Der Schatten (Marie Eugenie Delle Grazie)

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Marie Eugenie Delle Grazie


Der Schatten


Drama in drei Akten und einem Vorspiel


von


M.E. delle Grazie.


Zweite Auflage.


Leipzig


Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel


1902.


Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung, vorbehalten.


Den Bühnen gegenüber Manuskript. Das Aufführungsrecht kann nur erworben
werden durch die Verleger Breitkopf und Härtel in Leipzig.


Personen des Vorspiels.
Ernst Werner
Walther Klang
zwei Freunde, beide Dichter.
Der Schatten.
Ort der Handlung: Rom. Zeit: 1838.
Rechts und links vom Zuschauer.


Vorspiel

Scene: Ein im Geschmack der vierziger Jahre eingerichtetes Gemach. Rechts vorne ein Spinett mit einem Drehstuhl davor. Über dem Spinett, in dunklem Rahmen, ein Stich nach dem bekannten Bilde Dantes von Giotto. Neben dem Spinett, nach rückwärts, eine Thür. In der rechten Ecke, dem Hintergrunde zu, ein Schreibpult. Links vorne ein Ruhebett. Daneben der kleine, italienische Marmorkamin mit Venetianerspiegel. In der Ecke eine Etagére mit Nippes. Die Mitte der Hinterwand nimmt eine weit offenstehende Glasflügelthür ein. Sie führt auf einen Balkon hinaus, der, über eine niedrige Eisenbrüstung hinweg, in der Perspektive den Balkon des gegenüberliegenden Hauses sichtbar werden lässt. Lorbeerbäume, Palmen und eine üppige Blumenfülle schmücken diesen. Doch seine Thür ist geschlossen und nach innen von einem, in schweren Falten herabwallenden, dunklen Vorhang verhüllt. In der Mitte des Gemaches, der offenen Balkonthüre gegenüber, ein runder, teppichbedeckter Tisch und zwei hohe, altmodische Lehnstühle. Auf dem Tisch eine mit Wachskerzen bestreckte Girandole. Abenddämmerung. Das Licht des aussteigenden Mondes beglänzt zuerst die Blumen des gegenüberliegenden Hauses, bis es, allmählich intensiver werdend, auch die Tiefe der Scene erfüllt.


Werner
(zu Klang, der einen dunklen Radmantel um die Schultern schlägt und nach seinem auf der Kaminplatte liegenden Hut langt).
Du gehst auch heut?


Klang.
Auch heut?! - Wie du das fragst -
Und Tag für Tag dieselbe Richtermiene -
Ah - lass mich leben - bin ich doch in Rom!


Werner.
Man sinnt und träumt in Rom auch, ist man Dichter!


Klang.
Ja du - dem jede Stund zum Dämon wird,
Die fest ihn hält mit täuschenden Gesichten!



Ich seh auch dann und wann ein schönes Weib,
Und Reize, die im Lärm der Strasse blühen;
Und glänzt von einem Firmamente, so
Violenfarb wie dies der Vollmond nieder -
Dann schreib ein Andrer ein Gedicht . . . Ich - lebs!


Werner (düster).
Ich leb und schreib hier keins, so voll die Seel auch
Von Worten ist und nach Erlösung ringt!
s ist wie ein Wetterhimmel über mir -
Der Sturm hat sich gelegt - doch reglos stehn noch
Die Wolken und gebären nicht!


Klang.
s ist Qual
Und doch auch Luft dabei - ich kenn die Stimmung!


Werner.
Du irrst! Nicht jene ists, die dem Gestalten
Vorangeht wie die Nacht dem Morgen: Dämmrig
Und süsser Rätsel voll . . . was hier mich quält
Ist ein gemeiner Leid!


Klang.
Warum nun schweigst du?


Werner (herb).
Mir däucht, ich hätt genug gesagt, um schöner
Den Abend dir zu machen!


Klang.
Pfui - das mir?


Werner.
Nein, nein - verzeih . . . (ergreift seine Hand) das heisst, ermess
an dieser
Gemeinen Wallung, wie gemein die Qual!



Klang.
Ich will nicht weiter fragen - doch die braune
Elena und der Asti warten heut
Umsonst! (legt Hut und Mantel ab.)


Werner.
Nein, geh, und nicht bloss deinetwegen:
Ich selbst möcht heut allein sein!


Klang.
Denk nun was
Du willst von mir: doch soll ich gehn, muss erst
Die Seel dir frei sein!


Werner (bitter).
Frei! Als ob ichs jemals
Gewesen . . . in der tollen Jagd, die hinter
Gedanken und Phantomen wie Besessne
Uns vorwärts peitscht und - Kunst heisst! frei . . . Da schau!
Mein Haar wird bleich, mein Auge trüb; schon zittert
Ganz leis die Hand, wenn ich sie ausstreck; Furchen
Und Falten nisten sich im Antlitz ein
Wie in der Seele Müdigkeit und Launen.
Doch Seel und Körper, ob auch müd und welk,
Sie hatten niemals eine Jugend!


Klang.
Mehr
Als eine Jugend, Ernst: sie hatten Flügel!


Werner (unendlich müde).
Ja, ja . . . ich weiss . . . das sagt man sich!


Klang.
Das - fühlt man!



Werner.
Und stürzt zuletzt doch wieder aus der Höh
Zurück, wie jener Ikarus, der auch
Den Sonnenwagen lenken wollt; und hat,
Am Sturz verblutend, dann gerad noch Zeit,
Mit einem letzten Sterbeblick der Sehnsucht
Zu sehn, wie schön und reich die Erde blüht,
Und wie so öd und schwindelnd leer die Höhen . . . .
s ist wie ein Mord sag ich dir!


Klang.
Ernst!


Werner.
Doch, doch!
Das sagt mir der, den ich in mir erschlug!


Klang (befremdet).
Den du - in dir -- ?


Werner.
Der Mann der That, des Lebens,
Den ich der Kunst geopfert und dem Traum!
Der nach Befreiung in mir schrie, und den ich
Doch angekettet wie ein wildes Tier,
Und feig verläugnet! Schön und löwenstolz
War er, und stark und - furchtbar, dieser "Zweite"
In mir! Ein Held wär er vielleicht geworden,
Vielleicht - (achselzuckend) ein Bösewicht! Doch einer
Von jenen weisst du, die hoch auf sich recken,
Und ihren Schatten werfen durch die Welt,
Wie Satan! Und den legt ich an die Kette,
Den macht ich zum Eunuchen für die Kunst,
Zum Schauspiel für die andern, die das Schöne
So lieben und das Gute und das Wahre!
(Er lacht schrill und mit einem bösen Ton auf; erhebt sich vom Tisch, an dem er bisher gesessen und beginnt auf- und niederzuschreiten. Nach einer Weile, wie am Ende eines Selbstgespräches:)



9 Doch ists zu spät, ihn wieder zu erwecken!
Wie Opium haben meine Träume ihn
Betäubt: nun liegt er da, entmannt, entkräftet,
Zu schwach zum Wollen und doch lüstern nach
Dem Reiz des Wollens . . . ein verlornes Leben
Und einge hundert Verse!


Klang.
Das sagst du -- ?!
Der jung den Lorbeer trug und tausend Leben
Sich zwang durch seine Kunst?


Werner.
Und warum nicht?
(mit Bezug)
Noch Jüngeren gelingt vielleicht das Gleiche -
Was ändert dies an meiner Qual?


Klang.
Nicht viel,
Solang du nicht erkannt, dass nur im Künstler
Der ganze Mensch sich auslebt wie ein Gott,
Gleich unverantwortlich für Gut und Böse!


Werner.
So hats den Schein - doch trügt er eben! Schaff
Ich den und jenen - leb ich den und jenen -
Doch wann erleb ich mich?


Klang.
So oft du schaffst!
In jedem Traum und jedem einzelnen
Geschöpf, das du gestalten musst! Meinst du,
Es würf ein einziges den Schein des Lebens
Zurück, wär Leben nicht, was es empfing?
Da liegt ein Schatten - denk ihn ohne Körper --



10 Wo ist er? Doch - nichts neues sag ich dir,
Indes dein Zwiespalt meiner Seele fremd bleibt . . .
Wie lang schon quält er dich?


Werner.
Seit die Ruinen
Des Palatin von Menschen mir erzählt,
Die stolz ihr Wollen ausgelebt und Können,
Wie Götter! Die zum Schauspielhause sich
Die Welt der Kleinen kühn gestaltet, und
Die Macht, den Ruhm, die Wollust und den Glanz
Sich pflückten ohne Reu, wie andre Blumen!
Die haben über Träume und Begriffe
Nie kraftlos sich gegrübelt! Niemals an
Den "Andern" sich verloren, hiess der "Andre"
Ihr Volk nun, oder ihres Nächsten Recht!
Und Gut und Bös - was thöricht uns und feig macht -
Sie massen es an ihres Arms Gewalt!
So stark, so wuchtig schmettern sie die Seele
Mir nieder, dass ich zweifeln könnt, ob je sie
Gelebt - erzählte mirs nicht stolz - ihr Rom!


Klang.
Sie gingen . . . doch die Kleinen, die sie göttlich
Verachtet, sind geblieben, und auf ihren
Ruinen pflückt der Bettler Blumen nun!


Werner (angewidert)
Ja - so gemein ist diese Welt geworden!


Klang.
Das sagt ein Dichter, der von Freiheit sang
In seiner Jugend!



11 Werner.
Muss ichs drum so lange,
Bis der Begriff mein Totengräber wird?
Ich hab so viel davon bis heut für Andre
Gefordert, dass für mich nichts übrig blieb!


Klang.
Wär diese Fordrung nicht die höchste Freiheit?
Doch wir verstehn uns heute nicht - ich merks,
Und zwingen fremden Sinn in fremde Worte!
Und fremd bleibt alles mir an deiner Qual,
Der Zauber nicht zuletzt, der dich verblendet,
Dass modernde Despoten deiner Jugend
Dich untreu machen konnten, und die Not
Des eignen Volks, -- als hättest niemals du
Sie mitempfunden - bleich und spurlos hinter
Den Alpen dir versank -- wie Deutschland selbst!
(Nach winer Pause).
Nein, sieh, da freun in Rom mich andre Dinge!
So schlender ich gestern durch Trastevere -
Du kennst den göttlich-schmutzgen Winkel, jenseits
Des Tiber, mit den steilen Strassen und
Den pinienschlanken, schönen Weibern, die
Empor sie klimmen - lässig in den Hüften
Sich wiegend, auf dem Haupte des Kruges Last!
Dort traf ich, emsig seines Handwerks sich
Befleissend, auf der Strass ein Schusterlein.
Sein Leder klopft es just zurecht, dass halb
Trastevere vom Echo seines Fleisses
Erscholl! Und worauf lag dies Leder? Ein
Cäsarenkopf aus Marmor war der Ambos
Des Wackeren! Nun schüttle dich! Mir wars
Ein Spass, und einen ganzen Soldo zahlt ich



12 Für das Vergnügen, mitzuthun dabei!
Der Kerl war tot - doch Serenissimus
Daheim -


Werner.
Lass ihn den Schatten eines Cäsars spielen -
Es bleibt drum doch ein Schattenspiel!


Klang.
Du lachst -
Und doch fehlt diesem Kleinen nur ein Rom,
Und auch zu sein, was er gern scheinen möchte!
Nein, sieh, da lob ich mir des Dichters Macht,
Der Welten niederwirft vor sich, und Welten
Doch wieder auferbaut in jedem Wort;
Den Starken wiedersteht und doch die Schwachen
Beherrscht . . . (auf das Bild über dem Spinett deutend) Sieh Dante dort,
wie Giottos Hand
Sein herbes Antlitz festhielt für uns Spätre,
Den Vaterland-Verstossenen, der aus
Florenz nichts mitnahm, als die mystsche Rose
Der Poesie. Wer spricht heut von den Mächtgen,
Die ihn gequält? Hinunter ist ihr Tag!
Die goldenen Terzinenketten aber,
An die sein Hass angeschmiedet, klirren
Durch die Jahrhunderte - und ausgelebt
In Grausamkeit und Lieb hat wie kein Cäsar
Sich dieser hagere Asket der Kunst!
(Ein auf dem Tische liegendes Buch ergreifend)
Da liegt dein Byron . . . denkst du noch der Worte,
Die er auf Dantes bleiche Lippen legt?
"Denn was ist dichten? Gutes oder Böses
Erschaffen durch zuviel Gefühl und Geist!"
Schlag Licht - ich weis die Stelle dir!



13 Werner.
Ich will
Sie suchen, wenn du fort bist!


Klang.
Gut - ich gehe . . .
Giebts Fragen doch, die nur die Einsamkeit
Allein uns löst, wie sie allein sie aufwirft!
Leb wohl! (ab).


Werner.
Addio! (nach einer Pause.) Ja, die Stelle reizt mich!
(Schlägt Licht und zündet die Girandoles an.)
Wie seltsam, dass sie mir bisher entging!
(Lässt sich, das Buch zur Hand nehmend, an der rechten Seite des Tisches nieder. Nachdem er eine Weile darin geblättert, beginnt er mit der Eile des Suchenden zu lesen. In diesem Augenblicke taucht, wie aus dem Boden gewachsen, knapp hinter ihm der Schatten auf. Er ist vom Haupt bis zu den Füssen in dunkle, faltig herabwallende Schleier gehüllt. Antlitz und Hände sind fahl, fast grau. Die ganze Gestalt höher und schlanker als die des Dichters, aber in ihren Geberden gleichsam an jene gebunden. Er neigt sich, den Bewegungen des Lesenden folgend, langsam über die rechte Schulter desselben, und legt plötzlich den Zeigefinger in die Mitte des aufgeschlagenen Buches.)


Der Schatten.
Da ist der Vers!


Werner (fährt empor).
Ah - was soll dies? Wer seid Ihr?
Und wie kamt Ihr herein?


Der Schatten.
Durch keine Thür,
Und wenn, so doch mit Euch zugleich! Und wag ich
Ein Wörtchen jetzt, geschiehts, weil Ihr mich rieft,
Zuvor - eh jener ging - gegen sein Ohr hin, rasch) den Ihr
beneidet!


Werner (zurückfahrend).
Ah! . . . ! Doch - du lügst!



14 Der Schatten (mit einer Grimasse).
Behaltet dieses "du," -
Wir sind ja unter uns, da braucht Ihrs immer!
An all die schönen Stunden mahnt es mich,
Da überlaut das Herz Euch ward, und lüstern
Der Wille sich vergass . . . doch scheints Euch dreist,
Dass ich geschwätzig werde, leg ich wieder
Zu Euren Füssen mich, -- Ihr seid der Herr!


Werner (befremdet).
Zu meinen - Füssen?


Der Schatten.
s ist mein Schicksal, wenn Ihr
Nicht just mich nebenher zu laufen zwingt!
Und hart sind Eure Füsse, wenn sie treten -
(er kriecht förmlich in sich zusammen).
Ihr glaubt gar nicht, wie schwer die Güte ist!
(Nach einer Pause).
Und wärs nur Eure Last - ich trüg sie noch!
Doch diese kecke, sieggewisse Jugend
In Eurer Nähe, die sich nichts versagt -
Und doch am Ziel schon steht, wie Ihr, -- und früher -
Und einen Lorbeer trägt, der voller -



Werner.
Zerrbild!


Der Schatten
(monoton, gleichsam mit anderer Stimme).
Da ist ein Schatten - denkt ihn ohne Körper!


Werner (wie im Traume).
Die schwüle Nachtluft und die Phantasie . . .



15 Der Schatten (laut).
Nein - Ich - der "Zweite", den Ihr für den Andern
Erschlugt . . . ich schien nur tot, indes ich stumm
Zu euren Füssen lag und heimlich lauschte.
Und klug ward ich an diesem Lauschen - klug!
Und stark an jedem Fusstritt - stärker! Aber
Ihr rieft mich nicht; so blieb mir Zeit genug,
Darüber nachzugrübeln, wie es sein könnt,
Wenn -


Werner.
Wenn?


Der Schatten
(mit einer schwanken Bewegung von ihm fort).
Was hilfts? Ihr gebt mich doch nicht frei!


Werner (seufzt).
Wie könnt ichs auch?!


Der Schatten.
Mit einem einzgen Wort -
Ihr seid ja lüstern nach dem Wollen - wollt es!


Werner (sehnsüchtig).
Dahinter liegt die Welt, die ich verlor.


Der Schatten.
Das Leben selbst: so reich, so schön . . . ich hab mirs
Wohl angeschaut, indes Ihr grübeltet -
Man sieht so Vieles, ist man nur ein Schatten!
Ihr selbst gingt nackt vor mir - nicht oft geschahs -
Doch immer war Euch wohl dabei - ich weiss es!
Begriffe engen ein - und Treue, Scham
Und Ehre gleiten nieder wie Gewänder,
Wenns dunkel wird in uns -


Werner (leiser).
Wenns dunkel wird --



16 Der Schatten.
Und die Begierden hungrig wachen -


Werner
(mit einer Qualgeberde).
Wachen!


Der Schatten
(löscht mit seinem Mantel das Licht aus).
Wie jetzt -


Werner.
Wie -- (plötzlich emporfahrend), Ah - da ist es wieder!


(Eine leise, gleichsam überirdische Musik ertönt. Zu gleicher Zeit hat sich die Thür des gegenüberliegenden Balkons halb geöffnet: In ihrem Rahmen erscheint, aber nur für einen Augenblick, eine hohe, jugendschöne Frauengestalt. Weisses, schimmerndes Florgewand, das ein goldener Gürtel zusammenrafft. Das dunkle Haar wallt gelöst an ihr nieder; auf ihrer Stirne flammt ein Stern. Ein intensives Licht, das gleichsam von ihr ausgeht, und blitzartig, wie sie, wieder verschwindet, beleuchtet für einen Augenblick den Hintergrund der Scene und die beiden nach ihr hinüberlauschenden Gestalten. Mit ihrem Verschwinden verstummt auch die Musik.)


Werner
Seltsam -- -- !
So kommt das, und verschwindet, Nacht für Nacht!


Der Schatten
(über seine Schulter hinüber, laut).
Die Poesie!


Werner
(mit einer jähen Wendung).
Wer?


Der Schatten.
Ja, sie selbst haust drüben -
Die Grausame, die mir das Leben nahm!


Werner (kopfschüttelnd)
Für einen Traum hielt ichs bis heut!



17 Der Schatten.
Nun saht Ihr
Mit wachem Aug!


Werner.
s war drum nicht minder schön!


Der Schatten.
Warum auch nicht? Wer so vom Krösusschatze
Des Lebens zehrt, wie sie . . . Solang es Narren
Und Heilge giebt wie Ihr, gedeiht sie wohl!
Das Glück, die Luft, den Schimmer jeder Freude,
Um die sie Euch betrog, strahlt sie zurück!
Zertretne Herzen bilden ihre Schwelle -
(mit einem grausamen Lächeln)
Auch Eures fand ich dort!


Werner.
Du warst bei - ihr?


Der Schatten.
Vergangne Nacht, als zwischen Traum und Wachen
Ihr lagt - gewiss! Das streckt ich mich und wuchs,
Und stand auf ihrer Schwelle schon - doch kam ich
Nicht weiter, bin ich doch ein Sklav!


Werner.
Dann wollt ich,
Du löstest dich von mir und wärest frei!


Der Schatten
(macht einen kurzen Schritt vorwärts).
Ihr wollt es - also kann ich es!


Werner (selbstvergessen).
Und trätest
Vor sie hin, die verblendet mich und holtest
Mein Herz von ihr zurück und meinen Tag,
Und mein verlornes Leben, und die Kühnheit,
So bös zu sein - nein, stark - wie ichs wohl könnt!



18 Der Schatten
(langsam der Balkonthüre zuwandelnd).
Doch dürft Ihr mir nicht rufen mehr - ein Andrer
Komm ich heraus!


Werner
(mit steigender Leidenschaft).
Ja - komm - bringst du doch mich
Zurück; und schau um dich, denn wissen will ich,
Wofür ich mich verschwendet - und ob Heilger
Und Thor nicht Eins sein heisst, in diesem Fall -
(die Hände vors Antlitz schlagend)
Ich bins gewesen!


Der Schatten
(vom Balkon her, höhnisch).
Muss ichs drum so lange,
Bis der Begriff mein Totengräber wird?


Werner (wie erwachend).
Was seh ich -- ? Ah - er wandelt - er ist - frei!
Der Brüstung Gitter hemmt ihn nicht - er gleitet
Wie körperlos dazwischen durch - nun tritt
Er in die Luft hinaus - nun ist er drüben -
Mir schwindelt . . . (er tastet um sich; die geheimnisvolle Musik beginnt aufs
Neue zu erklingen, geht aber allmählich in ein wildes, rauschendes Thema über.)


Der Schatten (herübergrüssend).
Lebe wohl!
(verschwindet in der Thür, durch welche für einen Augenblick wieder jener Lichtschein bricht.)


Werner
(der ihm wie gebannt nachstarrt).
Mein Schatten dort,
Wo Phantasie Gestalt wird, Sinn und - Wort?
(Vorhang.)


Erster Akt

Personen des Dramas.



Ernst Werner
Walther Klang
} zwei Freunde, beide Dichter.
Martha Holm.
Der Fürst.
Senten, Adjutant des Fürsten.
Chevalier Dupin, ein Emigrant, lebt am Hofe von Rottenwyl.
Süpfle, ein Detektiv.
Ein Diener.
Der Schatten.


Ort der Handlung: Rottenwyl, eine deutsche Stadt.


Zeit: 1838.
[20]


[
Scene: Ein kleines, weissgetünchtes Gemach. In der Seitenwand rechts ein halbgeöffnetes Fenster mit weisser Mullgardine, das den Ausblick in einen Garten freilässt. Vor dem Fenster ein Schreibpult. Daneben ein kleiner Bücherschrank mit der Gypsbüste Napoleons. In der Mitte des Gemaches ein runder, im Augenblick mit Büchern und Schriften bedeckter Tisch. Holzstühle. Dem Tisch gegenüber, in der Mittelwand, die Eingangsthür. Sie führt über einige Stufen unmittelbar in den Garten hinaus, über den hinweg, so wie sie geöffnet wird, man die Giebelhäufer der vorüberziehenden Strasse einer kleinen Stadt gewahrt. In der Seitenwand links eine zweite, kleinere Thür. Rechts davon ein massiver Kachelofen. Links vorne ein Kanapee. Später Nachmittag. Durch das geöffnete Fenster dringt das Geräusch vorüberfahrender Wagen und von Zeit zu Zeit das Gehämmer einer nachbarlichen Schmiede. - Werner, der über ein Manuskript gebeugt, an seinem Pulte gestanden, wendet sich mit Zeichen der Ungeduld ab. Im selben Augenblick tritt, durch die Seitenthür links, Klang ein. Er ist zum Ausgehen gerüstet, zögert aber noch, wie jemand, der ein Anliegen hat.


Klang.
So bleibst du fern . . . auch heut -- ?


Werner.
Auch heut - wie gestern,
Und immer jeder Thorheit!


Klang (mit einem Lächeln).
Gestern! Doch
Ich stör dich wohl -- ?


Werner.
Das hat der Schmied von drüben
Schon gründlicher besorgt, als du es könntst! (Tritt an den Tisch.)
So klein die Menschen und so laut ihr Treiben!



22 Und zu dem der Verdruss, dass er im Recht:
Denn ihm trägts eine Steuer, Freund, mir keine,
Und also muss ichs dulden, dass der Mann
Tag aus, Tag ein mir die Gedanken totschlägt -
Es ist sein gutes Recht!


Klang.
Haha . . . . ja wohl!
Der Steuerzahler pachtet hier zu Lande,
Was von der Freiheit etwan übrig bleibt -
Das macht zufriedne, stumme Unterthanen -
Die schlagen andern die Gedanken tot!
Wenn dieser Märzsturm nur nicht wehte, der
Die Keime eines neuen Menschenfrühlings
Von Land zu Land trägt . . Ernst, du sollst es sehen,
Wie lustig aus dem Weizen des Philisters
Mit einemmale unser Unkraut schiesst!


Werner.
Du weisst, ich lieb das Unkraut nicht!


Klang.
Nenns Freiheit!


Werner.
Das alte Lied: mehr Schmiede und mehr Lärm!


Klang
(ist an den Tisch getreten).
Du wirst so wunderlich -


Werner.
Und Wunderliche
Lässt man allein . . . halt ich zurück dich? Geh!
(Er hat sich, von rechts um den Tisch schreitend, so an demselben niedergelassen, dass er das Fenster im Auge behält.)



23 Klang.
Die Einsamkeit hat traurige Gedanken!


Werner.
Wer sagt dir, dass ich mich der Zeit nicht freue,
Die du versäumt im Dienste jenes Wahns?
Der Dichter wird mit dem Apostel enden!


Klang.
Dein Herz weiss nichts von diesem Wort!


Werner.
Warum?
Weil wir wie Brüder Thür an Thüre hausen,
Und du so thöricht bist, als ich es war?
Muss ich dem Freiheitsschwärmer, der, wenns nachtet,
Mit Gleichgesinnten sich zusammenstiehlt,
Um Stein für Stein vom Bau der alten Ordnung
Verrätrisch loszubröckeln - muss ich dem
Erzählen erst, wie süss ein kleiner Frevel,
Heiss er nun Untreu oder Felonie?


Klang.
Nenns wie du willst - doch du bist gut!


Werner.
Dann wars
Ein Andrer wohl, der heute Nachts am Fenster
Dort stand, und lachend in das Dunkel sprach:
Nun gehn die guten Rottenwyler müde
Zu Bett; sie haben gethan, was ihre Pflicht,
Und fordern nichts, als einen satten Magen
Dafür, und soviel Menschenwürde, als
Just Platz hat unter einer Zipfelmütze!
Und ich kenn einen, der mit heisser Stirn



24 Die Nächt durchwacht, und seine eigne Freiheit,
Sein Leben vielleicht einsetzt für den Spass,
Die Rottenwyler freier noch zu sehen -
Und wär er just nicht mein College, warnt ich
Den Thoren . . . und ich lachte . . . gestern wars!


Klang
Haha! -


Werner.
Du glaubst mir nicht?


Klang.
Gewiss! Ich lach nur,
Weil du umsonst gelacht! Vielleicht verkehrte
Sich deine Schadenlust in Neid, wenn . . . doch
Genug! Ich war nicht dort heut Nacht, wo du mich
Vermutet. Aber freilich - eine Nacht
Hab ich genossen heute - eine Nacht -
So süss und feierlich und einzig, dass
Mein ganzes Leben, müsst ich sie bezahlen,
Ein Bettelgeld nur wär!
(beide Hände auf die Schultern Werners legend, mit einem verhaltenen Jauchzen in der Stimme.)
Ja, lieber Freund,
Dies Rottenwyl, das du so tief verachtest
Von deiner Höh, ist doch ein herrlich Nest -
Es hat noch Raum für blaue Märchen! Und
Darum sieh, glaub ich auch mit jedem Herzschlag,
Dass sich der schöne Traum erfüllen wird,
Den ich und dieses Nestes junge Brut
Begeistert für die Rottenwyler träumen!
(Das leichte Rollen eines vorüberfahrenden Wagens wird hörbar. Für einen Augenblick stechen die roten, goldbetressten Livreen seiner Lakaien durch das Grün der Bäume.)


Werner (nach dem Fenster blickend).
Dort fährt der Fürst! (mit leisem Spott.) Er fühlt sich doch noch sicher
In seinem Rottenwyl!



25 Klang.
Und vierspännig -
Er thuts nicht anders! Just, als müsst die Menge
Des Staubes auch historisch sein, den er
Den guten Rottenwylern ins Gesicht jagt!


Werner.
Was thuts? Deshalb wagt doch kein Rottenwyler
Sein Aug zu wischen - wie es ihn auch juckt!


Klang.
So - meinst du?! Nun -


Werner. (einfallend).
Es wär denn der verrückte
Student von nebenan!


Klang.
Es wär denn der!


Werner.
Son Rottenwyler Brutus - hahaha!
Habt acht, dass der nicht stolpert, eh ihr losgeht -
Dies wär mein letzter Rat, nimmst du ihn an!


Klang.
Wir wollen unser Recht nur, unbekümmert
Um Narren und Verbrecher! Und so rein
Wie dieser Wunsch könnt unser Weg auch bleiben,
Liess die Gewalt der Menschenwürde Raum!
Die freie Unterwerfung freier Bürger,
Wär sie nicht köstlicher, als eine Treu,
Von der nur tote Pergamente reden?
Kleinodien, die das Herz schenkt, sind kein Gut,
Das sich verwahren lässt in rostgen Schränken,
Und weitererbt wie ein Metallschatz, draus



26 Nach Willkür oder Laune heut ein Schmuck
Geschmiedet wird und morgen eine Kette!
(Pause; dann mit plötzlichem Ausbruch.)
Freund - Werner, sieh: ich kanns nicht glauben! Will es
Nicht glauben! Du im Lager der Gewalt!
Du, dessen Freiheitslieder Deutschland nachsingt,
Soweit es einen neuen Frühling hofft!
Nein, Ernst, ich hab nicht bloss so "Thür an Thür"
Gehaust wie heut mit dir, -- wie du es nanntest
Vorhin - wirst du ein Anderer, geht mir
Ein Stück des eignen Lebens selbst verloren,
Und schmerzlich sucht sich dies!


Werner.
Warum? Was hier du
Verloren, giebt die Jugend dir zurück,
Mit der du lebst! Ich hatt ja auch die meine - (achselzuckend)
Und mag ich sie nicht suchen, ists mein Recht!
Wer weiss! Vielleicht kommt dir auch die Erkenntnis
Der bittern Stunde einst, da du das Glück
Vorüberfahren siehst mit einem - Andern -
Wie früher ihn!


Klang.
Haha! Ein neu Symbol
Der Fürst von Rottenwyl!


Werner
(im Begriff zu antworten, erhebt sich plötzlich und eilt ans Fenster).
Was ists? Was wollt Ihr?
(Pause. Er beugt sich, wie nach jemandem ausschauend, erst zum Fenster hinaus; eilt dann zur Thür und öffnet sie. Hinaussprechend:)
Nun? (Schliesst wieder die Thür und kehrt ins Zimmer zurück.)


Klang.
Sahst du wen?


Werner.
Du nicht?



27 Klang.
Nein! Wo?


Werner.
Nun eben,
Am Fenster dort . . . dort stand ein Mann und grüsste
Herein!


Klang.
Die schwanken Birkenzweige wohl,
Die dort im Wind sich schaukeln!


Werner.
(nach einem flüchtigen Blick, gleichgiltig).
Möglich . . . (nimmt seinen früheren Platz ein)
Aber
Um fortzufahren: ja, und mehr als ein
Symbol bloss ward der Starke mir, der dort
Vorüberflog im Glanz der Abendsonne
Zuvor . . . Fast täglich seh ich ihn: und was
Er thut und treibt, ich lass es mir erzählen -
Ein ganzer Mann - ein Cäsar ohne Rom!


Klang.
Nicht ganz! Ein Stückchen Rom hat er doch klug
Hierherversetzt: den mamertinischen Kerker!
Kennst du die Hohenburg?


Werner.
Soweit sie mir
Ins Fenster schaut von jener Höh!


Klang.
Man sagt,
Sie hab für Unbotmässge Casematten,
Wie er, der freundlich nickend durch die Stadt fährt,
Spione hat für diese selbe Stadt!



28 Werner.
Er wittert den Verrat . . . ich thät das Gleiche!
Ist doch ein einzger Mensch wie er so schön
In seiner Macht und seinem trotzgen Willen,
Dass er ein Recht auf hundert Lumpe hat,
Solang sie sich zusammenthun wie Ratten
In einem schmutzgen Schlupf . . . ich fühl ihms nach!
Wie Buonoparte stand auch er mir vor
Der Seele, als ich meinen "Cäsar" schrieb -- !
Und diese Seele ist ihm treu geblieben!
Sie liebt in ihm das Glück, das sie verlor,
Weil sie den Mut nicht hatte, von der Reu sich
Zu trennen. Nun - nun hätt ich ihn . . . zu spät!
(aufspringend)
Da war er wieder!


Klang.
Wer?


Werner.
Der Mann, am Fenster,
Und deutlich sah ich ihn jetzt!


Klang
(ist ans Fenster getreten, durch das er, wie früher Werner, hinausblickt).
Phantasie -
Wenn nicht mein eignes Schattenbild im Fenster!
Leb wohl, und nimm als Antwort dieses Lied:
Wir, die für sie gelitten,
Wir, die für sie gestritten --
Den gleichen Weg mit ihr hinan,
Der Menschheit heilge Sonnenbahn!
Die Freiheit ist erstanden,
Befreit von Todesbanden -
Und ringsum, weit auf Erden,
Solls Frühling - Frühling werden!
(Er schreitet langsam der Thüre zu, wo er, die Hand auf der Klinke, sich noch einmal wendet und ins Gemach zurückspricht:)



29 Ein schönes Lied! Es weint um seinen Dichter -
Ich glaub, er hiess wie - du!


Werner (ärgerlich).
Einmal . . . leb wohl!
(Klang ab. Es ist unterdes Abend geworden. Werner tritt noch einmal ans Fenster und späht hinaus. Nach einer Weile schliesst er es: im selben Augenblicke pocht es an die Aussenthür. Werner, noch mit dem Fenster beschäftigt:)


Herein! (es pocht wieder) Herein! (es pocht ein drittes Mal) Wer ist es denn?


(Er wendet sich ins Gemach zurück. Im selben Augenblick tritt, durch die Aussenthür, die er leise öffnet und ebenso wieder schliesst, der Schatten ein. Kostüm der vierziger Jahre, das in allen Äusserlichkeiten dem Werners gleicht. Er schreitet mit einem vertraulichen Nicken auf Werner zu und legt seinen Hut auf den Tisch, an dem jener stehen blieb, wie jemand, der Willens ist, länger zu verweilen.)



Zweite Scene.


Der Schatten. Werner.


Der Schatten.
Verzeiht -
Ich wollt erst wissen, ob ich Euch genehm sei -- !
(Mit einer Wendung nach der Thür, durch die er eingetreten.)
Und dann - wars nicht ein anderes Gemach,
In dem Ihr früher haustet?


Werner.
Nein . . was wollt Ihr?


Der Schatten
(seine Frage überhörend).
Die Thüre dort (nach der Ausgangsthür weisend) zum Beispiel ist mir neu!
Ich wüsste nicht, dass je wir sie gemeinsam
Durchschritten!


Werner (befremdet).
Sie ist neu . . . doch -


Der Schatten (nickt).
Also müsst
Ihr nicht mehr durch die Stube Walthers, wenn Ihr



30 Ins Freie wollt, wie damals . . . hm - Ihr hattet
Schon damals Stunden, wo sein Anblick Euch
Fast unerträglich war, ich weiss es!


Werner
(tritt einen Schritt zurück)
Ihr -- ?!


Der Schatten (lächelnd).
Allein - was hilfts? Nun geht er, wenns ihm Spass macht,
Durch Eure Thür . . . (nach einer Pause) Man kriegt sie doch nie los,
Die Leute, die man hasst . . . wie? hehehe!
(Er rückt einen Stuhl zum Tisch, und lässt sich, die Beine übereinanderschlagend, darauf nieder.)


Werner.
Nun ist es genug! Ihr habt gelauscht - beim Fenster
Dort triebt Ihr Euch zuvor herum, ich sahs . . .
Wer seid Ihr?
(Er tritt auf den Schatten zu. Dieser erhebt sich und macht einen Schritt ihm entgegen. Es wird plötzlich dunkel im Gemach.)


Der Schatten.
Einer, der kein Fenster braucht,
Um in die Seel zu schauen, die ihn freiliess,
Und der sich einst den Kopf zerbrach, wies sein könnt,
Wenn -


Werner
(mit einer unwillkürlichen Bewegung nach ihm hin).
Wenn -- ? (taumelt plötzlich zurück). Ah - du!


Der Schatten (höhnisch).
Wie schwer man sich erkennt!
(Er nimmt seinen früheren Platz ein. Werner sinkt ihm gegenüber auf einen Stuhl. - Pause.)


Werner
(der mit einem Schauder kämpft).
Was - willst du?



31 Der Schatten.
O, nicht viel! Nur was ich kann,
Sobald Ihr wollt: um das Versäumte werben
Für Euch!


Werner.
Das könntest - du?


Der Schatten.
Drum kehr ich ja
Zurück . . . Ihr liesst solange mir die Freiheit!
Und wie mich dünkt, hab ich die Zeit genutzt:
Man sieht die Welt und kriegt sein eignes Antlitz!


Werner (schaudert).
So grausig ähnlich mir -


Der Schatten (ihn fixierend).
Ja - Zug um Zug!


Werner (sich vorneigend).
Und wieder fremd doch -- --


Der Schatten.
Dass Ihr kaum mich kanntet!
(In die bisher dunkle Stube fällt von rechts vorne der Schein des aufgehenden Mondes. Werner schnellt plötzlich mit einer Geberde des Grauens zurück.)
Was schreckt Euch dran? Ihr seid ja wieder stark
Und habt das alte trotzge Herz von ehmals! (Pause.)
Ich rafft es von der Schwelle auf, darüber
Die vagen Träume gehen und die Reu,
Und bracht es Euch zurück!


Werner (traumhaft).
So warst du drüben?



32 Der Schatten.
Gewiss . . . und fand, dass nichts zu holen sei!
Sie ist ein schönes Weib, doch auch nicht mehr -
Das heisst: sie macht Märtyrer oder Thoren -
Die Menschen nennen beides: Poesie!
(Werner nickt.)
Ich sah sie nah - zu nah vielleicht!


Werner.
Und dann?


Der Schatten.
Dann ging ich in die Welt und sah um mich!
Und trieb mich dort umher, wie euresgleichen!
Ich sah die Schatten aller; das Geheimste
Erspürt ich, und die Menschen zitterten
Vor meinem Blick und schwiegen, wo ich eintrat.
Die Schwächren aber gaben willenlos
Ihr Innerstes mir preis, und wurden thöricht
Beredt in meiner Näh . . .
Was sag ich Euch?
Ich lernte sie erkennen und verachten,
Und fand, es sei ein tolles Stück, für diese
Zu darben und zu hoffen, wie Ihr thut!
So kam ich denn zurück; wär ich ein Mensch,
Ich hätt es lachend bleiben lassen; doch
Mein Wissen ist der Schatten Eures Willens,
Und soll ich können, müsst Ihr wollen erst -
So kam ich denn zurück, zu Euren Diensten
Bereit -


Werner.
Ich sagte "ja", wärs nicht zu spät!


Der Schatten.
Zu spät? Ein gutes Wort! Es schmeckt nach Reue,
Und einen Reue giebts, die Stärke wird,



33 Und ist die Stärke da, pocht das Geschick an . . .
Ihr werdet es erfahren -- --


Werner (bitter).
Wann?


Der Schatten.
Sobald
Ihr wollt!


Werner (springt auf).
Sobald - sagst du --? So . . . ah, mir träumt wohl,
Dass ich das Zerrbild meiner Wünsche seh!
s ist dunkel und die Seele mir so voll
Von Ahnungen und heischenden Begierden -
(heftig)
Phantom, wenn du mich äffst!


Der Schatten.
Was zaudert Ihr?
Euch dürstet - und Ihr könntet trinken!


Werner.
Trinken!


Der Schatten.
Aus Gold . . . in langen, durstgen Zügen! Glück
Und Macht, und jene giftig-süsse Luft,
Die uns die Leber kitzelt, wenn wir einen
Vernichtet sehn, den wir gefürchtet - oder -
Beneidet - oder -


Werner (heiser).
Still! (schleicht an die Thüre Klangs und lauscht).
Er sah dich, als du
Hereinkamst, sagtest du -- ?



34 Der Schatten (lächelt).
Ihr fürchtet es!
Er sah nur seinen Weg und hatte Eile . . .


Werner
(zurückkehrend, wie für sich).
Nun ist er dort, wo er nicht sein sollt -


Der Schatten.
Aber
Ihr wisst es!


Werner
(wie in sich kriechend).
O - und mehr noch, hahaha!
Er ist so gut und dumm in seinem Glücke,
Dass er den Schatten dieses Glücks nicht sieht!
Ich hass um seinen Ruhm ihn - um dies Glück,
Um diese ganze knospenreiche Zukunft!
Meinst du, er merk es nur? Was er auch denkt
Und treibt, er sagt es mir, und wie die Strassen
Von Rottenwyl kann ich sein Herz begehn!


Der Schatten.
Ihr thut es, Tag für Tag! -


Werner (bitter).
Ja, Tag für Tag -
Und Stund um Stund . . . wie könnt ich anders? Wirft er
Mir sein Vertraun wie einen Feuerbrand
Doch immer wieder in die Seel . . . Ich werd ihn
Nicht los! Nun ist er fort . . . glaubst du, er ist es
Für mich? Nein, sag ich dir, da steht er noch,
Und seine Bildung macht die Seel mir dunkel,
Sein Lachen zerrt an meinen Nerven, dass es
Im Hirn mir schrillt wie ein verdorbner Ton!
Und geht er fort - ich folg ihm in Gedanken:



35 Feindselig, wie ein Späher - Schritt für Schritt -
Er weiss es, ahnt es nicht . . . Es könnt ein Andrer
Ja auch sein - wie?


Der Schatten (leise lachend).
Haha!


Werner.
Was lachst du?


Der Schatten.
Weil Ihr
Es doch nie wagt, der Andere zu sein!


Werner.
Der - Andre? Sagt ich so? Ja, ja, das ist es!
Nicht er - die eigne Thorheit schlägt die Thüre
Mir vor der Nase zu, die ihn verbirgt!


Der Schatten (mit Betonung).
Verbirgt - so lang Ihr wollt!


Werner.
So lang nur . . . freilich . . .
(plötzlich, mit abwehrender Bewegung.)
Nein, nein! Was sagtest du?


Der Schatten.
Nicht mehr, als dass ich
Sie öffnen kann, wenn Eure Stunde nah -
Und sie ist nah -- (indem er die Rechte ausstreckt) Gebt mir die Hand!


Werner
(hat seine Hand ergriffen; traumhaft).
Ich fühl nichts . . .
So ists wohl ein Gesicht, wie all die andern -
Vom Hass erzeugt . . .



36 Der Schatten.
Doch hütet Euch, vor Menschen
Mich jemals anzurufen, soll der Zweite
Erscheinen nicht, wo sie gewohnt, nur Einen
Zu sehen! Was Ihr wollt - es kann durch mich
Geschehn; doch ist die That gesetzt, besteht sie,
Und den Bereunden nur trifft ihre Wucht!


Werner
(der wie im Traume nachspricht).
Und den Bereunden nur trifft ihre Wucht!


Der Schatten.
So seis
(geht an Werner vorüber nach rechts, wo er, an sein Pult gelehnt, stehen bleibt. An der Aussenthüre wird dreimal, rasch hintereinander, geklopft.)


Werner
(der sich wie ein Erwachender langsam über Stirn und Augen streicht).
Es pocht! Was gilts - ich mache Licht,
Und mit dem Dunkel ist der Spuk verschwunden!



Dritte Scene.


Detektiv Süpfle. Werner. Der Schatten am Pult.


Süpfle
(der unter vielen Bücklingen eingetreten ist, bleibt neugierig um sich spähend, an der Thüre stehen; verbindlich).
Find ich Herrn Werner hier?


Werner
(mit dem Anzünden der Lampe beschäftigt).
Ich bins!


Süpfle.
Entschuldigt
Die späte Stund; doch eine Freude, denk ich,
Die bringt man niemandem zu früh ins Haus!



37 Werner
(der die Lampe angezündet hat und nun in die Mitte des Tisches rückt).
Zuletzt dem Mann, bei dem sie nie zu Haus war
Bis heut! (Weist mit einladender Bewegung nach dem Stuhl, auf dem der Schatten gesessen.)
Nehmt Platz!
(Wie er sich niederlassen will, gewahrt er den, an seinem Pulte lehnenden Schatten. Entsetzt.)
s ist Wahrheit, was ich seh!


Süpfle.
Wie meint Ihr?


Werner
(verstört, immer den Blick auf den Schatten).
O, nichts, nichts . . . Ihr wolltet . . . ?


Süpfle.
Freilich,
Herr Werner, freilich! Doch, dass ich geziemend
Vorerst mich selbst nenn: Süpfle, Detektiv! (setzt sich.)


Werner (erregt).
Ihr - jetzt!


Süpfle (wie für sich).
Hm . . . wär es dieser nicht!


Werner (unsicher).
Ich weiss nicht -
Ich glaub - wir sind - allein?


Süpfle.
Soviel ich sehe:
Nur Ihr und ich!


Werner
(der mit einem Grauen kämpft).
Nur ihr und - ich!
(Sinkt auf seinen Stuhl.)



38 Süpfle (lauernd).
Es wär denn,
Dass Ihr Herrn Klang meint, Euren Freund und Nachbar -
(Pause; dann langsam:)
Der lief vor kurzem erst mir übern Weg!


Werner (rasch).
Ihr - saht ihn?


Süpfle (lächelt).
Eben sagt ich es! Ein Zufall,
Nicht mehr! Hähä . . .


Werner.
Nein -- ?


Süpfle.
Auf dem Weg zu Euch . . .
Was scheint Euch seltsam dran?


Werner (ausweichend).
Das - müsst Ihr wissen!


Süpfle.
Ah, ich versteh: Ihr denkt -


Werner (ergänzend).
Ein Detektiv!


Süpfle (jovial).
Ganz recht, was man so nennt in einem Städtchen,
Wo einer in den Hof des andern guckt,
Und jeder gratis mir das Amt erleichtert -
Ein Amt, so harmlos, wie ganz Rottenwyl!
Es giebt noch, unter uns gesagt, Herr Werner,
Recht nette Sinecuren hier zu Lang -
Hähä -- --



39 Werner (mit leisem Hohn).
So! Meint Ihr? -


Süpfle (überlegen).
O, wer nicht? Ich bitt Euch!
Man muss hier flinke Beine haben, will man
Die Suppe, die man roch, nicht aufgewärmt schon
Am Herd des Nachbars finden! Und weil dem
Nun einmal schon so ist, seht Ihr auch hier mich!
(Er zieht ein Notizbuch aus der Tasche, in dem er eine Weile blättert, dann in trocken-amtlichem Tone:)
Ihr seid der Dichter ja des Dramas "Cäsar"? (Werner nickt.)
Und habt mit einer unterthängen Widmung
Die Dichtung selbst an unsres Fürsten Hoheit
Gesandt?


Werner.
So ists!


Süpfle.
Nun denn, macht Euch bereit,
Den reichsten Strahl der Gnade zu empfangen!
Ihr sollt zu Hof berufen werden, heisst es,
Ein Jahrgehalt in Gold sei Euch gewiss,
Und sicher, wie des Fürsten Wohlgefallen
Die Absicht, einer Kunst den Weg zu ebnen,
Die, was ihm selbst als Höchstes gilt, verklärt!
(Indem er sein Notizbuch zuklappt.)
Ich bin kein Dichter, wie Ihr wisst, Herr Werner,
Nur Süpfle - und drum schrieb ich Wort für Wort,
Mir auf, was in der Hofkanzlei geschwatzt wird,
Und Ihr vielleicht, wills Gott, schon morgen wisst!


Werner (erschüttert).
Noch glaub ichs nicht . . . fast schwindelt mir . . . die Freude!
Wie lang wisst Ihrs?



40 Süpfle.
Hm - nicht seit heute erst!
Herr Werner! Doch, Ihr wisst, in solchen Dingen,
Thut Vorsicht not, und meine Amtspflicht wars,
Des Mannes Würdigkeit erst zu erforschen,
Dem eines Fürsten Gunst vom Himmel fällt!


Werner (unruhig).
Das heisst - Ihr -


Süpfle.
O, man frägt etwas herum, --
Nicht mehr! Ich kenn ja meine Rottenwyler,
Gewiss! Doch Brauch ist einmal Brauch! Und dann -
Man hört doch manches jetzt! Und gar die Jugend -
Die liebt verschwiegne Heimlichkeiten, eifert
Verblendet in den Aufruhr sich hinein,
Verbrüdert sich zu thörichtem Beginnen -


Werner (immer unruhiger).
Ihr meint -


Süpfle
(mit einer beruhigenden Geberde).
Ich weiss, ich weiss, das trifft nicht Euch!
Allein der blosse Schatten eines solchen
Verdachtes nur; ein Freund - hm - irgen eine
Gemeinschaft, die zum Schweigen Euch verbindet
In Dingen, wo zu reden Pflicht es wär -
Und Euer Glück schnellt wieder in die Höhe
Zurück, aus der es kam!


Werner
(hat sich in höchster Erregung erhoben).
Haha - und Ihr -
Ihr glaubt in Wirklichkeit, ich liess es wieder?



41 Süpfle
(der ihn fest im Auge behält, lächelnd).
Doch - doch! Das heisst, versteht mich recht: ich mein
In einem Fall wie der, den just ich nannte!


Werner (entschlossen).
Dann habt Ihr nicht mit Glück geforscht!


Süpfle.
Das wär -- !
Wie gut ists da, für mich und Euch zu wissen,
Dass keiner dieser Fälle - Euer Fall!


Werner
(tritt auf ihn zu, heftig).
Ihr lügt! Ihr lügt! Was Ihr zu wissen vorgebt,
Ihr glaubt es nicht, so wenig - als ich selbst!


Süpfle
(hat sich, die Rechte auf die Schulter Werners legend, erhoben).
Ihr seid ein Mann, Herr Werner, wie ich sehe,
Und stark und klug! Ein solcher zwingt das Glück,
Und hält es fest! Genug - wir sind zu Ende!
Und nun - zu ihm!


Werner
(der wieder auf seinen Stuhl sinkt).
Doch macht es kurz!


Süpfle.
O, kürzer,
Als Ihr wohl denken mögt! Wir wissen viel,
Um nicht zu sagen: Alles! Nur ein Glied noch
Verlangt die Kette, wenn sie schliessen soll -
s ist nicht das schlimmste, weil es just das letzte -
Doch wusst ich wohl, ich fänd es nur bei Euch!



42 Werner.
Bei - mir?


Süpfle.
Hm - ja! Das Ende eines Fadens,
Der mir zerriss, doch Euch in Händen blieb!
Man hat in solchen Dingen seinen Ehrgeiz,
Und wünscht die Arbeit sauber bis aufs i!
Und wer könnt da das Letzte auch mir sagen,
Als Ihr, den Nacht für Nacht sein Schritt erweckt?


Werner.
Ja - Nacht für Nacht!


Süpfle.
s ist nur um eine Probe
Zu machen: also - auch die letzte Nacht?


Werner.
Die letzte auch, so sicher, als er heute
Mich wecken wird!


Süpfle (lächelt).
Hm - meint Ihr?


Werner (schnellt auf).
Ah -- ! ?


Süpfle.
Ein Scherz nur!


Werner.
Dran er zu Tod sich scherzt - versteh ich recht!


Süpfle.
Er kann - versteht mich recht - war jener Schlupf selbst
Umzingelt schon, noch fliehn!



43 Werner (rasch).
Hieher?


Süpfle (überlegend).
Selbst das,
Wenn Unrat witternd, er den Ort gemieden
Im letzten Augenblick!


Werner.
Dann wär er hier,
Und ists vielleicht schon - horch, -- war dies sein Schritt nicht?
(lauscht nach der Thüre Klangs.)


Süpfle (überrascht).
Nun scherzt wohl Ihr - wie käm er dort hinein?


Werner.
Doch! Seine Stube hat auch einen Eingang!


Süpfle.
Verdammt! Dann ist der Bau nur halb umstellt!
(Ab durch die Thür Werners, die er hinter sich offen lässt. Pause. Man hört, wie in der ersten Scene, das Geräusch eines heranrollenden Wagens. Mitten hinein fällt ein plötzlicher Schuss.)



Vierte Scene.


Werner. Der Schatten.


Werner.
Das war -- ! (stürzt auf den Schatten zu.)
Phantom, nun wasch die Hand mir rein!
Da draussen fliesst sein Blut . . . mir ist, ich seh es


Der Schatten.
Er könnt es sein . . .


Werner.
Er ists



44 Der Schatten.
Wer sagt es Euch?


Werner.
Die Reue . . . (schlägt sich ans Herz.) Da! Lass mich! (will hinausstürzen.)


Der Schatten
(weist nach der Thüre Klangs).
Und käm er heil nun
Zu jener Thür herein, des Wortes mächtig,
Wie sonst? Bereit, in seinen Sturz auch den
Mit sich zu ziehn, der ihn verraten
Rufe (hinter der Scene).
Wache,
Hieher! Der wars! Ich halt ihn fest!


Der Schatten.
Er lebt!


Werner (sich besinnend).
Ja -- ! Und sein Atem giebt mir wieder Kraft,
Und Schurkenkühnheit meinem Hass, der Leben
Empfängt von seinem Leben . . . Stimmen - horch!
Nun Schritte - die sich nähern . . . Seis! Und wär es
Das Schicksal selbst, es finde mich bereit,
Aus Blut und Lügen noch mein Glück zu tragen!



Fünfte Scene.


Die nur angelehnte Thür wird von aussen weit geöffnet. Über ihre Schwelle tritt, in soldatischer Kleidung, stramm aufrecht der Fürst. Seine Linke fasst vorn den ihm halb von der Schulter herabgleitenden Mantel zusammen, und stützt zu gleicher Zeit den auf ihr ruhenden rechten Arm, dessen Handgelenk von einem blutbefleckten Tuch umwunden ist. Durch die weit geöffnete Thür sieht man für einen Augenblick, über den Garten hinweg, die von fliegenden Lichtern erhellte Strasse und hört das Stimmengewirr einer, allmählich sich verlierenden Volksmenge. Ein Teil derselben erfüllt noch den Garten und schiebt sich, von Senten, dem Adjutanten des Fürsten, vergebens zurückgedrängt, unmittelbar hinter demselben ins Gemach. Werner. Der Schatten.



45 Senten.
Gönnt seiner Hoheit Ruhe nun!
(Alle wirr durcheinander.)
Es lebe
Der Fürst!


Der Fürst.
Habt Dank für eure Treu, ihr Bürger!
Sie lässt mich fast vergessen, dass der Mörder
Aus euren Reihn nach mir die Hand gestreckt!
Doch seh ich wohl, es ist in eurer Mitte
Nicht Platz noch Sinn für den Empörer!


Alle.
Nieder
Mit ihm!


Der Fürst.
Was er verdient, wird ihm geschehn,
So wahr der Friede dieses Staats und seine
Gesetze, die in Uns beleidigt sind,
Zu Recht bestehn - das sei euch hier versprochen!
Doch ehrt des Hauses Frieden nun, darin
Ich selbst einstweilen mehr nicht als Gast bin -
Lebt wohl!


Alle.
Hoch! Hoch! (ab. Der Schatten, der sich gleich anfangs unter die Bürger gemengt, folgt ihnen.)


Werner
(ist langsam vorgetreten).
Mein Fürst, wie fass ich mich -
Die Seele voll von dem, was zu erleben
In einem Atem mich die Stunde zwingt?
Das Glück, Euch hier zu sehn, die, nicht im Traume
Geahnte Ehre Eurer Gegenwart --



46 Und was doch beide wieder mir verbittert,
Dass fast ich wünschen könnt, ich hätt mich niemals
Daran erfreut: die That, die ruchlose,
Die Euch hierher zu flüchten zwang -


Der Fürst (hoheitsvoll).
Zu flüchten? Nein!
Nur unsres Wagens Pferde flüchteten,
Erschreckt durch jenen Schuss und das Getümmel,
Das plötzlich um uns war! Mein Kutscher flog
Vom Bock, und Senten hier ergriff die Zügel
Des scheuenden Gespanns; (mit feinem Lächeln) mir blieb indes
Noch Zeit genug, dem Mörder, dessen Kugel
Ihr Ziel verfehlt, die Klinge zu entreissen,
Die er, den Wagen rasch erkletternd, schwang!


Senten.
Vor Scham könnt ich versinken Hoheit, denk ich,
Ihr wart allein in jenem Augenblick!


Der Fürst (indem er Platz nimmt).
Warum? Die Pferde scheuten, eh der Mörder
So nah an mich herankam - also thatet
Ihr, was am nächsten lag, und die Verwirrung
Das Übrige . . . und nun genug davon!
Es galt nur, unsern Wirt zu überzeugen,
Dass er nicht Feiglinge beherbergt!


Werner.
Hoheit!


Der Fürst.
Lasst, lasst . . . wer Euren "Cäsar" schuf, der, dächt ich,
Hätt Achtung nur vor einem ganzem Mann!
Nicht diese Wunde, die des Meuchlers Dolch mir



47 Im Ringkampf beigebracht, noch Sentens Angst,
Der im Gewühl der Menge, und im Dunkel
Der Nacht noch andre Mörder witterte,
Bestimmten mich, hier einzutreten - erst
Als Euer Name fiel in unsrer Nähe,
Ward die Erwägung zum Entschluss!


Werner.
Und ehrt so
Mich doppelt, Hoheit!


Der Fürst.
Und nun, denk ich, gönnt Ihr
Ein Plätzchen uns, bis sich das Volk verlief,
Und unsre Rappen wieder zahm geworden!


Werner (zögernd).
Und jener Schurke . . . ward sein Name ruchbar
Im Volke?


Senten.
Doch! Und wies der Zufall fügt:
Sein eigner Wirt, der Schmied Euch gegenüber,
Erkannt ihn, als er, andrer Waffen baar,
Vom Wagen wieder ins Gewühl zurücksprang,
Und nahm ihn fest . . . Drauf kam die Wache . . .


Werner (umwillkürlich).
Also
Ein Anderer!!


Senten.
Wie? Wen meint Ihr sonst?


Werner.
Verzeiht!
s ist die Verwirrung, die bei mir nun einbricht,
Wie dumpfe Angst nach einem bösen Traum!



48 Der Fürst.
Ihr - kennt ihn?


Werner.
Wie man sich begegnet, Hoheit!
Doch wars ein lichtscheuer Gesell, der wohl auch
Den Andern auffiel; tagelang allein
In seiner Stube blieb; zuweilen spurlos,
Verschwand, und wenn er wiederkam, so scheu
Und seltsam that, dass jeder gern ihm auswich.
Sie nannten den "Studenten" ihn, weil er
Sonst eifrig über Büchern sass und Schriften,
Auch immer in Gedanken ging, wie einer,
Den Wissen stumm macht.


Der Fürst.
Seht, welch nah Modell
Für Euren Brutus - wär sein End nicht kläglich!
Denn dass sein Cäsar lächelnd ihn entwaffnet,
Erniedrigt vor ihm selbst die eigne That!
Solch schwache Arme, bei so dreisten Plänen -
Das Zerrbild der Empörung!


Werner.
Immerhin
Sie selbst, mein Fürst! Er kann - Genossen haben!


Der Fürst.
Er hat sie! Ging der Aufruhr je allein?
Ich sah ihn nahn . . . mehr noch, ich kenn die Stunde
Da die Empörung dieses Landes Grenzen
Zum erstenmale überschritt. Glaubt Ihr,
Dass ich deshalb auch nur um Schrittes Breite
Dem Wahnsinn weiche, der sich Freiheit nennt?
Noch liegt - von fremder Hand - auf meinem Pulte



49 Daheim das Schreiben, das mich heut gewarnt,
Den Tag wie sonst mit einer Fahrt ins Freie
Zu schliessen. Keinen Augenblick dacht ich
Daran; und brennen müsste mich die Stell da,
Die sonst mein Diadem drückt - thät ich es!
Ich weiss, ich spiel mit einem Ungeheuer -
Doch seine Kette liegt in meiner Hand,
Und bäumt es sich - ich kann es niederzerren -
(mit einem Blick auf seine Hand.)
Die kleine Wund hier ist des Spiels mir wert!
Ich liebe sie, wie Cäsar wohl die seinen
Geliebt hätt, wär das Leben ihm noch einmal
Zurückgekehrt, -- und fühl mich wohl bei Euch,
Herr Werner - (streckt ihm die Hand entgegen).


Werner (bewegt).
Hoheit!


Der Fürst.
Ja, von Herzen wohl! Wo könnt
Ein Cäsar, der dem Dolch des Brutus eben
Entronnen, auch zufriedner sein, und sichrer
Als hier, wo seine eigene Geschichte
Begann?


Werner (betreten).
Mein Fürst -


Der Fürst.
Ich seh, Ihr quält Euch noch! (lächelnd)
Muss ich den Doppelsinn, der Eure Widmung
So ehrend macht, Euch selber erst enträtseln?


Werner (aufatmend).
Nein! Quoll er doch aus tiefster Seele mir,
Das Selbstbekenntnis eines festen Glaubens!



50 Gedacht ich "Cäsars", beugt ich mich vor Euch
Im Geist . . . erst unbewusst, bis Ihr allmählich
Mit Eurer herben Hoheit, Eurem Willen,
Der alle Ding und Menschen nach sich prägt,
Durch diese Stube gingt, mein Werk beschattend!
So lieht Ihr meinem Helden Euer Blut
Zu neuem Sein, und Eures Wesens Züge,
Die wahlverwandten -


Der Fürst.
Möglich, dass Ihr ganz mich
Hineingeheimnist! Doch bleibt mir ein Rest noch
Darin, und dieser fremde Rest seid - Ihr!


Werner.
Wie das, mein Fürst?


Der Fürst.
Ich mein, versteht mich recht,
Der Teil an Euch, der Cäsar bleibt, und dennoch
Nie Cäsar sein könnt . . . der Euch angedacht,
Nicht angeboren ist, und dem ein Andrer,
Ein Stärkerer in Euch, die Hand festhält!
Da lob ich Brutus mir! Den plagt kein Grübeln,
Noch spaltet ihm ein Zweifel den Entschluss!
Er tötet mehr in Cäsar, als die andern,
Und weiss es . . . doch im Augenblick der That,
Erfüllt ihn ihres Glaubens ganze Inbrunst,
Und jauchzend, ohne Reue stösst er zu!
Ihr liebt sie nicht, die Brutusse, und Sieger
Bleibt Euer Cäsar selbst nach seinem Tod:
Hoch über ihn fliegt wie ein goldner Adler
Sein palatinscher Traum auf! Aber Brutus --


51 Wie sag ichs recht? Den bringt Ihr uns so nah,
Als wär er bei Euch aus- und eingegangen!
(Ein heftiger Wortwechsel, aus dem deutlich die Stimme Klangs hervortönt, wird vor der, in die Stube Werners führenden Eingangsthür laut.)


Werner (aufspringend).
Er ists!



Sechste Scene.


Klang. Süpfle. Die Vorigen.


Süpfle (noch hinter der Scene).
Im Namen des Gesetzes -


Klang (hereinstürzend).
Lasst mich!
Was ich hier thu, wär eines Mörders Recht,
Warum nicht meines? (indem er den Fürsten erblickt, unwillkürlich zurücktaumeld)
Ah! -- --


Der Fürst (hat sich erhoben).
Was soll dies?


Klang
(streift sich wie ein Erwachender über die Stirne; dann, mit Bitterkeit).
. . . Freilich!
Was - soll dies? Fast hätt ich es selbst gefragt!
(Fasst sich, und tritt mit einem ironischen Lächeln auf den, noch immer starren Werner zu.)
Du hattest - Glück mit - "Cäsar" -- wie ich sehe!


Süpfle (auf der Schwelle).
Verzeihung, Hoheit, dass der Mann hier eindrang!
Die Not des Augenblicks, der Euch bedroht,
Riss von der Seite mir die Kameraden,
Und so musst ich allein ihm stehn -


Der Fürst.
Was habt Ihr
Mit ihm?



52 Süpfle.
s ist einer der Verschwornen, die wir
Umzingelt heut in ihrem sichren Schlupf!
Sein Glück wollt es, dass dort er heut zu spät kam,
Doch war ich meiner Sache schon gewiss,
Und lauerte drum vor dem Nest des Vogels!


Der Fürst.
Wo?


Süpfle.
Eben hier!


Der Fürst
(mit überraschter Wendung nach Werner).
Hier?!


Werner (einfach).
Was er spricht, ist Wahrheit!
Da steht mein Freund, und hier hab ich bis heute
Gehaust!


Senten.
Herrn Werners Freund!?


Der Fürst.
Seid Ihr auch sicher,
Dass es ein Schuldiger, den Ihr verfolgt?


Süpfle.
Seit kurzem erst; doch nun -


Der Fürst.
Was wollt Ihr sagen?


Süpfle (zögernd).
Herr Werner weiss vielleicht noch mehr!



53 Klang (mit plötzlichem Aufschrei).
Ah - du!
Nein, nein, verzeih, er kann es so nicht meinen,
Ich weiss es! s ist nur die Erregung, die
Mein Blut so peitscht, und alles um mich schwarz macht!
Doch du stehst wieder rein vor mir, und gütig,
Wie all die langen Jahre her - Gefährte
Und Freund mir . . . (bedeutungsvoll). Sei es doppelt in der Stunde,
Die dir das Glück so reich ins Haus geführt!


Werner (ablehnend).
Du selbst riefst das Verhängnis - lern es tragen!


Klang (erschüttert).
Wie? -- Soviel kalte Weisheit bringst du auf
In einer Stunde, die dein ganzes Herz mir
Entgegenreissen sollte, -- wärs ein Herz?


Süpfle.
Ihr habt gehört, was Euch zu hören not that -
Nun folgt mir!


Klang.
Hahaha . . . ich habs gehört,
Ja wohl . . . und mehr als das, ich hab verstanden,
Was zu verstehn vor einem Augenblick noch
Mein ganzes Leben mir zu kurz erschien:
Dass Treue für ein Quäntchen Ruhm verkäuflich,
Und dass es grosse Worte giebt, die sich
Die Niedertracht für ihre Blössen ausborgt,
Wie seine Mask aus einer Leihanstalt
Der nächste Lump . . . "Ich habe dich verraten" -
Kläng hässlich - doch - " du selbst riefst das Verhängnis" -
Haha - es war ein Dichter, der das sprach!



54 Der Fürst (streng).
Und wär dem so - woher käm Euch das Recht,
Zu klagen über eine That, die Pflicht war -
Euch, der sich zum Verrat verband mit Mördern?
Da seht -- (streift seine Binde ab, dass seine blutende Hand sichtbar wird) die
Wunde säss mir jetzt im Herzen,
Wär ich nicht stärker, als Ihr dachtet!


Klang.
Blut!
Doch habe ich kein Teil daran!


Der Fürst.
Sofern Ihr
Die mörderische Klinge nicht geführt,
Vielleicht. Doch in Gedanken traft ihr alle
Dasselbe Ziel!


Klang (fest).
Ich nie!


Der Fürst (herb).
Soll ich Euch achten,
Dann fügt nicht dem Verrat an Brauch und Recht
In einem Atem den an Eurer Sache
Hinzu! Dass sich die Jugend übernimmt
In tollen Wünschen und Gedanken, kann ich
Verstehen, wenn ich es auch nicht begreiflich;
Doch diese feige Fahnenflucht entehrt
Den Mann in Euch, und macht die Sache, der Ihr
Gedient, zum Possenspiel!


Klang (stolz).
Ich dien ihr noch,
Mein Fürst! Und weiss ich auch, es ruht mein Leben



55 In Eurer Hand, wird drum das Urteil, das Ihr
Mir sprecht, nicht wenger als Gewalt mir gelten,
Der ich nicht feige weich, noch als Bereunder -
Nur als der Schwächre . . . und drum denk ich wird
Der Mann in Euch verstehn, dass ich nicht lüge
In dieser Stund, was auch mein Richter meint!


Senten.
Ihr fordert etwas viel! -


Klang (auf Werner zeigend).
Der mags bezeugen,
Dem meine Seele offen lag bis heut!


Der Fürst.
Was kann er wissen - er, der nie im Bund war
Mit Euch und jenen? -


Klang.
Dass ich diese That
Verabscheut, kaum dass sie sich in Gedanken
Geregt!


Der Fürst.
Ihr liesset sie drum doch geschehn!
Warum?


Klang (zögernd).
Weil mich die Nacht, da jene That
Beschlossen ward, nicht bei den Freunden fand!


Der Fürst (zu Süpfle).
Ist dies erwiesen?


Süpfle.
Von den Dreissig, Hoheit,
Die wir heut ausgehoben, werden morgen



56 Zwei Drittel mürb sein, und dasselbe sagen -
Die Vögel kennen wir am Pfiff!


Der Fürst.
Wo wollt
Ihr dann gewesen sein? Bedenkt, dass dieser
Beweis nicht wenger, als ein Leben wert ist,
Habt Ihr die Freiheit auch für lang verscherzt!


Klang (aufatmend).
Nicht wenger . . . (mit heimlichem Entzücken). Und so viel doch . . . o,
genug,
Um einen schönen Traum zu End zu träumen, --
Und mehr drum, als die wissen können, die mir
Das Leben nur als höchstes schenken . . . (mit Entschluss). Seis!
(Kehrt sich mit jäher Wendung zu Werner.)
Du hast mit Ketten, die ich tragen werde,
Das Glück an dich gefesselt heute - und
Das Glück sagt man, macht kleine Herzen weit!
So werde gut an meiner Not, und rede!
Wo ich auch war, du weisst, dass ich nicht dort war!


Werner (gezwungen).
Was soll ich sagen?


Klang.
Mehr nicht, als du weisst!


Werner.
Nun denn, ich weiss, dass du nicht hier gewesen!


Klang.
Ich danke dir! Das ist schon viel - sehr viel
Für einen - Freund! Doch liegt etwas dazwischen:
Ein Wort, von mir gesprochen, eh ich schied
Vor einer Stunde; ja, bedenk ichs recht,



57 Sogar ein halb Geständnis! Wiederhol es,
Und mache deine Grossmut voll!


Werner.
Du sprachst
Sehr viel, wie immer!


Klang.
Ja - zu viel - ich dank dir!
Und will ich ganz gerecht sein, muss ich dir
Selbst zugestehn, dass dieser Rat nicht nachhinkt -
Du warntest immer!


Werner.
Eure Hoheit hört es!


Klang.
Und wird es nie vergessen - sei gewiss!
Doch jene Worte, die ich mein, und denen
Nichts zum Geständnis, als ein Name fehlt -
Du kannst sie nicht vergessen haben! Denk
Zurück, und daran, dass ich sie gesprochen,
Eh jene That geschah! So giebst du mir
Das Leben wieder, wenn auch nicht die Freiheit,
Und bleibst doch klug und weise für dein Teil!


Werner (zögernd).
Das Wort - wenn ich es wüsste . . . warum nicht?
Doch musst du selbst wohl auf die Spur mir helfen -
Denn nur ein Schein von Lüge träf hier doppelt -
Ich glaube, du verstehst mich!


Klang
(mit bitterem Lachen).
O, wie gut!
Ein Augenblick thut hier den Dienst von Jahren!



58 Und weil du selbst so tapfer deine Spur mir
Gewiesen, in solch seltsam kurzer Zeit,
Will ich mit gleichem Glück mich denn versuchen!
Was sagt ich, als du meine Treue, und
Den Glauben, der von dir nicht lassen wollte,
Verhöhntest, -- und von einem Mann mir sprachst,
Der in verwichner Nacht sich meiner Thorheit
Gefreut, so klug und kalt, wie dus nur kannst?


Werner
(scheinbar überlegend).
Ich glaub - du lachtest!


Klang.
Doch warum?


Werner (hartnäckig).
Du lachtest,
So oft ich warnte!


Klang (mit Sarkasmus).
That ich das -- ? Wie gut
Für deine freundlich zauderde Erinnrung!
Fand ich nie einen andren Grund zum Lachen,
Dann spricht mein eigner, öder Brauch dich frei!
Doch wars nicht immer so! Vor einer Stunde
Zum Beispiel, brachtest du ein staunendes
"Warum?" noch auf für dieses selbe Lachen!


Werner (lauernd).
Und deine Antwort?


Klang (verächtlich).
Da sie dir entfiel,
Wie meiner Heiterkeit armselige
Variante, muss ich sie wohl wiederholen!



59 Vielleicht kommt das Gedächtnis dir zurück,
Sag ich ein Wort zu viel . . . doch will ich wahr sein!
So sprach ich etwa, sinn ich nach: "Ich lache,
Weil du umsonst gelacht! Vielleicht verkehrte
Sich deine Schadenlust in Neid, wenn . . . doch
Genug, ich war nicht dort heut Nacht, wo du mich
Vermutet; aber freilich, eine Nacht
Hab ich genossen heute - eine Nacht,
So süss, und feierlich und einzig, dass
Mein ganzes Leben, müsst ich sie bezahlen,
Ein Bettelgeld nur wär!"


Der Fürst (bewegt).
Nun müsst Ihr sie
Bezahlen! (Zu Werner) Sprach er so?


Werner (fest).
Zum erstenmal jetzt!


Klang.
O Niedertracht - hier sandst du ein Gesicht!
Wär jeder Zug mir nicht ins Herz gerissen,
Ich freute mich daran, und lachte hell:
"Ein Stoff - ein Stoff!" Genug . . . (indem er ganz dicht an Werner herantritt).
Ich sehs, nicht Feigheit
Allein ists, die dich also sprechen heisst!
Verderben willst du mich! Mit meiner Jugend,
Die du mir neidest, auf dem Haupt den Lorbeer
Mir welken machen, den du fürchtest . . . Hund!


Der Fürst
(dazwischen tretend).
Ihr sprecht von einem Unrecht, das Ihr noch nicht
Erfahren!


Werner (hämisch).
Sag doch, wo du warst?



60 Senten.
Das ists!


Klang (gross).
Ja, wär ich du, der für ein Fürstenlächeln
Die Glorie der Unsterblichkeit verkauft,
Wie eine feile Dirne ihre Schönheit.
Was läg mir dran, zu handeln, wie Ihr wollt
Und ratet? Eines Namens nur bedarfs ja,
Genannt von meinen Lippen, und wenn auch
Nicht frei, ich wär gerettet doch, und könnt
Die Hand dem Schurken dort zum Bunde reichen!
Es wär ja klug und nicht ganz bös . . . und zu
Den Vielen käm nur einer mehr! Doch reizt michs,
In diesem Fall um einen weniger
Zu machen, und wo alle feilschen, stolz
Zu zeigen, dass ein Unverkäufliches
In mir lebt, das ich über dich und jenen
Hinübertragen kann, und wenn es sein muss,
Auch über mich denn! (zu Süpfle) Büttel, deine Ketten!


Senten.
Ihr wisst nicht, was Ihr thut!


Klang
(mit stolzem Blick über alle hinweg).
Doch glaub ich recht
Zu thun - und dieser Glaub fehlt eurem Wissen!
(zu Süpfle)
Voran denn! Und ich wollte nur, du hättest
Für meine Lippen auch ein Schloss! Wer weiss . . .
Ich sah die Niedertracht der Menschen heute,
Nun graut mir . . . bin ich selbst doch auch ein Mensch!
(Von aussen wird der schrille Signalpfiff einer Wache hörbar.)


Süpfle.
He - Wache! (Ab mit Klang).



61
Siebente Scene.


Der Fürst. Senten. Werner.


Der Fürst
Das war Euer Brutus!


Werner.
Hoheit!


Der Fürst (ernst).
Ich mein, Ihr braucht Euch seiner nicht zu schämen!
Der kam so ganz hervor aus jener Werkstatt,
Drin die Natur zumeist nur Krüppel formt
An Kraft und Willen, dass ich gut ihm sein könnt,
Wollt es der Zufall nicht, dass er mein Feind!


Werner.
Wärs Wahrheit, was er sprach!


Senten.
Ihr zweifelt dran?


Werner.
Ich weiss zu gut, was ihm das Leben wert ist!


Der Fürst.
Doch wirst ers für ein süss Geheimnis hin!


Werner (rasch).
Er hatte keins bis heut vor mir, warum
Nun dieses plötzlich? Wen hätt er zu schonen?
Doch keine von den Schönen, die bis heut ihm
Gefällig waren, und so stadtbekannt sind,
Wie seiner Jugend toller Flattersinn?
Und gar die wackeren Frauen Rottenwyls!



62 Mein Gott - wer diese kennt - begreift sein Schweigen!
Das ist nicht eine, die er nennen dürft,
So weit im Land von Mutter sich zu Tochter
Die Tugend mit der Haube weitererbt,
Und keine höher springt, als in ihr Ehbett!


Der Fürst (in Gedanken).
Ich hoff noch klar zu sehen . . . doch wie dem
Auch sei: ich glaube, Eure Liebe hätt ihn
Gerettet, wenns die Pflicht gestattet!
(Reicht ihm die Hand.)


Werner
(mit verstecktem Hohn.)
So
Gewiss als nur ein "angedachter Cäsar",
In meinem Sinn und meiner Dichtung spukt!
(An der Thür wird ein leises Pochen hörbar.)


Senten (der nachgeschaut).
Der Wagen Eurer Hoheit steht bereit.


Der Fürst.
Nun wohl, so heisst der Abschied endlich thun mich,
Was ich beim ersten Gruss schon gern gethan!
Ihr wart mir lieb Herr Werner, eh dies Schicksal
Als Gast vor Eure Thüre mich geführt!
Der wahlverwandte Geist, der zu mir sprach
Aus Eurem Werk, bot mir zum Mannesgrusse
Die Hand, und diese Stund hat Euch mir näher
Gebracht, als ich geahnt! Ihr steht und fällt
Mit Eurem Glauben von dem Recht des Starken,
Und seiner Sendung. So auch ich! Und da
Die Stunde wieder einmal nahe, die
Zum Kampf uns führen muss um diese Rechte,
Soll, denk ich, Hand in Hand gehn, wer sie schützt!
Nehmt eures Fürsten Gastfreundschaft als Dank



63 Entgegen für das Obdach, das Ihr mir
In dunkler Stund geboten! Nicht mein Höfling,
Der Künstler, den ich acht, der Mensch, der lieb mir
Geworden, sollt Ihr immer um mich sein,
Dem Freunde viel - und Eurer Kunst doch Alles!


Werner.
Ich find kein Wort, mein Fürst, für dies "zu viel",
Und bin ein Dichter doch!


Der Fürst.
So wird das Herz
Nachholen, was der Mund versagt - lebt wohl!


Senten.
Lebt wohl Herr Werner!


Der Fürst.
Und kommt bald!


Werner
(der beiden bis an die Thür das Geleite giebt, mit tiefer Verneigung).
Hoheit!
(Die Scene bleibt eine Weile leer; wie Werner zurückkehrt, tritt - im selben Augenblick - durch die Thür Klangs der Schatten ein.)



Achte Scene.


Werner. Der Schatten.


Werner
(mit abwehrender Geberde).
Was willst du noch?


Der Schatten
(mit der Hand über die Schulter zeigend).
Ich war da drin: er ist
Nun fort - ganz fort . . . Ihr bliebt so stark --



64 Werner (müde).
Ich schien es!


Der Schatten (nickt).
Ich ahnt es wohl . . . drum ging ich da hinein . . .
So saht Ihr nicht den flehnden Freund - nur immer
Den Glücklichen, der Euch gequält, und den Ihr
Gehasst . . . nun ist sein Flügel lahm!


Werner.
Was lachst du?


Der Schatten
(mit leisem Hohn).
Wie laut Ihr hört!


Werner
(mit einem Blick nach der Thüre Klangs).
Ganz fort!


Der Schatten.
Nicht wahr? Man glaubt es
Nicht gleich . . . Doch wirft die That erst ihren Schatten,
Dann -- (mit einer Bewegung nach vorn hin).


Werner (schaudernd).
Nein, berühr mich nicht!
(Pause; dann, auf Klangs Thür deutend, leise)
. . . Du warst dort - drinnen?


Der Schatten.
Solang er vor Euch stand, die ganze Zeit!
Ihr hieltet mich ja fest mit Eurem Willen!
Die Schultern an die Thür gepresst, stand ich,
Und Euer Atem flog zu mir hinüber;
Doch wars kein schwerer Kampf, ich fühlt es wohl,
Die wache Angst nur, dass er keine Schwelle



65 Mehr überschreite, die ins Leben führt!
Und über diese hier ging seine Jugend,
Sein Ruhm, und alles, was Euch wehgethan!
Nun ists vorbei! . . .


Werner.
Und drinnen?


Der Schatten.
O, Ihr saht es
Genau, nicht wahr? Drin lag auf Tisch und Schränken
Das Mondlicht, und auf seinem Pulte, flimmernd,
Das halbbeschriebne Blatt, darüber gestern
Sein blondes Haupt sich noch gebeugt. Das bleibt
Nun leer -


Werner
(mit einem Schritt nach der Thüre Klangs).
Weisst du, er hatte eine Art,
Sein Haupt nach mir zu kehren, wenn ich eintrat,
Mich anzulächeln . . . (aufstampfend) Warum seh ich das?


Der Schatten
(die Arme verschränkend, ruhig).
Die Schauer des Gewesenen - man lernt sie
Ertragen . . .


Werner (aufatmend).
Ja - ich wills! Wir gehn ja über
So viele schon hinweg, noch eh sie tot,
Und werden stark daran -- (macht einige Schritte gegen die Thüre Klangs)
Nein, nein -


Der Schatten.
Ihr wolltet
Hinein!



66 Werner (heftig).
Schliess zu, sag ich, -- das war sein Schritt -
Der hastige von sonst . . .


Der Schatten
(weit die Thür öffnend).
Seht selbst: der Pendel
Der Uhr nur! (tritt ins Zimmer.)


Werner
(auf die Schwelle tretend).
Ja - ganz leer!


Der Schatten.
Gebt mir die Hand -
Es ist so schwer nicht, als Ihr dachtet . . .


Werner
(indem er ihm die Hand reicht).
Menschen
Mit thörichten Bedenken sind wie Schwellen -
Sie knarren nur von fremden Tritten . . .


Der Schatten
(zieht ihn rasch hinein).
Kommt!


(Vorhang)


Zweiter Akt

Scene. Hohes, im Empirestil gehaltenes Gemach. In der Mitte der rechten und linken Seitenwand Flügelthüren. Links vorne Kamin mit hohem Spiegel darüber. Im Hintergrunde zwei hohe Fensterthüren, mit dem Austritt auf kleine, blumengeschmückte Balkone. An dem Pilaster zwischen den Fenstern ein, bis zur Decke reichender, rotseidener Baldachin, der sich nischenartig vertieft. Darunter eine, fast lebensgrosse, marmorne Venusstatue. Zu Füssen der Statue Palmen und Blattpflanzen. In der Mitte des Raumes kleiner Mosaiktisch auf Goldfüssen. Rechts und links davon zwei hochlehnige Stühle aus rotem Damast. An der rechten Wand vorn, in schwerem Goldrahmen, das Portrait eines Grossen aus der Zeit vor 1789. -- Chevalier Dupin, rosiger Greis, Mitte der Sechzig. Trägt in der rechten Hand ein zierliches Spazierstäbchen mit goldenem Knopf, in der Linken eine Tabatiére, aus der er, fast auf den Zehen herumtrippelnd, von Zeit zu Zeit eine Prise nimmt. Werner tritt, ein Manuskript in der Hand, aus der Thüre links.


Dupin
(indem er mit dem Goldknopf seines Stäbchens den Arm Werners betupft).
So früh heut schon die Kunst zu seiner Hoheit
Befohlen?


Werner
(mit lächelnder Betonung).
Schon zurück von dort, Chevalier!


Dupin
(etwas missgünstig).
Äh . . . das! (besinnt sich und nimmt eine Prise.)
Will sagen, diese Dichter haben
Ein traurig Amt zu Lande hier: kurieren
Die Mägen, die die Politik verdarb!
Das war nicht so bei mir zuhaus, in Frankreich -
Vor - äh - hm . . . (niest) fünfzig Jahren!



68 Werner (lächelnd).
Beaumarchais!?
Dupin (schneuzt sich).
Fi donc . . . Wenn Tierärzte kurieren - freilich,
Dann hat er seine Sache gut gemacht!
Der Aderlass war gross . . . Doch - à  quoi bon ?
Will sagen: Über Kunst und Politik,
Vergessen seine Hoheit auch zu leben!


Werner.
So lebt er immerhin, wies ihm gefällt!


Dupin (abfällig).
Äh . . . das war hier von vierzig Jahren schöner!


Werner.
Solang -


Dupin.
Und früher erst äh! (küsst den Knopf seines Spazierstöckchens, und tippt dann auf die Brust Werners damit
. . . Aber
Man kriegt den Koller hier - zu - lande, ja!


Werner.
Wie?


Dupin.
Nun, wie heisst, wenn Pferde machen so -
(lässt den Kopf hängen) und so -- (rollt mit den Augen)
und sehn den Hafer an, statt fressen?
Das kommt zuweilen an die Menschen auch!
Vor fünfzig Jahren war das so in Frankreich -
Hier - (niest) immer!


Werner.
Ihr habt jene Zeit erlebt?



69 Dupin (blinzt).
Und überlebt, Monsieur, das war noch klüger!
Ich trug den Hofdamen damals die Schleppe,
In - äh - Versailles und Trianon - war Page,
Und blond - o, süss! Da fiels dem Pöbel ein:
A dire la verité à  tout le monde! (überlegen)
Die Wahrheit - Allen! War das nicht der Koller?
Ich bitte, Monsieur Werner, wer lässt sich
Von Leuten, die in schmutzger Leinwand stecken,
Die Wahrheit sagen - (mit der Hand an seinem Jabot spielend)
Spürt er da - Battist?
Enfin - wir alle hatten unsre Gründe -
So sagt man hierzulande doch für Recht?
Nicht lange diese Wahrheit anzuhören!
So kam ich noch auf fil dà‰cosse davon!


Werner.
Den Andern ging es schlimmer!


Dupin (schüttelt sich).
Äh - die fuhren
Mit ihren Köpfen in den Strumpf Samsons!
Das war der Wahrheitskoller!


Werner.
Hier wärs also
Doch besser dann, Chevalier? . . .


Dupin.
Äh? Nein! Will sagen:
Die Krankheit führt hier einen anderen Namen -
Ich glaube: Gründlichkeit! Mon Dieu! die lässt man
Bei mir zu Haus dem lieben Gott und seinen
Friedhöfen! Beide machens besser . . . aber
Es war hier schön einmal - o! Und man wusste



70 Zu leben, ja! Die schönen Marmorfraun
Da Unten, waren damals noch lebendig -
Ja - und ich habe sie gekannt!
(ist an das linke Fenster getreten, und nickt, eine Prise nehmend, in den Garten hinab.)


Werner
(tritt an seine Seite).
Wie das?


Dupin (überlegen).
Enfant! Nun heissen sie Diana, Venus
Und Juno! Bon! Der Pastor ist gestorben,
Der sie getauft; er war aus Rottenwyl -
Ein guter Mann . . . kein Haar in seiner Predigt,
Und immer eine ganze Suppe doch!
Äh . . . und sie trippelten auf seidnen Stöckeln
Umher hier, wie Mesdames in Trianon -
So peu à  peu -


Werner.
Und?


Dupin (blinzelnd).
Ja - nun stehn sie Oben!
(weist mit seinem Stäbchen nach dem Portrait.)
Die selge Hoheit dort, des Fürsten Vater,
Die wussten noch, dass auch das Leben schön!
Er - nicht! (bleibt vorwärtsschreitend, plötzlich vor der Venusstatue unter dem Baldachin stehen; indem er sie betipt).
. . . Das - war die letzte!


Werner (entzückt).
Diese! Hat je
Ein Weib gelebt, so schön wie sie?


Dupin.
Oui, hier!
Will heissen erst in Rottenwyl, und dann
Dort oben auf der Hohenburg!



71 Werner.
Gefangen?


Dupin.
Von dem Gefangnen, oui! Ihr Mann war schuld -
Ein Krämer - eifersüchtig - ohne Achtung
Für seines Fürsten Gunst. -


Werner.
Und sie?


Dupin.
Klug, wie
Die Schönen, die nach Jupiter begehrten -
Sie wog falsch, und erwog damit ihr Glück!


Werner.
Wie das?


Dupin.
Enfant! Es giebt hier doch Gesetze!
Der Richter litt es nicht, und also kam sie
Gefangen auf die Hohenburg!


Werner.
Und dann?


Dupin.
(nach einer Pause lächelnd).
Es war ein schöner Waffensaal da oben,
Und seine Hoheit liebten Waffen - also
Kam seine Hoheit oft hinauf. Was schön
Und teuer war im Schloss und Garten, trug man
Dorthin . . . äh - hm . . . (Pause). Nun rostet jener Schlüffel,
Und Lumpe machen die Musik . . . (Werner, der durch das Fenster träumend hinausgestarrt, stösst einen leisen Schrei aus) Was ist --?



72 Werner (verwirrt).
Nun eben ging dort Eure Venus!


Dupin
(auf den Marmor klopfend).
Diese? !


Werner.
Mir hätte denn geträumt!


Dupin.
Das wird so sein.
Will sagen: junger Mann, Ihr habt das Leben
Vergessen, und jetzt narrt sein Schatten Euch -
Ein schlimmer Koller, häufig hier - zu - lande -
Sie nennens Sehnsucht! Ja, soll heissen Dinge,
Die man zur Thür hinauswarf, durch das Fenster
Erwarten, wie? Zu spät! Ein schlimmes Wort,
Und hier erfunden!


Ein Lakai (öffnet die Thüre links).
Chevalier Dupin!


Dupin.
Äh - seine Hoheit weiss noch, dass ich lebe! (reicht Werner die Hand),
A revoir! (im Abgehen zum Lakai) Wo find ich seine Hoheit? !



Zweite Scene.


Werner (noch am Fenster).
Er hat nicht Unrecht, der galante Schwätzer
Von einst! Ich hab an Blut und Herz und Sinnen
Zu lang gehungert - und sie stehen auf
Nun wider mich, und machen meine Träume
So schwül - so brennend meine Stirn . . . denn
In meiner Sehnsucht waren sie doch immer
Lebendig: diese kühlen, weiten Gärten



73 Der Glücklichen und Grossen, die tagaus,
Tagein im Festgewand der Freude gehen,
Mit schönen Frauen, deren Fleisch lebendig
Errötet unterm Schmeicheldruck der Finger,
Und deren Anmut nicht zum göttlichen
Gespenst der Schönheit wird in blassem Marmor,
Das reizt und lockt und schreckt . . . Ah -


Martha ist durch die Thür rechts eingetreten. Sie ist ungefähr zwanzig Jahre alt, hoch, schlank, blond. Dunkles, grossgeblumtes Kleid im Geschmacke jener Zeit. Eine weisse Battist-Echarpe umrahmt den, ziemlich tiefen Halsausschnitt, und fällt, über der Brust sich kreuzend, rückwärts auf das Kleid herab. Die Haare sind in dichten Locken an den Schläfen hochgestreckt. Ein zartes, unter dem Kinn festgeknüpftes Spitzentuch, verhüllt das Haupt. Werner, der die, wie suchend Umherspähende zuerst erblickt, tritt mit einem leisen Aufschrei des Staunens zurück.


Martha.
Ob ich recht ging? (Sie erblickt Werner).
Doch scheint es so. -


Werner
(dessen Blicke zwischen Martha und jener Statue hin- und hergehen).
Da wird der Marmor Fleisch!


Martha
(mit einem Schritt ihm entgegen).
Seh ich Herrn Werner?


Werner
(noch immer starr).
Und mein Traum lebendig!


Martha (zurücktretend).
Verzeiht - ich ging wohl - irr -- ?


Werner
(der wie ein Erwachender auf sie zutritt).
Nicht, wenn Ihr den
Gesucht, den Ihr genannt!



74 Martha.
Wenn Ihrs denn seid -
Ja! O, mein Gott, und wie ich Euch gesucht -
Treppauf, treppab! Die Wangen brannten mir,
Und wie ich da jetzt steh, kann ichs kaum glauben,
Dass ich so dreist war -


Werner (lächelnd).
Mich zu suchen?


Martha (schlicht).
Nein,
Hier einzudringen - ich, die Bürgerstochter!


Werner.
Es gehn auch Andre aus und ein!


Martha!
Doch sahn mich
Die Diener so verwundert an, fast scheu, --
Und keiner wollte recht mir Antwort geben!
Ich bin wohl auch halb fremd in Rottenwyl,
Und weiss vielleicht nicht recht was Brauch und Sitte
An solchem Ort -


Werner.
So seid Ihr nicht von hier?


Martha.
Ja, doch! Nur weilt ich viele Jahre fern
Von hier, bei einer Base meiner Mutter,
Die mich von kleinauf schon in Pflege nahm.
Nun freilich, ist sie tot! Da rief der Vater
Mich heim. Doch ist mir hier auch Alles lieb schon,
So macht mich Vieles wieder zag und wirr!



75 Werner
(mit einem Blick nach der Statue).
Hm --.


Martha.
Wie meint Ihr?


Werner (nimmt ihre Hand).
Ihr seid ein liebes Kind
Und habt die eigne Scheu auch in den Mienen
Der Anderen gelesen!


Martha.
Ja, mir war
So bang -- . . .


Werner
(führt sie an der Hand zu einem der hochlehnigen Damaststühle, auf den er sie mit sanfter Gewalt niederdrückt).
Doch nun? (setzt sich ihr gegenüber.)


Martha
(wie mit einem Entschluss ringend).
Mein Gott, ich bin Euch fremd noch!


Werner (bedeutungsvoll).
Vielleicht so ganz nicht mehr . . . doch hört ich freilich
Den Namen gern; die holde Zauberformel,
Die so viel süssen Reiz zu taufen wagt!
Nun -- ? (neigt sich, wie lauschend ihr entgegen.)


Martha (leise).
Martha Holm! (mit einem scheuen Blick über sein Antlitz.)
Vielleicht - erkennt Ihr ihn!


Werner (unbefangen).
Den Namen? Nein!


76 Martha (befremdet).
Ward er Euch nie genannt?


Werner.
Von Euch zuerst! Doch wär er längst vertraut mir,
Und lieb - er könnt nicht besser für Euch werben,
Und Euren Dienst, als so viel junge Reize
Es thun . . . was sag ich? Nein, als Euer Anblick
Es that, noch eh ein Wort von Euch zu mir ging,
Und nichts ich sah, als durch dies Fenster hier
Den Tag, um Euer blondes Haupt aufleuchten,
Und Euren Schattenriss, dem fühllosen
Gemäuer Eures Gangs lebendge Schönheit
Vertrauend!


Martha (halb für sich).
Seltsam!


Werner.
Wie?


Martha.
Dass er Euch schwieg
Von mir! Doch weiss ich wohl, es war nur Güte,
Die wache Angst, dem Freund nich weh zu thun
Durch zu viel eignes Glück!


Werner (stutzt).
Wen - meint Ihr?


Martha.
Wen?
Ja - doch . . . verzeiht! s ist wohl nur meine Liebe,
Der seine Art so einzig scheint, dass sie
Damit ihn auch zu nennen glaubt . . . den Namen,
Den ich zur Nacht in meine Kissen schrei,



77 Ans meinen Händen ringen möcht beim Beten,
Und - ja, ich weiss es - auch in Eurem Herzen
Umsonst nicht suchen werde - Walther!


Werner
(ist, seinen Stuhl zurückstossend, aufgesprungen).
Ah -- !


Martha.
Mein Gott - wie Eure Mienen sich verstören -
Wie fremd Ihr seht - so ist es - Wahrheit?


Werner (rauh).
Was?


Martha.
Dass er dem Tod verfallen ist, unrettbar!
Dass ich, ob ich die Händ auch nach ihm streck
Mein Leben lang, ihn nicht mehr halten werde -
Dem - Tod . . . Herr Werner - a-ach . . . Herr Werner!
(Sie ist, von ihrem Stuhl herabgleitend, händeringend vor ihm in die Knie gesunken.)


Werner
(indem er sie emporhebt).
Kind -
Wie Ihr mich schreckt . . . nein, nein, nicht so! Kommt, lasst
Dies schöne Haupt an meine Brust mich betten,
Die Thränen von der Wang Euch küssen - so!
Und -


Martha.
Ja, nun schweigt Ihr! Denn für diese Wahrheit,
Ihr wisst es wohl, giebts weiter keinen Trost!


Werner
(mit verhaltener Leidenschaft).
Doch . . . einen! Dass er wie ein Auserwählter
Hinweggeht; wie der Selgen einer, ganz



78 Vom süssen Balsamhauche einer Liebe
Umweht, die einer Welt Besitz aufwiegt,
So reich im Tode noch, dass ihn das Leben
Bis unters Grab - beneiden muss! (lässt sie fahren.)


Martha.
Mein Gott . . .


Werner (sich besinnend).
Das will auch sagen, dass Ihr ihn zu heiss
Geliebt - zu sorglos hingegeben! Kam es
Euch nie zu Sinn, an welchem Abgrund er
Mit Euch traumwandelte? Und dass Verrat und
Ein Fürstenleben keine Dinge sind,
Um straflos gross zu thun damit vor einer -
Geliebten?


Martha
(unter Thränen aufblickend).
Ihr seid hart, Herr Werner! Aber
Ich weiss ja, dass Ihrs ihm zulieb bloss seid -
Und ihm zu lieb - mein Gott! -- was trüg ich nicht?
Doch giebt kein Stachel Euch in meinem Herzen
Das Recht zu diesem Vorwurf!


Werner.
Hm . . . er hätt Euch
Davon geschwiegen?


Martha.
Ja . . . er konnte schweigen!


Werner
(mit einem bösen Lächeln).
Nun - seine klügste Tugend war es nicht!


Martha (in sich verloren).
Warum er schwieg? Wer weiss! Weil ers gelobt,
Vielleicht . . . vielleicht - und wer ihn kannte, möcht es



79 Beschwören - um dem Herzen, das ihm lieb war,
Nicht schwer zu sein . . . vielleicht auch, um den Frühling
Zu schonen, der in unsrer Liebe war,
Wie er so süss gesagt - mit allen Knospen!
Die liegen jetzt am Boden um mich her -
Mein Gott - und andre werden drübergehen!
(Werner, der sie starr beobachtet hat, macht eine unwillkürliche Bewegung. Sie blickt, in sich zusammenschauernd auf.)
Ihr sagtet?


Werner.
Nichts! Ich müh mich, einen Sinn
Zu bringen in dies Schweigen, das nicht immer
So tief war, wie es schien . . . So schwieg er mir
Von Euch! Warum? Da er doch alle - Schönen
Mir nannte, die ihm - günstig waren hier!


Martha (unwillkürlich).
Oh --!


Werner
(der sie nicht aus den Augen lässt, brutal).
Wies nun eben ist! Ich mein: kam Euch
Kein Argwohn, wenn er sich mit vager Ausflucht
Aus Euren Armen riss des Nachts --?


Martha
(die sich erregt erhoben hat).
Des Nachts -
Aus meinem - meinem Arm? So wollt Ihr mit
Der Lieb die Schand auch auf die Stirn mir brennen?
Das - war nicht gut von Euch, Herr Werner!


Werner (aufatmend).
Wisst Ihr,
Ob meine Seel bei dieser Frage war?
Und ob nicht fremden Sinn zu fremdem Wort ich



80 Geborgt? Wie Ihr mich rührt! Wie Eure Unschuld
Nicht bloss das eigne Paradies vertheidigt,
Mit diesem dunklen rot auf Eurer Stirn!
Ah - wenn Ihr wüsstet, wen Ihr Lügen straft,
Und wessen That Ihr adelt! Lachen könnt ich
Vor Seligkeit - denn nun ward Unrecht Recht -
Und - o - Ihr wisst ja nicht . . . (er hält plötzlich ein; die Hände Marthas sind langsam herabgesunken. In ihre, weit geöffneten, und starr an dem Antlitz Werners hängenden Augen, tritt langsam ein fremder, gleichsam suchender Blick.)


Martha.
Nichts, was so froh
Euch machen könnte! Denn dass ich nicht eine
Von jenen -


Werner
(mit abwehrender Bewegung verwirrt).
Oh . . . ! Ihr wusstet - davon?


Martha.
Alles!


Werner
Und habt vergeben?


Martha.
(mit keuscher Innigkeit).
Mit dem ersten Kuss!
Nur dass ich seine Liebesbeichte heut
Dahingäb für ein einzig Wort, das mir
Den Abgrund hätt gezeigt zu seinen Füssen!
Nun ists zu spät -- ! (sie zieht, wie fröstelnd ihr Tuch an sich.)


Werner (lauernd).
Ihr meint, er wär so schwach,
Dass ihn ein Ruf von Euch zurückgelockt hätt -
(mit ungläubigem Lächeln)
Den Mann -- ? ?



81 Martha (fest).
Das grosse Kind in diesem Mann!
(Pause; dann mit leidenschaftlicher Überzeugung:)
Doch weiss ich wohl, er kann der blutgen That
Nicht schuldig sein; was sag ich da? Mein Gott -
(indem sie die Hand ausstreckt)
So nah nicht kann er ihr gestanden haben!
(mit gross aufgeschlagenem, suchendem Blick.)
Da ist etwas, das ich nicht greifen kann,
Und in der Luft doch fühl, wie meinen Atem
Und Euren . . . (sie erhebt sich). Gleichviel: heut noch weiss ich es!


Werner (betreten).
Wie das?


Martha.
Ich werd ihn sehen!


Werner.
Walther?


Martha (nickt).
Heut noch!


Werner.
Unmöglich!


Martha
(mit hervorquellender Bitterkeit).
Weil es Euch zu ihm nicht drängt?
Weil Ihr, die Händ im Schoss, hier träumen könnt,
Und einer Pracht Euch freuen, die bald rot
Sich färben wird von seinem Blut, indes
Er selbst, im gleichen Fall vielleicht für Euch
Gethan schon hätt, was heute seine Schuld heisst?


Werner (überlegen).
Was seine Schuld ist, wie ich weiss seit - heute! -
Doch frag ich drum noch nicht: "seid Ihr zu End?"



82 So süss und himmlisch kleidet Euch die Liebe!
Nur sollt Ihr so von mir nicht gehn . . . nicht in
Dem Glauben, dass ich ihn so ganz vergessen
In meinem Glück, noch dass versäumte Pflicht
Mich etwa zwingt, sein Angesicht zu meiden -
Ich - werde bei Euch sein in jener Stund!


Martha.
Ihr wolltet -- ?


Werner.
Ja - doch! Wann sollt Ihr ihn sehn?


Martha.
Noch eh die Sonne geht! Der Kerkermeister,
Mein Pate, lässt mich in den Waffensaal
Der Hohenburg! Hier ist der Schlüssel, der ihn
Von aussen sperrt. Von niemandem gesehn,
Soll ich der Stunde harren dort, wo die
Gefangenen zu kurzer Freiheit, in
Den öden Gängen sich ergehen! Einer
Von diesen endet vor dem Waffensaal -
Der trostlos-dunkelste, von den Gefangnen
Gemieden, nur von Walther Tag für Tag
Besucht, wie mir der Pate sagt! Dort soll
Ich stehn - an jener Thür des Saals, die sich
Nach innen öffnet - und dann leise, leis
Ins Dunkle seinen Namen hauchend über
Die Schwell ihn ziehn . . . (die Hände faltend, unwillkürlich)
O lieber Herr, wie ist mir,
Denk ich daran, das Herz zum Springen voll!


Werner
(mit einem leidenschaftlichen Blick).
Ich werd bei Euch sein!



83 Martha (reicht ihm die Hand).
Kommt, sechs ist die Stunde -
Doch will ich früher dort schon sein!


Werner.
Gut - früher!


Martha.
Lebt wohl!


Werner.
Nur diesen Kuss - auf Eure Hand!
(Martha durch die Thür rechts ab.)



Dritte Scene.
Werner. Später der Schatten.


Werner.
Er war - zu reich! Nun kehrt sein Glück verrätrisch
Sich gegen ihn, und Lippen, die noch warm sind
Von seinen Küssen, sprechen ahnungslos
Sein Urteil! (triumphierend.) Also schuldig - dennoch! Ob er
Den Himmel seiner Lieb auch vor uns allen
Gemein gemacht für einen Augenblick,
Und seine Schuld, so plump als feige, hinter
Das Dunkel einer scheuen Liebesnacht
Geflüchtet! (mit einem Blick durchs Fenster) Nein . . . sie war es nicht
-- sie nicht --
Die dort wie Licht in Licht hinwandelt, trauernd
Um einen Mann, der ihren Leib verraten,
Noch eh er ihn besass! Schon fort? (mit raschem Schritt vor die Statue tretend.) Nicht doch!
Da blüht mir ja im Marmorleib der Mutter
Entschleiert auf, was er nie sehen soll,
Wie ers noch nie gesehen, und worum



84 Allein ich ihn verderben könnt, spräch Himmel
Und Höll auch jeder Schuld ihn ledig!
(Die Sammetdraperie hinter der Statue bewegt sich leise und wird dann plötzlich zurückgeschlagen. Hervor tritt der Schatten.)
Du!!


Der Schatten (langsam).
Ein - schönes Weib!


Werner.
Das Weib, das ich im Traum sah
Mein Leben lang, und - Poesie genannt!


Der Schatten.
Um jetzt, zu spät, zu sehen, dass es Fleisch hat
Wie Ihr, und blonde Locken, süss vom Duft
Der Küsse eines Andern!


Werner (aufstampfend).
Schweig! Ich will es
Nicht hören!


Der Schatten.
O - Ihr werdets heut noch sehn!


Werner
(nach einer Pause, düster).
Um einen Preis nur: den, dass ihm der Wurm
Im Grab mit dem Gehirne auch die letzte
Erinnrung daran aus dem Schädel nagt!
Er - muss hinunter . . . . o, es soll ein Grab sein,
Darüber hin mein Glück hell lachend tanzt,
Und ohne Schuld - du hörtest es! Haha!


Der Schatten (lächelnd).
Das - könnte Euch noch quälen?



85 Werner.
Seit ich sie
Gesehn, und wenn ich fürchten müsste, er
Vergifte mir ihr Herz, bevor die Erde
Den Mund ihm füllt!


Der Schatten.
Doch wird ers thun!


Werner.
Wenn ich
Vor ihm steh, mit dem Blick, dem seine Maske
Jetzt Glas ist? Mit dem schrillen Ton im Ohr,
Der halb aus seiner unverschämten Lüge
Sich formt und halb aus dem empörten Schrei
Entweihter Unschuld? Mit dem Hohn im Blick,
Der, ob ich auch die Hand versöhnt ihm reiche,
Bis in sein Grab hinablacht: "Komödiant" ! ?


Der Schatten.
Drum eben!


Werner.
O - du meinst -


Der Schatten
Ich mein, Ihr könntet
Ihn morden um dies Weib; warum sollt er
In ihrer Seele nicht den Glauben morden
An Euch, bevor er - geht?


Werner (brütend).
Er lässt zu viel
Zurück, das ist es - ja . . .!


Der Schatten.
Das ganze Leben!
(mit der Hand leise an der Statue herabstreichend.)
Ein Schatz, den man nicht Allen gönnt, wenn er
In solchen Formen sich verkörpert!



86 Werner (mit Leidenschaft).
Keinem! (wie für sich:)
Was quält er mich auch so, und schickt, bevor
Er geht, sein ganzes Glück noch wie zum Hohn mir
Ins Haus? In diesem blühendschönen Weib,
In dieser Jugend, die sich ihm ergeben,
So fraglos, wie ein Lenz mit allen Knospen
Dem Schicksal einer Sturmnacht sich ergiebt?
Sein Ruhm wär tot mit ihm . . . in seinem Blut hätt
Das Fieber meines Hasses sich gekühlt . . .
So bleibt sein Glück an seinem Grabe stehen,
Mit diesem Weib, das ihn nur hört und fühlt -
Und das ich doch begehr mit allen Sinnen,
Genossen mit dem ersten Blick -- -- (Pause; dann leiser) nein, nein,
Er ist nicht tot, solang ich seinen Namen
Von ihren Lippen nicht geküsst - sein Bild
Aus ihrer Seele nicht gebrannt, mit meinem -
(erwachend)
Die Sonne sinkt -


Der Schatten
(seine Hand ergreifend, dämonisch).
Die Schatten wachsen . . . Kommt!



Verwandlung.
Hoher, gotischer Saal. Durch die dunkelfarbigen Scheiben der drei, die Hinterwand einnehmenden Fenster, fällt der letzte Tagesschein, und geht allmählich in eine weiche Dämmerung über. Zwischen den Fenstern, auf niederen Podien, zwei geharnischte Ritter, mit geschlossenem Visier. Darüber, in den Ecken und an den Wänden verteilt, Trophäen aus mittlealterlichen und morgenländischen Waffen. Gegen den Hintergrund links, ein orientalisches Teppichzelt. Die zurückgeschlagene Draperie lässt ein weiches, seidenes Prunklager sichtbar werden. Gleich vorne links, eine hohe, gotische Thür. Dieser gegenüber rechts, ein schmales, massives Eingangspförtchen. In der Mitte vorne, niederes, mit Tierfellen belegtes Barbarenlager. Davor ein orientalisches Tischchen. Auf der Platte ein venetianisches Stilet. Martha, in einen weiten, dunklen Mantel gehüllt, kommt, wie eben eingetreten, vom Eingangspförtchen rechts her. Unmittelbar hinter ihr Werner.



87 Martha
(im Begriff den Mantel abzulegen, mit jäher Wendung).
Wer ists?


Werner.
Nur der Erwartete!


Martha.
Mein Gott -
Wie ich erschrak!


Werner.
Vor mir?


Martha.
Vor irgend Etwas,
Das plötzlich da an mir vorüberstrich,
Lang, schwarz -- --


Werner.
Da liegt es noch, seht: nur ein Schatten!


Martha.
Ja . . . und doch fuhr mirs eiskalt ins Genick,
Wie eine tote Hand . . . noch schauert mich!


Werner.
Der Windstoss, der nach mir hereinstrich -


Martha.
Seltsam!
Ich sah Euch nicht und - Ihr gingt hinter mir?


Werner.
Ja . . . rasch und lang. Ihr gingt wohl in Gedanken?


Martha (nickt).
Und alle waren hier, noch eh ich kam -
Das ists! Noch eine ganze, lange Stunde,



88 Bis dahin . . . wie mein Herz klopft! Und ich glaubte,
Die Zeit lief rascher, wär ich nur erst hier!
(legt den Mantel auf das Ruhebett und einen Strauss weisser Blumen auf das Tischchen davor.)


Werner.
Ihr habt da Blumen ? !


Martha.
Ja, für ihn - Narzissen,
Wie sie in meinem Kammerfenster blühn!
Die ersten sah er noch - das sind die letzten -
Dazwischen liegt so viel . . .


Werner.
In Eurer - Kammer!
So doppelt reich an Duft und süssem Reiz . . .
(mit Widerwillen)
Ich seh ihn schon das Antlitz drin vergraben!


Martha (betreten).
Er that so - ja . . . woher wisst - Ihrs?


Werner (mit Widerwillen).
Mein Gott,
Wenn man so Thür an Thür hauft, Jahr um Jahr,
Wird jeder Augenblick Erinnrung! Aber
Ich könnt nicht sagen, dass mir diese Art
Gefiel: in einem Atemzug das Schöne
Geniessend zu entblättern . . . . Und er that so -
Mit Blumen und mit Menschen! Und was er
Nicht im Genuss entblättern konnte, machte
Sein Denken welken . . . herzlos wie sein Kuss!
(hat, in den Blumen spielend, einige zerpflückt).


Martha
(reisst den Strauss an sich; unwillig).
Nun thut Ihrs selbst . . . und nicht durch einen Kuss -
Mit grober Hand bloss!



89 Werner
(lässt die Blüten zur Erde fallen).
Blühn sie doch für ihn!


Martha (schnellt empor).
Ihr seid nicht mehr sein Freund, Herr Werner!


Werner.
Sagt ichs?


Martha.
Ihr liesst michs glauben - wäret Ihr sonst hier?
Nein, tretet mir nicht näher - lasst das Dunkel,
Das zwischen uns ist! Ich kann Euch verstehn,
Weil ich ein Weib - doch wollt Ihr gut sein - geht jetzt!


Werner (vor ihr).
Ich wär kein Mann mehr, thät ichs! O, meint Ihr
Bloss drum, weil Eure Näh mich sinnlos macht?
Weil ich in Eures Kleides keuschen Falten
Mein Antlitz kühlen möcht? Weil mir in Euch
Verträumte Jahr aufstehn, und Liebe reden?
Weil dieses Zimmers Luft selbst, noch vom Hauch
Geheimer Küsse Schwanger, mir von Euch
Erzählt, bevor Ihr - wart? Nein, Euch zu lieb,
Um zu verhüten, das zur That nicht werde,
Was in Gedanken er an Euch verbrach -
Das Niederträchtige - so feig als schlecht!


Martha
(die wie schwindelnd um sich tastet).
Was soll ich glauben?


Werner.
Dass er Euch verachtet!
Dass Ihr nicht mehr ihm seid, als all die andern,
Die er vergessen!



90 Martha.
Und das wüsstet - Ihr,
Dem er nicht einmal meinen Namen nannte?


Werner (schneidend).
Den Namen? Nein . . . wozu auch? Hat er Euch
Mit einer Zweiten nicht zugleich betrogen,
Dann wart Ihr von den Vielen zufällig
Die Letzte; und von dieser Letzten sprach er
Wie von den Vielen . . .


Martha
(die Hand an die Stirne pressend, wobei sie wie von Zwiebeln und Erwägungen hin- und hergeworfen, langsam das Haupt schüttelt).
Wärt Ihr noch sein Freund,
Dann mühtet Ihr Euch, all dies zu verbergen,
Denn Liebe, sagt man, gräbt die Wahrheit ein!
Nun wühlt sie Euer Hass so übereifrig
Hervor, dass ich daran nicht glauben kann,
Selbst um den Preis der Wahrheit . . . spart Euch also
Die Müh, und geht --. Un lasst mich hier allein!


Werner.
Ein Lügner ginge jetzt. Drum muss ich - bleiben!


Martha
(zwischen den Zähnen).
Doch quält mich Eure Näh . . .


Werner.
Meint Ihr, sie könnts,
Wenn nicht in Eures Herzens letzter Flte
Ein Zweiter säss, der mich nicht Lügen straft ? !


Martha
(die mit grossen, irren Augen und einer heftig abwehrenden Geberde plötzlich emporspringt).
Lasst mich . . . was könntet Ihr --?



91 Werner.
Kroch nie ein Schatten
Im hellsten Licht Euch plötzlich überm Weg?
So einer, wisst, der Ding und Menschen jählings
Verdunkelt, und im Leib die Seele selbst?
Man thut wohl erst, als hätt man nichts gemerkt,
und lächelt fort . . . doch ists ein schrecklich Lächeln,
Fast so wie - Eures!


Martha
(beide Hände an die Ohren pressend).
Nein! Nein! Nein!


Werner
(achselzuckend, und mit einer Bewegung, als wolle er sich entfernen).
Dann, freilich -


Martha
(lässt langsam beide Arme herabfallen. Dann, mit einer plötzlichen Bewegung auf ihn zu, gequält und schrill).
Herr Werner!


Werner.
Nun?


Martha (tonlos).
So will ich - hören!


Werner.
Dass Ihr
Den Lügner mir ins Antlitz wiederholt?
Denn nicht ein Wort von dem, was ich da sprach
Nehm ich zurück. Nun freilich, will ich warten,
Bis er vor uns steht!


Martha.
Ach, so helf mir Gott!
Und ich bin da, mit diesen Blumen, die er
Schon welken sah . . . freilich, was sind sie ihm?



92 Von vielen - welche! Wie sie mir jetzt wehthun -
Mein Gott, und damals! Habt Erbarmen! Sagt
Mir - Alles! s ist vielleicht doch die Erlösung,
Wenn auch nicht mehr die -


Werner (ruhig).
Alles . . . wie Ihr wollt,
Und wo Ihr wollt!


Martha.
Wie sicher Ihr da sagt,
Was mir das Leben nimmt, und meine Seele
Erstarren lässt - was ich nicht glauben kann!
Und doch - (mit plötzlichem Entschluss) Ja lasst uns gehn . . .
(mit weit geöffneten Augen um sich blickend).
Was thu ich auch
Noch hier? Und dann . . . ich muss Euch etwas sagen,
Herr Werner . . . ich . . . (leiser) mir graut vor diesem Saal,
Den ich noch nie betrat, und drin doch plötzlich
So nah mir Alles scheint, als hätt ich es
Vor langer, langer Zeit einmal gesehen!
Die Ritter dort - die langen Schatten hier -- (schaudernd)
Die Klinge selbst da, die in meiner Hand
Das Blut gefrieren macht, als hätt ich einmal
Schon diesen kalten Stahl umklammert -- --


Werner.
Kommt!


Martha (verstört).
Ja!


Werner
(der sich um sie bemüht).
Hier der Mantel . . . so! Und da der Schleier,
Um dieses blonde, weiche, süsse Haar!


Martha.
Lasst -- !



93 Werner.
Fertig?


Martha (tonlos)
Ja!
(bleibt auf dem halben Wege zur Thür plötzlich stehen).


Werner.
Was wollt Ihr noch?


Martha.
Die Blumen -
(hat sich ihrem früheren Platz mit schwanken Schritten genähert.)
Und -- (plötzlich in die Knie brechend)
Ach, ich kann ja nicht . . . ich kann ja nicht!
Nein, lasst mich da! Und mögt Ihr mich verachten -
Es ist ja doch das letztemal!


Werner.
Ich hoff es
Für Euch!


Martha.
Was will ich noch? Ja . . . o, nicht viel!
(mit Innigkeit)
Nur gütig sein mit ihm in dieser Stunde!
Nicht für die Lieb, die er an mir verbrach,
Für jene nur, an die mein Herz geglaubt,
Die ihren Duft behält wie diese Blumen,
Ob sie gebrochen und entwurzelt auch!
So elend kann kein Mann uns machen, glaubt es,
Dass ihm zum Trotz nicht doch die Liebe blieb,
Für die wir in der letzten Stund ihm danken,
Wie in der ersten - und die macht uns gut!
Er soll nicht wissen, was ich weiss, Herr Werner,
Ein liebes Wort nur will ich noch ihm geben,
Bevor er geht, und diese Blumen, für -
Die Würmer gut genug - dann seis zu Ende!



94 Werner (sarkastisch).
Es sind gewiss die letzten Blumen nicht,
Die er empfängt, wie dies die letzte Thür nicht,
Durch die ein Liebchen von ihm Abschied nimmt!


Martha.
Was - quält Ihr mich?


Werner.
Um Euch vor zu viel - Güte
Zu schützen!


Martha (zögernd).
Dass er mich verachtet, kann ich
Vergeben!


Werner.
Dass er Euch betrogen --?


Martha (impulsiv).
Nie!
Doch that ers nicht!


Werner.
Ist beides doch das Gleiche!


Martha.
Ich bin ein - Weib . . .


Werner.
Das heisst, Ihr wollt die Wahrheit
Nur durch die Finger sehn?


Martha (düster).
Möglich . . . und wisst Ihr
Warum? Weil sie in dreizehn Fällen zwölfmal
Und bös macht und gemein!



95 Werner.
Das heisst, Ihr glaubt schon -


Martha.
Nichts . . . (mit plötzlichem Ausbruch). Ah, was dreht Ihr so das
Messer mir
Im Herzen um?!


Werner
(vor ihr niedersinkend).
Weil ich Euch liebe! Weil
Ich Raum drin brauch für einen Andern, dem Ihr
Das erste - letzte Weib seid, das er liebt!
O Hand, so klein, mit diesem Kinderzuge,
Der uns zu Sklaven oder - Mördern macht,
Wo wir begehren, weil er das Geheimnis
Der Schwäche uns so rührend preisgiebt - und (umschlingt sie)
Du Leib, du jugendwarmer, dem der ersten
Enttäuschung Thränen wie ein Sommerregen
Vorübergehn noch - der nur schöner ihn
Erblühn lässt hinter sich - Ihr sollt mich fühlen
Ihr müsst -- -- bei den Geheimnissen des Blutes,
Das in Euch pulst . . .
(da das Haupt Marthas langsam auf seine Schulter sinkt, entzückt:)
Du neigst dich mir?


Martha (herb).
Ja - so
Gemein als bös . . . Ich wollt, er könnt es sehen!


Werner.
Noch tiefer, ja . . .! Den Mund, den schwellenden,
Gieb mir, und lass mich trinken . . . trinken! Zuckt er
Auch widerwillig noch, das macht ihn süss,
Und giebt die Wollust mir des Überwinders -
So bist Du mein - ganz mein!



96 Martha (drängt ihn von sich).
Nun um die Wahrheit -
Vergesst es nicht - die mich gemein gemacht --!
Doch dann - bei Gott - dann sollt Ihr ganz mich haben -
Vor seinen Augen - ganz! Ein fremdes Blut
Steht auf in mir - ich fühls . . . Mag denn die Wahrheit
Vollenden, was die Lüg an mir begann!


Werner.
Die Wahrheit . . . gut, Ihr sollt sie haben! O,
Und echt, um keinen Tropfen Wermut bittrer
Kredenzt, weil ich nach Eurer Süsse lechz!
Was habt Ihr?


Martha.
Nur ein thöricht Herz . . . sprecht weiter
Was ist, das sei!


Werner (will sie umarmen).
Mein tapfres, schönes Weib!


Martha.
Nicht so . . . macht einmal doch der Qual ein Ende!


Werner.
Weil Ihrs denn wollt . . . entsinnt Ihr Euch des Tags noch,
Der ihm die Freiheit nahm?


Martha.
Ein Montag war es!


Werner.
Nicht doch!


Martha.
Mir sagens diese Blumen!



97 Werner.
Wie?


Martha.
Gleichviel . . . (das Haupt mit den Händen stützend). Fahrt fort!


Werner.
Da trat er in die Stube
Zu mir - es dämmerte schon leis - und wollt
Für sein verwegnes Spiel auch mich gewinnen!
Ich warnte, wie so oft; er lächelte
Dazu, wie Knaben lächeln - thöricht-unreif -
Sag ich nicht bübisch, ist es Euch zulieb!
s ist meine Schuld nicht, dass er gleich darauf
Ein Bubenstück verbrach an Eurer Ehre,
Vielleicht an Eurer - Treu - wer weiss es? Denn
Als ich - ein Zufall brachte unsre Rede
Darauf - von meiner Sorge um ihn sprach,
Die in verwichner Nacht die Ruh mir raubte -
Da lacht er sieghaft auf, und rühmte sich,
In jener monddurchblauten Nacht Kamraden,
Verschwörereitelkeit und Aufruhr, in
Den heissen Armen einer günstgen Schönen
Versäumt zu haben -


Martha
(mit versagender Stimme).
Einer - günstgen - Schönen . . .
Könnt Ihr auch - schwören, was Ihr da gesagt?


Werner.
Was brauchts des Schwurs? Ich sags ihm ins Gesicht!


Martha.
Befreit von diesen Blumen mich, Herr Werner,
Von diesen welken - schmutzgen Sonntagssternen!



98 Werner.
Wie?


Martha.
O, hinweg damit . . . hinweg! Ihr wisst nicht -


Werner (mit Genugthuung).
Ich weiss, dass nur die Unschuld so aufschreit!
(Pause; dann)


Martha
(mit gesenktem Haupt, tonlos).
Was - noch?


Werner.
Der Rest führt den gemeinen Namen
Der Feigheit, der die Ehre eines Weibes
Just gut genug ist, sich damit von Schuld
Und Strafe loszukaufen. -


Martha (aufmerksam).
Ich versteh nicht. -


Werner.
So hört! Der Zufall wollt es, dass die Nacht,
Der er vor mir sich frech gerühmt, dieselbe
Just war, da die Verschworenen den Mord
Beschlossen an der Hoheit unsres Fürsten!
Konnt er beweisen, dass er damals nicht
In ihrer Mitte stand, war er gerettet!


Martha
(die sich während der letzten Worte in höchster Erregung erhoben hat, mit vibrierender Stimme).
Ge—rettet - sagt Ihr?


Werner.
Ja! Und er begriffs,
Und sprach im Angesichte Aller wieder



99 Von den erlognen Freuden jener Nacht
Und -


Martha (in höchster Spannung).
Nannte - meinen Namen?


Werner.
Nein . . . verstummte
Im letzten Augenblick vor Eurer Unschuld,
Und ihrer cherubreinen Majestät!


Martha
(im Verzückung, zwischen Jauchzen und Weinen).
O Gott - o Blumen, weiss und süss . . . o Liebe,
Die immer reicher giebt, als sie empfing,
Nicht wenger diesmal, als ein ganzes Leben . . .


Werner.
In meinen Armen . . . kommt! (will sie umschlingen; im selben Augenblick tritt durch die Thüre links der Schatten ein; er schreitet bis an den Tisch vor dem Ruhebett, wo er, die Arme verschränkend, den Blick starr auf Werner geheftet stehen bleibt.)


Werner.
(mit unwillig-abwehrender Gebärde).
Was willst Du?
(Durch die Thür links wird vom Korridor her, der metallisch-harte Schlag einer Uhr hörbar. Sechs Schläge.)


Der Schatten (den Arm erhebend).
Hört!


Werner.
Ich sag dir: lass mich! Mag er kommen! Sie
Ist mein, und also halt ich sie!



100 Martha
(die ihn mit aller Kraft von sich stösst).
Mich - Ihr?
Hinweg, Unheimlicher, dem Teufel dienen,
Die im Gewand der Nacht gehn!


Werner (zurücktaumelnd).
Ah --!


Der Schatten.
Was rieft Ihr
Mich an? Nun sah ihr Aug den Zweiten, wo sie
Bis jetzt den Einen nur gesehn!


Martha (wie somnambul).
Den Zweiten -
Den Fürchterlichen, ja . . . der neben Euch
Dort steht, mit Euren Zügen, Eurem Antlitz -
Nur ohne Maske! O, hinweg! Ihr wollt ihn
Verderben - (aufschreiend) Walther!


Werner
(ihren Arm umklammernd).
Wollt Ihr schweigen?


Martha.
Nein,
Ihn retten!


Werner (cynisch).
Weil Ihr etwas saht, das andern
Doch ewig unsichtbar bleibt, wenn ich will?
Kommt, fiebert Euch in meinen Armen aus!


Martha
(in atemloser, seliger Hast).
Nein, weil ichs kann! Weil ich ihn retten kann!
Weil meine Lieb mit diesen weissen Blumen


101 In jener monddurchblauten Sonntagnacht
Ihm voll erblüht . . .! Weil ich, von seinen Küssen
Durchschauert, mich ihm hingab, fraglos-ganz,
Wie diese Kelche ihren Duft hingeben
Den Lüften . . . weil Gott selbst in jener Nacht
Sein Leben mir gelegt in diese Arme,
Dass ich es wieder hebe - hoch - zum Licht!!


Werner (drohend).
Versucht es!


Martha.
O, jetzt gleich! (die Hände faltend, in stummer Seligkeit:)
Mein Gott, wie muss er
Mich lieben, dass ihm meine Ehre heilger,
Als diese ganze, weite, schöne Welt!


Werner.
So wird er auch in Zukunft schweigen!


Martha (lächelnd).
Aber
Nicht ich! Vor seine Richter tret ich hin,
Und nenne meine Schuld, die süsseste,
Die je die Lieb geheiligt durch ein Leben!
Und mögen tausend Steine nach mir fliegen,
Und höb mein Vater selbst den ersten auf -
Wenn er es nur nicht that! (macht eine rasche Bewegung gegen die Thür links.)


Werner
(vertritt ihr den Weg).
Zurück!


Martha.
Ah . . .Walther!



102 Werner
(der sie mit Gewalt zurückdrängt, zum Schatten).
So hilf mir - Teufel!


Der Schatten (hämisch).
Sie festhalten, wo ihn
Ihr blosser Hilferuf erreicht? Gut, sei es!
Ihr legt sie umso wärmer dann ans Herz ihm,
Und seht dem Pärchen aus der Ferne zu -
Ein rührend End für so viel Mühe!


Werner
(noch immer mit der, zur Thür drängenden Martha ringend).
Glaubst Du --?
Zurück, sag ich, ist Euch das Leben lieb -
Nicht seins, doch Eueres!


Martha.
Nur seines!


Werner (lacht grell auf).
Ha -
Und Ihr, Ihr meint in Wirklichkeit, ich litt es?
Um schlummerloser Nächte neidgem Groll
Noch einer Sehnsucht Hölle zu gesellen,
Die Euch in fremden Armen weiss?


Martha
(mit höchster Anstrengung).
Walther!!


Der Schatten
(wie unwillkürlich die Hand auf das Stilet am Tisch legend).
Er kommt!


Werner (ausser sich).
Verflucht! So hilf mir, wie Du kannst!



103 Der Schatten.
Ihr wollt es - also kann ichs -- --
(reicht ihm, unter den erhobenen Arm Marthas hindurch den Dolch, wobei er mit ihm zugleich zustösst.)


Werner.
Da!


Martha (bricht zusammen).
Walther!
Das ist . . . (dann; das Haupt langsam erhebend, mit weitgeöffnetem, starrem Blick nach dem Prunklager rechts.)
Die schöne, blasse Frau dort . . .
Was sie nur - will . . .? Sie - kommt! Sie . . .
(Mit plötzlichem Aufschrei, wobei ein Krampf ihre Glieder streckt.)
Ah!
(Sinkt zurück.)


Der Schatten.
Vorbei!
(Das Folgende in fiebernder Eile:)


Werner
(der sich, wie aus einem Traum erwachend, langsam über Stirn und Augen fährt, mit fremder Stimme).
-- Ich?


Der Schatten (nickt).
Ihr!


Werner.
Nur ein Gedanke!


Der Schatten.
Euer Wille
In jenem Augenblick!


Werner (mit gebrochener Stimme).
So - stark war ich ! ? (nahende, rasche Schritte; Werner macht eine unwillkürliche Fluchtbewegung.)



104 Der Schatten (ergreift seine Hand).
Fort!


Werner (mechanisch).
Ja . . . (will zur Thür links).


Der Schatten.
Nein, hier hinaus!


Werner
(wie gebannt zurückblickend).
Ich will nur sehen . . .
(die Schritte näher.)
Da ist er schon!


Der Schatten.
Hinweg . . . schaut nicht zurück!
(Eilt mit Werner durch die Thür rechts hinaus. Kurze Pause; dann von links)


Klang
(er bleibt, wie bemüht, sich im Dunkel zurechtzufinden, einen Augenblick auf der Schwelle der geöffneten Thür stehen. Dann, im Vorwärtsschreiten).
Von hieher klang der Schrei - und ihre Stimm wars,
Wenn ich nicht schon mit wachen Sinnen träum!
Auch war die Thür nie offen sonst - ich weiss es -
Und -- (mit plötzlichem Ruck stehen bleibend)
Dieser süsse Duft! Ich glaub . . . (noch zweifelnd) Narzissen?
(mit dem Jubel seliger Gewissheit.)
Narzissen! Martha, du bist da - ich fühls!
Ich . . . (mit den Füssen an die Leiche stossend.) Da . . . am Boden?
(kniet, nach ihrem Haupte tastend, neben ihr nieder.)
Martha!
(da ihr Haupt zurückfällt, mit zitternder Angst).
Martha!?
(Pause, während welcher er, zärtlich über ihren Leib hinstreichend, plötzlich den Dolch in die Rechte bekommt, mit einem einzigen, fürchterlichen Aufschrei)
Martha!!
(Er wirft sich über sie; Vorhang.)


Dritter Akt

Scene: Der Empiresaal aus dem zweiten Akt. Volle Morgenbeleuchtung. Die zwei, auf Balkone sich öffenden Flügelthüren stehen weit offen. In der Ferne die Hohenburg. Der Fürst, mit verschränkten Armen, allein vor der Venusstatue. Einen Augenblick später, durch die Thür rechts, Senten.


Der Fürst (mit jäher Wendung).
Was solls?


Senten.
Etwas, das Eurer Hoheit kaum
Die Laune trüben kann; doch weils soeben
Gemeldet wird, nun auch gesagt sein will -
Die Polizei -


Der Fürst (einfallend).
Die Leute wollen Orden,
Ich weiss, und stöbern nun in allen Winkeln
Verschwörer auf; das heisst man mehr genehm
Sich machen, als bequem! Ich wollt, sie hätte
Mehr Glück als Eifer, meine Polizei!


Senten.
Doch scheint ihr Eifer noch am Platze, Hoheit!


Der Fürst.
Wenn Ihr mit diesem Platz die Zeit meint - ja!
Die ist so toll, dass man zur rechten Stunde
Sie vor sich selbst beschützen muss. Ich wills!
Und müsst ich auch mit meiner eignen Hand



106 Die letzte Waffe aus der Faust ihr winden,
Wie jenem unmöglichen Brutus. Aber
Was solls?


Senten.
Fast klingts mir selbst unglaublich, Hoheit!
Es heisst, die Stadt sei unzufrieden; mehr noch:
Erbittert über jenes Todesurteil,
Das heut vollzogen werden soll . . .


Der Fürst.
So . . . so . . .!
Die Rottenwyler hatten gestern Kirchtag,
Und viele machen heut vielleicht noch blau -
Doch morgen gehn sie wieder an die Arbeit,
Soweit kenn ich die Stadt - trotz Polizei!
Was könnt den Bürgern auch an einem Urteil
Missfallen, das sie selbst mit tausend Stimmen
Auf die Verschwörer schrien in jener Nacht?


Senten.
s ist auch ein Einzger nur, den man gerettet,
Ja, mehr noch: gänzlich freigegeben sehn will,
Den Walther Klang!


Der Fürst (erstaunt).
Den - Mörder just?


Senten.
Man sagt es!


Der Fürst.
Blaumontags-Logik! Warum dann nicht gleich
Auch jenen, dem mit eigner Hand die Kling ich
Entwunden?



107 Senten (achselzuckend).
Laune - Aberwitz --. Das Volk!


Der Fürst.
Die Heerde - ja, die jedem Hammel nachspringt,
Und wenn sie einmal wünschen dürfte, sicher
Mit dem Unmöglichen beginnen wird!
Wenn sie, vergiftet schon vom Hauch der Zeit
An falschem Mitleid für den Fürstenmörder
Erkrankten - warum nicht? s wär Stil darin!
Doch diesen Klang! Den heimtückischen Meuchler
Der eigenen Geliebten! Dieses Scheusal -
Halb Komödiant, halb Bestie! Die Logik
Gäb zehn Despoten mehr, das Recht zu sein!


Senten.
Der Komödiant - das ists! Selbst Eure Hoheit
Wird, wenn sie der Vertheidgung denkt, gestehn,
Dass er nicht schlecht gespielt!


Der Fürst.
Zu gut - zu gut
Für eine Scene, die nicht einen Fuss breit
An Möglichkeit ihm liess! (mit ärgerlichem Lachen)
Den will man!


Senten.
Ja -
Denn niemand glaubt an seine Schuld hier!


Der Fürst
(indem er sich niederlässt).
Niemand!
An diese Schuld, die klar liegt wie der Tag!
An diesen plumpen Mord, so durchsichtig
In seiner Absicht, dass die Überlegung



108 Des Mörders ihn gewiss jetzt selbst bereut!
Fiel je ein Richtspruch sicher und gerecht,
So ist es der, der ihn getroffen! (achselzuckend.) Aber
Der Pöbel glaubt ja tausend Märchen lieber
Als eine Wahrheit! Thöricht, wer hinhorcht!
Und wie erklärt man sich die That?


Senten.
Die einen
Als Selbstmord -


Der Fürst.
Gut! Das war die Intention
Des Mörders auch bei seinem Stoss - ganz sicher!
Dazwischen aber liegt die Gegenwehr
Des Opfers, die er nicht vorausberechnet.
(mit einem Blick nach der Statue.)
Und sie hat sich gewehrt - und mutig, denn
Sie hatte tapfres Blut in ihren Adern!
Die wunde Innenfläche ihrer Hand,
Der rechten, -- die für einen Augenblick
Den Dolch umklammert - vielleicht festgehalten -
Bezeugt es! Und die Todeswund im Rücken,
So klaffend breit und tief, dass sie das Herz
Erreicht, straft jede andre Meinung Lügen!
Nur eine fremde Faust - und einen starke -
Die eigne nie - konnt treffen, wie sie traf!
Und das glaubt Rottenwyl!?


Senten.
Nur einge, Hoheit!
Die Mehrzahl - doch, s ist lächerlich, zu sagen -


Der Fürst.
Nein, sprecht --!



109 Senten
(mit einer Verneigung).
Die Mehrzahl glaubt wohl an der Mord,
Doch nicht an diesen Mörder!


Der Fürst (verächtlich).
So . . . die Mehrzahl!
Das ist gerade dumm genug für sie!
Ein Glück nur für den Kerkermeister, dass er
Vor Klang nicht jenen Saal betrat, und dass
Noch andere den letzten Schrei des Opfers
Gehört - er müsste seinen Kuppeldienst
Vielleicht sonst mit dem Leben büssen . . . denn
Sie sind so - pfiffig, meine Rottenwyler!



Zweite Scene.
Ein Diener (von rechts; gleich hinter ihm) Chevalier Dupin und Werner. Die Vorigen.


Der Diener (meldend).
Chevalier Dupin - Herr Werner! (lässt auf das Nicken des Fürsten beide eintreten und schliesst, sich entfernend, die Thür).


Dupin
(mit tadelloser Verbeugung).
Hoheit!


Der Fürst
(mit der Hand grüssend).
Rosig
Wie immer, Chevalier! Ein Sonnentag
Aus Trianon!


Dupin (geziert).
Man konserviert sich, Hoheit,
Und die Erinnerungen machen jung!
Will sagen: ich hab soviel Jugend, Schönheit
Und Geist gesehn, dass ich nicht altern kann!



110 Der Fürst (lächelt).
Fast scheint es so! Bei uns hier geht das schneller:
Das Alter und die Revolutionen -
Sie kommen ohne Geist und Schönheit hier!


Dupin (unwillkürlich).
Äh - doch nicht - schon?!


Der Fürst (mit Laune).
Gebt eine Prise mir
Für diesen Schreck!


Dupin.
Zu gnädig, Eure Hoheit!


Der Fürst
(zu Werner, den er inzwischen fortwährend beobachtet).
So will Herr Werner mir heut nicht gefallen:
Er blickt so übernächtig drein - ist bleich -
Errat ich es? Ihr saht in diesen Tagen
Mehr als Euch gut war nach der Hohenburg?!


Werner
(scheues, zerfahrenes Wesen; er ist nach der ersten stummen Verbeugung beim Eintritt seitab stehen geblieben, wie in tiefe Gedanken versunken, aus denen er, vom Fürsten angesprochen, wie ein plötzlich Erwachender emporschreckt).
Vielleicht, mein Fürst!


Der Fürst
(mit einladender Handbewegung).
Was tretet Ihr nicht näher?
So nahe, als es meinem Freund gebührt?


Werner.
Mein Fürst ich - (in dem er an der Statue vorüberschreiten soll, tritt hinter dem Sammtvorhang mit verschränkten Armen, den Blick starr auf ihn gerichtet, der Schatten hervor. Werner bleibt, mit einem Schauder kämpfend stehen) Nein -- !


Der Fürst.
Wie?



111 Werner (verstört).
Ich komm nicht vorüber
An ihm!


Der Fürst
(nach einer Pause, unbefangen).
Glaubt nicht, dass ich Euch missverstehe,
Herr Werner! Dass ich nicht empfänd: Ihr könnt mir
Nicht gut sein heut - an diesem Tag, der Euch
Den Freund für immer nimmt, weils das Gesetz will --,
Das sich in mir verkörpert; doch bedenkt:
Was auch mein Wille sei und meine Macht,
Und ob zur Hand mir auch die Gnade stehe -
Es giebt ein Stärkeres in diesem Fall,
Und einen Schatten -


Werner
(Aug in Aug mit der Erscheinung, wobei er wie schwindelnd nach einem Halt tastet).
Ja . . . und einen Schatten --!


Der Fürst
(ruhig fortfahrend).
An dem, was Recht und Pflicht und Macht, so wenig
Vorüberkommt, als Ihr an Eurem Freund!


Werner
(mit einem Schritt nach vorwärts, gequält).
Ich konnt es damals . . . warum -


Der Fürst.
Wirklich? Meint Ihr?
Ich sag Euch: nein, Ihr habt es nie gekonnt!
Gespielt nur habt Ihr mit dem ehernen
Gedanken - mit dem "angedachten Cäsar"
In Euch, und seid in Wirklichkeit so weich doch
Geblieben, dass das Scheiden eines Freundes,
Ob er den Tod verdient auch, siech Euch macht! (mit Wärme).



112 Ich kann nicht sagen: dass mir missfällt! (nach einer Pause).
Doch sag ich mir: wie müsst Ihr heut mich hassen!
Gesteht es -- !


Werner
(vor dem Schatten, der eine Bewegung nach ihm hin macht, zurückweichend).
Ich seh Schlimmeres, als - Euch!


Dupin
(hinter dem Stuhl des Fürsten ausser sich.)
Das Wort - von einem Hofmann! Impossible!


Der Fürst
(mit halber Wendung).
Nehmt eine Prise lieber Chevalier,
Und denkt an Trianon! Wir sind in Deutschland,
Wos Männer, und zuweilen Wahrheit giebt!
(erhebt sich.)
Ich weiss was Ihr mir sagen wollt, Herr Werner!
Nicht mehr, als, wie ich hör, ganz Rottenwyl
Behauptet: dass der Urteilsspruch, der heute
Vollzogen werden soll an Eurem Freund,
Ein ungerechter!


Werner (hastig).
Und - und er wird dennoch
Vollzogen?


Der Fürst
(schreitet, an dem Schatten vorüber, auf Werner zu).
Ja, weil er gerecht, und drum
So hoch steht über jeder Pöbelmeinung,
Wie über Eurem Hass und Urteil - ich!
(indem er ihm die Hand reicht.)
Das will bloss sagen, dass ich heut verzeihen -
Nein, mehr noch: dass ich Euch - begreifen kann!
Lasst uns jedoch den Fall in Ruh erwägen:
Was wär davon nicht klar? War ich, wart Ihr,



113 War Senten nicht zugegen, als die Angst
Des überwiesenen Verschwörers, in
Dem Augenblick, der ihm sein Schicksal zeigte,
Sich jenem Plan zukehrte, blitzschnell, wie
Dem Pole der Magnet? Was damals nur
Die Ausflucht eines Feiglings war, das Tasten
Des Stürzenden nach einem Halt - dem lieh
Sein Geist dann in der Einsamkeit der Zelle
Die Form und Züge der Wahrscheinlichkeit!
Er hatte doch nicht ganz gelogen, damals:
Es gab ein Weib in Rottenwyl, das er
Geliebt mit feinren Sinnen, als die andern,
Das ihm die Blume blieb im Sumpf, und das
Er schonen musste, wenn es sein gewesen!
Ich sage - "wenn" - versteht mich recht - denn just
Bei diesem "wenn" setzt findig auch sein Plan ein!
Er hatte jenes Mädchen nie genannt -
So blieb es dem Verhör fern, und damit
Ein letzter Trumpf für ihn - das Wachs, das er
Zur prächtigsten Figur sich kneten wollte,
Für seinen letzten, besten Zug, bracht nur
Ein günstger Zufall es in seine Nähe.
Die Dummheit meines Kerkermeisters thats -
Und damit schien sein Spiel gewonnen! Aber -
Sie war noch unentweiht - ein Kind, das erst
Im Augenblick, da er die Maske hob,
An den Verschwörer glaubte - das erschauernd
Vor ihm zurückwich, als er, sich zu retten,
Von ihrer Scham das Letzte forderte:
Das Zeugnis der Schamlosigkeit! Ich wollt,
Ihr hättet sie gesehen dort, wie ich,
Die marmorschöne Tote! Rot und nass
Vom eignen Blut die zarten Kinderhände -
Narzissen auf der Brust - im Angesicht



114 Den Schreck als starren Zeugen ihrer Unschuld,
Ihr -- (da Werner, vor ihm zurückweichend, totenblass auf einen Stuhl sinkt)
Nein - was habt Ihr nur?


Werner
(mit verlöschender Stimme).
Es geht vorüber!


Der Fürst.
Ja seht, das ist das Angesicht der Schuld,
Und sie trägt Eures Freundes Züge! Aber -
Was ich noch sagen will und nur Euch sag:
Ich stand nicht bloss als Fürst vor jener Leiche;
Der düstre Saal dort auf der Hohenburg,
Hat meiner Mutter Herz einst schwer gemacht,
Zum Brechen schwer - und eine Stunde gabs,
Wo ich - ich war ein Junge noch, doch ernst,
Und meinem Alter weit voraus - wo ich,
Das Herz von meiner Mutter Thränen bitter,
Die Taube, die dort oben nistete,
Um liebsten so vor mir gesehen hätte,
Wie ihre weisse, flügelreine Brut!
Drum griffs mir doppelt in die Seel, als ich
An jenem Kind zur That geworden sah,
Womit ich einst in zornigen Gedanken
Gespielt - und dreifache Gerechtigkeit
Gelobt ich ihr!
Werner (düster).
Die macht sie nicht mehr leben!


Der Fürst.
Woraus Ihr sehn mögt, dass das strengste Recht
Nur Ohnmacht heisst, dem Unrecht gegenüber!



115 Werner.
Nur Ohnmacht - ja! Nicht schlecht gesagt . . . haha -
Bei meiner Seel! Und ist es Zweck und Schicksal
Des Rechtes, stets das Schwächere zu sein,
In dieser Erdendinge tollem Wirrsal -
Dann wär das Unrecht ja das höchste Recht
Von Anbeginn -- (indem er sich erhebt und mit einem triumphierenden Blick an dem Schatten vorüberschreitet.)
Ich glaub, wir nanntens einst
Das Recht des Stärkern, nicht?


Der Fürst (streng).
Raubritter mögen
So thun vielleicht, und arme, irre Köpfe -
Mein Recht ist Erb und Glaube mir, und kann drum
Nie Unrecht sein!


Werner (mit Hohn).
Ei - wirklich?


Dupin (fassungslos).
Mon dieu!


Der Fürst (hoheitsvoll).
Ich bin zu End mit Euch für heut, Herr Werner!
Ich sag "für heute", weil ich weiss, was Ihr
Noch leiden werdet in der nächsten Stunde,
Und eines Mannes Weg nicht kreuzen will,
Der ungerecht heut werden muss am Recht!
In diesem "muss" liegt meine alte Freundschaft
Für Euch - wenn Freund sein sich - erkennen heisst!
Nur eines noch: es scheint Euch unfassbar -
Und in dem Punkt zeigt Ihr den Rottenwyler -
Dass Klang das Weib, das er geliebt, erstach!
Denkt nach: wart Ihr es nicht, der mir erzählt,



116 Dass Eurem Freund das Leben Alles gelte -
Und bloss das Leben - der brutale Hang
Am Tag, mit seinen kleinen, niedern Freuden?
Wie viel konnt da die Frau ihm sein, der etwas
Noch höher galt, als er und dieses Leben -
Ihr Gott und ihre Reinheit? Die vielleicht,
Im letzten Augenblick vor seinen Richter
Geladen, mit zum Kreuz erhobnen Fingern
Ihn Lügen strafen musste? Nein, da sprach
Die Tote, die Selbstmörderin doch besser
Für ihn, die lebend ihre Schande nicht
Gestehn, und ihn doch retten wollte . . . Aber
Sein Schluss war um den letzten Schliff zu fein,
Und brach an ihrer Gegenwehr die Spitze -
So schrie denn jede ihrer Wunden: Mord
Und Mörder - das bedenkt noch!
(indem er sich abwendet) Senten!


Senten.
Hoheit?!


Der Fürst.
Die Truppen haben Ordre?


Senten.
Wohl und werden
Am Schloss vorüberziehn, wie Eure Hoheit
Befahl!


Der Fürst.
s ist gut! Ich will von diesen Fenstern
Dem Defilé anwohnen, und nicht früher
Sie schliessen, bis von meiner Hohenburg
Herab, der letzte Schuss mir sagt: es wurde
Dem Recht, was ihm gebührt!



117 Senten.
Das Zügenglöcklein
Verkündet dann zuletzt das Ende Klangs,
Der durch des Henkers Hand stirbt, als gemeiner
Verbrecher!


Der Fürst (fest).
Ja . . . so lang will ich hier stehn,
Und dann ein Vater Unser für ihn beten --!
Chevalier Dupin --!


Dupin.
Hoheit?!


Der Fürst.
Ich glaub, es bleibt uns
Ein Weilchen noch für das gewohnte Schach!
(Der Fürst mit Senten und Chevalier Dupin ab durch die Thür links).



Dritte Scene.
Werner. Der Schatten.


Werner.
Sie ahnen nichts . . . sie sehen nichts . . . und säss mir
Der schwarze Punkt nicht da im Aug, ging Alles
So trefflich, als ich selbst nur wünschen könnt,
Und wär geschehn, und für die Welt vorüber!
(den Blick wieder starr auf den Schatten gerichtet)
Doch dieser Punkt - dies schwarze Etwas dort,
Das Ich scheint, und es doch nicht ist; das mir
Die Züge meiner Seele stahl, sein Wesen
Von meinem borgt - und doch mein Innerstes
Mit Abscheu schüttelt, wenn ichs sehe . . . und
Ich seh ihn überall, seit - damals! Ob ich
Kein Wort mehr auch zu ihm sprech, und was Kraft
Und Wille heisst an mir, vor seinem Blick schon



118 Zurückweicht, in der wachen Todesangst,
Er könn ihm wieder einen Körper geben,
Zur That ihn formen, wie -- (stockend) wie - damals!
(mit aufgelöster Stimme)
Ach -
Du süsser Leib, den ich in meinem Hass
Zum Bildwerk für den Tod geformt - zum starren,
Das kein Pygmalion der Lieb mehr weckt -
Was brauchen mir die Anderen von den Blumen
Erzählen,die dein reines Blut befleckt?
Sie riechen mir die Seele ja zu Tod!
Und keine Hände brauch ich, um die Wunden
Zu sehen, die dein Herz zerrissen!


Der Schatten
(mit einer raschen Handbewegung nach der linken Seite der Statue).
Hier!


Werner (mit einem Schrei).
Was thust du?


Der Schatten (hämisch).
Nichts!


Werner (dumpf).
Dann geh mir aus der Sonne!


Der Schatten.
Ich kann nicht mehr!


Werner (entsetzt).
Du wolltest - bleiben?


Der Schatten (nickt).
Heut
Und immer - ja, seit Ihr mir Blut gegeben,
Und meine Wurzel in die Eure wuchs!



119 Werner.
Doch sag ich los mich!


Der Schatten
(mit grässlichem Lachen).
Hahaha . . . versucht es!


Werner
(mit einem Schritt ihm entgegen).
Und überwind dich - ja!


Der Schatten
(die Arme verschränkend, höhnisch).
Wie heute Nacht
Im Traume - wie?


Werner (zusammenzuckend).
Du - weisst?


Der Schatten.
Wie sollt ich nicht?
Ich sass auf Eurem Kissen und sah zu!


Werner
(mit irrem Blick und einer Bewegung der Hand über die Stirn).
Und standst doch auch vor mir zugleich?


Der Schatten (nickend).
Nicht wahr?
Das ists! So hatt ich noch den Spass dabei,
Mich so zu sehen, wie Ihr wolltet! Schwarz
Und riesengross stand ich vor Euch im Dunkel
Der Nacht - und zwischen uns lag stumm die Furcht!
Ihr wolltet mich verscheuchen - doch ich wich nicht -
Und so kam plötzlich Euch ein närrischer
Gedanke - ein Gedank, wie ihn die Furcht hat,
Wenn sie, auf ihrer Höh, träumt Mut zu sein!



120 Ihr dachtet - wie gesagt, ich war es nicht,
Ich sah bloss zu - Ihr dachtet also: ich
Will sehn, ob er in Wirklichkeit auch ist,
Der Schwarze, Fürchterliche . . . und ob Ihr
Durch ihn hindurch nicht könntet, wie durch Luft -
Wie durch ein Nebelbild - in einem Anlauf -
Wie hättet Ihr dann - jenseits - aufgelacht!


Werner (unwillkürlich).
Ja!


Der Schatten.
Seht! So stand ich also, nur viel grösser -
Und Ihr - Ihr kamt heran . . . Erst Schritt für Schritt,
Wie jetzt -


Werner
(der mit stierem Blick, wie fasziniert, auf ihn zuschreitet).
Wie -- -- ja!


Der Schatten.
Nicht wahr? Ihr lächeltet -
(indem er die schwarzen Florhüllen seines Mantels ausbreitet)
Denn plötzlich schien ich Euch auch durchsichtig
Wie Luft - ein Nichts - ein körperloses Etwas -
Ein Ammenspuk, der für die Lüsternheit
Und Angst der Tölpel nur am Weg stand, wie
Für Vögel eine Scheuche! Welche Schmach,
An der vorüber nicht zu können . . . und
Ihr kamt . . . (da Werner mit hastigen Schritten plötzlich auf ihn zustürzt.)
Es fuhr Euch plötzlich in die Glieder,
Wie jetzt . . . (den Heranstürzenden mit festen Armen umklammernd.)
Da -


Werner
(mit einem grauenhaften Aufschrei).
Ah --! Entsetzlicher, lass mich!
Du bist . . . Du bist . . ich weiss ja, dass du bist!
(Pause. Dann)



121 Der Schatten (monton).
So bleibt nur eines: wir ertragen uns -
Und wollt Ihr, kann ichs auch für Euch!


Werner
(grübelnd, wie für sich).
Ich habs
Erwogen - ja - in mancher Nacht, seit - damals!
Doch ist der Wille mir in ihrem Blut
Erstickt . . . wie ausgelöscht mit ihrem Leben!
Was läg dran, für die Welt ein Schurk zu sein?
Sie gehn ja alle doppelt, so wie ich -
Doch sehn sie ihren Schatten nicht, das ists, --!
Und sehn sie ihn, dann trägt er in den Händen
Nur Früchte aus des Nachbars Garten, nicht
Ihr eigenes, totwundes Herz . . . Ich wollt
Ja auch nicht mehr, als meines Nachbars Früchte -
Nur wusst ich nicht, dass eine, dass die letzte
Davon, geheimnisvoll auch an mein Leben
Gebunden sei, und das Mysterium
Des Paradieses ohne Ende sich
In jedem Lebensgarten wiederhole . . .
So giebts nicht Kraft und Schwäche bloss? Gäbs doch
Ein drittes noch, das mich mit meinem Nächsten
So heimtückisch verknüpft, dass, wo ich ihn
Aufs tötlichste zu treffen mein, die Axt
Nur meines eignen Daseins Wurzeln spaltet?
Ein Krampf in meinem Innersten schreit: "Ja!"


Der Schatten (spöttisch).
Das geht vorbei . . . die Menschen nennens Liebe!


Werner (ohne aufzublicken).
Doch bleibt auf ihrem Wege eine Spur:
Ein Atem, wie von weissen Taubenflügeln;



122 Wie von den Wunderblumen eines Traums,
Den wir geträumt, ein Duft nach dem Erwachen!
Und im Vorübergehn traf mich ihr Blick
So feierlich und gross, dass mir die Seel brennt:
Der tiefe, warme Mutterblick der Liebe,
Die gut ist, weil sie muss, nicht weil sie will!
(Indem er sich erhebt, mit einem Blick nach dem Schatten.)
Wie ich ihn hass . . . wie ich ihn hass!


Der Schatten
(sich zusammenkrümmend).
Ich - fühls!
Auch zuckts im Fuss Euch, wieder mich zu treten,
Wie damals, als ich Euch zu Füssen lag!
(mit einem Lachen.)
Ja, wär nicht Eure That! Die hält mich aufrecht!


Werner
(wie mit einem aufsteigenden Entschluss kämpfend).
Doch nenn ich dich -- ?


Der Schatten.
Haha, dann nennt Ihr - Euch!
Das gilt! Denn ist die That gesetzt, besteht sie,
Und den Bereunden nur trifft ihre Wucht!


Werner
(schlägt die Hände vors Antlitz).
Sie ward gesetzt, und ich bereu!


Der Schatten.
Bleibt eins noch,
Was Ihr doch niemals wagt: der Mut der Reu,
Die eine Furcht ist, aber ohne Tollheit -
(ganz nah an seinem Ohr)
Weil Tollheit für sie - Selbstvernichtung heisst!



123 Werner
(mit herabsinkenden Armen).
Das ist es . . . ja! Die letzte Daseinswurzel -
Und diese letzte macht den Schuft erst ganz!
(Chevalier Dupin durch die Thür links.)
Da naht ja schon das Zerrbild meiner Zukunft!



Vierte Scene.


Chevalier Dupin trippelt, ohne Werner zu bemerken, gegen das linke Fenster. Werner. Der Schatten.


Dupin.
Ich glaube - (erblickt Werner) Äh . . . !


Werner.
Ein Wort, Chevalier!


Dupin
(mit dem Bemühen, Werner zu ignorieren).
Hm!


Werner (vor ihm).
Weil Ihr
So prächtig hier just in der Sonne steht,
Und einen Schatten - comme il faut - werft -


Dupin
(mit einem Blick an sich hinunter, geschmeichelt).
Hm?


Werner.
So stramm und munter noch!


Dupin (überwunden).
Nicht wahr? Ich glaube,
Er kann sich hier noch sehen lassen?



124 Werner (mit Hohn).
O -- !
Er sollte, mein ich, gings nach Fug und Recht,
Der Ehrgeiz jedes klugen Schattens werden,
Der jemals einen Fussboden geküsst!


Dupin (entzückt).
Ihr habt doch noch - wie sagt man hierzulande?
Geschmack? Ja - recht! Geschmack, Herr Werner!


Werner.
Kein
Mirakel in der Nähe eines Mannes,
Wie Ihr!


Dupin
(Werners Hand mir stutzerhafter Zimperlichkeit schüttelnd).
Enfant! Mon bon Enfant!


Werner.
Doch um
Auf diesen Schatten wiederum zu kommen,
Der sich so klug und ausnahmslos bewährt
Die lange Jahre her; und weil es dienlich,
Zu lernen, wo man etwas lernen kann -
Wie giebt er im Gespräch sich?


Dupin (verblüfft).
Im - Gespräch?
Pardon! Ich weiss nicht, ob ich auch verstan -- den?


Werner.
Ich mein: wenn Ihr mit ihm zu Zweien seid -
Im Negligée!


Dupin (empfindlich).
Monsieur?!



125 Werner.
Bekennt er da
Nicht Farbe?


Dupin.
Äh! (zieht flink sein Taschentuch hervor, und beginnt damit seine Wangen abzuwischen, worauf er es ängstlich-rasch verbirgt.)


Werner.
Und wird einmal so dreist,
Die Wahrheit Euch ins Angesicht zu speien,
Wie einem Krüppel, den man nackend sah?


Dupin (vernichtet).
Mon dieu!


Werner (rauh).
Das möcht ich wissen!


Dupin
(der in einen Stuhl gesunken ist, hilflos).
Was?


Werner
(mit einem irren Blick nach dem Schatten).
Ob Ihr ihn
Auch seht, und mit ihm weiterleben könnt -
Und dann, beim Teufel, dann will ichs auch wagen -
Denn wie Ihr jetzt mich seht - haha - bin ich
Für mein armselig Teil noch zager Stümper
In dieser Kunst!


Dupin
(der sich verwirrt erhoben hat und Schritt für Schritt zurückweicht).
In dieser . . . äh - in welcher?


Werner
(mit heiserer Stimme und wahnsinnigem Ausbruch).
In deiner - Komödiant, geschminkt bis an
Die Seele! In der Kunst, den Schatten nicht


126 Zu sehn, der unsrer Züge Prägung weist,
Ins Ungeheuerliche nur vergrössert,
Wie unsre Seel sie zeugt, wollüstig kreisend
Mit ihren schwülen Wünschen! (gereizt). Wie - nur du, --
Nur du allein hättst niemals ihn gesehen?
Nur dir hätt er die Eisenkrallen nie
Ins Fleisch gebohrt? Mit deiner Thaten Rost,
Der dranklebt, nie das Herzblut dir vergiftet?
Dir, den die eigne Heimat ausgespien,
Der Frevel müd, die Euch auf Gold gebettet?
(indem er ihn mit beiden Händen an den Schultern packt, und hin- und herschüttelt.)
Herunter mit der ehrnen Maske - und - (cynisch)
Wärs nur, um sie mir selber aufzusetzen!
Üb deine Kunst, doch lehr mich ihren Kniff
Und hilf mir diesen Schatten da vertreiben,
Der meine Nächt beredt und meine Tage
So elend macht! -
Dumpfe Trommelwirbel und das Marschtempo des heranziehenden Exekutivcarrés dringen, allmählich sich nähernd, durch das offene Fenster. Werner lässt, stumpf hinhorchend, Dupin plötzlich fahren, und taumelt zurück.


Dupin
(in rascher Flucht nach dem Zimmer des Fürsten).


Der Koller!


Werner
(der sein Antlitz verhüllt).
Jetzt!!



Fünfte Scene.
Der Fürst und Senten aus der Thür links. Werner. Dupin. Der Schatten.


Der Fürst.
(im Vorwärtsschreiten nach der rechten Balkonthüre).
Der Zedtwitz
Befehligt das Carré?



127 Senten
(einen Schritt hinter ihm).
Zu dienen, Hoheit!


Der Fürst (nickend).
Sein Kommandant hat gut gewählt: den macht
Ganz Rottenwyl nicht irr, und schlüg der Aufruhr
In hellen Flammen gleich um ihn empor!
Doch fürcht ich nichts! (zu Dupin) Ihr bliebt zu lange fern
Chevalier - so kamt Ihr um den Schluss des Spieles!
Mein König fiel von den Pionen Sentens
Umzingelt! Ein unrühmlich End, doch wars
Vorauszusehen!


Dupin
(der sich wieder gefasst hat, mit einem Blick nach Werner.)
Unmöglich!


Der Fürst.
Weil Ihr
Den Sieg mir zugesprochen?


Dupin.
Nein, weil es
Vorauszusehen war . . . doch hier - zu - lande
(indem er sich den Schweiss von der Stirn wischt)
Ist manches möglich - manches - ja . . . !


Der Fürst (lächelnd).
Nie mehr,
Als Uns beliebt - vergesst das nicht, Chevalier!
Doch, was ich sagen wollte . . . Senten!


Senten (salutiert).
Hoheit?


Der Fürst.
Ihr springt vielleicht hinab, und fragt - Ihr wisst
Schon wo? ob in der Stadt auch alles ruhig?



128 Nur lasst mir keinen dieser Leute vor -
Wir brauchen ihrer Späherdienste, doch
Aigriert ihr Anblick mich - der Jagdhund-Eifer,
Der blutges Wild schweifwedelnd apportiert! (Senten ab.)
(Mit Humor.)
Und Ihr, Chevalier, erzählt mir jetzt, wie man
In Frankreich Schach gespielt zu Euren Zeiten!
(lässt sich, knapp vor dem Balkon nieder. Vor ihm, stehend, Dupin. Die Trommelwirbel und Schritte des Exekutivcarrés nähern sich.)


Dupin
(der Werner nicht aus den Augen lässt).
Wie hier . . . nur hat es kein Seigneur gewagt,
Zu setzen matt den König, seinen Herren!


Der Fürst.
Den hölzernen, den hölzernen, Chevalier!
Doch den lebendigen - Ihr dürft mirs glauben -
Den habt Ihr alle dreimal matt gesetzt!


Dupin.
O -- !


Der Fürst.
Lieft Ihr denn nicht alle ausser Land,
Seigneurs und Grandseigneurs? Violà , so kamen
Die Bauern und der Pöbel über ihn -
Cest tout! Mein eigner Fall, doch nur am Schachbrett -
Denn wird es Ernst, bleibt deutsche Art zu Haus!
Drum lass ich ruhig mich am Schachbrett schlagen!


Dupin
(mit verlegener Geziertheit).
Äh . . . das! Will sagen: meines Fürsten Hoheit
Hat immer - hm . . . wie sagt man hier - zu - land für
Esprit?



129 Der Fürst (trocken).
In diesem Falle - Wahrheit!


Dupin
(indem er sich verbeugt).
Wahrheit!
(Trommelwirbel knapp unter dem Fenster des Schlosses.)


Der Fürst
(indem er sich erhebt und auf den Balkon tritt).
Und nun, in Gottes Namen, dem Gesetz
Die Ehre!


Werner
(mit einer raschen Bewegung gegen den Schatten).
Lass mich!


Der Schatten.
Halt ich Euch?


Werner.
Doch stehst du
Im Weg mir -- (schlägt sich ans Herz). Da . . . ich fühls!


Der Schatten (hämisch).
Nur Eurer Angst,
Wenn sie geschwätzig werden will, nicht Euch!
Vor einem Weilchen noch, gesteht es selbst,
Kam Euch die Luft an, stark zu bleiben, und
Hinabzusehen dort, wie all die Anderen,
Als zög ein Bild an Euch vorbei - nicht mehr -
Für einen Augenblick vom Strom des Lebens
Emporgehoben, und verschlungen dann
In alle Ewigkeit! Da that ich selbst
Den ersten Schritt nach vorwärts!


Werner.
Hund!
(Geräusch und Trommelwirbel entfernen sich. In der Thüre rechts erscheint wieder Senten.)



130 Der Fürst
(indem er sich zurückwendet).
Die Stadt
Bleibt ruhig, wie es scheint . . . ich wusst es ja!
Ob an den Grenzen meines Landes auch
Der Aufruhr triumphiert - der Rottenwyler
Hebt so behend nicht seine Fackel auf -
Denn satte Ruh und heile Finger gelten
Ihm auch etwas! (da Senten schweigt.) Nun?


Senten.
s ist unglaublich Hoheit,
In welch unsinnigen Gerüchten sich
Des Volkes Lieblingswunsch verpuppt: so jubelt
Man laut in allen Strassen jetzt, dass Klang
Im letzten Augenblick von Eurer Hoheit
Begnadigt worden sei!


Der Fürst
(lässt sich, die Beine übereinanderschlagend, nieder).
So - so! Das heisst,
Man fordert statt Gerechtigkeit die Willkür?
Wie unvorsichtig, hätt ich fast gesagt,
Müsst ich nicht sagen erst: wie rottenwylisch!
Denn dass die Hand, die dem Gesetz zum Trotz,
Heut eine Kette lösen darf, schon morgen
Mit gleichem Rechte hundert schmieden kann,
Bedenken meine lieben Bürger nicht!
(mit einer raschen, energischen Bewegung gegen Werner.)
Herr Werner!


Werner (zusammenschreckend).
Hoheit!


Der Fürst.
Ihr wart mir einst lieb,
Und um der schönen Stunden willen, die uns



131 Vereint, nicht Euretwegen, wünscht ich, Ihr
Entferntet Euch für heut aus diesem Saal -
Wo manch Geräusch, und jedes Wort, zuletzt nicht
Der finstre Zwinger auf der Höhe dort,
Das Bild des Fürsterlichen, das geschehn muss,
In Eure Seele brennt!
(Pause; dann)


Werner.
Muss es geschehn?


Der Fürst.
Um das zu wissen, braucht Ihr nicht so stark zu sein,
Als ich Euch hielt - so klug nur, als Ihr seid!


Werner.
So - bleib ich also!


Der Fürst.
Wie?


Werner (mit irrem Lachen).
Ja, denn mich reizt es
Zu wissen, wie viel Klugheit nötig sei,
Um schwarz als weiss zu sehn! Vielleicht ergründ ich
In einem Atem dann auch das Geheimnis
Der Stärke, die in umbewegter Ruh
Mit Ungeheuern speist und sich zu Bett legt!
Wer weiss! Der gute Wille fehlt ja nicht,
Solang mein Blut mir teurer ist, als fremdes!


Der Fürst.
Ihr fiebert und sprecht Rätsel!


Werner.
Wär es so
Und könnt ich wie als Kind daraus erwachen,



132 Der Mutter kühle Hand auf meiner Stirn,
Im Ohr das Echo einer süssen Stimme,
Sie spräch: "Du hast geträumt!" Und frei die Brust -
Und frei mein Weg!
(Sechs unmittelbar aufeinanderfolgende, lang hinrollende Schüsse von der Hohenburg.)


Senten (unwillkürlich).
Die Ersten!


Werner (zurücktaumelnd).
Schon!


Der Fürst (energisch).
Herr Werner!
Nun seht Ihr selbst, es taugt Euch nicht! Geht fort!


Werner (kraftlos).
Wohin?


Der Fürst.
Wo Ihr das Traurige nicht seht,
Noch hört!


Werner.
Den Weg hat Gott noch nicht erschaffen!
(in sich versinkend.)
Ich glaubt es einen Augenblick, und büss jetzt
Dafür, und - ja . . . ! (zuckt gepeinigt in sich zusammen).
(Dann, mit stierem Blick nach dem Schatten).
Ob ichs nicht dennoch wag?
Nicht - dennoch? (rasch auf den Schatten zutretend) Du --! (da der Schatten mit drohender Geberde an ihm vorüber auf den Fürsten zuschreitet, ensetzt)
Nein, nein, sie sollen dich
Nicht sehn . . . sie dürfens nicht . . . wie sich dich sah -
Wie ich . . . o pfui und s ist mein eignes Antlitz!


Senten.
Er redet irr!



133 Der Fürst
(hat sich erhoben, streng).
Ihr geht jetzt - ich befehls!


Werner
(mit ironischer Verbeugung).
Ja - Ihr befehlt es! (lacht).


Der Fürst (erregt).
Werner!


Werner (wie oben).
Hoheit?!


Der Fürst.
Säh ich
Und wüsst ich nicht, dass Ihr von Sinnen seid
In dieser Stund, dann müsstet Ihr dies Lachen
Mir büssen!


Werner.
O, dann lasst michs eben büssen,
Denn heller war - bei Gott - mir nie zu Sinn!
Und weil ich wach genug bin, um zu sehen,
Was einer Hoheit selbst unsichtbar ist,
Möcht ich Euch schnell noch einen Rat erteilen,
Mein Fürst!


Der Fürst
(mit einer Kopfbewegung).
Denkt an Euch selbst und geht!


Werner.
Den Rat,
Zu sehn, ob die Befehle Eurer Hoheit
Auch immer Eurer Hoheit Wünsche sind!


Der Fürst (verächtlich).
Ein Narrenwitz!



134 Werner.
Vielleicht! Doch macht ein Fürst
Ihn heut zum Rate eines Philosophen -
Und das ist lustig dran, bei meiner Seel!


Der Fürst (kehrt sich ab).
Solang Ihr faselt, kann ich Euch nicht strafen,
Nur sagen, dass Ihr mich langweilt!
(Die Schüsse wiederholen sich, nach längerer Pause, ganz zuletzt, noch einer. Die Scheiben der Balkonthüren klirren.)


Senten (unwillkürlich).
Da traf
Ein Mann nicht gut und musste wieder schiessen -
(neuer Schuss.)
Nun noch einmal!


Der Fürst (erregt).
Wie - peinlich!


Werner
(ist ins Knie gebrochen).
Ich ertrags
Nicht länger! (mit gefalteten Händen) Gnade, Hoheit!


Der Fürst.
Glaubt Ihr nicht,
Dass ich mich selber krümmen möchte, unter
Der Wucht des Fürchterlichen, spräch die Stimme
Des Rechts in meiner Brust nicht: es muss sein!?


Werner (bitter).
Des Rechtes -- ! Doch - nein, nein, ich will Euch ja nicht
Erzürnen! Nur das Mitleid, das soeben
Die Seele Euch gestreift mit weicher Hand,
An seinem weissen Taubenflügel fassen,
Und "Gnade" rufen!



135 Der Fürst.
Gnade für den Einen -
Noch immer? Denn die Anderen sind nicht mehr!


Werner (verwirrt).
Die wollten morden - doch -
(Der Schatten tritt, mit rascher Bewegung, zwischen ihn und den Fürsten. Werner hält, sich an die Stirne greifend, plötzlich inne.)


Der Fürst.
Er hat gemordet -
Und um dies "hat" dünkt er Euch besser? Seltsam!


Werner
(mit einem Qualblick nach dem Schatten, der hochaufgerichtet zwischen ihm und dem Fürsten steht).
Mein Gott - ich - kann ja nicht! Das heisst . . . mein Gott,
Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren!
Wär Gnade "Gnade", früg sie nach dem Grund?
Ihr schüttelt ja auch über mich das Haupt,
Der ich da kniee, und Unsinniges
Erfleh - wie es Euch scheint - und dennoch thu ichs,
Und blut an Herz und Seele, weil ich Gnade
Erfuhr!


Der Fürst
(mit einer Bewegung nach der Thür links).
Ich hab gesprochen!


Werner
(auf den Knien ihm nach).
Nein, nicht so!
Ihr sollt . . . Ihr müsst mich hören! (sich besinnend) O, wie sag ichs?
Ja: seht, vielleicht geschieht auch Euch zulieb,
Was ich hier thu . . . vielleicht geschiehts, um Euch
Die Gnade reiner Hände zu bewahren,
Und dass Ihr nie vor einem Höheren
Einst knieen mögt, wie ich vor Euch hier; nie



136 Erschauern müsst vorm eignen Antlitz, wenns Euch
Entgegenstarrt wie mir, von einem Leib,
Der im Gewölk der Hölle wandelt . . . (in sich zusammenschaudernd)
Denn
Es ist ein Gott! Und lebt er nicht im Himmel -
Dann -- (die Hand am Herzen) sitzt er hier und schreit mit einemmal:
"Wo ist dein Bruder, Kain?" Das ist es . . . ja !
Ich - weiss es . . . man muss Blut vergossen haben,
Um zu empfinden: es war Bruderblut!
(Schrickt plötzlich in sich zusammen. Der Schatten versucht ihn emporzureissen.)
Nein, sag ich - tritt mir nicht mehr in den Weg!


Der Fürst (erstaunt).
Wen ruft Ihr an da?


Werner
(sich an die Stirne fassend, heiser).
Ja . . . das ists! Ich sagte
Den Teufel, müsst ich sagen nicht: mich selbst!
(mit plötzlichem Entschluss)
Doch kann ich ihn Euch zeigen, gilt sein Wort!
(Tritt auf den Schatten zu, dem er nun, Aug in Aug, nur eine Weile stumm gegen übersteht. Dann, nach einer gewaltsamen Bewegung aus sich heraus:)
Schaut her: wen seht Ihr da ? !


Der Fürst (kopfschüttelnd).
Wen? Euch!


Werner.
Nur mich?


Senten (ist hinzugetreten).
Wen sonst? Kommt zur Besinnung doch, Herr Werner!


Werner
(packt den Schatten an beiden Händen).
Und nicht den schwarzen Unhold da, den ich
Jetzt pack an seiner Mörderhand, die er



137 Mir nachts ins Herz gräbt, jeden Nagel einzeln?
An dieser Hand, die ihren süssen Leib
Umklammert hielt, -- und sie doch - töten konnte?
An dieser gottverfluchten, starken - Hand ?!
Sie sah ihn ja, als ich ihn rief - so müsst
Auch Ihr ihn sehn, hat er mir nicht gelogen -
Und ganz jetzt halt ich ihn, da . . . seht!


Senten (besorgt).
Zurück, mein Fürst, er rast!


Werner.
Ihr seht ihn noch nicht? O,
Dann seid Ihr eben Lügner, keiner besser
Als ich! Dann ists ein unzüchtig Geheimnis
Der ganzen Welt, dass alle doppelt gehn,
Und keiner seines Nachbars Schatten sehn will,
Damit der Nachbar seinen eignen schon!
O pfui, der schmutzgen Übereinkunft! Und
Wie gut, dass heut ein Lügner toll geworden!


Der Fürst (erschüttert).
Befreit mich von ihm, Senten! Dass ich so
Ihn sehn muss - ihn . . .! Es brennt mir an der Seele!


Werner
(zu Senten, der an ihn herantritt).
Hab ich Euch schon zu viel verraten - wie?
O, s ist ja wahr, ich könnte ruhig sein,
Ich könnt ja schweigen wie ihr alle - nicht?
Und ruhig weiterleben, wie ihr alle!
(Mit einem grossen, wissenden Blick um sich.)
Die Sonne steht so lachend über uns,
Und um kein Bischen ändert sich die Welt,
Ob auch ein Schurke schwatzt aus ihrer Schule!
(leiser.)



138 Ich ging ja gern mit Euch! Nur sagt mir, wie
Mans trägt!


Senten (beruhigend).
Ich sag Euchs! (will den Arm Werners ergreifen. Im gleichen Augenblick, von der Hohenburg her, das langhinrollende Echo eines Kanonenschusses, dem ein wüstes Getos unzählbarer Stimmen folgt. Senten zurückprallend.)
Was war - das?


Der Fürst (am Fenster).
Horcht - wieder!


Senten
(ist ihm nachgestürzt).
Allmächtiger . . . ich sagte: die Kanonen
Der Hohenburg, hätt ich vor einer Stund nicht
Gehört, die Stadt sei ruhig!


Der Fürst
(bleich aber mit Fassung).
Doch - sie sinds!


Senten.
Und dort . . . bei Gott, dort fliehen die Soldaten
Des Zedtwitz - seht! Und ihnen nach, wälzt schwarz
Die Menge sich! Nun sinkt die Fahne von
Der Hohenburg . . . sie ist in andern Händen -
Hinweg, mein Fürst!


Der Fürst (mit Majestät).
Ich bleibe!


Senten (stehend).
Hoheit!


Der Fürst (hinausdeutend).
Ja!
Denn seht: dem Aufruhr, der befreite Mörder
Mir im Triumph vors Schloss trägt, weich ich nicht!



139 Senten.
Die Rasenden . . . sie hätten . . . ja, er ists!
Von Schulter hebt man ihn zu Schulter, küsst ihm
Die Hände und die Kleider -


Werner.
(ist, wie ein erwachender Somnambuler, Schritt für Schritt, gleichsam tastend, ans Fenster getreten. Mit plötzlichem Aufschrei).
Walther!
(Streckt die Hände aus, schluchzend.)
Walther!


Senten (besorgt).
Man wird nicht bloss vorüberziehn, mein Fürst!


Der Fürst (finster).
So lasst die Thore unten schliessen!


Werner
(tritt mit fieberisch leuchtendem Blick, die Arme weit ausgebreitet, zwischen beide).
Nein -- !
Lasst weit sie öffnen heute - weit - denn seht,
Das Volk bringt die Gerechtigkeit getragen!
O glaubt mir in der Stunde, die mich zwingt,
Mein Haupt vor ihre Füsse hinzulegen,
Und zu gestehn: hier ist der Mörder - hier!
Ein ganzes Volk irrt nicht in seinem Glauben -
Dem heilgen Glauben, dass des Stärksten Macht
Nicht weiter reiche, als das Recht des Schwachen!


Der Fürst (zurückweichend).
Der Mörder - Ihr? Ich fass es nicht!


Werner.
Ja - ich! (nach dem Schatten deutend)
Und jener dort: das Zerrbild der Gestalt,
In der ich zwiefach aus- und eingegangen,



140 In Worten, Werken, und Gedanken . . . Er,
Der -- (der Schatten versinkt). Ah, verlässt Du mich, jetzt Satan?
Hältst
Du Wort? (Pause; dann, langsam) Denn ist die That gesetzt,
besteht sie,
Und den Bereunden nur trifft ihre Wucht,
(kniet vor dem Fürsten nieder.)
Sie ward gesetzt, und ich bereue!


Der Fürst
(öffnet mit einer Gebärde des Abscheus vor ihm zurückweichend, die Thüre rechts.)
Wache!



Verwandlung.
Die Scene zeigt das römische Studio Werners aus dem Prolog. Die Balkonthüre steht weit offen; desgleichen die, noch immer durch einen Vorhang verhüllte, des gegenüberliegenden Hauses. Morgendämmerung, welche, allmählich intensivere Farben annehmend und gebend, zuerst die weissen Blüten, und den, zuweilen im Wind leicht aufflatternden, lichten Vorhang vor dem Balkon des Nachbarhauses, mit einem leichten Purpur überhaucht. - Werner, zwischen zwei Kerzen arbeitend, an seinem Pulte. Er schreibt hastig, in kurzen abgerissenen Sätzen, wie jemand, der dem Ende entgegendrängt, wobei er oft halblaut einzelne Worte vor sich hinmurmelt. Wie er, einen Augenblick träumend, innehält, wird, leise aber deutlich, dieselbe von Harfen gespielte Weise hörbar, wie beim Erscheinen der Poesie in der zweiten Hälfte des Prologs. Zugleich tritt hinter dem Vorhang jenes Balkons der Schatten hervor. Er bleibt, das Haupt nach rückwärts gewandt, einen Augenblick wie zögernd auf der Schwelle stehen. Dann gleitet er, lautlos schemenhaft, scheinbar durch die Luft und die Gitter der Balkone hindurch, in die Stube, wo er, knapp hinter Werner, stehen bleibt.


Werner
(der wieder die Feder ergreift, laut).
. . . . Denn ist die That gesetzt, besteht sie,
Und den Bereunden nur trifft ihre Wucht!
(Voller, plötzlicher Sonnenaufgang, der Schatten versinkt. Werner hat sich umgekehrt und spricht unwillkürlich die Hände faltend, gleichsam in das Licht hinein:)
Die Sonne steigt - die Schatten fliehen . . . ja,
Wie Schleier, die ein Göttliches verborgen,
Darf ich sie ziehn von meinem Werk, und frei



141 Dem Tag entgegenatmen, und den Träumen,
Die er noch bringen mag . . . denn er auch kommt,
Im Purpur eines Cäsars über Rom her,
Und - (die Thür rechts wird hastig aufgerissen, in ihrem Rahmen erscheint)


Klang.
Ernst! (da Werner zusammenschreckt).
Ich stör dich wieder? Sags nur frei
Heraus! Hab ich auch Eile - (Werner hebt triumphierend sein Manuskript). Fertig? (jubelnd). Werner!!
(Werner umarmend, mit herzlichem Ausbruch.)
Wie ich dirs gönn! Das macht mein Glück erst ganz!
(deutet entzückt in den sonnengebadeten Morgen hinaus.)
Und Rom schaut zu!


Werner
(mit einem eigentümlichen Blick, lächelnd.)
Ich fürcht, ich habs verläugnet
In diesem Buch! Doch was macht dich so froh?


Klang (sprudelnd).
Ein ganzer Frühling! Hab Geduld, wenn mir
Statt Worte Blüten von den Lippen fallen
Im Überschwang! Doch ist mein Herz so voll -
Zum Brechen, sag ich dir - wie eine Knospe,
Der nur der letzte Sonnenstrahl gefehlt
Bis heute - du! Mein Gott, wie oft im Lauf
Der vielen Wochen all, die Tag um Tag
Und Nacht für Nacht du über deinem Werk
Gesessen - trat ich über diese Schwelle,
Entschlossen, dieses volle, heisse Herz,
Dies zuckende - so in die Hand zu nehmen,
Wie eine nestentschlüpfte, junge Brut,
Und dirs zu zeigen, und zu sagen: "Schau -
So ists, und solche Flügel könnt es kriegen,
Wenn --



142 Werner.
Nun? Ich weiss noch immer nichts!


Klang.
Natürlich!
Du sassest ja nur immer so, das Haupt,
Das fiebernde, gestützt in beide Hände,
Und hörtest halbe Worte, wie du sie sprachst!
Auch war ich meiner Sache noch nicht ganz
Gewiss -


Werner (lächelnd).
Ich weiss noch immer nichts!


Klang
(hat seine Hand ergriffen, und drängt ihn unter die Balkonthür.)
Siehst du
Die Thür dort hinter Blumen?


Werner (betreten).
Nicht seit heut erst!
Was solls - mit ihr?


Klang (kopfschüttelnd).
Und mehr - mehr sahst du nicht,
Die ganze Zeit her?


Werner
(nach einer Pause stockend).
Doch - einmal! Des Nachts . . .
Der Mond stand hoch am Himmel, da erwacht ich,
Und sah ein Weib dort stehn - in fliessende
Gewande ganz gehüllt, um sich, vom Wind,
Wie Schleier leicht gebläht, den goldnen Mantel
Des offnen Haars . . . doch als ich wie behext
Emporfuhr, ganz erwachend, wars vorüber,
Und nur der lichte Vorhang flatterte
Noch einmal drüben auf . . .



143 Klang (rasch).
Und seitdem?


Werner.
Ja -
Seitdem bliebs eben leer und öd da drüben,
Wie früher auch! Nicht einmal eine Hand -
Die Hand, die doch die Blumen pflegen musste,
Gelang s mir, zu erspähn! Und also nahm ich
Für einen Traum, was ich gesehn; und nur
Wenn heiss vom innern Schauen meine Augen
Hinüberwanderten, dacht ich, dort wohne
Vielleicht - (hält, den Kopf schüttelnd, ein) Nein!


Klang (gespannt).
Wer?


Werner.
Nun, lach mich aus, wenns dir
Gefällt, doch war mir der Gedanke lieb schon:
So dacht ich denn: dort wohnt die Poesie!


Klang (verzückt).
Weiss Gott - weiss Gott! Die Poesie! Ernst - Träumer -
Ich möcht dich küssen für dies Wort!


Werner.
Genug,
Dass dus verstehst! Und was weisst du von - drüben?


Klang.
Ich sah, was du gesehn in jener Nacht,
Nur besser - näher - länger -


Werner (atemlos).
Und?



144 Klang.
Und sah,
Dass es ein jugendwarmes Weib, dem Blut
Die Wangen rötete und weiche Sinne
Die Seele wachgeküsst . . . was mach ich Worte?
Dies Weib ward mein, indes du hier geträumt,
Und sie ists, die mir heut das Herz so froh macht!
(Da Werner, wie schwindelnd um sich tastend, auf einen Stuhl sinkt.)
Was hast du?


Werner.
Nichts . . . es geht vorüber - all
Die schlummerlosen Nächte . . . Du begreifst!


Klang.
Ich sehs: du gabst dem Werk hier deine Seele!


Werner (finster).
Die ganze nicht . . . noch nicht! Fahr fort!


Klang.
Genug!
Du wirst sie sehn . . . Du musst! s ist deutsches Blut,
Und echtes, das mir ihre Küsse süss macht,
Und stark das Mannesherz! Was sag ich dir?
Ein ganzes Weib! Die will nicht bloss gefreit sein
Wie andre - zwischen einem Schmaus und Thränen -
Die will als Hochzeitsangebinde nicht
Viel wenger, als die Freiheit ihrer Heimat,
Die Freiheit, wie viel tausend junge Köpfe
Sie träumen jetzt bei und daheim, bereit
Im nächsten Augenblick für sie zu bluten!
Und ich versprach -


Werner
(hat sich in höchster Erregung erhoben; mit heiserer Stimme).
Und du versprachst?



145 Klang.
Was hast du?


Werner
(sinkt auf seinen Stuhl zurück, dumpf)
Und du versprachst es?!


Klang.
Bin ich doch ein Mann!
(Pause; dann, innig.)
Komm mit!


Werner
(den Blick starr auf ihn gerichtet).
Wünsch dir den Blitz nicht an die Seite!


Klang.
Du träumst noch!


Werner (bedeutungsvoll).
Ich hab ausgeträumt, und drum
Ists besser so . . .


Klang (übermütig).
Ah - übrall deine Schatten -
Im hellsten Sonnenlicht!


Werner
(hat sich erhoben; gross)
Lachst du? Ich sag dir:
Veracht sie nicht! denn durch dies Zimmer sind sie
Gegangen - leibhaftig wie ich und du -
Und jetzt noch sind sie da, und überragen
Mein Wollen und vielleicht dein - Leben! Gut,
Dass ich geknebelt sie mit diesen Versen -
Dass eine Hand - so stark als rein - die Hand
Der Kunst sie weggewischt von meiner Seele!
Doch vorgezeichnet waren sie schon; und
Sie spiegelten sich in den erznen Wänden



146 Des Riesensaals, durch den das Schicksal geht,
Mit den granitnen Augen . . . Schatten -
Schatten?
Schatten war jede That, eh sie geschah,
Vorausgeworfen von der Macht des Willens.



HILF MIT !!!
Typewriter Mac.png
Eigene Texte hochladen

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