Kurze Prosa - Peter Altenberg

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Mit freundlicher Genehmigung der Universität Salzburg (Literatur in der Wiener Moderne).


Peter Altenberg


Sammlung kurzer Prosastücke und Auszüge aus Werken


Hier wurden vom eLib Austria Projekt einzelne Texte, Scan-Fragmente und Ausschnitte aus Werken, sowie Kurzgeschichten und Ähnliches zusammengefügt. Wir möchten uns für diesen Versuch entschuldigen, wollten aber unseren Lesern diese Texte nicht vorenthalten.


Innsbruck

Eindrücke der ersten Woche: Gletscher-Luft inmitten einer Grossstadt. Wie wenn in Wien am Graben Semmering-Luft wehte und Neuschnee von vergoldeten Bergen grüsste! Im "Bahnhof-Restaurant" herrliches Erbsen-Mus (seinerzeit, bereits historisch: Püree). Paula und Dr. D. um mich besorgt, wie wenn ich ein krankes Baby (jetzt: Kindchen) wäre! Nun, bin ich es nicht?! Tun mir nicht alle unnötigen Gemeinheiten, Rücksichtslosigkeiten, Taktlosigkeiten zum Weinen weh, zum Strampeln, zum laut Kreischen?!? Die Kellner sagen zu mir: "Herr Professor!" Ich drückte dem "Ober" einen Zettel in die Hand diskret- "Ich verdiene diesen Titel nicht, ich habe es bloss zu <Peter Altenberg> gebracht, sagen Sie das, bitte, auch dein <Getränke-Knaben>!" In der Hauptstrasse bewegte sich ein von allen mit Respekt und Rührung betrachteter Zug: "Der Alm-Trieb"! Kühe, Schafe, Wagen ziehen von der Alm herab in die Winter-Ställe. Grossstadt und Alm grenzen aneinander, nein, sie sind schwesterlich innig lieblich märchenhaft vereint! Ich sah eine Vase in blau-brauner Überlauf- Lasur, ebenfalls "Natur und Kunst" vereint. In dem Halbedelstein- Geschäfte sah ich eine Kette aus Bergkristall, Rauchtopas, Karneol, ebenfalls "Natur und Kunst" vereint, der Dame mit den wundervollsten Händen und dem nettesten "aufwartenden" Stallpinscher (Griffon) würdig! Nur 64 Kronen. Nur?!? Er kauft ihr ja doch nur Rubine! Sonntag, 7. 10., Stubaital-Bahn. Ewiger Schnee, Lärchenwald, hohe schlanke Eisen- Viadukte, in Tülpmes holzgetäfelte niedrige Wirtsstube mit Tee und Alin-Käse. Gegenüber der Friedhof mit schwarzgoldenen Kreuzen. Das "Werkhaus" höchst bunt bemalt gegenüber, Arbeit und Tod! Paula friert, der Doktor blickt sehnsüchtig auf seine "Kalkkögel", den "Habicht", das "Zuckerhütl", den "Wilden Freiger"! Er sucht "Gefahren", ich finde sie leider bereits überall in der Ebene! Erste Woche im heiligen Innsbruck, sei bedankt und gesegnet!


Splitter

So wurde ich

Ich sass im 34. Jahre meines gottlosen Lebens, Details kann eine Tageszeitung unmöglich bringen, ich sass im Café Central, Wien, Herrengasse, in einem Raume mit gepressten englischen Goldtapeten. Vor mir hatte ich das "Extrablatt" mit der Photographie eines auf dem Wege zur Klavierstunde für immer entschwundenen fünfzehnjährigen Mädchens. Sie hiess Johanna W. Ich schrieb auf Quartpapier infolgedessen, tieferschüttert, meine Skizze "Lokale Chronik". Da traten Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Felix Salten, Richard Beer-Hofmann, Hermann Bahr ein. Arthur Schnitzler sagte zu mir: "Ich habe gar nicht gewusst, dass Sie dichten!? Sie schreiben da auf Quartpapier, vor sich ein Porträt, das ist verdächtig!" Und er nahm meine Skizze "Lokale Chronik" an sich. Richard Beer-Hofmann veranstaltete nächsten Sonntag ein "literarisches Souper" und las zum Dessert diese Skizze vor. Drei Tage später schrieb mir Hermann Bahr. "Habe bei Herrn Richard Beer-Hofmann Ihre Skizze vorlesen gehört über ein verschwundenes fünfzehnjähriges Mädchen. Ersuche Sie daher dringend um Beiträge für meine neugegründete Wochenschrift "Die Zeit!" Später sandte Karl Kraus, auch der Fackel-Kraus genannt, weil er in die verderbte Weit die Fackel seines genial-lustigen Zornes schleudert, um sie zu verbrennen oder wenigstens "im Feuer zu läutern", an meinen jetzigen Verleger S. Fischer, Berlin W., Bülowstrasse 90, einen Pack meiner "Skizzen", mit der Empfehlung, ich sei ein Original, ein Genie, Einer, der anders sei, nebbich. S. Fischer druckte mich, und so wurde ich! Wenn man bedenkt, von welchen Zufälligkeiten das Lebensschicksal eines Menschen abhängt! Nicht?! Hätte ich damals, im Café Central, gerade eine Rechnung geschrieben, über die seit Monaten nicht bezahlten Kaffees, so hätte Arthur Schnitzler sich nicht für mich erwärmt, Beer-Hofmann hätte keine literarische Soiree gegeben, Hermann Bahr hätte mir nicht geschrieben. Karl Kraus freilich hätte meinen Pack Skizzen unter allen Umständen an S. Fischer abgeschickt, denn er ist ein "Eigener", ein "Unbeeinflussbarer". Alle zusammen jedoch haben mich "gemacht". Und was bin ich geworden?! Ein Schnorrer!





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