Ez wolte ein affe uber einen se - Bruder Werner

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Bruder Werner (Wernher)

Ez wolte ein affe über einen sê (1229-31)

Text

Ez wolte ein affe(66) über einen sê, do enkunde er wol geswimmen niht,

er bat ein schorpen, daz si in vuorte, alsô diu âventiure giht:(67)

ez sazte in ûf die bulen(68) sîn und vuorte verre in den tîch.(69)

Dô er kam mitten ûf den wâc, ez sprach: 'ich wil ze grunde gân,

dune gebest mir daz herze dîn, ich wil dich hie ertrinken lân.(70)

der affe bot im vür daz herze sîne lide gar gelîch,

es enwolte wan daz herze sîn.

daz schorpe vlôz dem lande ein teil ze nâhe,

der affe spranc ûz an den sant, dar umbe kam diu schorpe in pîn.

daz sult ir vür ein bîspel(71) ouch emphân:

der keiser der ist komen ûz und ist gesprungen an den stat;(72)

ir mietegernden schorpelîn, er tuot iuch des an den saelden mat!(73)

Übersetzung

Es wollte mal ein Affe über einen See, aber weil er nicht schwimmen konnte, bat eine Schildkröte, daß sie ihn hinüberbringe. So lautet die Geschichte: Sie setzte ihn auf ihren Panzer und schwamm weit in den Teich hinein. Als sie mitten auf auf dem Gewässer angekommen war, sagte sie: 'Ich werde jetzt untertauchen und dich ertrinken lassen, wenn du mir nicht dein Herz gibst.' Der Affe bot ihr anstelle seines Herzens sofort alle seine Glieder an, doch sie wollte nur sein Herz. Die Schildkröte kam (währenddessen) dem Land etwas zu nahe, und der Affe sprang hinüber auf das Ufer; das brachte die Schildkröte in Not. Dies sollt ihr als ein Gleichnis verstehen: der Kaiser ist herausgekommen und ist auf festes Land gesprungen:

ihr geldgierigen Schildkrötchen, damit setzt er euer Glück matt!

Anmerkungen

Information

1. bispel auf Grundlage einer orientalischen Fabel: einsträngige Fabel u. anschließenden Auslegung durch Übertragung auf reales Geschehen 2. Historischer Bezug: Anspielung auf prinzipiellen Konflikt zwischen imperium und sacerdotium

  • wird als Fabel erzählt, dann aber als bîspel erläutert (Fabel ist selbsterklärend, Epimythion nur als Wiederholung der Lehre)
  • fehlgeschlagener Erpressungsversuch, Todesgefahr und zufällige Rettung des Kaisers
  • aktualisiert im Angriff des Papstes auf Sizilien während Friedrichs II. Palästina-Aufenthalt (1229/30)
  • Schildkröte = Papst; negative Darstellung: hinterhältig; Ausnutzen der Schwäche des Affen (Einfall in Sizilien); Unachtsamkeit (Papst realisiert zu spät die Rückkehr des Kaisers nach Italien)
  • Affe = Kaiser (keine pejorative Bedeutung: Affe im Mittelalter als kluges Tier angesehen)
  • schorpelîn: deutsche Ritter, die dem Kaiser Hilfe verweigerten und ihn auf der Rückreise ermorden wollten (Schönbach); oder: allgemein für Papstanhänger
  • Gerdes: Generalisierung: das einzelne Ereignis hat exemplarische Bedeutung: Spruch nicht auf den Einzelfall bezogen, sondern allgemeine Lehre: kritikwürdiges Verhalten von Papst und Fürsten; Aufzeigen, daß der Kaiser die Oberhand behält -> Standesethik

Müller (1993) 1. historische Anspielungen in den Strophen verweisen auf Entstehung im 2. Viertel des 13.Jhs. 2. Biographisches: fahrender Berufssänger v.a. im bayerisch-österreichischen Raum; evt. geistige Ausbildung oder Tätigkeit (Bruder Werner)

Literatur Müller, U., Untersuchungen zur politischen Lyrik des Mittelalters. Göppingen 1974 Schönbach, A.E., Beiträge zur Erklärung altdeutscher Dichtwerke III/IV: Die Sprüche des Bruder Wernher I/II. Wien 1904/1905 Thurnher, E., Die Tierfabel als Waffe des politischen Kampfes. Zur Deutung der Fabelsprüche des Bruder Wernher. In: Römische historische Mitteilungen 18 (1976) 55-66; dann in: Thurnher, E., Politik und Dichtung im Mittelalter. Wien 1988 Gerdes, U., Bruder Wernher. Beiträge zur Deutung seiner Sprüche. Göppingen 1973 Gerdes, U., Zeitgeschichte in der Spruchdichtung. Beobachtungen an der Lyrik Bruder Wernhers. In: Euph. 67 (1973), 133-156 Spechtler, F.V., Strophen und Varianten. Zur Sangspruchlyrik des 13.Jhs. am Beispiel des Bruder Wernher. In: McDonald, W. (Hg.), Spectrum Medii aevi. Essays in Early German Literature in Honor of Georg Fenwick Jones. Göppingen 1983, 491-508 Brunner, H., Die Töne Bruder Wernhers. Bemerkungen zur Form und formgeschichtlichen Stellung. In: M. Just & R. Wiesend, (Hg.): Liedstudien. FS Wolfgang Osthoff, Tutzing 1989, 47-60

Endnoten

eLib.at über Archivkopie von peterweinreich.de (lt. eMail von 2006).

  • 66. 20. affe: Affe galt im Orient und Frühmittelalter nicht als dumm, sondern als intelligent (Bild vom dummen Affen erst durch menschlichen Maßstab)
  • 67. 21. also diu aventiure giht: Hinweis auf überkommene Überlieferung, schriftliche Quelle; Autorität des Verbürgten
  • 68. 22. oder: Buckel
  • bule: evt. lat. bula, Nebenform von bulla = halbkreisförmige Wölbung
  • evt. Wortspiel mit der päpstlichen Bannbulle (Schönbach)
  • 69. 23. oder: und führte in mitten in den Teich hinein (Müller)
  • 70. 24. oder: 'Ich werde auf den Grund schwimmen, / wenn du mir nicht dein Herz gibts, sonst werde ich dich hier ertrinken lassen.'
  • 71. 25. bîspel: Gleichnis, Fabel, Lehrgedicht
  • 72. 26. keiser: Ansatzpunkt zur Auslegung des bîspels: der Kaiser hat sich aus einer gefährlichen Lage befreit (Todesgefahr, Erpressung)
  • 73. 27. wörtl.: er setzt euch daher an Glück matt
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