Liebe (Marie Eugenie Delle Grazie)

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Marie Eugenie Delle Grazie


Liebe


Erzählungen.

Leipzig 1902

Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel


Erste Liebe

1.

Denk ich an ihr Gemach zurück, so hab ich zu gleicher Zeit auch immer die Illusion einer intensiven Lichtempfindung. Der Salon, in dem sie empfing, lag im ersten Stockwerk eines grossen Eckhauses, das seine Hauptfront gegen Osten kehrte, und keine andere Nachbarschaft hatte, als die grünen Uferböschungen des Donaukanals, und über den Strom hinweg, die herüberwinkenden Wipfel des Augartens. Für einen lichtarmen Bewohner der inneren Stadt, wie ich es war, bedeutete ein Blick durch diese Fenster allein schon ein kleines Fest. Sah man nach rechts, so hatte man die, mit Silhouettenschärfe sich abhebende Augartenbrücke und einen Teil des Quai vor sich, und damit zugleich die wohlige Empfindung der Grossstadtnähe. Ein Blick nach links hinauf aber befreite gleichsam. Er folgte den buntbewimpelten Donaudampfern, welche Tag für Tag vorüberglitten, und ganze Scharen von Ausflüglern irgend einem, im Frühlingsschmuck prangenden Donaugelände entgegentrugen. Und das, vom schäfernden Gekicher bis zum derben Gejauchz sich abstufende Gelächter dieser lustigen Frachten - dieses echt wienerische Lachen, -- irrte nach den Ufern ab, wirbelte in die Lüfte empor, und schien den Tag noch sonniger zu machen. Eine Anzahl spielender Kinder tummelte sich längs beider Ufer; ihre hellen Rufe flogen in einem klingenden Zick-Zack bald hinüber, bald herüber, und auch sie wirkten wie Licht. Eine ganze, blendende Fülle davon warf aber der Spiegel des Stromes zurück. Hinauf und hinunter schaukelten seine Wellen den glitzernden Funkentanz, und in den breiten Furchen, welche die Dampfer hinter sich herzogen, rann es wie flüssiges Gold. Ward das Auge aber müde von all dem Glanze, dann folgte es den paffenden Rauchsäulen, die in erdfarbener Bräune den Schloten der Schiffe entstiegen. Doch auch sie wurden immer blässer, immer gestaltloser, und zerflatterten zuletzt als weisse, silberglitzernde Wölkchen. Es war wieder Licht . . . .

Das ist nun lange her. Aber bei dem ersten Gedanken an Sie hab ich auch immer wieder jene freie, sonnige Lichtempfindung. Und obwohl ich alle Quellen und Reflektoren dieses Lichtes genau kannte, ist mir doch, als wär es von ihr allein ausgegangen, oder hätte sich um sie gesammelt. Und denk ich noch genauer zurück, dann weiss ich auch, warum. Und was ich als Zwangsvorstellung empfinde, löst sich im Bewusstsein als die Ueberzeugung aus, dass auch Ihr die Zauberkraft innewohnte, das dunkelste, das sie erfuhr, das Leben selbst, das sie erlebte, in Licht zu verwandeln. Seltsam daran ist nur, dass ich dabei nicht an die künstlerische, in ihren Dichtungen so klar ausgeprägte Persönlichkeit meiner Freundin denke, sondern an einen strahlenden Mainachmittag, den ich in jenem Gemache verlebt. . . . .

2.

Es war ungefähr fünf Uhr, als ich bei ihr eintrat. Die, der Donau zugekehrten Fenster des Gemaches standen, wie gewöhnlich um diese Zeit, weit offen. Das Stimmengewirr eines wiener Sonntags, der verhallende Signalpfiff eines vorübergleitenden Schiffes, und - über all dem gleichsam frei schwebend, -- ein aus der Ferne kommender, harmonischer Ton, den ich mir nicht gleich zu erklären vermochte, schollen empor, und drangen durch die geöffneten Fenster bis in unsere Plauderecke. Diese lag in einem, die Südwestecke des Hauses flankierenden Erker, den zwei kleine türkische Sofas und eine prächtige Palme wohnlich machten. Sonst hell und luftig wie die übrigen Teile des Gemaches, war er heute von einer purpurnen Dämmerung erfüllt. Mara hatte als Schutz wider die bereits lästige Maisonne die rotseidenen Vorhänge hier niedergelassen; die andrängede Lichtfülle aber machte sie transparent, und einem zudringlichen Strahl gelang es sogar, ungebrochen durch irgend eine Ritze zu schlüpfen. Ich sah ihn plötzlich und lenkte, des eigenartigen Schauspiels wegen, Maras Blickte auf ihn. Inmitten der purpurnen Dämmerung hing er wie ein goldener Spinnwebfaden, den Erker in zwei gleiche Hälften scheidend. Dann glitt er ins Zimmer hinein, hauchte einen verklärenden Schimmer über das bleiche Antlitz einer Büste des vatikanischen Apoll, blitzte im Glase des geöffneten Fensterflügels auf, und verlor sich endlich draussen wie eine Gerade in einer Fläche, in einem breiten Lichtstreifen, der beide Donauufer wie eine Brücke verband, und zuletzt noch das grüne Wipfelmeer des Augartens vergoldete. Eine leise Bewegung der Luft machte die Schatten, die auf seine Strecke fielen, erzittern, und trug uns eine süsse Duftwelle in die Stube.

"Haben Sie Blumen hier?" frug ich unwillkürlich. Mara lächelte. "Nein, aber im Augarten blühen jetzt die weissen Kastanien und die zahllosen Fleiderbüsche - ich kenn den Duft, aus meiner Kinderzeit, und der Wind trägt ihn über die Donau her. Wer weiss, wie lange noch?" setzte sie unwillkürlich hinzu. "Sehen Sie--" und sie wies zur Brigittenau hinüber—"schon werden dort die bisher freien Rasenflächen als Bauplätze abgesteckt. We weiss, ob ich im nächsten Mai noch den Augarten sehe!"

Wir traten ans Fenster. Auf der Strasse war es für einen Augenblick stiller geworden, und in die, durch ihre Plötzlichkeit fast feierlich wirkende Stille, klang vom Augarten herüber, wieder jener süsse, freischwebende Ton. "Es ist Konzert drüben, eine Militärkapelle spielt!" sagte meine Freundin, und nach einigem Hinhorchen wussten wir auch, was sie spiele! "Kennen Sie das Lied?" frug Mara, und ein eigentümlicher Glanz trat in ihr Auge. Ich nickte, und summte, den Accenten der Musik folgend, leise:

"Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön,
Sangst du so schön,
Zur holden Maeinzeit. . . ."

Die Musik spielte weiter, aber ich verstummte plötzlich. Mara war, ohne es zu wissen, gerade in die Linie jenes Sonnenstrahls getreten, und ihr dunkelblondes Haar, das einen rötlichen Stich hatte, leuchtete für einen Augenblick in goldiger Pracht auf. "Wenn Sie sich jetzt sehen könnten!" rief ich. "Und dabei ists als wüsste der Sonnenstrahl genau, was er thut! Sehn Sie nur - ich wies nach der schimmernden Apollobüste - "heir verklärt er Ihre Gegenwart, die Kunst, und dort - ich deutete zum Augarten hinüber - "vergoldet er das schönste Stück Ihrer Vergangenheit, die Stätte Ihrer kindlichen Spiele! In der Mitte aber stehn Sie, der lebendige Mensch, der die eine mit erschaffen hilft, und der anderen nachträumt! Ists nicht, als wollte der Sonnenstrahl eine Geschichte erzählen?"

Sie lächelte. "Ihre Phantasie übertrifft noch die meine! Aber diesmal haben Sie wirklich etwas erraten!" Und ihr Blick flog mit einem innigen Aufleuchten nach den grünen Wipfel des Augartens hinüber. Dort setzte die Musik eben mit voller Kraft zur zweiten Strophe ein:

"Wenn du sangest, rief die ganze Welt -
"Jetzt muss es Frühling sein - ."

Und der blaue, sonnige Maihimmel, der schillernde Donaustrom, die grünen Kastanienwipfel des Augartens, die sich in feierlicher Regungslosigkeit am Horizont abzeichneten, und den scheuen Duft ihrer Blütenkerzen wie eine lebendige Frühlingsbotschaft herübersandten, bestätigten es. . . .

"Und sogar dieses Lied gehört in die Geschichte, die Sie erraten!" sprach Mara leise. "Kommen Sie!" und rasch, unmittelbar, wie es in ihrer Weise lag, ergriff sie meine Hand und führte mich in die rote Dämmerung des Erkers zurück.

3.

"Ich zählte damals dreizehn Jahre," begann sie, - "und war nicht wenig stolz darauf, nun balb zu den "Grossen" zu gehören, wie wir Schülerinnen uns ausdrückten, das heisst, in die achte Klasse "aufsteigen", und halblange Kleider tragen zu dürfen. Andere Freuden der "Grossen" kannt ich noch nicht, und sie hätten mich einstweilen auch vollständig gleichgiltig gelassen. Waren meine Schularbeiten beendet, gings an die Toilette meiner Puppen und wollt ich klüger sein, als alle "Grossen", die ich kannte, - dichtete ich! Das war etwas, was die Grossen um mich herum nicht konnten; ich aber konnt es, und dieses Bewusstsein gab mir damals ein gewisses über "die Leute" Hinwegsehen, eine Kühnheit, zu der ichs seither, trotz meiner Erfolge nicht wieder gebracht habe. Natürlich war dieses Können, gerade den "Grossen" gegenüber, einstweilen noch mein eigenstes Geheimnis. Nur eine kleine, blonde Schulgefährtin hatt ich etwas davon ahnen lassen. Sie hiess Marie. Doch nur von den Lippen des Lehrers ging ihr Name so korrekt. Für uns andere war sie schlechthin die "Mariedl"; so rief sie ihre Mutter dahiem, so ihre, sie stets knuffende, ältere Schwester, und dabei blieb es. Und sag ich, dass sie ein paar treuer Hundeaugen im Kopfe hatte, so mein ich einen Vorzug damit. Auch etwas beschränkt war sie. Doch in ihrer Beschränktheit lag soviel Demut, in deiser Demut soveil Innigkeit und Hingebung, dass sie jeden für sich gewann. Noch eine andere Tugend besass Mariedl: sie war eine geduldige Zuhörerin. Und die brauchte ich damals. Meine Phantasie feierte im Erfinden oft wahre Orgien. Die anderen Mitschülerinnen hätten mich ausgelacht, oder für eine Lügnerin gehalten - Mariedl glaubte alles! Und in ihre lieben Augen trat dann ein bewundernder, staunender Blick, der mir wohl that. Als ich ihrer ganz sicher war, las ich ihr mein erstes Gedicht vor. Es gescah dies in einem, von uns Kindern "die finstere Allee" getauften Seitengang des Augartens. Mariedl weinte dazu - es waren die schönsten, herzlichsten, grundlosesten Thränen, die ich je erpresst; aber mein Autorstolz trank sich satt daran; und als Mariedl sich das Gedicht "zum ewigen Andenken" erbat, schenkt ich es mit der Miene eines Königs her.

In seligster Unkenntnis unserer "Geheimnisse" sassen meine Mutter und Mariedls Tante, die behäbige Witwe eines höheren Ministerialbeamten, unterdes auf irgend einer Bank in der Mitte desselben Gartens. Eine Militärkapelle spielte, und die Damen plauderten, lasen die Abendblätter, oder kritisierten die Tioletten der Vorüberwandelden. "Geht nicht zu weit, und kommt von Zeit zu Zeit wieder!" lautete die tägliche Entlassungsformel unserer Hüterinnen. Und wir versprachen täglich dasselbe, um täglich erst unmittelbar vor dem Aufbruch wieder zu erscheinen. Ein einziges Mal machten wir, aus welchem Grunde weiss ich nicht mehr, eine Ausnahme. "Dort steht mein Cousin Robert!" sagte Mariedl, als wir heranschlenderten, ich wie gewöhnlich im eifrigsten Erzählen irgend eines selbsterdachten Romans verloren. Ungehalten über die Störung that ich, als hätte ich nicht gehört. Aber meine Gefährtin liess sich diesmal nicht so leicht einschüchtern. "Er ist sehr hübsch, sagen die Leute, und besucht das Gymnasium!" setzte sie mit einem gewissen Familienstolze hinzu. Inzwischen waren wir langsam herangekommen. Robert lüftete den Hut, und da ich allein ihm fremd war, sah er mir mit seinen frischen, dreisten Knabenaugen gerade ins Gesicht. Ich muss wohl dasselbe gethan haben denn die, ganz naiv hingeworfenen Worte meiner Freundin, gingen mir plötzlich, wie laut gesprochen, aufs neue durch den Kopf. "Er ist sehr hübsch, sagen die Leute . . ." ich fühtle, dass mir etwas über das Gesicht riesle. Ich war rot geworden. Mit einer linkischen Bewegung, der ich mir zum ersten Male bewusst wurde, liess ich mich an der Seite meiner Mutter nieder. Cousin und Cousine begannen sich zu necken, und Roberts Mutter lachte dazu, das gesunde, verständnisvolle Lachen der Wienerin. "Ja, ja," nickte sie - "wie die Alten sungen, so - ."

Sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. Durch die leise rauschenden Wipfel der alten Kastanien kam es in süssen Tönen zu uns herüber:

"Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön,
Sangst du so schön,
Zur holden Maienzeit - ."

Mariedl biss ungerührt in einen Vesperapfel. Auch ich hatte einen; aber ich schämte mich, heute zu thun, wie sie. Eine fremde, unbehagliche Stimmung war plötzlich über mich gekommen. Und da ich keinen Grund dafür wusste, sah ich verdrossen und trotzig um mich. Im tiefsten Innern aber war mir herzlich weh zu Mute. Die Bäume, das rote Gold der Abendsonne, das schräg über den Wiesen lag, die leise herüberwehenden Töne des Liedes - das alles war mit einemmale so ganz anders geworden. Es schien, als wäre ein Scheier über Menschen und Dinge um mich her gesunken, eine bange Ferne zwischen mich und die Töne getreten, und ich war wie allein zwischen all dem, so allein, dass mir eine Furcht die Seele beschlich, und ich am liebsten geweint hätte. . . .

Da mahnte meine Mutter zum Aufbruch. Mir war, als müsse ich noch auf etwas warten. Aber als auch die Frau Rätin ihre Zeitung zusammenlegte, fand ich den frühen Aufbruch ganz in der Ordnung - Alles, ohne mir auch nur im geringsten Rechenschaft darüber zu geben. Mariedl, Robert und ich gingen voran. Robert hatte mit einer artigen Bewegung seinen Platz so eingenommen, dass sich an seiner Rechten ging. Ich merkte es. Und da ich zu Hause einen Bruder hatte, dem solche Dinge nie einfielen, that ich mir nicht wenig darauf zu Gute. Uebrigens blieb ich während des ganzen Heimwegens ziemlich wortkarg. Um so eifriger renommierte unser Begleiter darauf los. Im Nu kannt ich die Namen sämtlicher Professoren des Gymnasiums, das er besuchte. Und wie er sie behandelte! Wenn man ihm glauben durfte, mussten sich die Aermsten täglich auf einen moralischen Ringkampf mit diesem jungen Achilleus vorbereiten. Einfach dumm waren sie alle, -- öde Philister, denen er nach Ablegung der Matura schon das Nötige sagen wollte. O, er hatte blos zwei Jahre noch bis dahin, und seine Augen blitzten, seine Hand bebte, wie er sich die blonden Ringellocken aus der Stirne strich. Merkwürdigerweise nahm ich innerlich sofort seine Partei. Wie hätt ich sonst, jedem anderen gegnüber, die Augen offen behalten, und gespottet, vielleicht mit der Herablaffung der Vorzugsschülerin sogleich nach seinen Noten gefragt. Hier ordnete ich mich augenblicklich unter, und hatte sogar noch ein süsses, dienendes Gefühl dabei. Gewiss, er musste Recht haben. Sie taugten alle nichts, und der gemeinste war sicher der Mathematikprofessor! Sein Name ist mir bis heute in der Erinnerung geblieben.

Seit jenem Abend erschien Robert öfter im Augarten; und als der Sommer kam und mit ihm die Ferien, fand er sich Tag für Tag vor jener Bank ein. Aber dort hielt es uns nicht lange. In Mariedls Gesellschaft wandelten wir stundenlang durch die Gänge des Augartens. Und da mir diese Promenade schon früher ein Bedürfnis gewesen, bemerkte ich gar nicht, um wie viel lieber sie mir seither geworden. Ich glaube, ich hab in meinem ganzen Leben nicht wieder so viel Unsinn über Menschen und Dinge geschwatzt, wie damals. Denn endlich stellte sich auch bei mir die Luft ein, mich vor ihm zu "zeigen". Dann wieder vergassen wir alle Weltverbesserungspläne über irgend ein kindliches Spiel. Oder ich erlaubte mir eine Laune, d. h., ich erklärte, diese oder jene Blume aus irgend einem Beete besitzen zu wollen. Und Robert hatte den Ehrgeiz, sie mir zu bringen. Oft im Angesicht irgend eines humpelnden Invaliden, der bloss mit dem Stocke drohen konnte. Denn eh der mühselige Gartenhüter herankam, waren wir längst wer weiss - wo? Und waren Spiele, Launen und Gesprächstoffe erschöpft, wandelten wir doch noch weiter, schweigend aber selig. Wir wussten nicht, dass die gegenseitige Nähe uns so glücklich mache; nie haben unsere Hände sich berührt, und wenn wir uns in die Augen sahen, wussten wir nicht warum. Unsere Reden waren die grosser Kinder, und unsere Sehnsucht reichte nicht weiter, als von einem Nachmittag zum anderen. Dann sahen wir uns ja wieder, und konnten spielen, lachen oder böse thun. Und so schritten wir in den Duft des Abends hinein, süss müde von den kleinen Erlebnissen des Tages, mit grossen, fragenden Augen; und die Musik klang durch das grüne Labyrint der Zweige bis zu uns herüber, und machte mich so himmlich traurig, wie ich es nie wieder gewesen bin. Ich fühlte, dass sie zu uns gehöre. Das war früher nie geschehen . . .

So ging der Sommer hin, so kam der Herbst. Die Schulen sollten nun halb wieder beginnen. Da fiel es meiner Mutter plötzlich ein, die Wohnung zu wechseln. Ein Zufall wollte es, dass wir mit der Wohnung auch den Bezirk wechselten, der dritte löste den zweiten ab. Doch könnte ich nicht sagen, dass ich besonders traurig darüber gewesen wäre. Mariedl versprach, mich zu besuchen, so oft es anging, und damit war ich zufrieden. Sie konnte mir ja dann auch von Robert erzählen. Weiter dachte ich nicht. Und meine neue Umgebung verdunkelte zuletzt, wie bei jedem Kinde, selbst dieses Interesse. Ich lernte viel. Mein ganzer Ehrgeiz war ermacht. Und noch etwas geschah: ich machte viel bessere Verse. Aber das behielt ich für mich.

4.

Meine Freundin schwieg einen Augenblick. Sie war wieder im Augarten, ich sah es. Der lag nun da, ganz ins purpurne Gold der Abendsonne gehüllt. Und auch der Duft seiner Fliederbüsche war noch um uns. Nur die Musik klang nicht mehr herüber. Es war lauter geworden auf der Strasse.

Mara erhob sich und wies hinüber. "So sah ich ihn wieder, damals!" begann sie leise . . . "Ein ganzes Jahr später, im Mai. Wie eine Vision stand er plötzlich vor mir, inmitten der grauen, dumpfigen Schulstube. Und ich hatte doch gar nicht an ihn gedacht! Mein Liederbuch in der Rechten, stand ich kerzengerade da, wie all die anderen Schülerinnen um mich. Wir hatten eben Gesangstunde; und unser Lehrer, ein seinsinniger Komponist, den ein boshaftes Schicksal zwang, aus widerspenstigen Kehlen wenigstens ein paar gute Töne zu holen, war nervös wie gewöhnlich. Wir mutierten fast alle; aber die Gesangstunde war einmal im Stundenplan vorgesehen, also . . .

Unser Lehrer liess den Fiedelbogen, mit dem er bisher den Takt gegeben, ungeduldig auf das Pult fallen. "Lassen Sie dieses Lied - es geht nicht, und schlagen Sie Nummer acht auf, gleich vorne!" Die Blätter der Gesangbücher rauschten, die Stimmen setzten ein. Und da geschah mir das Wunderbare. . . .

"Nachtigall, Nachtigall, wie sangst du so schön,
Sangst du so schön,
Zur schönen Maienzeit -

Es hob mich plötzlich wie mit Flügeln. Der Ton blieb mir in der Kehle stecken, ich konnte nicht weitersingen. Und dann war mir, als müsse es den anderen auch so ergehen. Gewiss, sie zeigten es nur nicht! Die Thränen, die mir die Augen verschleierten, ihnen waren sie in der Kehle stecken geblieben, und darum klang das Lied so gebrochen, so sehnsuchtdurchschauert und tottraurig. Wie anders hatten wir es früher gesungen, mit unseren hellen, ahnungslosen Kinderstimmen! Da war etwas geschehen - irgend Etwas, dem ich keinen Namen geben konnte, und das doch da war. Drum hatt ich auf einmal diese Angst im Herzen, und diese Sehnsucht irgendwohin . . . Und da stand der Augarten vor mir, dort, wie heute! Ich roch ordentlich den Duft seiner Büsche, hörte die Musik spielen - dasselbe Lied, und wusste plötzlich, dass ich dort jemanden verloren hatte, den ich wieder suchen musste, und bald, womöglich gleich! Zwei grosse Thränen fielen auf die Noten meines Liederbuches, und gaben ihnen einen Glanz, dass sie mich darunter ansahen wie Augen. Aber dieses ganze Vibrieren meiner Seele blieb mir ein Geheimnis, dem ich noch keinen Namen geben konnte. Ich hatte meinen Frieden verloren, so rätselhaft, wie vor einigen Wochen die Stimme. Aber ich wollte mir ihn wieder holen, im Augarten, das stand fest bei mir - und morgen war ja Sonntag . . . .

Als der Nachmittags-Unterricht zu Ende war, lief ich fast nach Hause. Die Aufgaben, für die ich sonst die Vormittagstunden der Sonntage verwendete, sollten noch heute vollendet werden. Und dann - eine ganze Sonne lag auf dem weissen Papier meiner Schulhefte, wenn ich daran dachte.

Es war ungefähr neun Uhr, als ich mich den nächsten Morgen aufmachte, Mariedl zu besuchen. Auf dem Wege zu ihr überfiel mich wieder jene dumpfe Angst. Ich erschrak bis in die Seele über die, meiner Empfindung nach riesige Ferne, die zwischen uns lag, die ich ahnungslos zwischen uns hatte liegen lassen, ein ganzes, langes Jahr her! Was war denn inzwischen geschehen? Mir war, als erwacht ich aus einem Traum, aus irgend einer Verzauberung. Endlich, endlich die Augartenbrücke!

Bald darauf trat ich bei Mariedl ein. Ihre Freude war eine thränenselige wie immer. Und Arm in Arm, als könnt es gar nicht anders sein, schritten wir dem Augarten zu. Mir lag eine Frage auf den Lippen, eine Frage, die ich vor einem Jahre noch unbefangen fast Tag für Tag an meine Gespielin gerichtet. Aber heute wollte sie mir nicht über die Lippen. Da beantwortete sie die Redseligkeit Mariedls unaufgefordert. "Auch Robert ist im Augarten!" fuhr sie fort. "Ich sah ihn zuvor mit seinem Freunde Lackenbacher vorübergehen, und das "Fräulein" war auch dabei - sie kicherte.

"Wer ist das?" frug ich, und meine Stimme klang mir selbst fremb. "Nun, die Schwester des andern. We isst," - plauschte Mariedl, sich an mich schmiegend, weiter, "die bildet sich ein, sie fei ein Fräulien, weil sie bald sechzehn Jahre alt ist und in die Tanzschule geht. Die! Und dabei hat sie noch immer krummgetretene Schuhe!" Mariedl konnte vor Entrüstung einfach nicht weiter sprechen.

"Ist sie schön?" frug ich langsam. Mariedl, offenbar etwas neidig, dachte nach. "Na - das schon!" kam es endlich heraus. Also galt sie bei allen für schön. So viel wusste ich nun. Und sie ging an der Seite Roberts, im Augarten, wie ich! Eine brennende Eifersucht versengte mir plötzlich die Seele. So langten wir endlich vor der Bank an, die wir vor einem Jahre fast Tag für Tag eingenommen. Auf der nächsten - ich wagte es kaum, aufzuschauen, lass Robert und seine Gesellschaft.

Er war um vieles grösser geworden, und dabei schlank und beigsam, wie eine junge Tanne. Die herb-schönen Linien eines vollendeten Jünglingskörpers. Ein breiter, dunkler Hut beschattete seine Stirne, und darunter quollen, in dichter Fülle, die wirren, blonden Locken hervor. Mit seinem Spazierstöckchen im Kiese herumstochernd, sprach er eifrig mit seiner Nachbarin, und bemerkte uns gar nicht.

"Robert!" rief Mariedl hinüber. Er sah auf, rückte, uns erkennend, flüchtig den Hut, und sprach weiter. "Er wird dich nicht gesehen haben!" entschied meine Gefährtin. Denn dass jemand mich so flüchtig begrüssen könne, war ihr einfach nicht denkbar. "Ich werd ihm sagen, dass du es bist, ja?" frug sie. Und eh ich noch ein Wort erwidern konnte, stand sie drüben. Er gab ihr eine kurze Antwort - ich sah es, - nickte noch einmal flüchtig herüber, und erhob sich dann mit seinen Freunden. Das Fräulien, eine fesche junge Wienerin, schritt zu seiner Rechten, wie früher ich. Mit der Miene eines geschlagenen Hundes kam Mariedl zurück. Sie schwieg, aber mir zog es die Seele zusammen, ich musste wenigstens das Echo seiner Stimme hören.

"Was hat er gesagt?" frug ich leise. Sie ballte die Faust. "O, - der!" Und dann, ihn nachäffend: "Ich hab sie ja ohnedies schon gesehen und gegrüsst!" Mehr brauchte ich nicht. Ich war mir plötzlich klar geworden, auch über mich selbst! Und der Moment der Erkenntis meines Gefühles ward eins mit seiner bittersten Enttäuschung! Ein eisiges Weh kroch mir über das Herz. Ich presste die Zähne in die Unterlippe, aber es war unnötig - ich hätte ohnedies nicht schreien können, die Stimme war mir wie verschlagen. Zwei Thränen, die mir früher in die Augen geschossen waren, schienen sich dort festzubrennen, und gaben meinen Blicken einen Glanz, den ich gleichsam fühlte. Mein Stolz hielt sie dort zurück, ich wusste es,und freute mich sogar einen Augenblick darüber. Dann aber kam der Schmerz noch wütender über mich. Was bedeutete mir der Augarten noch? Ich war ja jetzt mitten drin, aber er lag mir so fern auf einmal, als hätt ich ihn nie gesehen! Der Flieder duftete . . . ich schlug mit meinem Sacktuch in die Luft, als wolle mir dieser Duft auch noch den Atem rauben. "Wie bleich du wirst!" rief Mariedl plötzlich - "Komm, gehn wir!" Und sie zog meine Hand durch ihren Arm. . .

Noch heute weiss ich nicht, wie ich damals nach Hause kam. Zum Glück war meine Mutter nich anwesend. So schlich ich in meine Stube, warf mich über mein Bett und weinte, - heisse, herzauflösende, mein ganzes Wesen erschütternde Thränen. Plötzlich stand mein Bruder vor mir. "Ja, Miez, was hast du denn?" frug er. "Geh, lass es sein! Nachmittag spielen wir in der Krieau Indianer!" - Der verächtliche Zorn des reifenden Menschen stieg mir in die Kehle. "Ach du! Was verstehst denn du?!" schluchzte cih. "Du bist ja in den Tölpeljahren!" Tief verletzt verliess er die Stube . . .

"Das war der erste, grosse Schmerz meines Lebens!" setzte Mara nach einer Pause hinzu. "Ich fühlte mich gleichsam geweiht, und einige Tage darauf einstand ein Gedicht, das Sie noch heute in meiner Sammlung finden, mein erstes, tadelloses Gedicht. Um so viel war ich älter geworden. Und wie die Tage langsam dahinglitten, und mit dem Schmerze sozusagen das Körperliche dieser Erinnerung verschwand, schien mir, als wäre auch dieser scheue, erste Laut meines Herzens nie mehr gewesen, als ein drängender Sehnsuchtsruf nach der Poesie. Sie rang nach einer Form, suchte irgend eine Gestalt in mir anzunehmen, und weil die Zeit meiner künstlerischen Reife noch nicht da war, quoll dieses unklare Gefühl gleichsam über, ging in die Irre. Und doch war gerade dem Dichter in mir dieses Irregehen ebenso notwendig, wie die erste Enttäuschung. Dieses entband meine Kräfte, jene sammelte sie. Und mein Ehrgeiz schlüpfte wie ein Falter aus der Puppenhülle meiner ersten Liebe. Die war tot; und wenn ich zuweilen noch an sie dachte, geschah es mit der heimlichen Genugthuung, dass ich etwas überwunden hatte, das für andere ein Schicksal bedeutet, und dass meine Flügel mich auch künstig emportragen würden zu der Sonne, die das Menschliche, das ich noch erfahren musste, verklären und abeln konnte . . . . Zwei Jahre später sah ich ihn dann noch einmal - im Museum -"

"Und?" fuhr ich neugierig dazwischen. Mara lächelte und trat vor die Büste des vatikanischen Apolls, dessen herrliches Antlitz in geisterhafter Blässe aus der Dämmerung des Gemaches stach. "Und er gefiel mir wieder so gut," nahm sie meine Frage auf, "dass ich ihn immer um mich zu haben wünschte!" Und ihre Finger strichen liebkosend über die schöne Stirne des Jüngling-Gottes. "Der zweite Mann, der in mein Leben trat, er, der meiner Kunst erst ganz die Schwingen gelöst, hat mir ihn gestiftet - und hier ist er!"

"Wie das?" staunte ich.

"Doch!" fiel sie mir ins Wort. "Wenn Sie ihn gekannt hätten: es ist sein Antlitz, Zug für Zug! Seine Ringellocken, seine trotz- und lebenschwellenden Lippen, sein Lächeln, selbst sein Blick!"

"Also sind Sie ihm doch treu geblieben?"

"Fast!" Und sie lächelte wieder. "Nur dass ich das, was anderen Menschen nur einmal


Volkslied

1.

Durch die Weissdornhecke, die schnurgerade zwischen den blonden Wellen des Kornfeldes und einem Weingarten hinstrich, glitt vorsichtig ein schlanker brauner Mädchenarm. Ein kleiner Kopf schob sich, so weit es ging, langsam nach, und zwei Augen, rund und dunkel wie Tollkirschen, funkelten von dem Lachen, das die hochgehende junge Brust nur mühsam zurückhielt. Der gute Mischka, bis der auf etwas kam! Da lag sie nun schon eine ganze Weile und kitzelte durch die Weissdornhecke hindurch mit einem langen Halme den sonnenbverbrannten Nacken ihres Burschen; aber Mischka begriff nichts; und so bedächtig er das Unkraut seines Weingartens ausraufte, so geduldig fuhr er mit der Linken immer wieder in den Nacken zurück, als könnte auch das eben nicht anders sein.

Der runde Arm glitt wieder hervor, und die Hand mit dem Strohhalm wurde kühner; nun strich sie, im Nacken langsam emporfahrend, krabbelnd gegen das Ohr hin. "Wart!" Aber da hatte er mehr als eine Bremse gefangen, eine ganze, warme, zuckende Hand! Mit einem Ruck fuhr er herum. "Au!" kams hinter der Hecke hervor, denn er hatte, die gefangene Hand festhaltend, den Arm des Mädchens nachgerissen, und der zeigte nun die Spuren aller Dornen, durch die er gefahren.

"Du bists, Irma!" stotterte der Bursche, und über sein gutes Gesicht glitt etwas von dem Schmerze, den sie selbst in diesem Augenblick empfinden musste. Sie hatte mit einem dumpfen Schmollton den Arm zurückgezogen. "Ich dacht, der Ferencz wärs!" entschuldigte sich der Missethäter. "Dem hätts wohl weniger weh gethan!" spottete sie. "Aber denk nur ja nicht, dass du den gekriegt hättest, der ist zehnmal flinker und klüger als du!" Sie stand nun kerzengerade hinter der Hecke, und zwischen den dunklen, hochgebreiteten Brauen und um die trotzig vollen Lippen lag für einen Augenblick der naiv-unschöne Zug kindischer Rachsucht.

"Ist dir jetzt leichter?" fragte der Bursche. Sie schob, ihre Schürze zurechtzupfend, verächtlich die Unterlippe vor.

"Weil du mir nur wieder weh gethan hast!" nickte er und strich sich langsam den Schweiss von der Stirne.

Eine Weile schwiegen beide. Vom Rand der Puszta her glitten die letzten Sonnenstrahlen über den ruhigen Spiegel der Theiss und brachen in die blonde Wildnis der auf und nieder wogenden Kornfelder, dass die Ebene für einige Augenblicke wie mit Goldstaub überschüttet schien. Dazwischen loderten die roten Flammen des Mohns, und der gute, frische Haidenwind hüpfte plötzlich über die Saaten und Gräser hinweg und brach die eintönige Fläche in tausend schaukelnde, rieselnde Linien. Von irgend woher erscholl der Gesang heimziehender Schnitter, und um die aufrechtstehenden Gestalten der beiden jungen Menschen zeichnete der Abend eine feine, silberige Linie, die sie geheimnisvoll in all das hineinwob, was um sie her vorging.

"Ists wahr, dass im nächsten Monat die Kommission kommt und du dann Soldat wirst?" fragte das Mädchen plötzlich. Bedächtig zog Mischka Harke und Rechen an sich. "Weiss Gott- sagte er, tief aufatmend. "Aber wenns sein muss - des Königs Rock ist schön!"

Ihr Auge glitt von der Seite über seine Gestalt, die gedrungen und sehnig, aber etwas klein geraten war.

"Ob du Husar wirst?"

Er lächelte. "Wer kann das wissen?"

"O! der Ferencz hat schon gewettet, dass ers wird! Du aber, hat er gesagt -"

"Ich muss nicht immer wissen, was der sagt!" murmelte Mischka stirnrunzelnd. Doch gleich darauf verschönte ein inniges Lächeln sein rundes, weiches Gesicht, und über die Hecke hinweg den Arm des nur leise widerstrebenden Mädchens ergreifend, fragte er: "Weist du, warum der so viel über mich sagt?"

Ihre runden Schelmenaugen zwinkerten, wie sie sie niederschlug und antwortete: "Warum?" Aber ihr Oberkörper folgte dem über die Hecke gezogenen Arm in einem Gefühle süsser Schwere langsam nach.

"Darum!" Und seine Lippen drangen zwischen die ihren.

"Ach - geh!" Ihre Hand schob ihn zurück, doch die Augen lockten, und so zog er sie noch einmal an sich. "Und weisst du auch, wie lang man des Königs Rock tragen muss? Drei Jahre! Ists da nicht alles eins, welchen man trägt, wenns so lang dauert?"

Sie atmete lang und tief. "Drei Jahre! Und darüber vergisst du mich, in Pest oder Temesvar, wo die Frauenzimmer seidene Röcke tragen und Federn auf den Kalpaks!"

"Ich - dich?" Er schüttelte nur leise das Haupt. Die singenden Schnitter zogen auf einem Weisenpfad hinter den beiden vorüber. Eine aufgescheuchte Lerche wirbelte aus dem Korn, und mit dem dumpfen Takt der marschierenden nackten Füsse verschmolzen Worte und Töne des alten Liedes:

Abend wirds - die Sterne fallen,
Der junge Hirte treibt nach Haus;
Müd ist er, zum Sterben müde,
Er sehnt sich aus der Welt hinaus.

"Warum gerade das Lied mich immer so traurig macht?" sprach der Bursche in den Abend hinein. . . .

2.

Sie sassen an der Landstrasse, Hand in Hand. Eine Kette wilder Gänse war aus dem Röhricht aufgestiegen und strich wie eine dunkle Wolke an dem blassen Herbsthimmel vorüber, höher, immer höher, bis ihr melancholischer Schrei verhallte.

"Denen wird das Wandern leichter als mir!" seufzte Mischka. Irma antwortete nicht gleich; sie hatte bemerkt, dass das bunte Rekrutensträusschen auf seiner im Grase liegenden Mütze nicht kühn genug steckte; das wollte sie noch ordnen, eh er ging.

Sein Blick folgte ihren flinken Händen. "Du spielst so gern!" Da hatte sie ihm schon die Mütze aufgestülpt. "Jetzt solltest du dich sehn können!"

"Ich weiss nur, dass ich dich zum letztenmal seh!" sprach er leise und griff wieder nach ihrer Hand.

"Aber du wirst Urlaub bekommen!" erwiderte sie rasch - "zu Weihnachten, Ostern oder um Pfingsten herum, und dann - sie bog den Hals zurück und gab sich seinen Küssen preis.

"Das weisst du schon?"

"Ja - und der Ferencz hats auch gesagt!"

"Aber Gott und der Feldwebel sind auch grosse Herren!" meinte er, mit einem bekümmerten Blick in die Ferne

"Aeh -" machte sie. "Du musst kommen, hörst du? Was trieb ich denn die ganze, lange Zeit ohne dich?" Und ihr Auge wurde plötzlich dunkler und grösser, wie das eines geängstigten Kindes.

Er wollte etwas sagen, würgte aber das Wort in die Kehle zurück. Ihm wurde heiss von dem, was er nicht über die Lippen bringen mochte; und so nahm er die Mütze wieder vom Kopfe herab und warf sie ins Gras. Sie haschte danach, mit einem raschen Griff über ihn hinweg. Da riss er sie auf seine Knie - "du - !"

Sie blieb ihm, das Haupt zurückgebogen, in den Armen liegen. Und von ihrem Hals, über die halbgeöffneten Lippen bis hinauf zu den heissen, starrenden Augen regneten seine Küsse. Ihre gesunde, heisse Jugend quoll über in dem süssen Schmerz dieser Stunde, den sie nicht in Worte zu fassen vermochten und der sie doch so fest gepackt hielt, dass ihnen die Seele auf den Lippen zitterte. Mit weitgeöffneten Augen, in welche die Liebe ihre ganze, verzehrende Erwartung gezeichnet hatte, sah das Mädchen in die blaue Leere des Himmels über sich. Mischka fühlte sie schwerer und schwerer werden in seinem Arme. Nein - das - durfte nicht geschehen! Wie ein Kind liess er sie ins Gras gleiten, griff nach seiner Mütze und sprang auf.

Sie flocht die losen Enden ihres Zopfes langsam ineinander; dann erhob sie sich.

"Leb wohl!" Und ihre Hände umklammerten sich mit dem harten, gierigen Druck der Liebe, der mehr sagt, als alle Sprachen der Welt.

Vom Ende der Dorfstrasse her, da, wo das Feuer einer Schmiede lustig in den Abend emporflackerte, erscholl Gesang:

Der König braucht Soldaten -
Soldaten müssen sein!

Ein hoher, schlanker Bursch, der an der Spitze eines Rekrutenhäufleins marschierte, selbst das Sträusschen auf der Mütze, hatte das Lied angestimmt, und im Chor fielen die Uebrigen ein.

"Und - du wirst mir treu bleiben?" fragte Mischka plötzlich, und sein Blick glitt unsicher nach der aufzuckenden Flamme jenes Feuers hinüber. Eine sinnlose Angst hatte ihn überfallen, er wusste nicht warum.

Sie lächelte nur; dann schlang sie den Arm um seinen Hals und schmiegte sich an seinen Leib, weich, zärtlich wie eine Katze. "Willst du nicht auf die andern warten - so hab ich dich länger?!"

30 Sein Blick mass, Schritt für Schritt die Entfernung, die ihn von dem heranziehenden Häuflein noch trennte. "Ja" wollte er sagen; aber da gabs ihm einen plötzlichen Ruck. "Du weissst, der Ferencz ist dabei."

Sie lachte hell, dass es wie ein Sonnenstrahl in den Abend hineinhüpfte. "Ach geh! Der zieht ja auch mit, und in der ferne könnt ihr Kameraden werden!"

Er schüttelte den Kopf. "Nein! Ich weiss nicht warum, aber mit dem - nie!"

Und dann brannte sein letzter Kuss auf ihrem Mund. . . .

Sie sah ihm nach, wie er, die Spuren seiner schwerbesohlten Schuhe in den Staub der Landstrasse grabend, rasch weiterschritt. Nun kam er an dem grossen Kreuz vorüber, das sich knapp am Ufer der Theiss erhob zum Gedächtnis eines Ertrunkenen. Sie dachte, er werde sich noch einmal zurückwenden von dort, und erhob die Hand zum Abschied. Doch er zog die Mütze vom Haupte, grüsste den Heiland und schritt weiter.

Die singenden Burschen kamen näher. Sie hatten alle "Etwas über", und Ferencz gab sogar mit einer vollen Geleitflasche den Takt des Liedes an. Denen mochte Irma jetzt nicht begegnen; so trat sie hinter einen alten Weidenbaum und steckte die Hände unter die Schürze. Doch Ferencz hatte gute Augen. "Schaut die an!" lachte er. "Ist das schönste Mädel im Dorf und läuft hinter einem solchen "Paternosterer" her! Aber ich trink dir Abschied zu, Irma! Da, schau: so wahr die Flasche jetzt in hundert Scherben springt, wirst du die Meinige!" Und schon klirrte das Glas an den Knorren der Weide, dass er splitterte.

"Téremtette!" fluchten die Bursche, den kunstgerechten Wurf bestaunend. Irma war einen Schritt zurückgetreten; ihre zornigen Augen blitzten, die Hände ballten sich unter der Schürze. "So wenig, als deine Flasche die Blätter von diesem Baume schütteln kann!" rief sie dem Verschmähten nach. Aber sie hatte den Wind gegen sich, der plötzlich kalt und heulend vom andern Ufer der Theiss herüberstiess, dass die Binsen klirrten und die welken Gräser wie lange blonde Haarsträhne aufflatterten. Und als sie sich wendete, fuhr auch die gute Hälfte der Weidenblätter, vom Sturme getragen, braun und welk über die Haide hin.

3.

Die "Urlauber" waren im Dorfe und machten, wie ein alter Bauer meinte, mehr Spektakel als ein Dutzend Janitscharen. Aber das war nur so "gemeint". Wenn man ihnen nachsah, wurde einem doch ganz warm ums Herz! Die abgedankten Honveds schmunzten hinter ihnen her, und manch einer strich den ergrauten langen Rakoczy-Schnauzbart energisch, wie in den schönen Tagen ovn 1848. Aber Perczel und Klapka waren tot und ihre beste Zeit "beim Teufel". - Der Geruch von Braten und Kuchen gab der Dorflaft ein festtägliches Arom; und während die Mütter den halben Tag in der Küche hantierten, um die Söhne für den langen Genuss des "Commissbrotes" zu entschädigen, irrten die Väter, mit einem uneingestandenen Gefühl von Eifersucht, zwischen Stall und Tenne umher. Kam aber "ihr Urlauber" über den Hof daher, die Kappe schief in den Nacken gerückt, stramm und doch elastisch, jeder Muskel des jungen Körpers von durchgebildeter Kraft erzählend, mit Augen, in denen die sonnigen Lichter einer Welt, weit "jenseits der Theiss" spielten - dann würgte wohl auch der "Alte" den traditionellen Fluch eines Haustyrannen in die Kehle zurück und fand die Back- und Schmorluft seiner besseren Hälfte nicht mehr so unbegreiflich. Standen doch auch die heiligen Pfingstfeiertage vor der Thür! Der Herr Pfarrer wandelte, in etwas fleckiger Soutane, durch die Felder, in der Rechten seinen Tschibuk, in der Linken das Konzept der nächsten Predigt. So hielt ers immer, und ganze Legenden hattenn sich darüber gebildet, warum er wohl nie die Predigt in die rechte Hand nahm. Der flaumbärtige Schullehrer wagte einmal eine diesbezügliche Frage. "Téremtette!" erwiderte der Pfarrer - "verfluchter Kerl, weisst du nicht, dass ich Honved war?" - Die Lerchen wirbelten aus den maigrünen Saaten empor, und die jungen Mädchen sangen den ganzen lieben Tag - die "Urlauber" waren im Dorfe!

An der Theiss wurde die Feiertagswäsche zu Ende gebracht. Dort kniete, hochgeschürzt, auch Irma an der Seite eines alten, runzeligen Weibleins, das etwas trübfelig dreinsah und weinger laut schwatzte, als all die anderen. "Dass sie gerade meinen Mischka nicht freigelassen haben!" klagte die Alte, ein grosses Laken aus ihrem Weidenkorb ziehend. "Und ich hätt dirs so gegönnt!" setzte sie mit einem Seitenblick auf Irma und einem freundlichen Zwinkern der guten alten Augen hinzu. "Mein Seliger war auch Urlauber, und mein Herz hat immer einen Cfardas getanzt, wenn er heimkam. Ach, waren das Zeiten!"

"Drum hätt er auch kommen können!" meinte Irma trotzig.

"Was du nicht sagst!" eiferte die Alte. "Er hat dir ja geschrieben, so gut wie mir. Sie lassen mich nicht fort! hat er geschrieben - was willst du?" Und sie warf ihr Laken in die Flut hinein, dass es klatschte und das emporspritzende Wasser ihr nur so übers Antlitz floss. Als sies aber aus den Augen wischte, war ein Tropfen mehr darunter.

Irma verzog die Lippen. "Ja - geschrieben!" Sie dehnte das Wort. "Schreiben kann man, was einen freut. Als die Männer nicht mehr genug lügen konnten, hat der Teufel das Papier erfunden, sagt man."

Der hin und her pendelnde Arm der Alten hielt mitten in der Arbeit inne. "Das glaubst du doch selbst nicht!" sprach sie kopfschüttelnd. "Mein Mischka und lügen - seine Mutter anlügen -."

Irma wand ihr letztes Wäschestück aus, ein selbstgesponnenes Ausstattungshemd. "Wer weiss - vielleicht gefallen ihm die Frauenzimmer in Arà¡d besser!"

"Aeh - äh!" tröstete die Alte - "so schön wie du ist doch keine!"

"Glaubt Ihr?" Und sie streifte mit der Linken langsam die Nässe von der schwellenden Rundung des rechten Oberarmes mit einer unwillkürlich geniessenden, selbstgefälligen Bewegung. Wie viele hatten ihr das nicht schon gesagt! Und doch ertrug Mischka die Trennung so lange, und sie konnte übermorgen allein zum Tanz gehen oder zu Hause bleiben. Ihr wurde ganz bitter bei dem Gedanken; und so nahm sie rasch ihren Korb auf, nickte der Alten einen einsilbigen Gruss und schritt heimwärts.

Als sie in die Dorfstrasse einbog, stand Ferencz vor ihr. "Darf ich dir den Korb tragen?"

"Wenn du nichts Besseres zu thun hast!" erwiderte sie mit einem Seitenblick nach der Schmiede, wo der Blasebalg seines Vaters die Funken stieben machte.

"Das besorgt mein Alter noch ganz gut allein!" lachte der Bursche - "wozu hätt ich denn Urlaub?" Und mit einem Ruck schwang er ihren Korb auf die Schultern. Sie sah ihn an, so von unten herauf. Er war grösser und stärker geworden, die Schultern breiter. Der leichte Flaum um seinen Mund nahm etwas von der sinnlichen Derbheit der Lippen, und die graublauen Augen, die stets dreist genug in die Welt geblitzt, lachten nun förmlich von dem, was er "da draussen" erfahren. Ja, der mochte als Husar zu Pferde sitzen! Sie dachte es unwillkürlich und merkte zugleich, dass sie ihm gegenüber befangen wurde. So gingen sie eine Weile stumm neben einander her.

"Du bist auch in Arà¡d?" fragte sie.

"Ja, dort stehn wir!" nickte er, "und haben, wenn der Wachtmeister seine Cigarren und der Rittmeister keinen schlimmen Tag hat, alleweil gute Stunden!"

"Das heisst, ihr seid nichtsnutzig, alle miteinander. Der Mischka wohl auch?" fragte sie so nebenbei.

Er stiess einen leichten Pfiff aus. "Ja, weisst du, Soldaten sind eben Soldaten! Und das Pferd und das Mädel, das vor uns nicht zittert, freun uns nicht! Aber der Mischka -."

"Was ists mit ihm?" forschte sie atemlos. Ferencz lächelte. So standen also die Dinge! - "Der ist ja nicht Husar, wie du weisst!" wich er scheinbar aus.

"Aber du siehst ihn doch zuweilen? Hörst von ihm?" Sie war stehen geblieben und band die Schürze fest; aber ihre Finger zitterten dabei. Der Bursche sah es und ihm fielen die schönen, widerspenstigen Pferde ein, die er für seinen Rittmeister zurecht gebracht und deren Flanken ebenso gezittert, so oft er sie bestiegen. Er wusste nun, wo er die Sporen einsetzen musste, um auch das schöne Mädel dahin zu bringen, wo er wollte. "Ja freilich," nickte er und schwang den Korb auf die andere Schulter, "gehört hab ich schon allerlie von ihm, und die schöne Kahan Ilona soll wie behert hinter ihm her sein! Wundert mich gar nicht! Der Duckmäuser war immer Zucker für die Weiber!"

"Was - du - nicht sagst!" Sie wollte es lachen, aber jedes Wort glich einem Herzstoss. "Also - sie ist hübsch, dieselbe?"

"Das schönste Mädel in Arà¡d!" schnalzte Ferencz. "Weiss Gott, ich hätt sie ihm längst abejagt, wenn du mir nicht im Sinn lägst!"

Sie lachte plötzlich auf, hell, schneidend, mit selbstmörderischer Zufriedenheit. "Darum kommt er nicht, der - Mischka, der noch nie gelogen! Gieb her!" Sie stand vor der Thür ihres Elternhauses. Er that als hätte er nicht gehört, noch verstanden, setzte den Korb auf die Treppe nieder und griff nach ihrer Hand. "Darf ich dich morgen zum Tanz führen?"

Ihre Augen verdunkelten sich, dann seufzte sie auf, lang und tief. Sie wollte trotz alldem "Nein" sagen, der Bursche fühlte es. "Wer weiss mit wem dein Mischka morgen tanzt!" sprach er langsam. Das gab den Ausschlag.

"Ja komm!" erwiderte sie, schob ihren Korb in den Hausflur und warf hinter sich die Thüre zu, dass die Fenster des Häuschens klirrten.

Draussen stand der Bursch und lächelte.

4.

Die Zigeunergeigen schluchzten noch in der Ferne . . . es war wie der Gesang eines verirrten Vogels, so weh und brünstig, dass die Nacht noch schwüler davon wurde. Der Strom gluckste leise, und die Saaten standen lang und silbern im Mondlicht, das wie ein feiner, zitternder Brautschleier über der Haide lag. Am Rain der Felder blühten die ersten Mohnblumen, und sahen wie grosse, hungrige Augen in die Nacht. Eine weisse Katze glitt von der Dorfstrasse herüber, blieb ein Weilchen stehen und fegte mit ihrem Schwanz lautlos den Boden unter sich; dann schlich sie weiter, auf seidigen Pfoten, einem Busch zu, hinter dem ein paar Augen leuchteten, wie die ihren. Irgend woher scholl das zärtliche Gegurr eines brütenden Vogels. Dann war wieder alles still; nur die Geigen sangen, und vermischten ihre Töne mit dem starken Geruch des Lebens und der Fruchtbarkeit, der dem Schoss der Erde entströmte, langsam, betäubend, unaufhörlich. . . .

Es war ihr zu heiss geworden in der dumpfen, niederen Tanzstube der Schenke. So hatte er sie ins Freie gebracht. Ihre Brust ging noch hoch, und ihre Augen fieberten; von Zeit zu Zeit lachte sie - warum wusste sie selbst nicht. "Der ist der Csà¡rdà¡s in den Kopf gestiegen!" hatte ein alter Bauer ihr nachgerufen. Als ob sie selbst im wildesten Wirbel des Tanzes nur ein einziges mal daran gedacht hätte, dass sie tanze! Die Musik, die durcheinanderwogenden Paare, das Klirren der Urlaubersporren - das alles hatte sie weder gehört noch gesehen.

Nicht einmal ihr Tänzer war da für sie; und wenn sie die heissen Blicke und wütenden Händedrücke des Husaren erwidert hatte, geschah es nur einem zu leide, - dem, der für alle anderen nicht da war - Mischka! Sie aber sah ihn deutlich; sie hatte ihn hergezwungen, und dann festgehalten, mit ihren grossen, bohrenden Augen. In die dunkelste Ecke des Saales hatte sie seinen Schatten hineingezeichnet, hinter die dickköpfigsten Bauern des Komitates. Dort konnte er weder vor- noch rückwärts, musste ihre ganze, wilde Freude mit ansehen, und alles, was sie ihm zu Trotz that. "Du unterhältst dich also so gut in Arà¡d?" lachten ihre Augen im Vorüberfliegen. "Nun schau, ich treffs auch!" und sie warf sich förmlich in die Arme des Husaren. Und mit dem Trotz, und den spitzen, zitternden Geigentönen, war etwas von der Glut des Mannes, der sie begehrte, in ihr Blut gedrungen - etwas Fremdes, Berauschendes, dem sie keinen Namen geben konnte, und das doch mit allem in ihr und um sie her verwandt war: mit der Hitze im Saale, dem Keuchen der Paare, dem Mühlen der Geigen, und der lachenden Grausamkeit in ihren Augen, wenn sie - dort hinüber sah . . . Und als Ferencz sie mit einer langsamen, gleichsam geniessenden Bewegung wieder aus den Armen gleiten liess, dachte sie: "Jetzt macht ers geradeso mit - Ilona!" Und ein zorniger Blick flog nach jener Ecke. Da geschah aber etwas Seltsames: der Schatten dort nickte ihr traurig zu, und wie durch eine ungeheure Stille hörte sie plötzlich die Stimme Mischkas: "Ich - dich vergessen!" Ganz unheimlich war ihr geworden, und so hatte der andere sie ins Freie gebracht. Draussen lachte sie über sich selbst. Wie dumm sie war, noch immer zu glauben! Er hatte sie ja schon vergessen, sonst wär auch er gekommen, wie die anderen alle, und in ganz Arà¡d wär ihm Keine schön genug gewesen!

Der Arm ihres Tänzers lag noch immer eng um ihren Leib, und seine Finger spielten an ihrer Hüfte. Aber er sprach ganz gleichgiltiges Zeug dabei: dass die Welt schön sei, auch jenseits des Komitates, und dass man das Leben in der Jugend geniessen müsse, denn für die ganze, andere Zeit lange dann ein einziges "Téremtette!". Und dabei kamen sie immer weiter ins Feld hinaus. Einmal wollte sie auf einem Seitenweg wieder ins Dorf zurück. Da zog er sie sanft vorwärts. "Dir ist ja noch so heiss - ” und seine Hand glitt mit leisem Druck von der Hüfte aufwärts. "Wie dein Herz klopft - gelt, ein wenig bist du mir doch gut?" Das kam wie von den Lippen eines bettelnden Knaben. Sie sagte nichts, ging aber doch weiter.

Der helle Klang der Zigeunergeigen hinter ihnen wurde schwächer; nur der dumpfe Ton des Cymbals summte noch wie eine grosse, schwarze Hummel durch die Nacht. Schon rauschte der Strom an ihrer Seite. "Was das für ein Geruch ist!" meinte sie plötzlich. Er witterte in die Luft hinaus und zog sie noch enger an sich. "Ich merk nichts!" sagte er nach einer Weile. "Doch! da muss irgendwo eine Blume stehn, die ich noch nie gesehn hab!" Und sie bückte sich. "Ach, lass -!" Er zog sie empor. Und dabei fühlte er zum erstenmal, dass sie unter seinem Griff erzitterte.

Das Gras wurde höher um sie; es schien förmlich emporzuwachsen in der blauen Starrheit der Mondnacht, und ihre Schatten zu verschlingen. Sie lachte. "Wir sind ins Ried gekommen, schau! Mir reichts schon bis an die Arme!" Seine Hand glitt der ihren nach und legte sich dann fest um die jungen, zuckenden Brüste. "Ach - geh . . .!" Sie bäumte sich zurück. Da hatte er, was er wollte, ihren - Mund! Und sie erschauerte wieder. Noch wand sie sich in seinen Armen, aber sie lastete auch darin. Er schmunzte. Für eine Weile konnte er sie ja freigeben!

"Jetzt geh ich aber heim!" schmollte sie. Er liess sie ruhig vorangehen. "Wie du willst!" Doch sie selbst schlug in ihrer Verwirrung einen anderen Weg ein, und sie kamen noch tiefer ins Ried, das mit den langen, thaunassen Halmen ihre nackten Arme kitzelte, und hinter ihnen, in der Kühle der Nacht, sich wieder schlank und wirr emporrichtete.

Sie merkte es nicht; denn der Duft der fremden Blume war noch immer um sie, und das ferne Gesumm des Cymbals verschlug ihr fast den Atem. Es lag so heiss auf ihr, so schwer. Sie hätte weinen mögen; aber bei jedem Wort, das der Bursche sprach, lachte sie wieder, das helle, sinnlich-zornige Lachen aus dem Tanzsaal. Denn der Schatten Mischkas war ihr bis heraus gefolgt, und ihr war, sie müsse ihn auch bis zuletzt quälen. Die fremde, seltene Blume aber, die wollte sie morgen allein suchen . . .

Ferencz ging wieder an ihrer Seite. Er hatte sich schon zurechtgefunden, und lächelte leise; denn auf diesem Weg kamen sie nicht so balb ins Dorf. Endlich merkte sie es. "Ja - wo sind wir denn?" Sein Arm lag wieder um ihren Leib. "Was du dich sorgst! Wer weiss, wo jetzt dein Mischka - ist mit seiner - Ilona!"

Mit einem ruck blieb sie stehen. Sie sah nicht den hunrig-lauernden Blick des Burschen, fühlte nicht die derbe Gier, mit der er sie an sich riss, wie seine schönen, widerspenstigen Pferde. Ihr ganzes, wildes Empfinden presste sich förmlich in den Wunsch, dem fernen, treulosen Geliebten fürs Leben weh zu thun . . .

Das Rollen eines verspäteten Wagens scholl herüber, also war die Landstrasse nicht mehr so weit. Sie dachte es wie im Traum. Doch sie gab keinen Laut von sich, als der sehnige Arm des Burschen sie ins Gras zog - immer tiefer, bis es feucht-schwül über ihnen zusammenschlug. . .

Als sie im Morgengrauen heimgingen, wies Ferencz plötzlich mit einer überlegenen Geberde nach einem alten, knorrigen Weidenbaum. Sie sah hinüber, und errötete. Der Duft der fremden Blume aber war nicht mehr um sie. . . .

5.

Der warme Dampf der Schmiede quoll unablässig in den frierenden Abend hinaus. Von der pustenden Wärme der Esse vorwärts gedrängt, flatterte er in violett-blauen Schleiern über die Schwelle. Draussen aber ballte ihn der Frost zu eisengrauen, schwelenden Wolken, die eine ganze Weile unbewegt stehen blieben, bis der nächste Stoss des Februarsturms sie in hundert phantastische Gestalten auflöste, und wie einen spukhaften Reigen vor sich hertrieb.

Den halben Tag schon verfolgte Mischka von einem Fenster seines gegenüberliegenden Häuschens aus das Spiel, und ihm war, als säh er seine eigenen Gedanken; denn auch die zogen dort aus und ein, aus und ein, und nahmen doch nie eine greifbare Gestalt an. Ein eisiger Hauch, der aus seinem Innersten emporquoll, zerriss und verwehte sie immer wieder. Es war, als hätten sie kein Zuhause mehr, als müssten sie mit dem spukhaften Reigen über die Landstrasse tranzen, hinaus bis . . . aber nein, so weit wollte er nicht mehr denken; das war ja alles vorüber jetzt! Und er atmete auf - lang und tief - um sich zu vergewissern, dass es auch so sei; aber der fremde Druck auf seiner Brust war doch noch da; ja, und der würde auch eine ganze Weile noch dort sitzen bleiben. So viel glaubte er zu wissen. . .

Dunkler quoll der Abend in seine Stube. Aber es fiel ihm gar nicht ein, Licht zu machen, so wenig er die Suppe ausgelöffelt, die seit Mittag auf dem halbgedeckten Tisch für ihn bereitstand. Endlich musste ja das Kind, dem seine Mutter ans Licht der Welt helfen sollte, doch da sein . . . Seine Mutter - diesem Kind! Etwas in ihm fror und fieberte bei dem Gedanken. Aber es war ja das Amt seiner Mutter, und so musste sie auch ihr beistehen. Er, freilich, würde mit keinem Worte darnach fragen. . . .

Ding - dang . . . ding - dang! kam es aus der Schmiede.

Und wenn der schwelende Qualm sich für einen Augenblick zerteilte, konnte er scharf und deutlich den sehnigen Arm und das, vom Widerschein der Glut übergossene Antlitz seines Totfeindes sehen. Er hatte Faschingsurlaub, wie Mischka, und stand für seinen kranken Vater an der Esse. Ein paar Häuser weiter wurde ihm ein Kind geboren. . .

Der Bursch am Fenster sprang plötzlich auf. Wie das alles so gekommen war -! So abscheulich, so trostlos, so -. Er konnte nicht weiter denken. Und plötzlich wusste er auch, warum. Der drüben zerhämmerte ihm die Gedanken . . . ding - dang . . . ding - dang . . . wie er ihm das Leben zerhämmert hatte. Denn er war der Stärkere gewesen, immer; schon in der Schule; hatte ihn schon damals so gerne gequält, und schon damals hatte sich bei seinem blossen Anblick immer etwas zusammengezogen im Herzen Mischkas. Etwas, das halb Angst, halb Hass war, und doch eigentlich keines von beiden.

Eine dichte Rauchwolke verhüllte für einen Augenblick wieder die Schmiede; der scharfe Ton aber kam noch immer herüber. Den würde er hören - sein Leben lang! Und die trostlose Haide, die weit, weit hinaus wie begraben lag im Schnee; die tanzenden Qualmschemen, die der Wind an seine Stubenfenster warf und wieder entführte; seine zerhämmerten Gedanken und sein Herz, das ihm auf all. Das keine rechte Antwort geben konnte, - das alles kam ihm plötzlich so bekannt vor - so, als hätte ers lang, lang vorausgesehen. . .

Die Thüre knarrte - seine Mutter war eingetreten. "Grüss dich Gott, mein Kind!" Er nickte ihre bloss zu in der Dämmerung. Sie zündete die Lampe an und begann den Tisch abzuräumen; lautlos, wie es sonst nicht ihre Art war, denn sie plauderte so gerne mit ihrem "Mischka". Heut aber blieb sie stumm. Nicht einmal das ungenossene Mittagsmahl ihres Lieblings machte sie reden. Sie trug es einfach in die Küche hinaus. Dabei liess sie aber die Thüre hinter sich offen. Und er verstand, was sie in ihrer schlichten Art damit meinte, und rückte auf seinem Stuhl herum, so dass er sie sehen konnte, wie sie um den Herd wirtschaftete, erst das Holz klein machte, dann ein brennendes Stück Papier in die Oeffnung steckte, und zuletzt Span um Span darauflegte. Das hatte er so gerne gesehn, seit er denken konnte. Als Kind war er auf seinem Schemmelchen gesessen, auf derselben Stelle, wie jetzt. Und was sie Gutes und Schlimmes miteinander zu tragen gehabt hatten im Leben, war im heimlich-warmen Licht dieser Flammen genossen oder durchlitten worden. Und so wusste sie ihm auch heute nichts Besseres zu geben, als dieses Licht. . .

Knisternd schlug die Flamme auf; so hell, dass er jede Falte sehn konnte in dem lieben, alten Antlitz, das ihm noch nie etwas verheimlicht hatte, das er Zug für Zug kannte, wie seine eigene Seele. Und wie er so hinsah, wusste er plötzlich, dass sie "Etwas auf dem Herzen hatte". Aber dass sie von "dort -, dass sie ihm von "ihr" sprechen könnte, meinte er noch immer nicht. Da müsste schon . . . Und plötzlich zog eine dumpfe, unbestimmte Angst sein Herz zusammen.

Da begann die Alte zu reden: ruckweise, gleichsam suchend. Von den vielen Kindern, die sie schon ans Licht gehoben hätte, den armen, kleinen Gottesgeschöpfchen, alle einander so gleich, und doch wieder jedes anders. Die gesunden kämen krebsrot zur Welt und strampelten gleich und schrien, dass es mir seine Art hatte! Die brächten auch gleich ein hübsches Gewicht mit, und so viel sie wisse, sei es all den solchen noch immer gut ergangen im Leben. Dann gäb es andere . . . so federleicht und blass, und wenn die die Augen aufschlügen, werd es Einem ganz weh ums Herz, denn es sei, als brächten sie so ihre eigenen Gedanken mit über die Welt, und wie es ihnen darin ergehen werde . . . und die gute Alte warf plötzlich einen langen, langen Blick auf ihr eigenes Kind. Aber Mischkas sah ihn nicht. Die dumpfe Angst in seiner Seele war grösser geworden, und darum wagte ers nicht, emporzuschauen. Denn von seinem Herzen zu dem der Mutter fühlte ers zittern, wie einen feinen, spinnwebdünnen Faden, und so wusste er genau, dass sie noch nicht zu Ende gesprochen, und dass, was sie sprach, erst der Anfang wäre.

"Ja, und dann," fuhr die Alte fort - "gäb es noch eine Art von Kindern -. Das seien die, welche ihre Mütter ohne Liebe empfangen und ohne Liebe zur Welt brächten, und von denen zu sprechen, sei am traurigsten. Und habe eine solche Mutter heimlich einen anderen Mann geliebt, so ist sie im Stande, dieses Kind zu töten - nicht mit ihren Händen, sondern mit ihren Gedanken. Denn heimlich wünscht sie immer, dass das Kind doch dem anderen gehören möchte, und in ihren Wehen ruft sie seinen Namen. Und damit töte sie das Kind, denn sie kann ihm keine Seele geben. Das wären die Kinder, die tot zur Welt kämen, und hinter ihnen stürbe auch gleich die Mutter, denn Gott strafe jeden Mord. Das sei ein grosses, fürchterliches Geheimnis, aber sie habe das leider schon oft erfahren, und wenn mans recht besähe, wärs doch am besten so. . .

Und plötzlich begann die gute Alte an ihren Augen herumzuwischen. "Der Rauch!" meinte sie. Aber das war schon ein ganz besonderer Rauch, denn er stieg ihr auch in die Kehle und von da in die Brust. Und sie schlug die Schürze über ihr runzeliges Antlitz und weinte bitterlich.

Mischka hatte sich erhoben. Die Flamme züngelte noch immer aus der unverschlossenen Herdöffnung hervor und eine Weile ward nur dies Züngeln und Knistern und das Schluchzen der Alten hörbar. Da trat Mischka über die Schwelle der Küche. "Sie ist tot, Mutter!" sagte er langsam. Die Alte nickte bloss. "So will ich denn hinübergehn!" setzte er leiser hinzu. "Jetzt kann ichs ja!"

Die alte Frau zog die Schürze vom Antlitz und drückte ihrem Liebling die Hand. "Thus!" Dann brachte sie ihm selbst die Mütze und riegelte die Pforte auf.

Langsam schritt er über die Gasse. Und wie er so im Schnee dahinging, nur seine Gedanken um sich und den pfeifenden Haidewind, war ihm plötzlich, als höre er wieder jenes Lied. Eine Weile stutzte er; dann besann er sich, dass sie ja jetzt wohl in den Spinnstuben beisammensässen, Bursche und Mädchen, und ein Fenster geöffnet haben mochten. Und so war es auch. . .

"Abend wirbs - die Sterne fallen -
Aus weissem Hause flackert die Kerze rot,
Blumen sind über das Bett geworfen -
Des Hauses schöne, braune Tochter ist tot!

Mischka war stehen geblieben. Und Wort um Wort, wie sies drin sangen, erlebte er seine traurige Geschichte noch einmal, und einen Augenblick war ihm, als fühle er auch die füsse Last der Geliebten noch einmal - wie damals, als er sie auf seinen Schooss gerissen, eh er von ihr gegangen war. Den ganzen harten Weg in die Ferne sah er wieder vor sich, und nicht zuletzt das grosse Kreuz am Wege, und den Heiland daran, dem er gedankt, dass er in der Stunde der Versuchung nicht unterlegen war und ihre Unschuld geschont hatte. Und wie damals lüftete er lautlos seine Mütze.

Dann schritt er die Stufen empor, zum Hause der Toten. . .


Seele

Auf der Terrasse, die über dem blühenden Garten hing, sass die Tochter des Hauses mit ihrer Gesellschaft. Nur Frauen und Mädchen waren da; die meisten darunter seit ihren Kinderjahren befreundet, und dann an der Sonne der gleichen Jugend ins Leben gewachsen, wie die Blumen eines Beetes. Einige hatten noch grosse, durstige, gleichsam erwartende Augen, in denen es lag wie der geheimnisvolle Samtglanz von Blüten, die zum erstenmale ins Licht schauen. Mädchenaugen! Während in den Blicken der Frauen ein ruhiger Glanz schwamm, wie sonniger Mittag auf einem See. Etwas Stilles, Sattes; da und dort vielleicht auch Müdes.

In der blühenden Linde des Gartens schlug ein Pirol an. Levkojen und Violen dufteten herauf. Dann und wann verirrte sich ein Laut der nahen Grossstadt in die grüne Wildnis der Wipfel - das Geklingel der Strassenbahn, der Jauchzeruf eines Fröhlichen . . ., ferne Musik. Aber die Vögel sangen weiter. Und wenn die blühenden Lindenzweige im Abendwind emporflogen, sah man das goldige Gefieder des Pirols dazwischen aufleuchten. "Halü-a-lü!" kam es immer wieder. Als hätte sich der Frühling selbst dort niedergelassen, und könnte sich nicht genugthun vor Freude, dass die ganze Welt wieder ihm gehöre!

Und weil der Maienabend gar so herrlich niedersank, alles verklärend, so dass selbst die ferne Vorstadt wie ein zartes, in Gold und Silber gefasstes Aquarell am Horizant hing, wurde es einen Augenblick still auf der Terrasse; so still, dass man das feine Klirren der Palmenwedel hörte, die aus ihren Kübeln auf den fremden Frühling niederfahen mit der königlichen Melancholie von Verbannten.

Da schlug ein leiser Ruf aus der Tiefe des Nachbargartens empor. Gleich darauf knirschte der Kies; aber leicht, kaum gestreift. Mädchenschritte! Dann flog ein duftiges Etwas von Batist und Spitzen vorüber, um im nächsten Laubgang zu verschwinden. "Wo bin ich, Hans?" Fast im Tonfall der Pirolstimme, kam es - lachend, lockend. Nun hastige, männliche Schritte. Dann ein hellaufwirbelndes Lachen. Und endlich ein Schrei - voll süssen Schrecks und jauchzender Glückseligkeit . . .

"Jetzt haben sie sich geküsst!" sagt eine der jungen Damen unwillkürlich. "Nein, aber - wie du das gleich erkennst!" staunt eine andere. Und im Nu lachen alle . . .

"Woher weisst du denn das?" "Oder hast du selbst schon -?" "Du, du, das macht Gedanken!" Wie Vogelgezwitscher klingt es. Und die Ertappte steht da, hochrot in dem feinen Gesichtchen - will sich verteidigen, stimmt aber zuletzt klug in das Lachen der Uebrigen ein.

Die Tochter des Hauses, die bis jetzt unbewegt dagestanden, kehrt langsam das Haupt. "Es ist die Jüngste unseres Nachbars. Sie ist Braut!"

Von den Glücklichen ist längst nichts mehr zu sehen. Aber drei Augenpaare starren noch immer in den Nachbargarten hinüber - träumende, sehnsüchtige, neugierige Mädchenaugen! Nur die jungen Frauen schauen sich lächelnd an oder schweigen. Und die älteste, von ihnen, die so schwere, dunkle Flechten und so müde Augen hat, nickt leise vor sich hin. "Ja, die - Liebe!" Dann streift sie mit der blassen Hand eine welke Blüte von der Marmorbrüstung. Leise, resigniert. . . . Auch ein Geständnis.

Da ist aber noch eine kleine, rundliche Blonde, mit rosigem Fleisch und dem geduldigen Tierblick des echten Weibchens. Man kann fast erraten, dass sie viele Kinder hat, im Haus immer Ordnung und den Gatten am Schürzenband. Eine von jenen, die mit ihren Träumen nicht ins Paradies hineinheiraten, sondern in einen wohlgepflegten Garten, mit bekannten Blumen, blanken Wegen und sehr viel Obst und Gemüse.

"Und du, Marget?" zwinkert sie, wie aufmunternd der Tochter des Hauses zu. "Wann wirst du endlich deine Verlobungskarte drucken lassen? Ich hab inzwischen drei Kinder gekriegt . . . und in der Schule - weisst du noch? Da schworen wir darauf, dass du die erste Braut sein würdest!"

Das schlanke Mädchen in dem silbergrauen Voilekleid hebt kaum merklich die Schultern. "Es ist eben anders gekommen!"

"Sechsundzwanzig!" droht die Freundin mit erhobenem Zeigefinger.

Ein abweisendes Lächeln gleitet über das schmale Antlitz Margets. "Siebenundzwanzig und ein halbes!" spricht sie laut. "Du brauchst mich nicht jünger zu machen, liebe Anna! Ich will nichts mehr!"

"Und wenn ich ein Mann wär," ruft die ertappte Küsserin feurig - "keine andre als Marget würd ich nehmen!"

"Das wollten schon einige vor ihnen, liebe Helene!" lacht Frau Anna dazwischen. "Und einer ganz besonders!"

"Wer - wer?" schwirrt es durcheinander.

"Darf ichs sagen?" Wieder dieses Heben und Senken der Schultern; der verträumte Blick, als wär von einer Fremden die Rede. "Wenn du es zu wissen glaubst!"

"Na, ich will seinen Namen nicht nennen! Aber du weisst ja . . . Der eine von den beiden Philologen, die so lang zu euch ins Haus kamen. Einige Zeit fast täglich. Na, wird nicht blos den Schmökern deines Vaters gegolten haben!"

Die dunklen Augen Margets öffnen sich, weit und leuchtend . . . "Warum soll ichs leugnen?"

"Und du?"

Der feine Nacken des Mädchens sinkt nach vorne, wie zarte Blumen unter einem heissen Sonnenkuss. Dann steigt ihr eine feine Röte in die Wangen. Aber sie schweigt.

"Also auch du! Und da habt ihr nicht geheiratet?"

"Nein, wir haben uns blos geliebt!"

Die Legitimen erstarren. Die jungen Mädchen rücken noch neugieriger zusammen. "Blos ge - - ?" Frau Anna bringt das letzte Wort nicht aus der Kehle. Endlich mit einem leichten Räuspern: "Aber dein Vater wusste davon?"

Eine feine Falte senkt sich zwischen die dunklen Braunen Margets, und die giebt ihrem Antlitz im Augenblick etwas so Herbes und Abweisendes, dass sie eigentlich nicht mehr zu antworten brauchte. Aber sie thut auch das Letzte. "Nein, Niemand!" kommt es fest zurück.

"Muss das schön gewesen sein!" bricht Helene aus. Sie merkt nicht, wie tief die Stille ist, in die sie hineinspricht. . . "Ja, aber, mein Gott . . ." murmelt Frau Anna. "Ihr wart doch beide ledig, und jung! Und wenn da noch die Liebe dazu kommt, und das nötige Geld verhanden ist...das führt doch immer zu einer Ehe!"

"Das dachte ich damals auch, liebe Anna!"

"Siehst du!"

"Und bin jetzt doch froh, dass es nie dazu kam!"

"Dann liebst du ihn nicht mehr!"

Die Sonne war herunter, der Wind schlafen gegangen. Im Westen schwamm es feuerfarbig und purpurn ineinander, seltsam geformt und gedehnt, wie der See eines Märchenlandes, in dessen Mitte ein violenfarbiges Eiland schwamm. Die Bäume standen hoch und ruhig, einen letzten Glanz über den Wipfeln. Und aus den Fenstern des Nachbarhauses, die weit offen standen, jubelte die Stimme der Braut zu den Tönen Schumanns:

Frage nicht, wie soll sichs wenden?
Frage nicht, wie soll das enden?
Enden? Enden soll sichs nie!
Wenden, noch nicht weiss ich wie!

Dazwischen ein Amselruf, wie ein "Amen" des Frühlings. Dann wurde es wieder still, ganz still. Da streckt Marget langsam den Arm aus. "Seht ihr -? So lieb ich ihn noch heute!"

"Marget!"

In den Mundwinkeln des Mädchens zuckt es überlegen . . . ein Schelm aus jungen Tagen. "Ihr dürft ganz ruhig sein. . . . Ihr, denen die Liebe zuletzt Hausbrot wird! Ich hab ihn seit drei Jahren nicht gesehen, und nur zweimal haben wir uns geküsst!"

Frau Anna runzelt die Stirne. Einer Wissenden ist es schwer, so etwas zu glauben. Selbst Helene ist enttäuscht. "Wie schade!" Nur die junge, blasse Frau mit den dunklen Flechten faltet unwillkürlich die Hände. "Wollen Sie uns nicht mehr erzählen, Marget?"

"Da ich schon so viel gesagt habe!"

"Aber wahr sein, Marget!" ermahnt Frau Anna.

Wieder jener überlegene Zug königlicher Heimlichkeit im Antlitz des Mädchens. "O, ihr werdet mich noch alle beneiden!" Dann rückt sie leise ihren Stuhl zurecht, schlingt die Arme um das leicht emporgezogene Knie. Und ihr Aug ist so klar und rein wie der Abend, in den sie hineinspricht.

"Du hattest ganz Recht, Anna! Er kam damals zu uns, und blieb lange. Aber im Anfang geschahs wirklich blos der der Schmöker wegen. Dazwischen aber traf es sich, dass Papa ihn von Zeit zu Zeit zu mir in den Salon brachte. Wenn er etwa einen wichtigen Brief zu schreiben oder sonst einer Amtspflicht zu genügen hatte. Und dann plauderten wir miteinander. Ueber das und jenes, denn wir hatten einige gemeinsame Bekannte. Zuletzt kamen wir auf Kunst und Literatur. Da gings schon weniger friedlich her, denn über diese Kapitel hatt ich eben meine eigene Meinung. Er widersprach heftig und oft. Wie ich endlich bemerkte, mehr in der Absicht, meinem jungen Wissen auf die Wurzeln zu kommen. Zu sehn, ob es aus einer Persönlichkeit oder dem Schulplunder herausgewachsen war. Zuletzt hatt ich meine heimliche Freude an seinem Erstaunen. Die weibliche Schönheit hatte nach seinen Begriffen immer eine schmale Stirne. Und der glaubte er das offizielle Thema über Reisen, Toilette, Médisance und Vergnügungen zu schulden. Anfangs war ich auch darauf eingegangen. Aber dann hielt ich ihm zum Trotz meine hohe Stirne entgegen. "Siehst du, so bin ich! Nicht schön zwar nach deinem ästhetischen Kanon, aber - ich!" Und seine Bestürzung war lustig anzusehen. Zuletzt sprach er immer weniger, sah mich nur an. Mit grossen, zuweilen aufleuchtenden Augen. Dabei hatte er ein Lachen wie ein Kind. So weich und schmeichelnd. Wär nicht dieses Lachen gewesen - wer weiss? Denn oft lag eine fremde Trauer über seinem Wesen; ein ausweichender Blick in seinem Aug. In dem ganzen Menschen etwas Dunkles, das gleichsam zur Seite sah. . . . Mein Vater, der erst über unsere Kunstdispute gelacht, dann eifrig daran teilgenommen hatte, machte uns endlich auf eine Gemäldesammlung aufmerksam, die wir noch nicht kannten. Besonders die Meister des Cinquecento sollten reich und gut darin vertreten sein. So wurde ein Besuch zu Dreien beschlossen.

Es war ein schöner, klarer Herbsttag. In den Lüften lag es wie Balsaminenduft. Die Strassen waren nach ein paar Regentagen wie reingefegt. So gingen wir also. In der Galerie waren nur wenig Besucher; meist Fremde. Da hatten wir Musse und blieben in Stimmung. Die Sonne leuchtete herein und gab den Farben wieder Glanz, dem Incarnat der Leinwandmenschen Leben. Und was für Menschen waren das! Der ganze Festzug der Renaissance rauschte an uns vorüber! Da blieb ich mit einem entzückten Rufe stehen. Es war vor einem Frauenbildnis des Paris Bordone. . . . Kennt ihr das Blond, das er malt? Wie über reifen Saaten die Sonne liegt: ein blasses Gold mit silbernen Schatten. Unwillkürlich faltete ich die Hände. Papa kam von einem Tizian nicht los. Aber er war an meine Seite getreten, starrte das Bild an, lange, lange, und - schwieg dazu. "Ist es nicht herrlich?" fragte ich endlich. Da kehrte er sich langsam ab. "Diese Haare hab ich einmal geliebt!" sprach er. Langsam, weich, wie man einer Erinnerung nachträumt. "Also ein Weib mit solchen Haaren!" dacht ich. Und dann: "Solche Haare muss man haben, um ihm zu gefallen!" Ich war plötzlich still geworden, und wusste nicht warum. Als wir uns dann auf den Heimweg machten, wollt es der Zufall, dass die längste Zeit ein Mädchen mit ähnlichem Haar vor uns herging. Und plötzlich war mir, als könnt ich nicht mehr atmen in ihrer Nähe. Geradezu weh that sie mir. . . . Und wieder dacht ich: "Also solche Haare muss man haben, um ihm -

Als ich zu Hause war, trat ich vor den Spiegel, löste mein eigenes Haar. Schwarz - also reizlos für ihn! Lang sah ich da hinein, und dann sagte ich: "Diesen Mann liebe ich!"

Marget schweigt einen Augenblick. Und Frau Anna, die sich für eine Kennerin der Mannesseele hält, meint: "Und dann gefielen ihm doch die schwarzen Haare . . . natürlich! Das ist schon so bei den Männern! Hat einer eine Blonde geliebt, ist die Nächste sicher eine Brünette; und umgekehrt!"

Marget sieht gross und ruhig nach ihr hinüber. Der gläubige Jungfrauenblick der Sehnsucht, den noch keine Erfahrung entadelt hat! "Glaubst du wirklich, dass das der ganze Inhalt der Liebe ist?"

Frau Anna lacht nur, hell, überlegen . . . "Lehr du mich die Männer kennen!"

"Und da bist du so glücklich? Kannst glücklich sein?"

"Eben weil ich meinen Mann kenn! Und dann, weisst du, wenn einer einmal verheiratet ist, da beschränken sich die meisten nur mehr auf Gedankensünden. Und die sind gar nicht gefährlich. Die duldet man, mit einem gewissen Humor, wie den obligaten Tenor der Backfische! Schliesslich hängen sie ja doch an der Angel! Man hat sie eben! Und wenn man sie gut in Futter hält - . Zum Schluss, weiss du, ist auch der gescheiteste Mann nur ein grosser Magen!"

Marget erwidert nichts mehr. Man kann nicht nach Amerika hinübersprechen. Aber die junge Frau mit den schweren Flechten und dem müden Zug um den Mund, die so ruhig und unbewegt bis jetzt dagestanden, nickt leise vor sich hin. "Die Gedankensünden, ja . . . wer die vergeben könnte!"

"Man muss es eben lernen!" erwidert Frau Anna sicher. "Kindereien, über die man zuletzt lacht. Und wenn mans so einem Missethäter dann vorhält . . . Du! Wie ein begossener Pudel kommt er dir zurück!" Und wieder lacht Frau Anna, dass ihre runden Hüften wackeln. Sie fühlt sich sicher. "Und wie kams weiter, Marget?"

Die feinen Finger des Mädchens schlingen sich ineinander. "Ja, dann that ich, wofür ich mich noch heute selbst beschimpfen könnte. Ich fing an, mich zu schmücken, wenn er kam. Die Freude, als ers endlich bemerkte! Als mir der erste Blick, der leuchtend über mich hinging, sagte: "Du gefällst mir!" Es ward Spätherbst, die Abende immer länger. Und so flüchteten wir aus dem Garten, der sonst unser Geplauder gehört, in den Salon zurück. Als wir da einmal eintraten, und ich - es dämmerte schon, rasch die Lampe entzündete, sah er mit einem seltsam tiefen Blick um sich. Und dann, gleichsam aufatmend: "Wie schön ist es hier!" Ich musste unwillkürlich lächeln. "Und Sie kennen dieses Zimmer schon so lange! Es hat unsre ersten guten Kriege mitangesehen, all, die Worte gehört, mit denen wir uns gegenseitig geärgert!"

Er sah mich an, tief und lange. "Glauben Sie das wirklich, Fräulein!" Und dann, mit seinem weichen Kinderlachen: "Ich fürchte, dann haben blos Sie sich geärgert!"

Ich war kokett und wollte absichtlich nicht verstehen. "Ich meine nur!" sage ich. "Denn sonst hätt Ihnen der stille Reiz dieser Stube schon früher auffallen müssen!"

"Die höchste Schönheit an den Dingen entdeckt man immer zuletzt!"

"Und was verstehn Sie unter dieser höchsten Schönheit?"

"Die Seele!" Als er es sagte, sah ich zu ihm auf. Und sein Blick kam plötzlich wie ein grosser Glanz über mich, dem etwas in mir entgegenblühte, wie eine Blume dem Licht. So ganz Geheimnis und Seligkeit! Ich musste die Lampe rasch niederstellen. Meine Hände zitterten. Als ob er mich geküsst hätte . . . ! "Gott," dacht ich, "kann man wirklich so glücklich sein?" Und in mein Herz kam etwas, das Angst und Stolz und Demut zugleich war.

"Und das atmet man dann förmlich ein," sprach er. "Das durchdringt uns, giebt unserem Geiste Flügel, unseren Empfindungen Glanz und Reinheit. Es ist wie ein leuchtender Feierabend, zu dem man sagen möchte, wie der Dichter: "Tritt ein bei mir und schliesse du - still hinter dir die Thüre zu!" Dann plötzlich, mit einem gleichsam wegwerfenden Lachen: "Glauben Sie - glauben Sie, dass ich das in jeder schönen Stube empfinde? O, ich sags Ihnen -. Auch die Heimstätten der Menschen haben ihre guten und bösen Geister! Und über mancher hängt der ganze Gewitterhimmel einer bösen That für - immer! Dass man oft zu ersticken meint in all der Schwüle!" Sein Haupt sank langsam vorwärts, sein Blick zur Erde. Zwischen seinen Brauen stand eine tiefe, senkrechte Falte. Da war es wieder, das Geheimnisvolle, Dunkle, das oft plötzlich zwischen ihm und mir stand. "Was haben Sie?" wollt ich fragen. Doch schon lächelte er; das alte, liebe Kinderlächeln! "Aber hier ist alles Adel - Reinheit - Friede!" Er wollte noch etwas sagen. Da trat mein Vater ein.

Als er an jenem Abend von uns ging, hielt er meine Hand länger in der seinen; und als ich aufsah, nahm er mit einem leisen Druck Abschied von mir. Dazu die schöne, ritterliche Verbeugung der ganzen Gestalt. "Ich weih mich dir und deinem Dienst!" Es war Kraft darin, und etwas wie ein leises Flehen voll Demut und Hingebung . . .

Gott, dass ich keine Mutter mehr hatte, um an inr Herz zu stürzen und beichten zu können! Denn an Papa wagte ich mich nicht. Der machte so grosse, wundernde Augen zu allem, was jenseits der Bücherwelt lag. Aber jemandem musste ich eine Freude machen. So nahm ich ein kleines, goldenes Kreuzlein, das ich schon lange besass, ging damit zu unserer alen Babette hinaus und sagte: "Du hast dir schon lang so eines gewünscht, gelt? Da, nimms und lass dir was Schönes träumen!" Ich selbst aber schloss kein Auge in jener Nacht.

Als er das nächste Mal kam, trug er eine grosse Mappe unterm Arm. Radierungen und Stiche nach italienischen Meistern. "Es ist heut so ein trauriger Spätherbsttag draussen," sagte er. "Da muss man sich an dem bischen Sonne erquicken, das grosse Menschen für uns eingefangen haben!" Und er begann die Blätter vor mich hinzulegen. Ganz deutlich merkte ich, wie seine Hand zitterte, wenn sie zufällig an die meine streifte. Aber sein Auge vermied es, dem meinen zu begegnen, seine Stimme hatte einen unsicheren, fremden Klang; und plötzlich war mir, als wäre noch eine andere Sonne untergegangen. Er vermied es sogar, den alten, freundschaftlichen Neckton anzuschlagen. Und so bekam unser Gespräch etwas Gezwungenes und Konventionelles, dass es mehr Qual war als Unterhaltung. Und wie ich ihn so seltsam und fremd dasitzen sah - ihn, den Mann, ordentlich bei jedem Wort bemüht, die Grenze zu respektieren . . . da kam ein kalter Stolz über mich und legte sich wie eine Klammer um mein Herz. Seine ganze Seele hatte er mir letzthin gleichsam zu Füssen gelegt; inWorten, Blicken und Geberden. Und ich hatte all diese Tage her nichts gehört und gesehen, als all diese Worte und Blicke und Geberden. Wenn ihm das alles nun leid that . . .

Nach Innen weinte ich vor Qual und Scham. Heisse, blutige Thränen. Aber äusserlich wurde ich immer ruhiger, legte Blatt und Blatt beiseite und bemühte mich, ein korrektes Urteil zu haben. Dazwischen aber stockte das Gespräch oft minutenlang. Pausen, für die wir vergeblich nach einer nichtssagenden Bemerkung suchten, um ihre Leere auszufüllen, ihre Schwüle erträglicher zu machen. Umsonst! Jedes Wort fiel wie in eine unendliche Tiefe - ohne Ton, ohne Seele . . . In einem solchen Augenblick lachte ich über irgend ein nichtssagendes Detail an einem Bilde plötzlich auf. Kalt, hell, als wenn man an Glas schlüge. Ich selbst erschrak darüber. Und als ich dann nach einer Weile zufällig emporsah, hing sein Auge mit einem solchen Ausdruck von Liebe, Qual und innnerster Seelenangst an mir, dass es mich bis ins Herz erschütterte. Mein Gott, welchen Sturm hatte er gebändigt, während ich . . ."

Die Hände Margets krampfen sich fester ineinander, ihre Stimme klingt leiser, wie sie hinzusetzt: "Wie kleinlich ein Weib sein kann, wenn es in seiner Eitelkeit verletzt wird, das hab ich damals an mir selbst erfahren!"

Frau Anna schüttelt bedenklich das wohlfrisierte, blonde Haupt. "Na hör einmal, den verteidigst du aber!" Und ihr Aug wandert dabei von einer Freundin zur anderen, nach jenen raschen, treulosen Blicken heimlichen Einverständnisses und vager Verdächtigung fahndend, vor denen keine Frauenfreundschaft sicher ist. Das ernste Mädchen beachtet es kaum. Und zudem hat sie ein Lächeln im Antlitz: was ihr glaubt oder nicht glaubt - es ist mir alles eins! So werden die anderen noch neugieriger.

"Und was kam dann?" bettelt Helene.

Ein Zug feinen Spottes legt sich um die Lippen Margets. "Noch immer kein Heiratsantrag, liebe Helene! Seine Ruhe, freilich, gewann er auch nicht mehr zurück. Das Warme, Weiche, das ihm mit jenem Blick wieder aus der Seele hervorgebrochen war, floss nun auch in seine Worte und Mienen über, zärtlich, schmeichelnd. . . . Und so sagte er wörtlich: "Fräulein, scheinen noch gar nicht bemerkt zu haben, welche Bilder Sie da wiedersehen?"

Ich war so selig über die plötzliche Wandlung in seinem Wesen, dass ich den eigentlichen Sinn aus seiner Frage so wenig heraushörte, als ich bis jetzt die Bilder, trotz alles Anschauens, recht gesehen hatte. Und so starrte ich ihn blos an; erstaunt und verwirrt zugleich. Lange, selig lange, liess er seinen Blick in meinem ruhen. Dann lächelte er. Und plötzlich wusst ich, dass er mir ein süsses Rätsel mehr aufgegeben. "Ich wollte mit Ihnen noch einmal jene Galerie durchwandern!" sprach er endlich langsam. "Es war so schön dort!" Als hätten seine Worte Hände gehabt - weiche, schmeichelnde, heilende Hände! So strich es über meine Seele hin. . . .

Dieselben Bilder! Dass ich das nicht bemerkt hatte! Und plötzlich wurde ich rot. Rot, dass ich es spürte. Denn nun hatte ja auch er in meinem Herzen gelesen, und konnte erraten, wo und bei wem meine Gedanken geweilt die ganze lange Zeit her! Und so war es auch. Denn als ich wieder emporsah, ging ein strahlendes, sieghaftes Lächeln über sein Antlitz. "Sie haben das also wirklich nicht bemerkt?" Ich wendete, wie suchend, noch einmal die Blätter der Mappe. "Wart," dacht ich dabei - "so leicht soll dir das nicht werden!" Dann sah ich ihn fest an. "Nein, in der That nicht! Und wissen Sie, warum? Weil ich den Paris Bordone nicht darunter fand! Sie wissen ja doch? Das Bild der Frau mit den schönen, blonden Haaren!" Er schwieg eine ganze Weile. Einen Augenblick war mir sogar, als ob er bleich würde. Dann warf er plötzlich das Haupt zurück. "Das hab ich absichtlicht herausgenommen!" Leise, aber fest kam es von seinen Lippen. Ich that, als hätt ich noch immer nicht recht verstanden. Auch knirschte die Eifersucht in mir. Und so lehnte ich mich zurück und sagte: "Das heisst, Sie haben die ganze Mappe diesem Bilde zuliebe gekauft?" Er sah mich an voll flehender Demut. "Können Sie das wirklich noch glauben, Fräulein?"

Ich schwieg und liess die Blätter in der umgekehrten Reihenfolge zurückgleiten. Gott, hatt ich ihn lieb! Dass mir nur der blosse Gedanke daran den Atem nahm! Aber auch das sollte er nicht sehen. Und so sagte ich kalt: "Warum nicht? Ich könnte es begreifen!" Und dann, ohne ihn anzublicken: "Natürlich hatte "Sie" dieselben blauen Augen wie das Bild, nicht wahr? Augen von jener lachenden Bläue, die sich in der Leidenschaft verfärben wie das Meer und - treulos sind wie das Meer. . . . Courtisanen-Augen!" Ich hatte mir da etwas zusammengedichtet, gleichsam aufs Geratewohl in das Dunkel seiner Seele hineintastend, und mehr in der Absicht, ihm und mir wehe zu thun. Aber als ich dann aufsah - Gott! Welche Qual starrte mir aus seinem Antlitz entgegen! Bleich bis in die Lippen sass er da; seine Hände bebten. Er wollte sprechen, und konnte nicht. . . . Dabei sah ihm ein tötlicher Schreck aus den Augen. Und doch zugleich seine ganze Liebe zu mir. "Schlag zu, du hast mich getroffen . . . aber glaub nicht, dass ich deshalb lasse von dir!" Etwas wie Hundetreue, wisst ihr? Nur einen Augenblick noch und ich wär ihm zu Füssen gesunken und hätte um Verzeihung gebeten wie ein Kind. So leid that er mir! Da trat unsere alte Babette ein."

"Ach, wie ägerlich!" platzt Helene dazwischen. "Aber ists nicht immer so? Irgend ein Schicksalsteufel scheint diese Babetten und Tanten und Anstandsnornen extra erfunden zu haben, um uns die schönsten Fäden abzuschneiden!"

Frau Anna wirft dem "Gör" einen missbilligenden Blick zu. "Mir scheint, meine liebe Helene, Sie werden einmal deren ein paar brauchen!"

"Zum mindesten werd ich mir meinen Elephanten erziehen!" kommt es spitz zurück. "Und wenn schon wirklich immer einer dabei sein muss - gute Zeiten soll er nicht haben bei mir! Natürlich wollte Babette die Schlüssel, nicht wahr, Marget? Oder Butter . . . oder sonst etwas Essbares!"

"Ich weiss nicht mehr, was es war!"

"Und natürlich war es für diesen Tag dann aus?"

"Nein, liebe Helene! Dann kams erst recht schön! Denn als ich nach einem Augenblick wieder ins Zimmer zurückkehrte, stand er an meinem Schreibtisch, ein geöffnetes Buch in der Hand. Und das reichte er mir, ohne ein Wort. Blos seine Augen baten: "Lies!" Es war mein Lenan. Und ich las -

Weil auf mir, du dunkles Auge,
Uebe deine ganze Macht -
Ernste, milde, träumerische,
Unergründlich süsse Nacht!

Er war hinter mich getreten. Sein Atem berührte meine Wangen. Seine Schulter streifte leise die meine. Wie ein Kuss war diese Berührung - stumme, ruhende, einschlürfende Wonne! So standen wir. Durch die Wolken brach der letzte Strahl der Herbstsonne.

Als er an jenem Abend nach einem längeren Gespräch mit Papa von uns schied und wir uns zu Tische setzten, sprach Papa über irgend eine Zeitschrift hinweg: "Neugierig bin ich, was unser lieber Freund auf seiner Reise ausrichten wird!"

Es war gut, dass ich Messer und Gabel eben niedergelegt hatte. Sie wären mir sonst aus der Hand gefallen. "Er verreist?"

"Ja, hat er dir nicht gesprochen davon?"

"Mit keinem Wort!"

Papa starrte über seine Brille hinaus, wie immer, wenn ihm etwas zu denken gab. Dann lächelte er. "Daran erkenn ich wieder einmal unser genus! Ueber irgend eine Partikel verliert man den Kopf! Aber so muss es wohl sein . . . muss es wohl sein, wenn man in dem Fach was leisten will! Uebrigens hat er mich eigens gebeten, morgen noch einmal kommen zu dürfen, um den entlehnten Codex zurückzubringen. Da wird er wohl auch von dir Abschied nehmen!" Und nachdem mein guter Vater auf diese Weise seinen Causaltrieb befriedigt hatte, teilte er seine Aufmerksamkeit wieder mit rührendem Eifer zwischen seinem Roastbeef und einer Abhandlung über Bakchylides.

Wohin seine Reise gehn mochte? Natürlich irgend einer Handschrift nach! Aber weshalb er mir davon geschwiegen?

Auf dem Wege nach meiner Schlafstube kam ich durch mein Boudoir. Der Lenau lag noch immer aufgeschlagen. Unter dem roten Schirmlichte der Ständerlampe nahmen die Bilder, die er dagelassen und die noch immer zerstreut auf dem Tische lagen, ein seltsam farbiges Leben an. Alles erzählte mir noch von ihm . . . selbst der Vorhang, den er in jenem Augenblicke mit seinem Haupte gestreift und der etwas von dem Duft seines Haares behalten hatte. Wie hätt ich da schlafen können? So sah ich nur mir grossen, wachen Augen in die Nacht hinein, und die Nacht sah mich an - dunkel, geheimnisvoll . . . Aber ich fühlte, dass der Tag, der morgen aus ihrem Schoss steigen sollte, ganz, ganz mir gehören würde. Und dass dann etwas käme. Der Atem stockte mir vor Seligkeit, wenn ich daran dachte... Als ich gegen Morgen endlich einschlief, hatt ich einen merkwürdigen Traum. Mir war, als ordne ich die Blätter in jener Mappe. Da ging leise die Thür auf und hereintrat, strahlend vor Schönheit und Leben, jene blonde Frau. "Was wollen Sie hier?" stammelte ich. Sie lächelte blos: stolz, üppig, siegesgewiss, das Courtisanenlächeln der Venetianerin. "Nur meinen Platz!" Mit einem lauten Schrei erwachte ich.

Ich weiss nicht, was mich am nächsten Abend in den Garten hinaustrieb. Aber ich glaub, es war ein gewisser Stolz. Ich hatte von Papa erfahren, dass er beiläufig um dieselbe Stunde wie gestern kommen wolle, Abschied zu nehmen. Und deshalb widerstrebte es mir, in meinem Zimmer auf ihn zu warten, seine Seele gleichsam mit der Erinnerung an all das zu belasten, was in dem lieben Raum zwischen uns vorgegangen. Auch nicht durch das Geringste wollt ich seinen Entschluss beschleunigen oder gar herausfordern. Seine Liebe sollte mir kommen wie einer Knospe die Gnade der Sonne. Sie kehrt ihr Haupt danach, aber sie bettelt nicht um den Segen. Und ist es ihr Schicksal, blüht sie auf.

Als ich in den Garten hinabkam, dämmerte es bereits. Der Gärtner, der sich noch mit dem letzten Herbstflor beschäftigte, war eben daran, Feierabend zu machen. Als er mich sah, nickte er mir verheissungsvoll zu, wie immer, wenn sich unter seinen Pfleglingen etwas Besonderes ereignet hatte. Dann lief er rasch nach rückwärts. Im nächsten Augenblick stand er mit einer grossen weissen Lilie vor mir. "Ist die aus dem Gewächshaus?" fragte ich. "Nein, denken Sie nur," sagte er, "die ist sozusagen über Nacht hervorgekommen! Vor einigen Tagen hab ich noch in der Nähe der Sommerbeete gearbeitet und nichts gesehn als die Blätter. Und heute steht sie auf einmal da! Musst sie dem Fräulein bringen, dacht ich mir!" Dann ging auch er. Ich war allein. Am Horizont ward schon der Mond sichtbar. Er musste heute voll werden. Der Himmel lag in einem kalten, grünlichen Blau. Aus den Büschen wehte es feucht und modrig. Der Rasen begann leise zu gilben . . . Herbst! Aber die Lilie nickte mir von ihrem schlanken Schaft entgegen: süss duftend, geheimnisvoll - ein Wunder! Alles, was ich erwartete. . . .

Da knirschte auch schon der Kies hinter mir. Seine Schritte! Ich liess ihn ganz dicht an mich herankommen, dann wendete ich mich langsam um. Er lüftete den Hut. Und wieder sah ich, wie seine Hand bebte. "Behalten Sie den Hut auf!" bat ich. "Es ist so kühl!"

"So will ich gehorsam sein!" sprach er. "Aber wissen Sie, warum?" Auch seine Stimme bebte. Wir bogen gerade in einen einsamen Laubgang ein. Niemand um uns als der Abendwind, der leise durch die Wipfel und Hecken strich. Ein süsser Schauer durchrieselte mich, als ich zu ihm emporsah. Denn nun brach der Strahl aus seinen Augen, der mir ganz die Seele öffnen sollte. "Warum?" Ich hauchte es mehr, als ichs sprach.

"Um beide Arme frei zu haben!" kam es zurück. Und schon hatte er mich an sein Herz gezogen. Seine Lippen brannten auf den meinen. Der Arm, der mich umfing, zitterte wie unsere Seelen. . . . Als schlüge ein Meer über uns zusammen, und wir ersänken darin . . . immer tiefer, immer seliger. Nichts zwischen uns, als der süsse Duft jener Lilie. . . .

"Marget - meine einzige Marget!" Wie er meinen Namen sprach! So betet man.

"Werden Sie jetzt auch noch verreisen?" fragte ich siegesgewiss.

Ein Schatten ging über sein Antlitz. Dann legte sich die alte, fremde Falte zwischen seine Brauen. "Ich muss wohl -!"

"Wer zwingt Sie?"

Er zog leise meine Hand durch seinen Arm. "Sie? Noch immer Sie?"

"Also - du! Wer zwingt dich?"

"Die Pflicht und . . . ja -." Er stockte einen Augenblick, aber dann setzte er fest hinzu: "Vielleicht auch unser eigenes Bester!"

"Das sollte uns - trennen?"

"Nur, um uns desto gewisser zu vereinigen!"

"Ich versteh dich nicht," sagte ich und zog meinen Arm aus dem seinen.

Er machte eine Bewegung, die ich nie vergessen werde. Wie jemand, der nahe daran ist, etwas zu gestehen und im letzten Augenblick voll innerlichster Angst davor zurückscheut. . . . Eine Bewegung, die gleichsam ihn selbst mitriss, um im nächsten Augenblick wieder völlig beherrscht und ruhig dazustehen. Und wieder fühlte ich es zwischen ihm und mir: Dunkel, undurchdringlich - eine Gewitterwolke. . . .

"Warum hast du mich dann heute genommen?" fragte ich. Er hörte, dass meine Stimme in Thränen schwamm. Und die Qual, mich etwas erleiden zu sehen, worunter sich auch seine eigene Seele wand, riss ihm plötzlich die Worte von den Lippen: "Um dich endlich zu - fühlen!" brach es aus ihm hervor. "Um auch in der Ferne zu wissen, dass du mein bist. Mir nicht genommen werden kannst! Ewig um mich bist, mit allem, was zu dir gehört. Ein guter Geist - wenn die bösen kommen! Marget, verstehst du mich?" Wieder dasselbe Stocken der Stimme, dieselbe Bewegung des Hauptes und der Lippen.

"Aber du wirst schreiben von dort, nicht wahr?"

"An Papa!"

"So sagen wirs ihm, komm!" Er schwieg eine ganze Weile. Dann atmete er schwer auf. "Noch nicht! Ich - bitte dich!"

Die Hände fielen mir herab. "Vor ihm soll ich das geheimhalten?"

"Nur, bis ich zurückkehre!" bat er. "Kannst du mir so lange vertrauen?" Seine Stimme war so weich, sein Aug, in dessen Pupille das Mondlicht stand, so voll Hingebung und stummen Flehens, dass ich ihm wortlos die Hand hinstreckte. Er presste sie an seine Lippen - lange, heiss. Dann ging er. So lang er mich sehn konnte, sah er zurück. Eine Weile hört ich noch den Kies knirschen unter seinen Tritten - darauf fiel das Gitter ins Schloss. Ich war allein. Still stand ich da, die weisse Blume in der Hand, und um mich lag blau und kalt das Mondlicht, wie etwas, das in mich dringen wollte und mich umspinnen für immer. Ein leiser Schauer ging über mich. War mir ein Heil widerfahren oder ein Unglück? Ich fühlte nur, dass es mein Schicksal war.

Tage vergingen. Noch nie hatt ich so oft nach dem Briefträger ausgeschaut. Papa merkte nichts. Aber unsere alte Babette schien sich ihre Gedanken zu machen. Wenigstens ging sie mit einem eigentümlich pfiffigen Lächeln umher. Und als ich einmal in die Bügelstube hinabkam, meinte sie: "Jetzt werden Fräulein bald auf die Ausstattung denken müssen!" "Wozu?" fragte ich so unbefangen als möglich. Sie sagte nichts mehr, setzte aber den ganzen Tag eine gekränkte Miene auf.

Den nächsten Vormittag liess sich eine fremde Dame bei mir melden. "Sie will einem Stubenmädchen nachfragen, das einmal bei uns war!" erklärte Babette. Gleich darauf trat die Fremde ein. Sie war nicht mehr ganz jung. Ein-, zwei- unddreissig Jahre beiläufig. In grossem, reichem Putz. Fast etwas zu reich nach meinem Geschmack und für eine Vormittagsvisite. Aber ich wusste ja nicht, was sie noch vor hatte. Jedenfalls war sie schön - auffallend schön. Gross, schlank, und doch wohlgeformt. Dabei in Mienen, Gang und Geberden etwas Nachlässiges und zugleich doch auch Sieghaftes. Grosse, blaue, strahlende Augen und um die Lippen ein Lächeln: "Isolde!" dacht ich unwillkürlich. Es lag wohl im Typus.

Ich bat sie, auf dem Sopha Platz zu nehmen. Mich an ihre Seite zu setzen, fand ich gar nicht den Mut. Dabei stieg aber auch etwas wie eine vage Feindseligkeit in mir auf. Als wäre da jemand eingetreten, der mir Luft und Raum nehmen wollte. Ganz instinktiv! Ich versuchte wohl, dagegen anzukämpfen. Doch es war da und machte mich einsilbig und ungelenk. Auch sie schien nicht gleich das rechte Wort zu finden. Sah mich an, lächelte . . . Lächeln und Blick waren konventionell. Und doch hatt ich die Empfindung, dass sich auch hinter ihnen etwas Verstecktes und Feindseliges barg, das mich beschlich und betastete. Und mir näher kam - immer näher.

"Entschuldigen Sie, dass ich Ihnen mit dieser Sache lästig falle!" begann sie. "Aber heutzutage ist man wirklich nur auf das mündliche Zeugnis der Damen angewiesen. Dann hat diese Person - sie nannte mir den Namen - "schon so viele Plätze gehabt!"

Ich dachte eine Weile nach. Endlich entsann ich mich. "Das ist aber schon wenigstens fünf, sechs Jahre her!" gab ich zur Antwort. "Und fällt in die Zeit, da noch meine gute Mutter unserem Haushalt vorstand! Auch hab ich mich damals, aufrichtig gesagt, weniger um die moralischen Qualitäten der Dienstboten gekümmert, als um die gut Miene, die sie zu manchem meiner schlimmen Streiche machten. Wenn man noch ein Backfisch ist!"

"Freilcich, freilich!" nickte sie. Und während sie mich förmlich abtastete mit ihren Blicken:

"Also so jung sind Sie noch!" Sie wollte aufs neue lächeln, aber es wurde nur ein seltsames Zucken um Nase und Mundwinkeln daraus, das etwas halb Ueberlegenes, halb Gequältes hatte.

"Einundzwanzig!" erwiderte ich. Und da sie noch immer eine Auskunft über das Mädchen zu erwarten schien, setzte ich hinzu: "Wenn Sie übrigens wünschen . . . unsere Babette wird Ihnen das Wesentliche sagen können!"

"O, bitte," wehrte sie ab. "Lassen Sie die nur ruhig bei ihrer Arbeit! Mir genügt es ja, zu wissen, dass das Zeugnis Ihrer Frau Mama nicht eine blosse Formsache war!"

"Gewiss nicht!" gab ich zur Antwort. "Mama hat nie etwas gesagt oder geschrieben, wovon sie nicht im Innersten überzeugt war!"

"Dann ist ja das Mädchen gewiss auch die gute Person, die es scheint!"

"Und die nicht gut waren, wurden es in Mamas Nähe" sprach ich stolz. "Das war ihr Zauber!"

"Dann ist er vielleicht auch auf Sie übergegangen dieser - dieser Zauber!" Und sie nickte mir zu dabei. Offenbar wollte sie wieder lächeln. Aber plötzlich kam etwas in ihr Antlitz. . . . Wars der Blick - wars die Bewegung der Lippen oder beides zugleich - ? Ich weiss es nicht. Ich fühlte nur, dass es darüber hingeglitten war - lautlos, böse, wie eine Schlange.

Ich starrte sie an - sie mich. Und zwischen uns beiden schien die Luft zu zittern. Endlich erhob sie sich. Ich geleitete sie bis zur Thür. Und als sie sich dort wendete, um mir noch einmal die Hand zu reichen, glaubte ich plötzlich zu wissen, was mir ihre Erscheinung so widerlich gemacht. Sie hatte ja jene Haare. Die Haare, die er einstens geliebt! Also hatt ich wieder einmal dieses Blond allein gesehen! Und mich dabei wer weiss wie benommen. Unhöflich und albern zugleich. In solcher Stimmung, da sieht man ja auch in die anderen alles Mögliche hinein. Und wer weiss, was die Dame nun dachte: von mir und meiner Erziehung! Das verdarb mir den ganzen Tag. . . . Doch als an demselben Abend der erste Brief von ihm kam und Papa ihn vorlas . . . jedes Wort eigentlich für mich bestimmt. Voll süsser Rätsel, für die nur unsere Liebe die Schlüssel hatte. "Merkwürdig," meinte Papa endlich, "der Mensch ist in Paris und schreibt so viel von unserem Garten. Muss also doch etwas sein an dem lieben Stückchen Erde, das wir haben!" Da dacht ich bei mir: "Weiss Gott! Und darum will ich auch die blonden Haare endgiltig dort eingraben!"

Und ein langer, sehnsüchtiger Blick Margets irrt in den Garten hinab, der im silbrigen Dämmerlicht aufatmend daliegt, mit leise nickenden Zweigen und der Musik der letzten Amselrufe.

Frau Anna hält nicht länger an sich. "Aber die Blonde, nicht wahr? Das war dann doch die - Richtige?"

Marget nickt blos.

"Nur - dass du das so gespürt haben sollst, damals: Das weisst du, klingt fast unglaublich!"

Die junge, blasse Frau zur Rechten Margets nickt bitter vor sich hin. "Und doch kann die Seele so etwas erraten, wenn sie liebt. Und noch mehr! Ich habs erfahren!"

Die Freundinnen blicken neugierig auf. Doch keine wagt es, weiter zu fragen. Sie wissen, dass die junge Fraue erst vor kurzem ihre Scheidung eingeleitet hat. Da wollen sie nicht in offene Wunden greifen. Aber sie selbst spricht weiter mit einem grüblerischen Blick vor sich hin, und einer Stimme, ruhig und sicher wie eine Sonde. "Eigen genug ist es freilich. Denn gemeinhin glaubt man ja, mit den Augen und den Ohren und den Händen ausreichen zu können. Und mit dem, was wir unseren gesunden Verstand nennen. Aber wenn dann das Wissen und die Angst der Liebe über uns kommt! Wenn wir plötzlich um die Ecke sehen lernen. Fühlen, wie eine Seele nach der anderen greift. . . . Wie jedes Wort geschwängert sein kann, von Leidenschaft oder Verrat! Wie die Natur über alles, was uns lieb ist, hinausgreift, mit diesen Sphinxtatzen, die alles zerreissen! Wenn wir in Augen, die uns noch Liebe lügen, die starre Gier nach der "Anderen" funkeln sehen, mit einem Blick, der ihr Bild unwillkürlich in unsere Seele wirft. Wenn alles in uns aufschreit. Besudelt, entehrt . . . und wir uns am liebsten verkriechen möchten; in einer Ecke verenden, wie ein waidwundes Tier. So überhell von diesem plötzlichen Wissen! Während der "gesunde Verstand" noch mit kurzsichtigen Augen um sich blinzt und uns Lügen strafen will. Oder - oder zum Posieren zwingt! Ich hab meinen Mann schon lang im Verdacht gehabt, immer mit derselben. Obwohl es mir nie gelungen war, die beiden auch nur bei einem Blick zu ertappen. Und ich mir selbst bereits Vorwürfe machte. Da, eines Abends, sie war gerade bei uns gewesen, kam er seltsam erregt auf mich zu. "Wie schön du heute warst!" Dabei nahm er meinen Kopf zwischen beide Hände. Aber während er mich ansah, wusst ich plötzlich, warum er die Hände so eigen um meine Stirne und Schläfen spannte. Er wollte an mir gleichsam eine Linie nachzeichnen, die ihn an ihr berückte. Die Art, wie sie die Haare trug. Und dabei sah er mich an. . . . Aufschreien hätt ich mögen vor Qual und Scham!"

Frau Anna lacht überlegen. "Und ich hätte mich tags darauf gerade so frisiert!"

Die junge Frau kehrt sich langsam ab, fast verächtlich. "Wenn mir darum zu thun gewesen wäre, nur den Mann zu behalten - vielleicht. Aber ich wollte auch seine Seele. Um mich jeden Tag anders zu frisieren, war ich mir zu gut."

Frau Anna zuckt die Schultern. "Und doch, meine liebe Julie, erhalten kleine Konzessionen allein eine Ehe oder wenigstens ihr Dekorum. Und wenn man die nicht machen kann oder nicht machen will, dann freilich . . ." Mit diesem leisen Stich will sich Frau Anna einstweilen begnügen. Wenn Julie einmal endgiltig geschieden ist, giebt ihr ja der bürgerliche Moralkode genug Anhaltspunkte, sich schadlos zu halten. Immerhin fühlt sie sich im Augenblick als die Unterlegene. Und deshalb meint sie, scheinbar gleichgiltig den alten Faden aufnehmend: "Weisst du, Marget, ich dachte, dass es nur in dem Fall unglaublich wäre, wenn jene auch keine Ahnung gehabt hätte, mit wem sie sprach!"

"Doch, die hatte sie!"

"Also ein Dienstbotenklatsch, wie?"

"Durchaus nicht! Er selbst hatte ihr von unserem Hause gesprochen!"

"Na, dann musst du ihn aber schon ordentlich behext haben, wenn er nicht einmal ihr gegenüber schweigen konnte!"

Marget schüttelt leise das Haupt. "Von mir war nie die Rede dort! Blos von unserem Haus. Und auch das nur zufällig. Weil ihr Mann als höherer Unterrichts-Beamter wusste, dass mein Papa und er gemeinsam an einem grösseren Werk arbeiteten. Aber immerhin hatte sie damit eine Spur. Und wie ihr seht, die richtige!"

"Also eine - eine Verheiratete?" Frau Anna scheint sprachlos. Aber ihr medisanter Trieb ist noch stärker als ihr Bedürfnis, sich zu entrüsten. Und so drängt sie, ordentlich elektrisiert: "Nein, aber weshalb erzählst du denn nicht weiter?"

"Du selbst hast mich ja unterbrochen!"

"Ich?" Die runden Augen blicken erstaunt und fremd aus dem zierlichen Puppenkopf. Jedenfalls weiss sie es nicht mehr. Oder hat es unterdessen mit ihren Gedanken bei irgend einem Rest in irgend einem Winkel ihrer Speisekammer liegen lassen. Die anderen lachen auf - selbst Marget. Unter anderen Umständen wäre die junge Frau jetzt schon lange beleidigt. Aber diesmal ist sie zu neugierig. "Nun, und dann? Wie wars, als er zurückkam? Oder - kam er am Ende gar nicht mehr?"

"Doch. Als es Frühling wurde. Und an demselben Tag, den er in seinem Briefe nahmhaft gemacht. Papa musste gerade einer Sitzung anwohnen, so war ich allein. Gott, wie mir das Herz pochte, die Zeit schlich! Und doch that unsere gute, alte Uhr ihr möglichstes. Sie lief sogar voraus. Aber ich. . . . Als hätte alles an mir plötzlich Flügel bekommen, mich hinwegzutragen. Ohne Besinnung ohne Widerstand - ihm entgegen! Heute wollt ich und konnt ich ihn in meiner Stube erwarten. Und so ging ich auf und nieder - auf und nieder . . . nichts vor mir, als sein Bild, und die Erinnerungen an seinen Kuss und seine Blicke und seine Worte, und dazu die selige Gewissheit, dass dies alles wieder lebendig werden sollte. Wie man glaubt, in einer Muschel das ganze Meer brausen zu hören - so voll war meine Seele von der Liebe. Die Sonne lag mitten im Zimmer, warm, goldig. Und in ihrem Lichte schwamm der heisse Duft der Hyazinthen und Tazetten, die ich zum Entsetzen unseres Gärtners händeweise von den Beeten gepflückt hatte. Den ganzen Frühling wollt ich um mich haben, wenn er kam!"

"Endlich fuhr ein Wagen vor. Gleich darauf schlug die Hausglocke an, laut, ungestüm. Es war wie ein Schrei. Nun wurde die ziemlich wortreiche Bergrüssung unserer Babette laut. Dann ging die Entrée-Thür. Babette hatte ihn also ohne jede Meldung eingelassen - zum erstenmale. Bis zuletzt ihrer Sache gewiss! Da riss ich meine Thür auf. Noch länger warten - ich konnt es nicht! Mitten in dem Sonnenlicht, das über die maigrünen Wipfel des Gartens hinfloss, stand er und sah mich an, dass es auch über mich hinging wie Sonne: heiss, weckend, unaussprechlich süss! Dann öffneten sich seine Arme. Die Flügel meiner Seele hatten ihr Ziel gefunden. "Meine einzige Marget!" Wie damals . . . Ich wollte etwas sagen, aber es war umsonst. Ich lachte und schluchzte zugleich. Er hob leise mein Haupt empor und küsste mich. Wortlos - selig-lange. Ich schloss die Augen. Draussen sangen die Amseln, wie - heute."

"Und dann?" fragte Helene mit leuchtenden Augen. "Als dein Vater kam?"

Marget erhebt sich. Mit gefalteten Händen, das Haupt leicht vorgeneigt, steht sie da, den Blick in Fernen gerichtet, von denen die andern nichts zu ahnen scheinen. Dann kommt es leise zurück: "Dann bat er mich, noch einmal zu schweigen. Nur ein paar Tage, deren er dazu bedürfe, um sich zu sammeln und einige dringende Angelegenheiten zu ordnen. Dann wollte er selbst vor Papa hintreten und um mich werben."

"Und du hast ihm noch einmal geglaubt?" staunt Frau Anna.

"Warum nicht? Die Liebe ist doch der schönste Glaube, den wir haben!"

"Darum ist es dann wie Gift in uns, wenn er zerstört wird!" nickt die blasse Frau.

"Nicht in mir, liebe Julie!" versichert Marget rasch. Und dann, mit einem Lächeln voll Keuschheit und Andacht: "Was die Liebe eigentlich süss macht und ihren Glauben ewig, das hab ich behalten dürfen!"

"Ist das möglich?"

"Wenn man ihre letzte Schönheit erkannt hat, gewiss!"

"Ihre - letzte Schönheit?" murmelt Frau Anna halb verblüfft, halb beunruhigt. Sie weiss nicht, was sie denken soll. . . .

"Ihre Seele mein ich!" erwidert Marget einfach. "Aber ihr werdet ja hören! Zwei Tage später wurde mir dieselbe Dame gemeldet. Ich war ganz allein; Papa in seinem Colleg. Babette hatte einen wichtigen Gang und das Stubenmädchen mit dem Plätten zu thun. So brachte sie mir die Fremde ins Zimmer und ging dann wieder an ihre Arbeit. Aber wie hatte sich jenes Gesicht verändert, seit ich es zum letztenmale gesehen. Vergrämt, fahl, alt schien es geworden. Dabei ein Zug um die Lippen . . . Nun ganz unverhüllt das Böse, das sich damals wie eine Schlange darüber hingeringelt. . . . Und noch eines wusst ich, als sie eintrat; plötzlich, als hätt es jemand laut neben mir ausgesprochen: "Dieses Weib bringt dir ein Schicksal ins Haus!"

Ich bot ihr Platz an. "Danke," sagte sie, "denn ich bin müde! Obwohl ich nicht weiss, wie lang ich da werde - sitzen können. Denn nach dem, was ich Ihnen zu sagen habe -." Und ihr Blick ging über mich - kalt und doch funkelnd, als hätte eine Klinge darin aufgeblitzt. Aber dies und was darauf kam, geschah alles so schnell, dass ich es damals mehr empfand, als mir klar darüber wurde. Und so starrte ich sie nur an und stammelte unwillkürlich ihre eigenen Worte nach.

"Ja, was ich Ihnen zu sagen habe!" wiederholte sie noch einmal - und nun war es wirklich, als hätte eine Schlange aufgezischt, so kam es zwischen ihren Lippen hervor. Dann kreuzte sie die Arme über der Brust, wie jemand, der mit aller Gewalt an sich hält; denn, ich sah es: sie bebte vom Scheitel bis zur Sohle. "Also ohne Vorrede!" stiess sie endlich hervor. "Sie wollen mich unglücklich machen!"

"Ich -?" Noch heute weiss ich nicht, ob ich dieses "ich" auch wirklich hervorgebracht, gehört wenigstens hab ich es nicht. Ich wusste nur, dass ich etwas sagen wollte. So war mir die Kehle zusammengeschnürt. Aber sie musste mich wohl verstanden haben. Denn nun züngelte auch aus ihrem Aug die Viper. "Ja -; weil Sie mir den Mann nehmen wollen, den ich liebe!"

Noch heute kann ich es sagen: ein Auge so schön und fürchterlich wie dieses, hab ich nie wieder gesehen! Es war wie eine Fascination. So lang ich sie ansah, konnt ich nicht sprechen. Und doch musst ich sie ansehen. Sie und dieses Haar, das mit seinen silberigen Schatten in der Sonne aufleuchtete, schön, bestrickend, ob auch alles andere an ihr plötzlich welk schien. Das Haar, das er geliebt. Ein Schrei wäre mir eine Erlösung gewesen. Aber ich war wie versteinert. Nur im Herzen, da hatt ich ein Gefühl, als ob sich da drinnen etwas löse und tropfenweise in mich hineinfiele - fiedendheiss. Die Thränen, die ich nicht weinen konnte!

Sie starrte mich an, offenbar erstaunt, dass ich noch immer nichts sagte. "Er hat Ihnen also geschwiegen von mir?" Ich machte irgend eine Bewegung mot dem Kopfe. "Natürlich," fügte sie bitter hinzu. "Denn er fühlte sich ja so sicher! Eine verheiratete Fraue, die Kinder hat, und einen Mann! Der bleibt ja in der Regel nichts übrig in einem solchen Fall, als die Zähne zusammenzubeissen und zu - und zu schweigen. Nur eines hat er dabei vergessen. Das eine, die so lieben kann wie ich, auch anders hasst als die anderen!"

Ich starrte sie noch immer an, keines Wortes mächtig. Denn es ging wie ein Schwindel in mir herum. Alles drehte sich, veränderte seine Lage, floss nebelhaft durcheinander. Aber mitten aus dem Wirbel, der da um mich ging, funkelten mich unentwegt und fürchertlich in Augen an, leuchtete ihr Haar wie ein Glorie um ein Medusenantlitz. . . . Sie schien sich mein Schweigen in ihrer Weise zu deuten; denn plötzlich lachte sie hart und schrill auf; und dann sagte sie: "Sie staunen, nicht wahr? Dass ich da sitz, und dies alles nur so - sage! Wie eine, der an nichts mehr liegt! Aber drum thu ichs ja! Damit Sie mich kennen lernen und verstehn, wozu ich fähig sein könnte. Und was ihm und - Ihnen bevorsteht, wenn Sie es so weit treiben! Ihm hab ich es schon gesagt. Nun wissen auch Sie es!"

Endlich hatt ich ausgerungen. Mein Herz war wie zertreten. Doch mein Stolz gab mir Kraft. "Und ich dank Ihnen dafür!" sagte ich. "Nicht etwa weil Ihre Drohung auf mich Eindruck gemacht, sondern weil ich ohne Ihr Geständnis mich an einen Mann verschenkt hätte, für den ich mir jetzt doch zu gut bin!" Und mein Blick ging an ihr nieder . . . hatte sie mir auch alles genommen - sie sollte fühlen, was ich von einem solchen Weibe dachte. Und doch, jetzt kann ich es ja ruhig sagen, und selbst damals empfand ich es - doch zeigte sie mir gerade in diesem Augenblicke, dass auch ihre Seele eine Schönheit hatte. Meine Worte waren wie Peitschenhiebe niedergegangen, und sie hatte sie wie Peitschenhiebe quittiert: mit einem jähen, fleckigen Rot, das aus der Blässe ihres Antlitzes hervorbrach, unheimlich, wie die Wundmale ihrer Seele. Der böse Zug um ihre Lippen aber war plötzlich verschwunden; der harte Glanz ihrer Augen gleichsam weich geworden. Das Weib, das ihn geliebt hatte und noch liebte, rang sich durch, die Natur in ihrem ganzen Adel, den zuletzat doch nur unsere Satzungen entwürdigen. "Nein," rief sie - "wie und was Sie auch glauben jetzt - von ihm sollen Sie nicht niedrig denken deshalb. Denn wenn jemand schuld ist an seinem Fall und daran, dass er seinen Freund, der zugleich mein Mann ist, nicht mehr ins Auge schauen kann, bin ichs allein!"

Ein ungläubiges Lächeln glitt mir um die Lippen. "Doch, doch!" sagte sie. "Aber um das zu verstehn, müssen Sie alles wissen! Und darum müssen Sie mich noch länger hier dulden, obwohl -

Ich sah, dass sie mit Thränen kämpfte. So tief gedemütigt durch das, was sie an mir hasste, weil sie es nicht mehr besass: die Reinheit. Und trotz meiner Qual überkam mich ein tiefes Mitleid mit ihr. "Reden Sie nur," sagte ich, "wenn es Ihnen das Herz erleichtert!"

"Sehn Sie," brachte sie endlich hervor, "als ich Ernst kennen lernte, war ich noch ein ganz junges Mädchen. Kaum etwas älter als Sie jetzt. Es war eine Liebe auf den ersten Blick. Wie ein Wunder. Nur wer das erlebt hat, kann es verstehen. Und eine Liebe, die tief war und echt, auch von seiner Seite; und vielem Stand hielt. Auch rein blieb unsere Liebe - damals! Und das war ein Verdienst. Denn wenn meine Eltern mir auch jeden Verkehr mit Ernst untersagten, weil er noch Student war, so sahen wir uns doch zuweilen, und immer heimlich. So vergingen fast drei Jahre. Meine Eltern glaubten, diese und jene Partie für mich gefunden, doch mein Widerstand blieb jedesmal siegreich. Endlich hatte Ernst sein akademisches Studium hinter sich. Nun galt es nur noch, sich durch irgend eine Arbeit auszuzeichnen. Er ging also nach Griechenland, um durch einige archäologische Studien an Ort und Stelle die Lücken seiner philologischen Arbeit zu ergänzen. Darüber verging ein Jahr. Ich war nun fast sechsundzwanzig geworden. Und nun kam noch das härteste. Papa starb und hinterliess uns fast ganz unbemittelt. Da meldete sich ein bereits abgewiesener Freier noch einmal - mein Mann. Es war, was man eine "glänzende Partie" nennt. Reichtum Karriére, alles blos auf seiner Seite; auch die - Liebe. Mama beschwor mich mit Thränen in den Augen, doch blieb ich bei meinem "Nein!" Weil aber Ernst seit einiger Zeit, wie mir schien, in seinen Briefen kühler wurde, wollt ich seine Eifersucht wenigstens durch die Möglichkeit aufpeitschen, die sich mir bot. Und so schrieb ich ihm alles. Er antwortete wie jemand, der in solchen Fällen, nicht blos sein Herz, sondern auch sein Gewissen prüft: ruhig, milde, sachlich. Wenn ich heute den Brief lese, spür ich sein ganzes Mannesherz zwischen den Zeilen zittern. Damals aber vermisste ich das Ungestüm des Jünglings darin, als den ich ihn kennen gelernt, und das machte mich wütend. "Wenn du dich damit zu versorgen glaubst, dann thu es!" lautete ein Satz in jenem Briefe. "Gut," dacht ich. Und so legte ich ihm ein paar Tage später meine Verlobungskarte zu einem Zettel, auf dem nichts stand als die Worte: "Da du mir so schreiben konntest, konnt ich das thun!"

So vergingen zwei Jahre. Ich lernte die Ehe ohne Liebe kennen, das Grau in Grau der täglichen Pflichterfüllung. Die Stunden der Scham und der Verzweiflung, in denen man sich am liebsten selbst bespucken möchte für die Gemeinheit, die man an sich und einem anderen begeht durch fortwährendes Lügen. Endlich kam mein erstes Kind. Es war wie eine Erlösung. Die Liebe, die ich da zeigte, war echt. Und so kam ich unmerklich auch meinem Manne näher. Noch nicht mit den Sinnen, aber doch mit der Seele.

Da - eines Tages - kam Ernst zu uns. Er war an die Universität berufen worden. Mein Mann selbst hatte den ganzen Einfluss seiner Stellung aufgeboten, ihn durchzusetzen. "Weisst du denn auch, für wen du dich da so ereiferst?” hatt ich ihn gefragt; und dann alles gestanden. Es war ja so wenig, dieses alles. Ein paar verscheuchte Küsse und eine schwärmerische Korrespondenz. Alles noch rein und schön! Mein Mann lächelte wie ein Sieger. Und dann sagte er: "Also bin ich dem Armen umsomehr verpflichtet, weil ich ihn um dich gebracht habe!" Und er setzte ihn durch. . . . Was soll ich Ihnen sagen? Die beiden waren eine Zeitlang echte, wirkliche Freunde. Kein Wort, kein Blick, den sie einander nicht glauben durften! Wohl merkte ich, dass Ernst oft blässer wurde, wenn ich plötzlich eintrat, seine Stimme stockte, sein Blick hinter mir verstohlen herging. Aber sonst: nicht mit einem Händedruck verriet er seinen Freund. Da kam ein Tag . . . wir feierten mein Geburtsfest. Mein Mann war ungeheuer angeregt. Vielleicht hatte er auch etwas zu viel getrunken. Da nahm er mich vor Ernst in seine Arme und sprach mit lauten Worten zum erstenmale von seinem Sieg. Es hatte etwas brutales. Und ein einziger Blick auf Ernst überzeugte mich, dass ers auch so empfand. Denn ein unschönes Lächeln kroch ihm über das Gesicht. Mein Gott, er wusste ja mehr von diesem - Sieg! Das Lächeln war unschön, aber es hatte auch mir in seine Seele hinabgeleuchtet. Und so wurde es zuletzt der Funke, an dem die alte Leidenschaft aufloderte. Ernst kämpfte wie ein Freund und Ehrenmann. Und er wäre rein aus dem Kampfe hervorgegangen, wenn nur ich etwas tapferer gewesen wäre. Aber so zertte ich ihn förmlich hinab, mit der ganzen Gier eines Weibes, das nicht zum zweitenmale um die Liebe betrogen werden wollte, immer tiefer, immer tiefer - liess nicht los.”

Sie hatte sich atemlos gesprochen. Nun sass sie da, bleich, mit gesenktem Haupte, gleichsam die Kraft für das Letzte suchend, das gesagt sein musste. Und endlich brachte sie auch das hervor: "Mein jüngstes Kind ist ein fremdes unter den anderen. Es ist ein Knabe. Und er hat ihn über alles geliebt, bevor er Sie kennen lernte. Nun will er auch sein Kind verlassen, für - Sie!" Schon die blosse Vortsellung machte sie wieder rasend. Denn plötzlich fuhr sie auf, und ganz dicht an mich herantretend, rief sie: "Aber ich hab ihm alles gesagt. Was ich thun will und - werde, wenn es dahin kommt! Zunächst gesteh ich alles meinem Mann. Die erste Folge ist ein Duell. Entweder erschiesst Ernst den Mann, den er betrogen, oder dieser Mann erschiesst - ihn!”

Ich schrie auf. So liebte ich ihn doch noch. Trotz alledem. . . . Dass ich ihn lieber diesem elenden Weibe gönnen wollte, als dem Grabe weihen. Und so sagte ich leise, aber fest: "Gehn Sie ruhig nach Hause. Sie und das Leben sollen ihn behalten!" Es war wie ein Selbstmord, als ich es sagte. Aber - es war vollbracht.

Sie wollte sich über meine Hand beugen, sie küssen. Zur rechten Zeit wich ich der unerträglichen Berührung aus. Endlich ging sie. Aber unter der Thür kehrte sie noch einmal um. "Er wird Ihnen schreiben; Sie um eine - eine letzte Unterredung bitten. Werden Sie sagen, dass ich - dass ich hier war?” Ich schüttelte bloss das Haupt. Ihr Blick ging noch einmal über mich hin - gleichsam prüfend, wie viel Kraft mir noch zuzutrauen sei. Sie schien befriedigt. Dann ging sie. . . .

Ich blickte lange um mich. Das war dieselbe Stube noch, in der ich ihn vorgestern begrüsst. Fast dieselbe Stelle, wo ich in seinen Armen gelegen. In den Gläsern und Vasen dufteten noch dieselben Blumen. Die Sonne zeichnete mit denselben Goldfingern ihre Kringel auf den Fussboden; machte dieselben Farben des Teppichs aufleuchten. Aber von dem allen schien etwas herabzugleiten: leise, traumhaft, blütenweiss, um für immer in die Erde zu versinken: die bräutlichen Schleier meiner Seele.

Eine Stund später kam Babette heim. Sie brachte mir einen Brief, den ihr der Postbote auf der Treppe übergeben; er war von Ernst. Die Zeilen liefen auseinander; einige Worte waren durchstrichen. Die Schrift wie von der Hand eines anderen - das Ganze wirr und rasch hingeworfen, mit zitternder Hand - zwischen den Qualen der alten und dem Fieber der neuen Leidenschaft. Er bat mich um eine Unterredung - irgendwo, irgendwann. Offenbar scheute er sich, unser Haus noch einmal zu betreten; fürchtete die Macht der Erinnerungen, die auf ihn eindringen und ihn noch einmal schwach machen konnten! Und er wollte stark bleiben, er - musste es! So elend ich mich auch fühlte, so tief verletzt und erniedrigt er mich hatte durch die Nebenbuhlerschaft, der er mich zugesellt - ich konnte ihn verstehen, trotz alledem. Und darum wollt ich ihm helfen, stark zu bleiben. Das war die letzte Liebe die ich ihm erweisen durfte. Und dann: ein Glück, das nicht leben kann, schlägt man am besten dort tot, wo es nie geatmet hat. Und so setzte ich mich hin und nannte ihm einen alten Park im Mittelpunkt der Stadt als Ort unserer Zusammenkunst. Am nächsten Tag, zwischen sechs und sieben Uhr abends, wollt ich dort sein. Um diese Zeit dämmerte es schon. Ich wollt ihm das peinliche Bewusstsein ersparen, allzu deutlich in seinem Gesichte lesen zu können.

Nach einer Nacht, in der ich kein Auge schloss, kam endlich auch dieser Tag. Er verging mir - dumpf, endlos lange, wie ohne Bewusstsein erlebt. Als es Abend wurde, begann ich, mich fertig zu machen. Mein bestes Kleid legt ich an - ein weisses, das ich für den Tag der Verlobung gerüstet hatte. In weiss hatte er mich immer am liebsten gesehen. So sollte er mich im Gedächtnis behalten. Ein lichtes Bild, wenn ihn die dunklen allzu wirr umdrängten. Mir aber war, als ging ich zu meinem eigenen Begräbnis.

Wie ich in jenen Garten kam, erhob er sich von einer der ersten Bänke am Eingang. Also hatte er schon gewartet. Die schlanke Gestalt in dem langen, geschlossenen Gehrock, die müde und doch hastig-unterwürfige Art, in der er auf mich zuschritt, und wie tief, wie fast bedientenhaft tief er vor mir den Hut zog - der ganze gedemütigte und durch sein doppeltes Schuldgefühl doppelt gedrückte und erniedrigte Mann that mir so weh, so bis ins tiefste Herz hinein weh, dass mir war, als müsst ich für ihn aufschreien. Er streckte mir die Hand entgegen - ich hatte nicht die Härte, ihm diesen Gruss zu verweigern. So legt ich rasch und flüchtig meine Finger in die zitternde Hand, deren Druck einst die Wellen meines Blutes beherrscht. Dann gingen wir stumm eine Weile nebeneinander her - in die grüne Dämmerung der Laubgänge hinein, die noch vom Lachen der spielenden Kleinen ringsum widerhallten. Er wusste nicht, wie er beginnen sollte. Und ich, mein Gott! So stark ich auch bleiben wollte, diese letzten Augenblicke meiner tottraurigen Liebe mocht ich nicht um eine Minute verkürzen!

Endlich hob er mit einem gewaltsamen Ruck das Haupt. "Mein letzter Brief wird - wird - Ihnen etwas seltsam vorgekommen sein, Fräulein?" Ich fühlte an dem Zittern seiner Stimme, wie lang er an diesem "Ihnen" gewürgt haben mochte. Wie ein Schrei kam es heraus. Aber es war gut so, ich fühlte es selbst. Die letzste Brücke zwischen unseren Seelen musste abgebrochen werden, damit sie sich nie mehr finden konnten. Kühle Worte, verleugnete Empfindungen, der verschleierte Schmerz nur durfte hin- und wiedergehn, wenn unser Scheiden - adelig bleiben sollte. Das gab auch mir Haltung und mehr Kraft, als ich mir jemals zugetraut.

"Doch bin ich immerhin - gekommen, wie Sie sehen!" erwiderte ich fest.

Wieder schwieg er eine ganze Weile, wartete, bis ein paar Geschwätzige an uns vorüber waren, holte Atem, tief und schwer. "Nun kommt der Henkerstreich!" fühlte ich. Und noch einmal sah ich ihn an, bevor er mir das Letzte anthat - tief, lange, trank ihn förmlich in mich. Denn sein Bild, das wollt ich in der Seele behalten, wie ich es geliebt hatte. Nachher kam ja doch vielleicht der Hass, oder - oder etwas Schlimmeres! Endlich hatte er auch die Kraft zu diesem Letzten gefunden. "Ich wollte Sie um Verzeihung bitten, dass - dass ich zum Schuft werden muss an Ihnen, und mein Wort zurücknehmen!"

Mit gesenktem Haupte, fahl bis in die Lippen, hatte ers gesprochen, den Blick in die Erde gebohrt, den Hut in der Hand, die so bebte, dass ich sie vor Weh und Mitleid am liebsten geküsst hätte, die Hand, die mir das Leben nahm. Denn ich fühlte: was er mir auch angethan, er hatte mit diesem Einen Worte ein Gericht über sich gehalten, das den Mann in ihm für immer vernichten musste. Aber das wollt ich nicht. Das durfte nicht sein! Und so sprach ich plötzlich und wie aus einer innersten Eingebung heraus: "Thun Sie sich nicht selbst zu weh! Denn ich, wissen Sie, ich bin gekommen, um das Gleiche zu thun!"

Er sah mich an: gross, ungläubig, gleichsam erstarrend. Aber im nächsten Augenblicke flog ihm ein jähes Rot übers Antlitz. Das Wetterleuchten der Angst, dass ich alles wisse, die innerlichste Scham seiner Mannesseele. "Und warum?" stammelte er.

"Weil es mir bei unserem letzten Abschied klar geworden, dass ein Ton unserer Seelen nicht zusammenklingt. Und dass eine Liebe, die ich so lange vor meinem eigenen Vater verbergen soll, vielleicht überhaupt nicht ins Licht des Tages taugt!" Ich hatte ruhig und fest gesprochen, mit dem Aufwande meiner letzten Kraft. Aber Eines fühlte ich - sein Stolz konnte sich an dieser scheinbar leichten Art, dem Geliebten "Adieu" zu sagen, wieder langsam aufrichten. Und das allein hatt ich ja gewollt.

Er schien noch immer etwas ungläubig. "Und Sie - Sie fragen gar nicht nach meinen Gründen?" brachte er endlich hervor. Es war eine Suggestivfrage. Ich fühlte es. Und noch Eines klang daraus: die ungeheure Liebe zu mir, die ihn bereit machte, mir selbst seinen ganzen Stolz vor die Füsse zu werfen, nur, weil er nicht glauben wollte, dass ich wirklich so leicht von ihm gehn konnte! Da galt es, doppelt vorsichtig zu sein. Und so antwortete ich kalt und hart: "Nein, ich frage gar nichts . . . ich will nur noch - nach Hause!"

Aber wie ich dieses "nach Hause!" gesagt hatte und daran dachte, welch Hölle mir fortan jeder Winkel, jeder Raum des einst so lieben Heims sein würde. . . . überall diese Erinnerungen, und alles verflucht durch sie, bis auf das grosse Schweigen in meiner Seele - da schossen mir die Thränen plötzlich so reichlich und brennend in die Augen, dass ich kaum mehr meinen Weg sah. Es war gut, dass wir so nebeneinander hergingen, jedes nur in das eigene Elend versunken. So sah er nicht diese Thränen, und ich hatte nicht sein Mitleid zu fürchten. Aber er blieb neben mir, unentwegt, wie einer, der die Qual des Scheidens bis auf den letzten Schritt auskosten will. Und so gingen wir heim wie zwei Verfluchte.

Der Abend hing schon dunkel in die Wipfel herein, hier und dort flammten die abendlichen Lichter auf. Die letzten Leute gingen aus dem Park heim, lachend, scherzend. Und an all dem Glück und Frohsinn vorüber schleppten wir das Kreuz unseres Schicksals. Als wir so durch das Parkthor schritten, blieben plötzlich zwei kleine Mädchen stehen und sahen, nicht ganz ohne Neid, mein weisses Spitzenkleid an. Dann meinte die eine wichtig: "Die hat heute Hochzeit!" Von allem, was damals um mich vorging, war dies das Einzige, was ich sah und hörte. Und ich werd es niemals vergessen! Denn, seht ihr, so seltsam es auch klingen mag, jenes kleine Mädchen am Parkthor hatte die Wahrheit gesprochen. Denn wie auch alles gekommen war - eigentlich haben wir wirklich an jenem Abend - Hochzeit gehalten!"

"Marget!" Frau Anna weiss wirklich nicht mehr, was sie zu denken hat. So wird sie blos rot. Das erspart vieles, und erlaubt doch zugleich - alles zu denken.

"Du musst das nicht gleich in - diesem Sinn auslegen, liebe Anna," erwidert Marget sanft. "Und wenn es dir unangenehm ist, das ich weitererzähle -

"Durchaus nicht!" beeilte sich Frau Anna zu sagen. "Und dann - wir find ja auch unter uns . . . und - Freundinnen!"

Marget lächelt blos. "Sei ganz unbesorgt! Die Hochzeit, die wir gehalten haben, zu der können alle Leute geladen werden! Nur dass bie unseren Festen blos für die Seelen der Tisch gedeckt wird!"

"Ich versteh dich nicht!"

"Siehst du, das kam so. Als sich mein Schmerz ausgerast hatte - und es vergingen Wochen und Monate, eh dies geschah, all die leuchtenden Tage des Frühlings, und die blauen Nächte des Sommers - da kam zuerst eine starre, merkwürdige Ruhe über mich. Wie die Genesung nach einer schweren Krankheit an unser Lager tritt und uns gleichgiltig und duselig macht, gleich Kindern, die nichts wollen, als wachsen und leben! Und so fand auch ich endlich wieder den Schlaf und die Freude am Licht und das Vergessen, das uns mit kühlen Händen die Augen zudrückt, die zu lange ins Licht gegeschaut! Papa hatte mich für krank gehalten. Selbst dass sein Freund wieder - und diesmal für zwei Jahre - verreisen wollte, fand er nicht auffällig. Was thut man nicht für eine strittige Partikel! Nur unsere alte Babette war enttäuscht. Aber schliesslich merkt ich ihrs doch an, dass sie sich freute, dass das Kind im Hause blieb. So vergingen Monate. . . .

Da - eines Nachts, sah ich ihn wieder - im Traum! Wir sassen in einer gleichgiltigen Gesellschaft, sprachen von gleichgiltigen Dingen mit gleichgiltigen Worten. Und doch war plötzlich wieder alle Seligkeit der Liebe um uns. Als streckten unsere Seelen sich die Hände entgegen über alles hinweg, das war und ist und sein wird, ewig! Und seitdem kommt er oft - so! Wir haben Stuben, von denen neimand weiss, als wir. Treppen, die wir im Traume auf und nieder steigen, uns an den Händen haltend, wie Kinder. Und das alles so klar, so bestimmt, so voll Leben und Glücklseligkeit, das mir nach dem Erwachen die ganze Wirklichkeit daneben wie ein Traum erscheint. Oft fahren wir auch übers Meer, von dem wir so oft gesprochen. Und dann holt uns ein schönes, blankes Schiff ab, darinnen niemand ist, als wir. Es legt an den Treppen fremder Städte an, und wir steigen aus, Hand in Hand, und gehen durch die Strassen, die selbst zu träumen scheinen, wie wir, über Blumen - immer Hand in Hand und selig, wie nach dem ersten Kuss! Und wenn er einmal lange nicht kommen will im Traume, und ich mich nach ihm sehne - dann ist mir, als ging ich in unserem Garten herum wie damals, als ich ihn erwartete. Es ist Winter. Alles in Eis und Schnee gehüllt. Nur das Mondlicht liegt auf den Beeten - seltsam blau und silberig. Ringsum ist alles wie tot - mein Herz schwer, zum Zerspringen!

Aber plötzlich wachsen lange, bleiche Lilien aus den mondblauen Beeten hervor - leise, feierlich - eine nach der andern bis sie dastehen hoch und schlank und wunderbar, wie aus einer Legende! Und dann falt ich die Hände und weine vor Seligkeit. Und wenn ich nach einem solchen Traume erwache, hab ich die Hände auf dem Herzen ligen, das noch immer - ihm gehört!"


Ihre Sünde

1.

Ein leichter Windstoss fuhr durch die maigrünen Wipfel des Gartens und streute die ersten Fliederblüten auf den schimmernden Kies. Das alte Fräulein, das so versonnen und regungslos bisher dagesessen, schauerte unwillkürlich zusammen. Auch ihr war eine der zarten lila Blüten in den Schoss gefallen, auf die schlanken weissen Hände, deren Finger sich trotz ihrer scheinbaren Ruhe so fest in einander verkrampft hatten, dass ihre Feinen Gelenke nun überall die rosigen Male dieses gegenseitigen Druckes sehen liessen. Wie eine Erwachende starrte sie darauf, fremd und betroffen. Dann hob sie erst die Fliederblüte mit dem Rücken der Hand langsam empor, wie sie der Wind dorthin geweht hatte. Aber auch der Blick, mit dem sie diese ansah, war ein fremder; auch sie war nur ein gleichgiltiger Gegenstand auf dem unsichtbaren Wege, den ihre Gedanken gingen. Immer weiter . . . immer tiefer. . . . Wieder fuhr sie zusammen. Dann blies sie, wie ärgerlich über sich selbst, die Blüte von der Hand und strich die steifen Falten des seidenen Festkleides zurecht. . . .

Durch die sonnenwarme Luft kam das tiefe Gesumme einer Glocke. Unmittelbar darauf fuhr ein Wagen heran - leicht, federnd. Da erhob sie sich, fast aufgeregt. Und mit der aufmerksamen Miene einer Hausfrau, die Gäste erwartet, spähte sie aus der Laube nach dem grünumbuschten Gitterthor der Villa. Aber der Wagen fuhr vorüber. Und nun stand sie da, eine schwarze, feine, fast jugendliche. Silhouette gegen das scharfe Blau des Tages stellend. Ihr Antlitz war noch frisch, fast faltenlos, die welligen Haare braun und lockig; nur an den Schläfen blitzten einige silberne Fäden. In dem Blick der Augen aber lag schon ein Leben, das zurücksieht.

Wieder wollte sie in die Laube treten. Da leuchtete zwischen den sonnigen Büschen des Gartens ein seidiges Weiss auf. Ueber den Kies raschelte eine Schleppe - lustig, sprunghaft - man fühlte ordentlich, dass sie um junge Füsse schlug. Nun blähte sich ein weisser, lang zurückflatternder Schleier im Wind, dann stand sie plötzlich wie der Frühling selbst da - mitten im Sonnenlicht - die junge Braut! Rechts und links bog sie die Zweige auseinander, sah hier- und dorthin. "Sieh sucht mich!" glitt es über die Lippen der Lauschenden. Und mit einem einzigen Blick der Liebe umfing sie die junge Gestalt. Durch ihren Leib aber ging es wie ein Schauer; ihr Auge wurde weiter, ihr Blick bekam Sehnsucht. Etwas wie der Gluthauch einer einzigen Erinnerung, die immer auch Empfindung geblieben, schlug ihr in die Wangen, dass sie aufflammten - heiss und plötzlich. . . .

Dann legte sie die Hände vors Antlitz. . . .

2.

Es giebt Tage, wo man die Atemzüge des Schicksals zu spüren meint; so nah, als wehten sie einem über die Schulter. . . .

Damals, freilich, hatte sie nur eine unklare Empfindung davon, ein seltsames Gefühl, das sich aus Erwartung, Beklommenheit und einer gewissen dumpfen Sehnsucht zusammensetzte. Aber das wusste sie noch heute, dass sie in der Nacht, die jener Reise voranging, kein Auge geschlossen. Es war freilich eine schwüle Nacht, wie sie der Hochsommer in den engen Strassen der Grossstadt brüten lässt, wo selbst die Stunden nach Mitternacht keine Kühlung bringen. Und dieser Schwüle hatte sie auch damals die Schuld gegeben, obwohl sie den ganzen Nachmittag fleissig über das Packen ihrer Koffer hergewesen. Aber sie war ja so gar nicht müde . . . und von einer Aufregung konnte wohl auch nicht die Rede sein. Ein Reisefieber? Lächerlich! Wenn man alles geordnet hat und weiss, dass man in sechs Stunden ungefähr an seinem Ziele sein wird. Irgendwo, in einem vergessenen Alpennest, bei einer verheirateten Cousine, die sie wer weiss wie lange nicht gesehen, und mit der sie nun acht Wochen mitten im Wald leben sollte; denn der Mann jener Cousine war Förster.

So lang ihr auch jene Nacht wurde, nicht einmal hatte sie an die Reise und ihr Ziel gedacht oder an die Menschen, mit denen sie bald lange, sonnige Tage unter einem Dache hausen sollte. Zuletzt war sie einfach aufgestanden und hatte ein Fenster geöffnet, das mitten in das Schweigen des stillen Vorstadtgartens hinausging . . . . . Es war gegen zwei Uhr Morgens. Im Osten graute es schon. In einem Neste piepste ein Vogel. Ein Wagen fuhr zu Markte. Dann blieb es wieder still. Aus der grünen Tiefe atmete ein schwüler Duft herauf. Das war der alte Jasminstrauch, der in der Ecke des Gartens stand und mehr Blüten als Blätter hatte; grosse, weisse, die im Mondlicht wie ein silberner Schleier um jene Ecke hingen. Dann - sie wusste selbst nicht, wie lange sie schon hinausgestarrt hatte - strich plötzlich ein feiner Zug an ihr vorüber. Die Wipfel unten schauerten leise auf. Und nun stand ein glühroter Streif im Osten. Sie blieb noch eine Weile, dann weckte sie ihr Mädchen. Es war vier Uhr. Um fünf musste sie auf dem Bahnhofe sein. Und doch immer war sie nicht müde! Nur ihr Herz schlug so rasch; das Blut in den Schläfen pochte förmlich. Sie bekam wieder einmal ihre Jugend zu spüren. Die keusche Einsamkeit ihrer fünfundzwanzig Jahre. . . .

Wie eine Erwachende sass sie endlich im Coupé. Dann kam die stundenlange Fahrt mit ihren Zerstreuungen und Ablenkungen. Und so geschahs, dass sie erst knapp vor ihrem Ziele desjenigen gedachte, der sie dort in Empfang nehmen sollte. "Mein Mann wird dich auf der Bahn abhohlen . . .", hatte die Cousine geschrieben. Sie musste unwillkürlich lächeln. Aber nicht über die eigenmächtige Orthographie der guten Försterin, sondern über dieses "Abholen", dem erst eine ganze Erkennungsscene vorangehen musste. Sie hatte wohl ein Bild des Försters daheim: seine Bräutigams-Photographie. Seit acht Jahren ungefähr lag die im Familien-Album. Aber sie hatte keine Zeit mehr gefunden, sie wieder anzusehen. Da hielt der Zug . . . und auf den ersten Blick erkannte sie ihn. Es musste ihr also damals doch auch etwas aufgefallen sein an ihm. Uebrigens vielleicht auch nur seine Uniform, wie heute.

Und sie stieg aus.

3.

Er hatte den raschen, sehnigen Gang des Mannes, der viel und lange geht. Kraft und Schönheit war darin, und zugleich auch etwas Leichtes und Freies. Ihr war, als ginge sie selbst plötzlich anders neben ihm. So gehoben, so . . .

Und sie sprachen von dem und jenem. Wie alte Bekannte, die gleich den richtigen Ton treffen und sich nebstbei wirklich herzlich freuen, einander zu sehen.

"Es hat die ganze Nacht geregnet," sagte er, " da sind unsre Wege freilich nicht schön. Aber warten Sie nur; bis wir im Wald sind!" Und sein dunkles Auge, gross und braun und sonnig, funkelte förmlich, als er dies sagte.

"Sie lieben Ihren Wald wohl sehr?" Er schwieg eine Weile. Dann trat er hinter sie, scheinbar um ihr Platz zu machen auf dem engen Fusspfad. "Er ist auch alles, was ich habe!" sprach er endlich. . . . Ihr dünkte, mit veränderter Stimme. Aber war sie nicht selbst ausser Atem? Sie waren zu rasch gegangen. Davon mochte auch in seine Stimme diese Unsicherheit gekommen sein. Doch aber wendete sie sich nach ihm. "O, diese Männer! Ob nicht jeder seine Passion zuletzt ausser dem Hause hat! Und Ihre Frau? Ihr Töchterchen?"

Er lüftete, tief Atem holend, die Mütze. Sie standen am Eingang des Waldes. Und sein Blick wurde plötzlich dämmerig wie ihr Weg, als er sagte: "Sie wissen ja - Bertha ist blind!"

"Aber die Aerzte lassen Hoffnung, hat mir Ihre Frau geschrieben?" Er hob langsam die Schultern. "Das ist auch meine einzige Hoffnung," kam es zurück. Fest und hart, wie abgeschlossen. Ein langer, halb geknickter Grashalm nickte über den Weg. Den riss er aus, mit einer Heftigkeit, die ihr fast weh that. Dann warf er ihn in das laute Wildwasser, das bläulich schäumend vorüberstob. Er schwieg, sie auch. Und während sie absichtlich etwas hinter ihm zurückblieb, ging ihr Blick zum erstenmale forschend über sein Antlitz. Es war ein Profil von eigentümlicher, fast wilder Schönheit. Etwas . . . sie dachte nach - ja etwas Raubtierartiges lag darin! Eine Kraft, die Trotz und Waghalsigkeit geadelt und der Wettkampf mit den Schlichen und Listen des Wildes verfeinert und geschmeidigt hatte. Zwei tiefe, senkrechte Falten, die mit der Nase fast eine Linie bildeten, der dichte Bart und die goldbraune Haarmähne gaben dem Antlitz die bronzene Ruhe eines Löwenhauptes. Und in den Augen, wie bald die Schatten des Waldes, bald das Spiel verlorener Lichter darin vorüberhuschten, ein dumpfes, in sich gekehrtes Brüten - Träumerei der Einsamkeit, wie sie von den hundertjährigen Tannenwipfeln, die auch um sie jetzt orgelten, unwiderstehlich herabwehen mochte! Aber auch etwas Fassendes, Ursprüngliches . . . so dass sie den Blick förmlich zu sehen meinte, mit dem er sich über einen zur Strecke gebrachten Hirsch beugen musste. . . .

"Und meiner - meiner Cousine geht es gut?" fragte sie plötzlich, wie um einem anderen Gedanken zu entgehen. "O, die ist immer gesund!" erwiderte er ruhig. "Uebrigens - da sind wir schon . . . also können sie sich gleich selbst überzeugen!"

Die Hände fortwährend an der nicht ganz reinen Schürze abtrockend, lief ihnen die Försterin schon im Flur des Hauses entgegen. Schusslich, zerfahren, mit einem Schwall von Begrüssungen und Fragen, auf die sie selbst keine Antwort zu erwarten schien. "Und mein Mann - ist er doch noch zurechtgekommen?" schloss sie endlich.

"Wie du siehst," sagte der Förster, hängte seine Mütze an ein Geweihende und öffnete leise die Thür zur Wohnstube. "Das Fräulein wird müde sein; trag ihr doch endlich einen Sitz an!"

Rasch fuhr sie mit der Schürze über einen Stuhl. "O, du . . .! Als wenn es nicht schon halb Zwölf gewesen wäre, als du dich endlich aufmachtest. Der Zug hat ja schon gepfiffen!"

"Das war der Lastzug . . . der andere hatte Verspätung!"

"Aber so ist er immer!" keifte sie weiter.

"Ich bin gemeint!" sagte der Förster mit einer resignierten Handbewegung.

"Freilich, wer denn sonst?" Ihre Stimme überschlug sich förmlich.

"Wir haben ja soeben von dem Zug gesprochen, mit dem deine Cousine gekommen ist!"

"Natürlich," kreischte sie, "du bist immer der ganz Gescheite!"

Die Eingangsthür hatte sich leise geöffnet. Mitten auf der Schwelle, zwischen Thürstock und Thürflügel sich weitertastend, stand das blinde Mädchen. Ein Strom von Licht quoll über die goldbraunen Locken und das feine blasse Antlitz. Das Köpfchen war wie lauschend vorgeneigt. So blieb sie stehen - eine ganze Weile. Der Förster atmete tief auf. "Und das ist Bertha," sagte er. Es kam wie Licht in seine Stimme. "Meine Bertha, gelt?" Er wollte ihr entgegengehen. "So lass sie doch!" keifte die Mutter. Und während sie sich an ihren Gast wendete . . . "s ist ja wahr! Er verwöhnt sie noch ganz. Immer führen, immer! Sie kommt allein auch weiter, wenn sie nur will und nichts im Weg steht. Nun?"

Da streckte die Kleine die Händchen aus, mitten in die Sonne hinein. "Wo bist du, Tante?" Das klang so schüchtern und doch so . . ., eine ganze Sehnsucht tastete darin.

"Sie ist blind!" sagte die Försterin so laut und eindringlich, als wär es etwas ganz Neues. In die Wangen des Kindes schoss ein helles Rot. Die zarten Lippen zuckten. Im nächsten Augenblicke rollten zwei schwere Thränen über das blasse Antlitz. . . . Der Förster hatte sich rasch und geräuschvoll erhoben. Nur einen Blick warf er seiner Frau zu, aber den schien sie zu kennen. Mit der hastigen Entschuldigung, dass sie einen Augenblick in die Küche müsse, eilte sie hinaus.

"Das ist Tante Käthe, weisst du? Auf die du dich so gefreut hast!" sagte der Förster. Eine weiche Hand glitt kosend über die Locken des schluchzenden Kindes. Und das blonde Köpfchen, mit den Augen, die kein Licht, aber Thränen hatten, sank an ein Herz, dem zum erstenmale war, als fühle es, wie süss es wäre, Mutter zu sein . . .

Draussen rauschten die Bäume des Waldes und durch die offenen Fenster nickten die Zweige und zeichneten ihre schwanken Schatten auf die Dielen. Ein dunkler Falter, der regungslos auf den Geranien des Blumenbrettes gesessen, erhob sich und stiess mit leichtem Anschlag der Flügel an die blitzenden Scheiben . . . Und das Kind schluchzte leise fort, fast selig! Denn die weiche Hand lag noch immer auf seinem Scheitel . . .

4.

Am Abend eines Tages, der wieder mit einem heftigen Streit in der ehelichen Schlafstube begonnen, war der Förster früher als gewöhnlich heimgekehrt. Die drückende Augustschwüle und ein Gewitter, das in blau-schwarzen Wolken an dem westlichen Horizont emporstieg, hatten ihn zurückgezwungen. Als man sich zum Abendbrot setzte, musste Licht gemacht werden, so dunkel schatteten die Gewitterwolken bereits in das sonst um diese Stunde noch helle Gemach herein. Draussen zuckten die Blitze kreuz und quer. Nestverscheuchte Vögel und dunkle Nachtfalter glitschten mit nassen Flügeln an die Scheiben der Fenster. In der Stube war es schwül, und nicht nur vom Gewitter . . . Der Förster sprach kein Wort, seine Frau deckte geräuschvoll den Tisch. Dann trug sie das Abendessen auf. Da tastete die Blinde, die ihren Stuhl knapp an jenen Käthens gerückt hatte, schüchtern nach dem Vater: "Papa!"

Der Förster schrak zusammen wie einer, dessen Gedanken wer weiss wo gewesen. "Ja, mein Kind?"

"Jetzt bin ich wieder brav und thu alles, was die Aerzte der Mutter gesagt haben! Und Tante Käthe wägt mir selbst das Fleisch zu. Und meine Eisenpillen, die nehm ich auch wieder!"

"Ja - hast du denn das nicht die ganze Zeit her gethan?" fragte der Förster erstaunt.

Jetzt wurde die Försterin laut. "Im Winter schon! Aber ist es deshalb auch nur um ein bischen besser geworden? Pfuscher sind diese Aerzte, die sich allerhand ausdenken, wenn sie nichts wissen. Und dann, ich bitt euch! Dieses Fleisch- und Brot- und Gemüse-Abwägen! Ausgelacht hat man mich im ganzen Dorfe! Freilich, wenn es unserer lieben Käthe Spass macht--!" Und sie lachte hysterisch und gezwungen.

Der Förster stiess Glas und Teller zurück, dass sie klirrten. "Und der Meinung dieser - dieser Dorftrottel zuliebe vernachlässigst du dein Kind?" - Sie zuckte die Achseln. "Aber ich bitt dich! Die isst deshalb um kein Deka mehr oder weniger, als ihr schmeckt! Sie ist eben blind. . . . Daran muss man sich gewöhnen!"

"So!!" Der starke Mann bebte am ganzen Körper. Aber noch hielt er an sich. "Daran müssten wir uns gewöhnen, wenn es wirklich keine Hilfe mehr gäbe. Aber hat dir der Arzt nicht gesagt, dass auch die angeborene Blutarmut Berthas die Ursache dieses - dieses Leidens sein kann? Dass der Sehnerv nicht gelähmt, sondern blos schlecht genährt ist und deshalb durch eine rationelle Pflege mit der Zeit alles gut werden könne?"

"Gesagt hat ers freilich!" kicherte sie boshaft in sich hinein. "Und ich habs ja auch befolgt, den ganzen Winter! Aber sieht Bertha deshalb?" Ihre Augen funkelten förmlich vor Genugthuung.

Der Förster war aufgesprungen; und seine Faust fiel auf den Tisch, hart und ehern . . . "Herrgott!! Ich glaub, du könntest dich selbst darüber freuen, nur um Recht zu behalten!" Ein heftiger Donnerschlag machte das ganze Haus erbeben. Mitten hinein klang ein hysterischer Schrei der Försterin. Dann schlug sie die Schürze vors Antlitz und eilte hinaus. . . .

Wie nach Atem ringend, stürzte der empörte Mann ans Fenster, das er heftig und weit aufriss. Da aber die Försterin die Thür hinter sich offen gelassen, fuhr der Gewitterwind nun mitten durch die Stube, schmetterte den schweren Thürflügel ins Schloss und verlöschte die Kerze. Die Blinde schluchzte leise vor sich hin. Käthe wagte kaum zu atmen. Sie hatte es so gut gemeint, als sie der geschwätzigen Försterin die Anordnungen der Aerzte herausfragte - und nun! Endlich erhob sie sich. "Herr Weber," sprach sie, "glauben Sie nicht, dass es besser wäre, wenn Sie noch etwas - etwas mehr Geduld hätten?"

Er fuhr herum. "Geduld - Geduld!" kam es bitter zurück. "Allerdings, das sollt ich haben, wie jeder, der - er schwieg. Doch sie fühlte, was er sagen wollte, und deshalb trat sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Aber schon stand er vor ihr. Und wie ein Schluchzen brach es aus seinem Innersten: "Ja, Bertha ist blind - blind, wie es meine Liebe war!"

"Herr Weber, um Gotteswillen -!" Mehr konnte sie nicht sagen. "Doch, doch!" kam es dumpf zurück.

"So etwas sagt man in einem Augenblick, wie dieser - aber man glaubt es nicht!"

Er trat ganz dicht an sie heran. "Nicht gleich, da haben Sie recht!" lachte er heiser. "Denn man muss ja auch erst - sehend werden!"

"Wie - wie meinen Sie das?"

W - ie?!" Das Zimmer stand plötzlich wie in Flammen. Zwei Blitze hatten sich im Zenith gekreuzt, und durch den dampfenden Wald brach wie das Gebrüll eines Ungeheuers das Echo des nachrollenden Donners . . . "Wie - ?" Heiss wie ein Gluthauch wehte es ihr noch einmal entgegen. Und ihr war, als sähe sie alle Blitze dieser Nacht in dem Blick aufleuchten, mit dem er sie umfing - nur eine Minute lang - aber die hatte ihr alles enthüllt - auch das eigene Herz. . . .

"Papa - Tante Käthe!" Sie hatten das Kind gar nicht herankommen gehört. Als sie sich wandten, stand die Kleine dicht hinter ihnen, und wie ein Jubelschrei kam es von den jungen Lippen: "Ich hab ein grosses, grosses Licht gesehen!"

5.

Seitdem ging es aufwärts mit dem Kinde. Wohl hatte es erst mehr Dämmerung als Licht; aber es unterschied doch bald die Umrisse von Menschen und Dingen, lichtere und dunklere Schatten, das Hindernis, das auf seinem Wege lag, und diesen selbst. Doch die Schwüle jener Gewitternacht schien fortzuwirken im Hause, und so kam auch darüber keine rechte Freude auf.

Käthe hatte in jener Nacht kein Auge geschlossen. Sie war ein tapferes Mädchen, und weil sie es war, verhehlte sie auch sich selbst nicht die Wahrheit. Ja, sie liebte Weber - hatte ihn geliebt, die ganze Zeit her! Nicht bewusst, aber mit dem dumpfen Behagen ihres jugendheissen Blutes, das aus seiner Nähe, aus dem sonoren Klang seiner Stimme, dem Aufleuchten seiner Augen, dem Gefühle, dass er eben da war, tausend heimliche Freuden sog. Und darum musste sie fort. Sie hatte ordentlich Angst, noch länger zu bleiben, obwohl die für ihren Aufenthalt festgesetzte Zeit noch lange nicht herum war und der Förster ihr so scheu auswich, als sie ihm. Nur bie Tische sah man sich noch. Aber gerade dann! . . . Wenn er sie so ansah - mit diesem Blick voll unterworfener Kraft - die litt, weil sie begehrte, und doppelt begehrte, weil sie litt. . . . Sie wusste nicht, was ihr da die Kehle zusammenschnürte und das Blut in die Schläfen jagte; war es Empörung oder - ? Sie fand keinen Schlaf mehr, und in der tiefsten Einsamkeit noch hatte sie das Gefühl seiner Nähe. Die Nächte waren wohl unleidlich schwül. Die blauen, duftschweren Nächte des Hochsommers, hinter denen immer Gewitter standen oder eine Klarheit, die wach hielt und trunken machte. Bis zu Ende der Woche wollte sie noch bleiben, und dann musste irgend ein plötzliches Schreiben, für das sie schon Sorge tragen wollte, ihren Entschluss, abzureisen, erklärlich und selbstverständlich erscheinen lassen.

Endlich war der letzte Tag ihres Aufenthaltes herangekommen. Der bestellte Brief musste schon unterwegs sein. Das gab ihr eine grosse Sicherheit, und so wagte sie es, wieder einmal allein auszugehen. Sie schlug die dem täglichen Weg des Försters entgegengesetzte Richtung ein. Ueber sonnige Wiesen, duftige Kleefelder und stille Alpenweiden führte ihr Pfad. Nur das verlorene Geläute der Kuhglocken wehte der Wind zu ihr herüber, und aus der Tiefe rauschte der Wildbach. Aber es war wieder schwül, unleidlich schwül: und die Monotonie der wenigen Geräusche, das schläfrige Gesurr der Hummeln in den Wegdisteln ringsum, das Sonnenlicht, das von den nackten Schroffen der Bergkolosse überall blendend und prall zurückschlug, erhöhten noch dieses Gefühl. Sie ging rascher, den breitrandigen Hut tiefer in die Stirne rückend. Am Ende ihres Weges, mitten von einem klaren Bergwässerlein durchquert, schnitt ein kleiner Laubwald die Strasse ab. Dort hatte sie einmal duftige Waldhimbeeren gepflückt; gleich am Tage nach ihrer Ankunft und im Schatten einer verlassenen Sennhütte einen königlichen Schmaus gehalten. Ihre Zunge lechzte, der Himbeerduft schlug förmlich aus ihrer Erinnerung empor. Ordentlich lüstern wurde sie danach. So wollte sie noch einmal dort rasten. Das gab wenigstens einen schönen, klaren Abschied.

Selbst im Walde war es noch schwül. Sie riss den Hut vom Kopf, eine ihrer dicken, braunen Flechten löste sich und fiel schwer in den entblössten Nacken. Sie achtete nicht darauf, sondern begann gleich nach den Beeren zu suchen, hier und dort sich bückend und klaubend. Aus der Ferne murrte es wie ein Donner. Irgend ein schwüler Laut - denn der Himmel blieb sonnig und rein. Plötzlich raschelte es zu ihren Füssen. Mit einem leisen Schrei fuhr sie zurück; zwei dunkle Aesculapschlangen glitten aufzischend ins Gekräut. Ein Brautfest im Walde . . . und sie hatte es gestört.

Wie heiss ihr geworden war von dem rhythmischen sich Beugen und Heben. Ihre Wangen brannten, ihre Glieder waren wie aufgelöst, so träge und schwer. In ihr Auge kam etwas, das Furcht und Erwartung zugleich war; und plötzlich sah sie um sich - scheu wie ein Wild.

Und da fiel sein Schatten auf ihren Weg . . .

Erst starrte sie so fremd zu ihm auf, als zweifle sie an der Wirklichkeit dessen, was sie sah. Denn ihre ganze, heimlichste Sehnsucht war in jenem Augenblicke bei ihm gewesen, das fühlte sie erst jetzt, und ein süsser Schauer ging an ihr nieder. Dann kam plötzlich ein finsteres Drohen in ihren Blick. . . . Er verstand.

"Sie dürfen nicht glauben, dass ich Ihnen hier aufgelauert habe!" sprach er, doch seine Stimme bebte. Sie nahm langsam ihre Flechte hinauf und steckte sie fest. "Ich bin auch keines Ihrer Rehe!" erwiderte sie mit mühsamer Ruhe.

Sein fiebernder Blick glitt an ihrer Gestalt vorüber. "Allerdings, denn sonst - wären Sie schon lange mein!"

Und nun sah sie den Blick, den sie damals, bei ihrem ersten Gang mit ihm, nur geahnt hatte . . . Und die Bäume rauschten plötzlich auf, der Sturm eines nahenden Gewitters bog ihre sausenden Wipfel, dass sie stöhnten und jauchzten zugleich. Es war wie ein einziges "Hallali!", das durch den Wald schmetterte.

Sie nahm mit letzter Kraft ihre flatternden Kleider zusammen. "Herr - Weber!" dann wollte sie an ihm vorüber.

"Ja, ja, ja!" brach es aus ihm hervor. Und schon hatte er sie umfasst. Ihr Hut glitt ins Moos, ihre Flechten lösten sich; der kalte Lauf seiner Flinte schlug gegen ihr Antlitz. Aber auf ihren Lippen brannte es plötzlich wie die ganze Glut dieser Tage und Nächte, und mit einem leisen Schluchzen, wie erlöft, gab sie sich ihm hin.

Er aber warf die Flinte von sich. Und mit einem einzigen Ruck seiner starken Arme hob er sie empor. "Das Gewitter - Käthe . . . weisst dus noch!" Da schloss sie die Augen. . . .

Und als sie in jener verlassenen Hütte wieder erwachte . . .

6.

Die feine, schwarze Gestalt in der Laube schauerte zusammen. So oft sie auch seitdem das Glück und den Frevel jener dunklen Stunde heraufbeschworen - und sie hatte traurig lange Zeit dazu - immer wieder hielt ihr ganzes Wesen vor Seligkeit den Atem an. Damals, freilich, glaubte sie ihre Sünde durch ein ganzes Leben voll Entsagung büssen zu müssen. Noch am selben Tage war sie abgereist, nach einem überstürzten Abschied von der Försterin, der sie nicht einmal einen Gruss an den zufällig abwesenden Geliebten auftrug. Alles mit dem Hinweis auf jenes Schreiben, das mit der Vormittagspost richtig eingetroffen war. "Und die Koffer?" hatte die Försterin gefragt. "Die sind schon gepackt und können mir nachgeschickt werden!" erwiderte Käthe. Das geschwätzige Weib fand zum erstenmale in seinem Leben keine Worte. Und doch hätte sie fürs Leben gerne noch den Inhalt jenes Briefes gekannt.

Da aber Käthe gerade darüber hartnäckig schwieg, musste sie wohl oder übel auch so thun. Durch den Wald, von dessen Zweigen noch die letzten Tropfen jenes Gewitters fielen, war Käthe wie ein gehetztes Wild zur Bahn gelaufen. Dann kam sie Fahrt und dann - wie in endloser Reihe - Tage und Nächte voll schreiender Sehnsucht und einsamer Qual. Schon die erste Woche brachte einen Brief von ihm. Sie blieb tapfer und öffnete ihn nicht. Ein zweiter, dritter, vierter folgte - ohne sie zu lesen, verschloss Käthe auch diese. Als er eines Tages selbst kam, war sie zufällig nicht zu Hause. "Es ist gut!" antworte sie, als ihr das Mädchen von dem Besuche Mitteilung machte. "Aber der Herr will heute noch einmal kommen!" erwiderte die Magd. "Dann sagen Sie eben, ich sei wieder nicht zu Hause!" - "Und ich hab ihm gerade gesagt, dass Fräulein um diese Stunde immer allein wären!" Sie wendete sich ab, denn ihr war, als müsse das, was nun an ihrem Herzen zerrte, sich in ihrem Antlitz widerspiegeln. Aber wie mit fremder Stimme sprach sie fest und entschieden: "Es bleibt dabei!" Als dann zwei Stunden später die Glocke gellte und seine tiefe, weiche Stimme hörbar wurde, so voll Demut und verhaltener Qual, da war ihr, als müsse sie die Thür aufreissen, die einzige, die zwischen ihm und ihr lag, und mit einem Schrei an seine Brust stürzen. Aber - und sie fiel zu Boden, sie biss mit den Zähnen in das Holz des Stuhles, vor dem sie lag - aber sie blieb stark! Zwei Tage darauf kam ein neues Schreiben von ihm. Ihr war, sie müsse es öffnen, gerade dieses! Und doch - sie staunte über sich selbst - doch that sie es nicht! So wollte sie büssen. Und wenn sie darüber zu Grunde ging.

Der nächste Tag brachte einen schwarzumrandeten Brief ihrer Cousine. Und da stand es nun vor ihr, das Schicksal!

"Also, so weit ist es gekommen, dass ich jetzt Widwe bin! Der Weber hat sich erschossen. Mitten im Wald, bei der alten Hitten. Ich habs immer gewust, das es kein guttes End nehmen wirt mit ihm. Denn er war ja so spasig in der letzten Zeit. Hat alle beleidigt und kein Wort gesprochen, und sein Bett hat er auch hinaustragen lassen aus unserer Stubn. Liebe Käthe, ich bin so unlgleiglich, denn jetzt seh ich erst, das er schon lange muss verrückt gewehsen sein. Gewis war er auch gegen dich damals grop. Den sonst wärst du nicht so schnell abgereist, ich hab ihms gleich gesagt! Aber du weist ja, wie er war. Und jetzt sitz ich da, mit dem Kind!"

Mit einem wilden Schrei war Käthe zusammengebrochen. Und dann hatte sie - jetzt durfte es ja geschehen - sein letztes Schreiben geöffnet und es gelesen, wieder und immer wieder, bis ihr zuletzt war, als hätte ihr Leben und die ganze übrige Welt keinen andern Inhalt mehr, als diesen einen, tottraurigen.

"Mein süsses Weib," hatte er mit zitternden Händen geschrieben, "denn das bist du, weil das Heiligste in dir damals Amen gesagt, dein Herz und dein Blut! Ich will dir nur sagen, dass es zu Ende ist mit meiner Kraft, dass ich einfach nicht mehr leben kann ohne dich! Es ist ja möglich, dass dies Feigheit ist, und dass du selbst vielleicht zuletzt so denken wirst von mir! Aber eines ist eben immer das Schwächere in diesem Kampfe. Wenn du Lust und Liebe dazu hast, nimmst du dich vielleicht einmal meines Kindes an, von dem ich noch im Angesichte des Todes wünschte, es wäre das deine! Auf der Stelle, wo wir ein einzigesmal selig waren, will ich auch sterben! Aber das soll kein Vorwurf für dich sein - hörst du? Nie! Hände und Füsse küss ich dir wie damals dafür, denn du - du hast mich ja so unendlich glücklich gemacht!

Und nun, für immer dein Robert."

Eine Woche später hatte sie sein Kind abgeholt, und seitdem waren achtzehn Jahre hingegangen - die sie nur für dieses Kind geopfert und gelebt hatte!

7.

Zwei weiche Arme legten sich um den Hals des alten Fräuleins. "Tante Käthe - mir scheint gar, du weinst? Und heute, an meinem Hochzeitstage!"

"Nein, mein Kind, mir ist nur so vieles durch den Kopf gegangen! Wenn man anfängt, alt zu werden, sieht man oft vor lauter Schatten das Licht nicht! Aber warum bist du nicht drinnen geblieben bei Mama? Auch sie verliert dich heute!"

Die junge Braut blickte nachdenklich eine Weile vor sich hin. Dann stieg eine feine Röte in ihre Wangen, dass sie wie frische Rosen durch den duftigen Schleier leuchteten. Die ganze Seele trat ihr in die Augen, und mit einer freien und entschiedenen Bewegung des Hauptes - derselben, die Käthe einst an dem Vater des Kindes geliebt, rief sie: "Ich weiss nicht, wie ich es sagen soll, Tante Käthe, aber du - du hast mich ja so unendlich glücklich gemacht!"

Die letzten Worte des Toten, wie durch ein Wunder wiederholt von seinem eigenen Kinde! Das alte Fräulein schluchzte auf, leise und selig wie eine, der vergeben ward. . .

Draussen rollte ein Wagen an, rasch und hallend. Der Bräutigam war gekommen!


Mutter

Es ist das Krankenzimmer einer reichen Frau. Schwere Teppiche dämpfen den Schritt. Von der fraisefarbigen Tapete leuchten aus prunkvollen Rahmen die Sonnenfarben einer neuen Kunst. Scherebeker Wandteppiche erzählen nordische Märchen. Alles ist gewählt, nicht blos gekauft. Und nach dem ersten Blick meint man: hier hausen glückliche Menschen. Solche, die Herz und Sinn ganz an das Heute verschwenden durften, weil das "Morgen" keine Angst für sie hatte; keine einzige herzbeklemmende Sorge. Freilich, der Tod drückt auch solche Klinken nieder. Und so ist er denn heute, als letzter Gast des Hauses, lautlos über die Teppiche geglitten, hat einen spöttischen Blick auf all die Kostbarkeiten geworfen und sitzt nun, von niemandem gesehen, zu Häupten seines Opfers, schlenkert mit den Beinen und putzt mit seinen knöchernen Fingern den goldenen Handspiegel der Kranken. Wenn er seiner Sache gewiss ist, kann er auch warten. Und er wartet. . . .

Dass er so nahe, ahnt freilich niemand. Nicht einmal der Arzt. Zuletzt die Kranke, die von den hochgestellten Kissen ihres Streckfauteuils künstlich aufrechtgehalten dasitzt, noch immer tadellos frisiert und in die weichen, fliessenden Morgenkleider der grossen Dame gehüllt. Sie weiss nur, dass sie an Herzschwäche leidet und an Beklemmungen, die sie zwingen, Tag und Nacht im Stuhle aufrecht zu sitzen. Dann und wann bekommt sie eine Injektion. Zuweilen labt man sie mit Champagner und Cognac. Und dazwischen träumt sie. Schreckliche Träume, von Abgründen, in die sie immer wieder hinabstürzt, und wunderliche, von hochgestielten, weissen Riesenblumen, die sie mit Menschenaugen anstarren. Und noch einen. Der eine einzige, grosse, schreiende Sehnsucht ist; und dem zuliebe sie am Leben bleiben muss, wenn ihr Leben etwas wert gewesen sein soll. . . .

Der Arzt, der schon eine Weile bei der Kranken gesessen, erhebt sich. Der Herr des Hauses ist eingetreten. Auf leisen Sohlen; scheinbar besorgt. In der ganzen tadellosen Gemütstoilette des zärtlichen Gatten. "Wie findest du Helenchen heute, lieber Doktor?" Der Arzt, der zugleich ein langjähriger Freund des Hauses ist, tritt etwas tiefer in den Schatten. "Im ganzen besser!" antwortet er. "Auch der Herzschlag ist kräftiger!" - "Du bist also zufrieden . . . ganz zufrieden?" Nicht Angst, eine unschöne, drängende Hast, die gerne von einer unangenehmen Verpflichtung erlöst sein möchte, klingt aus der Stimme des Gatten. Der Arzt blickt an ihm vorüber, schweigt. Man kann ja auch - so antworten. Und wäre nur ein Teil der geheuchelten Sorge echt, dann müsste der Gatte gerade diese Antwort verstehen.

"Doktor?"

Diesmal ist es die Kranke, die fragt. Und es bebt so viel Seelenangst in ihrer Stimme; die weitgeöffneten Augen mit der strahlenden Pupille der Herzkranken betteln ihn so sehnsüchtig an, dass er antworten muss. "Aber selbstverständlich bin ich zufrieden, gnädige Frau. . . . Ganz zufrieden!"

"Na, dann, nicht wahr, Kind, dann giebst du mich für heut abend frei?" fährt der Gatte dazwischen. "Wir haben wieder einmal Sitzung. Wichtige Entscheidungen, weisst du? Da muss der ganze Verwaltungsrat beisammen sein! Wenns nur nicht immer so spät würde dabei." Und er zuckt die Schultern, fährt sich durch die parfümierten Haare, wie jemand, der etwas Unangenehmes vor sich hat. "Du erlaubst also?" Und schon führt er ihre Hand an die Lippen. Diese schmale, langgezogene, durchsichtige Hand einer Sterbenden.

"Geh nur, geh!" nickt sie.

"Also auf Wiedersehen, lieber Doktor! Du bleibst wohl noch ein Weilchen?"

"Es ist ja meine Pflicht!" erwidert der Arzt; ernst, wie jemand, der sich noch einmal verständlich machen will. Aber schon ist der andere draussen.

Mit einem seltsamen Lächeln starrt die Kranke ihm nach. "Und wissen Sie, wohin er jetzt geht?" fragt sie plötzlich. Der Arzt rückt sich einen Stuhl zurecht, zieht seine Uhr, sucht nach dem Puls der Leidenden, wie einer, der ablenken möchte.

"Jetzt geht er zur -

"Ruhe, gnadige Frau, hab ich gesagt, nur Ruhe!"

"O, glauben Sie, dass mich das aufregt? Das ist eben wieder eine Neue, die er sich gekauft hat. Für sein gutes bares Geld! Was bekommt man nicht alles um - Geld? Er hat ja auch mich gekriegt dafür!"

"Ihr Puls intermittiert wieder -

Sie zieht leise ihre Hand aus der seinen. "Nicht deshalb; glauben Sie mir! Denn das ist mir ja so ferne jetzt. So gleichgiltig. So, wissen Sie, als wenn ich schon lange gestorben wäre, und nun von einem hohen, hohen Berg noch einmal zurücksähe. Lachen könnt ich darüber!"

"Das sagen Sie!"

"Es ist die Wahrheit!"

"Und wenn Sie ihm Unrecht thäten?"

Sie blickt den Arzt eine Weile an; dann lächelt sie - gleichsam wissend. "Sie meinen, weil ich hier schon sozusagen auf meinem Sargdeckel liege? Mich nicht rühren kann, und darum auch nichts wissen? Und weil alle so um mein Lager stehen. Gleichsam mit abwehrenden Händen. So viel Zärtlichkeit und - Menschenliebe!" Und sie lacht. Hell, ohne Bitterkeit. Wie über etwas Alltägliches.

Es schneidet ihm ordentlich in die Seele. Er weiss es ja auch. Aber - wie kommt sie dazu?

Da langt die Kranke mühsam unter ihre Kissen. Als hätte sie in seiner Seele gelesen. Mit ihren überwachen, strahlenden Edelsteinaugen. Ein kleines, duftendes Brieflein zieht sie hervor. In blassgetönter Enveloppe. Mit den Schlangenornamenten einer schlangenhaften Zeit. "Wollen Sies lesen? Da!"

"Von ihm?"

"Nein, von ihr!"

"Ich dachte, weil es seinen Parfüm hat!"

"Es ist der ihre!" erwidert sie bestimmt. "Er hat ihn nur angenommen, wissen Sie? Wie früher die Ritter die Farben ihrer Damen trugen. Lautre femme - lautre parfum! Daran hab ichs immer erkannt. Was ist da zu sagen? Man lacht darüber!"

Der Arzt hat sich erhoben. Wie einer, der wirklich schützen und abwehren will. "Wer hat Ihnen diesen Brief in die Hände gespielt?"

"Meine Gesellschafterin!"

"Auf Ihren Wunsch?"

"Nein, ganz zufällig!"

"Der Brief trägt doch seine Adresse! War er noch uneröffnet?"

"Gewiss! Wie ihn der Postbote in ihre Hände gelegt; draussen vor der Thür! Sie kam eben von einem Spaziergange heim!"

Der Arzt schüttelt ungläubig den Kopf. "Glauben Sie nicht, dass sie - dass sie schon etwas gemerkt hat? Und verletzen wollte? Eigentlich hätte sie den Brief doch ihm geben müssen. Oder seinem Diener - ?"

Die blasse, noch immer schöne Kranke schweigt, und streicht ein paarmal nervös über die rotleuchtende Seidendecke. Dann, gleichsam zögernd: "Sie ist arm und sehr verbittert, wie es scheint! Die Leute, die immer in den dämmerigen Winkeln des Lebens hausen müssen, die bekommen zuletzt auch in ihrer Seele solche - solche Winkel. Und so kann man sie nie recht ertappen. Weder das Gute an ihnen, noch das Böse. Ich war ja auch einmal - so!"

"Immerhin hatte sie keinen Grund, gerade Ihnen weh zu thun!"

In das Antlitz der Kranken schiesst plötzlich eine helle Röte. Etwas Hilfloses kommt in ihren Blick. Und während sie langsam das Haupt abkehrt, murmelt sie: "Doch, doch! Ich hab ihr ja so bitter wehe gethan!"

"Das glaub ich Ihnen nicht!" erwidert der Arzt.

"Weil Sie mich noch immer für gut halten!" lächelt sie müde, "obwohl Sie seit einem Jahre meine ganze Vergangenheit kennen und darum wissen sollten, dass meine Güte nichts ist als Schwäche, die Schwäche eines Menschen, der ein grosses ungesühntes Verbrechen mit sich schleppt und nun auf seine Weise gut machen will!"

"Helene!"

"Nein, nein," beharrt sie mit selbstquälerischem Eifer. "Auch das will besprochen sein! Solche Menschen wie ich, die scheinen blos gut, zuweilen sogar besser wie jene, die mit reinem Gewissen herumgehen und deshalb auch hart sein können! Aber wenn dann jemand an ihrer heimlichen Wunde rührt . . . an ihrem unsichtbaren Schandmal . . . dann werden solche Menschen plötzlich wieder hart und böse. Und daran erkannte auch ich, dass ich um nichts besser geworden, dass alles nur Schein war und Trug. Sie wollte mir sicher nicht wehthun, denn sie konnte ja nicht ahnen, dass sie mich traf. Aber ich stach zurück wie eine Viper!"

Der Arzt horcht unwillkürlich auf. "Sie meinen das Fräulein? Wie kam sie gerade darauf?"

Ein wehes Lächeln huscht um die Lippen der Kranken. "O, ganz natürlich. Ich fragte nach ihrer Mutter!"

"Also hat sie . . . ist sie . . . das heisst, ich wollte sagen - Aber er sagt nichts mehr. Wie einer, der plötzlich begriffen hat und um nichts in der Welt weiterreden möchte, weil er weiss, dass er mit jedem Wort in eine tötliche Wunde fährt.

Sie schüttelt leise das Haupt. Und in dem Blick, der sein Auge sucht, flackert es auf, wie der Stolz eines Verdammten, der so viel gethan, dass er auf das bischen Mitleid der Menschen nun lächelnd verzichten kann. "Warum sprechen Sie es nicht ganz aus, lieber Doktor?" kommt es zurück, und lauter, als sie bisher gesprochen. "Ja, die Aermste ist auch ein verlassenes und verleugnetes Kind. Hat eine Mutter, die dasselbe Ungeheuer war wie ich. Was ist da zu sagen? Ich fragte und bekam die Antwort, die mir gebührt!"

Der Arzt hat sich erhoben. "Liebe Freundin, muss ich Sie wirklich erst um das bitten, was doch Ihnen selbst das Teuerste sein sollte . . . Ihr Leben? Sie reiben sich ja auf, wenn das so fortgeht! Und nun zu denken, dass dieses Geschöpf auch noch um sie ist. Täglich, stündlich. Soll ich - soll ich Ihnen nicht jemand Anderen bringen?"

"Und mein schlechtes Gewissen vor die Thür setzen?" lacht sie herb. "Ja, wenn Sie das könnten, lieber Doktor! Aber so ist doch alles umsonst. Und dann -. Ich habe ja gefragt!" Sie neigt das Haupt, ihre Stimme wird leiser. "Wie ich - wie ich bis heute noch jede gefragt habe. Da musst ich allerdings einmal auch diese Antwort bekommen!"

Er hebt die Arme und lässt sie wieder herunterfallen, gleichsam hilflos. "Ja, dann . . . dann wunder ich mich nicht, dass alles bis heute umsonst war. Alle Mühe, meine ganze Kunst und - er stockt, atmet schwer auf und legt dann seine Hand auf die ihre, unendlich zart, mit einer Bewegung, in der die ganze Sehnsucht, der vollendete Adel einer tiefen, keusch gebliebenen Neigung nachzittert. "Und auch all meine Liebe, Helene. Diese arme, keusche Liebe, die Sie wenigstens sorglos machen könnten, wenn Sie sie auch nicht beglücken durften!"

Aber sie blickt an ihm vorüber, kalt, unbeweglich. Mit diesen Augen, die nur die Qual einer einzigen Reue und Leidenschaft widerleuchten. Selbst ihre Stimme klingt fremd, wie sie antwortet: "Es ist wie ein Fluch in mir, dass ich gerade davon immer wieder anfangen muss. Nicht will, und doch muss. Aber auf einmal ist es da. Und dann frag ich. Gleichsam unter einem fremden Zwang, wissen Sie? Und so hab ich auch damals gefragt!"

Er schlägt die Hände vor die Stirne, beginnt auf und ab zu eilen. "Gott . . . Gott! Sie hätten ebensogut Gift nehmen können. Immer dieselbe Pein im Herzen. Der Ablauf dergleichen Vorstellungen im Gehirn. Das musste Sie ja endlich so weit bringen!"

Sie sinkt tiefer in die Kissen und schweigt.

"Wie konnten Sie das thun?" fragt er, wieder stehen bleibend. Sie legt nur leise die Hände auf seinen Arm. "Ich musste wohl!" kommt es heiser zurück. "Denn all die vielen, die ich bis dahin gefragt hatte, mein Gott, da war doch nicht einer oder eine, die nicht eine Mutter gehabt, für die sie geschwärmt und gebetet! Mit aufleuchtenden Augen, mit Worten, die wie liebe, weiche Händchen über ein geliebtes und verehrtes Haupt hinstrichen. Entmenschte Mütter sind ja zum Glück so selten wie Ungeheuer. Und weil ich eine solche war, verstehn Sie? Deshalb konnten mir die Kinder guter Mütter nichts sagen. Und so fragte ich immer weiter, immer ungeduldiger. Suchte mir die Seele wund nach einem Kind, an dem seine Mutter so gefrevelt wie ich. Bis zu meinen Deinstboten. Die kennen ja auch nicht immer ihr "woher?" Denn in mir, wissen Sie, in mir schrie ein Verbrecher nach seinem Urteil. Und so hörte ich es endlich, wie Sie es jetzt hören sollen."

"Nein, Helene," wehrt er ängstlich ab. "Um Gotteswillen, nein! Wissen Sie denn auch, was Sie mir da zumuten? Ich bin ja nicht blos Ihr Freund, bin auch Ihr Arzt!"

Sie blickt ihn nur an. "Das sag ich mir vor, auch wenn ich allein bin. Hundertmal im Tage. Es ist meine Strafe!"

"Wer weiss, ob Ihr Kind auch so spräche!"

"Es spräche ja nur die Wahrheit!" kommt es schroff zurück. "Und für die giebt es immer nur dieselben Worte. Immer - nur - dieselben! Das ist ja das Fürchterliche an der Wahrheit. Das, was wir nicht ertragen können an ihr!" Und mit einem Blick, der Silbe für Silbe in das Grau der Dämmerung zu brennen scheint, spricht sie langsam: "Ich habe meine Mutter nie gekannt. Die hat mich verlassen und verleugnet. Vielleicht schon unter ihrem Herzen!"

"Helene, ich beschwöre Sie!"

Sie schüttelt nur das Haupt, schneidet mit der Hand durch die Luft - gleichsam eine Grenze markierend. "Ich - kann nicht, lieber Doktor! Sonst hätt ich ja auch damals - schweigen können. Aber es litt mich nicht. Und so sprach ich auch damals - weiter!" - "Und wenn Ihnen ihre Mutter doch noch einmal begegnete?" fragte ich. "Plötzlich begegnete? Würde sich da nichts, aber auch gar nichts in Ihnen regen?" So fragte ich, lieber Docktor. Und Sie dürfen mir glauben, als es heraussen war . . . da stand ich wie im Angesichte Gottes. Und wartete auch auf mein Gericht!"

"Schrecklich!" murmelt der Arzt unwillkürlich.

Die Hände der blassen Frau krampfen sich ineinander, ihr Haupt sinkt herab, als ginge ein Unsichtbares über sie hinweg, das Seele und Leib zugleich krümmt. "Und Gott liess mich nicht warten!" spricht sie leise fort. "Es kam, jedes Wort ein Peitschenhieb. Ich hörte sie ordentlich sausen. "Dass ich arm bin und dienen muss; dass jeder, der mich bezahlen kann, damit auch das Recht kauft, mich zu demütigen; dass ich einen Augenblick, der eine andere - unterhalten, mit einem ganzen Leben voll Schande und Erniedrigung büssen muss, das dank ich diesem Weib: Sie hat mir das Leben nicht geschenkt - sie hat mich dazu verflucht . . ." Ja - verflucht!

Genau so sagte sie damals. "Zum Leben verflucht!" wiederholt die Kranke langsam. "Es war schon dämmerig im Zimmer, wie heute. Und das war gut. Sonst hätte sie auch gesehen, dass sie mich gezüchtigt. Mein ganzes Gesicht brannte wie von Peitschenhieben. Und dann, sehn Sie, dann that ich ihr weh. Mit der ganzen Bosheit einer Gezüchtigten!"

Die Hand des Arztes sinkt leise auf ihre Stirn. "Das - darf Sie nicht quälen, Helene; das hätte an Ihrer Stelle jede gethan! Es war nur menschlich. War Notwehr!"

Das Haupt unter seiner Hand bewegt sich langsam hin und her. "Nein, nein! Wenn eine wie ich wehthut, lieber Freund, so ist auch das anders. Ist unmenschlich. Sie hatte mich doch in ihre Seele blicken lassen, nicht wahr? Hatte mir eine offene Wunde gezeigt: ihren heimlich blutenden Stolz. Und gerade in diese Wunde fuhr ich ihr. Ich war damals eben daran, Toilette zu machen. Und so sagte ich denn plötzlich und ganz nebenbei - so, wissen Sie, wie man zu Dienstboten spricht: "Ach, bitte, weil ich Sie schon zur Hand habe . . . und die Zofe noch immer an meinem Kleid herumbessert. Dort stehn meine Schuhe. Helfen Sie mir hinein!" So sagte ich. Aber darum, sehn Sie, glaubt ich durchaus nicht, dass sie es thun werde. Nur wehthun wollt ich ihr damals, bis aufs Blut. Und wenn sie es nicht gethan hätte, sie entlassen. Auf der Stelle. So - gemein war ich."

Der Arzt zuckt die Schultern - gleichsam entschuldigend. "Aber, aber! Das nehmen Sie wieder viel zu schwer! Diese Leute sind noch an ganz andere Zumutungen gewöhnt."

"Möglich," erwidert sie leise. "Aber sehn Sie, diese eine, die hab ich damit doch bis ins Herz getroffen. So etwas spürt man ja. Denn wenn sie es dann auch that - und ohne ein Wort zu sprechen that . . . einen Augenblick wars doch, als stünde etwas Fremdes zwischen uns. Etwas Dunkles, Fürchterliches. Der ganze Hass und die ganze Scham einer misshandelten Seele."

"Einbildung, Helene: nichts als Einbildung!" Ihre Hand krampft sich um seinen Arm, mit einer Kraft, die er ihr nicht mehr zugetraut hätte. "Und wenn -? Ist es nicht entsetzlich genug, dass ich es thun konnte? Ich, die Mutter eines Kindes, das irgendwo in der Welt herumläuft, wie die, der ich weh gethan? Und das von irgend einem entmenschten Weibe gerade so gequält werden kann? Jeden Tag, jede Stunde . . . vielleicht in diesem Augenblick?"

Er reisst sich mit Gewalt los, greift nach seinem Hut. "Nun ists genug! Nicht eine Minute länger bleib ich, wenn Sie sich so quälen! Was denken Sie nur? Ich bin doch Ihr Arzt; hab über Ihre Ruhe zu wachen; soll alles Schädigende fernehalten -."

Aber sie hört ihn nicht mehr. "Mein Kind! Helfen Sie mir wieder zu meinem Kind!" fleht sie händeringend. "Wo wird es sein? Was wird es leiden? Wer wird es quälen? Lebt es noch? Als ich es zum letztenmale sah, war es etwas mehr als zwei Jahre. Da kam ich noch einmal zu der Frau, bei der ich es in Pflege hatte. Schon mit dem perfiden Gedanken, es zu verlassen; jede Spur zu verwischen, damit ich die Gattin dieses - dieses reichen Mannes werden konnte. Seine Eltern waren schon der Komödiantin nicht gut. Doch das focht ihn nicht an. Aber das "Mädchen mit der Vergangenheit -," das sehn Sie, hätte auch ihn gestossen. Diesen - Ehrenmann, der selbst so viele Vergangenheiten auf seinem Gewissen hatte! Nun, was ist da zu sagen? Es war eben ein ganz gemeiner Handel. So einer, wissen Sie, bei dem beide Teile betrügen und betrogen werden!" Und sie lacht - kalt, hart, selbstmörderisch. Wie jemand, der das Laben durchschaut hat und es kennt bis auf die letzte Lüge!

Der Arzt hat längst wieder den Hut beiseite gelegt. Nicht um sie anzuhören, denn wie oft hat sie ihm das schon erzählt. Und sich dabei in Reue und Scham gewunden wie heute. Aber er fürchtet das, was nachkommen kann: den Anfall. Und so legt er seine Hand auf ihr Herz. "Wenn Ihre Sehnsucht nach diesem Kind wirklich so heiss ist, liebe Freundin muss ich Ihnen da erst sagen, dass es Ihre Mutterpflicht ist, sich für dieses Kind zu erhalten? Vielleicht gelingt es mir, es doch noch wiederzufinden und in Ihre Arme zu führen?"

"Ich habe daran verzweifelt!" kommt es dumpf zurück. "Zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich es verlassen habe -."

Er schüttelt das Haupt, erwägend und beruhigend. "Es ist keine zu lange Zeit, Helene! Ein paar findige Detektivs und ein tüchtiger Anwalt, wie der meine, können da trotz alledem das ihre leisten. Und in diskretester Weise! Dr. Braun scheint mir sogar wieder eine Spur zu haben - ."

Die Finger der Kranken graben sich ordentlich in seinen Arm; ihre Augen flackern. "Hat er - hat er?" drängt sie, und auf den eingesunkenen Wangen brennen zwei dunkle hektische Rosen auf. Aber schon im nächsten Augenblick fällt ihr das Haupt auf die Brust. Ihre Hoffnungslosigkeit ist grösser. "Das - dachte er schon ein paarmal!" murmelt sie leise. "Und dann war es doch wieder nichts! Und ich bin schon so müde von all der vergeblichen Sehnsucht -."

Er streichelt zärtlich über ihr Haupt hin. "Immerhin könnte es doch sein, Helene, nicht wahr? Und darum hab ich Dr. Braun erst vorgestern gebeten, mich unverzüglich zu benachrichtigen. Auch von dem kleinsten Resultat. Telegraphisch. Und zu welcher Stunde es immer sein mag. Hoffen wir also weiter!"

Sie schüttelt langsam das Haupt. "Wenn ich nicht selbst alle Spuren verwischt hätte! Und alle Brücken so gut abgebrochen. Dass meine Reue wie eine Verdammte jetzt dasteht. Und nie, nie mehr hinüberkommt! Und von drüben hör ichs weinen und rufen: "Mutter . . . Mutter!" Das ist ja das Fürchterliche, dass mir gerade das so gut gelungen. Wie uns alles Böse und Gemeine gelingt. Zuerst that ichs aus falscher Scham. Kaum, dass das Kind geboren war. Da bestach ich die Hebamme, bei der Taufe einen anderen Mutternamen anzugeben. Sie that es. Und es ging gut. Mit diesem Namen kam mein Kind dann in die Pflege. Aufs Land. Zu armen, aber ehrlichen Leuten, die nicht lange nachforschten, und Menschen und Dinge noch auf Treu und Glauben hinnahmen. Darüber waren zwei Jahre vergangen. Ich hatte inzwischen Carriére gemacht beim Theater. Auch unter falschem Namen. Und dabei diesen - diesen Mann kennen gelernt, den ich nicht mehr loslassen wollte, weil er - weil er reich war. Nur deshalb. Und da galts die Komödie der Tugend zu spielen. Nun, auch das gelang. Und zur selben Zeit starb die Hebamme. Die einzige, die den wahren Namen jenes Kindes wusste und mir - unangenehm werden konnte. Aber ich hatte sie immer gut bezahlt. Und so hat sie thatsächlich geschwiegen. Auch den Pflege-Eltern meines Kindes gegenüber. Das heisst man doch Glück haben, wie?" Und wieder jenes gelle, selbstmörderische Lachen.

"Sie haben mir das alles schon so oft erzählt, Helene!"

Ihre Stimme sinkt zum Geflüster herab. "Ja. Aber noch nicht das Letzte; nicht das Gemeinste! Das that ich, als ich damals zum letztenmale hinausging. Nicht um mein Kind zu sehen, verstehn Sie? Nur um zu erhorchen, ob man mich wirklich für eine - eine andere nahm. Es war ein Sonntag im Mai, als ich hinausfuhr. Die Leute kamen gerade aus dem Nachmittags-Gottesdienste. Mein Kind sass in seinem Bettchen, naschte von dem Zuckerwerk, das ich mitgebracht, guckte mich an, plauschte so vor sich hin. "Ein herzigs Dirndl, net wahr?" meinte die Bäuerin. "Sö wern noch Ihner Freud dran habn. Wanns a so kämma is!" Ich fragte hin und her, tippte da und dort an. Aber die Hebamme hatte geschwiegen. Aus jedem Wort, jeder Miene der ehrlichen Leute konnt ichs erkennen. Darauf zog sich die Bäuerin zurück, um ihren Sonntagsstaat abzulegen. Und so blieb ich allein mit meinem - meinem Kinde. Ich allein wusste, dass es das letztemal war. Und darum wurde ich etwas weicher, als ich werden wollte und durfte. Das Kleinchen sass in seinem Korbwagen aufrecht, bloss im Hemd, und spielte mit seinen rosigen Beinchen. Hob bald das eine an der grossen Zehe empor, bald das andere, und quietschte dabei vor Vergnügen. "Gei - gei - gei!" machte es immer. Die Sonne lag voll auf dem blonden Köpfchen, die Aeuglein strahlten. Und da fühlte ich zum erstenmale, dass ich Mutter sei. Mit einemmale setzte ich den Korbwagen in Bewegung. Man konnte ihn schwingen wie eine Wiege. Die Kleine war entzückt. "Noss einmal!" bat sie. . . . "Noss einmal!" Da fang ich ihr auch ein Wiegenliedchen. Eines, das ich Tags zuvor im Theater gesungen. An dem Bette einer Wachspuppe. Das - war leichter gegangen. Aber jetzt. . . . Etwas brennendes kam mir in die Augen. Und ich wollte doch stark bleiben. So riss ich das Kind an mich. Gab ihm den ersten und letzten Kuss. Dann lief ich hinaus. Auf der Decke des Bettchens hatt ich das Couvert mit den paar tausend Mark liegen gelassen, die mich loskaufen sollten!"

Sie schweigt, sinkt in die Kissen zurück, scheint ruhiger. Aber er glaubt nicht an diese Ruhe. Kann nicht daran glauben. Und so tastet er instinktiv nach ihrem Puls. Merkwürdig! Sie scheint doch noch kräftiger zu sein. "s ist ihm fast wie ein Wunder; aber immerhin knüpft er eine leise Hoffnung daran. Und so legt er seine Hand auf ihre Augen, wie schon so oft. Streicht langsam darüber hin . . . immer wieder - immer wieder. Ein paar Thränen nässen seine Finger. Aber er spricht nicht davon; absichtlich. Ein paar Herzstösse heben ihre Brust. Ein paarmal ists, als wolle sich die Atemnot wieder einstellen. Aber auch das geht vorrüber. Und erschöpft und müde, wie sie ist, schlummert sie plötzlich ein.

Entlastet atmet er auf; wenigstens für einen Tag wieder beruhigt. Dann greift er nach seinem Hut, tastet sich nach der Thüre. Es ist fast schon dunkel in dem Gemach mit seinem schweren, strotzenden Prunk. So dunkel, wie das verborgene Elend darin! Leise drückt er die Klinke nieder. Im Nebenzimmer begegnet ihm die Zofe der Kranken mit einer Lampe. "Geben Sie den blauen Schirm darüber!" mahnt er noch. "Die Gnädige schläft." Sie nickt, gleitet lautlos über den Teppich, huscht dann wieder hinaus. Gleich hinter ihr tritt Fräulein Wilken ein, die Gesellschafterin. "Gerade die!" denkt er. Und fast barsch lässt er sie an. "Was wollen Sie hier?"

Sie schaut ihm gerade ins Gesicht. Mit einem Blick, der seine Frage spöttisch zurückgiebt. Dann zuckt sie die Achsel: "Zur Kranken!"

"Die schläft jetzt!"

"Immerhin muss jemand in der Nähe sein!"

"Wo ist die Wärterin?"

"Im Augenblick beim Abendessen. So trat ich einstweilen an ihre Stelle."

"Ist das - immer so?"

"Die Gnädige selbst hat es so angeordnet!"

Jetzt erst merkt er, dass sie etwas weisses zwischen den Fingern hin und her dreht - einen Brief! Das macht ihm ihre Dienstbeflissenheit noch verdächtiger. So fasst er sie fest ins Auge und sagt kurz: "Dann hab ichs für gut befunden, der Kranken heute jede Lektüre zu untersagen. Selbst die irgend einer - Korrespondenz. Wollen Sie das zur Kenntnis nehmen!"

Ihre Augenlider zucken, ihr Blick flieht den seinen. Sie fühlt das Unausgesprochene; fühlt sich also schuldig. Und so streckt er erst recht die Hand nach jenem Brief. Wer weiss, was sie da wieder der Kranken zuschmuggeln will. Aber sie lächelt bloss. "Er ist ohnedies für Sie!"

Eine Ahnung durchblitzt ihn. "Für mich? Hieher?"

"Doch!" erwidert sie. "Soeben hat ihn ein Kanzlist Ihres Advokaten gebracht. Mit der strikten Weisung ihn sofort zu übergeben. Er war schon bei Ihnen. Und da man ihm sagte, wo Sie seien, kam er eben hieher."

Wie aus weiter Entfernung schlagen ihre Worte an sein Ohr. Denn schon hat er den Brief aufgerissen. Mit einem Ruck. Ein Schreiben seines Rechtsfreundes fällt ihm zuerst in die Hand. In fliegender Hast gehen seine Blicke über die Zeilen. Dann zuckt er plötzlich zusammen. Seine Hände beginnen zu zittern. In sein Antlitz tritt ein starrer, fremder Ausdruck, wie das Staunen über etwas Unfassbares. Mit bebenden Fingern greift er nach der Beilage des Briefes - der Depesche eines Detektivs. Aber sie hat den gleichen Inhalt. Also träumt er nicht! Wirklich? Wie ein Schwindelnder greift er nach seiner Stirne. Dann fährt er mit einem Ruck herum. Ist es denn - möglich?

Vor ihm an der Wand zeichnet sich die Silhouette des jungen Mädchens ab. Ueber irgend eine Handarbeit gebeugt, sitzt sie da - kalt, gleichgiltig - eine Fremde. Und sie braucht doch nur die Hand auszustrecken, um mit diesem Brief ihr ganzes Schicksal zu umfassen. Ein einziges Wort nur, und sie weiss, dass sie im Nebenzimmer eine sterbende - Mutter hat. Wahrhaftig! Wenn ihr Schatten aus der Wand träte und ihm sagte: "Ich bin es!" Er könnte es leichter glauben. Aber die Beweiskette ist geschlossen. Kein Glied fehlt. Und so war das Leben auch hier nicht anders, als es immer und überall ist: brutal und wunderbar zugleich. Nur noch zu reden hat er. Langsam geht sein Blick über ihr Antlitz hin; gleichsam suchend. Er hat ja ihre Mutter geliebt - liebt sie noch! Wie seltsam, dass er in diesen Zügen nicht einen - aber auch nicht einen der geliebten wiederfindet. Doch - da! Um die Lippen - so jung sie auch noch sind: derselbe traurigwissende Zug vom Leben.

Die Armut ist
Ein Abgrund, der das Leid verschlingen muss,
Um es als Sünde wieder zu gebären -

Irgendwo hat er das gelesen. Und so fällt es ihm plötzlich ein. Aber damit fasst er auch den ganzen Unterschied zwischen Mutter und Tochter. Denn in dieser Seele ist die Armut - Armut geblieben. Stolz, herb, abweisend. Und hat sie eine Sünde geboren, so ist es die keuscheste: der Hass. Derselbe, der die eigene Mutter bis auf den Tod verwundet. Ohne es zu ahnen - ohne es zu wollen. Und die eigene Mutter hat zurückgeschlagen. . . .

Sie scheint seine Blicke zu fühlen. Denn plötzlich hebt sie die Augen von der Arbeit. "Herr Doktor wünschen?"

Er fährt sich ein paarmal durch die Haare, beginnt auf und ab zu gehen. "Möchten Sie mir nicht gestatten, ein paar Fragen an Sie zu stellen?"

Der warme Ton seiner Stimme scheint sie misstrauisch zu machen. "Bitte!" erwidert sie höflich. Aber zugleich erhebt sie sich. Natürlich! Er ist ein Mann, und sie ein junges, aber armes Mädchen. So erzählt selbst diese Fluchtbewegung eine ganze Leidensgeschichte von Erniedrigungen. "Armes Wild," denkt er, "hinter dem immer irgend eine Gemeinheit her war." Und darum bleibt er stehen; tritt ihr um keinen Schritt näher. Sie soll fühlen, dass er etwas anderes will. "Ich würde Sie nicht bemühen," hebt er wieder an, "wenn es nicht in Ihrem eigenen Interesse läge."

Der herbe Zug um ihre Lippen wird tiefer; dann zieht sie langsam die Schultern hoch. "O, bitte. . . . Auch wenn es anders wäre. . . . Dazu bin ich ja da!"

"Um die Leute zu unterhalten, meinen Sie?"

Sie nickt. "In drei Sprachen, ja wohl! Wie es in meinem Zeugnis steht!"

Ein unendliches Mitgefühl schleicht ihm an die Seele. Wie er sie so dastehen sieht: auf den jugendlichen Schultern schon die ganze Schwere des Lebens - auf den blühenden Lippen die herben Worte seiner Tragik - mitten in dem warmen Nest des Reichtums, der sie auch um das Letzte betrogen: um das Herz einer Mutter. Da drinnen freilich verblutet jetzt dieses Herz. Also muss er endlich reden. Langsam lässt er sich nieder; greift nach dem Brief und der Depesche; fühlt beide ordentlich schwer werden in seiner Haud. Fast so schwer, als ihm die Worte kommen. "Ihr Name ist - Wilken?" fragt er endlich. "Nicht wahr? Aber bitte nehmen Sie doch Platz!"

Sie stutzt, blickt ihn befremdet an; "Herr Doktor kennen mich doch schon seit einem Jahre!" kommt es endlich schroff zurück. Er flüchtet seine Blicke in den Brief. Um gar nichts in der Welt möchte er jetzt in ihr Antlitz sehen - jetzt, wo auch er ihr weh thun muss. "Unter diesem Namen allerdings!" erwidert er nach einer Pause. Leise, schonend. Als spräche er auch jetzt zu einer schwer Kranken.

Er hört, wie sie auffährt; fühlt, dass sie etwas sagen will; spürt ordentlich die Röte, die jetzt auf ihren Wangen brennt. Aber er darf nicht einhalten. Und so setzt er rasch hinzu: "Ich meine den Namen Ihrer Adoptiv-Eltern!"

Ein hässliches Lachen klingt zu ihm herüber. "Die gnädige Frau hat Ihnen also schon gesagt, dass ich - dass ich so ein Kind bin?" Es ist wie etwas Greifbares in diesem "so"; wie eine Geberde, mit der sich jemand selbst wegwirft.

"Sie irren! Wenigstens -

"Aber, Herr Doktor! Ich hab doch nur ihr - davon gesprochen! Und gleich im nächsten Augenblick zu fühlen bekommen, wie übel angebracht mein Vertrauen war. Als wär etwas Unreines in ihre Nähe gekommen. . . . Das - spürt man doch!"

"Und wenn ich dies alles diesem Briefe entnommen hätte?" fragt er mit einem vollen, plötzlichen Blick. "Und mehr wüsste, als Sie jemals jemandem anvertraut. Die ganze Tragödie Ihrer Kindheit? Wenn ich Ihnen den falschen Namen nennen könnte, unter dem sich eine unglückliche Mutter ihren Pflichten entzogen, und den der ehrlichen Bauersleute, die leider zu früh für Sie gestorben sind? Wenn ich in der Lage wäre, Schritt für Schritt Ihre Lebensreise zurückzumachen - bis zu dem Tage, an dem sich das Abenteurerpaar Wilken Ihrer angenommen? Und Ihnen seinen Namen gegeben? Scheinbar aus Mitleid; in Wahrheit aber doch nur der armseligen Summe zuliebe, die Ihnen Ihre Mutter in die Wiege gelegt?"

Ihre Rechte greift nach dem Briefe, fährt aber im Augenblick wieder zurück. Er ist ja nicht ihr Eigentum. Da legt er ihn selbst in ihre Hände. "Lesen Sie!" Langsam gleiten ihre Blicke über die Zeilen. Ein paarmal zuckt es bitter um ihre Mundwinkel: einmal ists, als ränge sich ein wunder Laut aus ihrer Brust. Es ist ja ihr Weg, den sie da in Gedanken noch einmal geht, mit den armen blossen Füssen einer einsamen Seele. Da spürt sie auch seine Dornen noch einmal. . . . Das Papier zwischen ihren Fingern knistert - sie blickt auf; kalt, hart. Dann kriecht sie zu einer halb höhnischen, halb unterwürfigen Verbeugung zusammen: "Sie sind bestens informiert. Meine Gnädige weiss jetzt jedenfalls, dass ich nicht in ihr Haus tauge!"

Mit einem Schritt steht er vor ihr. "Und Sie glauben wirklich, dass dies - dass dies bloss deshalb geschehen?"

Ihr Auge flackert auf. Der ganze dumpfe Hass einer Zertretenen züngelt aus ihrem Blick: "Weshalb sonst? Die Nächstenliebe ist mir bis jetzt immer nur auf diesem Wege begegnet."

Da fasst er nach ihrer Hand. "Und wenn es diesmal die - Mutterliebe wäre?"

Ihre Arme fallen herab, wie ein Ruck geht es durch ihren Leib. "Wo?" haucht sie nur. Heiser, mit einer Stimme, die nicht die ihre zu sein scheint.

"Wo?" Er wendet sich langsam gegen die Thüre der Krankenstube. Und mit einer Geberde, die um Verzeihung und Schonung zugleich fleht, spricht er leise: "Dort!"

Sie steht regungslos, schweigt. Selbst ihr Gesicht scheint zu erstarren. Ihr Blick ist tot. Nach Innen gekehrt ihre ganze Seele. Und er ahnt den Kampf, der jetzt diese Seele durchtoben muss; und dass sie Schritt für Schritt ihr Leben zurückgeht, und jede seiner Bitterkeiten noch einmal durchkostet, jeden Peitschenhieb aufs neue empfängt. Er fühlt, dass sie jetzt Gericht hält. Aber er hofft, dass irgendwo in einem letzten Heiligtum ihrer Seele auch noch die Liebe sitzt und die Arme ausstreckt, hilflos, wie ein heimlich weinendes Kind.

Endlich atmet sie auf - lang, tief, wie eine Erwachende. Aber er wartet umsonst auf eine Thräne, umsonst auf einen einzigen Strahl des Glückes in diesen Augen. Langsam gleitet ihr Blick durch das prächtige Gemach; hart, feindselig, als spüre sie jeder Stunde nach, die hier in Schönheit und Freude vorüberging, während sie darben musste, und leiden, und - vergessen wurde. Sie hat alles begriffen, er sieht es. Aber ihre Miene sagt ihm, dass sie auch nichts verziehen hat.

"Dann - kann ich also gehen?" fragt sie endlich. Es ist ein Ton in ihrer Stimme, der ihn ordentlich aufs Herz schlägt. "Wohin?" murmelt er fassungslos.

"Nun, von wo ich hergekommen: unter die Leute!"

"Jetzt? In diesem Augenblick? Wo sie zehn Schritte weiter eine sterbende Mutter liegen haben? Die in Sehnsucht die Arme nach Ihnen ringt?"

Sie lässt den Blick an ihm hinabgehen, lächelt. "Dazu hat sie zwanzig Jahre Zeit gehabt!"

"Wagen Sie es, Ihre eigene Mutter zu verurteilen?"

Ihr Auge blitzt ihn an. Dann richtet sie sich auf: Hoch, schlank, wie geschmiedet durch all die Lieblosigkeit, die sie erfahren. "Dass ich es kann, verdank ich meiner - Mutter!"

"Und was die Kranke um Sie gelitten, rührt Sie nicht? Dass Sie wie durch ein Wunder gerade in dieses Haus kamen, giebt Ihnen nicht zu denken?"

"Wunder?" lacht sie bitter. "Sie ist eine reiche Frau, die eine Gesellschafterin nötig hatte, ich bin ein armer Teufel, der eine Gesellschafterin machen muss. Das war doch der natürlichste Weg in - dieses Haus! Sie konnte mich ja bezahlen!"

"Gut! Aber dass diese reiche Frau gerade Ihre Mutter ist?"

Sie zuckt die Schultern. "Wenn diese Mutter nicht zufällig krank und durch ihre Krankheit schwach geworden wäre, hätten wir noch jahrelang neben einander hergehen können. Sie hätte mich weiter gequält - ich hätte ihr weiter gedient; und - sie stockt. Aber ein verstohlenes Lächeln kriecht um ihre Lippen; bitter wie die letzte, fürchterlichste Anklage.

"Und -?" wiederholt er. "Was hätte noch geschehen können?"

Sie gräbt die Zähne in die Lippe, schweigt. Da ergreift er ihre Hand. "Warum schweigen Sie? Wenn es Ihnen das Herz erleichtert . . . mir können Sie ja alles sagen!"

Ihre Lippen zucken; eine tiefe Röte steigt ihr ins Antlitz. Dann kommt es, mehr gehaucht, als gesprochen: "Ihr Mann hätte mich ja auch noch - verführen können!"

Er will etwas sagen; bringt aber keinen Laut hervor.

"Sehn Sie," nickt sie müde. "Das alles lag auf demselben Weg. Und um an Wunder zu glauben - dazu müsst ich erst an eine Liebe glauben!"

"Und das konnten Sie nie?" fragt er leise.

Ihre Hand weist nach dem Zimmer der Kranken. "Fragen Sie die drinnen, warum ich es nicht kann."

"Dann freilich kann ich Sie auch nicht bestimmen, jetzt Liebe zu geben."

"Es wäre auch ganz umsonst!" kommt es schroff zurück. "Ich kann nicht verzeihen!"

Und er glaubt es ihr, wie sie so dasteht, eine herbe Menschenknospe, die der Frost des Lebens so hart gestreift, dass sie sich vielleicht nie mehr zur Blüte öffnen kann. Da kommt ihm ein letzter Gedanke: "Immerhin haben Sie hier eine Pflicht übernommen!" spricht er mahnend.

Ihr Auge blitzt ihn an, stolz, abweisend. "Daran, Herr Doktor, hat mich nie jemand erinnern müssen!"

"Dann wollen Sie also noch bleiben?" fragt er hastig.

Sie zögert einen Augenblick. Dann nickt sie: fest, bestimmt, wie jemand, der seiner für alle Fälle sicher ist. "So lang die Kranke nicht weiss, wer ich bin - warum nicht?"

"Nur so lange, ich versprech es Ihnen!" erwidert er. Und dann, mit einem ernsten Blick: "Sie werden nicht zu lange bleiben müssen!" Aber sie steht unbewegt, undurchdringlich. In all die dunklen Schleier gehüllt, die das Leben über ihre Seele geworfen. Und so reicht er ihr endlich die Hand zum Abschied. "Für heute glaub ich zwar jede Gefahr vorüber. Aber wenn sie mich brauchen sollte -

"Ich werde nichts versäumen, Herr Doktor!" Sein Blick geht von ihr zur Thür der Kranken, von dort wieder nach ihr zurück. Ein so kurzer Weg - kaum ein Schritt für die Liebe! Sollte ihn wirklich nur die Pflicht gehen? Und wieder denkt er: das ganze Leben! Brutal und wunderbar zugleich! Dann schreitet er schweigend hinaus. Sie ist allein. . . .

Das Haupt in die Hand gestützt, brütet sie eine Weile vor sich hin. Dumpf, regungslos, einen gespannten Ausdruck im Antlitz, wie jemand, der sich bemüht, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Die dunklen Brauen schieben sich zusammen, die schmalen Lippen öffnen sich. . . . "Mutter - Mutter?" spricht sie vor sich hin. Leise, gleichsam tastend. Und ihre Seele scheint nachzuhorchen, wie auf ein Echo, das von irgendwoher kommen müsste. Aber zugleich schüttelt sie das Haupt. Sie würde nie den rechten Klang dafür finden. Dieses Wort muss man früh aussprechen lernen - unter weichen Händen und warmen Küssen - oder, man lernt es nie mehr! Sie erhebt sich, legt die Hand an die Stirne, geht ein paarmal auf und ab. Immerhin ist eine seltsame Unruhe über sie gekommen. Etwas Dumpfes, Dunkles; eine rätselhafte Neugierde, die sie gerade jetzt in die Nähe der Kranken zwingt. Leise schleicht sie an die Thür, horcht einen Augenblick, dann drückt sie langsam die Klinke nieder. Im Zimmer ist alles still. Wie sie auch horcht - nichts zu hören, als der gedämpfte Schlag der Pendule und die unregelmässigen, aber tiefen Atemzüge der Kranken. Also schläft sie noch immer. "Merkwürdig!" denkt die Lauschende unwillkürlich. Denn sie weiss ja, dass gerade die Stunden der Nacht sonst die unruhigsten sind. Aber sie denkt nicht weiter nach darüber. Sie muss nur immer hinschauen. Will es nicht - und muss doch. Warum? fragt sie sich unwillkürlich. Denn sie kennt es ja so genau, dieses Antlitz. Hat ein ganzes Jahr Zeit gehabt, es zu belauern; in guten und in bösen Stunden. Und hat es auch gethan. Mit heimlichem Neid oder kaum verhehlter Schadenlust, je nachdem Freude oder Schmerz sich darin gespiegelt. Aber immer mit dem Detektivblick des Unglücklichen, dem nichts entgeht. Jede Falte glaubte sie darin zu kennen . . . und nun steht sie da. . . . Ihr Herz ist ruhig, ganz ruhig, sie fühlt es. Aber warum muss sie so hinschauen? "Das ist also meine Mutter?" denkt sie. "Das!"

Und wieder kommt es über sie . . . dunkel, geheimnisvoll. Etwas, das keine Sehnsucht ist, und doch mehr, als Neugierde - ein tiefes, ungeheures Staunen, das ihr den Atem verschlägt und sie weiterdrängt, ob sie will oder nicht. Noch einen Schritt, und noch einen - und nun den letzten, bis sie knapp vor der Schlafenden steht. "Warum nicht?" Sie fühlt ja trotz allem, dass sie stark ist; dass sie nicht verzeihen kann, nie verzeihen wird, und ganz gewiss nicht bleiben. Freilich, dass sie ihre Mutter gesehen - wenigstens einmal gesehen, das würde sie nun durchs Leben begleiten wie ein Spuk. Ueberallhin; überallhin! Unter die Leute, in die Einsamkeit ihrer wenigen Erholungsstunden, bis in die Träume. Das würde sie nie mehr loskriegen; das hat sie nun einmal erlebt.

Und plötzlich kommt ein seltsames Gefühl über sie. Sie merkt, dass sie etwas verloren hat: ein Stück Freiheit, und damit auch ein Stück Kraft. Und sie möchte sich wehren, aber sie kann es nicht mehr. Als hätte sie jemand irgendwo mit einer unsichtbaren Kette gefesselt und zerrte damit ihre Gedanken, ihre Gefühle, jeden Schlag ihres Herzens nach dieser Richtung. Bis jetzt wusste sie nur, dass sie eben auch eine Mutter hatte wie alle anderen Menschen. Jetzt steht sie vor dem Weib, das sie geboren . . . sieht den Leib, der sie getragen; fühlt mit den Atemzügen der Kranken einen Rest der geheimnisvollen Lebenskraft herüberwehen, von der auch sie ein Teil ist und immer bleiben wird; unweigerlich, unwiderruflich! Und es geht wie ein Schauer an ihr nieder. Am liebsten möchte sie jetzt fort. Weit, weit . . . aber ihre Füsse sind wie von Blei. Kaum dass sie noch die Kraft aufbringt, in den nächsten Stuhl zu sinken. Sie merkt gar nicht, dass es ein Schaukelstuhl ist; fühlt nur, wie weich und wohlig er ihren Körper umfängt; ihn gleichsam aufnimmt, mit seiner ganzen hilflosen Starrheit. Und plötzlich kommt es wie ein dumpfes Glücksgefühl über sie. Sie weiss nicht, warum, sie ahnt nicht, woher. Sie fühlt nur, dass ihr schon einmal so war, wie jetzt: so dämmerig, wohl und warm; so sicher und gehegt; so selig aufgelöst und leicht alles an ihr. . . Aber wann? Aber wo? Auf und nieder geht es; auf und nieder . . . und wie aus weiter, weiter Ferne kommt ein Lied gezogen. Eine schöne Frau beugt sich über sie - streift mit ihrem Atem ihr Antlitz, schaut sie an - so seltsam weich und tief. Von der wird das wohl alles kommen, was sie da empfindet? Dieser ganze Strom von Wärme und Wohligkeit, der so geheimnisvoll in sie hinüberflutet. . . . ? Diese Nähe, die sie wie ein Tier in sich aufnimmt, dumpf, triebhaft, aber, o - wie selig!

Da fährt sie auf, mit einem Ruck; setzt sich gerade. Ja, hat sie denn geträumt?

Träumt sie noch? Das Lied ist verklungen, die Schaukel unter ihr steht still. Aber die Kranke ist erwacht und starrt zu ihr herüber: ein seliges Lächeln auf den Lippen, in den Augen einen Glanz, der nicht mehr von dieser Welt scheint. Und plötzlich weiss sie, wer das damals war, wie sie fühlt, aus ganzer Seele endlich fühlt, wer es ist.

Erst eine müde Bewegung der blassen Hände dort bringt sie zu sich. Sie merkt, dass die Kranke um sich tastet; errät, was sie will. Mit einem Schritt steht sie vor ihr. Dann reicht sie ihr den goldenen Handspiegel: zart, vorsichtig, so ganz anders als sonst. Und es ist, als hätte die Kranke es gefühlt. Scheu und dankbar, fast demütig blickt sie empor. Dann schiesst ein blasses Rot in ihre Wangen. "Halten Sie mich - nicht für - eitel, Fräulein -," spricht sie mühsam. "Aber ich hab eben so selig geträumt . . . da möcht ich wissen . . . ob ich auch noch die Kraft habe, das zu erleben - wovon mir geträumt." Und sie starrt in den Spiegel . . . lang, tief. Mit einer Sehnsucht, dass es wie ein Föhn über die starre Seele des Mädchens hingeht, und ihre Hände zu zittern beginnen, und mit ihnen der Spiegel, den sie halten. Soll sie sprechen und sich zu erkennen geben? Jetzt sogleich? Es ist wie ein Sturm in ihr, und dieser Sturm ist ein einziges Wort, dasselbe, das sie niemals sprechen zu können glaubte.

Da sinkt das Haupt der Kranken plötzlich zur Seite. Ihr Antlitz wird fahl. Ein bläulicher Hauch färbt ihre Lippen; die Hände fahren ins Leere; krampfhaft . . . ein letzter Schrei - ein letzter Blick. . . .

Langsam gleitet der Spiegel über die Bettdecke. Immer rascher - immer tiefer - bis ihn der Tod auf dem Boden zertritt. . . .

"Mutter!!"



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