Frauenrecht - Hermann Bahr - 1912

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Frauenrecht ·

Bahr Hermann (Autor) · Berlin 1912 ()

Herausgeber: Fischer · Verlag:  · (Ed)
ISBN/ISBN13:389739507X/9783897395077 · ISSN:
Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Bahr Hermann: Frauenrecht . In: eLib.at (Hrg.), 19. Januar 2019. URL: http://elib.at/
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 · Politische Schrift · Monographie ·
Gender Studies · Geschichte · Sozialgeschichte · Germanistik · Politikwissenschaft
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Inhaltsverzeichnis

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Hermann Bahr - 1863-1934


Frauenrecht

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S.Fischer/Verlag Berlin Zweite Auflage 1912

MEINER FRAU

Lido, Pfingsten 1912

Als ich zum erstenmal öffentlich für die Frauen sprach, sagte mir vorher jemand: Ich bin neugierig auf Ihre Argumente! Ich antwortete: Sie werden enttäuscht sein! Er: Warum? Ich: Denn ich bringe gar keine Argumente, weil wir ja niemals aus Argumenten handeln, sondern aus innerer Notwendigkeit, und uns nur nachher dann, um diese zu rechtfertigen, Argumente dazu suchen, was wir uns wirklich ersparen könnten. Er wunderte sich, ich aber bin dabei geblieben.

Es gibt eine Frauenfrage, seit einzelne Frauen das Gefühl haben, daß ihnen unrecht geschieht. Ob auch in Zukunft die Frau von den Menschenrechten ausgeschlossen bleiben soll oder sie ebenso ansprechen darf wie der Mann, das ist eine Frage der sittlichen Empfindung. Fragen der sittlichen Empfindung aber können nicht logisch verhandelt, nicht durch die Vernunft entschieden, mit Gründen weder bewiesen noch widerlegt werden. Menschenfresserei, Sklaverei, Tierquälerei sind nicht durch die Vernunft, sondern durch das Gefühl erledigt worden. Warum fressen wir eigentlich heute keine Menschen mehr ? Sie würden uns gar nicht mehr schmecken. Warum halten wir uns keine Sklaven mehr ? Weil es uns unerträglich wäre, Sklaven zu haben. Warum quälen wir kein Tier? Weil es uns weh tut, ein Tier gequält zu sehen. Dem Jäger tut's nicht weh, und wir können ihm niemals beweisen, daß es ihm weh tun sollte; aber alle, denen es weh tut, können sich versammeln, und nun kommt es darauf an, ob ihr Gefühl die Kraft hat, so viele Menschen anzustecken, daß schließlich auch die Jäger sich zu schämen anfangen. Es ist immer der Prozeß einer Massensuggestion, durch die das neue sittliche Gefühl allmählich produktiv wird, zur Tat, zum neuen sittlichen Gesetz. Änderungen der Sittlichkeit beginnen immer als Gefühlsfragen und werden dann Machtfragen.

Als das junge Bürgertum sich auf die Menschenrechte besann, vergaß es ganz, daß die Frauen auch Menschen sind. Und was noch merkwürdiger ist: die Frauen selbst vergaßen es auch; die Frauen versäumten den großen Augenblick, sie meldeten sich nicht. Obwohl gerade jene Zeit des jungen Bürgertums reich an begabten, ja bedeutenden Frauen war; man erinnere sich der Frauen der großen Revolution, des Weimarischen Kreises und der romantischen Gruppe. Aber diese, statt für die Frauen einzustehen, sonderten sich von den Frauen ab, es war ihnen genug, sich selbst, bloß sich allein den Bedingungen zu entziehen, unter welchen die Frauen leben; sie wurden fahnenflüchtig, verließen ihr eigenes Geschlecht und gingen zu den Männern über. Die Emanzipierte tritt zunächst als Mannweib auf, sie ähnelt sich den Männern an, sie gefällt sich in männlichen Sitten, sie raucht, reitet im Herrensitz, schert sich das Haar, reist gern in Männertracht und biegt ihre Stimme zum Baß hinab. Es ist natürlich, daß dieser Typus zunächst abschreckend wirken muß, besonders auf die Frauen, auf die besten Frauen gerade, die sich ja nicht verleugnen wollen, die sich nicht schämen, Frauen zu sein, die sich dagegen wehren, entweibt und vermannt zu werden.

Aber die Emanzipierte der alten Zeit, diese nicht sehr erfreuliche Virago gibt doch den Frauen das Zeichen, daß eine Frau die Grenzen überschreiten kann, die ihnen bisher die Sitte gesteckt hat. Und nun kommen bald andere, die nicht mehr versuchen, den Unterschied zwischen Mann und Weib zu verwischen. Nein, die Frau ist nicht von derselben Art wie der Mann, die Frau ist von ihrer eigenen Art, aber sie hat dasselbe Recht auf ihre Eigenart wie der Mann auf seine. Ein Südfranzose ist nicht dasselbe wie ein Nordfranzose, ein Schwabe nicht dasselbe wie ein Preuße; der Südfranzose will auch gar nicht zum Nordfranzosen, der Schwabe nicht zum Preußen werden, der Bauer nicht zum Städter, der Kaufmann nicht zum Künstler, jeder ist anders und ist stolz darauf, aber jeder will für sich das Recht, eben dies, was er ist, ganz zu sein und seiner Art gemäß sein Leben zu bestimmen. Mit jedem kommt etwas zur Welt, was noch niemals vor ihm war und nach ihm niemals mehr sein wird; und eben dies ganz Einzige, was jeder ist, wer er auch sei, vollkommen darzustellen, ist seines Lebens Sinn. Lagarde hat gesagt: Jeder Mensch ist ein Gedanke Gottes, und Gott hat nicht die Gewohnheit, denselben Gedanken zweimal zu denken. Dies drückt aus, worauf unsere ganze Gesittung beruht: auf der Ehrfurcht vor der Persönlichkeit. Und die Frau verlangt nichts, als nun auch an unserer Gesittung teilzunehmen. Auch sie will nun Persönlichkeit haben dürfen. Auch sie will nun ihr Leben nach ihrem inneren Gesetz bestimmen, um den Gedanken Gottes auszudenken, der sie ist. Und erst wenn sie sich einst dieses Recht errungen haben wird, dann erst kann überhaupt erscheinen, was „weiblich" ist. Was wir jetzt „Weiblichkeit" nennen, ist ja blos Anpassung an männliche Wünsche; so lange die Frau dem Manne dienen muß, verwandelt sie sich stets in das was ihr Herr braucht. Die jetzige „Weiblichkeit" ist eine Erfindung der Männer, die alles „unweiblich" finden, was ihnen an der Frau, wirtschaftlich oder erotisch, nicht paßt. Die wirkliche „Weiblichkeit" kann erst erscheinen, bis die Frau das Recht haben wird, sich zu zeigen, wie sie ist, ob es nun dem Manne recht ist oder nicht.

Aber dieses Recht wird ja den Frauen heute gar nicht mehr bestritten. Was die Frau braucht, um sich, jede ihren besonderen Anlagen gemäß, entwickeln und erfüllen zu können, soll ihr zugestanden sein. So weit sind wir längst. Man bestreitet ihr nur, daß sie dazu das Stimmrecht nötig hat. Darum geht es jetzt. Aber will man im Ernst behaupten, daß ein Mensch je des anderen Vormund sein kann, daß ein Mensch je den anderen genug kennt, um zu wissen, was der andere braucht ? Was irgendein Mensch zu seiner Entfaltung, Entwicklung und Erfüllung braucht, innerlich und äußerlich, um nicht ein leerer Entwurf, ein bloßes Fragment zu bleiben, das weiß nur eben dieser eine Mensch selbst allein, kein anderer auf der weiten Welt kann es wissen, auch der weiseste nicht, auch der gerechteste nicht. Es gibt auf Erden keine Frau, die jemals einen Mann, einen wirklichen Mann, ganz verstehen wird; und so gibt es auf Erden keinen Mann, der jemals eine Frau, eine wirkliche Frau, ganz verstehen wird. Er sei der weiseste, der beste, der gerechteste, er wird ihr unrecht tun, wenn er über ihr Leben zu bestimmen hat. Und da nun zurzeit unser äußeres Leben in den Parlamenten bestimmt wird, bleibt also der Frau nichts übrig als daß sie auf diese Bestimmungen einzuwirken trachte; sie muß darum gar nicht „für den Parlamentarismus schwärmen". Wir werden auch dieser Form wieder entwachsen und ich möchte noch erleben, daß wir uns ein handlicheres und weniger lärmendes Instrument zu finden wissen. Bis es aber so weit sein wird, muß sich schon auch die Frau mit diesem behelfen.

Werden die Frauen je das Stimmrecht haben? Das hängt nur davon ab, wie stark ihr Gefühl des Unrechts ist. Sie werden es solange nicht haben, als es den Frauen in einem Land nicht unerträglich geworden ist, Gesetzen gehorchen zu müssen, an denen sie nicht mitgewirkt haben. In dem Augenblick aber, wo dies in irgendeinem Land den Frauen unerträglich geworden sein wird, so sehr unerträglich, daß sie Gesetzen, an denen sie nicht mitgewirkt haben, nicht mehr gehorchen können, in diesem Augenblick werden sie das Stimmrecht haben.

Die Frauenfrage wird nicht durch Argumente, sondern bloß durch die suggestive Kraft und die Leidenschaft entschieden, mit der die Frauen das Unrecht empfinden.Wie sich die Männer dazu verhalten, ist dabei ziemlich gleichgültig. Es gibt Männer, die sich einfach im Besitz eines Vorrechts fühlen, auf das sie freiwillig niemals verzichten werden. Es hilft nichts, sie zu fragen, was das für ein Recht ist, das sich bloß auf Geburt gründet. Sie sagen: Wir haben es aber nun einmal und haben die Macht, und was wir haben, geben wir nicht her. Wie der gähnende Fafner: „Ich lieg und besitz, laß mich schlafen!" Es scheint aber doch, daß ihrer heute nicht mehr viele sind. Bedenklicher ist jetzt ein anderer Typus. Der nämlich, der der Frauenfrage sympathisch gegen- übersteht. In allen Fragen ist ja der Mensch, der der Frage sympathisch gegenübersteht, der ärgste. Er gibt im Privatgespräch zu, daß die Frauen „eigentlich" recht haben; „von ihrem Standpunkt aus", wie er betont; als ob jemand mit denselben Beinen zugleich noch auf einem anderen Punkt stehen könnte, als er steht. Er leugnet nicht, daß nach unserem Gefühl doch jeder Pflicht ein Recht entsprechen muß und daß es also nach unserem Gefühl ungerecht ist, den Frauen die gleichen staatsbürgerlichen Pflichten zuzumuten wie den Männern, ohne ihnen dieselben staatsbürgerlichen Rechte zu gewähren wie den Männern. Er will auch das männliche Privileg durchaus nicht verteidigen. Dies alles veranlaßt aber den braven Durchschnittsmann nicht, sich für das Recht der Frau zu regen. Er meint, das sei ihre Sache. Er will abwarten, was die Frauen erreichen. Wenn sie es erreichen, wird er der erste sein, der sich darüber freut, weil er es ja „schon immer gesagt hat". Und schließlich sind dann in allen Ländern auch Männer da, die den Frauen tätig helfen und selbst nach Kräften für das Recht der Frau wirken wollen. Sie werden Feministen genannt und ziemlich verachtet. Sie treten aber den Frauen gar nicht so sehr, wie man meint, aus unmännlicher Verzärtelung bei, auch nicht bloß aus Gerechtigkeitssinn, nicht bloß aus einem generösen Trieb, sich immer zu den Unterdrückten zu stellen, nicht bloß aus Klugheit, die rät, ein Unrecht aufzugeben, das festzuhalten man doch die Kraft nicht mehr hat, aus Einsicht in eine geschichtliche Notwendigkeit, der man sich beugen muß, weil man sie mit allem Widerstand nicht mehr verhindern kann, sondern diese Männer führt den Frauen die Überzeugung zu, daß durch die Frauen die Politik besser werden wird.

Nicht so sehr aus Sympathie für die Frauen fordern diese Männer das Frauenstimmrecht als aus Mitleid mit der Männerpolitik, nicht um der Frauen willen, sondern um der Politik willen, weil sie hoffen, daß mit den Frauen ein neues moralisches Element in die Politik dringen wird, das sie braucht, um der großen Aufgaben der Zeit fähig zu werden. In ganz Europa krankt ja heute die Politik daran, daß sie niemals dazu kommt, sich an die Pflichten der Zeit zu machen. In ganz Europa krankt heute die Politik daran, daß in ihr alles verhandelt wird, nur niemals das, was jetzt die Herzen der Menschen bewegt. In ganz Europa krankt heute die Politik daran, daß in den sämtlichen Protokollen der sämtlichen Kammern sämtlicher Staaten kein Wort von allen unseren großen geistigen und sittlichen Prozessen steht. Die ganze Politik Europas krankt nämlich an den „gelernten" Politikern. In ihren Händen ist sie ein Spiel, ein Sport, eine Technik geworden, worin nun ein Politiker nur immer den anderen noch an Geschicklichkeit, Behendigkeit, Geschmeidigkeit, an Fingerfertigkeit, sozusagen an Koloraturen überbieten will und durchaus kein Platz mehr für unser geistiges und sittliches Bedürfnis ist. Dies kann nur anders werden durch neue Menschen, von allem diesem Kulissenwitz und Intrigentrug noch unberührte Menschen, naive, ja barbarische Menschen, die wieder Ernst machen werden mit der Politik, in der frischen Kraft ihrer reinen Empfindung. Man sagt immer gegen die Frauen, es sei notorisch, daß sie von Politik nichts verstehen. Aber es spricht nichts so sehr für die Frauen, als saß sie von dem, was man heute Politik nennt, nichts verstehen. Und ferner: Was gilt es denn heute ? Eine alte Welt versinkt, eine neue entsteht. Das Prinzip jener alten Welt ist die rohe Gewalt. Sie beruht darauf, daß der Stärkere den Schwächeren zu seinem Knecht macht und ihn für sich arbeiten läßt. Das Prinzip der neuen Welt ist die gegenseitige Hilfe, die Caritas, die Liebe. Sie beruht darauf, daß der Starke dem Schwachen hilft, daß jeder nach seiner Kraft leisten soll und jeder nach seinem Bedürfnis empfangen soll. Noch sind wir weit von ihr. Aber wir nähern uns doch. Langsam, sehr langsam. Und in einer glücklicheren Zukunft wird vielleicht einmal jede Nation nur so viel gelten, als sie beigetragen haben wird, diesen Marsch der Menschheit zur Menschenliebe zu beschleunigen. Wer aber hätte mehr das Merkwort dazu als die Frauen ? Wer hätte mehr gelitten unter der rohen Gewalt ? Wer hätte eine reinere Begabung für die gegenseitige Hilfe, die Caritas, die Liebe ?


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