Literatur:Hildebrandslied - Anonym

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Hildebrandslied ·

Anonym (Autor) · 770 ()

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ISBN/ISBN13:/ · ISSN:
Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Anonym: Hildebrandslied . In: eLib.at (Hrg.), 19. Januar 2019. URL: http://elib.at/
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 · Lyrik · Heldengesang ·
Germanistik · Geschichte · Dietrich von Bern · Hildebrand · Langzeile
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Volltext


Hildebrandslied


Anonymus um 770 / 780.

Das Hildebrandslied ist eines der frühesten Textzeugnisse in deutscher Sprache. Das überkommene Fragment wird in der Murhardschen Bibliothek in Kassel aufbewahrt; es ist als eine Abschrift des 9. Jahrhunderts (810-820 oder 4. Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts) in einem Kodex aus der 2. Hälfte des 8. Jahrhunderts tradiert.

Das Hildebrandslied ist das einzige überlieferte Beispiel für den altdeutschen Heldengesang. Dargestellt ist eine Episode aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern, eine Zweikampf-Situation zwischen Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand; da der Schluss verloren ist, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob das Ende tragisch gestaltet war.

Das Stabreimgedicht besteht aus stark rhythmisierten Langzeilen, von denen 68 erhalten sind.


Volltext Althochdeutsch

Ik gihorta dat seggen,
ðat sih urhettun ænon muotin,
Hiltibrant enti Haðubrant untar heriun tuem.
sunufatarungo iro saro rihtun,
5
garutun sê iro guðhamun, gurtun sih iro suert ana,
helidos, ubar hringa do sie to dero hiltiu ritun.
Hiltibrant gimahalta, Heribrantes sunu, - her uuas heroro man,
ferahes frotoro - her fragen gistuont
fohem uuortum, hwer sin fater wari
10
fireo in folche, . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . «eddo hwelihhes cnuosles du sis.
ibu du mi enan sages, ik mi de odre uuet,
chind in chunincriche. chud ist mi al irmindeot.»
Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu:
15
«dat sagetun mi usere liuti,
alte anti frote, dea érhina warun,
dat Hiltibrant hætti min fater: ih heittu Hadubrant.
forn her ostar giweit, floh her Otachres nid,
hina miti Theotrihhe enti sinero degano filu.
20
her furlaet in lante luttila sitten,
prut in bure barn unwahsan,
arbeo laosa. her raet ostar hina.
des sid Detrihhe darba gistuontun
fateres mines: dat uuas so friuntlaos man.
25
her was Otachre ummet tirri,
degano dechisto miti Deotrichhe.
her was eo folches at ente: imo was eo fehta ti leop.
chud was her chonnem mannum.
ni waniu ih iu lib habbe.» -
30
«wettu irmingot», quad Hiltibrant obana ab heuane,
dat du neo dana halt mit sus sippan man
dinc ni gileitos!»
want her do ar arme wuntane bauga,
cheisuringu gitan, so imo se der chuning gap,
35
Huneo truhtin: «dat ih dir it nu bi huldi gibu.»
Hadubrant gimahalta, Hiltibrantes sunu:
«mit geru scal man geba infahan,
ort widar orte.
du bist dir, alter Hun, ummet spaher;
40
spenis mih mit dinem wortun, wili mih dinu speru werpan.
pist also gialtet man, so du ewin inwit fortos.
dat sagetun mi seolidante
westar ubar wentilseo, dat inan wic furnam:
tot ist Hiltibrant, Heribrantes suno.»
45
Hiltibrant gimahalta, Heribrantes suno:
«wela gisihu ih in dinem hrustim,
dat du habes heme herron goten,
dat du noh bi desemo riche reccheo ni wurti. -
welaga nu, waltant got», quad Hiltibrant, «wewurt skihit!
50
ih wallota sumaro enti wintro sehstic ur lante,
dar man mih eo scerita in folc sceotantero.
so man mir at burc enigeru banun ni gifasta.
nu scal mih suasat chind suertu hauwan,
breton mit sinu billiu, - eddo ih imo ti banin werdan.
55
doh maht du nu aodlihho, ibu dir din ellen taoc,
in sus heremo man hrusti giwinnan,
rauba birahanen, ibu du dar enic reht habes.» -
«der si doh nu argosto», quad Hiltibrant, «ostarliuto,
der dir nu wiges warne, nu dih es so wel lustit,
60
gudea gimeinun: niuse de motti
hwerdar sih hiutu dero hregilo rumen muotti,
erdo desero brunnono bedero uualtan!»
do lettun se ærist asckim scritan,
scarpen scurim, dat in dem sciltim stont.
65
do stoptun to samane staimbort chludun,
heuwun harmlicco huitte scilti,
unti im iro lintun luttila wurtun,
giwigan miti wabnum . . . . . . . . . . .


Volltext Neuhochdeutsch

1. Ich hörte das Sagen,
2. daß sich Herausforderer einzeln abmühten:
3. Hildebrand und Hadubrand zwischen zwei Heeren.
4. Sohn und Vater bereiteten ihre Rüstung,
5. richteten ihre Kampfgewänder, gürteten sich ihre Schwerter um,
6. die Helden, über die Rüstung, als sie zu dem Kampf ritten.
7. Hildebrand sagte, Heribrands Sohn, er war der ältere Mann,
8. des Lebens erfahrener, er begann zu fragen,
9. mit wenigen Worten, wer sein Vater gewesen sei
10. unter den Menschen im Volke...
11. "...oder aus welchem Volke du bist
12. wenn Du mir einen nennst, kenne ich die anderen
13. Menschen im Reich, bekannt ist mir die ganze Menschheit".
14. Hadubrand sagte, Hildebrands Sohn:
15. "Das sagten mir unsere Leute,
16. alte und weise, die früher schon da lebten,
17. daß Hildebrand mein Vater heiße, ich heiße Hadubrand.
18. Vormals ist er nach Osten geritten, er floh den Zorn Odoakers,
19. dorthin mit Dietrich und vielen seiner Kämpfer.
20. Er ließ im Lande arm zurück
21. die Frau in der Hütte und den unerwachsenen Sohn
22. erblos: Er ritt nach Osten hin.
23. Deswegen erlitt seither Dietrich die Abwesenheit
24. meines Vaters: Der war ein so freundloser Mann.
25. Er zürnte Odoaker unmäßig,
26. der liebste der Kämpfer Dietrichs.
27. Er war immer an der Spitze des Heeres, ihm war immer der Kampf zu lieb,
28. Bekannt war er...den Tapfersten.
29. Ich glaube nicht, daß er noch lebt..."
30. "Weißt Du Gott", sprach Hildebrand, "oben vom Himmel,
31. daß du niemals solchermaßen verwandte Männer
32. in eine Angelegenheit hast geraten lassen!"
33. Er wand sich dann von den Armen gewundene Ringe ab,
34. aus kaiserlichem Gold gemacht, wie sie ihm der König gab,
35. der Herrscher der Hunnen. "Das gebe ich dir nun aus Freundschaft!"
36. Hadubrant, Hildebrands Sohn, sagte:
37. "Mit dem Speer soll man Geschenke annehmen,
38. Spitze gegen Spitze!
39. Du dünkst dich, alter Hunne, unmäßig schlau.
40. Verlockst mich mit deinen Worten, willst deinen Speer nach mir werfen.
41. Du bist ein so alter Mann, wie du ewig Betrug im Sinn hast.
42. Das sagten mir Seeleute,
43. westlich über dem Ozean, daß ihn ein Kampf hinnahm:
44. Tot ist Hildebrand, Heribrands Sohn!"
45. Hildebrand, Heribrands Sohn, sagte:
46. "Wohl sehe ich an deiner Rüstung,
47. daß du daheim einen guten Herrn hast,
48. daß du in diesem Reich noch nie vertrieben wurdest.
49. Wohlan, nun walte Gott, sagte Hildebrand, Unheil geschieht:
50. Ich wanderte 60 Sommer und Winter außer Landes;
51. wo man mich immer in das Heer der Kämpfer einordnete.
52. Wenn man mir an jedweder Burg den Tod nicht beibringen konnte:
53. Nun soll mich das eigene Kind mit dem Schwerte schlagen,
54. niederschmettern mit der Klinge, oder aber ich werde ihm zum Töter.
55. Du kannst wohl leicht -wenn deine Kraft (dir) ausreicht-
56. von einem so alten Mann eine Rüstung gewinnen,
57. Beute rauben, wenn Du da irgendein Recht hast.
58. Der sei doch nun der feigste, sagte Hildebrand, von den Ostleuten,
59. der dir nun den Kampf verweigerte, wo es dich doch so sehr gelüstet,
60. nach gemeinsamem Kampf; (nun) versuche wer mag,
61. wer von beiden heute das Gewand lassen muß
62. und dieser Brünnen beider walten (wird)."
63. Dann ließen sie zuerst die Eschenlanzen bersten
64. in scharfem Kampf, daß sie in den Schilden steckten.
65. Da ritten sie gegeneinander, spalteten farbige Schilde,
66. schlugen gefährlich auf weiße Schilde,
67. bis ihnen ihre Lindenschilde zu Bruch gingen,
68. zerstört von den Waffen...


Handschriftenbeschreibung

Der einzige erhaltene Textzeuge des Hildebrandslieds wird in der Murhardschen Bibliothek in Kassel unter der Signatur 2° Ms. theol. 54 aufbewahrt.

Der Text des Hildebrandsliedes befindet sich auf den Seiten 1r und 76v einer frühmittelalterlichen Pergament-Handschrift, also auf der Vorderseite des Blattes 1 und der Rückseite des Blattes 76. Bei diesen Seiten handelt es sich um die ursprünglich leer gebliebenen Außenseiten des Kodex.

Der Hauptteil des Kodex wurde wahrscheinlich um 830 im Kloster Fulda eher gedankenlos von einer Vorlage abgeschrieben und enthält die in lateinischer Sprache verfassten biblischen Texte Sapientia Salomonis und Jesus Sirach. Das althochdeutsche Hildebrandslied ist offensichtlich ein nachträglicher Eintrag etwa des 4. Jahrzehnts des 9. Jahrhunderts. Die Aufzeichnung bricht ab, weil der Platz auf dem letzten Blatt nicht ausreichte. Oft dachte man in der Forschung an eine Schreibübung, weil die Zeilen auch sehr unterschiedlich ausgeschrieben sind. Der Anlass für die Niederschrift könnte in folgender Tatsache liegen: Das Kloster Fulda erhält in den 40er Jahren des 9. Jahrhunderts Reliquien des Heiligen Quirinus, die aus Ungarn nach Fulda kommen und geographisch wie auch lebenszeitlich an die Zeit der Völkerwanderung erinnern und so vielleicht bei den Schreibern - es handelt sich wohl um zwei - diesen Text wachrufen.

Das Lied wurde von unbekannten Fuldaer Mönchen in althochdeutscher Sprache, jedoch in einer eigentümlichen altsächsisch-bairischen Mischsprache und mit angelsächsischen Schreib-Besonderheiten (w-Rune), aufgezeichnet. Das Stabreimgedicht (Hiltibrant enti Hadubrant untar heriun tuem) besteht aus Langversen, von denen nur 68 erhalten sind. Die eigentümliche Mischung aus ober- und niederdeutschem Dialekt erklärt sich so, daß der hochdeutsche Schreiber jener Vorlage das niederdeutsche Lied nur ungeschickt wiedergeben konnte.

Eine erste wissenschaftliche Edition des Hildebrandliedes veröffentlichten die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm im Jahr 1812.


Die Handschrift befand sich als Kriegsbeute nach 1945 zeitweilig in den USA, wo unkundige Antiquare eines der beiden Blätter abtrennten. Es konnte erst 1972 wieder mit dem Codex vereinigt werden.


Inhalt

Das Hildebrandslied ist das einzige so früh aus dem süddeutschen Sprachraum überlieferte Heldenlied. Geschildert wird eine Episode aus dem Sagenkreis um Dietrich von Bern. Hildebrand hat Frau und Kind verlassen und ist als Waffenmeister mit Dietrich gezogen. Nun kehrt er nach 30 Jahren heim. An der Grenze stellt sich ihm ein junger Krieger mit seinem Gefolge entgegen. Hildebrand fragt: wer sin fater wari (wer sein Vater wäre). So erfährt er, dass dieser Mann, Hadubrand, sein Sohn ist, Hadubrand weist seine goldenen Armringe zurück und meint er sei ein listiger alter Hunne, denn Seefahrer hätten ihm berichtet, dass sein Vater tot sei (tot is hiltibrant). Um seiner Ehre willen muss der Vater die Herausforderung annehmen - beide stehen zwischen ihren Heeren! - und klagt so über sein furchtbares Schicksal.

Es handelt sich also um eine Zweikampf-Situation zwischen Hildebrand und seinem Sohn Hadubrand. Da der Schluss des Textes verloren ist, kann nicht mit letzter Sicherheit gesagt werden, ob das Ende tragisch gestaltet war. Man kann aber davon ausgehen. Sicher scheint auch, dass der Vater seinen Sohn erschlagen hat - Zeugnis gibt "Hildebrands Sterbelied" in der nordischen Überlieferung der Edda. Im deutschen "Jüngeren Hildebrandslied" siegt auch der Vater. Insgesamt ist die Tragik sicher auch die größere, wenn der Vater seinen Sohn erschlagen hat - er löscht damit seine Familie aus. Eine spätere Variante (entstanden zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert) bietet allerdings eine versöhnliche Variante an: Mitten im Kampf wenden sich die Streitenden voneinander ab, der Sohn erkennt den Vater und sie schließen sich in die Arme. Diese Version endet mit einem Kuss des Vaters auf die Stirn des Sohnes und den Worten: "Gott sei Dank, wir sind beide gesund."

Zeitlich dürfte die Handlung im 5. Jahrhundert einzuordnen sein, als Odoaker gegen den Ostgotenkönig Theoderich den Großen kämpfte. In der germanischen Sage wurde Theoderich dann Dietrich von Bern genannt. Odoaker war Germane (Skire oder Rugier) und hatte im Jahre 476 den letzten weströmischen Kaiser Romulus Augustulus abgesetzt; daraufhin riefen ihn seine Truppen zum König Italiens (rex Italiae) aus.


Literatur

Faksimile

  • Hanns Fischer: Schrifttafeln zum althochdeutschen Lesebuch, Tübingen 1966 ISBN 3484100087
  • Präsident der Universität Kassel (Hrsg.): Das Hildebrandlied – Faksimile der Kasseler Handschrift mit einer Einführung von Hartmut Broszinski. 3. überarb. Auflage, kassel university press, Kassel 2004, ISBN 3-89958-008-7

Ausgaben

  • Elias von Steinmeyer: Die kleineren althochdeutschen Sprachdenkmäler, Berlin 1916
  • Wilhelm Braune, Ernst A. Ebbinghaus: Althochdeutsches Lesebuch, 17. Auflage, Tübingen 1994 ISBN 3484107081
  • Horst Dieter Schlosser: Althochdeutsche Literatur, 2. Auflage, Berlin 2004 ISBN 3503079033

Übersetzungen

  • Walter Haug u. Benedikt Konrad Vollmann (Hrsg.): Bibliothek des Mittelalters. Band 1. Frühe deutsche Literatur und lateinische Literatur in Deutschland 800-1150, Deutscher Klassiker Verlag, Frankfurt am Main, 1991, ISBN 3618660154
  • Siegfried Gutenbrunner: Von Hildebrand und Hadubrand. Lied, Sage, Mythos, Heidelberg 1976, ISBN 3825323625
  • Althochdeutsche poetische Texte. Althochdeutsch/Neuhochdeutsch, ausgewählt, übersetzt und kommentiert von Karl A. Wipf (=Reclams Universal-Bibliothek Band 8709), Stuttgart 1992, ISBN 3150087090

Bibliographien

  • Helmich van der Kolk: Das Hildebrandslied, Amsterdam 1967 (bis 1967)
  • Verfasserlexikon. Die deutsche Literatur des Mittelalters, herausgegeben von Kurt Ruh et al., Berlin/New York 1981, Band 3, Seite 1240-1256, ISBN 3110087782

Aufsätze

  • Hans Heinrich Meier: Die Schlacht im 'Hildebrandslied', in: Zeitschrift für deutsches Altertum (ZfdA) Band 119, 1990, Seite 127-138

Schicksal der Handschrift nach 1945

  • Opritsa D. Popa: Bibliophiles and bibliothieves : the search for the Hildebrandslied and the Willehalm Codex. Berlin 2003. ISBN 3110177307


Weblinks



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