Comic - Strip-Teeth - Weibliches Comicschaffen - Kilic - Nachbaur - 2002

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STRIP-TEETH ·
Der Reiz am Comic.
Kilic Ilse, Nachbaur Petra (Autor) · Wien 2003 ()

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ISBN/ISBN13:/ · ISSN:
Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Kilic Ilse, Nachbaur Petra: STRIP-TEETH . In: eLib.at (Hrg.), 19. Januar 2019. URL: http://elib.at/
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 · Zeitschriftenaufsatz · Artikel ·
Gender Studies · Feminismus · Geschlechterforschung · Soziologie · Kunstgeschichte
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STRIP-TEETH Der Reiz am Comic


Daß Sprechblasen und Co. nicht nur Lesestoff für Kinder und Männer sind, beweist folgender Einblick in weibliches Comicschaffen. Das eigenwillige und doch non-elitäre Medium ermöglicht Auseinandersetzung mit ernsten Themen gleichermaßen wie anspruchsvolle feministische Unterhaltung, und es gibt bei den Comic-Künstlerinnen einige(s) zu entdecken.


Von Ilse Kilic und Petra Nachbaur.


Ich liebe Daisy Duck.
Marlene Streeruwitz, Poetikvorlesungen


Bei „Frauen“ plus „Comic“ denken viele von uns wohl an „Wonderwoman“, „Supergirl“ oder deren zeitgemäße Variante vom „Tank Girl“. Oder aber an feministisch klassische Cartoons von Franziska Becker und Elisabeth Kmölniger. Auch „Die Frustrierten“ von Claire Bretécher sind jeder von uns ein Begriff. Weniger bekannt ist der Ausdruck „Ladys Comic“, eine spezielle Variante des Manga, welches sich in Japan zu einem gleichermaßen Kult- wie Massenphänomen entwickelt hat: seit Anfang der achtziger Jahre erscheinen zunehmend Comicmagazine, die sich speziell an junge Frauen zwischen 20 und 30 richten, sogenannte „Ladys Comic“, deren angeblich „schlechter Ruf“ auf unzensurierte und allzuhäufige Darstellung sexueller Szenen zurückgeht.

In den letzten Jahren hat sich insbesondere innerhalb der künstlerisch tätigen feministischen Szene eine neue Art des Umgangs mit dem Medium Comic herauskristallisiert, die wir unter der Bezeichnung „feministische Avantgarde Comics“, im folgenden „F-Comix“, zusammenfassen wollen. Was F-Comix von „kommerziellen“ abhebt, ist der künstlerische Ausdruck der einzelnen Zeichnerinnen, die für ihre „Botschaften“ ästhetisch neue Mittel einsetzen, sich der konsumierenden LeserInnenhaltung widersetzen und einen neuen Zugang fordern, neue Wahrnehmung ermöglichen. Hintergründiger oder derber Humor, Fokussierung der weiblichen Perspektive, erfrischende Schamlosigkeit, Umwertung und Neubewertung kleiner Alltagserlebnisse wie Tamponeinkauf oder Leben mit Katzen und Kotzen, aber auch Trauer, Schmerz und Umgang mit Gewalt prägen die Comicwelten jenseits von per Definition verordnetem „Spaß und Abenteuer“.

Wie ich, du, sie, sie, es

Auf den ersten Blick und der scheinbar sperrigen Ästhetik zum Trotz regt die Zeichnung der Frauen„figuren“ - durchwegs keine Heldinnen, sondern Originale von eigenwilliger Schönheit und authentischer Normalität - zur Identifikation ein. Denn welche von uns kann sich nicht in die genervte und grantige „Bitchy Bitch“ (für Büro, Eltern und Paß: „Midge“) hineinversetzen, die dem (allzu)fröhlichen Morgengruß der gestylten Bürokollegin nur entgegenknirschen kann, welche hat nicht schon das unerwartete Einsetzen der Regel verflucht, welche kennt nicht die grundlose existentielle Traurigkeit von Gestalten aus Anke Feuchtenbergers rauhem Federkiel? Welche kennt keine Gewaltphantasien? Trotz verschiedener Anklänge an das Klischee von Toughness und „Scheiß mich nix“-Mentalität sind die Figuren keineswegs auf diese Stereotypen beschränkt - im Gegenteil: Bad Girl-Attitüden steht oft Trauer und Verzweiflung, der Aggression die Reflexion eigener Gewalterfahrungen gegenüber. Und ist etwa Bitchy Bitch (BB) witzig und begegnet dem Unbill der Welt mit Ironie, so sind die grauenhaften Geschichten, die Debbie Drechslers Mädchengestalten über Hilflosigkeit einem sexuell gewalttätigen Vater gegenüber erzählen, in ihrer Härte und Offenheit entlarvend und beklemmend. Es sind minimale Gegenwelten, die den Mädchen so etwas wie Ausblick auf ein Leben jenseits der Gewalt und Abhängigkeit ermöglichen - Lily erlebt einen Anflug von Vertrauen beim Erdbeersuchen mit einer Freundin; dieses Erlebnis gehört nur ihnen beiden und schließt die böse Welt für einen Moment aus. Starker Tobak sind auch die Figuren in den düsteren Bildfolgen von Renée French, die beunruhigend, verwirrend und morbid einem Horrorfilm entsprungen sein könnten.

Es lassen sich bei aller Heterogenität des Genres inhaltlich und formal je zwei gegenläufige Strömungen ausmachen: auf der einen Seite Witz, Sarkasmus, Zynismus, auf der anderen Seite Verzweiflung und Aussichtslosigkeit. Formal lassen sich stringent aufgebaute Stories und assoziative Stimmungsbilder unterscheiden. Manche Strips sind zudem „serienartig“ um eine Hauptfigur zentriert, andere zeichnen ganz verschiedene Szenenfolgen, die „nur“ von Zeichenstil oder Grundstimmungen zusammengehalten werden. Es versteht sich von selbst, daß es zwischen diesen Bereichen zu Überschneidungen kommt. Eine Sonderstellung nimmt hier Lillian Mousli ein, in deren Comix-Cosmos sich Grausamkeit, böser Witz, seltsame irrationale Ängste und fremde Wesen, phantastische und realistische Elemente treffen. Im „Gruselalphabet“ erlaubt sie ihrer makabren Phantasie Ausflüge in ganz böse Gefilde.

Die dargestellten Frauen stammen aus allen Altersgruppen, kindliche Erfahrungen werden dargestellt, der Prozeß des Älter- und Altwerdens wird thematisiert, spezifische Bewußtseinsunterschiede zwischen Künstlerinnen oder Gelegenheitsarbeiterinnen oder Büroangestellten, Nurhausfrauen oder Müttern finden Platz, lesbische Frauen sind immer und überall, z. B. in Heike Anackers Comic „Die kleinen Läspen“ oder dort, wo sie über das lesbische Selbstbild und -bewußtsein reflektiert.

Geregelte Abläufe

Ein (monatlich wiederkehrendes) Thema in F-Comix ist die Menstruation. Sie wird weniger als mystisches Erlebnis, sondern als selbstverständliches und manchmal lästiges Alltagsphänomen abgehandelt - der Fleck am Kleid, vor dem wohl jede Frau manchmal Angst (gehabt) hat, Menstruation als Ausflucht vor Sexforderung, als unwillkommene morgendliche Überraschung oder als heißersehnter Beweis der Dochnichtschwangerschaft, als etwas, wovor männlichen Mitmenschen graust (ein Ekel, der, wie Claudia Freiburger vor“zeichnet“, letztendlich zur Ganzkörperbinde führt). Dieser Blick demaskiert herrschende Tabus, „Peinlichkeit“ findet Platz. Es wird geschissen, gefurzt, gepinkelt, aber auch irreguläre Ausscheidungen und ähnliche unvorhergesehene Zwischenfälle werden nicht verschwiegen: Offenherzig geht Roberta Gregory mit dem Thema Pilzinfektion um: BB am Klo mit einem dieser Scheidenzäpfchen, die nach dem Einführen regelmäßig wieder rausrinnen, Juckreiz im Büro. Solches läßt sich als lustvoller Bruch mit Redeverboten, mit Vorschriften betreff Reinlichkeit und Sauberkeit sehen. Parodiert werden diese Vorstellungen auch in Julie Doucets „Waschtag“, an dem sich die Frau nach kurzer Überlegung, ob sie (hausend im kreativen Chaos) Geschirr oder Wäsche waschen soll, entschließt, stattdessen ihre Möse zu waschen, was sie unverzüglich und mit ziemlichem Vergnügen „in die Hand nimmt“.

Damit sind wir bei der Beziehung der Figuren zu sich selber und ihren autoerotischen Betätigungen, die vergnüglich und als brauchbare Möglichkeit gezeichnet sind - wenn BB sich an den Abend erinnert, an dem sie zum ersten Mal selig bekifft im Bett liegt und unter der Decke ein beglückendes „Reib Reib“ stattfindet, eine der Feuchtenberger-Frauen neben einem schnarchenden Mann mit weit gespreizten Beinen sich selbst streichelt oder Doucets Julie mit einem Keks onaniert („C’est bien!“). Perspektivenwechsel: Julie malt sich in mehreren Geschichten mit dem Titel „Wenn ich ein Mann wär“ Geschichten für ihren potentiellen Penis aus: er kann als Hutschpferd dienen, als Blumenvase und im Fall, daß er mit Schraubverschluß versehen ist, auch als Zeitungsbehälter. Hier wird die Geschichte vom Penisneid übersteigert und ins Paradoxe verkehrt, bis Julie schließlich mit der Penisphantasie onaniert. Ganz erleichtert stellt sie fest, daß es „auch“ mit Penis möglich ist, Lust zu empfinden, eine Umkehrparodie auf die (historische?) Überraschung, wenn Frauen für sich Lust am eigenen Körper (ein)fordern und (er)leben.

Body Talk

Daß die Sache mit dem weiblichen Körperbewußtsein ein „Thema für sich“ ist, wissen auch die verschiedensten Comix-Figuren. Bezeichnenderweise sind es oft Mütter, welche internalisierte Normvorstellungen an die Töchter weitergeben, die sich je nach Temperament dagegen wehren und aufbegehren - oder aber stumm unter dem Terror der Mutter leiden. Die Weigerung, einen BH zu tragen, ist Teil von Bitchy Bitchs Teenager-Hippie-Revolte; Lily in den bedrückenden Geschichten von Debbie Drechsler wird von ihrer Mutter gepeinigt mit Vorwürfen ihr Gewicht und ihre Figur, ihre „unvorteilhafte“ Kleidung betreffend. In der Kürze würzig zeichnet Kareen Armbruster den töchterlichen Widerstand: „Wenn du nicht lächelst, bekommst du nie einen Mann“, sagt die Mutter. „Versprochen?“, fletscht die nichtlächelnde Tochter hoffnungsvoll die Zähne. Stark und selbstbewußt treten Frauen auf, die sich in Auseinandersetzungen mit Forderungen von Familie und Umwelt eine gewisse Autonomie bereits erarbeiten und sich von Konventionen und sozialem Druck befreien konnten – oft gegen das „Vorbild“ der Mütter.

Das er/ste Mal und das sie(h)ste

Das Entdecken und Aufspüren der eigenen Sexualität geht mit dem Entwickeln körperlichen Selbstgefühls einher. Oft wird der heterosexuelle Geschlechtsakt als notwendiges Initiationsritual verstanden - ähnlich dem „ersten Tampon“ (BB nach längerer Plackerei strahlend: „Ich bin eine Frau!“) - doch verläuft der erste Sex mit Mann nicht selten eher unbefriedigend. „Danach“ fühlen sich die jungen Frauen ratlos, verwirrt, gestreßt. Ein erfrischendes Gegenbeispiel ist ein „First Sex“-Erlebnis bei Lillian Mousli: Seltsame Mädchengestalt Susi schleppt seltsame Bubengestalt ab: „Max, ich zeige dir was Liebe ist“, läßt den „immer noch bewußtlosen Max“ „Stunden später“ liegen und macht sich auf den Weg nach Hause, wo sie ihrer Mutter, mit Lockenwicklern und vor leerer Flasche, um den Hals fällt und ein herzliches Gutnachtbussi ins Gesicht drückt. Ein merkwürdiges Beispiel kindlicher Experimentierlust ist der vorletzte Streifen in Renée Frenchs „Grit Bath“, in dem als Mutprobe ein Mädchen ein anderes auffordert, ihr die Faust in die Möse zu stecken – im Beisein der FreundInnen. Die Szene hat den Charakter einer provokanten Performance. Das Erwachen selbstbestimmter Sexualität hat auch mit der Frage nach der PartnerIn zu tun. Feuchtenberger zeichnet die sensible Geschichte von der unerwartet unerfahrenen und scheuen „hure h“, die von einer zärtlichen Unbekannten in die Geheimnisse und Schönheiten lesbischer Liebe eingeführt wird. Die oft fatale Entscheidung zur Heterosexualität wird ironisch hinterfragt: „der mann der mich liebt“ handelt durch und durch nicht liebevoll, was die Sprecherin zum Schluß selbstkritisch mit „spricht nicht gerade für mich, was?“ kommentiert. In Mary Fleeners autobiographischer Geschichte wird Unlust zur Lust und kurz darauf zum Frust. Daß es auch ganz ohne PartnerIn geht, demonstriert BB mit Batteriebetrieb und Gurke. In dem Fall ist wenigstens auch die Verhütung kein Problem, die erstaunlicherweise nur marginal thematisiert wird.

Furcht und Frucht

Schwangerschaft ist in den F-Comix ein ambivalentes Phänomen. Manchen Zeichnerinnen wie Anke Feuchtenberger gelingt es immer wieder, das Gebären als lustvoll produktiven Akt darzustellen, wobei sie sowohl die Perspektive der Gebärenden als auch die der Geborenen darstellt. Konsequenterweise findet sich in ihren stimmungsvollen Bildern auch besonders oft die Mutter-Kind-Symbiose: Ernste, starke Frauengestalten schleppen ebensolche Kindergestalten mit demselben Gesichtsausdruck, oft derselben Frisur mit sich herum - die Frauen scheinen nicht beschwert, sondern verdoppelt. Ziemlich anders hingegen die gezeichneten Wunsch- und Angstträume rund um Schwangerschaft und Geburt von Doucet: erst freut sie sich und setzt sich mit ihrem dicken Bauch in die Badewanne, plötzlich kommt das Baby raus, hoppla!, schaut irgendwie komisch aus und will gar wieder in sie reinkriechen, oder – in einem anderen Traum – es stupst ihren Bauch von innen so extrem, daß er riesige, armlange Dellen bekommt, schließlich gebiert Julie eine kleine Katze – Kommentar der Krankenschwester: „Besser als gar nichts.“ Der Widerspruch zwischen selbstbestimmtem Leben und klassischer Mutterrolle führt dazu, daß das Thema Abtreibung bei weitem präsenter ist als das Phantasieren einer befriedigenden Mutter-Kind-Beziehung. Die sicherlich schlimmste Abtreibungsgeschichte zeichnet Gregory in ihrem Rückblick auf BBs illegale Abtreibung. Midge hat dabei nur die Unterstützung ihrer hilflosen und verschreckten Freundinnen, den Eltern wagt sie nichts zu sagen. Sie schämt sich furchtbar und hat Angst, daß durch die starke Blutung die Mutter aufmerksam wird, mit der sie trotz Schmerzen, Angst und Fieber ins Kaufhaus gehen muß. Diese in drastischem und hartem Realismus gezeichnete Geschichte spielt im Jahr 1969; daß die Liberalisierung des Schwangerschaftsabbruchs Verbesserung gebracht hat, zeigt die Abtreibungsgeschichte „Tiefster Winter“ von Debbie Drechsler: Lily, in ganz ähnlicher Situation wie die junge Midge – die als erwachsene BB sich folgerichtig gegen Pro Life AktivistInnen einsetzt und schockiert die drohende Rücknahme dieser Liberalisierung fürchtet – muß immerhin nicht mehr in ein Hinterhaus schleichen, mit dubiosen Gestalten verhandeln und auf eine Narkose hoffen, sondern wird medizinisch „angemessen“ (nicht lebensgefährdend) versorgt. Der Vorgang der Abtreibung selbst nimmt bei Drechsler nur ein Bild ein; mehr Raum hat das Danach, wo die Stimmung in der Klinik beschrieben wird, die eher ungelenken Versuche der Schwester, zu trösten oder zu helfen, Lilys Träume, in denen sie das Geschehene zu verarbeiten sucht und mit denen sie, auch metaphorisch, im „tiefsten Winter“ steht. Der Prozeß der Entscheidungsfindung schließlich wird in Minou Zaribafs „Joe is dead“ behandelt: Die Schwangere muß sich für oder gegen das Kind ihres toten Liebhabers entscheiden; die Bildgeschichte endet mit dem Blick auf den professionell adjustierten Arzt, über sie hinweg durch ihre gespreizten Schenkel.

So schonungslos wie das Thema Abtreibung wird das Thema Gewalt im allgemeinen dargestellt. Besonders drastisch sind die Schilderungen von Machtausübung und Unterdrückung in den Kleinfamiliengeschichten von Drechsler. In dunklen, „naiv“ getuschten Bildern werden die „nächtlichen Besuche“ des Vaters bei seiner Tochter dargestellt, ihre Scham, ihr Ekel, ihre Hilflosigkeit. Das Wegschauen, Weghören der Schwester, die im selben Zimmer liegt und sich schlafend stellt, die Ignoranz der Mutter, die nicht weiß oder nicht wissen will, was in der „wohltätigen“ Kleinfamilie „gespielt wird“. Lily bemüht sich sogar, ihrer Mutter das Entsetzen vor dem Ehemann zu ersparen – selbst als sie überlegt, ihrem Leben ein Ende zu setzen, ist für sie die Tatsache, daß die Mutter dann erfahren könnte, was der Vater getan hat, in ihrem Kopf als Angst präsent – ein Abbild des Schuldgefühls auf der Seite des Opfers – ein Schuldgefühl, das der Vater ausnützt und für seine Zwecke zu verwenden versteht. Die ständigen Nörgeleien der Mutter könnten auch darauf hindeuten, daß sie ahnt, was in der Familie an „unaussprechlichem“ Grauen stattfindet und daß sie in ihrer eigenen Hilflosigkeit keine andere Möglichkeit sieht, sich auszudrücken, als den Körper der Tochter zu diffamieren. So zeigt sich Lilys zerstörtes Körpergefühl nicht nur in ihrem traurigen Gesicht, sondern auch in ihrer geduckten Haltung. Sie wagt nicht, sich zu wehren, als sie von einem Bekannten vergewaltigt wird - und sucht im Anschluß daran wieder die Schuld bei sich selbst, in ihrer Ohnmacht und Passivität. Die bedrückenden Bilder, mit denen die Zeichnerin ausdrückt, was in Lily vorgeht, etwa Lilys „nein“, das nur mehr in einer Denkblase existiert und dann ganz in Lily verschwindet, ihre aufgerissenen Augen, die nur allzu deutlich sagen, was sie an Schrecken und Ekel empfindet, ihre geschlossenen Augen, mit denen sie sich in ihr Schicksal ergibt. Dennoch geht auch Lily mit kleinen Schritten in eine Richtung, in der sie sich aufrichtet und sie selbst werden kann. Einmal gelingt es ihr sogar unerwartet, für einen kurzen Moment das Machtverhältnis umzukehren: als der Vater sie wieder einmal zwingen will, seinen Penis in den Mund zu nehmen, kann sie angesichts des einerseits bedrohlichen, andererseits lächerlichen Anblicks einen hysterischen Lachanfall nicht zurückhalten - was den Mann um seine Erektion bringt, ihn „entwaffnet“ und in seinen eigenen Augen vollends der Lächerlichkeit preisgibt. Als weiteres Beispiel für männliche (und von Frauen geduldete) sexuelle Gewalt läßt sich Anke Feuchtenbergers „Strudelpetra“ zitieren, in der im Stil von Ratgeberliteratur empfohlen wird:

``Leidet ihre Tochter an Onanie? – Überlassen Sie sie ihrem Vater``

In Mary Fleeners Bildgeschichten ordnet sich eine Freundin der Erzählerin lange Zeit der objektorientierten Sexualität ihres gewalttätigen Mannes unter, bis sie sich schlußendlich von ihm trennt und die Freundin ihr zu Weihnachten als ironisch-wohlwollende Anspielung einen kleinen Schuh als Christbaumschmuck schenkt - von der Sorte Pumps, wie sie ihr Mann beim Sex immer von ihr zu tragen verlangt hatte. Die Befreiung vom Unterdrücker wird im Rückblick kurz und schlicht erwähnt, während die Schilderungen von Frau zu Frau illustriert und über mehrere Panels durchgezogen sind. Dies nimmt dem Mann seinen Rang in der Hierarchie und bewahrt auch vor allzu heroischem Befreiungs-oder Emanzipations-Happy End; der Schwerpunkt liegt bei der Beziehung der beiden Freundinnen, bei deren offener Gesprächs- und Vertrauensbasis und bei der Solidarität, die die eine der anderen gegenüber wahrt, obwohl jene lange Zeit hindurch bei ihrer Unterdrückung mitspielt.

Queen Kong

Aber Frauen sind nicht ausschließlich wehrlose Opfer und werden auch nicht nur in der Selbstverteidigung gewalttätig. Im Comix von Anna Bolika übt eine Frau die Süße der Rache. In Mouslis „Gruselalphabet“ ist der Gesichtsausdruck der vom Trieb gehetzten Frau (wobei es sich hier ausdrücklich um einen „mörderischen“ Trieb handelt) von einem bösen Grinsen verzerrt. Mörderinnen treten im Comix „Töten“ von Minou Zaribaf auf und erreichen die gewünschte Unabhängigkeit auf diese Weise, BB phantasiert vom Schwanzschnitt und ist durch ihre Genervtheit mitunter der Gewalt sehr nahe. Wenn sie sie auch kaum wirklich auslebt, sind doch ihre Denkblasen voll gezeichnetem Niedertrampeln und in der Luft Zerreißen. In ihrem letzten Comix ist sie auf Urlaub und kann vor lauter Anfraß gar nichts mehr genießen, ihre (krassen und politisch unkorrekten) Vorurteile bestimmen ihren Urlaubsalltag und machen sie zu einer „gewaltigen“ Dreckschleuder, die sich einerseits nichts gefallen lassen will, andererseits auch niemandem zu gefallen sucht.

I’ll be my mirror

Spannend ist auch die wichtige Rolle, die in den F-Comix der Selbstreflexion gewidmet ist. Insbesonders Roberta Gregory, die gelegentlich auch plötzlich „gemeinsam“ mit ihrer Figur Bitchy Bitch auftritt und über deren Image diskutiert, widmet scheinbar „theoretischen“ Fragen viel Raum. Wie wichtig ist es, eine „richtige“ Lesbe zu sein? Kann eine noch eine sein, wenn sie mit einem Mann im Bett mal Lust empfunden hat? Interessant sind hier die LeserInnenbriefe, wo sich auch Kolleginnen aus der Comix-Szene (Mary Fleener, Heike Anacker) zu Wort melden und über Stil und Inhalt von Bitchy Bitch reflektieren. Sie geben der Autorin Feedback und illustrieren ihre eigenen, gelegentlich durchaus konträren Positionen. Am Beispiel Bitchy Bitch wird deutlich, wie konstruktiv die Diskussionen über eine solch widersprüchliche und umstrittene Figur sein können. Doch gibt es abgesehen davon in nahezu allen F-Comix Autokommentare. Julie Doucet zeichnet immer wieder sich selbst beim Zeichnen, bei der Zeichenhemmung, im künstlerischen Alltagsbetrieb. Unverblümte Autobiographik findet sich auch bei Mary Fleener, wenn sie ihre eigene Geschichte vom F-Comix-Zeichnen erzählt. „Meine derzeitige Therapie ist sehr wirkungsvoll“. Nicht nur der kreative Prozeß, sondern auch sehr konkrete Produktionsbedingungen von Kunst, Comics und Comix werden benannt und „bezeichnet“: Minou Zaribaf schildert, warum ihre Hefte mit Verzögerung erscheinen; dazu sagt sie augenzwinkernd: „Ist ja auch schwierig, ich bin viel zu sehr mit dem Leben beschäftigt. Als wäre das nicht genug. Comics zeichnen meist Leute, die kein Leben haben.“

Na? Diese Ausführungen sind hoffentlich Anreiz genug, sich mit einem Berg F-Comix einzudecken und darin noch viel, viel mehr zu entdecken, als es auf so wenig Raum möglich war anzusprechen. Merke: Dieser Artikel stammt aus dem Jahr 1998. Inzwischen gibt es wiederum Neues zu entdecken, exemplarisch sei auf die Zeichnerinnen Marjane Satrapi, Lisa Spalt und Elffriede verwiesen.


Bibliographie:

Heike Anacker, Heikes Läspencomix 1ff., Heike Anacker, Mönchengladbach
Artige Zeiten 1ff., Reprodukt, Berlin (Minou Zaribaf u.a.)
Anna Bolika, Die Sennpuppe, Edition Fuchs und Hase, Triesen
comix, feministische comix & cartoons, Kunst Kultur Kommunikation e.V., Hannover
Julie Doucet, Ciboire de Criss!, L’Association, Paris
Schnitte, Reprodukt, Berlin
Wahre Haushaltscomix, Reprodukt, Berlin (mit Vorwort von Susanne Gerold)
Debbie Drechsler, Konstellationen, Reprodukt Berlin
Brigitta Falkner, ABC. Anagramme Bildtexte Comix, Das fröhliche Wohnzimmer, Wien
tobrevierSCHreiverbot, Ritter, Klagenfurt/Wien
Anke Feuchtenberger, Mutterkuchen, Jochen Enterprises, Berlin
die hure h, Jochen Enterprises, Berlin
Die kleine Dame, Jochen Enterprises, Berlin
Mary Fleener, Freak Magnet, Reprodukt Berlin
Renée French, Grith Bath 1 & 2, Jochen Enterprises, Berlin
Roberta Gregory, Bitchy Bitch 1ff., Thomas Tilsner, München (Edition Comic Speedline)
Ilse Kilic, Rosa das Werschwein, Das fröhliche Wohnzimmer, Wien
Lillian Mousli, Das Gruselalphabet, Jochen Enterprises, Berlin
Teufel, Jochen Enterprises, Berlin
Liebe in Zeiten der Drachen, Jochen Enterprises, Berlin
Stray Cats 1ff., Jochen Enterprises, Berlin
Diane Noomin (Hsg), Comic Sisters, Bad Girl Art aus USA, Elefanten Press, Berlin
Schräge Schwestern, Comics aus der Tiefe des deutschsprachigen Raumes, Elefanten Press, Berlin




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