Gedichte (Marie Eugenie Delle Grazie)

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Marie Eugenie Delle Grazie


Gedichte


Hier wurden vom eLib Austria Projekt einzelne Texte, Scan-Fragmente und Ausschnitte aus Werken, sowie Kurzgeschichten und Ähnliches zusammengefügt. Wir möchten uns für diesen Versuch entschuldigen, wollten aber unseren Lesern diese Texte nicht vorenthalten.


Dornröschen

Sie schläft so tief, so märchentief
Hinter schimmernden Rosenhecken -
Doch weiss ich: ob ihr mein Herz auch rief,
Ich kann sie nicht mehr erwecken!
Zur Seite sank das süsse Gesicht,
Und in goldenen Locken fallen
Die Haare darüber - so weich, so dicht,
Gesponnene Sonnenstrahlen.
So zart ist sie, so märchenzart -
Eine Knospe, erst halb erbrochen;
Doch macht ein Grau'n ihre Züge hart:
Sie hat sich zu tief gestochen!
Zu tief - ach, bis ins Herz hinein,
Eh' sie sank in den starren Schlummer -
Das gab dem Antlitz den blassen Schein,
Und ihrem Lächeln den Kummer.
's ist still um sie, so märchenstill -
Warum graut mir vor diesem Schweigen?
Ich kann ihr ja rufen, wann ich will,
Mich küssend über sie neigen.
Umsonst! Was pochst du, Herz so wild,
Und ersehnst was nie ich doch wage?
Dein Glück ward zum ruh'nden Märchenbild,
Und meine Liebe - zur Sage!


Kindheit

Ob der Reigen noch um die Linde geht
In meiner Heimat fern?
Des Cymbals tieftonig Gebrumm,
Der Geigen schluchzendes "Warum?"
Ich hört' es gar so gern...
Ob der Reigen noch um die Linde geht?
In weissen Blüten stand der Baum
Gekleidet wie in Schnee,
Und unten wandelte im Schritt
Der Reigen, und der Mond ging mit,
So hell, dass ich's noch seh'...
In weissen Blüten stand der Baum!
Nun hat das Leben mich gepackt,
Die heissersehnte Welt.
Im Kampf, der tobend mich umsaust,
Erwehr' ich mich der eh'rnen Faust,
Die mordend niederfällt -
Nun hat das Leben mich gepackt!
Doch schleichen in das Dunkel sich
Gestalten, wie im Traum.
Von Stimmen klingt es, süss und leis,
Und Kleider flattern blütenweiss,
Und keusch bis an den Saum -
Sie schleichen in das Dunkel sich ...
Ob der Reigen noch - um die Linde geht?
Dann leg' ich wohl die Hand
Vors Aug', und sinn' das Herz mir wund -
Mein Leben, ach! für eine Stund'
In jenem Zauberland!
Ob der Reigen noch - um die Linde geht ...?


Neapel

Eine schimmernde Atlasfläche, liegt
Im Mittagssonnenbrande das Meer,
Hier - dort und fernhin tanzt
Auf schäumenden Wogenkämmen
Verstreuter Lichtfunken blitzende Goldsaat,
Und in den Malachitglanz
Der schaukelnden Fluten taucht,
Eine badende Schönheit, das Lichtbild Neapels!
Wie dehnt und streckt
Und wiegt sie die blendenden Glieder,
Die Zauberin! Wie lacht es mit tausend Stimmen
Sirenenhaft-kokett aus ihrer Brust!
Verdrossen und zürnend lauert
Zu ihr herüber der finstere Vesuv:
Wie lang ach! und gern schon hätt' er
In brünstiger Liebestollheit
Den Schoss der Holden umarmt,
Wie lang ach! und gern schon
Bewältigt ihre süsse, feucht-frohe Schönheit!
Umsonst! Festschmiedete ihn
Ein grausam Geschick, und aus
Der Ferne nur darf er geniessen,
Wonach ihm fiebernde Gier
Den Leib durchschauert....
Sie aber -
Sie jauchzt!
Sie buhlt mit dem Himmel
Und kost mit dem Meer,
Und ihre Kinder klettern
An seinen Lenden empor
Und schaun ihm ins Herz,
Ins heisse, lava-blutende,
Und lachen seiner verschwendeten Gluten
Mit ihrem Lachen: dem sonnig-hellen,
Dem meergott-heitren Lachen Neapels!


Vergessen

In meiner Grossmutter Garten,
Auf der alten Rasenbank,
Wollt' ich die Gespielen erwarten -
Vor dem Beet mit den dunklen Violen -
Sie sollten mich dort holen
Zu einem Maiengang!
Die Stunden kamen und gingen,
Weiss nicht, wie mir geschah -
Da hört' ich die Freunde singen
Und wusst', dass sie mich vergessen,
Dieweil ich in Träumen gesessen -
So einsam stand ich da!
Wie war das nur geschehen?
Ich sann das Herz mir schwer
Und mocht' doch von hinnen nicht gehen -
Denn der süsse Duft der Violen
Stieg auf, so heiss und verstohlen -
Wie ein Zauber wars um mich her...
Vergangen sind und verklungen
Darüber viel Jahr' und Wort' -
Was das Glück auch den andern gesungen:
In meiner Grossmutter Garten,
zwischen Träumen und scheuem Erwarten -
ich sitz' noch immer dort!


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