Herodes und Mariamne (Friedrich Hebbel)

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Friedrich Hebbel

Herodes und Mariamne

Eine Tragoedie in fuenf Akten


Personen:

Koenig Herodes Mariamne, seine Gemahlin Alexandra, ihre Mutter Salome, Schwester des Koenigs Soemus, Statthalter von Galilaea Joseph, Vizekoenig in Abwesenheit von Herodes Sameas, ein Pharisaeer Titus, ein roemischer Hauptmann Joab, ein Bote Judas, ein juedischer Hauptmann Artaxerxes, ein Diener Moses und Jehu desgleichen, sowie noch einige andere Diener Silo, ein Buerger Serubabel und sein Sohn Philo, Galilaeer Ein roemischer Bote Aaron und fuenf andere Richter Drei Koenige aus dem Morgenlande, von der christlichen Kirche spaeter die heiligen zubenannt


Ort: Jerusalem

Zeit: Um Christi Geburt



Erster Akt

Burg Zion. Grosser Audienzsaal.

Joab. Sameas. Serubabel und sein Sohn. Titus. Judas und viele andere. Herodes tritt ein.



Erste Szene

Joab (tritt dem Koenig entgegen). Ich bin zurueck!

Herodes. Dich spreche ich nachher! Das Wichtigste zuerst!

Joab (zuruecktretend, fuer sich). Das Wichtigste! Ich daechte doch, das waere, zu erfahren, Ob unser Kopf noch fest sitzt oder nicht.

Herodes (winkt Judas). Wie steht es mit dem Feuer?

Judas. Mit dem Feuer? So weisst du schon, was ich zu melden kam?

Herodes. Um Mitternacht brach's aus. Ich war der erste, Der es bemerkte und die Wache rief. Irr ich mich nicht, so weckte ich dich selbst!

Judas. Es ist geloescht! (Fuer sich.) So ist es also wahr, Dass er verkleidet durch die Gassen schleicht, Wenn andre schlafen! Hueten wir die Zunge, Sie koennte seinem Ohr einmal begegnen.

Herodes. Ich sah, als alles schon in Flammen stand, Ein junges Weib durchs Fenster eines Hauses, Das ganz betaeubt schien. Ward dies Weib gerettet?

Judas. Sie wollte nicht!

Herodes. Sie wollte nicht?

Judas.

Beim Himmel Sie wehrte sich, als man sie mit Gewalt Hinwegzubringen suchte, schlug mit Haenden Und Fuessen um sich, klammerte am Bett, Auf dem sie sass, sich fest und schrie, sie habe Mit eigner Hand sich eben toeten wollen, Nun komme ihr ein Tod von ungefaehr!

Herodes. Sie wird verrueckt gewesen sein!

Judas. Wohl moeglich, Dass sie's in ihrem Schmerz geworden ist! Ihr Mann war augenblicks zuvor gestorben, Der Leichnam lag noch warm in seinem Bett.

Herodes (fuer sich). Das will ich Mariamnen doch erzaehlen Und ihr dabei ins Auge schaun! (Laut.) Dies Weib Hat wohl kein Kind gehabt! Waer' es der Fall, So sorg ich fuer das Kind! Sie selber aber Soll reich und Fuersten gleich bestattet werden, Sie war vielleicht der Frauen Koenigin!

Sameas (tritt zu Herodes). Bestattet werden? Geht doch wohl nicht an! Zum wenigsten nicht in Jerusalem! Es steht geschrieben--

Herodes. Kenne ich dich nicht?

Sameas. Du hast mich einmal kennenlernen koennen; Ich war die Zunge des Synedriums, Als es vor dir verstummte!

Herodes. Sameas, Ich hoffe doch, du kennst mich auch! Du hast Den Juengling hart verfolgt, du haettest gern Mit seinem Kopf dem Henker ein Geschenk Gemacht; der Mann und Koenig hat vergessen, Was du getan: Du traegst den deinen noch!

Sameas. Wenn ich ihn darum, weil du mir ihn liessest, Nicht brauchen soll, so nimm ihn hin; das waere Ja schlimmer, als ihn eingebuesst zu haben.

Herodes. Weswegen kamst du? Niemals sah ich dich Bis jetzt in diesen Mauern.

Sameas. Deshalb eben Siehst du mich heut! Du hast vielleicht geglaubt, Dass ich dich fuerchtete! Ich fuercht dich nicht! Auch jetzt nicht, wo dich mancher fuerchten lernte, Der dich bisher, ich meine, bis zum Tode Des Aristobolus, nicht fuerchtete! Und nun sich die Gelegenheit mir beut, Dir zu beweisen, dass ich dankbar bin, Nehm ich sie wahr und warne dich mit Ernst Vor einer Handlung, die der Herr verdammt. Die Knochen dieses Weibes sind verflucht, Sie hat die Rettung heidnisch abgewehrt, Das ist, als haette sie sich selbst getoetet, Und da--

Herodes. Ein andermal! (Zu Serubabel.) Aus Galilaea! Und Serubabel, der mich--Sei gegruesst! Du selbst bist schuld, dass ich dich jetzt erst sah!

Serubabel. Viel Ehre, Koenig, dass du mich noch kennst! (Deutet auf seinen Mund.) Nun freilich, diese beiden grossen Zaehne, Die mich zum Vetter eines Ebers machen--

Herodes. Mein eigenes Gesicht vergess ich eher, Als das des Mannes, der mir treu gedient! Du warst, als ich bei euch die Raeuber jagte, Mein bester Spuerhund. Was bringst du mir jetzt?

Serubabel (winkt seinem Sohn). Nicht eben viel! Den Philo, meinen Sohn! Du brauchst Soldaten, ich, ich brauche keine, Und dieser ist ein Roemer, aus Versehn Durch ein ebraeisch Weib zur Welt gebracht!

Herodes. Aus Galilaea kommt mir nichts, als Gutes! Ich lasse dich noch rufen.

(Serubabel tritt mit seinem Sohn zurueck.)

Titus (tritt vor). Ein Betrug, Den ich entdeckte, zwingt mich--

Herodes. Deck ihn auf!

Titus. Die Stummen reden!

Herodes. Deutlich!

Titus. Dein Trabant, Der dir mit einem meiner Zenturionen Die letzte Nacht das Schlafgemach bewachte,--

Herodes (fuer sich). Den Alexandra, meine Schwiegermutter, In meinen Dienst gebracht--

Titus. Er ist nicht stumm, Wie alle Welt von ihm zu glauben scheint; Er hat im Traum gesprochen, hat geflucht!

Herodes. Im Traum?

Titus. Er war im Stehen eingeschlafen, Mein Zenturione weckte ihn nicht auf; Er glaubte die Verpflichtung nicht zu haben, Weil er nicht mit in der Kohorte dient, Doch sah er scharf auf ihn, um, wenn er fiele, Ihn aufzufangen, dass er dich nicht stoere, Denn frueh noch war es, und du lagst im Schlaf. Wie er das tut, faengt dieser Stumme ploetzlich Zu murmeln an, spricht deinen Namen aus Und fuegt den fuerchterlichsten Fluch hinzu!

Herodes. Der Zenturione hat sich nicht getaeuscht?

Titus. Dann muesst' er selber eingeschlafen sein Und waer' ein schlimmres Zeichen fuer die Zukunft Der ew'gen Stadt, als jener Blitz, der juengst Die Woelfin auf dem Capitol versehrt!

Herodes. Ich danke dir! Und nun-- (Er verabschiedet alle bis auf Joab.)

Ja, ja, so steht's! Verrat im eignen Hause, offner Trotz Im Pharisaeerpoebel, um so kecker, Als ich ihn gar nicht strafen kann, wenn ich Nicht aus den Narren Maert'rer machen will; Bei jenen Galilaeern etwas Liebe, Nein, eigennuetzige Anhaenglichkeit, Weil ich der Popanz bin mit blankem Schwert, Der aus der Ferne ihr Gesindel schreckt; Und--dieser Mensch bringt sicher schlechte Botschaft, Er war zu eilig, mir sie zu verkuenden. Denn der sogar, obgleich mein eigner Knecht, Tut gern, was mich, verdriesst, wenn er nur weiss, Dass ich mich stellen muss, als merkt' ich's nicht! (Zu Joab.) Wie steht's in Alexandrien?

Joab. Ich sprach Antonius!

Herodes. Ein wunderlicher Anfang! Du sprachst Antonius? Ich bin's gewohnt, Dass meine Boten vorgelassen werden; Du bist der erste, der es noetig findet, Mir zu versichern, dass ihm das gelang.

Joab. Es ward mir schwer gemacht! Man wies mich ab, Hartnaeckig ab!

Herodes (fuer sich). So steht er mit Octav Noch besser, als ich dachte! (Laut.) Das beweist, Dass du die rechte Stunde nicht gewaehlt!

Joab. Ich waehlte jede von den vierundzwanzig, Woraus der Tag besteht; wie man auch trieb, Ich wich nicht von der Stelle, nicht einmal, Als die Soldaten mir den Imbiss boten, Und, da ich ihn verschmaehte, spotteten: Er isst nur, was die Katze vorgekostet Und was der Hund zerlegt hat mit dem Maul! Am Ende glueckte mir--

Herodes. Was einem Kluegern Sogleich geglueckt waer'--

Joab. Bei ihm vorzukommen! Doch war's schon Nacht, und anfangs musst' ich glauben, Er haett' mich rufen lassen, um den Spass Der hoehnenden Soldaten fortzusetzen; Denn, wie ich eintrat, fand ich einen Kreis Von Trinkern vor, die sich auf Polstern streckten, Er aber fuellte selbst mir einen Becher Und rief mir zu: Den leere auf mein Wohl! Und als ich des mich hoeflich weigerte, Da sprach er: Wenn ich den da toeten wollte, So brauchte ich ihn nur acht Tage lang An meinen Tisch zu ziehn und den Tribut, Den Erd' und Meer mir zollen, draufzustellen, Er wuerde muessig sitzen und verhungern Und noch im Sterben schwoeren, er sei satt.

Herodes. Ja, ja, sie kennen uns! Das muss sich aendern! Was Moses bloss gebot, um vor dem Rueckfall In seinen Kaelberdienst dies Volk zu schuetzen, Wenn er kein Narr war, das befolgt dies Volk, Als haett' es einen Zweck an sich, und gleicht Dem Kranken, der nach der Genesung noch Das Mittel, das ihn heilte, fort gebraucht, Als waeren Arzenei und Nahrung eins! Das soll--Fahr fort!

Joab. Doch ueberzeugte ich Mich bald, dass ich mich irrte, denn er tat Beim Trinken alle Staatsgeschaefte ab, Ernannte Magistrate, ordnete Dem Zeus das Opfer an, vernahm Auguren Und sprach die Boten, wie sie eben kamen, Nicht mich allein. Es sah besonders aus. Ein Sklav' stand hinter ihm, das Ohr gespitzt, Die Tafel und den Griffel in der Hand, Und zeichnete mit laecherlichem Ernst Das auf, was ihm in trunknem Mut entfiel. Die Tafel liest er dann, wie ich vernahm, Am naechsten Morgen durch im Katzenjammer Und haelt so treu an ihren Inhalt sich, Dass er, dies soll er juengst geschworen haben, Sich selbst mit eigner Faust erdrosseln wuerde, Wenn er die Welt, die ihm gehoert, am Abend Im Rausch verschenkt und sich dabei des Rechts Auf einen Platz darin begeben haette. Ob er dann auch im Zickzack geht, wie nachts, Wenn er sein Lager sucht, ich weiss es nicht, Doch daeucht mir eins dem andern voellig gleich.

Herodes. Du siegst, Octavian! Es fragt sich bloss, Ob frueher oder spaeter. Nun?

Joab. Als endlich An mich die Reihe kam, und ich den Brief Ihm ueberreichte, den ich fuer ihn hatte, Da warf er ihn, anstatt ihn zu eroeffnen, Veraechtlich seinem Schreiber hin und liess Ein Bild durch seinen Mundschenk bringen; dieses Sollt' ich betrachten und ihm sagen, Ob ich es aehnlich faende oder nicht.

Herodes. Das war das Bild--

Joab (haemisch). Des Aristobolus, Des Hohenpriesters, der so rasch ertrank. Es war ihm laengst durch deine Schwiegermutter, Durch Alexandra, die mit ihm verkehrt, Schon zugeschickt, doch er verschlang's mit Gier, Als haette er es niemals noch erblickt. Ich stand verwirrt und schweigend da. Er sprach, Als er dies sah: Die Lampen brennen wohl Zu duester hier! und griff nach deinem Brief, Steckt' ihn in Brand und liess ihn vor dem Bild Langsam verflackern, wie ein weisses Blatt.

Herodes. Kuehn! Selbst fuer ihn! Doch--es geschah im Rausch!

Joab. Ich rief: Was machst du da? Du hast ihn ja Noch nicht gelesen! Er erwiderte: Ich will Herodes sprechen! Das bedeutet's! Er ist bei mir verklagt auf Tod und Leben! Nun sollt' ich sagen, wie der Hohepriester Gestorben sei. Und als ich ihm erzaehlte, Beim Baden hab' der Schwindel ihn gepackt, Da fuhr er drein: Gepackt! Ja, ja, das ist Das rechte Wort; der Schwindel hatte Faeuste! Und ich vernahm--verzeihst du's, wenn ich's melde? Dass man in Rom nicht glaubt, der Juengling sei Ertrunken, sondern dass man dich bezichtigt, Du habest ihn durch deine Kaemmerer Ersticken lassen in dem tiefen Fluss.

Herodes. Dank, Alexandra, Dank!

Joab. Jetzt winkt' er mir Zu gehen, und ich ging. Doch rief er mich Noch einmal um und sprach: Du bist die Antwort Auf meine erste Frage mir noch schuldig, Drum wiederhol ich sie. Gleicht dieses Bild Dem Toten? Und als ich gezwungen nickte: Gleicht Mariamne denn auch ihrem Bruder? Gleicht sie dem Juengling, der so schmaehlich starb? Ist sie so schoen, dass jedes Weib sie hasst?

Herodes. Und du?

Joab. Erst hoere, was die andern sagten, Die sich erhoben hatten und das Bild Mit mir umstanden. Lachend riefen sie, Zweideut'ge Mienen mit Antonius wechselnd: Sprich ja! wenn dich der Tote je beschenkte, Dann siehst du ihn auf jeden Fall geraecht! Ich aber sprach: ich wuesste nichts davon, Denn niemals anders, als verschleiert, haett' ich Die Koenigin gesehn, und das ist wahr!

Herodes (fuer sich). Ha, Mariamne! Aber--dazu lach ich; Denn davor werd' ich mich zu schuetzen wissen, So oder so, es komme, wie es will!-- (Zu Joab.) Und welchen Auftrag gab er dir fuer mich?

Joab. Gar keinen! Wenn ich einen Auftrag haette, So haett' ich dir dies alles nicht erzaehlt! Nun schien's mir noetig!

Herodes. Wohl'--Du gehst sogleich Zurueck nach Alexandrien mit mir Und darfst die Koenigsburg nicht mehr verlassen!

Joab. Ich werd auch in der Burg mit keinem reden!

Herodes. Ich glaub's! Wer stirbt den Tod am Kreuz auch gern, Besonders, wenn die Feige eben reift! Mein Stummer wird erwuergt und sollt' er fragen Warum, so sagt man: Weil du fragen kannst! (Fuer sich.) Nun weiss ich's denn, durch wen die alte Schlange So oft erfuhr, was ich--Ein boeses Weib! (Zu Joab.) Besorge das! Ich muss den Kopf noch sehn, Ich will ihn meiner Schwiegermutter schicken! (Fuer sich.) Sie braucht ein Warnungszeichen, wie es scheint.

Joab. Sogleich!

Herodes. Noch eins! Der junge Galilaeer Tritt fuer ihn ein, der Sohn des Serubabel. Den will ich auch noch sprechen, eh' wir ziehn!

(Joab ab.)



Zweite Szene

Herodes (allein). Nun gilt's! Noch einmal! haett' ich bald gesagt, Allein ich seh kein Ende ab. Ich gleiche Dem Mann der Fabel, den der Loewe vorn, Der Tiger hinten packte, dem die Geier Mit Schnaebeln und mit Klau'n von oben drohten, Und der auf einem Schlangenklumpen stand. Gleichviel! Ich wehre mich, so gut ich kann, Und gegen jeden Feind mit seiner Waffe, Das sei von jetzt mir Regel und Gesetz. Wie lang es dauern wird, mich soll's nicht kuemmern, Wenn ich nur bis ans Ende mich behaupte Und nichts verliere, was ich mein genannt, Dies Ende komme nun, sobald es will!



Dritte Szene

Ein Diener (tritt ein). Die Koenigin!

(Mariamne folgt ihm auf dem Fuss.)

Herodes (geht ihr entgegen) Du kommst mir nur zuvor! Ich wollte--

Mariamne. Doch nicht in Person den Dank Fuer deine wunderbaren Perlen holen? Ich wies dich zweimal ab, es noch einmal Versuchen, ob ich meinen Sinn gewendet, Das waer' fuer einen Mann zuviel gewesen Und ganz gewiss zuviel fuer einen Koenig. O nein, ich kenne meine Pflicht, und da du Seit meines muntren Bruders jaehem Tod Mich jeden Tag so reich beschenkst, als wuerbest Du neu um mich, so komme ich auch endlich Und zeige dir, dass ich erkenntlich bin!

Herodes. Ich sehe es!

Mariamne. Zwar weiss ich nicht, wie du Es mit mir meinst. Du schickst fuer mich den Taucher Hinunter in das dunkle Meer, und wenn Sich keiner findet, der um blanken Lohn Des Leviathans Ruhe stoeren will, So tust du deine Kerker auf und gibst Dem Raeuber den verwirkten Kopf zurueck, Damit er dir die Perlen fischt fuer mich.

Herodes. Und scheint dir das verkehrt? Ich liess wohl auch Den Moerder schon vom Kreuz herunternehmen, Als es ein Kind aus einer Feuersbrunst Zu retten galt, und sagte ihm: Wenn du's Der Mutter wiederbringst, so gilt mir das, Als haettest du dem Tod die Schuld bezahlt. Er stuerzte auch hinein--

Mariamne. Und kam er wieder Heraus?

Herodes. Es war zu spaet! Sonst haett' ich ihm Mein Wort gehalten und ihn als Soldat Nach Rom geschickt, wo Tiger noetig sind. Man soll mit allem wuchern, denke ich, Warum nicht mit verfallnem Menschenleben? Es kommen Faelle, wo man's brauchen kann!

Mariamne (fuer sich). Oh, dass er nicht die blut'gen Haende haette! Ich sag ihm nichts! Denn, was er auch getan, Spricht er davon, so scheint es wohl getan, Und schrecklich waer' es doch, wenn er mich zwaenge, Den Brudermord zu finden, wie das andre, Notwendig, unvermeidlich, wohl getan!

Herodes. Du schweigst?

Mariamne. So soll ich reden? Wohl von Perlen! Wir sprachen ja bis jetzt von Perlen nur, Von Perlen, die so rein sind und so weiss, Dass sie sogar in blut'gen Haenden nicht Den klaren Glanz verlieren! Nun, du haeufst Sie sehr bei mir!

Herodes. Verdriesst es dich?

Mariamne. Mich nicht! Du kannst mir dadurch nimmer eine Schuld Bezahlen wollen, und mir daeucht, ich habe Als Weib und Koenigin ein volles Recht Auf Perlen und Kleinodien. Ich darf Vom Edelstein, wie Cleopatra, sagen: Er ist mein Diener, dem ich es verzeihe, Dass er den Stern so schlecht bei mir vertritt, Weil er dafuer die Blume uebertrifft! Doch hast du eine Schwester, Salome--

Herodes. Und diese--

Mariamne. Nun, wenn sie mich morden soll, So fahr nur fort, das Meer fuer mich zu pluendern, Sonst--gib dem Taucher endlich Ruh! Ich stehe Schon hoch genug in ihrer Schuld! Du siehst Mich zweifelnd an? Doch! Doch! Als ich vor'm Jahr Im Sterben lag, da hat sie mich gekuesst. Es war das erste und das einz'ge Mal, Ich dachte gleich: Das ist dein Lohn dafuer, Dass du von hinnen gehst! So war es auch, Ich aber taeuschte sie, denn ich genas. Nun hab ich ihren Kuss umsonst, und das Vergass sie nicht. Ich fuerchte sehr, sie koennte Sich dran erinnern, wenn ich sie besuchte, Die Wunderperlen um den Hals, durch die Du mir zuletzt gezeigt, wie du mich liebst!

Herodes. (fuer sich). Es fehlt nur noch, dass meine linke Hand Sich gegen meine rechte kehrt!

Mariamne. Ich wuerde Zum wenigsten den Willkommstrunk verschmaehn! Und boete sie mir statt gewuerzten Weins Auch im Kristall unschuld'ges Wasser dar, Ich liesse selbst dies Wasser unberuehrt! Zwar wuerde das nichts heissen! Nein! Es waere Auch so natuerlich; denn das Wasser ist Mir jetzt nicht mehr, was es mir sonst gewesen ist: Ein mildes Element, das Blumen traenkt Und mich und alle Welt erquickt, es floesst Mir Schauder ein und fuellt mich mit Entsetzen, Seit es den Bruder mir verschlungen hat, Ich denke stets: im Tropfen wohnt das Leben, Doch in der Welle wohnt der bittre Tod! Dir muss es noch ganz anders sein!

Herodes. Warum?

Mariamne. Weil du durch einen Fluss verleumdet wirst, Der seine eigne, grausam-tueck'sche Tat Dir aufzubuerden wagt! Doch fuercht ihn nicht, Ich widersprech ihm!

Herodes. In der Tat?

Mariamne. Ich kann's! Die Schwester lieben und den Bruder toeten, Wie waer' das zu vereinen?

Herodes. Doch vielleicht! Wenn solch ein Bruder selbst aufs Toeten sinnt, Und man nur dadurch, dass man ihm begegnet, Ja ihm zuvorkommt, sich erhalten kann! Wir sprechen hier vom Moeglichen! Und weiter! Wenn er, an sich zwar arglos, sich zur Waffe In Feindeshaenden machen laesst, zur Waffe, Die toedlich treffen muss, wenn man sie nicht Zerbricht, bevor sie noch geschwungen wird. Wir sprechen hier vom Moeglichen! Und endlich! Wenn diese Waffe nicht ein Einzelhaupt, Nein, wenn sie eines Volkes Haupt bedroht! Und eins, das diesem Volk so noetig ist, Wie irgendeinem Rumpf das seinige. Wir sprechen hier vom Moeglichen, doch denk ich, In allen diesen Faellen wird die Schwester, Als Weib aus schuld'ger Liebe zum Gemahl, Als Tochter ihres Volks aus heil'ger Pflicht, Als Koenigin aus beiden sagen muessen: Es ist geschehn, was ich nicht schelten darf! (Er fasst Mariamnens Hand.) Wenn eine Ruth mich auch nicht fassen mag, Wie haette sie's gelernt beim aehrenlesen, Die Makkabaeerin wird mich verstehn! Du konntest mich in Jericho nicht kuessen, Du wirst es koennen in Jerusalem! (Er kuesst sie.) Und wenn der Kuss dich doch gereuen sollte, So hoere, was dich mir versoehnen wird: Ich habe ihn zum Abschied mir genommen, Und dieser Abschied kann fuer ewig sein!

Mariamne. Fuer ewig?

Herodes. Ja! Antonius laesst mich rufen, Doch, ob auch wiederkehren, weiss ich nicht!

Mariamne. Du weisst es nicht?

Herodes. Weil ich nicht weiss, wie hart Mich meine--deine Mutter bei ihm verklagte!

(Mariamne will reden.)

Herodes. Gleichviel! Ich werd's erfahren. Eins nur muss ich Aus deinem Munde wissen, wissen muss ich, Ob ich und wie ich mich verteid'gen soll.

Mariamne. Ob du--

Herodes. O Mariamne, frage nicht! Du kennst den Zauber, der mich an dich knuepft, Du weisst, dass jeder Tag ihn noch verstaerkte, Du musst es ja empfinden, dass ich jetzt Nicht fuer mich kaempfen kann, wenn du mir nicht Versicherst, dass dein Herz noch fuer mich schlaegt! Oh, sag mir, wie, ob feurig oder kalt, Dann werde ich dir sagen, ob Antonius Mich Bruder nennen, oder ob er mich Zum Hungertod im unterird'schen Kerker, In dem Jugurtha starb, verdammen wird! Du schweigst; Oh, schweige nicht! Ich fuehl es wohl, Dass dies Bekenntnis keinem Koenig ziemt; Er sollte nicht dem allgemeinen Los Der Menschheit unterworfen, sollte nicht Im Innern an ein Wesen ausser sich, Er sollte nur an Gott gebunden sein! Ich bin es nicht! Als du vor einem Jahr Im Sterben lagst, da ging ich damit um, Mich selbst zu toeten, dass ich deinen Tod Nur nicht erlebte, und--dies weisst du nun, Ein and'res wisse auch! Wenn ich einmal, Ich selbst, im Sterben laege, koennt' ich tun, Was du von Salome erwartest, koennte Ein Gift dir mischen und im Wein dir reichen, Damit ich dein im Tod noch sicher sei!

Mariamne. Wenn du das taetest, wuerdest du genesen!

Herodes. O nein! o nein! Ich teilte ja mit dir! Du aber sprich--ein uebermass von Liebe, Wie dieses waere, koenntest du's verzeihn?

Mariamne. Wenn ich nach einem solchen Trunk auch nur Zu einem letzten Wort noch Odem haette, So flucht' ich dir mit diesem letzten Wort! (Fuer sich.) Ja, um so eher taet' ich das, je sichrer Ich selbst, wenn dich der Tod von hinnen riefe, In meinem Schmerz zum Dolche greifen koennte: Das kann man tun, erleiden kann man's nicht!

Herodes. Im Feuer dieser Nacht hat sich ein Weib Mit ihrem toten Mann verbrannt; man wollte Sie retten, doch sie straeubte sich. Dies Weib Verachtest du, nicht wahr?

Mariamne. Wer sagt dir das? Sie liess ja nicht zum Opfertier sich machen, Sie hat sich selbst geopfert, das beweist, Dass ihr der Tote mehr war, als die Welt!

Herodes. Und du? Und ich?

Mariamne. Wenn du dir sagen darfst, Dass du die Welt mir aufgewogen hast, Was sollte mich wohl in der Welt noch halten?

Herodes. Die Welt! Die Welt hat manchen Koenig noch, Und keiner ist darunter, der mit dir Den Thron nicht teilte, der nicht deinetwegen Die Braut verliesse und das Weib verstiesse, Und waer's am Morgen nach der Hochzeitsnacht!

Mariamne. Ist Cleopatra tot, dass du so sprichst?

Herodes. Du bist so schoen, dass jeder, der dich sieht, An die Unsterblichkeit fast glauben muss, Mit welcher sich die Pharisaeer schmeicheln, Weil keiner fasst, dass je in ihm dein Bild Erloeschen kann; so schoen, dass ich mich nicht Verwundern wuerde, wenn die Berge ploetzlich Ein edleres Metall, als Gold und Silber, Mir lieferten, um dich damit zu schmuecken, Das sie zurueckgehalten, bis du kamst; So schoen, dass--Ha! Und wissen, dass du stirbst, Sobald ein andrer starb, aus Liebe stirbst, Um dem, der dir voranging, nachzueilen, Und dich in einer Sphaere, wo man ist Und nicht mehr ist, ich stell mir das so vor, Als letzter Hauch zum letzten Hauch zu mischen-- Das waer' freiwill'gen Todes wert, das hiesse Jenseits des Grabes, wo das Grauen wohnt, Noch ein Entzuecken finden: Mariamne, Darf ich dies hoffen, oder muss ich fuerchten, Dass du--Antonius hat nach dir gefragt!

Mariamne. Man stellt auf Taten keinen Schuldschein aus, Viel weniger auf Schmerzen und auf Opfer, Wie die Verzweiflung zwar, ich fuehl's, sie bringen, Doch nie die Liebe sie verlangen kann!

Herodes. Leb wohl!

Mariamne. Leb wohl! Ich weiss, du kehrst zurueck Dich toetet (sie zeigt gen Himmel) der allein!

Herodes. So klein die Angst?

Mariamne. So gross die Zuversicht!

Herodes. Die Liebe zittert! Sie zittert selbst in einer Heldenbrust!

Mariamne. Die meine zittert nicht!

Herodes. Du zitterst nicht!

Mariamne. Nun fang ich an! Kannst du nicht mehr vertrauen, Seit du den Bruder mir--Dann wehe mir Und wehe dir!

Herodes. Du haeltst das Wort zurueck, Das schlichte Wort, wo ich auf einen Schwur Von dir gehofft: worauf noch soll ich baun?

Mariamne. Und leistete ich den, was buergte dir, Dass ich ihn hielte? Immer nur ich selbst, Mein Wesen, wie du's kennst. Drum denke ich, Du faengst, da du mit Hoffnung und Vertraun Doch enden musst, sogleich mit beiden an! Geh! Geh! Ich kann nicht anders! Heut noch nicht! (Ab.)



Vierte Szene

Herodes. Heut nicht! Doch morgen, oder uebermorgen!-- Sie will mir nach dem Tode Gutes tun! Spricht so ein Weib? Zwar weiss ich's, dass sie oft, Wenn ich sie schoen genannt, ihr Angesicht Verzog, bis sie es nicht mehr war. Auch weiss ich's, Dass sie nicht weinen kann, dass Kraempfe ihr, Was andern Traenenguesse sind! Auch weiss ich's, Dass sie mit ihrem Bruder kurz vorher, Eh' er im Bad den Tod fand, sich entzweit Und dann die Unversoehnliche gespielt, Ja, obendrein, als er schon Leiche war' Noch ein Geschenk von ihm erhalten hat, Das er beim Gang ins Bad fuer sie gekauft. Und doch! Spricht so ein Weib in dem Moment, Wo sie den, den sie liebt, und wenigstens Doch lieben soll--Sie kehrt nicht wieder um, Wie einst, als ich--Sie liess kein Tuch zurueck, Das ihr als Vorwand--Nein, sie kann es tragen, Dass ich mit diesem Eindruck--Wohl, es sei! Nach Alexandria--ins Grab--Gleichviel! Doch eins zuvor! Eins! Erd' und Himmel, hoert's! Mir schwurst du nichts, dir will ich etwas schwoeren: Ich stell dich unters Schwert. Antonius, Wenn er mich deinetwegen fallen laesst, Und deiner Mutter wegen tut er's nicht! Soll sich betruegen, sei's auch zweifelhaft, Ob mir das Kleid, das mich im Sterben deckt, Mit in die Grube folgt, weil mir ein Dieb Es ja noch stehlen kann, du sollst mir folgen! Das steht nun fest! Wenn ich nicht wiederkehre, So stirbst du! Den Befehl lass ich zurueck! Befehl! Da stoesst ein boeser Punkt mir auf: Was sichert mich, dass man mir noch gehorcht, Wenn man mich nicht mehr fuerchtet? Oh, es wird Sich einer finden, denk ich, der vor ihr Zu zittern hat!



Fuenfte Szene

Ein Diener. Dein Schwaeher!

Herodes. Ist willkommen! Das ist mein Mann! Dem reiche ich mein Schwert Und hetz ihn dann durch Feigheit in den Mut So tief hinein, bis er es braucht, wie ich!

Joseph (tritt ein). Ich hoere, dass du gleich nach Alexandrien Zu gehen denkst, und wollte Abschied nehmen!

Herodes. Abschied! Vielleicht auf Nimmerwiedersehn!

Joseph. Auf Nimmerwiedersehn?

Herodes. Es koennte sein!

Joseph. Ich sah dich nie, wie jetzt!

Herodes. Das sei dir Buerge, Dass es noch nie so mit mir stand, wie jetzt!

Joseph. Wenn du den Mut verlierst--

Herodes. Das werd' ich nicht, Denn, was auch kommt, ich trag es, doch die Hoffnung Verlaesst mich, dass was Gutes kommen kann.

Joseph. So wollte ich, ich waere blind gewesen Und haette Alexandras Heimlichkeiten Nie aufgespuert!

Herodes. Das glaube ich dir gern!

Joseph. Denn haette ich das Bildnis nicht entdeckt, Das sie vom Aristobolus geheim Fuer den Antonius malen liess, und haett' ich Ihr Botensenden an Cleopatra Nicht ausgespaeht, und noch zuletzt den Sarg, Der sie und ihren Sohn verbarg, im Hafen Nicht angehalten und die Flucht verhindert, Die schon begonnen war--

Herodes. Dann haette sie Dir nichts zu danken, und mit Ruhe koenntest Du ihre Tochter auf dem Throne sehn, Den sie, die kuehne Makkabaeerin, Gewiss besteigt, wenn ich nicht wiederkehre, Und wenn vor ihr kein andrer ihn besetzt.

Joseph. So mein ich's nicht. Ich meine, manches waer' Dann unterblieben!

Herodes. Manches! Allerdings! Doch manches andre waer' dafuer gekommen. Das gilt nun gleich.--Du zaehltest vieles auf, Eins hast du noch vergessen!

Joseph. Und das waere?

Herodes. Du warst doch mit im Bade, als--

Joseph. Ich war's!

Herodes. Du rangst doch auch mit ihm?

Joseph. Im Anfang. Ja.

Herodes. Nun denn!

Joseph. In meinen Armen hat der Schwindel Ihn nicht erfasst und waere es geschehn, So haett' ich ihn gerettet, oder er Mich mit hinabgezogen in den Grund.

Herodes. Ich zweifle nicht daran. Doch wirst du wissen, Dass keiner, der dabei war, anders spricht, Und da der boese Zufall will, dass du Ihn nicht bloss hinbegleitet, sondern auch Mit ihm gerungen hast--

Joseph. Was haeltst du ein?

Herodes. Mein Joseph, du und ich, wir alle beide Sind hart verklagt!

Joseph. Ich auch?

Herodes. Mein Schwaeher freilich Nicht bloss, auch mein vertrauter Freund bist du!

Joseph. Des schmeichl' ich mir!

Herodes. Oh, waerst du's nie gewesen, Haett' ich, wie Saul, den Spiess nach dir geworfen, Koenntst du durch Todeswunden das beweisen, Dir waere besser, die Verleumdung haette Kein glaeubig Ohr gefunden, und du wuerdest Fuer eine Bluttat, die du nicht begingst, Auch nicht enthauptet werden!

Joseph. Ich? Enthauptet?

Herodes. Das ist dein Los, wenn ich nicht wiederkehre Und Mariamne--

Joseph. Aber ich bin schuldlos!

Herodes. Was hilft es dir? Der Schein ist gegen dich! Und sind denn nicht, gesetzt, dass man dir glaubte, Die vielen, vielen Dienste, die du mir Erwiesen hast, in Alexandras Augen So viel Verbrechen gegen sie? Wird sie Nicht denken: Haette der mich fliehen lassen, So lebte noch, der jetzt im Grabe liegt?

Joseph. Wahr! Wahr!

Herodes. Kann sie denn nicht mit einer Art Von Recht dein Leben fuer ein andres fodern, Das sie durch deine Schuld verloren glaubt, Und wird sie's nicht durch ihre Tochter tun?

Joseph. O Salome! Das kommt von jenem Gang Zum Maler! Jahr fuer Jahr will sie von mir Ein neues Bild!

Herodes. Ich weiss, wie sie dich liebt!

Joseph. Ach, waer' es weniger, so stuend' es besser! Haett' ich das Bild des Aristobolus Entdeckt, wenn ich--Nun kann sie denn ja bald Mein letztes haben, ohne Kopf!

Herodes. Mein Joseph, Den Kopf verteidigt man!

Joseph. Wenn du den deinen Verloren gibst?

Herodes. Das tu ich doch nur halb, Ich werd' ihn dadurch noch zu retten suchen, Dass ich ihn selbst, freiwillig, in den Rachen Des Loewen stecke!

Joseph. Einmal glueckt' es dir! Als dich die Pharisaeer--

Herodes. Jetzt steht's schlimmer, Doch, was mit mir auch werde, dein Geschick Will ich in deine eignen Haende legen: Du warst schon stets ein Mann, sei jetzt ein Koenig! Ich haenge dir den Purpurmantel um Und reiche dir den Zepter und das Schwert, Halt's fest und gib es nur an mich zurueck!

Joseph. Versteh ich dich?

Herodes. Und dass du den Besitz Des Throns dir und mit ihm dein Leben sicherst, So toete Mariamne, wenn du hoerst, Dass ich nicht wiederkehre.

Joseph. Mariamne?

Herodes. Sie ist das letzte Band, das Alexandra Noch mit dem Volk verknuepft, seit ihr der Fluss Den Sohn erstickte, ist der bunte Helmbusch, Den die Empoerung tragen wird, wenn sie Sich gegen dich erhebt--

Joseph. Doch Mariamne!

Herodes. Du staunst, dass ich--Ich will nicht heucheln, Joseph! Mein Rat ist gut, ist gut für dich, bedarf's Der Worte noch? Doch geb ich dir ihn freilich Nicht deinetwegen bloss--Grad aus, ich kann's Nicht tragen, dass sie einem andern jemals-- Das waer' mir bittrer, als--Sie ist zwar stolz-- Doch nach dem Tod--Und ein Antonius-- Und dann vor allem diese Schwiegermutter, Die Toten gegen Toten hetzen wird-- Du musst mich fassen!

Joseph. Aber--

Herodes. Hoer mich aus! Sie liess mich hoffen, dass sie selbst den Tod Sich geben wuerde, wenn ich--Eine Schuld Darf man doch einziehn lassen, wie?--Man darf Selbst mit Gewalt--Was meinst du?

Joseph.

Nun, ich glaube!

Herodes. Versprich mir denn, dass du sie toeten willst, Wenn sie sich selbst nicht toetet! uebereil's nicht, Doch saeum auch nicht zu lange! Geh zu ihr, Sobald mein Bote, denn ich schicke einen, Dir meldet, dass es mit mir aus ist, sag's ihr Und sieh, ob sie zu einem Dolche greift, Ob sie was andres tut. Versprichst du's?

Joseph. Ja!

Herodes. Ich lasse dich nicht schwoeren, denn man liess Noch keinen schwoeren, dass er eine Schlange Zertreten wolle, die den Tod ihm droht. Er tut's von selbst, wenn er bei Sinnen bleibt, Da er das Essen und das Trinken eher Gefahrlos unterlassen kann, als dies. (Joseph macht eine Bewegung.) Ich kenn dich ja! Und dem Antonius Werd' ich dich als den einzigen empfehlen, Dem er vertrauen darf. Du wirst ihm das Dadurch beweisen, dass die Blutsverwandte Dir nicht zu heilig ist, um sie zu opfern, Wenn es Empoerung zu ersticken gilt. Denn dies ist der Gesichtspunkt fuer die Tat, Aus dem du ihm sie zeigen musst. Ihr wird Ein Strassenauflauf folgen, und du meldest Ihm, dass ein Aufruhr ihr vorhergegangen, Und nur durch sie bezwungen worden sei. Was dann das Volk betrifft, so wird es schaudern, Wenn es dein blut'ges Schwert erblickt, und mancher Wird sprechen: Diesen kannt' ich doch nur halb! Und jetzt--

Joseph. Ich seh dich noch! Und nicht bloss heut, Ich weiss gewiss, du kehrst, wie sonst, zurueck.

Herodes. Unmoeglich ist es nicht, darum noch eins!-- (Lange Pause.) Ich schwur jetzt etwas in bezug auf dich! (Er schreibt und siegelt.) Hier steht's! Nimm dieses Blatt versiegelt hin! Du siehst, die Aufschrift lautet--

Joseph. An den Henker!

Herodes. Ich halte dir, was ich dir drin versprach, Wenn du vielleicht ein Stueck von einem Koenig Erzaehlen solltest, der--

Joseph. Dann gib mir auf, Dies Blatt dem Henker selbst zu ueberreichen! (Ab.)



Sechste Szene

Herodes (allein). Nun lebt sie unterm Schwert! Das wird mich spornen, Zu tun, was ich noch nie getan; zu dulden, Was ich noch nie geduldet, und mich troesten, Wenn es umsonst geschieht! Nun fort!--(Ab.)



Zweiter Akt

Burg Zion. Alexandras Gemaecher.



Erste Szene

Alexandra und Sameas.

Alexandra. Dies weisst du nun!

Sameas. Es ueberrascht mich nicht! Nein, vom Herodes ueberrascht mich nichts! Denn, wer als Juengling dem Synedrium Schon Krieg erklaert, wer mit der blanken Waffe Vor seinen Richter hintritt und ihn mahnt, Dass er der Henker ist, und dass der Henker Kein Todesurteil an sich selbst vollzieht, Der mag als Mann--Ha, ich erblick ihn noch, Wie er, dem Hohenpriester gegenueber, Sich an die Saeule lehnte und, umringt Von seinen Soeldnern, die im Raeuberfangen Sich selbst in Raeuber umgewandelt hatten, Uns alle ueberzaehlte, Kopf fuer Kopf, Als stuende er vor einem Distelbeet Und saenne nach, wie es zu saeubern sei.

Alexandra. Ja, ja, es war ein Augenblick fuer ihn, An den er sich mit Stolz erinnern mag! Ein junger Tollkopf, der die Zwanzig kaum Erreicht, wird vors Synedrium gestellt, Weil er in frevelhaftem uebermut Sich einen Angriff aufs Gesetz erlaubt, Weil er ein Todesurteil, das von euch Noch nicht gesprochen ward, vollzogen hat. Des Toten Witwe tritt ihm an der Schwelle Mit ihrem Fluch entgegen, drinnen sitzt, Was alt und grau ist in Jerusalem. Doch weil er nicht im Sack kommt und mit Asche Sein Haupt bestreut, so wird's euch schwach zumut; Ihr denkt nicht mehr daran, ihn zu bestrafen, Ihr denkt nicht einmal dran, ihn zu bedraeuen, Ihr sagt ihm nichts, er lacht euch aus und geht!

Sameas. Ich sprach!

Alexandra. Als es zu spaet war!

Sameas. Haett' ich's eher Getan, so waere es zu frueh gewesen, Ich schwieg aus Ehrfurcht vor dem Hohenpriester, Dem stand das erste Wort zu, mir das letzte, Er war der Alteste, der Juengste ich!

Alexandra. Gleichviel! Wenn ihr in jenem Augenblick Den schlichten Mut der Pflicht bewiesen haettet, So wuerde jetzt kein groessrer noetig sein! Doch nun seht zu, ob ihr--Ei was, euch bleibt Auch wohl ein andrer Ausweg noch! Wenn ihr Mit ihm nicht kaempfen wollt, und in der Tat, Es waer' gewagt, ich rat euch ab, so braucht Ihr mit dem Loewen oder mit dem Tiger Den Kampf nur einzugehn, den er befiehlt!

Sameas. Was redest du?

Alexandra. Du kennst die Fechterspiele Der Roemer doch?

Sameas. Gott Lob, ich kenn sie nicht! Ich halt es fuer Gewinn, nichts von den Heiden Zu wissen, als was Moses uns erzaehlt; Ich mache jedesmal die Augen zu, Wenn mir ein roemischer Soldat begegnet, Und segne meinen Vater noch im Grabe, Dass er mich ihre Sprache nicht gelehrt.

Alexandra. So weisst du nicht, dass sie die wilden Tiere Aus Afrika zu Hunderten nach Rom Hinueberschaffen?

Sameas. Nein, ich weiss es nicht!

Alexandra. Dass sie sie dort in steinerner Arena Zusammentreiben, dass sie ihnen Sklaven Entgegenhetzen, die auf Tod und Leben Mit ihnen kaempfen muessen, waehrend sie Im Kreis herum auf hohen Baenken sitzen Und jubeln, wenn die Todeswunden klaffen, Und wenn das rote Blut den Sand bespritzt?

Sameas. Das hat der wildeste von meinen Traeumen Mir nicht gezeigt, doch freut's mich in der Seele, Wenn sie es tun, es schickt sich wohl fuer sie! (Mit erhobenen Haenden.) Herr, du bist gross! Wenn du dem Heiden auch Das Leben goennst, so muss er dir dafuer Doch einen graesslichen Tribut bezahlen, Du strafst ihn durch die Art, wie er es braucht! Die Spiele moecht' ich sehn!

Alexandra. Der Wunsch wird dir Erfuellt, sobald Herodes wiederkehrt, Er denkt sie einzufuehren!

Sameas. Nimmermehr!

Alexandra. Ich sagt' es dir! Warum auch nicht? Wir haben Der Loewen ja genug! Der Berghirt wird Sich freuen, wenn sich ihre Zahl vermindert, Er spart dann manches Rind und manches Kalb.

Sameas. Vom uebrigen noch abgesehn, wo faende Er Kaempfer? Sklaven gibt es nicht bei uns, Die ihm auf Tod und Leben pflichtig sind.

Alexandra. Den ersten--seh ich vor mir!

Sameas. Wie?

Alexandra. Gewiss! Du wirst, wie jetzt, dein Angesicht verziehn, Du wirst vielleicht sogar die Faeuste ballen, Die Augen rollen und die Zaehne fletschen, Wenn du den grossen Tag erlebst, an dem Er feierlich, wie Salomo den Tempel, Die heidnische Arena weihen wird. Das wird ihm nicht entgehn, und des zum Lohn Wird er den Wink dir geben, einzutreten Und allem Volk zu zeigen, was du kannst, Wenn du dem Loewen gegenueberstehst, Der tagelang vorher gehungert hat. Denn, da es uns an Sklaven fehlt, so sollen Die todeswuerdigen Verbrecher sie Ersetzen, und wer waer' noch todeswuerdig, Wenn der nicht, der dem Koenig offen trotzt!

Sameas. Er koennte--

Alexandra. Zweifle nicht! Es waere schlimm Wenn ihm zu frueh der Kopf genommen wuerde, Es wuerden Plaene mit ihm untergehn, Die selbst Pompejus, der doch heidenkeck Ins Allerheiligste zu treten wagte, Vielleicht--

Sameas (ausbrechend). Antonius, wenn du ihn packst, So will ich dich ein Jahr lang nicht verfluchen! Und tust du's nicht, so--Nun, wir sind bereit!

Alexandra. Er meint, wenn unser Volk sich mit den andern Nicht mischen sollte, wuerden wir den Erdball Von Gott fuer uns allein erhalten haben!

Sameas. Meint er?

Alexandra. Da dem nun aber nicht so sei, So tu es not, die Daemme zu durchstechen, Die uns, wie einen stehnden See vom Meer, Von allen uebrigen noch immer trennten, Und das geschehe dadurch, dass wir uns In Brauch und Sitte ihnen anbequemten.

Sameas. In Brauch und--(Gen Himmel.) Herr! wenn ich nicht rasen soll, So zeig mir an, wie dieser sterben wird! Zeig mir den Tod, der jedem andern Tod Die Schrecken abborgt und verkuende mir, Dass es Herodes ist, fuer den er's tut!

Alexandra. Mach du den Todesengel!

Sameas. Wenn an ihm nicht, So an mir selbst! Ich schwoer's! Wenn ich den Greuel Nicht hindern kann, so will ich meine Ohnmacht Durch Selbstmord strafen, (Mit einer Bewegung gegen die Brust)

eh' der Tag noch kommt, Den er zum ersten Mal beflecken soll! Das ist ein Schwur, der eine Missetat Mir abdringt, wenn ich einer Heldentat Nicht faehig bin. wer schwur noch Groesseres?

Alexandra. Wohl! Nur vergiss nicht: wenn der eigne Arm Nicht stark genug ist, um den Feind zu stuerzen, So muss man einen fremden nicht verschmaehn!

Samea. Und diesen fremden?

Alexandra. Waffnest du dir leicht!

Sameas. Sprich deutlicher

Alexandra. Wer setzte den Herodes Zum Koenig ein?

Sameas. Antonius! Wer sonst?

Alexandra. Weswegen tat er's?

Sameas. Weil er ihm gefiel! Vielleicht auch bloss, weil er uns nicht gefiel! Wann hat ein Heide einen bessern Grund?

Alexandra. Und weiter! Was erhaelt ihn auf dem Thron?

Sameas. Des Volkes Segen nicht! Vielleicht sein Fluch! Wer kann es sagen?

Alexandra. Ich! Nichts, als der Pfiff, Den Zins, den wir dem Roemer zahlen muessen, Alljaehrlich vorm Verfalltag einzuschicken Und ihn sogar freiwillig zu verdoppeln, Wenn sich ein neuer Krieg entzuendet hat. Der Roemer will nur unser Gold, nicht mehr, Er laesst uns unsern Glauben, unsern Gott, Er wuerde ihn sogar mit uns verehren, Und neben Jupiter und Ops und Isis Ihm auf dem Capitol den Winkel goennen, Der unbesetzt geblieben ist bis heut, Waer' er nur auch, wie die, von Stein gemacht.

Sameas. Wenn dem so ist, und leider ist es so, Was hast du von Antonius zu hoffen? In diesem Punkt, du selber sprachst es aus, Versaeumt Herodes nichts. Noch jetzt--ich habe Ihn ziehen sehn! Dem einen Maultier brach Der Rueckgrat, eh' es noch das Tor erreichte! Fuer jeden Tropfen Bluts in seinen Adern Bringt er ihm eine Unze Goldes dar: Glaubst du, er weist es deinethalb zurueck?

Alexandra. Gewiss nicht, fuehrt' ich meine Sache selbst! Allein das tut Cleopatra fuer mich, Und hoffentlich tut's Mariamne auch. Du staunst? Versteh mich recht! Nicht in Person, Da kehrt sie sich wohl eher gegen mich, Nur durch ihr Bild, und nicht einmal durch das, Nein, durch ein andres, das ihr freilich gleicht. Denn wie ein wilder Wald nicht bloss den Loewen Beherbergt, auch den Tiger, seinen Feind, So nistet auch in dieses Roemers Herzen Ein ganzes Wurmgeschlecht von Leidenschaften, Die um die Herrschaft miteinander ringen, Und wenn Herodes auf die erste baut, Ich baue auf die zweite, und ich glaube, Dass die der andern ueberlegen ist.

Sameas. Du bist--

Alexandra. Kein Hirkan, wenn auch seine Tochter! Doch, dass du nicht missdeutest, was ich tat: Ich bin auch Mariamne nicht! Und wenn Antonius den Gemahl, der sie besitzt, Vertilgt, um sich den Weg zu ihr zu bahnen: Sie bleibt die Herrin ihrer selbst und kann Sich huellen in ein ew'ges Witwenkleid. Des aber halt ich mich gewiss, schon hat er Die Hand ans Schwert gelegt, und wenn er's noch Nicht zog, so hielt ihn nur die Ruecksicht ab, Dass dieser glueckliche Soldat Herodes Den Roemern fuer den Ring von Eisen gilt, Der alles hier bei uns zusammenhaelt. Schaff du ihm den Beweis des Gegenteils, Erreg Empoerung, stoer den schlaffen Frieden, So wird er's ziehn!

Sameas. Den schaffe ich ihm leicht! Schon schlug das Volk ihn in Gedanken tot, Es wird erzaehlt--

Alexandra. Drueck du dein Siegel drauf, Und dann eroeffne rasch sein Testament! Den Inhalt kennst du jetzt, die Fechterspiele Stehn obenan, und wenn ein jeder sich Durch seinen Tod um hundert Rutenstreiche Verkuerzt glaubt, oder um das Marterkreuz, So glaubt ein jeder, was er glauben darf. Denn Dinge stehen Israel bevor, Die manchem Herzen den Verzweiflungswunsch Abdringen werden, dass das Rote Meer Das ganze Volk, die heiligen zwoelf Staemme, Verschlungen haett', und Moses selbst zuerst.

Sameas. Ich geh! Und eh' der Mittag kommt--

Alexandra. Ich weiss, Was du vermagst, wenn du den Sack ergreifst Und Wehe! rufend, durch die Gassen ziehst, Als waer' dein Vorfahr Jonas wieder da. Es wird sich zeigen, dass es nuetzlich ist, Zuweilen bei dem Fischer vorzusprechen, Und mit dem Herrn Gevatter zu verzehren, Was er sich selbst goennt, weil es niemand kaeuft.

Sameas. Es wird sich zeigen, dass wir Pharisaeer Die Schmach, die wir erlitten, nicht vergassen, Wie du zu meinen scheinst. Vernimm denn jetzt, Was du erst durch die Tat erfahren solltest: Wir sind schon laengst verschworen gegen ihn, Wir haben ganz Judaea unterwuehlt, Und in Jerusalem,--damit du siehst, Wie fest wir auf das Volk zu zaehlen haben,-- Ist selbst ein Blinder mit in unserm Bund!

Alexandra. Was nuetzt euch der?

Sameas. Nichts! Und er weiss es selbst! Doch ist er so von Hass und Grimm erfuellt, Dass er das Unternehmen mit uns teilen Und lieber sterben, als in dieser Welt, Wenn es misslingt, noch laenger leben will. Ich denke doch, dass dies ein Zeichen ist! (Ab.)



Zweite Szene

Alexandra (allein). Schon schlug das Volk ihn in Gedanken tot! Ich weiss! Ich weiss! Und daran kann ich sehn, Wie sehr man's wuenscht, dass er nicht wiederkehrt. Es traf sich gut, dass ihn der Heuschreckschwarm. Bedeckte, als er fortzog, denn das gilt Als Omen, dass man's nicht vergebens wuenscht. Auch ist es moeglich, dass er wirklich jetzt Schon ohne Kopf--Das nicht! Sprich, wie du denkst, Der Pharisaeer lauscht nicht vor der Tuer! Antonius ist zwar Antonius, Doch auch ein Roemer, und ein Roemer faellt Das Urteil langsam, wie er's schnell vollzieht. Gefangner mag er sein, wenn er auch nicht Im Kerker sitzt! Und wenn man das benutzt, Kann's weiter fuehren. Darum ist es gut, Wenn jetzt ein Aufstand kommt, obgleich ich weiss, Was es an sich bedeutet, und nicht minder, Was es fuer Folgen haben wird, wenn er Doch noch zurueckkehrt. Wenn! Es kann geschehn, Bedenk es wohl! Er schickte, als er ging, Dir einen abgeschlagnen Kopf zum Abschied, Das zeigt dir--pfui, ich sprech ja, wie mein Vater! Es zeigt mir, dass er rasch ist, wie Tyrannen Es sind, und auch, dass er mich schrecken moechte. Das eine wusst' ich laengst, das andre soll Ihm nicht gelingen! Wenn das Schlimmste kaeme, Wenn alles mir missglueckte, und wenn er, Trotz seiner Leidenschaft fuer Mariamne, Die eher steigt, als faellt, und die mich schuetzt, Sobald sie selbst nur will, das aergste wagte-- Was waer's? Um Rache setzt' ich alles ein, Und Rache wuerde mir im Tode noch, Rache an ihm, der's taete, und an ihr, Die es geschehen liesse, nimmer saehe Das Volk, und nimmer Rom, geduldig zu. Und was mich selbst betrifft, so wuerde ich In diesem blut'gen Fall nur um so besser Zu meinen Ahnen passen! Mussten doch Die meisten meines Stamms, die aeltermuetter, Wie aeltervaeter, ohne Kopf die Welt Verlassen, weil sie ihn nicht beugen wollten, Ich teilte dann ihr Los, was waer' es mehr?



Dritte Szene

Mariamne tritt ein.

Alexandra (fuer sich). Sie kommt! Ja, waer' sie von ihm abzuziehn Und zu bewegen, mir nach Rom zu folgen, Dann--Doch, sie hasst und liebt ihn jetzt zugleich! Wag ich noch einen letzten Sturm? Es sei! (Sie eilt auf Mariamne zu.) Du suchst den Trost, wo er zu finden ist! Komm an mein Herz!

Mariamne. Den Trost?

Alexandra. Brauchst du ihn nicht? Dann hab ich dich verkannt! Doch hatt' ich Grund, Dich fuer ein Weib, wie du keins bist, zu halten, Du warst bei mir verleumdet!

Mariamne. Ich? Bei dir?

Alexandra. Man sprach mir von Umarmungen und Kuessen, Die du dem brudermoerdrischen Gemahl Gleich nach dem Mord--Verzeih, ich haette es Nicht glauben sollen.

Mariamne. Nicht?

Alexandra. Nein! Nimmermehr! Aus mehr als einem Grund nicht! Haettest du Dem blut'gen Schatten deines Bruders auch Das schwesterliche Opfer einer Rache Herzlos entziehen koennen, die du nicht Durch Judiths Schwert und nicht durch Rahabs Nagel, Nein, einzig durch ein Wenden deines Mundes Und durch ein stilles Kreuzen deiner Arme Dir nehmen und dem Toten weihen solltest: Er selbst, der Moerder, haette nicht gewagt, Sich dir zu naehern, denn du gleichst dem Toten, Du waerst ihm vorgekommen, wie der Leichnam Des Aristobolus, den man geschminkt, Er haett' sich schaudernd von dir abgewandt.

Mariamne. Er tat das eine nicht, noch ich das andre!

Alexandra. So sei--Doch nein! Vielleicht blieb dir ein Zweifel An seiner Schuld noch. Willst du den Beweis?

Mariamne. Ich brauch ihn nicht!

Alexandra. Du brauchst--

Mariamne. Er gilt mir nichts!

Alexandra. Dann--Doch ich halt den Fluch auch jetzt zurueck, Es hat dich ja ein andrer schon getroffen! Du gehst noch in den Ketten einer Liebe, Die niemals ruhmvoll war--

Mariamne. Ich daechte doch, Ich haett' mir den Gemahl nicht selbst gewaehlt, Ich haette mich nur in das Los gefuegt, Das du und Hirkan ueber mich, die Tochter Und Enkelin, mit Vorbedacht verhaengt.

Alexandra. Ich nicht, mein feiger Vater schloss den Bund.

Mariamne. So tat er, was dir nicht gefiel?

Alexandra. Das nicht! Sonst waere ich zuvor mit dir entflohn, Mir stand die Freistatt in aegypten offen, Ich sag nur, der Entschluss ging aus von ihm, Dem ersten Hohenpriester ohne Mut, Und ich bekaempfte bloss den Widerwillen, Mit dem ich anfangs ihn vernahm. Allein Ich tat es, denn ich fand des Feiglings Handel In kurzem gut, und gab fuer Edoms Schwert Die Perle Zions, als er draengte, hin! Ja, waer' die Schlange, die Cleopatra Um jene Zeit gestochen, eine gift'ge Gewesen, oder waer' Antonius Auch nur auf seinem Zug hieher gekommen, Ich haette nein gesagt! Nun sagt' ich ja!

Mariamne. Und dennoch--

Alexandra. Ich erwartete von dir, Dass du den Kaufpreis nicht vertaendeln wuerdest, Und dass du den Herodes--

Mariamne. Oh, ich weiss! Ich haette mir von ihm fuer jeden Kuss Im voraus einen Kopf, der dir missfiel, Bedingen und zuletzt, wenn keiner dir Mehr trotzte, als sein eigner, ihn zum Selbstmord Bewegen, oder auch, wenn das nicht ging, An ihm in stiller Nacht die Katzentat Der Judith listig wiederholen sollen, Dann haettst du mich mit Stolz dein Kind genannt!

Alexandra. Mit groesserem, als jetzt, ich leugn' es nicht.

Mariamne. Ich zog es vor, dem Mann ein Weib zu sein, Dem du mich zugefuehrt, und ueber ihn Die Makkabaeerin so zu vergessen, Wie er den Koenig ueber mich vergass.

Alexandra. Du schienst dich doch in Jericho auf sie Noch einmal zu besinnen, wenigstens Warst du die erste, die mit einer Klage Hervortrat, als ich selbst sie noch zurueckhielt, Um dich zu pruefen. War's nicht so?

Mariamne. In Jericho Verwirrte mich das graessliche Ereignis, Es kam zu schnell, vom Tisch ins Bad, vom Bad Ins Grab, ein Bruder, ja, mir schwindelte! Doch, wenn ich meinem Koenig und Gemahl Argwoehnisch und verstockt die Tuer verschloss, Bereu ich's jetzt, und kann's mir nur verzeihn, Weil es geschehn ist, wie in Fiebers Glut!

Alexandra. In Fiebers Glut!

Mariamne (halb fuer sich). Auch haett' ich's nicht getan, Waer' er in Trauerkleidern nicht gekommen! Rot, dunkelrot haett' ich ihn sehen koennen, Doch--

Alexandra. Ja, die fand er rasch! Er hatte sie Voraus bestellt, wie andre Moerder sich, Wo moeglich, Wasser schoepfen, eh' sie morden--

Mariamne. Mutter, vergiss nicht!

Alexandra. Was? Dass du das Weib Des Moerders bist? Das bist du erst geworden, Und bist es nur so lange, als du willst, Ja, bist's vielleicht, wer weiss! schon jetzt nicht mehr; Des Toten Schwester aber warst du stets Und wirst es bleiben, wirst es dann sogar Noch sein, wenn du--du scheinst dazu geneigt-- Ins Grab ihm nachrufst: Dir ist recht geschehn!

Mariamne. Ich bin dir Ehrfurcht schuldig, und ich moechte Sie nicht verletzen, darum halte ein! Ich koennte sonst--

Alexandra. Was koenntest du?

Mariamne. Mich fragen, Wer schuld ist an der Tat, ob der, der sie Vollbrachte, weil er musste, oder die, Die sie ihm abdrang! Lass den Toten ruhn!

Alexandra. So sprich zu einer, die ihn nicht gebar! Ich trug ihn unterm Herzen, und ich muss Ihn raechen, da ich ihn nicht wecken kann, Dass er sich selber raeche!

Mariamne. Raech ihn denn, Doch raech ihn an dir selbst! Du weisst recht gut, Dass es der Hohepriester war, der rings Vom Volk Umjauchzte, selbst schon Schwindelnde, Und nicht der Juengling Aristobolus, Der gegen sich hervorrief, was geschah. Wer trieb den Juengling nun, das sag mir an, Aus seiner Selbstzufriedenheit heraus? Es fehlt' ihm ja an bunten Roecken nicht, Die Blicke schoener Maedchen anzuziehn, Und mehr bedurft' er nicht zur Seligkeit. Was sollt' ihm Aarons Priestermantel noch, Den du zum ueberfluss ihm ueberhingst? Ihm kam von selbst ja kein Gedanke drin, Als der: wie steht er mir? Doch andre hielten Ihn seit dem Augenblick, dass er ihn trug, Fuers zweite Haupt von Israel, und dir Gelang es bald, ihn selbst so zu betoeren, Dass er sich fuer das erste, einz'ge hielt!

Alexandra. Du laesterst ihn und mich!

Mariamne. Ich tu es nicht! Wenn dieser Juengling, der geboren schien, Der Welt den ersten Gluecklichen zu zeigen, Wenn er so rasch ein dunkles Ende fand, Und wenn der Mann, der jeden andern Mann, Wie er sein Schwert nur zieht, zum Weibe macht, Wenn er--ich weiss nicht, ob er's tat, doch fuercht' ich's; Dann tragen Ehrsucht, Herrschgier, zwar die Schuld, Doch nicht die Ehrsucht, die der Tote hegte, Und nicht die Herrschgier, die den Koenig plagt! Ich will dich nicht verklagen, mir geziemt's nicht, Ich will dafuer, dass du uns ein Gespenst, Ein blut'ges, in die Ehekammer schicktest, Von dir nicht eine Reuetraene sehn, Obgleich wir nie jetzt mehr zu zweien sind, Und mir der Dritte so den Sinn verstoert, Dass ich verstumme, wenn ich reden sollte, Und dass ich rede, wenn zu schweigen waer'; Ich will nicht einmal deinen Rachedurst Ersticken, will nicht fragen, was du raechst, Ob deine Plaene oder deinen Sohn: Tu, was du willst, geh weiter, halte ein, Nur sei gewiss, dass du, wenn du Herodes Zu treffen weisst, auch Mariamne triffst; Den Schwur, den ich zurueckhielt, als er scheidend Ihn foderte, den leist ich jetzt: Ich sterbe, Wenn er stirbt. Handle denn und sprich nicht mehr!

Alexandra. So stirb! Und gleich! Denn--

Mariamne. Ich verstehe dich Und deshalb glaubtest du, ich brauchte Trost? O nein! Du irrst! Es schreckt mich nicht, Wenn das Gesindel, das die Auserwaehlten Nur, weil sie menschlich-sterblich sind, ertraegt, Ihn mit dem Mund schon totgeschlagen hat. Was bleibt dem Sklaven uebrig, wenn der Koenig In Pracht und Herrlichkeit vorueberbraust, Als sich zu sagen: Er muss dran, wie ich! Ich goenn ihm das! Und wenn er an den Thron Ganz dicht ein Schlachtfeld rueckt mit tausend Graebern, So lob ich's, es erstickt in ihm den Neid! Doch, dass Herodes lebt und leben wird, Sagt mir mein Herz. Der Tod wirft einen Schatten, Und der faellt hier hinein!



Vierte Szene

Ein Diener. Der Vizekoenig!

Alexandra. Gewiss bewaffnet, wie er immer ist, Wenn er zu uns kommt, seit es ihm misslang, Durch Schmeichelei den Sinn uns zu betoeren, Wie er's im Anfang zu versuchen schien. Weisst du, dass Salome in jener Zeit Vor Eifersucht verging?

Mariamne. Sie tut's noch jetzt! Denn laechelnd und vertraulich sag ich ihm, Wenn sie dabei ist, stets die schlimmsten Dinge, Und da sie selbst nicht muede wird, zu spaehn, So werde ich nicht muede, sie zu strafen Fuer ihre Torheit!

(Joseph tritt ein.)

Alexandra (auf Josephs Waffen deutend).

Siehst du?

Mariamne. Mag er doch! Sein Weib verlangt's, damit sie traeumen kann, Sie habe einen kriegrischen Gemahl.

Alexandra (zu Joseph). Ich bin noch da!

Joseph. Ein seltsamer Empfang.

Alexandra. Mein Sohn ist auch noch da! Er hat, wie einst, In eine Totenkiste sich versteckt. Jag ihn heraus, ich will's dafuer verzeihn, Dass du das einmal ungeheissen tatst. Du musst die Kiste aber diesmal nicht Auf einem Schiff, das nach aegypten segelt, Du musst sie suchen in des Kirchhofs Bauch.

Joseph. Ich bin nicht der, der Tote wecken kann!

Alexandra (mit Hohn gegen Mariamne). Wohl wahr! Sonst waerst du sicher mitgezogen, Um deinen Herrn, wenn ihn sein Knien und Flehn Vor dem Liktorenbeil nicht schuetzen sollte--

Mariamne. Er kniet und fleht!

Joseph (zu Mariamne). Ich kann dir zeigen wie! "Man hat mich des geziehn!" Ich raeum es ein. "Des aber nicht!" Ich fueg es gleich hinzu, Damit du alles weisst!--So wird er's machen.

Alexandra. Prahlst du fuer ihn?

Joseph. So hat er's schon gemacht! Ich stand dabei, da ihn die Pharisaeer Verklagen wollten beim Antonius. Er hatte es statt ihrer selbst getan, Vorausgeeilt ins Lager, wie er war, Und sagte, als sie kamen, Punkt fuer Punkt Die Rechnung wiederholend und ergaenzend: Sprecht, ob ich etwas ausliess oder nicht! Den Ausfall kennst du, mancher von den Klaegern Verlor den starren Kopf, als sie nicht wichen, Er trug des Roemers volle Gunst davon.

Alexandra. Da waren beide juenger, wie sie jetzt sind. Des einen uebermut gefiel dem andern Und um so mehr; weil er auf fremde Kosten Geuebt ward, nicht auf eigne. Kann dem Roemer Der Pharisaeer denn was sein, des Zunge Bestaendig Aufruhr predigt gegen Rom? Wer dem den Bart rauft, kuerzt sein Ansehn! dachte Antonius und lachte, doch ich zweifle, Ob er das auch geschehn laesst an sich selbst!

Joseph. Du sprichst, als wuenschtest du--

Alexandra. Ob unsre Wuensche Zusammengehn, ob nicht, was kuemmert's dich? Halt du den deinen fest! Fuer dich ist's wichtig, Dass er zurueckkehrt!

Joseph. Meinst du? Wenn fuer mich, So auch fuer dich!

Alexandra. Ich wuesste nicht, warum? Es gab schon einmal eine Alexandra, Die eine Krone trug in Israel, Die zugriff, als sie frei geworden war, Und sie nicht liegen liess fuer einen Dieb. Es soll, bei Gott! nicht an der zweiten fehlen, Wenn's wirklich (zu Mariamne) Makkabaeerinnen gibt, Die kind'sche Schwuere halten!

Joseph (aushorchend). Es ist wahr! Solch eine Alexandra gab's einmal, Doch, wer ihr Ziel erreichen will, der muss Ihr Beispiel ganz befolgen, nicht nur halb. Sie soehnte sich, als sie den Thron bestieg, Mit allen ihren Feinden aus, nun hatte Niemand von ihr zu fuerchten, nur zu hoffen, Kein Wunder, dass sie fest sass bis zum Tod!

Mariamne. Das find ich klaeglich! Wozu einen Zepter, Wenn nicht, um Hass und Liebe zu befried'gen? Die Fliegen zu verscheuchen g'nuegt ein Zweig!

Joseph. Sehr wahr! (Zu Alexandra.) Und du?

Alexandra. Sie sah im Traum wohl nie Den Ahnherrn ihres Stamms, den grossen Judas, Sonst haett' sie wahrlich keinen Feind gescheut, Denn noch vom Grab aus schuetzt er seine Enkel, Weil er in keinem Herzen sterben kann. Wie sollt' er auch! Es kann ja niemand beten, Der sich nicht sagen muss: ich dank es ihm, Dass ich noch knieen darf vor meinem Gott Und nicht vor Holz, vor Erz und Stein!

Joseph (fuer sich). Der Koenig Hat recht gehabt! Ich muss die Tat vollbringen, Und zwar an beiden, oder sie erleiden. Ich muss mir auf das Haupt die Krone setzen, Wenn ich's vorm Beil des Henkers sichern will. Hier starrt mir eine Welt von Hass entgegen! Wohlan, sie sprachen sich das Urteil selbst; Ich hab sie jetzt zum letzten Mal geprueft, Und waere nur sein Bote da, ich wuerde Es mitleidslos den Augenblick vollziehn! Jedwede Vorbereitung ist getroffen.



Fuenfte Szene

Ein Diener. Der Hauptmann Titus bittet um Gehoer!

Joseph. Sogleich! (Will gehen.)

Alexandra. Warum nicht hier?

Der Diener. Da ist er schon!

Titus (tritt ein; zu Joseph, heimlich). Was du befuerchtetest, geschieht, das Volk Empoert sich!

Joseph. Tu denn rasch, was ich befahl, Stell die Kohorte auf und ruecke aus!

Titus. Das tat ich schon. Nun komm ich, dich zu fragen, Ob du Gefangne oder Tote willst? Mein Adler packt so gut, als er zerfleischt, Und du musst wissen, was dir besser frommt.

Joseph. Blut darf nicht fliessen!

Titus. Gut! So hau ich ein, Eh' sie die Steinigung begonnen haben, Sonst taet' ich's spaeter!

Joseph. Sahst du Sameas?

Titus. Den Pharisaeer, der sich einst die Stirn An meinem Schild fast einstiess, weil er stets Die Augen schliesst, sobald er mich erblickt? Den sah ich allerdings!

Joseph. Und wie? Sprich laut!

Titus. Auf offnem Markt, von Tausenden umringt, Herodes laut verfluchend!

Joseph (zu Alexandra). Sameas Ging erst vor einer Stunde fort von dir!

Alexandra. Sahst du's?

Titus. (zu Joseph). Erscheinst du selbst?

Joseph. Sobald ich kann! Einstweilen--

Titus. Wohl! Ich geh! (Will gehen.)

Alexandra (ruft ihn um). Ein Wort noch, Hauptmann Warum entzogst du uns die Wache?

Mariamne. Fehlt sie?

Alexandra. Seit gestern abend. Ja!

Joseph. Weil ich's gebot!

Titus. Und weil der Koenig, als er ging, mir sagte: Dies ist der Mann, der meinen Willen weiss, Was er gebietet, das gebiet ich selbst! (Ab.)

Alexandra (zu Joseph). Und du?

Joseph. Ich dachte, Judas Makkabaeus Waer' Schutz genug fuer dich und deine Tochter. Im uebrigen, du hoerst, wie's draussen steht: Ich brauche die Soldaten! (Fuer sich.) Wenn die Roemer So nahe waeren, koennt' es mir missgluecken! Heut schickt' ich Galilaeer!

Alexandra (zu Mariamne). Meinst du noch, Mein Argwohn habe keinen Grund?

Mariamne. Ich weiss nicht, Doch jetzt steckt er mich an. Dies find ich seltsam! Obgleich--Wenn aus der Wand ein Wurfspiess fuehre, Es kaeme mir nicht unerwarteter!

Alexandra. Zwei Stoesse, und der Weg zum Thron ist frei; Denn, gibt es keine Makkabaeer mehr, So kommen die Herodianer dran.

Mariamne. Ich wuerde dich noch, jetzt verlachen, waere Nicht Salome sein Weib!--Bei meinem Bruder, Ihr Kopf ist mein! Ich spreche zu Herodes: Wie du mich raechst an ihr, so liebst du mich! Denn sie, nur sie ist's! Der da nimmermehr!

Alexandra. Du triumphierst zu frueh! Erst gilt's zu handeln, Und diesen Aufstand, daecht' ich, nutzten wir!

Mariamne. Mit diesem Aufstand hab ich nichts zu schaffen, Denn wenn Herodes wiederkehrt, so bleibt Mir nichts zu fuerchten, und wenn nicht, so kommt Der Tod in jeglicher Gestalt mir recht!

Alexandra. Ich geh! (Will ab.)

Joseph (vertritt ihr den Weg). Wohin?

Alexandra. Fuers erste auf die Zinne Und dann, wohin es mir gefallen wird!

Joseph. Zur Zinne steht der Weg dir frei! Die Burg Ist abgesperrt!

Alexandra. So waeren wir Gefangne?

Joseph. Solange, bis die Ruhe hergestellt ist, Muss ich dich bitten--

Alexandra. Was erkuehnst du dich?

Joseph. Ein Stein ist blind, ein roem'scher Wurfspiess auch, Sie treffen beide oft, was sie nicht sollen, Drum muss man ihnen aus dem Wege gehn!

Alexandra (zu Mariamne). Ich steig hinauf und suche meinen Freunden Durch Zeichen kundzutun, wie's mit uns steht.

Mariamne. Durch Zeichen--deinen Freunden--Mutter, Mutter! So bist du's wirklich selbst und nicht das Volk? Wenn du dir selbst nur nicht die Grube graebst!

(Alexandra will gehen.)

Joseph. Du wirst gestatten, dass dich mein Trabant Begleitet. Philo!

Alexandra. Also offner Krieg?

(Philo tritt ein.)

Joseph (redet mit ihm, anfangs leise, dann laut). Du hast verstanden?

Philo. Ja!

Joseph. Im schlimmsten Fall!

Philo. Den wart ich ab, dann--

Joseph. Und mir buergt dein Kopf! (Fuer sich.) Mir daeucht, Herodes' Geist ist ueber mir!

Alexandra (fuer sich). Ich gehe doch! Vielleicht ist der Soldat, Obgleich ein Galilaeer, zu gewinnen! Versuchen will ich es! (Ab.)

(Philo folgt ihr.)

Joseph (fuer sich). Ich kann nicht anders, Wie sehr es mich verdaecht'gen mag, der Aufruhr Zwingt mich zu diesem Schritt, ich darf sie jetzt Nicht aus den Augen lassen, wenn ich mir Die Tat nicht selbst unmoeglich machen will, Denn jede Stunde kann sein Bote kommen! Ihn selbst erwarte ich schon laengst nicht mehr.

Mariamne. Wann starb Herodes?

Joseph. Wann er starb?

Mariamne. Und wie? Du musst es wissen, da du so viel wagst!

Joseph. Was wag ich denn? Du gibst mir Raetsel auf!

Mariamne. Nichts, wenn du glaubst, ich finde keinen Schutz, Sobald die Roemer hoeren, dass mein Leben Bedroht ist, alles, wenn du darin irrst.

Joseph. Und wer bedroht dein Leben?

Mariamne. Fragst du noch? Du!

Joseph. Ich?

Mariamne. Kannst du das Gegenteil mir schwoeren? Kannst du's bei deines Kindes Haupt?--Du schweigst!

Joseph. Du hast mir keine Schwuere abzufodern.

Mariamne. Wer so verklagt wird, leistet sie von selbst. Doch weh dir, wenn Herodes wiederkehrt! Ich sag ihm zweierlei vorm ersten Kuss, Ich sag ihm, dass du sannst auf meinen Mord, Ich sag ihm, was ich schwur: ermiss nun selbst, Welch Schicksal dich erwartet, wenn er kommt!

Joseph. Und was--was schwurst du? Wenn's mich schrecken soll, So muss ich's wissen.

Mariamne. Hoer's zu deinem Fluch! Dass ich mit eigner Hand mich toeten will, Wenn er--Oh, haett' ich das geahnt! Nicht wahr?-- Dann haette ich an einen kalten Gruss Mich nie gekehrt, ich haette fortgefahren, Wie ich begann, und alles stuende wohl! Denn anfangs warst du ein ganz andrer Mann!

Joseph. Ich habe nichts zu fuerchten!

Mariamne. Weil du meinst, Es sei unmoeglich, dass er wiederkehrt! Wer weiss! Und wenn! Ich halte meinen Schwur, Doch eher nicht, bis ich an dir mich raechte, Bis ich an dir, erzittre, so mich raechte, Wie er mich raechen wuerde! Zieh doch jetzt Sogleich dein Schwert! Du wagst es nicht? Ich glaub's! Und wie du mich auch hueten magst, ich finde Zum Hauptmann Titus sicher einen Weg! Verloren ist dein Spiel, seit ich's durchschaut.

Joseph (fuer sich). Wahr, wahr! (Zu Mariamne.) Ich halte dich beim Wort! Du raechst Dich so, ganz so, wie er dich raechen wuerde! Das hast du mir gelobt! Vergiss es nicht!

Mariamne. So spricht der Wahnwitz! Dass Herodes mich Mehr liebt, wie ich mich selber lieben kann, Wird keiner, wird nicht einmal Salome, Dein tueck'sches Weib, bezweifeln, wenn sie mich Auch eben darum doppelt hassen, wenn sie Auch eben darum dir den Mordgedanken Rachsuechtig eingegeben haben mag! Dass er von ihr kommt, weiss ich, und ich will Sie treffen, dass sie's fuehlt, ihr Schmerz um dich Soll meine letzte Lust auf Erden sein!

Joseph. Du irrst dich! Doch gleichviel! Ich hab dein Wort!

Mariamne. Du wiederholst es noch einmal? Verruchter, Welch einen Aufruhr naechtlicher Gedanken Weckst du mir in der Brust und welchen Argwohn! Du sprichst, als ob Herodes selber mich Zum Opfertier und dich zum Opferpriester Erkoren haette. Ist es so? Beim Abschied Entfiel ihm, mit Entsetzen denk ich dran, Ein dunkles Wort. Gib Antwort!

Joseph. Diese geb ich Sobald es noetig ist, sobald ich weiss, Dass er--

Mariamne. Dich nicht mehr Luegen strafen kann, Wenn du ihn feig und schlecht des Schrecklichsten, Des Masslos-Ungeheuersten verklagtest, Bloss um dich selbst vor mir zu reinigen? Ich sage dir, ich hoere dich nur jetzt, Wo er vielleicht, eh' du noch endigtest, Schon in die Tuer tritt und dich niederstoesst! Schweig denn auf ewig, oder sprich sogleich!

Joseph. Und wenn es waer'? Ich sag nicht, dass es ist! Doch wenn es waer'? Was wuerd' es anders sein, Als die Bestaet'gung dessen, was du fuehlst, Als ein Beweis, dass er dich liebt, wie nie Ein Mann sein Weib noch liebte?

Mariamne. Was ist das? Mir deucht, schon einmal hab ich das gehoert!

Joseph. Ich daechte doch, es koennte dir nur schmeicheln, Wenn ihm der Tod nicht halb so bitter waer', Als der Gedanke, dich--

Mariamne. Was gilt die Wette, Ich selber bring es jetzt fuer dich zu Ende! Als der Gedanke, mich zurueckzulassen In einer Welt, wo ein Antonius lebt!

Joseph. Nun ja! Ich sag nicht, dass er das gesagt--

Mariamne. Er hat's gesagt! Er hat--Was hat er nicht! Oh, dass er endlich kaeme!

Joseph. Mariamne!--(Fuer sich.) Wie hab ich mich verstrickt! Zwar tat ich nichts, Als was ich musste! Doch mich packt ein Grauen, Dass er--ich seh den Aristobolus. Verflucht die Tat, die einen Schatten wirft, Eh' sie ins Leben tritt!

Mariamne. So war das mehr, Als eine tolle Blase des Gehirns, Wie sie zuweilen aufsteigt und zerplatzt, So war's--Von jetzt erst faengt mein Leben an, Bis heute traeumt' ich!



Sechste Szene

Ein Diener tritt ein; ihm folgt Salome.

Salome (zum Diener). Ward's dir untersagt, Hier ungemeldet jemand einzulassen? Ich nehm's auf mich!

Joseph. Du, Salome?

Salome. Wer sonst? Kein boeser Geist! Dein Weib! Dein armes Weib, Um das du warbst, wie Jakob warb um Rahel, Und das du nun--(Zu Mariamne.) Verfluchte, war es dir Noch nicht genug, dass du das Herz des Bruders Mir abgewendet hast? Musst du mir jetzt Auch den Gemahl noch rauben? Tag und Nacht Denkt er an dich, als waerest du schon Witwe, Und ich noch weniger, als das! Bei Tage Folgt er auf Schritt und Tritt dir nach! Bei Nacht Traeumt er von dir, nennt aengstlich deinen Namen, Faehrt aus dem Schlummer auf--(Zu Joseph.) Hielt ich's dir nicht Noch diesen Morgen vor? Und heut sogar, Wo ganz Jerusalem in Aufruhr ist, Heut ist er nicht bei mir, nicht auf dem Markt, Wo ich, weil er nicht kam, ihn suchen liess, Er ist bei dir, und ihr--ihr seid allein!

Mariamne. Die ist es sicher nicht! So ist er's selbst! Wenn noch ein Zweifel uebrigblieb, so hat Die bloede Eifersucht ihn jetzt erstickt!-- Ich war ihm nur ein Ding und weiter nichts!

Joseph (zu Salome). Ich schwoer dir--

Salome. Dass ich blind bin? Nein! Ich sehe!

Mariamne. Der Sterbende, der seinen Feigenbaum Abhauen liesse, weil er seine Fruechte Nach seinem Tode keinem andern goennte, Der Sterbende waer' ruchlos, und er haette Den Baum vielleicht doch selbst gepflanzt und wuesste, Dass er den Dieb, dass er sogar den Moerder Erquicken muesste, der ihn schuettelte. Bei mir faellt beides weg! Und doch! Und doch! Das ist ein Frevel, wie's noch keinen gab.

Salome (zu Joseph). Du sprichst umsonst! Ein Auftrag! Welch ein Auftrag?

Mariamne. Ein Auftrag! Dies das Siegel!--Waer' es moeglich, Jetzt muesst' es doch am ersten moeglich sein! Allein es ist nicht moeglich! Keine Regung Unedler Art befleckt mein Innerstes, Wie es auch stuermt in meiner Brust! Ich wuerde Antonius in diesem Augenblick Dieselbe Antwort geben, die ich ihm An unsrem Hochzeitstag gegeben haette, Das fuehl ich, darum trifft's mich, wie's mich trifft, Sonst muesste ich's ertragen, ja verzeihn!

Salome (zu Mariamne). Ich bin fuer dich nicht da, wie's scheint?

Mariamne.

Doch! Doch! Du hast sogar die groesste Wohltat mir Erzeigt, ich, die ich blind war, sehe jetzt, Ich sehe hell und das allein durch dich!

Salome. Verhoehnst du mich? Auch das sollst du mir buessen, Wenn nur mein Bruder wiederkehrt! Ich werde Ihm alles sagen--

Mariamne. Was? Ja so! Das tu! Und hoert er drauf--Warum denn nicht? Was lach ich? Ist das denn noch unmoeglich?--Hoert er drauf, So nimm mein Wort: ich widersprech dir nicht! Ich liebe mich nicht mehr genug dazu!



Siebente Szene

Alexandra (stuerzt herein). Der Koenig!

Joseph. In der Stadt?

Alexandra. Schon in der Burg!



Dritter Akt

Burg Zion. Alexandras Gemaecher.



Erste Szene

Alexandra. Joseph. Salome. Herodes tritt ein. Sein Gefolge. Soemus.

Herodes. Da waer' ich wieder! (Zu Soemus.) Blutet's noch? Der Stein Hat mir gegolten, und er traf dich nur, Weil du gerade kamst, mir was zu sagen, Dein Kopf war diesmal deines Koenigs Schild! Waerst du geblieben, wo du warst--

Soemus. So haett' ich Die Wunde nicht, doch auch nicht das Verdienst, Wenn es ein solches ist. In Galilaea Wird hoechstens der gesteinigt, der es wagt, Sich dir und mir, der ich dein Schatten bin, Dein Sprachrohr, oder, was du immer willst, Zu widersetzen.

Herodes. Ja, da sind sie treu! Dem eignen Vorteil naemlich, und weil dieser Mit meinem Hand in Hand geht, meinem auch.

Soemus. Wie sehr, das siehst du daran, dass du mich In deiner Hauptstadt findest.

Herodes. In der Tat, Dich hier zu treffen, haett' ich nicht erwartet; Denn, wenn der Koenig fern ist, tun die Waechter Den stoerrigen Provinzen doppelt not! Was trieb dich denn von deinem Posten fort? Doch ganz gewiss was andres, als der Wunsch, Mir zu beweisen, dass er ungefaehrdet Verlassen werden koenne, und die Ahnung, Dass hier ein Steinwurf aufzufangen sei!

Soemus. Ich kam herueber, um dem Vizekoenig Entdeckungen von wunderbarer Art In schuld'ger Eile muendlich mitzuteilen. Ich wollt' ihm melden, dass die Pharisaeer Sogar den starren Boden Galilaeas, Wenn auch umsonst, zu unterhoehlen suchen, Doch meine Warnung kam zu spaet, ich fand Jerusalem in Flammen vor und konnte Nur loeschen helfen!

Herodes (reicht ihm die Hand). Und das tatest du Mit deinem Blut!--Sieh, Joseph, guten Tag! Dich haett' ich anderswo gesucht!--Schon gut! Jetzt aber geh und schaff den Sameas, Den Pharisaeer, den der Hauptmann Titus Auf Skythenart gefangenhaelt, hieher. Der starre Roemer schleppt ihn, an den Schweif Des Rosses, das er reitet, festgebunden, Mit sich herum, weil er im heil'gen Eifer Auf offnem Markt nach ihm gespieen hat. Nun muss er rennen, wie er niemals noch Gerannt sein mag, wenn er nicht fallen und Geschleift sein will. Ich haette ihn sogleich, Wie ich vorueberkam, erloesen sollen! Verdanke ich's doch sicher ihm allein, Dass ich jetzt alle Schlangen, die bisher Sich still vor mir verkrochen, kennenlernte! Nun kann ich sie zertreten, wann ich will! (Joseph ab,--Herodes zu Alexandra.) Ich gruesse dich! Und vom Antonius Soll ich dir melden, dass man einen Fluss Nicht vor Gericht ziehn kann, und einen Koenig In dessen Land er fliesst, noch weniger, Weil er ihn nicht verschuetten liess! (Zu Soemus.) Ich waer' Laengst wieder hier gewesen, doch wenn Freunde Zusammenkommen, die sich selten sehn, So halten sie sich fest! Das wird auch dir, Ich sag es dir voraus, bei mir geschehn, Nun ich dich endlich einmal wieder habe. Du wirst mit mir die Feigen schuetteln muessen, So wie ich dem Antonius die Muraenen, Pfui, Schlemmerei! in Stroemen von Falerner Ersticken helfen und fuer manchen Schwank Aus unsrer fruehern Zeit ihm das Gedaechtnis Auffrischen musste! Mach dich nur gefasst, Mir gleichen Dienst zu leisten. Hab ich auch Vom Triumphator nicht genug in mir, Dass ich dich so zu mir entboten haette, Wie er mich selbst zu sich entbot, zum Schein Auf eine abgeschmackte Klage hoerend, Die Stirn, wie Caesar, runzelnd und den Arm Mit Blitz und Donnerkeil zugleich bewaffnend, Bloss um gewiss zu sein--dies war der Grund, Warum er's tat--dass ich auch wirklich kaeme, So mach ich mir den Zufall, der dich heute Mir in die Haende liefert, doch zunutz, Und sprech, wie er, wenn du von deinem Amt Zu reden anfaengst: Fuehrst du's, wie du sollst, So braucht es dich nicht jeden Augenblick! Du kommst so selten, dass es scheint, als waerst Du hier nicht gern,

Soemus. Du tust mir unrecht, Herr, Doch hab ich Ursach', nicht zu oft zu kommen!

Herodes (zu Salome). Auch du bist hier?--So lerntest du es endlich Dir einzubilden, wenn du Mariamnen Begegnest, dass du in den Spiegel siehst Und deinen eignen Widerschein erblickst? Oft riet ich's dir, wenn du ihr grolltest, niemals Gefiel der Rat dir! Nimm den Scherz nicht krumm! Man kann nichts uebles in der Stunde tun, Wo man sich wiedersieht! Doch, wo ist sie? Man sagte mir, sie sei bei ihrer Mutter, Drum kam ich her!

Salome. Sie ging, als sie vernahm, Dass du dich naehertest!

Herodes. Sie ging? Unmoeglich! Doch wohl! Sie tat es, weil die Einsamkeit Dem Wiedersehen ziemt!--(Fuer sich.) Willst du ihr zuernen Statt abzubitten, Herz?--Ich folge ihr, Denn ihr Gefuehl hat recht!

Salome. Belueg dich nur, Und leg den Schreck, dich auferstehn zu sehn, Die Scham, an deinen Tod geglaubt zu haben, Die groessere, kaum Witwe mehr zu sein, Leg ihr das alles aus, als waer's die Scheu Des Maegdleins, das noch keinen Mann erkannt, Nicht die Verwirrung einer Suenderin! Sie ging aus Furcht!

Herodes. Aus Furcht?--Sieh um dich her, Wir sind hier nicht allein!

Salome. Das ist mir recht, Bring ich vor Zeugen meine Klage an, So wird sie um so sicherer gehoert, Und um so schwerer unterdrueckt!

Herodes. Du stellst Dich zwischen mich und sie? Nimm dich in acht, Du kannst zertreten werden!

Salome. Diesmal nicht, Obgleich ich weiss, was dir die Schwester gilt, Wenn's um die Makkabaeerin sich handelt, Diesmal--

Herodes. Ich sag dir eins! Waer' an dem Tag, An dem ich sie zum ersten Mal erblickte, Ein Klaeger aufgestanden wider sie, Er haett' nicht leicht Gehoer bei mir gefunden, Doch leichter noch, wie heut! Das warne dich! Ich bin ihr so viel schuldig, dass sie mir Nichts schuldig werden kann, und fuehl es tief!

Salome. So hat sie einen Freibrief?

Herodes. Jede Larve Zu tragen, die ihr gut scheint, dich zu taeuschen, Wenn sie sich Kurzweil mit dir machen will!

Salome. Dann--ja, dann muss ich schweigen! Wozu spraech' ich! Denn, was ich dir auch sagen moechte, immer Waer' deine Antwort fertig: Mummerei! Nun diese Mummerei ist gut geglueckt, Sie hat nicht mich allein, sie hat die Welt Mit mir berueckt und kostet dir die Ehre, Wie mir die Ruh', ob du auch schwoeren magst, Dass Joseph nur getan, was er gesollt, Wenn er--Sieh zu, ob es ein Mensch dir glaubt!

Herodes. Wenn er--Was unterdrueckst du? Endige! Doch nein--Noch nicht! (Zu einem Diener.) Ich lass die Koenigin Ersuchen zu erscheinen!--Ist es nicht, Als waer' die ganze Welt von Spinnen rein, Und alle nisteten in meinem Hause, Um, wenn einmal fuer mich der blaue Himmel Zu sehen ist, ihn gleich mir zu verhaengen Und Wolkendienst zu tun? Zwar--seltsam ist's, Dass sie nicht kommt! Sie haett' mich kuessen muessen, Der Allgewalt des Augenblicks erliegend, Und dann die Lippen sich zerbeissen moegen, Wenn das Gespenst denn noch nicht von ihr wich! (Zu Salome.) Weisst du, was du gewagt hast? Weisst du's, Weib? Ich freute mich! Verstehst du das? Und nun-- Die Erde hat mir einmal einen Becher Mit Wein verschuettet, als ich durstig war, Weil sie zu zucken anfing, eh' ich ihn Noch leerte, ihr verzieh ich, weil ich musste, An dir koennt' ich mich raechen!



Zweite Szene

Mariamne tritt auf.

Herodes. Wirf dich nieder Vor ihr, die du vor so viel Zeugen kraenktest, Dann tu' ich's nicht!

Salome. Ha!

Alexandra. Was bedeutet das?

Herodes. Nun, Mariamne?

Mariamne. Was befiehlt der Koenig? Ich bin entboten worden und erschien!

Alexandra. Ist dies das Weib, das schwur, sich selbst zu toeten, Wenn er nicht wiederkehrte?

Herodes. Dies dein Gruss?

Mariamne. Der Koenig liess mich rufen, ihn zu gruessen? Ich gruesse ihn! Da ist das Werk vollbracht!

Alexandra. Du irrst dich sehr! Du stehst hier vor Gericht!

Herodes. Man wollte dich verklagen! Eh' ich noch Die Klage angehoert, liess ich dich bitten, Hieherzukommen, aber wahrlich nicht, Dass du dich gegen sie verteidigtest, Nur, weil ich glaube, dass sie in sich selbst Ersticken wird vor deiner Gegenwart!

Mariamne. Um das zu hindern, sollt' ich wieder gehn!

Herodes. Wie, Mariamne? Nie gehoertest du Zu jenen Seelen jammervoller Art, Die, wie sie eben Antlitz oder Ruecken Des Feindes sehn, verzeihn und wieder grollen, Weil sie zu schwach fuer einen echten Hass Und auch zu klein fuer volle Grossmut sind. Was hat dich denn im Tiefsten so verwandelt, Dass du dich ihnen jetzt noch zugesellst? Du hast doch, als ich schied, ein Lebewohl Fuer mich gehabt; dies deucht mir, gab mir Anspruch Auf dein Willkommen und du weigerst das? Du stehst so da, als laegen Berg und Tal Noch zwischen uns, die uns so lange trennten? Du trittst zurueck, wenn ich mich naehern will? So ist dir meine Wiederkunft verhasst?

Mariamne. Wie sollte sie? Sie gibt mir ja das Leben Zurueck!

Herodes. Das Leben? Welch ein Wort ist dies!

Mariamne. Du wirst nicht leugnen, dass du mich verstehst!

Herodes (fuer sich). Kann sie's denn wissen? (Zu Mariamne.) Komm! (Da Mariamne nicht folgt.) Lasst uns allein! (Zu Alexandra.) Du wirst verzeihn!

Alexandra. Gewiss!

(Ab. Alle andern folgen ihr.)

Mariamne. So feig!

Herodes. So feig?

Mariamne. Und auch--Wie nenn ich's nur?

Herodes. Und auch?--(Fuer sich.) Das waer' Entsetzlich! Nimmer loescht' ich's in ihr aus!

Mariamne. Ob ihm sein Weib ins Grab freiwillig folgt, Ob sie des Henkers Hand hinunterstoesst-- Ihm gleich, wenn sie nur wirklich stirbt! Er laesst Zum Opfertod ihr nicht einmal die Zeit!

Herodes. Sie weiss es!

Mariamne. Ist Antonius denn ein Mensch, Wie ich bisher geglaubt, ein Mensch, wie du, Oder ein Daemon, wie du glauben musst, Da du verzweifelst, ob in meinem Busen Noch ein Gefuehl von Pflicht, ein Rest von Stolz Ihm widerstehen wuerde, wenn er triefend Von deinem Blut als Freier vor mich traete Und mich bestuermte, ihm die Zeit zu kuerzen, Die die aegypterin ihm uebriglaesst?

Herodes. Doch wie? Doch wie?

Mariamne. Er muesste dich ja doch Getoetet haben, eh' er werben koennte, Und wenn du selbst dich denn--ich haett' es nie Gedacht, allein ich seh's!--so nichtig fuehlst, Dass du verzagst, in deines Weibes Herzen Durch deines Maennerwertes Vollgehalt Ihn aufzuwaegen, was berechtigt dich, Mich so gering zu achten, dass du fuerchtest, Ich wiese selbst den Moerder nicht zurueck? O Doppelschmach!

Herodes (ausbrechend). Um welchen Preis erfuhrst Du dies Geheimnis? Wohlfeil war es nicht! Mir stand ein Kopf zum Pfand!

Mariamne. O Salome, Du kanntest deinen Bruder!--Frage den, Der mir's verriet, was er empfangen hat, Von mir erwarte keine Antwort mehr! (Wendet sich.)

Herodes. Ich zeig dir gleich, wie ich ihn fragen will! Soemus!



Dritte Szene

Soemus tritt ein.

Herodes. Ist mein Schwaeher Joseph draussen?

Soemus. Er harrt mit Sameas.

Herodes. Fuehr ihn hinweg! Ich gab ihm einen Brief! Er soll den Brief Alsbald bestellen! Du begleitest ihn Und sorgst, dass alles treu vollzogen wird, Was dieser Brief befiehlt!

Soemus. Es soll geschehn! (Ab.)

Herodes. Was du auch ahnen, denken, wissen magst, Du hast mich doch misskannt!

Mariamne. Dem Brudermord Hast du das Siegel der Notwendigkeit, Dem man sich beugen muss, wie man auch schaudert, Zwar aufgedrueckt, doch es gelingt dir nie, Mit diesem Siegel auch den Mord an mir Zu stempeln, der wird bleiben, was er ist, Ein Frevel, den man hoechstens wiederholen, Doch nun und nimmer ueberbieten kann!

Herodes. Ich wuerde nicht den Mut zur Antwort haben, Wenn ich, was ich auch immer wagen mochte, Des Ausgangs nicht gewiss gewesen waere, Das war ich aber, und ich war es nur, Weil ich mein alles auf das Spiel gesetzt! Ich tat, was auf dem Schlachtfeld der Soldat Wohl tut, wenn es ein Allerletztes gilt, Er schleudert die Standarte, die ihn fuehrt, An der sein Glueck und seine Ehre haengt, Entschlossen von sich ins Gewuehl der Feinde, Doch nicht, weil er sie preiszugeben denkt: Er stuerzt sich nach, er holt sie sich zurueck, Und bringt den Kranz, der schon nicht mehr dem Mut Nur der Verzweiflung noch erreichbar war, Den Kranz des Siegs, wenn auch zerrissen, mit. Du hast mich feig genannt. Wenn der es ist, Der einen Daemon in sich selber fuerchtet, So bin ich es zuweilen, aber nur, Wenn ich mein Ziel auf krummem Weg erreichen, Wenn ich mich ducken und mich stellen soll, Als ob ich der nicht waere, der ich bin. Dann aengstigt's mich, ich moechte mich zu frueh Aufrichten, und um meinen Stolz zu zaehmen, Der, leicht empoert, mich dazu spornen koennte, Knuepf ich an mich, was mehr ist, als ich selbst, Und mit mir stehen oder fallen muss. Weisst du, was meiner harrte, als ich ging? Kein Zweikampf und noch minder ein Gericht, Ein launischer Tyrann, vor dem ich mich Verleugnen sollte, aber sicher nicht Verleugnet haette, wenn--Ich dachte dein, Nun knirscht' ich nicht einmal--und was er auch Dem Mann und Koenig in mir bieten mochte, Von Schmaus zu Schmaus mich schleppend und den Freispruch Mir doch, unheimlich schweigend, vorenthaltend, Geduldig, wie ein Sklave, nahm ich's hin!

Mariamne. Du sprichst umsonst! Du hast in mir die Menschheit Geschaendet, meinen Schmerz muss jeder teilen, Der Mensch ist, wie ich selbst, er braucht mir nicht Verwandt, er braucht nicht Weib zu sein, wie ich. Als du durch heimlich-stillen Mord den Bruder Mir raubtest, konnten die nur mit mir weinen, Die Brueder haben, alle andern mochten Noch trocknen Auges auf die Seite treten Und mir ihr Mitleid weigern. Doch ein Leben Hat jedermann und keiner will das Leben Sich nehmen lassen, als von Gott allein, Der es gegeben hat! Solch einen Frevel Verdammt das ganze menschliche Geschlecht, Verdammt das Schicksal, das ihn zwar beginnen Doch nicht gelingen liess, verdammst du selbst! Und wenn der Mensch in mir so tief durch dich Gekraenkt ist, sprich, was soll das Weib empfinden, Wie steh ich jetzt zu dir und du zu mir?



Vierte Szene

Salome (stuerzt herein). Entsetzlicher, was sinnst du? Meinen Gatten Seh ich von hinnen fuehren--er beschwoert mich, Dich um Erbarmung anzuflehn--ich zaudre, Weil ich ihm grolle und ihn nicht verstehe-- Und nun--nun hoer ich grause Dinge fluestern-- Man spricht--Man luegt, nicht wahr?

Herodes. Dein Gatte stirbt!

Salome. Eh' er gerichtet wurde? Nimmermehr!

Herodes. Er ist gerichtet durch sich selbst! Er hatte Den Brief, der ihn zum Tod verdammt, in Haenden, Eh' er sich gegen mich verging, er wusste, Welch eine Strafe ihn erwartete, Wenn er es tat; er unterwarf sich ihr Und tat es doch!

Salome. Herodes, hoere mich! Weisst du das denn gewiss? Ich habe ihn Verklagt, ich glaubte es mit Recht zu tun, Ich hatte Grund dazu--Dass er sie liebte, War offenbar, er hatte ja fuer mich Nicht einen Blick mehr, keinen Haendedruck-- Er war bei Tage um sie, wann er konnte, Und nachts verrieten seine Traeume mir, Wie sehr sie ihn beschaeftigte--Das alles Ist wahr, und mehr--Doch folgt aus diesem allen Noch nicht, dass sie ihn wieder lieben musste, Noch weniger, dass sie--O nein! o nein! Mich riss die Eifersucht dahin--vergib! Vergib auch du. (Zu Mariamne.) Ich habe dich gehasst! O Gott, die Zeit vergeht! Man sprach--Soll ich Dich lieben, wie ich dich gehasst? Dann sei Nicht laenger stumm, sprich, dass er schuldlos ist Und bitt fuer ihn um Gnade, wie ich selbst!

Mariamne. Er ist's!

Herodes. In ihrem Sinn--in meinem nicht!

Mariamne. In deinem auch!

Herodes. Dann muesstest du nichts wissen! Jetzt kann ihn nichts entschuldigen! Und wenn ich Den Tod ihm geben lasse, ohne ihn Vorher zu hoeren, so geschieht's zwar mit, Weil ich dir zeigen will, dass ich von dir Nicht niedrig denke und das rasche Wort, Das mir im ersten Zorn entfiel, bereue, Doch mehr noch, weil ich weiss, dass er mir nichts Zu sagen haben kann!



Fuenfte Szene

Soemus. Das blut'ge Werk Ist abgetan! Doch ganz Jerusalem Steht starr und fragt, warum der Mann, den du Zu deinem Stellvertreter machtest, als du Von hinnen zogst, bei deiner Wiederkehr Den Kopf verlieren musste!

Salome (taumelt). Wehe mir! (Mariamne will sie auffangen.) Fort! Fort! (Zu Herodes.) Und die?

Herodes. Gib dich zufrieden, Schwester! Dein Gatte hat mich fuerchterlich betrogen--

Salome. Und die?

Herodes. Nicht so, wie du es meinst--

Salome.

Nicht so? Wie denn? Sie willst du retten? Wenn mein Gatte Dich fuerchterlich betrog, so tat sie's auch, Denn wahr ist, was ich sagte, und ein jeder Soll's wissen, der es noch nicht weiss! Du sollst In ihrem Blut dich waschen, wie in seinem, Sonst wirst du niemals wieder rein! Nicht so!

Herodes. Bei allem, was mir heilig ist--

Salome. So nenne Mir sein Verbrechen, wenn es das nicht war!

Herodes. Wollt' ich es nennen, wuerde ich's vergroessern! Ich hatt' ihm ein Geheimnis anvertraut, An dem mein alles hing, und dies Geheimnis Hat er verraten, soll auch ich das tun?

Salome. Elende Ausflucht, die mich schrecken wird! Meinst du, dass du mich taeuschen kannst? Du glaubst An alles, was ich sagte, doch du bist Zu schwach, um deine Liebe zu ersticken, Und ziehst es vor, die Schande zu verhuellen, Die du nicht tilgen magst. Doch wenn du mich, Die Schwester, nicht, wie meinen Gatten toetest, So wird dir das misslingen! (Zu Mariamne.) Er ist tot, Nun kannst du schwoeren, was du willst, er wird Nicht widersprechen! (Ab.)

Herodes. Folg ihr nach, Soemus, Und such sie zu beguetigen! Du kennst sie, Und eh'mals hat sie gern auf dich gehoert!

Soemus. Die Zeiten sind vorueber! Doch, ich geh! (Ab.)

Mariamne (fuer sich). Fuer den, der mich ermorden wollte haett' ich Wohl nicht gebeten! Dennoch schaudre ich, Dass mir nicht einmal Zeit blieb, es zu tun!

Herodes (fuer sich). Er musste doch daran! Im naechsten Krieg Haett' er den Platz des Urias bekommen! Und dennoch reut mich diese Eile jetzt!



Sechste Szene

Ein Bote (tritt auf). Mich schickt Antonius!

Herodes. So weiss ich auch, Was du mir bringst. Ich soll mich fertigmachen, Der grosse Kampf, von dem er sprach, beginnt!

Bote. Octavianus hat nach Afrika Sich eingeschifft, ihm eilt Antonius Entgegen, mit Cleopatra vereint, Um gleich bei Aktium ihn zu empfangen--

Herodes. Und ich, Herodes, soll der Dritte sein! Schon gut! Ich zieh noch heut! Soemus kann, So schlecht es hier auch stehn mag, mich ersetzen. Gut, dass er kam!

Mariamne. Er zieht noch einmal fort! Dank, Ew'ger, Dank!

Herodes (sie beobachtend). Ha!

Bote. Grosser Koenig, nein! Er braucht dich nicht bei Aktium, er will, Dass du die Araber, die sich empoerten, Verhindern sollst, dem Feind sich anzuschliessen! Das ist der Dienst, den er von dir verlangt.

Herodes. Er hat den Platz, wo ich ihm nuetzen kann, Mir anzuweisen!

Mariamne. Noch einmal! Das loest Ja alles wieder!

Herodes (wie vorher). Wie mein Weib sich freut! (Zum Boten.) Sag ihm--du weisst's ja schon!-- (Fuer sich.) Die Stirn entrunzelt, Die Haende, wie zum Dankgebet, gefaltet-- Das ist ihr Herz!

Bote. Sonst hast du nichts fuer mich?

Mariamne. Jetzt werd' ich's sehn, ob's bloss ein Fieber war, Das Fieber der gereizten Leidenschaft, Das ihn verwirrte, oder ob sich mir In klarer Tat sein Innerstes verriet! Jetzt werd' ich's sehn!

Herodes (zum Boten). Nichts! Nichts! (Bote ab.--Herodes zu Mariamne.) Dein Angesicht Hat sich erheitert! Aber hoffe nicht Zu viel! Man stirbt nicht stets in einem Krieg, Aus manchem kehrt' ich schon zurueck!

Mariamne (will reden, unterbricht sich aber). Nein! Nein

Herodes. Zwar gilt es diesmal einen hitz'gern Kampf, Wie jemals, alle andern Kaempfe wurden Um etwas in der Welt gefuehrt, doch dieser Wird um die Welt gefuehrt, er soll entscheiden, Wer Herr der Welt ist, ob Antonius, Der Wuest--und Luestling, oder ob Octav, Der sein Verdienst erschoepft, sobald er schwoert, Dass er noch nie im Leben trunken war, Da wird es Streiche setzen, aber dennoch Ist's moeglich, dass dein Wunsch sich nicht erfuellt, Und dass der Tod an mir voruebergeht!

Mariamne. Mein Wunsch! Doch wohl! Mein Wunsch! So ist es gut Halt an dich, Herz! Verrat dich nicht! Die Probe Ist keine, wenn er ahnt, was dich bewegt! Besteht er sie, wie wirst du selbst belohnt, Wie kannst du ihn belohnen! Lass dich denn Von ihm verkennen! Pruef ihn! Denk ans Ende Und an den Kranz, den du ihm reichen darfst, Wenn er den Daemon ueberwunden hat!

Herodes. Ich danke dir! Du hast mir jetzt das Herz Erleichtert! Mag ich auch an deiner Menschheit Gefrevelt haben, das erkenn ich klar, An deiner Liebe frevelte ich nicht! Drum bettle ich denn auch bei deiner Liebe Nicht um ein letztes Opfer mehr, doch hoff ich, Dass du mir eine letzte Pflicht erfuellst. Ich hoffe das nicht meinetwegen bloss, Ich hoff es deinetwegen noch viel mehr, Du wirst nicht wollen, dass ich dich nur noch Im Nebel sehen soll, du wirst dafuer, Dass ich den Mund des Toten selbst verschloss, Den deinen oeffnen und es mir erklaeren, Wie's kam, dass er den Kopf an dich verschenkte, Du wirst es deiner Menschheit wegen tun, Du wirst es tun, weil du dich selber ehrst!

Mariamne. Weil ich mich selber ehre, tu ich's nicht!

Herodes. So weigerst du mir selbst, was billig ist?

Mariamne. Was billig ist! So waer' es also billig, Dass ich, auf Knieen vor dir niederstuerzend, Dir schwuere: Herr, dein Knecht kam mir nicht nah! Und dass du's glauben kannst--denn auf Vertraun Hab ich kein Recht, wenn ich dein Weib auch bin-- So hoer noch dies und das! O pfui! pfui! Herodes, nein! Fragt deine Neugier einst, So antwort ich vielleicht! Jetzt bin ich stumm!

Herodes. Waer' deine Liebe gross genug gewesen, Mir alles zu verzeihn, was ich aus Liebe Getan, ich haett' dich niemals so gefragt! Jetzt, da ich weiss, wie klein sie ist, jetzt muss ich Die Frage wiederholen, denn die Buergschaft, Die deine Liebe mir gewaehrt, kann doch Nicht groesser sein, wie deine Liebe selbst, Und eine Liebe, die das Leben hoeher Als den Geliebten schaetzt, ist mir ein Nichts!

Mariamne. Und dennoch schweig ich!

Herodes. So verdamm ich mich, Den Mund, der mir, zu stolz, nicht schwoeren will, Dass ihn kein andrer kuesste, selbst nicht mehr Zu kuessen, bis er es in Demut tut; Ja, wenn's ein Mittel gaebe, die Erinnrung An dich in meinem Herzen auszuloeschen, Wenn ich, indem ich beide Augen mir Durchstaeche und die Spiegel deiner Schoenheit Vertilgte, auch dein Bild vertilgen koennte, In dieser Stunde noch durchstaech' ich sie.

Mariamne. Herodes, maess'ge dich! Du hast vielleicht Gerade jetzt dein Schicksal in den Haenden Und kannst es wenden, wie es dir gefaellt! Fuer jeden Menschen kommt der Augenblick, In dem der Lenker seines Sterns ihm selbst Die Zuegel uebergibt. Nur das ist schlimm, Dass er den Augenblick nicht kennt, dass jeder Es sein kann, der vorueberrollt! Mir ahnt, Fuer dich ist's dieser! Darum halte ein! Wie du dir heut die Bahn des Lebens zeichnest, Musst du vielleicht sie bis ans Ende wandeln: Willst du das tun im wilden Rausch des Zorns?

Herodes. Ich fuerchte sehr, du ahnst nur halb das Rechte, Der Wendepunkt ist da, allein fuer dich! Denn ich, was will ich denn? Doch nur ein Mittel, Womit ich boese Traeume scheuchen kann!

Mariamne. Ich will dich nicht verstehn! Ich hab dir Kinder Geboren! Denk an die!

Herodes. Wer schweigt, wie du, Weckt den Verdacht, dass er die Wahrheit nicht Zu sagen wagt und doch nicht luegen will.

Mariamne. Nicht weiter!

Herodes. Nein, nicht weiter! Lebe wohl! Und wenn ich wiederkehre, zuerne drob Nicht allzusehr!

Mariamne. Herodes!

Herodes. Sei gewiss, Ich werde dir nicht wieder so, wie heute, Den Gruss entpressen!

Mariamne. Nein, es wird nicht wieder Vonnoeten sein! (Gen Himmel.) Lenk, Ewiger, sein Herz! Ich hatt' ihm ja den Brudermord verziehn, Ich war bereit, ihm in den Tod zu folgen, Ich bin es noch, vermag ein Mensch denn mehr? Du tatest, was du nie noch tatst, du waelztest Das Rad der Zeit zurueck, es steht noch einmal, Wie es vorher stand; lass ihn anders denn Jetzt handeln, so vergess ich, was geschehn; Vergess es so, als haette er im Fieber Mit seinem Schwert mir einen Todesstreich Versetzt und mich genesend selbst verbunden. (Zu Herodes.) Seh ich dich noch?

Herodes. Wenn du mich kommen siehst, So ruf nach Ketten! Das sei dir Beweis, Dass ich verrueckt geworden bin!

Mariamne. Du wirst Dies Wort bereun!--Halt an dich, Herz!--Du wirst! (Ab.)

Herodes. Wahr ist's, ich ging zu weit. Das sagte ich Mir unterwegs schon selbst. Doch wahr nicht minder, Wenn sie mich liebte, wuerde sie's verzeihn! Wenn sie mich liebte! Hat sie mich geliebt? Ich glaub es. Aber jetzt--Wie sich der Tote Im Grabe noch zu raechen weiss! Ich schaffte Ihn fort, um meine Krone mir zu sichern, Er nahm, was mehr wog, mit hinweg: ihr Herz! Denn seltsam hat sie, seit ihr Bruder starb, Sich gegen mich veraendert, niemals fand Ich zwischen ihr und ihrer Mutter noch Die kleinste Spur von aehnlichkeit heraus, Heut glich sie ihr in mehr als einem Zug, Drum kann ich ihr nicht mehr vertraun, wie sonst! Das ist gewiss! Doch, muss es darum auch Sogleich gewiss sein, dass sie mich betrog? Die Buergschaft, die in ihrer Liebe lag, Ist weggefallen, aber eine zweite Liegt noch in ihrem Stolz, und wird ein Stolz, Der es verschmaeht, sich zu verteidigen, Es nicht noch mehr verschmaehn, sich zu beflecken? Zwar weiss sie's! Joseph! Warum kann der Mensch Nur toeten, nicht die Toten wieder wecken, Er sollte beides koennen, oder keins! Der raecht sich auch! Er kommt nicht! Dennoch seh ich Ihn vor mir! "Du befiehlst?"--Es ist unmoeglich! Ich will's nicht glauben! Schweig mir, Salome! Wie es auch kam, so kam es nicht! Vielleicht Frass das Geheimnis, wie verschlucktes Feuer, Von selbst sich bei ihm durch. Vielleicht verriet er's, Weil er mich fuer verloren hielt und nun Mit Alexandra sich versoehnen wollte, Bevor die Kunde kam. Wir werden sehn! Denn pruefen muss ich sie! Haett' ich geahnt, Dass sie's erfahren koennte, nimmer waer' ich So weit gegangen. Jetzt, da sie es weiss, Jetzt muss ich weiter gehn! Denn, nun sie's weiss, Nun muss ich das von ihrer Rache fuerchten, Was ich von ihrer Wankelmuetigkeit Vielleicht mit Unrecht fuerchtete, muss fuerchten, Dass sie auf meinem Grabe Hochzeit haelt! Soemus kam zur rechten Zeit. Er ist Ein Mann, der, waer' ich selbst nicht auf der Welt, Da stuende, wo ich steh. Wie treu er denkt, Wie eifrig er mir dient, beweist sein Kommen. Ihm geb ich jetzt den Auftrag! Dass sie nichts Aus ihm herauslockt, weiss ich, wenn sie ihn Auf Menschenart versucht!--Verraet er mich, So zahlt sie einen Preis, der--Salome, Dann hast du recht gehabt!--Es gilt die Probe! (Ab.)



Vierter Akt

Burg Zion. Mariamnens Gemaecher.



Erste Szene

Mariamne. Alexandra.

Alexandra. Du gibst mir Raetsel auf. Zuerst der Schwur: Ich toete mich, wenn er nicht wiederkehrt! Dann bittre Kaelte, als er kam, ein Trotz, Der ihn empoeren musste, wie er mich Erfreute! Nun die tiefste Trauer wieder! Den moecht ich sehn, der dich begreifen kann.

Mariamne. Wenn das so schwer ist, warum plagst du dich?

Alexandra. Und dann die widerwillig-herbe Art, Mit der du den Soemus ferne haeltst! Man sieht's ihm an, er hat was auf dem Herzen--

Mariamne. Meinst du?

Alexandra. Gewiss! Auch moecht' er's uns vertraun, Allein er wagt es nicht, er wuerde sich, Wenn er dich in den Jordan stuerzen saehe, Vielleicht bedenken, ob er dich vom Tod Auch retten duerfe, und er haette recht, Denn masslos schnoede bist du gegen ihn!

Mariamne. Nicht wahr, Herodes wird nicht sagen koennen, Ich haette seinen Freund versucht, ich haette Ihm sein Geheimnis, wenn er eines hat, Mit Schmeicheln abgelistet. Nein, ich stell's Dem Himmel heim, ob ich's erfahren soll! Mir sagt's mein Herz, ich wage nichts dabei!



Zweite Szene

Sameas (tritt ein; er traegt Ketten an den Haenden). Der Herr ist gross!

Mariamne. Er ist's!

Alexandra. Du frei und doch In Ketten? Noch ein Raetsel!

Sameas. Diese Ketten Leg ich nicht wieder ab! Jerusalem Soll Tag fuer Tag daran erinnert werden, Dass Jonas' Enkel im Gefaengnis sass!

Alexandra. Wie kamst du denn heraus? Hast du die Hueter Bestochen?

Sameas. Ich? Die Hueter?

Alexandra. Zwar, womit! Dein haerenes Gewand hast du noch an, Und dass sie fuer ein Nest voll wilder Bienen, Wie du's, mit jedem hohlen Baum vertraut, An sie verraten konntest, dich entliessen, Bezweifle ich, denn Honig gibt's genug!

Sameas. Wie fragst du nur? Soemus selbst hat mir Die Pforten aufgemacht!

Mariamne. Er haett's gewagt?

Sameas. Was denn? Hast du es ihm denn nicht geboten?

Mariamne. Ich?

Sameas. Nein? Mir deucht doch, dass er so gesagt! Ich kann mich irren, denn ich sagte just Rueckwaerts den letzten Psalm her, als er eintrat, Und hoerte nur mit halbem Ohr auf ihn! Nun wohl! So hat's der Herr getan, und ich Muss in den Tempel gehen, um zu danken, Und habe nichts in Davids Burg zu tun!

Mariamne. Der Herr!

Sameas. Der Herr! Sass ich mit Recht im Kerker?

Mariamne. Die Zeiten sind vorbei, worin der Herr Unmittelbar zu seinem Volke sprach. Wir haben das Gesetz. Das spricht fuer ihn! Die Dampf--und Feuersaeule ist erloschen, Durch die er unsern Vaetern in der Wueste Die Pfade zeichnete, und die Propheten Sind stumm, wie er!

Alexandra. Das sind sie doch nicht ganz! Es hat erst kuerzlich einer einen Brand Vorhergesagt, und dieser traf auch ein!

Mariamne. Jawohl, doch hatt' er selbst um Mitternacht Das Feuer angelegt.

Sameas. Weib! Laestre nicht!

Mariamne. Ich laestre nicht, ich sag nur, was geschehn! Der Mensch ist Pharisaeer, wie du selbst, Er spricht, wie du, er rast, wie du, der Brand Hat uns beweisen sollen, dass er wirklich Prophet sei und das Kuenftige durchschaue, Doch ein Soldat ertappt' ihn auf der Tat.

Sameas. Ein roem'scher?

Mariamne. Ja!

Sameas. Der log! Er war vielleicht Gedungen! War gedungen vom Herodes, Gedungen von dir selbst!

Mariamne. Vergiss dich nicht!

Sameas. Du bist sein Weib, du bist das Weib des Frevlers, Der sich fuer den Messias haelt, du kannst Ihn in die Arme schliessen und ihn kuessen, Drum kannst du auch was andres fuer ihn tun!

Alexandra. Er hielte jetzt fuer den Messias sich?

Sameas. Er tut's, er sagt' es mir ins Angesicht, Als er mich in den Kerker fuehren liess. Ich schrie zum Herrn, ich rief: Sieh auf dein Volk Und schicke den Messias, den du uns Verheissen fuer die Zeit der hoechsten Not, Die hoechste Not brach ein! Darauf versetzt' er Mit stolzem Hohn: Der ist schon lange da, Ihr aber wisst es nicht! Ich bin es selbst!

Alexandra. Nun, Mariamne?

Sameas. Mit verruchtem Witz Bewies er dann, wir sei'n ein Volk von Irren Und er der einzige Verstaendige, Wir wohnten nicht umsonst am Toten Meer, Dem die Bewegung fehle, Ebb' und Flut, Und das nur darum alle Welt verpeste, Es sei ein treuer Spiegel unsrer selbst! Er aber wolle uns lebendig machen, Und muess' er uns auch Mosis dummes Buch-- So ruchlos sprach er--mit Gewalt entreissen; Denn das allein sei schuld, wenn wir dem Jordan Nicht glichen, unserm klaren Fluss, der lustig Das Land durchhuepfe, sondern einem Sumpf!

Alexandra. So ganz warf er die Larve weg?

Sameas. Jawohl! Doch galt ich ihm, als er es tat, vielleicht Fuer einen Toten schon; denn meinen Tod Befahl er gleich nachher.

Mariamne. Er war gereizt! Er fand den Aufruhr vor!

Sameas. Dich mahn ich nun An deine Pflicht! Sag du dich los von ihm, Wie er sich losgesagt von Gott! Du kannst Ihn dadurch strafen, denn er liebt dich sehr! Als mich Soemus freiliess, musst' ich glauben, Du haettst es schon getan. Tust du es nicht, So schilt den Blitz, der aus den Wolken faehrt, Nicht ungerecht, wenn er dich trifft, wie ihn! Ich geh jetzt, um zu opfern!

Alexandra. Nimm das Opfer Aus meinem Stall!

Sameas. Ich nehm's, wo man's entbehrt! Das Lamm der Witwe und das Schaf des Armen! Was soll dein Rind dem Herrn! (Ab.)



Dritte Szene

Soemus (kommt). Verzeiht!

Mariamne.

Ich wollte Dich eben rufen lassen! Tritt heran!

Soemus. Das waer' zum ersten Mal geschehn!

Mariamne. Jawohl!

Soemus. Du wichst mir aus bisher!

Mariamne. Hast du mich denn Gesucht, und hast du was an mich zu suchen? Ich mag's nicht denken!

Soemus. Wenigstens das eine: Sieh mich als deinen treusten Diener an!

Mariamne. Das tat ich, doch ich tu's nicht mehr!

Soemus.

Nicht mehr?

Mariamne. Wie kannst du dem Empoerer, den Herodes Gefangensetzen liess, den Kerker oeffnen? Ist er noch Koenig, oder ist er's nicht?

Soemus. Die Antwort ist so leicht nicht, wie du glaubst!

Mariamne. Faellt sie dir schwer, so wirst du's buessen muessen!

Soemus. Du weisst noch nichts von der verlornen Schlacht!

Mariamne. Die Schlacht bei Aktium, sie waer' verloren?

Soemus. Antonius fiel von seiner eignen Hand! Cleopatra desgleichen!

Alexandra. Haette die Den Mut gehabt? Sie konnte sonst ein Schwert Nicht einmal sehn und schauderte vor seinem Zurueck, da er es ihr als Spiegel vorhielt!

Soemus. Dem Hauptmann Titus ward es so gemeldet! Octavianus flucht, dass man es nicht Verhindert hat! Ich selber las den Brief!

Mariamne. Dann hat der Tod auf lange Zeit sein Teil Und jedes Haupt steht fester, als es stand, Eh' das geschah!

Soemus. Meinst du?

Mariamne. Du laechelst seltsam!

Soemus. Du kennst, wie's scheint, Octavianus nicht! Der wird den Tod nicht fragen, ob ihn ekle, Er wird ihm aus den Freunden des Antonius Noch eine Mahlzeit richten, und auch die Wird nicht ganz arm an leckern Bissen sein!

Mariamne. Gilt das Herodes?

Soemus. Nun, wenn er das haelt, Was er sich vornahm--

Mariamne. Was war das?

Soemus.

Er sprach: Ich liebe den Antonius nicht mehr, Ich hasse ihn weit eher, doch ich werde Ihm beistehn bis zum letzten Augenblick, Obgleich ich fuerchte, dass er fallen muss. Ich bin's mir selber schuldig, wenn nicht ihm!

Mariamne. Echt koeniglich!

Soemus. Gewiss! Echt koeniglich! Nur ist Octav der Mann nicht, der's bewundert, Und tut Herodes das--

Mariamne. Wer wagt, zu zweifeln?

Soemus. So ist er auch verloren, oder arg Hat man Octavian beleidigt, als man Die grosse Schlaechterei nach Caesars Tod Auf seine Rechnung setzte!

Mariamne. Dass du fest An diesen Ausgang glaubst, dass du Herodes Schon zu den Toten zaehlst, ist klar genug, Sonst haettst du nicht gewagt, was du gewagt. Auch schaudert's mir, ich will es dir gestehn, Vor deiner Zuversicht, du bist kein Tor, Und wagst gewiss nicht ohne Grund so viel. Doch, wie's auch stehen moege, immer bin Ich selbst noch da, und ich, ich will dir zeigen, Dass ich ihm auch im Tode noch Gehorsam Zu schaffen weiss, es soll nicht ein Befehl, Den er gegeben, unvollzogen bleiben, Das soll sein Totenopfer sein!

Soemus. Nicht einer? Ich zweifle, Koenigin!--(Fuer sich.) Jetzt falle, Schlag!

Mariamne. So wahr ich Makkabaeerin, du schickst Den Sameas zurueck in seinen Kerker!

Soemus. Wie du es willst, so wird's geschehn, und wenn Du mehr willst, wenn er sterben soll, wie's ihm Der Koenig drohte, sprich, und er ist tot! Doch nun gestatte eine Frage mir: Soll ich auch dich, damit das Totenopfer, Das du zu bringen denkst, vollkommen sei, Soll ich auch dich mit meinem Schwert durchstossen? Ich hab auch dazu den Befehl von ihm!

Mariamne. Weh!

Alexandra. Nimmermehr!

Mariamne. So ist das Ende da! Und welch ein Ende! Eins, das auch den Anfang Verschlingt und alles! Die Vergangenheit Loest, wie die Zukunft, sich in nichts mir auf! Ich hatte nichts, ich habe nichts, ich werde Nichts haben! War denn je ein Mensch so arm!

Alexandra. Welch eine Missetat du vom Herodes Mir auch berichten moechtest, jede glaubt' ich, Doch diese--

Mariamne. Zweifle nicht! Es ist gewiss!

Alexandra. So sprichst du selbst?

Mariamne. O Gott, ich weiss, warum!

Alexandra. Dann wirst du wissen, was du tun musst!

Mariamne. Ja! (Sie zuckt den Dolch gegen sich.)

Alexandra (sie verhindernd). Wahnsinnige, verdient er das? Verdient er's, Dass du den Henker an dir selber machst?

Mariamne. Das war verkehrt! Ich danke dir! Dies Amt Ersah er fuer sich selbst! (Sie schleudert den Dolch weg.)

Versucher, fort!

Alexandra. Du wirst dich in der Roemer Schutz begeben!

Mariamne. Ich werde keinen, dem an sich was liegt, Verhindern, das zu tun!--Ich selbst, ich gebe Zur Nacht ein Fest!

Alexandra. Ein Fest?

Mariamne. Und tanze dort!-- Ja, ja, das ist der Weg!

Alexandra. Zu welchem Ziel?

Mariamne. He, Diener! (Diener kommen.) Schliesst die Prunkgemaecher auf Und ladet alles ein, was jubeln mag! Steckt alle Kerzen an, die brennen wollen, Pflueckt alle Blumen ab, die noch nicht welkten, Es ist nicht noetig, dass was uebrigbleibt! (Zu Moses.) Du hast uns einst die Hochzeit ausgerichtet, Heut gilt's ein Fest, das die noch uebertrifft, Drum spare nichts! (Sie tritt vor.) Herodes, zittre jetzt! Und wenn du niemals noch gezittert hast!

Soemus (tritt zu ihr heran). Ich fuehle deinen Schmerz, wie du!

Mariamne. Dein Mitleid Erlass ich dir! Du bist kein Henkersknecht, Ich darf nicht zweifeln, denn du hast's gezeigt; Doch dafuer ein Verraeter, und Verraetern Kann ich nicht danken, noch sie um mich dulden, Wie nuetzlich sie auch sind auf dieser Welt. Denn das verkenn ich nicht! Waerst du der Mann Gewesen, der du schienst, so haette Gott Ein Wunder tun, so haette er der Luft Die Zunge, die ihr mangelt, leihen muessen, Das sah er gleich voraus, als er dich schuf, Drum macht' er zu der Heuchler erstem dich!

Soemus. Der bin ich nicht! Ich war Herodes' Freund, Ich war sein Waffenbruder und Gefaehrte, Eh' er den Thron bestieg, ich war sein Diener, Sein treuster Diener, seit er Koenig ist. Doch war ich's nur, solange er in mir Den Mann zu ehren wusste und den Menschen, Wie ich in ihm den Helden und den Herrn. Das tat er, bis er, heuchlerisch die Augen Zum ersten Mal unwuerdig niederschlagend, Den Blutbefehl mir gab, durch den er mich Herzlos, wie dich, dem sichern Tode weihte, Durch den er mich der Rache deines Volks, Dem Zorn der Roemer und der eignen Tuecke Preisgab, wie dich der Spitze meines Schwerts. Da hatt' ich den Beweis, was ich ihm galt!

Mariamne. Und druecktest du ihm deinen Abscheu aus?

Soemus. Das tat ich nicht, weil ich dich schuetzen wollte! Ich uebernahm's zum Schein, ich heuchelte, Wenn dir's gefaellt, damit er keinem andern Den Auftrag gaebe und mich niederstaeche; Ein Galilaeer haett' die Tat vollbracht!

Mariamne. Ich bitt dir ab. Du stehst zu ihm, wie ich, Du bist, wie ich, in deinem Heiligsten Gekraenkt, wie ich, zum Ding herabgesetzt! Er ist ein Freund, wie er ein Gatte ist. Komm auf mein Fest! (Ab.)

Alexandra. So wartetest du auch auf deine Zeit, Wie ich!

Soemus. Auf meine Zeit? Wie meinst du das?

Alexandra. Ich sah es immer mit Verwundrung an, Wie du vor diesem Koenig, der der Laune Des Roemers seine Hoheit dankt, dem Rausch Des Schwelgers, nicht dem Stamm und der Geburt, Den Ruecken bogst, als haettest du's, wie er, Vergessen, dass du seinesgleichen bist; Doch jetzt durchschau ich dich, du wolltest ihn Nur sicher machen!

Soemus. Darin irrst du dich! Ich sprach in allem wahr. Fuer seinesgleichen Halt ich mich nicht und werd' es niemals tun! Ich weiss, wie manchen Wicht es gibt, der ihm Bloss darum, weil er nicht sein Enkel ist, Mit Murren dient; ich weiss, dass andre ihm Die Treu' nur Mariamnens wegen halten: Doch ich gehoere nicht zu dieser Schar, Die lieber einem Kinderschwert gehorcht, Wenn's nur ererbt ward, als dem Heldenschwert, Das aus dem Feuer erst geschmiedet wird. Ich sah den Hoehern immer schon in ihm Und hob dem Waffenbruder seinen Schild, Wenn er ihn fallen liess, so willig auf, Wie je dem Koenig seinen Herrscherstab! Die Krone, wie das erste Weib: ich goennte Ihm beides, denn ich fuehlte seinen Wert!

Alexandra. Du bist doch auch ein Mann!

Soemus. Dass ich das nicht Vergessen habe, das beweis ich jetzt! So gross ist keiner, dass er mich als Werkzeug Gebrauchen darf! Wer Dienste von mir fodert, Die mich, vollbracht und nicht vollbracht, wie's kommt, Schmachvoll dem sichern Untergange weihn, Der spricht mich los von jeder Pflicht, dem muss Ich zeigen, dass es zwischen Koenigen Und Sklaven eine Mittelstufe gibt, Und dass der Mann auf dieser steht!

Alexandra. Mir gilt Es gleich, aus welchem Grund: genug, du tratst Zu mir herueber!

Soemus. Fuerchte keinen Kampf mehr, Er ist so gut, als tot! Octavian Ist kein Antonius, der sich das Fleisch Vom Leibe hacken laesst und es verzeiht, Weil er die Hand bewundert, die das tut! Er sieht nur auf die Streiche.

Alexandra. Was sagt Titus?

Soemus. Der denkt, wie ich! Ich liess den Sameas Nur darum frei, weil ich zur Rechenschaft Gezogen werden wollte. Konnt' ich doch Nicht anders an die Königin gelangen! Jetzt weiss sie, was sie wissen muss, und ist Der Todesbotschaft, wenn sie kommt, gewachsen. Das war mein Zweck! Welch edles Weib! Die schlachten! Es waer' um ihre Traenen schad gewesen!

Alexandra. Gewiss, ein zaertlicher Gemahl!--Such sie Nur zu bereden, dass sie sich dem Schutz Der Roemer uebergibt und komm aufs Fest, Durch das sie mit Herodes bricht, er mag Nun tot sein oder leben! (Ab.)

Soemus (ihr folgend). Er ist tot!



Vierte Szene

Diener treten auf und ordnen das Fest an.

Moses. Nun, Artaxerxes? Wieder in Gedanken? Flink! Flink! Du stellst bei uns die Uhr nicht vor!

Artaxerxes. Haettst du das jahrelang getan, wie ich, So wuerd' es dir auch ganz so gehn, wie mir! Besonders, wenn du alle Naechte traeumtest, Du haettst das alte Amt noch zu versehn! Ich greif ganz unwillkuerlich mit der Rechten Mir an den Puls der Linken, zaehl und zaehle Und zaehle oft bis sechzig, eh' ich mich Besinne, dass ich keine Uhr mehr bin!

Moses. Merk dir es endlich denn, dass du bei uns Die Zeit nicht messen sollst! Wir haben dazu Den Sonnenweiser und den Sand! Du selbst Sollst, wie wir andern, in der Zeit was tun! Faulenzerei, nichts weiter!

Artaxerxes. Lass dir schwoeren!

Moses. Schweig! Schweig! Beim Essen zaehltest du noch nie! Im uebrigen: man schwoert auch nicht bei uns, Und (fuer sich) waer' der Koenig nicht ein halber Heide, So haetten wir auch den fremden Diener nicht! Da kommen schon die Musikanten! Flink! (Geht zu den uebrigen.)

Jehu. Du, ist das wirklich wahr, was man von dir Erzaehlt?

Artaxerxes. Wie sollt' es denn nicht wahr sein? Soll ich's vielleicht noch hundertmal beteuern? Am Hofe des Satrapen war ich Uhr Und hatt' es gut, viel besser, wie bei euch! Nachts ward ich abgeloest, dann war's mein Bruder, Und auch bei Tage, wenn's zum Essen ging. Ich dank es wahrlich eurem Koenig nicht, Dass er mich mit den andern Kriegsgefangnen Hiehergeschleppt! Zwar ward mein Dienst zuletzt Ein wenig schwer! Ich musste mit ins Feld, Und wenn man links und rechts die Pfeile fliegen, Die Menschen fallen sieht, verzaehlt man sich Natuerlich leichter als in einem Saal, Wo sie zusammenkommen, um zu tanzen. Ich schloss die Augen, denn ich bin kein Held, Wie es mein Vater war. Den traf ein Pfeil Auf seinem Posten--er war Uhr, wie wir, Ich und mein Bruder, alle waren Uhren-- Er rief die Zahl noch ab und starb! Was sagst du? Das war ein Mann! Dazu gehoerte mehr, Als noetig war, den Pfeil ihm zuzuschicken!

Jehu. Habt ihr denn keinen Sand bei euch zu Hause, Dass ihr das tun muesst?

Artaxerxes. Wir? Wir keinen Sand? Genug, um ganz Judaea zu bedecken! Es ist ja nur, weil der Satrap bei uns Es besser haben soll, wie's andre haben! Der Puls des Menschen geht doch wohl genauer, Wenn er gesund ist und kein Fieber hat, Wie euer Sand durch seine Roehre laeuft? Und nuetzen euch die Sonnenweiser was, Wenn es der Sonne nicht gefaellt zu scheinen? (Zaehlt.) Eins--Zwei--

Moses (kommt zurueck). Fort! Fort! Die Gaeste kommen schon!

Artaxerxes. Das ist das Fest? Da sah ich andre Feste! Wo keine Frucht gegessen ward, die nicht Aus einem fremden Weltteil kam! Wo Strafe, Oft Todesstrafe, darauf stand, wenn einer Nur einen Tropfen Wasser trank. Wo Menschen, Die man mit Hanf umwickelt und mit Pech Betraeufelt hatte, in den Gaerten nachts Als Fackeln brannten--

Moses. Hoere auf! Was hatten Die Menschen dem Satrapen denn getan?

Artaxerxes. Getan? Gar nichts! Bei uns ist ein Begraebnis Viel praechtiger, wie eine Hochzeit hier!

Moses. Vermutlich fresst ihr eure Toten auf! Es passte gut zum uebrigen!

Artaxerxes. Dann ist's Auch wohl nicht wahr, dass eure Koenigin Im Wein einst eine Perle aufgeloest, Kostbarer, als das ganze Koenigreich, Und dass sie diesen Wein an einen Bettler Gegeben hat, der ihn, wie andern, soff?

Moses. Das ist es nicht! Gott Lob!

Artaxerxes (zu Jehu). Du sagtest's aber!

Jehu. Weil es mir eine Ehre fuer sie schien, Und weil man's von der aegypterin erzaehlt!

Moses. Hinweg!

Artaxerxes (deutet auf die Rosen, die Jehu traegt). Wirkliche Rosen! Die sind billig, Bei uns sind's silberne und goldene! Die soll man dahin schicken, wo die Blumen So kostbar sind, wie Gold und Silber hier!

(Diener zerstreuen sich. Die Gaeste, unter ihnen Soemus, haben sich waehrend der letzten Haelfte dieser Szene versammelt. Musik. Tanz. Silo und Judas sondern sich von den uebrigen und erscheinen im Vordergrund.)

Silo. Was soll das heissen?

Judas. Was das heissen soll? Der Koenig kehrt zurueck! Und das noch heut!

Silo. Meinst du?

Judas. Wie kannst du fragen! Gibt's denn wohl Noch einen andern Grund fuer solch ein Fest? ueb dich auf einen neuen Bueckling ein!

Silo. Es hiess ja aber--

Judas. Lug und Trug, wie immer, Wenn's hiess, ihm sei was Schlimmes widerfahren, Und ganz natuerlich, da's so viele gibt, Die ihm das Schlimme wuenschen! Wird getanzt In einem Haus, wo man um Tote klagt?

Silo. Da wird denn bald viel Blut vergossen werden, Die Kerker stecken seit dem Aufruhr voll!

Judas. Das weiss ich besser, als du's wissen kannst, Ich habe manchen selbst hineingeschleppt. Denn dieser Aufruhr war so unvernuenftig, Dass jeder, der nicht eben darauf sann, Sich selbst zu haengen, ihn bekaempfen musste. Du weisst, ich liebe den Herodes nicht, Wie tief ich mich auch immer vor ihm buecke, Doch darin hat er recht: die Roemer sind Zu maechtig gegen uns, wir sind nicht mehr, Als ein Insekt ist in des Loewen Rachen, Das soll nicht stechen, denn es wird verschluckt!

Silo. Mir tut's nur leid um meines Gaertners Sohn, Der einen Stein nach einem roem'schen Adler Geworfen und ihn auch getroffen hat!

Judas. Wie alt ist der?

Silo. Wie lange ist es doch, Dass ich den Fuss brach?--Da ward er geboren, Denn seine Mutter konnte mich nicht pflegen, Ja, richtig--zwanzig!

Judas. Da geschieht ihm nichts! (Mariamne und Alexandra erscheinen.) Die Koenigin! (Will gehen.)

Silo. Wie meinst du das? Ein Wort noch!

Judas. Wohl! Im Vertraun denn! Weil er zwanzig ist, Geschieht ihm nichts! Doch wenn er neunzehn waer' Und einundzwanzig, ginge es ihm schlecht! Im kuenft'gen Jahr steht's anders!

Silo. Spasse nicht!

Judas. Ich sage dir, so ist's! Und willst du wissen Warum? Der Koenig selbst hat einen Sohn Von zwanzig Jahren, doch er kennt ihn nicht! Die Mutter hat ihm, als er sie verliess, Das Kind entfuehrt und feierlich geschworen, Es zu verderben--

Silo. Greuelhaftes Weib! Heidin?

Judas. Vermutlich! Zwar, ich weiss es nicht!-- So zu verderben, dass er's toeten muesse, Verstehst du mich? Ich halt's fuer Raserei, Die sich gelegt hat nach der ersten Wut, Doch ihn macht's aengstlich, und kein Todesurteil Ward je an einem Menschen noch vollzogen, Der in dem Alter seines Sohnes stand. Troest deinen Gaertner! Doch behalt's fuer dich!

(Verlieren sich wieder unter die uebrigen.)



Fuenfte Szene

Alexandra und Mariamne erscheinen im Vordergrund.

Alexandra. So willst du dich nicht zu den Roemern fluechten?

Mariamne. Wozu nur?

Alexandra. Um das Leben dir zu sichern!

Mariamne. Das Leben! Freilich! Das muss man sich sichern! Der Schmerz hat keinen Stachel ohne das!

Alexandra. So gib der Stunde wenigstens ihr Recht! Du gibst ein Fest, so zeig auch deinen Gaesten Ein festliches Gesicht, wie sich's gebuehrt!

Mariamne. Ich bin kein Instrument und keine Kerze, Ich soll nicht klingen, und ich soll nicht leuchten, Drum nehmt mich, wie ich bin! Nein! Tut es nicht! Treibt mich, das Beil fuer meinen Hals zu wetzen, Was red ich, treibt mich, dass ich mit euch juble-- Soemus, auf! (Zu Salome, die eben eintritt und ihr entgegenschreitet.)


Du, Salome? Willkommen Vor allem mir, trotz deiner Trauerkleider! Das haett' ich kaum gehofft!



Sechste Szene

Salome. Ich muss ja wohl, Wenn ich erfahren will, wie's steht! Ich werde Zu einem Fest geladen, doch man sagt Mir nicht, warum das Fest gegeben wird! Zwar kann ich's ahnen, doch ich muss es wissen! Nicht wahr: Herodes kehrt zurueck? Wir werden Ihn heut noch sehn? Die Kerzen sagen ja, Die lustige Musik! Tu du es auch! Ich frag nicht meinetwegen! Doch du weisst-- Nein, nein, du weisst es nicht, du hast's vergessen, Du hast vielleicht getraeumt, sie sei begraben, Sonst haettst du ihr die Kunde nicht verhehlt, Allein dein Traum hat dich getaeuscht, sie sitzt Noch immer in der Ecke, wo sie sass, Als sie dich segnete--

Mariamne. Was redest du?

Salome. Genug! Herodes hat noch eine Mutter, Die bangt um ihren Sohn und haermt sich ab. Und ich, ich bitt dich: lass sie das Verbrechen, Dass sie auch mich gebar, nicht laenger buessen, Gib ihr den Trost, nach dem ihr Herz verlangt!

Mariamne. Ich hab fuer seine Mutter keinen Trost!

Salome. Du hast Herodes heut nicht zu erwarten?

Mariamne. Nichts weniger! Ich hoerte, er sei tot!

Salome. Und feierst dieses Fest?

Mariamne. Weil ich noch lebe! Soll man sich denn nicht freun, dass man noch lebt?

Salome. Ich glaub dir nicht!

Mariamne. Viel Dank fuer deinen Zweifel!

Salome. Die Kerzen--

Mariamne. Sind sie nicht zum Leuchten da?

Salome. Die Zimbeln--

Mariamne. Muessen klingen, weisst du's anders?

Salome (deutet auf Mariamnens reiche Kleidung). Die Edelsteine--

Mariamne. Stuenden dir zwar besser--

Salome. Das alles deutet--

Mariamne. Auf ein Freudenfest!

Salome. Das ueber einem Grabe--

Mariamne. Es ist moeglich!

Salome. Dann--Mariamne, hoer ein ernstes Wort! Ich hab dich stets gehasst, doch immer blieb mir Ein Zweifel, ob es auch mit Recht geschah, Und reuig hab ich oft mich dir genaehert, Um--

Mariamne. Mich zu kuessen! Einmal tatst du's gar!

Salome. Jetzt aber seh ich, du bist--

Mariamne. Schlecht genug, Dich stehnzulassen und mich in die Schar Zu mischen, welche dort den Tanz beginnt! Soemus!

Soemus (reicht ihr den Arm). Koenigin!

Mariamne. So hat Herodes Mich ganz gewiss gesehen, als er dir Den blutigen Befehl gab. Wunderbar! Es ist nun wirklich alles so gekommen! (Im Abgehen zu Salome.) Du siehst doch zu?

(Von Soemus in den Hintergrund gefuehrt, wo sie beide nicht mehr gesehen werden.)

Salome. Dies Weib ist noch viel schlechter, Als ich's mir dachte! Das will etwas sagen! Drum hat sie auch die bunte Schlangenhaut, Mit der sie alles koedert!--ja, sie tanzt! Nun, wahrlich, jetzt ist mein Gewissen ruhig, Der kann kein Mensch auf Erden unrecht tun!

(Sie sieht Mariamnen zu.)



Siebente Szene

Alexandra kommt mit Titus.

Alexandra. Titus, du siehst, wie meine Tochter trauert!

Titus. Sie hat wohl neue Botschaft von Herodes?

Alexandra. Die Botschaft, dass es mit ihm aus ist! Ja!

Titus (sieht nach Mariamnen). Sie tanzt!

Alexandra. Als waere sie, statt Witwe, Braut! Titus, sie trug bis heute eine Maske, Und, merk dir das, sie tat es nicht allein!

Titus. Sehr gut fuer sie! Dann bleibt sie, was sie ist! Gehoert sie zu den Feinden des Herodes, So wird sie nicht mit seinen Freunden buessen!

Alexandra. Um das zu zeigen, gibt sie ja dies Fest! (Entfernt sich von Titus.)

Titus. Es schaudert mir vor diesen Weibern doch! Die eine haut dem Helden, den sie erst Durch heuchlerische Kuesse sicher machte, Im Schlaf den Kopf ab, und die andre tanzt, Um sich nur ja die Krone zu erhalten, Wie rasend, auf dem Grabe des Gemahls! Um das zu sehn, ward ich gewiss geladen (Er sieht wieder nach Mariamnen.) Ja, ja, ich seh's und will's in Rom bezeugen-- Doch trinke ich hier keinen Tropfen Wein!

Salome. Was sagst du, Titus? Steht es mit dem Koenig So schlecht, dass die schon alles wagen darf?

Titus. Wenn er nicht gleich sich zum Octavian Geschlagen und dem Marc Anton vorm Fall Den letzten Stoss noch mitgegeben hat, Und das bezweifle ich, so steht's nicht gut!

Salome. O haett' er's doch getan!--Wenn die den Kopf Behaelt, so weiss ich nicht, warum der Herr Das Blut der uepp'gen Jesabel den Hunden Zu lecken gab! (Verliert sich unter die uebrigen.)

Titus. Sie tanzt noch fort! Doch scheint's Ihr nicht ganz leicht zu sein! Sie muesst' ergluehen, Doch sie erbleicht, als ob sie in Gedanken Was andres taete und nur unwillkuerlich Dem Reigen folgte! Nun, auch diese Judith Hat wohl nicht ohne Angst ihr Werk vollbracht! Und die da muss den letzten Kuss des Mannes, Den sie hier jetzt vor mir so feierlich Verleugnet, noch auf ihrer Lippe fuehlen, Auch sah sie ihn ja noch nicht tot!--Sie kommt!

(Mariamne erscheint wieder. Alexandra und Soemus folgen ihr.)

Alexandra (zu Mariamne). Ich sprach mit Titus!

Mariamne (erblickt bei einer ploetzlichen Wendung ihr Bild im Spiegel).

Ha!

Alexandra. Was hast du denn?

Mariamne. So hab ich mich ja schon im Traum gesehn!-- Das also war's, was mich vorhin nicht ruhn liess, Bis der verlorene Rubin sich fand, Der jetzt auf meiner Brust so duester glimmt: Das Bild haett' eine Luecke ohne ihn!-- Auf dieses folgt das letzte bald!

Alexandra. Komm zu dir!

Mariamne. So lass mich doch!--Ein Spiegel, ganz, wie der! Zu Anfang angelaufen, wie vom Hauch Des Atmenden, dann, wie die Bilder, die Er nacheinander zeigte, sanft sich klaerend Und endlich leuchtend, wie geschliffner Stahl. Ich sah mein ganzes Leben! Erst erschien ich Als Kind, von zartem Rosenlicht umflossen, Das immer roeter, immer dunkler ward: Da waren mir die eignen Zuege fremd, Und bei der dritten Wandlung erst erkannt' ich Mich in dem gar zu jungen Angesicht. Nun kam die Jungfrau und der Augenblick, Wo mich Herodes in den Blumengarten Begleitete und schmeichelnd zu mir sprach: So schoen ist keine, dass sie deine Hand Nicht pfluecken duerfte!--Ha, er sei verflucht, Dass er's so ganz vergass! So ganz! Dann ward's Unheimlich, und ich musste wider Willen Die Zukunft schaun. Ich sah mich so und so, Und endlich, wie ich hier steh! (Zu Alexandra.) Ist es denn Nicht seltsam, wenn ein Traum ins Leben tritt?-- Nun truebte sich der helle Spiegel wieder, Das Licht ward aschenfarbig, und ich selbst, Die kurz zuvor noch Bluehende, so bleich, Als haett' ich unter diesem Prachtgewand Schon laengst aus allen Adern still geblutet. Ein Schauder packte mich, ich rief: Jetzt komme Ich als Geripp, und das will ich nicht sehn! Da wandt' ich mich-- (Sie wendet sich vom Spiegel ab.)

Stimmen im Hintergrund. Der Koenig!

(Allgemeine Bewegung.)

Alexandra. Wer?



Achte Szene

Herodes tritt ein, kriegerisch angetan. Joab. Gefolge.

Mariamne. Der Tod! Der Tod! Der Tod ist unter uns! Unangemeldet, wie er immer kommt!

Salome. Der Tod fuer dich! jawohl! So fuehlst du's selbst? Mein Bruder! (Will Herodes umarmen, er draengt sie zurueck.)

Herodes. Mariamne! (Er naehert sich ihr.)

Mariamne (weist ihn mit einer heftigen Gebaerde zurueck). Zieh das Schwert! Reich mir den Giftpokal! Du bist der Tod! Der Tod umarmt und kuesst mit Schwert und Gift!

Herodes (kehrt sich nach Salome um). Was soll das heissen? Tausend Kerzen riefen Mir aus der Ferne durch die Nacht schon zu: Dein Bote ward nicht von den Arabern Ergriffen, er kam an, du wirst erwartet, Und jetzt--

Salome. Die Kerzen haben dich betrogen, Hier ward gejubelt ueber deinen Tod! Dein Bote kam nicht an, und deine Mutter Zerriss schon ihr Gewand um dich!

(Herodes sieht um sich, bemerkt Titus und winkt ihm.)

Titus (tritt heran). So ist's! Hier war kein Mensch darauf gefasst, ich selbst Nicht einmal ganz, dass du noch vor der Schlacht Bei Aktium den Antonius verlassen Und, wie's die Klugheit freilich riet, zum Caesar Hinuebergehen wuerdest! Dass du's tatest, Beweist mir deine Wiederkunft. Nun wohl! Ich--wuensch dir Glueck!

Mariamne (tritt herzu). Und ich beklage dich, Dass die Gelegenheit sich dir nicht bot, Den Marc Anton mit eigner Hand zu schlachten. So haettst du deinem neuen Herrn am besten Gezeigt, dass dir am alten nichts mehr lag; Du haettst ihm deines Freundes Kopf gebracht, Er haett' ihn mit der Krone dir bezahlt!

Herodes. Pfui, Titus, pfui! Auch du denkst so von mir? Ich zog hinunter nach Arabien, Wie mir's Antonius geboten hatte, Allein ich fand dort keinen Feind! Nun macht' ich Mich auf nach Aktium, und meine Schuld War's nicht, wenn ich zu spaet kam. Haett' er sich Gehalten, wie ich glaubte, dass er's wuerde, So haett' ich (gegen Mariamne) die Gelegenheit gesucht, Ihm mit dem Kopfe des Octavian Die Krone zu bezahlen! (Zu Titus.) Er tat's nicht! Er war schon tot, als ich erschien. Nun tat ihm Der Freund nicht weiter not, und ich begab Mich zum Octavian; zwar nicht als Koenig-- Die Krone legt' ich ab--doch darum auch Als Bettler nicht. Ich zog mein Schwert und sprach: Dies wollt' ich brauchen gegen dich, ich haett' es Vielleicht mit deinem eignen Blut gefaerbt, Wenn's hier noch besser stuende. Das ist aus! Jetzt senke ich's vor dir und leg es ab! Erwaege du nun, welch ein Freund ich war, Nicht, wessen Freund; der Tote gab mich frei: Ich kann jetzt, wenn du willst, der deine sein!

Titus. Und er?

Herodes. Er sprach "Wo hast du dien Krone? Ich setz noch einen Edelstein hinein, Nimm die Provinz hin, die dir fehlt bis heute, Du sollst es nur an meiner Grossmut fuehlen, Dass ich der Sieger bin, nicht Marc Anton, Er haett' sie Cleopatren nie genommen, Die sie bisher besass, ich schenk sie dir!

Titus. Das--haett' ich nie gedacht. Auch preis ich nichts, Als deinen Stern!

Herodes. Titus! O preis ihn nicht! Ich ward zu schwerem Werk gespart! Soemus! (Soemus bleibt stehen, wo er steht und antwortet nicht.) Verrietst du mich? Du schweigst! Ich weiss genug! Oh! Oh! Hinweg mit ihm!

Soemus (indem er abgefuehrt wird). Ich leugne nichts! Doch, dass ich dich fuer tot hielt, magst du glauben! Jetzt tu, was dir gefaellt! (Ab.)

Herodes. Und nach dem Tode Hoert alles auf, nicht wahr? Ja! Ja! Mein Titus, Haettst du den Mann gekannt, wie ich--du wuerdest Nicht so gelassen, nicht so ruhig dastehn, Wie ich hier steh, du wuerdest schaeumen, knirschen Und wuetend sprechen: (Gegen Mariamne.) Weib, was tatst du alles, Um den so weit zu bringen?--Salome, Du hattest recht, ich muss mich waschen, waschen-- Blut her! Sogleich beruf ich ein Gericht! (Gegen Mariamne.) Du schweigst? Du huellst dich noch in deinen Trotz? Ich weiss warum! Du hast's noch nicht vergessen, Was du mir warst! Auch jetzt noch riss' ich leichter Das Herz mir aus der Brust--Titus, so ist's!-- Als (wieder zu Mariamne) dich mir aus dem Herzen! Doch ich tu's!

Mariamne (wendet sich kurz). Ich bin Gefangne?

Herodes. Ja!


Mariamne (zu den Soldaten). So fuehrt mich ab! (Wendet sich. Auf Herodes' Wink folgt ihr Joab mit Soldaten.) Der Tod kann mein Gemahl nicht laenger sein! (Ab.)

Herodes. Ha! Ha! Zu der hab ich einmal gesprochen: Zwei Menschen, die sich lieben, wie sie sollen, Koennen einander gar nicht ueberleben, Und wenn ich selbst auf fernem Schlachtfeld fiele: Man brauchte dir's durch Boten nicht zu melden, Du fuehltest es sogleich, wie es geschehn, Und stuerbest ohne Wunde mit an meiner! Titus, verlach mich nicht! So ist's! So ist's! Allein die Menschen lieben sich nicht so! (Ab.)



Fuenfter Akt

Grosser Audienzsaal, wie im ersten Akt.

Man erblickt Thron und Richtertafel.



Erste Szene

Herodes und Salome.

Herodes. Hoer auf, hoer auf! Ich habe das Gericht Bestellt und werde seinen Spruch vollziehn! Ich, der ich sonst vor jedem Fieber bebte, Wenn's auch nur ihre Kammerfrau befiel, Ich selbst bewaffne gegen sie den Tod! Das sei genug! Wenn dich dein Eifer noch Nicht ruhen laesst, wird er sein Ziel verfehlen, Ich werde denken, dass der Hass allein Aus deinem Munde spricht, und dich als Zeugin Verwerfen, wenn ich jede Kerze auch Als solche gelten lasse, die geflammt, Und jede Blume, die geduftet hat!

Salome. Herodes! Leugnen will ich's nicht, ich habe Nach ihren Fehlern einst gespaeht und sie Vergroessert, wie du selbst die Tugenden, Die du an ihr entdecktest. War der Stolz, Womit sie mir und deiner Mutter immer Begegnete, war er ein Grund zur Liebe? Sie gab sich als ein Wesen hoehrer Art, Das niemals einen anderen Gedanken, Als den, in mir erregte: wozu ist Das dicke Buch, das von den Heldentaten Der Makkabaeer uns erzaehlt, nur da? Die traegt ja selbst die Chronik im Gesicht!

Herodes. Du willst mich widerlegen und besiegelst Den Spruch, den ich gefaellt!

Salome. Hoer mich nur aus! So war's, ich leugn' es nicht. Doch wenn ich jetzt Mehr sagte, als ich weiss und denk und fuehle, Ja, wenn ich nicht aus schwesterlichem Mitleid Die Haelfte dessen, was ich sagen koennte, Noch in der Brust verschloss, so soll mein Kind-- Ich liebe es ja wohl?--so viele Jahre Erleben, als sein Scheitel Haare zaehlt, Und jeder Tag ihm so viel Schmerzen bringen, Als er Minuten, ja Sekunden hat!

Herodes. Der Schwur ist fuerchterlich!

Salome. Und dennoch faellt er Mir leichter, als das Wort: die Nacht ist schwarz! Mein Auge koennte krank sein, doch unmoeglich Ist mit dem Auge krank zugleich das Ohr, Ja, der Instinkt, das Herz und jegliches Organ, das meine Sinne unterstuetzt! Und alle stimmen diesmal so zusammen, Als koennten sie sich gar nicht widersprechen. Ja, haette Gott in jener Festesnacht Mir aus des Himmels Hoehen zugerufen: Von welchem uebel soll ich eure Erde Befrein, du hast die Wahl, so haett' ich nicht Die Pest, ich haett' dein boeses Weib genannt! Mir schauderte vor ihr, mir war zumut, Als haett' ich einem Daemon aus der Hoelle Im Finstern meine Menschenhand gereicht, Und er verhoehnte mich dafuer, er traete In seiner eignen schrecklichen Gestalt Aus dem gestohlnen Leib von Fleisch und Blut Hervor und grinste mich durch Flammen an. Auch schauderte mir nicht allein, der Roemer Sogar, der eh'rne Titus, war entsetzt!

Herodes. Jawohl, und der wiegt schwerer, als du selbst, Denn, wie er keinen liebt, so hasst er keinen Und ist gerecht, wie Geister ohne Blut. Verlass mich jetzt, denn ich erwarte ihn!

Salome. Nein, niemals werd' ich diesen Tanz vergessen, Bei dem sie nach dem Takte der Musik Den Boden trat, als wuesste sie's gewiss, Dass du darunter lagst! Bei Gott, ich wollte, Ich muesste das nicht sagen! Denn ich weiss, Wie tief es dich, der du ihr Mutter, Schwester, Und was nicht, opfertest, empoeren muss! Allein, so war es! (Ab.)



Zweite Szene

Herodes (allein). Titus sagte mir Das naemliche! Auch sah ich selbst genug! Und die hat recht! Ich habe ihr die Schwester Und fast die Mutter auch geopfert: woegen Die nicht den Bruder auf, den sie verlor? In ihren Augen nicht!



Dritte Szene

Titus tritt ein.

Herodes. Nun, Titus, nun? Bekennt Soemus?

Titus. Was du weisst! Nicht mehr!

Herodes. Nichts von--

Titus. O nein! Er fuhr, wie rasend, auf, Als ich von fern nur darauf deutete!

Herodes. Ich konnte es erwarten!

Titus. Niemals haette Ein Weib, wie deins, gelebt, und niemals sei Ein Mann des Kleinods, das ihm Gott beschieden, So wenig wert gewesen--

Herodes. Als ich selbst! Ja, ja!--"Er wusste nicht, was Perlen sind, Drum nahm ich ihm sie weg!" So sprach der Dieb. Ich weiss nicht, half's ihm was?

Titus. Ihr Herz sei edler Als Gold--

Herodes. So kennt er es? Er ist berauscht Und lobt den Wein! Ist das nicht ein Beweis, Dass er getrunken hat? Was schuetzte er Denn vor? Warum verriet er meinen Auftrag An sie?

Titus. Aus Abscheu, wie er sagt!

Herodes. Aus Abscheu? Und diesen Abscheu sprach er mir nicht aus?

Titus. Waer' das ihm wohl bekommen? Haettest du Den starren Diener leben lassen koennen, Der den Befehl einmal von dir empfing Und ihn zurueckwies?

Herodes. War's in solchem Fall Denn nicht genug, ihn unvollfuehrt zu lassen?

Titus. Gewiss! Doch wenn er weiter ging, so tat er's Vielleicht, weil du ihm schon verloren schienst, Und weil er nun die Gunst der Koenigin Auf deine Kosten sich erkaufen wollte, In deren Haenden seine Zukunft lag.

Herodes. Nein, Titus, nein! Soemus war der Mann, In eigener Person den Griff zu wagen, Der uns die fremde Gunst entbehrlich macht! Nur darum uebertrug ich's ihm, ich dachte: Er tut's fuer sich, wenn er's fuer dich nicht tut! Ja, waer' er ein Geringrer, als er ist, Und haett' er nicht in Rom die vielen Freunde, So wollt' ich's glauben, aber jetzt--Nein, nein! Es gab nur einen Grund!

Titus. Und dennoch raeumt Er den nicht ein!

Herodes. Er waer' nicht, was er ist, Wenn er es taete, denn er weiss gar wohl, Was folgen wird, und hofft nun, durch sein Leugnen In meiner Brust noch einen letzten Zweifel Zu wecken, der, wenn nicht sein eignes Haupt, So doch das ihrige, vorm Tode schuetzt! Allein er irrt, dem Zweifel fehlt der Stachel, Denn haett' ich nichts zu strafen, was sie tat, So straft' ich, was sie ward, und was sie ist! Ha! Waer' sie je gewesen, was sie schien: Sie haette so sich nie verwandeln koennen, Und Rache nehm ich an der Heuchlerin! Ja, Titus, ja, ich schwoer es bei dem Schluessel Zum Paradies, den sie in Haenden haelt; Bei aller Seligkeit, die sie mir schon Gewaehrte und mir noch gewaehren kann; Ja, bei dem Schauder, der mich eben mahnt, Dass ich in ihr mich selbst vernichten werde: Ich mach ein Ende, wie's auch stehen mag!

Titus. Es ist zu spaet, dir warnend zuzurufen: Gib den Befehl nicht! und ich kenne selbst Kein Mittel, das zur Klarheit fuehren kann, Drum wag ich nicht zu sagen: halte ein!



Vierte Szene

Joab tritt ein.

Herodes. Sind sie versammelt?

Joab. Laengst! Aus dem Gefaengnis Muss ich dir melden, was mir wichtig scheint! Man kann den Sameas nicht so weit bringen, Dass er sich selbst entleibt!

Herodes. Ich gab Befehl, Dass man ihn martern soll, bis er es tut! (Zu Titus.) Der hat geschworen, hoert' ich, sich zu toeten, Wenn er mich nicht zu seinesgleichen machen, Den Heidensinn in mir, wie er es nennt, Nicht brechen koenne. Da ihm das misslang, So zwinge ich ihn, seinen Schwur zu halten, Er hat den Tod wohl tausendfach verdient!

Titus. Ich haette selbst auf seinen Tod gedrungen, Denn er hat mich beschimpft und Rom in mir, Und das kann ueberall verziehen werden, Nur hier nicht, wo das Volk so stoerrig ist!

Herodes (zu Joab). Nun denn!

Joab. Man tat getreu nach deinen Worten, Allein es half zu nichts. Der Henker hat Fast jede Qual ihm angetan, er hat Ihm obendrein, ergrimmt ob seinem Trotz, Den er fuer Hohn nahm, Wunden beigebracht, Doch ist's, als haett' er einen Baum gegeisselt, Als haette er in Holz hineingeschnitten: Der Alte steht so da, als fuehlt' er nichts, Er singt, anstatt zu schrein und nach dem Messer Zu greifen, das ihm vorgehalten wird, Er singt den Psalm, den die drei Maenner einst Im feur'gen Ofen sangen, er erhebt Bei jedem neuen Schmerz die Stimme lauter Und, wenn er einhaelt, prophezeit er gar!

Herodes (fuer sich). So sind sie! Ja!--Und wird sie anders sein?

Joab. Dann ruft er aus, als haett' er fuer geheime Und wunderbare Dinge so viel Augen Bekommen, als er Wunden zaehlt, nun sei Die Zeit erfuellt, und in die Krippe lege Die Jungfrau-Mutter aus dem Stamme Davids In diesem heil'gen Augenblick ein Kind, Das Throne stuerzen, Tote wecken, Sterne Vom Himmel reissen und von Ewigkeit Zu Ewigkeit die Welt regieren werde. Das Volk indes, zu Tausenden versammelt, Harrt draussen vor den Toren, hoert das alles Und glaubt, dass sich Elias' Flammenwagen Herniedersenken wird, um ihn, wie den, Emporzutragen. Selbst ein Henkersknecht Erschrak und hielt, anstatt ihm neue Wunden Zu schlagen, ihm die alten zu!

Herodes. Man soll Ihn auf der Stelle toeten, und dem Volk Ihn zeigen, wenn er tot ist!--Lass dann auch Die Richter kommen und--

Joab. Die Koenigin! (Ab.)

Herodes. Du, Titus, wirst an meiner Seite sitzen! Auch ihre Mutter habe ich geladen, Damit es ihr nicht an der Zeugin fehlt.



Fuenfte Szene

Aaron und die uebrigen fuenf Richter treten ein. Alexandra und Salome folgen. Joab erscheint gleich darauf.

Alexandra. Mein Koenig und mein Herr, sei mir gegruesst!

Herodes. Ich danke dir!

(Er setzt sich auf seinen Thron. Titus setzt sich ihm zur Seite. Die Richter setzen sich dann auf seinen Wink im Halbkreis um die Tafel)

Alexandra (waehrend dies geschieht). Vom Schicksal Mariamnens Scheid ich das meinige, und spare mich, Wie eine Fackel, fuer die Zukunft auf!

(Sie setzt sich neben Salome.)

Herodes (zu den Richtern). Ihr wisst, warum ich euch berufen liess!

Aaron. In tiefstem Schmerz erschienen wir vor dir!

Herodes. Nicht zweifl' ich! Mir und meinem Hause seid Ihr alle eng befreundet und verwandt, Was mich trifft, trifft euch mit! Euch wird es freun' Wenn ihr die Koenigin, die--(Er stockt.) Schenkt mir das! Euch wird es freun, wenn ihr sie nicht verdammen, Wenn ihr, anstatt nach Golgatha hinaus, Zurueck mir in das Haus sie schicken duerft, Doch werdet ihr auch vor dem aeussersten Nicht mutlos zittern, wenn' es noetig wird, Denn, wie ihr Glueck und Unglueck mit mir teilt, So teilt ihr Schmach und Ehre auch mit mir. Wohlan denn!

(Er gibt Joab ein Zeichen. Joab geht ab. Dann erscheint er wieder mit Mariamne.--Es entsteht eine lange Pause.)

Aaron!

Aaron. Koenigin! Uns ward Ein schweres Amt! Du stehst vor deinen Richtern!

Mariamne. Vor meinen Richtern, ja, und auch vor euch!

Aaron. Erkennst du dies Gericht nicht an?

Mariamne. Ich sehe Ein hoehres hier! Wenn das auf eure Fragen Die Antwort mir gestattet, werd' ich reden, Und schweigen werd' ich, wenn es sie verbeut!-- Mein Auge sieht euch kaum! Denn hinter euch Stehn Geister, die mich stumm und ernst betrachten, Es sind die grossen Ahnen meines Stamms. Drei Naechte sah ich sie bereits im Traum, Nun kommen sie bei Tage auch, und wohl Erkenn ich, was es heisst, dass sich der Reigen Der Toten schon fuer mich geoeffnet hat Und dass, was lebt und atmet, mir erbleicht. Dort, hinter jenem Thron, auf dem ein Koenig Zu sitzen scheint, steht Judas Makkabaeus: Du Held der Helden, blicke nicht so finster Auf mich herab, du sollst mit mir zufrieden sein!

Alexandra. Sei nicht zu trotzig, Mariamne!

Mariamne. Mutter! Leb wohl!--(Zu Aaron.) Weswegen bin ich hier verklagt?

Aaron. Du habest deinen Koenig und Gemahl Betrogen--(Zu Herodes.) Nicht?

Mariamne. Betrogen? Wie? Unmoeglich! Hat er mich nicht gefunden, wie er mich Zu finden dachte? Nicht bei Tanz und Spiel? Zog ich, als ich von seinem Tode hoerte, Die Trauerkleider an? Vergoss ich Traenen? Zerrauft' ich mir das Haar? Dann haett' ich ihn Betrogen, doch ich hab es nicht getan Und kann es dartun. Salome, sprich du!

Herodes. Ich fand sie, wie sie sagt. Sie braucht sich nicht Nach einem andern Zeugen umzusehn. Doch niemals, niemals haette ich's gedacht!

Mariamne. Niemals gedacht? Und doch verlarvt den Henker Dicht hinter mich gestellt? Das kann nicht sein! Wie ich beim Scheiden stand vor seinem Geist, So hat er mich beim Wiedersehn gefunden, Drum muss ich leugnen, dass ich ihn betrog!

Herodes. (in ein wildes Gelaechter ausbrechend). Sie hat mich nicht betrogen, weil sie nichts Getan, als was das Vorgefuehl, die Ahnung, Wie preis ich sie, die duestre Warnerin! Mich fuerchten liess--(Zu Mariamne.) Weib! Weib! Dies steht dir an! Doch baue nicht zu fest darauf, dass ich Mit Glueck und Ruhe auch die Kraft verlor, Mir blieb vielleicht ein Rest noch fuer die Rache, Und--schon als Knabe schoss ich einem Vogel Stets einen Pfeil nach, wenn er mir entflog.

Mariamne. Sprich nicht von Vorgefuehl und Ahnung, sprich Von Furcht allein! Du zittertest vor dem, Was du verdientest! Das ist Menschenart! Du kannst der Schwester nicht mehr traun, seit du Den Bruder toetetest, du hast das aergste Mir zugefuegt und glaubst nun, dass ich's dir Erwidern, ja, dich ueberbieten muss! Wie, oder hast du stets, wenn du dem Tod In ehrlich-offnem Krieg entgegenzogst, Den Henker hinter mich gestellt? Du schweigst! Wohlan denn! Da du's selbst so tief empfindest, Was sich fuer mich geziemt, da deine Furcht Mich ueber meine Pflicht belehrt, so will Ich endlich diese heil'ge Pflicht erfuellen, Drum scheid ich mich auf ewig von dir ab!

Herodes. Antwort! Bekennst du? Oder tust du's nicht? (Mariamne schweigt.--Herodes zu den Richtern.) Ihr seht, das Eingestaendnis fehlt! Und auch Beweise hab ich nicht, wie ihr sie braucht! Doch habt ihr einmal einen Moerder schon Zum Tod verdammt, weil des Erschlagnen Kleinod Sich bei ihm fand. Es half ihm nichts, dass er Auf seine wohlgewaschnen Haende wies, Und nichts, dass er euch schwur, der Tote habe Es ihm geschenkt: Ihr liesst den Spruch vollziehn! Wohlan! So steht's auch hier! Sie hat ein Kleinod, Was mir bezeugt, unwidersprechlicher, Wie's irgendeine Menschenzunge koennte, Dass sie den Greul der Greul an mir beging. Ein Wunder haett' nicht bloss geschehn, es haette Sich wiederholen muessen, waer' es anders, Und Wunder wiederholten sich noch nie! (Mariamne macht eine Bewegung.) Zwar wird sie sprechen, wie der Moerder sprach: Man habe ihr's geschenkt! Auch darf sie's wagen, Denn, wie ein Wald, ist eine Kammer stumm. Doch, waeret ihr versucht, ihr das zu glauben, So setz ich euch mein innerstes Gefuehl Und die Ergruendung aller Moeglichkeiten Entgegen, und verlange ihren Tod. Ja, ihren Tod! Ich will den Kelch des Ekels Nicht leeren, den der Trotz mir beut, ich will Nicht Tag fuer Tag mich mit dem Raetsel quaelen, Ob solch ein Trotz das widerwaertigste Gesicht der Unschuld, ob die frechste Larve Der Suende ist, ich will mich aus dem Wirbel Von Hass und Liebe, eh' er mich erstickt, Erretten, kost es, was es kosten mag! Darum hinweg mit ihr!--Ihr zoegert noch? Es bleibt dabei!--Wie?--Oder traf ich's nicht? Sprecht ihr! Ich weiss, das Schweigen ist an mir! Doch sprecht! Sprecht! Sitzt nicht da, wie Salomo Zwischen den Muettern mit den beiden Kindern! Der Fall ist klar! Ihr braucht nicht mehr zum Spruch, Als was ihr seht! Ein Weib, das dastehn kann, Wie sie, verdient den Tod, und waer' sie rein Von jeder Schuld! Ihr sprecht noch immer nicht? Wollt ihr vielleicht erst den Beweis, wie fest Ich ueberzeugt bin, dass sie mich betrog? Den geb ich euch durch des Soemus Kopf, Und das sogleich! (Er geht auf Joab zu.)

Titus (erhebt sich). Dies nenn ich kein Gericht! Verzeih! (Er will gehen.)

Mariamne. Bleib, Roemer, ich erkenn es an! Wer will's verwerfen, wenn ich selber nicht!

(Titus setzt sich wieder.--Alexandra steht auf. Mariamne tritt zu ihr heran, halblaut.)

Du hast viel Leid mir zugefuegt, du hast Nach meinem Glueck das deine nie gemessen! Soll ich es dir verzeihn, so schweige jetzt! Du aenderst nichts, mein Entschluss ist gefasst. (Alexandra setzt sich wieder.) Nun, Richter?

Aaron (zu den uebrigen). Wer von euch den Spruch des Koenigs Nicht fuer gerecht haelt, der erhebe sich! (Alle bleiben sitzen.) So habt ihr alle auf den Tod erkannt! (Er steht auf.) Du bist zum Tod verurteilt, Koenigin!-- Hast du noch was zu sagen?

Mariamne. Wenn der Henker Nicht zum voraus bestellt ist und auf mich Schon wartet mit dem Beil, so moechte ich Vorm Tode noch mit Titus ein Gespraech. (Zu Herodes.) Man pflegt den Sterbenden die letzte Bitte Nicht abzuschlagen. Wenn du sie gewaehrst, So sei mein Leben deinem zugelegt!

Herodes. Der Henker ist noch nicht bestellt--ich kann's! Und da du mir dafuer die Ewigkeit Als Lohn versprichst, so muss und will ich auch! (Zu Titus.) Ist dieses Weib nicht fuerchterlich?

Titus. Sie steht Vor einem Mann, wie keine stehen darf! Drum endige!

Salome (tritt heran). O tu es! Deine Mutter Ist krank bis auf den Tod! Sie wird gesund, Wenn sie das noch erlebt,

Herodes (zu Alexandra). Sprachst du nicht was?

Alexandra. Nein!

(Herodes sieht Mariamnen lange an. Mariamne bleibt stumm.)

Herodes. Stirb! (Zu Joab.) Ich leg's in deine Hand!

(Schnell ab. Ihm folgt Salome.)

Alexandra (ihm nachsehend). Ich habe Noch einen Pfeil fuer dich! (Zu Mariamne.) Du wolltest's so!

Mariamne. Ich danke dir!

(Alexandra ab.)

Aaron (zu den uebrigen Richtern). Versuchen wir nicht noch, Ihn zu erweichen? Mir ist dies entsetzlich! Es ist die letzte Makkabaeerin! Wenn wir nur kurzen Aufschub erst erlangten! Jetzt ging's nicht an, dass wir ihm widerstrebten, Bald wird er selbst ein andrer wieder sein. Und moeglich ist's, dass er uns dann bestraft, Weil wir ihm heut nicht Widerstand getan! Ihm nach! (Ab.)

Joab (naehert sich Mariamnen). Vergibst du mir? Ich muss gehorchen!

Mariamne. Tu, was dein Herr gebot, und tu es schnell! Ich bin bereit, sobald du selbst es bist, Und Koeniginnen, weisst du, warten nicht!

(Joab ab.)



Sechste Szene

Mariamne (tritt zu Titus). Nun noch ein Wort vorm Schlafengehn, indes Mein letzter Kaemmrer mir das Bette macht! Du staunst, ich seh es, dass ich dieses Wort An dich, und nicht an meine Mutter, richte, Allein sie steht mir fern und ist mir fremd.

Titus. Ich staune, dass ein Weib mich lehren soll, Wie ich als Mann dereinst zu sterben habe! Ja, Koenigin, unheimlich ist dein Tun Und, ich verhehl's nicht, selbst dein Wesen mir, Allein ich muss den Heldensinn verehren, Der dich vom Leben scheiden laesst, als schiene Die schoene Welt dir auf dem letzten Gang Nicht einmal mehr des fluecht'gen Umblicks wert, Und dieser Mut versoehnt mich fast mit dir!

Mariamne. Es ist kein Mut!

Titus. Zwar hat man mir gesagt Dass eure finstern Pharisaeer lehren, Im Tode geh' das Leben erst recht an, Und dass, wer ihnen glaubt, die Welt verachtet, In welcher nur die Sonne ewig leuchtet Und alles uebrige in Nacht verlischt!

Mariamne. Ich hoerte nie auf sie und glaub es nicht! O nein, ich weiss, wovon ich scheiden soll!

Titus. Dann stehst du da, wie Caesar selber kaum, Als ihm von Brutus' Hand der Dolchstoss kam, Denn er, zu stolz, um seinen Schmerz zu zeigen, Und doch nicht stark genug, ihn zu ersticken, Verhuellte fallend sich das Angesicht; Du aber haeltst ihn in der Brust zurueck!

Mariamne. Nicht mehr! Nicht mehr! Es ist nicht, wie du denkst! Ich fuehle keinen Schmerz mehr, denn zum Schmerz Gehoert noch Leben, und das Leben ist In mir erloschen, ich bin laengst nur noch Ein Mittelding vom Menschen und vom Schatten Und fass es kaum, dass ich noch sterben kann. Vernimm jetzt, was ich dir vertrauen will, Doch erst gelobe mir als Mann und Roemer, Dass du's verschweigst, bis ich hinunter bin, Und dass du mich geleitest, wenn ich geh. Du zoegerst? Fodre ich zuviel von dir? Es ist des Strauchelns wegen nicht! Und ob Du spaeter reden, ob du schweigen willst, Entscheide selbst. Ich binde dich in nichts Und halte meinen Wunsch sogar zurueck. Dich aber hab ich darum auserwaehlt, Weil du schon immer, wie ein eh'rnes Bild In eine Feuersbrunst, gelassen-kalt Hineingeschaut in unsre Hoelle hast. Dir muss man glauben, wenn du Zeugnis gibst, Wir sind fuer dich ein anderes Geschlecht, An das kein Band dich knuepft, du sprichst von uns, Wie wir von fremden Pflanzen und von Steinen, Parteilos, ohne Liebe, ohne Hass!

Titus. Du gehst zu weit!

Mariamne. Verweigerst du mir jetzt, Zu starr, dein Wort, so nehm ich mein Geheimnis Mit mir ins Grab und muss den letzten Trost Entbehren, den, dass eines Menschen Brust Mein Bild doch rein und unbefleckt bewahrt, Und dass er, wenn der Hass sein aergstes wagt, Den Schleier, der es deckt, aus Pflichtgefuehl Und Ehrfurcht vor der Wahrheit heben kann!

Titus. Wohl! Ich gelob es dir!

Mariamne. So wisse denn, Dass ich Herodes zwar betrog, doch anders, Ganz anders, als er waehnt! Ich war ihm treu, Wie er sich selbst. Was schmaeh ich mich? Viel treuer, Er ist ja laengst ein andrer, als er war. Soll ich das erst beteuern? Eher noch Entschliess ich mich, zu schwoeren, dass ich Augen Und Haend' und Fuesse habe. Diese koennt' ich Verlieren, und ich waer' noch, was ich bin, Doch Herz und Seele nicht!

Titus. Ich glaube dir Und werde--

Mariamne. Halten, was du mir versprachst! Ich zweifle nicht! Nun frag dich, was ich fuehlte, Als er zum zweiten Mal, denn einmal hatte Ich's ihm verziehn, mich unters Schwert gestellt, Als ich mir sagen musste: eher gleicht Dein Schatten dir, als das verzerrte Bild, Das er im tiefsten Innern von dir traegt! Das hielt ich nicht mehr aus, und konnt' ich's denn? Ich griff zu meinem Dolch, und, abgehalten Vom rasch versuchten Selbstmord, schwur ich ihm: Du willst im Tode meinen Henker machen? Du sollst mein Henker werden, doch im Leben! Du sollst das Weib, das du erblicktest, toeten Und erst im Tod mich sehen, wie ich bin!-- Du warst auf meinem Fest. Nun: Eine Larve Hat dort getanzt!

Titus. Ha!

Mariamne. Eine Larve stand Heut vor Gericht, fuer eine Larve wird Das Beil geschliffen, doch es trifft mich selbst!

Titus. Ich steh erschuettert, Koenigin, auch zeih ich Dich nicht des Unrechts, doch ich muss dir sagen: Du hast mich selbst getaeuscht, du hast mich so Mit Grau'n und Abscheu durch dein Fest erfuellt, Wie jetzt mit schaudernder Bewunderung. Und, wenn das mir geschah, wie haette ihm Der Schein dein Wesen nicht verdunkeln sollen, Ihm, dessen Herz, von Leidenschaft bewegt, So wenig, wie ein aufgewuehlter Strom, Die Dinge spiegeln konnte, wie sie sind. Drum fuehl ich tiefes Mitleid auch mit ihm Und deine Rache finde ich zu streng!

Mariamne. Auf meine eignen Kosten nehm ich sie!

Und dass es nicht des Lebens wegen war, Wenn mich der Tod des Opfertiers empoerte, Das zeige ich, ich werf das Leben weg!

Titus. Gib mir mein Wort zurueck!

Mariamne. Und wenn du's braechest, Du wuerdest nichts mehr aendern. Sterben kann Ein Mensch den andern lassen; fortzuleben, Zwingt auch der Maechtigste den Schwaechsten nicht. Und ich bin muede, ich beneide schon Den Stein, und wenn's der Zweck des Lebens ist, Dass man es hassen und den ew'gen Tod Ihm vorziehn lernen soll, so wurde er In mir erreicht. Oh, dass man aus Granit, Aus nie zerbroeckelndem, den Sarg mir hoehlte Und in des Meeres Abgrund ihn versenkte, Damit sogar mein Staub den Elementen Fuer alle Ewigkeit entzogen sei!

Titus. Wir leben aber in der Welt des Scheins!

Mariamne. Das seh ich jetzt, drum gehe ich hinaus!

Titus. Ich selbst, ich habe gegen dich gezeugt!

Mariamne. Damit du's taetest, lud ich dich zum Fest!

Titus. Wenn ich ihm sagte, was du mir gesagt--

Mariamne. So riefe er mich um, ich zweifle nicht! Und folgte ich, so wuerde mir der Lohn, Dass ich vor einem jeden, der mir nahte, Von jetzt an schaudern und mir sagen muesste: Hab acht, das kann dein dritter Henker sein! Nein, Titus, nein, ich habe nicht gespielt, Fuer mich gibt's keinen Rueckweg. Gaeb' es den, Glaubst du, ich haett' ihn nicht entdeckt, als ich Von meinen Kindern ew'gen Abschied nahm? Wenn nichts, als Trotz mich triebe, wie er meint, Der Schmerz der Unschuld haett' den Trotz gebrochen: Jetzt machte er nur bittrer mir den Tod!

Titus. Oh, fuehlt' er das und kaem' von selbst, und wuerfe Sich dir zu Fuessen!

Mariamne. Ja! Dann haette er Den Daemon ueberwunden, und ich koennte Ihm alles sagen! Denn ich sollte nicht Unwuerdig mit ihm markten um ein Leben, Das durch den Preis, um den ich's kaufen kann, Fuer mich den letzten Wert verlieren muss, Ich sollte ihn fuer seinen Sieg belohnen, Und, glaube mir, ich koennt' es!

Titus. Ahnst du nichts, Herodes?

(Joab tritt geraeuschlos ein und bleibt schweigend stehen.)

Mariamne. Nein! Du siehst, er schickt mir den! (Deutet auf Joab.)

Titus. Lass mich--

Mariamne. Hast du mich nicht verstanden, Titus? Ist es in deinen Augen noch der Trotz, Der mir den Mund verschloss? Kann ich noch leben? Kann ich mit dem noch leben, der in mir Nicht einmal Gottes Ebenbild mehr ehrt? Und, wenn ich dadurch, dass ich schwieg, den Tod Heraufbeschwoeren und ihn waffnen konnte, Sollt' ich mein Schweigen brechen? Sollt' ich erst Den einen Dolch vertauschen mit dem andern? Und waer' es mehr gewesen?

Titus. Sie hat recht!

Mariamne (zu Joab). Bist du bereit? (Joab verneigt sich.--Mariamne gegen Herodes' Gemaecher.) Herodes, lebe wohl! (Gegen die Erde.) Du, Aristobolus, sei mir gegruesst! Gleich bin ich bei dir in der ew'gen Nacht!

(Sie schreitet auf die Tuer zu. Joab oeffnet. Man sieht Bewaffnete, die ehrerbietig Reihen bilden. Sie geht hinaus. Titus folgt ihr. Joab schliesst sich an. Feierliche Pause.)



Siebente Szene

Salome (tritt ein). Sie ging! Und dennoch schlaegt das Herz mir nicht! Ein Zeichen mehr, dass sie ihr Los verdient. So hab ich endlich meinen Bruder wieder Und meine Mutter ihren Sohn! Wohl mir, Dass ich nicht von ihm wich. Die Richter haetten Ihn sonst noch umgestimmt. Nein, Aaron, nein,

Nichts von Gefangenschaft! Im Kerker bliebe Sie keinen Mond. Das Grab nur haelt sie fest, Denn nur zum Grabe hat er keinen Schluessel.



Achte Szene

Ein Diener. Drei Koen'ge aus dem Morgenland sind da, Mit koestlichen Geschenken reich beladen, Sie kommen an in diesem Augenblick, Und nie noch sah man fremdere Gestalten Und wundersamre Trachten hier, wie die!

Salome. Fuehr sie herein! (Diener ab.) Die meld ich ihm sogleich. Solange die bei ihm sind, denkt er nicht An sie! Und bald ist alles aus mit ihr! (Sie geht zu Herodes hinein.)

(Der Diener fuehrt die drei Koenige herein. Sie sind fremdartig gekleidet und so, dass sie sich in allem voneinander unterscheiden. Ein reiches Gefolge, von dem dasselbe gilt, begleitet sie. Gold, Weihrauch und Myrrhen. Herodes tritt mit Salome gleich nachher ein.)

Erster Koenig. Heil, Koenig, dir!

Zweiter Koenig. Gesegnet ist dein Haus!

Dritter Koenig. Gebenedeit in alle Ewigkeit!

Herodes. Ich dank euch! Doch fuer diese Stunde duenkt Der Gruss mir seltsam!

Erster Koenig. Ward dir nicht ein Sohn Geboren?

Herodes. Mir? O nein! Mir starb mein Weib!

Erster Koenig. So ist hier unsers Bleibens nicht!

Zweiter Koenig. So gibt's Hier einen zweiten Koenig noch!

Herodes. Dann gaebe Es keinen hier.

Dritter Koenig. So gibt's hier ausser deinem Noch einen zweiten koeniglichen Stamm!

Herodes. Warum?

Erster Koenig. So ist es!

Zweiter Koenig. Ja, so muss es sein!

Herodes. Auch davon weiss ich nichts!

Salome (zu Herodes). In Bethlehem Hat sich vom Stamme Davids noch ein Zweig Erhalten!

Dritter Koenig. David war ein Koenig?

Herodes. Ja!

Erster Koenig. So ziehen wir nach Bethlehem hinab!

Salome (faehrt fort zu Herodes). Allein er pflanzt sich nur in Bettlern fort!

Herodes. Das glaub ich! Sonst--

Salome. Ich sprach einst eine Jungfrau Aus Davids Haus, Maria, glaub ich, hiess sie, Die fand ich schoen genug fuer ihre Abkunft, Doch war sie einem Zimmermann verlobt Und schlug die Augen gegen mich kaum auf, Als ich sie nach dem Namen fragte!

Herodes. Hoert ihr's?

Zweiter Koenig. Gleichviel! Wir gehn!

Herodes. Ihr werdet mir doch erst Verkuenden, was euch hergefuehrt?

Erster Koenig. Die Ehrfurcht Vorm Koenig aller Koenige!

Zweiter Koenig. Der Wunsch, Ihm noch vorm Tod ins Angesicht zu schaun!

Dritter Koenig. Die heil'ge Pflicht, ihm huldigend zu Fuessen Zu legen, was auf Erden kostbar ist!

Herodes. Wer aber sagte euch von ihm?

Erster Koenig. Ein Stern! Wir zogen nicht zusammen aus, wir wussten Nichts voneinander, unsre Reiche liegen Im Osten und im Westen, Meere fliessen Dazwischen, hohe Berge scheiden sie--

Zweiter Koenig. Doch hatten wir denselben Stern gesehn, Es hatte uns derselbe Trieb erfasst, Wir wandelten denselben Weg und trafen Zuletzt zusammen an demselben Ziel--

Dritter Koenig. Und ob des Koenigs, ob des Bettlers Sohn, Das Kind, dem dieser Stern ins Leben leuchtet, Wird hoch erhoehet werden, und auf Erden Kein Mensch mehr atmen, der sich ihm nicht beugt!

Herodes (fuer sich). So spricht das alte Buch ja auch! (Laut.) Darf ich Nach Bethlehem euch einen Fuehrer geben?

Erster Koenig (deutet gen Himmel). Wir haben einen!

Herodes. Wohl!--Wenn ihr das Kind Entdeckt, so werdet ihr es mir doch melden, Damit ich es, wie ihr, verehren kann?

Erster Koenig. Wir werden's tun! Nun fort! nach Bethlehem!

(Alle ab.)

Herodes. Sie werden's nicht tun! (Joab und Titus treten auf. Alexandra folgt ihnen.)

Ha!

Joab. Es ist vollbracht!

(Herodes bedeckt sich das Gesicht.)

Titus. Sie starb. Jawohl. Ich aber habe jetzt Ein noch viel fuerchterlicheres Geschaeft, Als der, der deinen blut'gen Spruch vollzog: Ich muss dir sagen, dass sie schuldlos war.

Herodes. Nein, Titus, nein! (Titus will sprechen. Herodes tritt dicht vor ihn hin.)

Denn, waere das, so haettest Du sie nicht sterben lassen.

Titus. Niemand konnte Das hindern, als du selbst!--Es tut mir weh, Dass ich dir mehr, als Henker, werden muss, Doch, wenn es heil'ge Pflicht ist, einen Toten, Wer er auch immer sein mag, zu bestatten, So ist die Pflicht noch heil'ger, ihn von Schmach

Zu reinigen, wenn er sie nicht verdient, Und diese Pflicht gebeut mir jetzt allein!

Herodes. Ich seh aus allem, was du sprichst, nur eins: Ihr Zauber war ihr selbst im Tode treu! Was groll ich dem Soemus noch! Wie sollt' er Der Blendenden im Leben widerstehn! Dich hat sie im Erloeschen noch entflammt!

Titus. Geht Eifersucht selbst uebers Grab hinaus?

Herodes. Wenn ich mich taeuschte, wenn aus deinem Mund Jetzt, etwas andres, als ein Mitleid spraeche, Das viel zu tief ist, um nicht mehr zu sein: Dann muesst' ich dich doch mahnen, dass dein Zeugnis Sie mit verdammen half, und dass es Pflicht Fuer dich gewesen waere, mich zu warnen, Sobald dir nur der kleinste Zweifel kam!

Titus. Mich hielt mein Wort zurueck und mehr, als das: Die unerbittliche Notwendigkeit. Waer' ich nur einen Schritt von ihr gewichen, So haette sie sich selbst den Tod gegeben, Ich sah den Dolch auf ihrer Brust versteckt, Und mehr als einmal zuckte ihre Hand. (Pause.) Sie wollte sterben, und sie musste auch! Sie hat so viel gelitten und verziehn, Als sie zu leiden, zu verzeihn vermochte: Ich habe in ihr Innerstes geschaut. Wer mehr verlangt, der hadre nicht mit ihr, Er hadre einzig mit den Elementen, Die sich nun einmal so in ihr gemischt, Dass sie nicht weiter konnte. Doch er zeige Mir auch das Weib, das weiter kam, als sie! (Herodes macht eine Bewegung.) Sie wollte ihren Tod von dir und rief Das wueste Traumbild deiner Eifersucht, Selbstmoerdrisch gaukelnd und uns alle taeuschend, Auf ihrem Feste in ein truegrisch Sein. Das fand ich streng, nicht ungerecht. Sie trat Als Larve vor dich hin, die Larve sollte Dich reizen, mit dem Schwert nach ihr zu stossen, (Er zeigt auf Joab.) Das tatest du, und toetetest sie selbst!

Herodes. So sprach sie. Doch sie sprach aus Rache so!

Titus. So war's. Ich habe gegen sie gezeugt, Wie gerne moecht' ich zweifeln!

Herodes. Und Soemus?

Titus. Ich bin ihm auf dem Todesweg begegnet, Er trat den seinen an, als sie den ihren Vollendet hatte, und ihm schien's ein Trost, Dass sich sein Blut mit ihrem mischen wuerde, Wenn auch nur auf dem Block durch Henkers Hand.

Herodes. Ha! Siehst du?

Titus. Was? Vielleicht hat er im stillen Fuer sie geglueht. Doch, wenn das Suende war, So war's die seinige, die ihre nicht. Er rief mir zu: jetzt sterb ich, weil ich sprach, Sonst muesst' ich sterben, weil ich sprechen koennte, Denn das war Josephs Los! Der schwur mir noch Im Tode, dass er schuldlos sei, wie ich! Das merkt' ich mir!

Herodes (ausbrechend). Joseph! Raecht der sich auch? Tut sich die Erde auf? Gehn alle Toten Hervor?

Alexandra (tritt vor ihn hin). Das tun sie!--Nein doch! Fuerchte nichts! Es gibt schon eine, welche drunten bleibt!

Herodes. Verfluchte! (Er bezwingt sich.) Sei's so! Wenn denn auch Soemus Nur ein Verbrechen gegen mich beging-- (Er kehrt sich gegen Salome.) Joseph, der ihn mit diesem schnoeden Argwohn Erfuellte, Joseph hat ihn noch im Tode Belogen, nicht? Joseph--Was schweigst du jetzt?

Salome. Auf Schritt und Tritt verfolgt' er sie--

Alexandra (zu Herodes). Jawohl! Doch sicher nur, um die Gelegenheit Zu finden, deinen Auftrag zu vollziehn Um sie und mich zu toeten--

Herodes. Ist das wahr? (Zu Salome.) Und du? Du?--

Alexandra. In derselben Stunde fast Wo er die Maske voellig fallen liess, Hat Mariamne einen Schwur getan, Sich selbst, wenn du nicht wiederkehren solltest, Den Tod zu geben. Ich verhehl es nicht, Dass ich sie darum hasste!

Herodes. Fuerchterlich! Und das--das sagst du jetzt erst?

Alexandra. Ja!

Titus. Ich weiss Es auch, es war ihr letztes Wort zu mir, Doch tausend Jahre haett' ich's dir verschwiegen, Ich wollte sie nur rein'gen, dich nicht martern!

Herodes. Dann--(Die Stimme versagt ihm.)

Titus. Fasse dich! Es trifft mich mit!

Herodes. Jawohl! Dich--die (gegen Salome)--und jeden, welcher hier, wie ich, Des tueck'schen Schicksals blindes Werkzeug war, Doch ich allein verlor, was man auf Erden In Ewigkeit nicht wiedersehen wird! Verlor? Oh! Oh!

Alexandra. Ha, Aristobolus! Du bist geraecht, mein Sohn, und ich in dir!

Herodes. Du triumphierst? Du glaubst, ich werde jetzt Zusammenbrechen? Nein, das werd' ich nicht! Ich bin ein Koenig, und ich will's die Welt (Er macht eine Bewegung, als ob er etwas zerbraeche) Empfinden lassen!--Auf jetzt, Pharisaeer, Empoert euch gegen mich! (Zu Salome.) Und du, was weichst du Schon jetzt vor mir? Noch hab ich wohl kein andres Gesicht, allein schon morgen kann's geschehn, Dass meine eigne Mutter schwoeren muss, Ich sei ihr Sohn nicht!--(Nach einer Pause, dumpf.)

Waere meine Krone Mit allen Sternen, die am Himmel flammen, Besetzt: fuer Mariamne gaebe ich Sie hin und, haett' ich ihn, den Erdball mit. Ja, koennte ich sie dadurch, dass ich selbst, Lebendig, wie ich bin, ins Grab mich legte, Erloesen aus dem ihrigen: ich taet's, Ich gruebe mich mit eignen Haenden ein! Allein ich kann's nicht! Darum bleib ich noch Und halte fest, was ich noch hab! Das ist Nicht viel, doch eine Krone ist darunter, Die jetzt an Weibes Statt mir gelten soll, Und wer nach der mir greift--Das tut man ja, Ein Knabe tut das ja, der Wunderknabe, Den die Propheten laengst verkuendet haben, Und dem jetzt gar ein Stern ins Leben leuchtet. Doch, Schicksal, du verrechnetest dich sehr, Wenn du, indem du mich mit eh'rnem Fuss Zertratest, ihm die Bahn zu ebnen glaubtest, Ich bin Soldat, ich kaempfe selbst mit dir, Und beiss dich noch im Liegen in die Ferse! (Rasch.) Joab! (Joab tritt heran. Herodes verhalten.) Du ziehst nach Bethlehem hinab Und sagst dem Hauptmann, welcher dort befiehlt, Er soll den Wunderknaben--Doch, er findet Ihn nicht heraus, nicht jeder sieht den Stern, Und diese Koen'ge sind so falsch, als fromm-- Er soll die Kinder, die im letzten Jahr Geboren wurden, auf der Stelle toeten, Es darf nicht eins am Leben bleiben!

Joab (tritt zurueck). Wohl! (Fuer sich.) Ich weiss warum! Doch Moses ward gerettet, Trotz Pharao!

Herodes (noch laut und stark). Ich sehe morgen nach!-- Heut muss ich Mariamne--(Er bricht zusammen.) Titus!

(Titus faengt ihn auf.)




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