Ich wil dem kriuze singen - Bruder Werner

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Bruder Werner (Wernher)

Ich wil dem kriuze singen (1227/28)

Text

I

Ich wil dem kriuze singen(35)

und dem, der drane die marter leit;

ich hân der werlde ûf kranken lôn gesungen leider vil.(36)


Wie mac mir baz gelingen(37)

an lange wernder saelekeit?(38)

wes sol noch der gedingen hân, der vert, dar ich nû wil?(39)

Nû schaffe ein ieslich wîse man,(40)

daz sîn der engel(41) pflege;(42)

swie vil der tiuvel danne valscher liste kan,

der engel wert(43) in doch der slehten(44) wege,

(der schiuhet allez ungeverte):(45) stîge, strâze und ouch die stege.(46)


II

Ze trôste wart uns allen

von einer maget ein kint geborn,(47)

der ist sîn selbes vater und ist ouch sîn selbes kint.(48)

Wir wâren gar vervallen(49)

und ze êwiclîcher vluste vlorn,(50)

wir wâren in der vinster mit gesehenden ougen blint;(51)

Wir sint von im ze liehte komen!(52)

Swer daz behalten wil,(53)

der helfe rechen, daz im ist sîn lant genomen,

sîn kriuze und ouch sîn grap:(54) des ist ze vil

den gar verworhten, die dâ mit uns hânt ze leide ir reizenspil!(55)

Übersetzung

Ich möchte für das Kreuz singen,

und für den, der daran das Martyrium erlitt.

denn für die Welt habe ich leider um nichtigen Lohn schon zu viel gesungen.

Wie kann es mir (nun) besser gelingen,

daß ich die ewige Seeligkeit erreiche?

Worauf muß der noch seine Hoffnung setzen, der auszieht, wohin ich jetzt will?

Nun richte es ein jeder kluge Mann (so) ein,

daß sich der Engel seiner annehme.

Wie listig der Teufel auch sein mag,

Der Engel gewährt den Menschen die geraden Wege,

(er meidet alles Unwegsame): Pfade, Straßen und Stege.


Uns allen zur Rettung wurde

von einer Jungfrau ein Kind geboren,

das selbst sein eigener Vater und auch sein eigener Sohn ist.

Wir waren bis dahin der Sünde völlig verfallen

und zum ewigen Verderben bestimmt.

In der Finsternis lebten wir, mit sehenden Augen blind.

Durch ihn sind wir zum Licht gelangt!

Jeder, der das Licht bewahren will,

der muß jetzt rächen helfen, daß ihm sein Land genommen wurde,

sein Kreuz und auch sein Grab. Das ist zuviel

für die gänzlich Verlorenen, die dort zu unserem Leid ihren Spott mit uns treiben.

Anmerkungen

Information

1. Zusammengehörigkeit der Strophen

  • metrische Sonderstellung: beide Strophen mit 11 Versen; sonst eher kurze Strophen bei Wernher
  • inhaltliche Zusammengehörigkeit: Strophe I: Dichtkunst für Gott und seinen Gnadenlohn einsetzen; Strophe II: Kreuzzugsaufruf als tätige Möglichkeit, Gnadenlohn zu erhalten
  • Engelsmotiv als in beiden Strophen: in I explizit, in II implizit, da Kreuzfahrer sich unter dem Schutz des Erzengel Michael stellten
  • gleiche Motive in I und II: Christus (2 - 2); Frage nach ewigem Seelenheit (5 - 7); Teufel bzw. Heiden als Vertreter des Teufels (9 - 11)

2. Inhalt: religiöses Lied I: die Ankündigung seine Dichtkunst für Gott einsetzen, wird in der ersten Strophe nicht erfüllt

  • persönliche Strophe: Häufung von 'Ich'
  • Antithese von weltlichen u. göttlichen Lohn
  • neues Motiv im Rahmen der Kreuzzugsdiechtung: Schutz des Engels gegen Versuchung des Teufels

II: Jungfraugeburt Christi

  • allgemein gehaltene Strophe: Häufung von 'Wir'
  • Vater-Sohn (Trinität)
  • Sündenfall der Menschen
  • Blindheits-Motiv (Adam nach Ausweisung aus dem Paradies)
  • Vergeltungs-Motiv: Rechtfertigung durch Verteidigung geraubten Gutes
  • Vorwurf gegen Heiden: tägliches Mit- bzw. Gegeneinander, Störung der Pilger

3. Fazit

  • große Zahl bekannter Topoi, Motive und Bilder
  • Hauptthema: Rettung vor der Hölle und Streben nach dem ewigen Leben
  • Rollenaussage trotz Eingang in Ichform, da gängige Topoi und Paränese (Ermahnung)
  • Predigt von Weltabkehr und Buße im Kreuzzug (Gerdes)

Schönbach 1. Bezug zu Walther

  • viele Motive auch in Walthers Kreuzliedern und Leich

2. Datierung: 1227/28; da Nachahmung aus Walthers Kreuzliedern

Endnoten

eLib.at über Archivkopie von peterweinreich.de (lt. eMail von 2006).

  • 35. 35. dem kriuze singen: Loblied
  • persönlich gehaltene Eingangsstrophe: Hinweis auf die conversio des Dichters?
  • 36. 36. Reuetopos und Topos des nichtigen weltlichen Lohnes und Aussicht auf ewigen Lohn: Vorbereitung des Kreuzzugsgedankens
  • Konfession sündhafter Profandichtung schon seit der Antike; dort von realer Bedeutung, da es tatsächlich nicht-christliche Literatur gab; im Mittelalter eher als Demutsformel zu verstehen, da die höfische Literatur in der christlichen Weltanschauung wurzelt (Gerdes)
  • Abwendung von Profandichtung kein Zeugnis vom Alter des Dichters; kann auch Ausdruck der Bußstimmung durch die Kreuzzüge sein (Gerdes)
  • 37. 37. gelingen: Erfolg haben, glücken
  • 38. 38. oder: Wie kann ich mir auf bessere Weise ewige Seligkeit erringen?
  • rhetorische Frage nach der besseren Orientierung im Leben, auch Ausdruck der Höllenangst
  • 39. 39. rhetorische Frage
  • oder: Welche (bessere) Hoffnung kann der noch haben, der dorthin fährt, wohin ich fahre?
  • gemeint: Welche Hoffnung auf das ewige Heil gibt es außer der Kreuzfahrt noch?
  • 40. 40. Nur der verständige, einsichtige Mann kann die christliche Lehre aufnehmen
  • wîs: verständig, erfahren, klug, kundig, gelehrt, weise
  • Hinwendung an Allgemeinheit: Appell zur Rechtgläubigkeit
  • 41. 41. Gabriel als Beschützer der Menschen
  • 42. 42. Behütung durch den Engel als Geleit auf der Kreuzfahrt: Michael war Schutzengel der Kreuzfahrer
  • 43. 43. wern: verteidigen; das Geschützte steht im acc., die Person vor der geschützt wird nicht; daher wahrscheinlicher:
  • wern: gewähren; mit acc. der Person und gen. der Sache; daher muß in sich auf den Menschen allgemein beziehen
  • 44. 44. sleht: eben, gerade, glatt; leer; einfältig, gut, richtig, schlicht, einfach, gewöhnlich; klar; bequem, leicht
  • gemeint: der richtige, direkte Weg zu Gott
  • 45. 45. ungeverte: Reisebeschwerde, Schwierigkeit, Ungemach, Leid; unwegsame Gegend; üble Art und Weise, rohes Benehmen; böse Umstände
  • entweder: der Teufel scheut das Unwegsame, daher sucht er die geraden Wege auf
  • oder: der Engel verscheucht alles Hinderliche, beseitigt alle Hindernisse
  • oder: der Engel, der alles Unwegsame scheut, vertreibt ihn doch von den ebenen Wegen, Straßen und Steigen (Schönbach); von dem geraden Weg abzuweichen bringt Verderben (Kirchenväter)
  • 46. 46. steg: kleine Brücke, schmaler Pfad
  • stege: Treppe
  • oder :Denn auf wieviel falsche Künste der Teufel sich auch versteht,

der Engel wehrt ihn dennoch von den geraden Wegen ab. (der scheut (nämlich) alles Unwegsame), den Pfaden, Straßen und Stegen. (Schönbach)

  • Übersetzungsproblem: grammatikalisch parallel sind ungeverte - stîge, strâze und ouch die stege (acc.), inhaltlich aber widersprüchlich; inhaltlich parallel dagegen der slehten wege - stîge [...] (Gerdes)
  • 47. 1. Motiv der Jungfrauengeburt
  • Wiederaufgreifen der angekündigten, direkten religiösen Thematik
  • 48. 2. christliches Paradox der Trinität drückt die Allmächtigkeit Gottes aus
  • 49. 3. Erbsünde
  • vervallen: in die Sünde geraten
  • 50. 4. ze vluste vlorn: Figura etymologica, Tautologie; Synkope
  • Unerlöstheit der Menschheit
  • 51. 5. Doppelung von zwei biblischen Motiven: Wandeln in der Finsternis (Psalm) und paradox der Blindheit trotz sehfähigen Augen: Blindheit Adams nach der Ausweisung aus dem Paradies und damit der ganzen Menschheit (Luk. 18,5): 'sie haben Augen und sehen nicht' (Mt.13,13)
  • Erbsünde = geistige Blindheit; 'sehen, aber trotzdem nicht erkennen'
  • 52. 6. ze lihte komen: Erlösung aus der Finsternis = Rettung vor dem ewigen Verderben
  • 53. 7. Kreuzzugsaufforderung aus der dem Gedanken der Erlösung durch Christus entwickelt
  • 54. 8. Grab und Kreuz (und Hl. Land) sind Symbol der Erlösungstat Christi
  • 55. 9. reizenspil: Hapax legemon; Anspielung auf schwieriges Zusammenleben in Palästina oder Klischee des Heiden-Feindbildes?
  • oder: ihr böse verlockendes Spiel betreiben; gemeint: heidnische Frevel in Jerusalem, um Christen anzulocken und zu vernichten (Schönbach)
  • reizenspil: Pointe (?)
  • Kreuzzugsaufforderung mit folgenden Argumenten: Seelenheil (8), Rache für Schändung des Hl. Grabes und Zurückeroberung geraubten Guts (9/10), Heiden als Verfluchte, da sie sich nicht Gott unterordnen (10), hochmütiger Spott der Heiden (11)
  • Übersetzungsalternative:

1. des: angekündigter Kreuzzug und Rache für Christi Grab; den gar verworhten: den völlig verlorenen Heiden 2. des: die Anstrengung und das Opfer des Kreuzzugs; den gar verworhten: den Rittern, die den Kreuzzug verweigern

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