Frauencomics - feministische Comics - Lesbencomics - Ute Huber - 2004

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My Motherfuckin' Space ·
Frauencomics, feministische Comics, Lesbencomics.
Huber Ute (Autor) · Wien 2004 ()

Herausgeber:  · Verlag:  · (Ed)
ISBN/ISBN13:/ · ISSN:
Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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 ·  ·  · Erweiterte und leicht abgeänderte Version der Beitrages aus [sic!] (März 2004).
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Huber Ute: My Motherfuckin' Space . In: eLib.at (Hrg.), 19. Januar 2019. URL: http://elib.at/
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 ·  · Artikel ·
Germanistik · Gender Studies · Comic · Feminismus · Kunst
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My Motherfuckin' Space

Frauencomics, feministische Comics, Lesbencomics.


Frauencomics, feministische Comics, Lesbencomics. Die gute Nachricht: Es gibt welche! Es ist aber nicht immer leicht, die entsprechenden Bücher oder Hefte zu bekommen.


Und es gibt noch dazu eine ganze Menge! Ein kaum überraschender Zusatz: Eine Möglichkeit, die Vielfalt an unterschiedlichsten Cartoons dieser Art auf einen Nenner zu bringen, sehe ich nicht. Es ist nicht immer leicht, die entsprechenden Bücher oder Hefte zu bekommen; sie sind oft in wenigen Ausgaben erschienen und vergriffen, in Bibliotheken nicht aufgenommen, aus Übersee zu bestellen oder in Antiquariaten auszugraben, es sei denn, frau beschränkt sich auf die eben erst erschienenen Bände; genau dies werde ich der Einfachheit halber im folgenden auch tun.

Doch lange Zeit habe ich mich für Comics nicht interessiert, habe mich generell für Bilder nicht interessiert; ich hatte die Nase voll von den langhaarigen Damen im schwarz glänzenden Korsett, die in den Hinterzimmern diverser Shops von den Wänden starren, genauso wie ich mich für unterernährte Palmers- Beine, laszive Labello- Lippen und lockiges Wella- Haar einfach nicht begeistern konnte. Die Vorschreibung, wie Frauen zu sein haben, zieht sich durch unseren Alltag vom Werbeplakat zur Fernsehwerbung bis zur Kunstausstellung. Wozu soll ich mir das ansehen, wofür die Augen überhaupt aufmachen, dachte ich; lange Zeit hatte ich einfach nicht den Nerv, meine Augen zu etwas Anderem zu gebrauchen denn als primitiven Orientierungssinn.

Als ich begriffen hatte, dass weibliche Aggression nicht ausschließlich und notwendigermaßen mit gesellschaftlicher Isolation sanktioniert wird, hat es auch funktioniert, den Dingen ins Gesicht zu sehen. Und dann ging es darum, ein Gegengewicht zu setzen zu der Überfülle präskriptiv- patriarchaler Bilder. "My role models don't wear Bikinis, got it?" Diane DiMassas Karikatur von Superman, dessen Heldenbrust eine Spermazelle ziert, ist völlig verwirrt darüber, dass großbusige Comic-Heldinnen als Identifikationsfiguren genausowenig herhalten können wie Spiderman oder Batman.

Als Projektionsfläche für fraulich-feministische Rachegelüste dient in diesem Fall Hothead Paisan: Homicidal Lesbian Terrorist. Nicht nur Superman wird von ihr gekonnt k.o. geschlagen und in den Kanal verfrachtet. Sexistische Werbedesigner werden von der eigenen Plakatwand zerquetscht und die unvermeidlichen Prolos an der Straßenecke bekommen statt des üblichen bösen Blickes eine Handgranate zugeworfen.

Hothead, koffeinsüchtige Katzenbesitzerin in Pyjamahosen und löchrigen Martens, schwankt zwischen männermordenden Anschlägen und selbstzerstörerischer Depression. Die unterernährte Figur mit übergroßen Augen und schwarzem Strubbelhaar war ursprünglich - fama dicit - das Ergebnis einer Drogentherapie in den 90ern in NY. Der Handlungsverlauf entbehrt in der Tat nicht eines gewissen Surrealismus: Katzen kommunizieren telepathisch mit Menschen und können auch mal das Telefon reparieren, die Sozialarbeiterin ist blind und stößt auf ihre Schützlinge im wörtlichen Sinn, nämlich mit dem Blindenstock, Männer haben prinzipiell zwei Gesichter, dahingehend nämlich, dass auch jeder Penis über Augen, Mund & Mimik verfügt.

"Hothead is the backlash to the backlash", so äußert sich Alison Bechdel, ihrerseits Autorin von "Dykes to watch out for". Seit 1983 kann das Schicksal von Mo, Clarice, Toni & Co mitverfolgt werden; die Figuren altern anscheinend in real time. So kommt es, dass wir mittlerweile meilenweit entfernt sind von den anfänglichen WGs, den VW-Käfer-Fahrten zu Frauendemos, Regenbogenparaden und Kiss Ins, den Sexualneurosen und Kontaktschwierigkeiten. Jetzt geht es um künstliche Befruchtung ja oder nein, Homo- Ehe ja oder nein, Geschlechtsumwandlung ja oder nein, Paartherapie ja oder nein, bleibt Bush Präsident, ja oder nein... Der Cartoon deklariert sich selbst als Mischung aus soap und Politsatire, und so oder so ähnlich erleben wir den Alltag der Frauen aus dem us- amerikanischen Mittelstand, quasi zwischen Barbecue- Wahnsinn und Beziehungskrisen.

Viel hat sich verändert seit den anfänglichen Kämpfen um Publikation von Frauencomics, dem Selbstverlag von Alison Bechdel und dem Zittern um den Fortbestand von Hothead Paisan. Eine der Veteraninnen, deren Bücher immer noch im Handel erhältlich sind, ist Roberta Gregory (www.robertagregory.com). Mitte der 70er hat die Tochter eines Disney- Zeichners ihre ersten Cartoons unter miserabelsten Bedingungen herausgebracht. Eine ihrer Figuren aus den 90ern, "Bitchy Bitch" kommt auf den ersten, flüchtigen Blick eher damenhaft daher; Halbschuhe, kleines Schwarzes, langes Haar. Nicht umsonst heißt sie allerdings Bitchy Bitch, und immerhin ist es kein ästhetisiertes Weibchen, sondern eine wütende Giftzwergin, die da im Mittelpunkt steht. Vielleicht einer der Gründe für “Bitchy Butch”, das alter ego von Bitch, die jetzt ihre eigenen Comic- Bände bekommen hat.

Etwas anders stellen sich die Dinge bei Colleen Coover da. Sie ist Autorin von “Small Favors. Girly porno comic book”, und zumindest bei der Suche nach einem Verlag gab es keine Probleme – anders als noch vor 30 Jahren, als erotische Lesbencomics in den USA aufgrund ihrer “Anzüglichkeit” verboten wurden. Die deutsche Übersetzung ist übrigens vor kurzem im Konkursbuch- Verlag erschienen. Coovers Ziel war es, Pornographie zu schaffen, die für sie selbst und somit auch für andere Frauen ansprechend wirkt. Pornographie erachtet sie als eine der notwendigen Ausdrucksformen von Sexualität; eine der Maximen für Small Favors lautet: “all girls must have fun” – dies ist auch der Satz, mit dem Coover sich in einem Interview von frauenfeindlicher Pornografie abgrenzt.

Die Protagonistinnen, Annie und Nibbil, haben ihren Platz in einer Fantasiewelt; Annie als Mensch, Nibbil als Fee. Beide sind jung und superschlank; dies macht jedenfalls einen der Unterschiede etwa zu Bechdel aus, wo Frauen auch mal älter oder rundlicher sein dürfen und trotzdem über ein Sexualleben verfügen – gar nicht zu reden von Hothead natürlich, die mit ihrem heruntergekommenen Aussehen sowieso keinem der gängigen Schönheitsideale entspricht und die Kosmetikregale im Supermarkt zur Schießbude umfunktioniert.

Was mich bei meinen Recherchen jedenfalls überrascht hat, ist die Fülle von feministischen Cartoons, die große Anzahl von AutorINNEN quer durch Sprachräume und Kulturen. Ich habe mich in meinem Text auf Frauen aus dem us- amerikanischen Raum beschränkt, was natürlich nicht heißen soll, dass bei uns zu Hause nichts zu finden gibt; ich kann beispielsweise den Infoladen im EKH empfehlen, wo die derzeit vergriffenen Hefte (und T- Shirts!) von Jukl hoffentlich bald wieder erhältlich sein werden; Bechdel (www.dykestowatchoutfor.com) und Coover sind üblicherweise lagernd im Frauenzimmer, DiMassa kann mensch ebendort bestellen (einen netten Vorgeschmack gibt’s auf www.hothead.com). Bleibt nur zu wünschen, dass mein kurzer Artikel dazu beigetragen hat, dem Vorurteil von der “Männerdomäne” Comics etwas entgegenzusetzen und weibliches Schaffen auch in diesem Bereich sichtbar zu machen. Und natürlich vielen, vielen Frauen neuen Lesestoff schmackhaft gemacht zu haben.


Zur Autorin

Ute Huber, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Elfriede Jelinek Forschungszentrums, geb. 1981 in Waidhofen an der Thaya, Studium der Germanistik, Amerikanistik (Universität Wien) und der Kulturwissenschaften (Akademie der Bildenden Künste). 2003-2005 Mandatarin der Studienrichtungsvertretung Germanistik. Einjähriges Gaststudium an FU, HU und TU Berlin. Literaturworkshops u.a. an Wiener Volkshochschulen. Studienschwerpunkte: Gender/Queer- Studies, vergleichende Literaturwissenschaft, Lyrik. Mitarbeit an den Buchpublikationen Die Nestbeschmutzerin. Jelinek & Österreich (2002), Werkverzeichnis Elfriede Jelinek (2004), Literaturnobelpreis Elfriede Jelinek (2005) und Elfriede Jelinek: „ICH WILL KEIN THEATER“. Mediale Überschreitungen (2007).


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Zum Artikel

Dieser Artikel ist eine überarbeitete und ergänzte Version eines Artikels, der unter dem Titel My Motherfuckin' Space - Frauencomics, feministische Comics, Lesbencomics in sic! Online, dem Forum für feministische GangArten (sic! Nr. 48 erschienen am 2004-03-24) erschienen ist.

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