInnen und TrotzkistInnen ausgeschlossen wird, verlässt auch Cahun die Bewegung. In diesem Zusammenhang erscheint 1934 ihre Polemik "Die Wetten sind eröffnet" – eine Verteidigung der Freiheit der Kunst gegen kommunistisch- stalinistischen Dogmatismus. Gemeinsam mit Malherbe, Breton und Bataille gründet sie ein Jahr später die antifaschistische "Contre-Attaque"; 1938 wird sie Mitglied bei der "Fédération Internationale de l'Art Indépendant". Als die Deutschen 1940 New Jersey besetzen, wo Cahun seit 1937 lebt, werden Cahun und Malherbe gegen das Regime aktiv. Sie produzieren Flugblätter, Transparente, fingieren Soldatengräber: "Für sie ist der Krieg zu Ende" steht auf den von den beiden Frauen angefertigten Holzkreuzen. 1944 werden sie von der Gestapo verhaftet, und selbst in diesem Moment spielt Cahun mit ihrer Doppelrolle. Sie tritt als Lucy Schwob auf und erzählt später: "Ich lebe normalerweise unter meiner Vorstellung Claude Cahun. Die Bürokraten entschuldigten sich gegenüber der alten Dame in Schwarz, die den Eindruck erweckte, sie sei krank." Die beiden Frauen werden zum Tod verurteilt, dann begnadigt, bleiben jedoch in Haft. Erst die Alliierten befreien sie aus der Haft. Eine Fotografie zeigt sie, leger-burschikos im Torbogen lehnend, nein – keine Rose, sondern den Reichsadler zwischen den Zähnen. Doch ihr Gesundheitszustand ist stark angeschlagen; die Nazis haben einen Großteil ihrer Werke beschlagnahmt und zerstört. Auf Jersey, das sie nicht mehr verlassen wird, entstehen einige weitere Arbeiten, etwa Aufnahmen auf dem Friedhof mit gesichtsloser, weißer Maske. 1954 stirbt Claude Cahun/Lucy Schwob an den Folgen der NS- Gefangenschaft.

Die erhaltenen Werke Cahuns werden zunächst vom Kulturbetrieb wie der Wissenschaft kaum beachtet, um nicht zu sagen unter den Tisch gekehrt. Erst 1995 kommt die erste Retrospektive zustande; ihre Texte werden 2002 in Paris veröffentlicht und warten bis heute auf ihre Übersetzung. Den Nachlass der Künstlerin bewahrt das Archiv des Jersey Heritage Trust.

Ich denke nicht, dass irgend jemand wissen kann, was eine Frau ist, solange sie sich nicht in allen Künsten und Berufen betätigt hat, die den menschlichen Fähigkeiten offen stehen schreibt Virginia Woolf 1931. Claude Cahun hat zur Erweiterung dieses Spektrums auf großartige und einzigartige Weise beigetragen.


Zur Autorin

Ute Huber, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Elfriede Jelinek Forschungszentrums, geb. 1981 in Waidhofen an der Thaya, Studium der Germanistik, Amerikanistik (Universität Wien) und der Kulturwissenschaften (Akademie der Bildenden Künste). 2003-2005 Mandatarin der Studienrichtungsvertretung Germanistik. Einjähriges Gaststudium an FU, HU und TU Berlin. Literaturworkshops u.a. an Wiener Volkshochschulen. Studienschwerpunkte: Gender/Queer- Studies, vergleichende Literaturwissenschaft, Lyrik. Mitarbeit an den Buchpublikationen Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich (2002), Werkverzeichnis Elfriede Jelinek (2004), Literaturnobelpreis Elfriede Jelinek (2005) und Elfriede Jelinek: „ICH WILL KEIN THEATER“. Mediale Überschreitungen (2007).


Materialien

  • Cahun, Claude: Écrits. Paris: Éditions Jean-Michel Place 2002.
  • Ander, Heike / Snauwaert, Dirk (Hg.): Claude Cahun. Bilder. Schirmer/Mosel, München 1997.
  • Jersey Heritage Trust
  • Oberhuber, Andrea: Ironie und Ent-/Verführungsstrategien in Claude Cahuns Héroïnes: Metamorphosen an den Rändern der Avantgarde. In: Avant Garde Critical Studies 16 (2004), S. 173-185.
  • Schlothauer, Coni: Je me vois, donc je suis (Ich sehe mich, also bin ich) – Die Selbstdarstellungen von Claude Cahun. In: blau 19 (www.txt.de/blau).
  • de.wikipedia.org
  • Wagner, Barbara: Claude Cahun und Suzanne Malherbe. *Körperbildinszenierungen und aktiver Widerstand. In: Ariadne 47 (2005), S. 62-65.
  • Zanne: Claude Cahun: "I am in training don't kiss me." In: http://www.vinland.org/scamp/Cahun/.


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