Roemische Geschichte - Theodor Mommsen - Breslau - 1856 - Band 8

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Römische Geschichte - Band 8 · {{{ARTIKELTITEL}}}

Mommsen, Theodor (Autor) · Breslau (1856)

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Geschichte des Römischen Reiches {{{SONSTIGES}}}
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Mommsen, Theodor: Römische Geschichte - Band 8 {{{ARTIKELTITEL}}}. In: eLib.at (Hrg.), 22. Mai 2019. URL: http://elib.at/
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RÖMISCHE GESCHICHTE

Theodor Mommsen
Breslau
1856
8 Bände
Siehe auch:
Mommsen, Theodor: Römische Geschichte. 8 Volumes. dtv, München 2001. ISBN 3-423-59055-6



Alle Bände im Überblick - Deutsch

All Volumes - English


Theodor Mommsen
Roemische Geschichte
Achtes Buch
Laender und Leute von Caesar bis Diocletian


Der Wunsch, dass die 'Roemische Geschichte' fortgesetzt werden moege, ist mir oefter geaeussert worden, und er trifft mit meinem eigenen zusammen, so schwer es auch ist, nach dreissig Jahren den Faden da wieder aufzunehmen, wo ich ihn fallen lassen musste. Wenn er nicht unmittelbar anknuepft, so ist daran wenig gelegen; ein Fragment wuerde der vierte Band ohne den fuenften ebenso sein, wie es der fuenfte jetzt ist ohne den vierten. Ueberdies meine ich, dass die beiden zwischen diesem und den frueheren fehlenden Buecher fuer das gebildete Publikum, dessen Verstaendnis des roemischen Altertums zu foerdern diese Geschichte bestimmt ist, eher durch andere Werke vertreten werden koennen als das vorliegende. Der Kampf der Republikaner gegen die durch Caesar errichtete Monarchie und deren definitive Feststellung, welche in dem Sechsten Buch erzaehlt werden sollen, sind so gut aus dem Altertum ueberliefert, dass jede Darstellung wesentlich auf eine Nacherzaehlung hinauslaeuft. Das monarchische Regiment in seiner Eigenart und die Fluktuationen der Monarchie sowie die durch die Persoenlichkeit der einzelnen Herrscher bedingten allgemeinen Regierungsverhaeltnisse, denen das Siebente Buch bestimmt ist, sind wenigstens oftmals zum Gegenstand der Darstellung gemacht worden. Was hier gegeben wird, die Geschichte der einzelnen Landesteile von Caesar bis auf Diocletian, liegt, wenn ich nicht irre, dem Publikum, an das dieses Werk sich wendet, in zugaenglicher Zusammenfassung nirgends vor, und dass dies nicht der Fall ist, scheint mir die Ursache zu sein, weshalb dasselbe die roemische Kaiserzeit haeufig unrichtig und unbillig beurteilt. Freilich kann diese meines Erachtens fuer das richtige Verstaendnis der Geschichte der roemischen Kaiserzeit vorbedingende Trennung dieser Spezialgeschichten von der allgemeinen des Reiches fuer manche Abschnitte, insbesondere fuer die Epoche von Gallienus bis auf Diocletian, wieder nicht vollstaendig durchgefuehrt werden und hat hier die noch ausstehende allgemeine Darstellung ergaenzend einzutreten. Wenn ueberhaupt ein Geschichtswerk in den meisten Faellen nur mit und durch die Landkarte anschaulich wird, so gilt dies von dieser Darstellung des Reiches der drei Erdteile nach seinen Provinzen in besonderem Grade, waehrend hierfuer genuegende Karten nur in den Haenden weniger Leser sein koennen. Dieselben werden also mit mir meinem Freunde Kiepert es danken, dass er, in der Weise und in der Begrenzung, wie der Inhalt dieses Bandes es an die Hand gab, demselben zunaechst ein allgemeines Uebersichtsblatt, das ausserdem mehrfach fuer die Spezialkarten ergaenzend eintritt, und weiter Spezialkarten der einzelnen Reichsteile hinzugefuegt hat ... Berlin, im Februar 1885

Einige Versehen, auf die ich aufmerksam gemacht worden bin und die in den Platten sich beseitigen liessen, sind bei dem dritten Abzuge verbessert worden, der vierte ist ein unveraenderter Abdruck des vorigen. Februar 1886; September 1894 Achtes Buch

Laender und Leute von Caesar bis Diocletian
Gehe durch die Welt und sprich mit jedem.
Firdusi


Einleitung

Die Geschichte der roemischen Kaiserzeit stellt aehnliche Probleme wie diejenige der frueheren Republik. Was aus der literarischen Ueberlieferung unmittelbar entnommen werden kann, ist nicht bloss ohne Farbe und Gestalt, sondern in der Tat meistens ohne Inhalt. Das Verzeichnis der roemischen Monarchen ist ungefaehr ebenso glaubwuerdig wie das der Konsuln der Republik und ungefaehr ebenso instruktiv. Die den ganzen Staat erschuetternden grossen Krisen sind in ihren Umrissen erkennbar; viel besser aber als ueber die Samnitenkriege sind wir auch nicht unterrichtet ueber die germanischen unter den Kaisern Augustus und Marcus. Der republikanische Anekdotenschatz ist sehr viel ehrbarer als der gleiche der Kaiserzeit; aber die Erzaehlungen von Fabricius und die vom Kaiser Gaius sind ziemlich gleich flach und gleich verlogen. Die innerliche Entwicklung des Gemeinwesens liegt vielleicht fuer die fruehere Republik in der Ueberlieferung vollstaendiger vor als fuer die Kaiserzeit; dort bewahrt sie eine, wenn auch getruebte und verfaelschte Schilderung der schliesslich wenigstens auf dem Markte Roms endigenden Wandlungen der staatlichen Ordnung; hier vollzieht sich diese im kaiserlichen Kabinett und gelangt in der Regel nur mit ihren Gleichgueltigkeiten in die Oeffentlichkeit. Dazu kommt die ungeheure Ausdehnung des Kreises und die Verschiebung der lebendigen Entwicklung vom Zentrum in die Peripherie. Die Geschichte der Stadt Rom hat sich zu der des Landes Italien, diese zu der der Welt des Mittelmeers erweitert, und worauf es am meisten ankommt, davon erfahren wir am wenigsten. Der roemische Staat dieser Epoche gleicht einem gewaltigen Baum, um dessen im Absterben begriffenen Hauptstamm maechtige Nebentriebe rings emporstreben. Der roemische Senat und die roemischen Herrscher entstammen bald jedem anderen Reichsland ebensosehr wie Italien; die Quiriten dieser Epoche, welche die nominellen Erben der weltbezwingenden Legionaere geworden sind, haben zu den grossen Erinnerungen der Vorzeit ungefaehr dasselbe Verhaeltnis wie unsere Johanniter zu Rhodos und Malta und betrachten ihre Erbschaft als ein nutzbares Recht, als stiftungsmaessige Versorgung arbeitsscheuer Armer. Wer an die sogenannten Quellen dieser Epoche, auch die besseren, geht, bemeistert schwer den Unwillen ueber das Sagen dessen, was verschwiegen zu werden verdiente, und das Verschweigen dessen, was notwendig war zu sagen. Denn gross Gedachtes und weithin Wirkendes ist auch in dieser Epoche geschaffen worden; die Fuehrung des Weltregiments ist selten so lange in geordneter Folge verblieben, und die festen Verwaltungsnormen, wie sie Caesar und Augustus ihren Nachfolgern vorzeichneten, haben sich im ganzen mit merkwuerdiger Festigkeit behauptet, trotz allem Wechsel der Dynastien und der Dynasten, welcher in der nur darauf blickenden und bald zu Kaiserbiographien zusammenschwindenden Ueberlieferung mehr als billig im Vordergrunde steht. Die scharfen Abschnitte, welche in der landlaeufigen, durch jene Oberflaechlichkeit der Grundlage geirrten Auffassung die Regierungswechsel machen, gehoeren weit mehr dem Hoftreiben an als der Reichsgeschichte. Das eben ist das Grossartige dieser Jahrhunderte, dass das einmal angelegte Werk, die Durchfuehrung der lateinisch-griechischen Zivilisierung in der Form der Ausbildung der staedtischen Gemeindeverfassung, die allmaehliche Einziehung der barbarischen oder doch fremdartigen Elemente in diesen Kreis, eine Arbeit, welche ihrem Wesen nach Jahrhunderte stetiger Taetigkeit und ruhiger Selbstentwicklung erforderte, diese lange Frist und diesen Frieden zu Lande und zur See gefunden hat. Das Greisenalter vermag nicht neue Gedanken und schoepferische Taetigkeit zu entwickeln, und das hat auch das roemische Kaiserregiment nicht getan; aber es hat in seinem Kreise, den die, welche ihm angehoerten, nicht mit Unrecht als die Welt empfanden, den Frieden und das Gedeihen der vielen vereinigten Nationen laenger und vollstaendiger gehegt, als es irgendeiner anderen Vormacht je gelungen ist. In den Ackerstaedten Afrikas, in den Winzerheimstaetten an der Mosel, in den bluehenden Ortschaften der lykischen Gebirge und des syrischen Wuestenrandes ist die Arbeit der Kaiserzeit zu suchen und auch zu finden. Noch heute gibt es manche Landschaft des Orients wie des Okzidents, fuer welche die Kaiserzeit den an sich sehr bescheidenen, aber doch vorher wie nachher nie erreichten Hoehepunkt des guten Regiments bezeichnet; und wenn einmal ein Engel des Herrn die Bilanz aufmachen sollte, ob das von Severus Antoninus beherrschte Gebiet damals oder heute mit groesserem Verstande und mit groesserer Humanitaet regiert worden ist, ob Gesittung und Voelkerglueck im allgemeinen seitdem vorwaerts- oder zurueckgegangen sind, so ist es sehr zweifelhaft, ob der Spruch zu Gunsten der Gegenwart ausfallen wuerde. Aber wenn wir finden, dass dieses also war, so fragen wir die Buecher, die uns geblieben sind, meistens umsonst, wie dieses also geworden ist. Sie geben darauf sowenig eine Antwort, wie die Ueberlieferung der frueheren Republik die gewaltige Erscheinung des Rom erklaert, welches in Alexanders Spuren die Welt unterwarf und zivilisierte. Ausfuellen laesst sich die eine Luecke sowenig wie die andere. Aber es schien des Versuches wert, einmal abzusehen sowohl von den Regentenschilderungen mit ihren bald grellen, bald blassen und nur zu oft gefaelschten Farben wie auch von dem scheinhaft chronologischen Aneinanderreihen nicht zusammenpassender Fragmente, und dafuer zu sammeln und zu ordnen, was fuer die Darstellung des roemischen Provinzialregiments die Ueberlieferung und die Denkmaeler bieten, der Muehe wert, durch diese oder durch jene zufaellig erhaltene Nachrichten, in dem Gewordenen aufbewahrte Spuren des Werdens, allgemeine Institutionen in ihrer Beziehung auf die einzelnen Landesteile, mit den fuer jeder. derselben, durch die Natur des Bodens und der Bewohner gegebenen Bedingungen, durch die Phantasie, welche wie aller Poesie so auch aller Historie Mutter ist, nicht zu einem Ganzen, aber zu dem Surrogat eines solchen zusammenzufassen. Aber die Epoche Diocletians habe ich dabei nicht hinausgehen wollen, weil das neue Regiment, welches damals geschaffen wurde, hoechstens im zusammenfassenden Ausblick den Schlussstein dieser Erzaehlung bilden kann; seine volle Wuerdigung verlangt eine besondere Erzaehlung und einen anderen Weltrahmen, ein bei schaerferem Verstaendnis des Einzelnen in dem grossen Sinn und mit dem weiten Blick Gibbons durchgefuehrtes selbstaendiges Geschichtswerk. Italien und seine Inseln sind ausgeschlossen worden, da diese Darstellung von der des allgemeinen Reichsregiments nicht getrennt werden kann. Die sogenannte aeussere Geschichte der Kaiserzeit ist aufgenommen als integrierender Teil der Provinzialverwaltung; was wir Reichskriege nennen wuerden, sind gegen das Ausland unter der Kaiserzeit nicht gefuehrt worden, wenngleich die durch die Arrondierung oder Verteidigung der Grenzen hervorgerufenen Kaempfe einige Male Verhaeltnisse annahmen, dass sie als Kriege zwischen zwei gleichartigen Maechten erscheinen, und der Zusammensturz der roemischen Herrschaft in der Mitte des dritten Jahrhunderts, welcher einige Dezennien hindurch ihr definitives Ende werden zu sollen schien, aus der an mehreren Stellen gleichzeitig ungluecklich gefuehrten Grenzverteidigung sich entwickelte. Die grosse Vorschiebung und Regulierung der Nordgrenze, wie sie unter Augustus teilweise ausgefuehrt ward, teilweise misslang, leitet die Erzaehlung ein. Auch sonst sind die Ereignisse auf einem jeden der drei hauptsaechlichsten Schauplaetze der Grenzverteidigung, des Rheins, der Donau, des Euphrat, zusammengefasst worden. Im uebrigen ist die Darstellung nach den Landschaften geordnet. Im einzelnen fesselndes Detail, Stimmungsschilderungen und Charakterkoepfe hat sie nicht zu bieten; es ist dem Kuenstler, aber nicht dem Geschichtschreiber erlaubt, das Antlitz des Arminius zu erfinden. Mit Entsagung ist dies Buch geschrieben und mit Entsagung moechte es gelesen sein.


1. Kapitel - Die Nordgrenze Italiens

Die roemische Republik hat ihr Gebiet hauptsaechlich auf den Seewegen gegen Westen, Sueden und Osten erweitert; nach derjenigen Richtung hin, in welcher Italien und die von ihm abhaengigen beiden Halbinseln im Westen und im Osten mit dem grossen Kontinent Europas zusammenhaengen, war dies wenig geschehen. Das Hinterland Makedoniens gehorchte den Roemern nicht und nicht einmal der noerdliche Abhang der Alpen; nur das Hinterland der gallischen Suedkueste war durch Caesar zum Reiche gekommen. Bei der Stellung, die das Reich im allgemeinen einnahm, durfte dies so nicht bleiben; die Beseitigung des traegen und unsicheren Regiments der Aristokratie musste vor allem an dieser Stelle sich geltend machen. Nicht so geradezu wie die Eroberung Britanniens hatte Caesar die Ausdehnung des roemischen Gebiets am Nordabhang der Alpen und am rechten Ufer des Rheins den Erben seiner Machtstellung aufgetragen; aber der Sache nach war die letztere Grenzerweiterung bei weitem naeher gelegt und notwendiger als die Unterwerfung der ueberseeischen Kelten, und man versteht es, dass Augustus diese unterliess und jene aufnahm. Dieselbe zerfiel in drei grosse Abschnitte: die Operationen an der Nordgrenze der griechisch-makedonischen Halbinsel im Gebiet der mittleren und unteren Donau, in Illyricum; die an der Nordgrenze Italiens selbst, im oberen Donaugebiet, in Raetien und Noricum; endlich die am rechten Rheinufer, in Germanien. Meistens selbstaendig gefuehrt, haengen die militaerisch-politischen Vornahmen in diesen Gebieten doch innerlich zusammen, und wie sie saemtlich aus der freien Initiative der roemischen Regierung hervorgegangen sind, koennen sie auch in ihrem Gelingen wie in ihrem teilweisen Misslingen nur in ihrer Gesamtheit militaerisch und politisch verstanden werden. Sie werden darum auch mehr im oertlichen als wie zeitlichen Zusammenhang dargelegt werden; das Gebaeude, von dem sie doch nur Teile sind, wird besser in seiner inneren Geschlossenheit als in der Zeitfolge der Bauten betrachtet. Das Vorspiel zu dieser grossen Gesamtaktion machen die Einrichtungen, welche Caesar der Sohn, so wie er in Italien und Sizilien freie Hand gewonnen hatte, an den oberen Kuesten des Adriatischen Meeres und im angrenzenden Binnenland vornahm. In den hundertundfuenfzig Jahren, die seit der Gruendung Aquileias verflossen waren, hatte wohl der roemische Kaufmann von dort aus sich des Verkehrs mehr und mehr bemaechtigt, aber der Staat unmittelbar nur geringe Fortschritte gemacht. An den Haupthaefen der dalmatinischen Kueste, ebenso auf der von Aquileia in das Savetal fuehrenden Strasse bei Nauportus (Ober-Laibach) hatten sich ansehnliche Handelsniederlassungen gebildet; Dalmatien, Bosnien, Istrien und die Krain galten als roemisches Gebiet und wenigstens das Kuestenland war in der Tat botmaessig; aber die rechtliche Staedtegruendung stand noch ebenso aus wie die Baendigung des unwirtlichen Binnenlandes. Hier aber kam noch ein anderes Moment hinzu. In dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius hatten die einheimischen Dalmater ebenso entschieden fuer den letzteren Partei ergriffen wie die dort ansaessigen Roemer fuer Caesar; auch nach der Niederlage des Pompeius bei Pharsalos und nach der Verdraengung der Pompeianischen Flotte aus den illyrischen Gewaessern setzten die Eingeborenen den Widerstand energisch und erfolgreich fort. Der tapfere und faehige Publius Vatinius, der frueher in diese Kaempfe mit grossem Erfolg eingegriffen hatte, wurde mit einem starken Heere nach Illyricum gesandt, wie es scheint in dem Jahre vor Caesars Tode und nur als Vorhut des Hauptheeres, mit welchem der Diktator selbst nachfolgend die eben damals maechtig emporstrebenden Daker niederzuwerfen und die Verhaeltnisse im ganzen Donaugebiet zu ordnen beabsichtigte. Diesen Plan schnitten die Dolche der Moerder ab; man musste sich gluecklich schaetzen, dass die Daker nicht ihrerseits in Makedonien eindrangen, und Vatinius selbst focht gegen die Dalmater ungluecklich und mit starken Verlusten. Als dann die Republikaner im Osten ruesteten, ging das illyrische Heer in das des Brutus ueber und die Dalmatiner blieben laengere Zeit unangefochten. Nach der Niederwerfung der Republikaner liess Antonius, dem bei der Teilung des Reiches Makedonien zugefallen war, im Jahre 715 (39) die unbotmaessigen Dardaner im Nordwesten und die Parthiner an der Kueste (oestlich von Durazzo) zu Paaren treiben, wobei der beruehmte Redner Gaius Asinius Pollio die Ehren des Triumphes gewann. In Illyricum, welches unter Caesar stand, konnte nichts geschehen, solange dieser seine ganze Macht auf den sizilischen Krieg gegen Sextus Pompeius wenden musste; aber nach dessen gluecklicher Beendigung warf Caesar selbst sich mit aller Kraft auf diese Aufgabe. Die kleinen Voelkerschaften von Doclea (Cernagora) bis zu den Japuden (bei Fiume) wurden in dem ersten Feldzug (719 35) zur Botmaessigkeit zurueckgebracht oder jetzt zuerst gebaendigt. Es war kein grosser Krieg mit namhaften Feldschlachten, aber die Gebirgskaempfe gegen die tapferen und verzweifelnden Staemme und das Brechen der festen, zum Teil mit roemischen Maschinen ausgeruesteten Burgen waren keine leichte Aufgabe; in keinem seiner Kriege hat Caesar in gleichem Grade eigene Energie und persoenliche Tapferkeit entwickelt. Nach der muehsamen Unterwerfung des Japudengebiets marschierte er noch in demselben Jahre im Tal der Kulpa aufwaerts zu deren Muendung in die Save; die dort gelegene feste Ortschaft Siscia (Sziszek), der Hauptwaffenplatz der Pannonier, gegen den bisher die Roemer noch nie mit Erfolg vorgegangen waren, ward jetzt besetzt und zum Stuetzpunkt bestimmt fuer den Krieg gegen die Daker, den Caesar demnaechst aufzunehmen gedachte. In den beiden folgenden Jahren (720, 721 34, 33) wurden die Dalmater, die seit einer Reihe von Jahren gegen die Roemer in Waffen standen, nach dem Fall ihrer Feste Promona (Promina bei Dernis, oberhalb Sebenico) zur Unterwerfung gezwungen. Wichtiger aber als diese Kriegserfolge war das Friedenswerk, das zugleich sich vollzog und zu dessen Sicherung sie dienen sollten. Ohne Zweifel in diesen Jahren erhielten die Hafenplaetze an der istrischen und dalmatinischen Kueste, soweit sie in dem Machtbereich Caesars lagen, Tergeste (Triest), Pola, Iader (Zara), Salome (bei Spalato), Narona (an der Narentamuendung), nicht minder jenseits der Alpen, auf der Strasse von Aquileia ueber die Julische Alpe zur Save, Emona (Laibach), durch den zweiten Julier zum Teil staedtische Mauern, saemtlich staedtisches Recht. Die Plaetze selbst bestanden wohl alle schon laengst als roemische Flecken; aber es war immer von wesentlicher Bedeutung, dass sie jetzt unter die italischen Gemeinden gleichberechtigt eingereiht wurden. Der Dakerkrieg sollte folgen; aber der Buergerkrieg ging zum zweitenmal ihm vor. Statt nach Illyricum rief er den Herrscher in den Osten; und der grosse Entscheidungskampf zwischen Caesar und Antonius warf seine Wellen bis in das ferne Donaugebiet. Das durch den Koenig Burebista geeinigte und gereinigte Volk der Daker, jetzt unter dem Koenig Cotiso, sah sich von beiden Gegnern umworben - Caesar wurde sogar beschuldigt, des Koenigs Tochter zur Ehe begehrt und ihm dagegen die Hand seiner fuenfjaehrigen Tochter Julia angetragen zu haben. Dass der Daker im Hinblick auf die von dem Vater geplante, von dem Sohn durch die Befestigung Siscias eingeleitete Invasion sich auf Antonius' Seite schlug, ist begreiflich; und haette er ausgefuehrt, was man in Rom besorgte, waere er, waehrend Caesar im Osten focht, vom Norden her in das wehrlose Italien eingedrungen, oder haette Antonius nach dem Vorschlag der Daker die Entscheidung statt in Epirus vielmehr in Makedonien gesucht und dort die dakischen Scharen an sich gezogen, so waeren die Wuerfel des Kriegsgluecks vielleicht anders gefallen. Aber weder das eine noch das andere geschah; zudem brach eben damals der durch Burebistas kraeftige Hand geschaffene Dakerstaat wieder auseinander; die inneren Unruhen, vielleicht auch von Norden her die Angriffe der germanischen Bastarner und der spaeterhin Dakien nach allen Richtungen umklammernden sarmatischen Staemme, verhinderten die Daker, in den auch ueber ihre Zukunft entscheidenden roemischen Buergerkrieg einzugreifen. Unmittelbar nachdem die Entscheidung in diesem gefallen war, wandte sich Caesar zu der Regulierung der Verhaeltnisse an der unteren Donau. Indes da teils die Daker selbst nicht mehr so wie frueher zu fuerchten waren, teils Caesar jetzt nicht mehr bloss ueber Illyricum, sondern ueber die ganze griechisch- makedonische Halbinsel gebot, wurde zunaechst diese die Basis der roemischen Operationen. Vergegenwaertigen wir uns die Voelker und die Herrschaftsverhaeltnisse; die Augustus dort vorfand. Makedonien war seit Jahrhunderten roemische Provinz. Als solche reichte es nicht hinaus noerdlich ueber Stobi und oestlich ueber das Rhodopegebirge; aber der Machtbereich Roms erstreckte sich weit ueber die eigentliche Landesgrenze, obwohl in schwankendem Umfang und ohne feste Form. Ungefaehr scheinen die Roemer damals bis zum Haemus (Balkan) die Vormacht gehabt zu haben, waehrend das Gebiet jenseits des Balkan bis zur Donau wohl einmal von roemischen Truppen betreten, aber keineswegs von Rom abhaengig war ^1. Jenseits des Rhodopegebirges waren die Makedonien benachbarten thrakischen Dynasten, namentlich die der Odrysen, denen der groesste Teil der Suedkueste und ein Teil der Kueste des Schwarzen Meeres botmaessig war, durch die Expedition des Lucullus unter roemische Schutzherrschaft gekommen, waehrend die Bewohner der mehr binnenlaendischen Gebiete, namentlich die Besser an der oberen Mariza Untertanen wohl hiessen, aber nicht waren und ihre Einfaelle in das befriedete Gebiet sowie die Vergeltungszuege in das ihrige stetig fortgingen. So hatte um das Jahr 694 (60) der leibliche Vater des Augustus, Gaius Octavius, und im Jahre 711 (43) waehrend der Vorbereitungen zu dem Kriege gegen die Triumvirn Marcus Brutus gegen sie gestritten. Eine andere thrakische Voelkerschaft, die Dentheleten (in der Gegend von Sofia), hatten noch in Ciceros Zeit bei einem Einfall in Makedonien Miene gemacht, dessen Hauptstadt Thessalonike zu belagern. Mit den Dardanern, den westlichen Nachbarn der Thraker, einem Zweig der illyrischen Voelkerfamilie, welche das suedliche Serbien und den Distrikt Prisrend bewohnten, hatte der Amtsvorgaenger des Lucullus, Curio, mit Erfolg und ein Dezennium spaeter Ciceros Kollege im Konsulat, Gaius Antonius, im Jahre 692 (62) ungluecklich gefochten. Unterhalb des dardanischen Gebiets, unmittelbar an der Donau, sassen wieder thrakische Staemme, die einstmals maechtigen, jetzt herabgekommenen Triballer im Tal des Oescus (in der Gegend von Plewna), weiterhin an beiden Ufern der Donau bis zur Muendung Daker, oder wie sie am rechten Donauufer mit dem alten, auch den asiatischen Stammgenossen gebliebenen Volksnamen gewoehnlich genannt wurden, Myser oder Moeser, wahrscheinlich zu Burebistas Zeit ein Teil seines Reiches, jetzt wieder in verschiedene Fuerstentuemer zersplittert. Die maechtigste Voelkerschaft aber zwischen Balkan und Donau waren damals die Bastarner. Wir sind diesem tapferen und zahlreichen Stamm, dem oestlichsten Zweig der grossen germanischen Sippe, schon mehrfach begegnet. Eigentlich ansaessig hinter den transdanuvianischen Dakern jenseits der Gebirge, die Siebenbuergen von der Moldau scheiden, an den Donaumuendungen und in dem weiten Gebiet von da zum Dnjestr, befanden sie sich selber ausserhalb des roemischen Bereichs; aber vorzugsweise aus ihnen hatte sowohl Koenig Philipp von Makedonien wie Koenig Mithradates von Pontus seine Heere gebildet und in dieser Weise hatten die Roemer schon frueher oft mit ihnen gestritten. Jetzt hatten sie in grossen Massen die Donau ueberschritten und sich noerdlich vom Haemus festgesetzt; insofern der dakische Krieg, wie ihn Caesar der Vater und dann der Sohn geplant hatten, ohne Zweifel der Gewinnung des rechten Ufers der unteren Donau galt, war er nicht minder gegen sie gerichtet wie gegen die rechtsufrigen dakischen Moeser. Die griechischen Kuestenstaedte in dem Barbarenland Odessos (bei Varna), Tomis, Istropolis, schwer bedraengt durch dies Voelkergewoge, waren hier wie ueberall die geborenen Klienten der Roemer.


^1 Dies sagt ausdruecklich Dio (51, 23) zum Jahre 725 (29): teos men o?n ta?t epoioyn (d. h. solange die Bastarner nur die Triballer - bei Oescus in Niedermoesien - und die Dardaner in Obermoesien angriffen), oyden sphisi pragma pros to?s R/o/maioys /e/n. Epei de ton te Aimon yperebesan kai t/e/n THrak/e/n t/e/n Denthel/e/t/o/n enspondon aytois o?san katedramon k. t. l. Die Bundesgenossen in Moesien, von denen Dio 38, 10 spricht, sind die Kuestenstaedte.


Zur Zeit der Diktatur Caesars, als Burebista auf der Hoehe seiner Macht stand, hatten die Daker an der Kueste bis hinab nach Apollonia jenen fuerchterlichen Verheerungszug ausgefuehrt, dessen Spuren noch nach anderthalb Jahrhunderten nicht verwischt waren. Es mag wohl zunaechst dieser Einfall gewesen sein, welcher Caesar den Vater bestimmte, den Dakerkrieg zu unternehmen; und nachdem der Sohn jetzt auch ueber Makedonien gebot, musste er allerdings sich verpflichtet fuehlen, eben hier sofort und energisch einzugreifen. Die Niederlage, die Ciceros Kollege Antonius bei Istropolis durch die Bastarner erlitten hatte, darf als ein Beweis dafuer genommen werden, dass diese Griechen wieder einmal der Hilfe der Roemer bedurften. In der Tat wurde bald nach der Schlacht bei Actium (725 29) Marcus Licinius Crassus, der Enkel des bei Karrhae gefallenen, von Caesar als Statthalter nach Makedonien gesandt und beauftragt, den zweimal verhinderten Feldzug nun auszufuehren. Die Bastarner, welche eben damals in Thrakien eingefallen waren, fuegten sich ohne Widerstand, als Crassus sie auffordern liess, das roemische Gebiet zu verlassen; aber ihr Rueckzug genuegte dem Roemer nicht. Er ueberschritt seinerseits den Haemus ^2, schlug am Einfluss des Cibrus (Tzibritza) in die Donau die Feinde, deren Koenig Deldo auf der Wahlstatt blieb, und nahm, was aus der Schlacht in eine nahe Festung entkommen war, mit Hilfe eines zu den Roemern haltenden Dakerfuersten gefangen. Ohne weiteren Widerstand zu leisten, unterwarf sich dem Ueberwinder der Bastarner das gesamte moesische Gebiet. Diese kamen im naechsten Jahr wieder, um die erlittene Niederlage wettzumachen; aber sie unterlagen abermals und mit ihnen, was von den moesischen Staemmen wieder zu den Waffen gegriffen hatte. Damit waren diese Feinde von dem rechten Donauufer ein fuer allemal ausgewiesen und dieses vollstaendig der roemischen Herrschaft unterworfen. Zugleich wurden die noch nicht botmaessigen Thraker gebaendigt, den Bessern das nationale Heiligtum des Dionysos genommen und die Verwaltung desselben den Fuersten der Odrysen uebertragen, welche ueberhaupt seitdem unter dem Schutz der roemischen Obergewalt die Oberherrlichkeit ueber die thrakischen Voelkerschaften suedlich vom Haemus fuehrten oder doch fuehren sollten. Unter seinen Schutz wurden ferner die griechischen Kuestenstaedte am Schwarzen Meere gestellt und auch das uebrige eroberte Gebiet verschiedenen Lehnsfuersten zugeteilt, auf die somit zunaechst der Schutz der Reichsgrenze ueberging ^3; eigene Legionen hatte Rom fuer diese fernen Landschaften nicht uebrig. Makedonien wurde dadurch zur Binnenprovinz, die der militaerischen Verwaltung nicht ferner bedurfte. Das Ziel, das bei jenen dakischen Kriegsplaenen ins Auge gefasst worden war, war erreicht.


^2 Wenn Dio sagt (51, 23): t/e/n Segetik/e/n kakoymen/e/n prosepoi/e/sato kai es t/e/n Mysida enebale, so kann jene Stadt wohl nur Serdica sein, das heutige Sofia, am oberen Oescus, der Schluessel fuer das moesische Land. ^3 Nach dem Feldzug des Crassus ist das eroberte Land wahrscheinlich in der Weise organisiert worden, dass die Kueste zum Thrakischen Reich kam, wie dies G. Zippel (Die roemische Herrschaft in Illyricum bis auf Augustus. Leipzig 1877, S. 243) dargetan hat, der westliche Teil aber, aehnlich wie Thrakien den einheimischen Fuersten zu Lehen gegeben ward, an deren eines Stelle der noch unter Tiberius fungierende praefectus civitatium Moesiae et Triballiae (CIL V, 1838) getreten sein muss. Die uebliche Annahme, dass Moesien anfaenglich mit Illyricum verbunden gewesen sei, ruht nur darauf, dass dasselbe bei der Aufzaehlung der im Jahre 727 (27) zwischen Kaiser und Senat geteilten Provinzen bei Dio 53, 12 nicht genannt werde und also in "Dalmatien" enthalten sei. Aber auf die Lehnsstaaten und die prokuratorischen Provinzen erstreckt sich diese Aufzaehlung ueberhaupt nicht und insofern ist bei jener Annahme alles in Ordnung. Dagegen sprechen gegen die gewoehnliche Auffassung schwerwiegende Argumente. Waere Moesien urspruenglich ein Teil der Provinz Illyricum gewesen, so haette es diesen Namen behalten; denn bei Teilung der Provinz pflegt der Name zu bleiben und nur ein Determinativ hinzuzutreten. Die Benennung Illyricum aber, die Dio ohne Zweifel a. a. O. wiedergibt, hat sich in dieser Verbindung immer beschraenkt auf das obere (Dalmatien) und das untere (Pannonien). Ferner bleibt, wenn Moesien ein Teil von Illyricum war, fuer jenen Praefekten von Moesien und Triballien, resp. seinen koeniglichen Vorgaenger kein Raum. Endlich ist es wenig wahrscheinlich, dass im Jahre 727 (27) einem einzigen senatorischen Statthalter ein Kommando von dieser Ausdehnung und Wichtigkeit anvertraut worden ist. Dagegen erklaert sich alles einfach, wenn nach dem Kriege des Crassus in Moesien kleine Klientelstaaten entstanden; diese standen als solche von Haus aus unter dem Kaiser, und da bei deren sukzessiver Einziehung und Umwandlung in eine Statthalterschaft der Senat nicht mitwirkte, konnte sie leicht in den Annalen ausfallen. Vollzogen hat sie sich in oder vor dem Jahre 743 (11), da der damals den Krieg gegen die Thraker fuehrende Statthalter L. Calpurnius Piso, dem Dio 54, 34 irrig die Provinz Pamphylien beilegt, als Provinz nur Pannonien oder Moesien gehabt haben kann und da in Pannonien damals Tiberius als Legat fungierte, fuer ihn nur Moesien uebrig bleibt. Im Jahre 6 n. Chr. erscheint sicher ein kaiserlicher Statthalter von Moesien.


Allerdings war dieses Ziel nur ein vorlaeufiges. Aber bevor Augustus die definitive Regulierung der Nordgrenze in die Hand nahm, wandte er sich zu der Reorganisation der schon zum Reiche gehoerigen Landschaften; ueber ein Dezennium verging mit der Ordnung der Dinge in Spanien, Gallien, Asien, Syrien. Wie er dann, als dort das Noetige geschehen war, das umfassende Werk angriff, soll nun erzaehlt werden. Italien, das ueber drei Weltteile gebot, war, wie gesagt, noch keineswegs unbedingt Herr im eigenen Hause. Die Alpen, die es gegen Norden beschirmen, waren in ihrer ganzen Ausdehnung von einem Meer zum andern angefuellt mit kleinen, wenig zivilisierten Voelkerschaften illyrischer, raetischer, keltischer Nationalitaet, deren Gebiete zum Teil hart angrenzten an die der grossen Staedte der Transpadana - so das der Trumpiliner (Val Trompia) an die Stadt Brixia, das der Camunner (Val Camonica, oberhalb des Lago d'Iseo) an die Stadt Bergomum, das der Salasser (Val d'Aosta) an Eporedia (Ivrea), und die keineswegs friedliche Nachbarschaft pflogen. Oft genug ueberwunden und als besiegt auf dem Kapitol proklamiert, pluenderten diese Staemme, allen Lorbeeren der vornehmen Triumphatoren zum Trotz, fortwaehrend die Bauern und die Kaufleute Oberitaliens. Ernstlich zu steuern war dem Unwesen nicht, solange die Regierung sich nicht entschloss, die Alpenhoehen zu ueberschreiten und auch den noerdlichen Abhang in ihre Gewalt zu bringen; denn ohne Zweifel stroemten bestaendig zahlreiche dieser Raubgesellen ueber die Berge herueber, um das reiche Nachbarland zu brandschatzen. Auch nach Gallien hin war noch in gleicher Weise zu tun; die Voelkerschaften im oberen Rhonethal (Wallis und Waadt) waren zwar von Caesar unterworfen worden, aber sind auch unter denen genannt, die den Feldherren seines Sohnes zu schaffen machten. Andererseits klagten die friedlichen gallischen Grenzdistrikte ueber die stetigen Einfaelle der Raeter. Eine Geschichtserzaehlung leiden und fordern die zahlreichen Expeditionen nicht, welche Augustus dieser Missstaende halber veranstaltet hat; in den Triumphalfasten sind sie nicht verzeichnet und gehoeren auch nicht hinein, aber sie gaben Italien zum ersten Mal Befriedung des Nordens. Erwaehnt moegen werden die Niederwerfung der oben erwaehnten Camunner im Jahre 738 (16) durch den Statthalter von Illyricum und die gewisser ligurischer Voelkerschaften in der Gegend von Nizza im Jahre 740 (14), weil sie zeigen, wie noch um die Mitte der augustischen Zeit diese unbotmaessigen Staemme unmittelbar auf Italien drueckten. Wenn der Kaiser spaeterhin in dem Gesamtbericht ueber seine Reichsverwaltung erklaerte, dass gegen keine dieser kleinen Voelkerschaften von ihm zu Unrecht Gewalt gebraucht worden sei, so wird dies dahin zu verstehen sein, dass ihnen Gebietsabtretungen und Sitzwechsel angesonnen wurden und sie sich dagegen zur Wehr setzten; nur der unter Koenig Cottius von Segusio (Susa) vereinigte kleine Gauverband fuegte sich ohne Kampf in die neue Ordnung. Der Schauplatz dieser Kaempfe waren die suedlichen Abhaenge und die Taeler der Alpen. Es folgte die Festsetzung auf dem Nordabhang der Gebirge und in dem noerdlichen Vorlande im Jahre 739 (15). Die beiden dem kaiserlichen Hause zugezaehlten Stiefsoehne Augusts, Tiberius, der spaetere Kaiser, und sein Bruder Drusus, wurden damit in die ihnen bestimmte Feldherrnlaufbahn eingefuehrt - es waren sehr sichere und sehr dankbare Lorbeeren, die ihnen in Aussicht gestellt wurden. Von Italien aus das Tal der Etsch hinauf drang Drusus in die raetischen Berge ein und erfocht hier einen ersten Sieg; fuer das weitere Vordringen reichte ihm der Bruder, damals Statthalter Galliens, vom helvetischen Gebiet aus die Hand; auf dem Bodensee selbst schlugen die roemischen Trieren die Boote der Vindeliker; an dem Kaisertag, dem 1. August 739 (15), wurde in der Umgegend der Donauquellen die letzte Schlacht geschlagen, durch die Raetien und das Vindelikerland, das heisst Tirol, die Ostschweiz und Bayern, fortan Bestandteile des Roemischen Reiches wurden. Kaiser Augustus selbst war nach Gallien gegangen, um den Krieg und die Einrichtung der neuen Provinz zu ueberwachen. Da wo die Alpen am Golf von Genua endigen, auf der Hoehe oberhalb Monaco, wurde einige Jahre darauf von dem dankbaren Italien dem Kaiser Augustus ein weit in das Tyrrhenische Meer hinausschauendes, noch heute nicht ganz verschwundenes Denkmal dafuer errichtet, dass unter seinem Regiment die Alpenvoelker alle vom oberen zum unteren Meer - ihrer sechsundvierzig zaehlt die Inschrift auf - in die Gewalt des roemischen Volkes gebracht worden waren. Es war nicht mehr als die einfache Wahrheit, und dieser Krieg das, was der Krieg sein soll, der Schirmer und der Buerge des Friedens. Schwieriger wohl als die eigentliche Kriegsarbeit war die Organisation des neuen Gebietes; insbesondere auch deshalb, weil die inneren politischen Verhaeltnisse hier zum Teil recht stoerend eingriffen. Da nach der Lage der Dinge das militaerische Schwergewicht nicht in Italien liegen durfte, so musste die Regierung darauf bedacht sein, die grossen Militaerkommandos aus der unmittelbaren Naehe Italiens moeglichst zu entfernen; ja es hat wohl bei der Besetzung Raetiens selbst das Bestreben mitgewirkt, das Kommando, welches wahrscheinlich bis dahin in Oberitalien selbst nicht hatte entbehrt werden koennen, definitiv von dort wegzulegen, wie es dann auch zur Ausfuehrung kam. Was man zunaechst erwarten sollte, dass fuer die in dem neugewonnenen Gebiet unentbehrlichen militaerischen Aufstellungen ein grosser Mittelpunkt am Nordabhang der Alpen geschaffen worden waere, davon geschah das gerade Gegenteil. Es wurde zwischen Italien einer- und den grossen Rhein- und Donaukommandos andererseits ein Guertel kleinerer Statthalterschaften gezogen, die nicht bloss alle vom Kaiser, sondern auch durchaus mit dem Senat nicht angehoerigen Maennern besetzt wurden. Italien und die suedgallische Provinz wurden geschieden durch die drei kleinen Militaerdistrikte der Seealpen (Departement der Seealpen und Provinz Cuneo), der Kottischen mit der Hauptstadt Segusio (Susa) und wahrscheinlich der Graischen (Ostsavoyen), unter denen der zweite, von dem schon genannten Gaufuersten Cottius und seinen Nachkommen eine Zeitlang in den Formen der Klientel verwaltete ^4 am meisten bedeutete, die aber alle eine gewisse Militaergewalt besassen und deren naechste Bestimmung war, in dem betreffenden Gebiet und vor allem auf den wichtigen, dasselbe durchschneidenden Reichsstrassen die oeffentliche Sicherheit zu erhalten. Das obere Rhonetal dagegen, also das Wallis, und das neu eroberte Raetien wurden einem nicht im Rang, aber wohl an Macht hoeher stehenden Befehlhaber untergeben; ein relativ ansehnliches Korps war hier nun einmal unumgaenglich erforderlich. Indes wurde, um dasselbe moeglichst verringern zu koennen, Raetien durch Entfernung seiner Bewohner im grossen Massstab entvoelkert. Den Ring schloss die aehnlich organisierte Provinz Noricum, den groessten Teil des heutigen deutschen Osterreich umfassend. Diese weite und fruchtbare Landschaft hatte sich ohne wesentlichen Widerstand der roemischen Herrschaft unterworfen, wahrscheinlich in der Form, dass hier zunaechst ein abhaengiges Fuerstenrum entstand, bald aber der Koenig dem kaiserlichen Prokurator wich, von dem er ohnehin sich nicht wesentlich unterschied. Von den Rhein- und Donaulegionen erhielten allerdings einige ihre Standlager in der unmittelbaren Naehe, einerseits der raetischen Grenze bei Vindonissa, andererseits der norischen bei Poetovio, offenbar, um auf die Nachbarprovinz zu druecken; aber Armeen ersten Ranges mit Legionen unter senatorischen Generalen gab es in jenem Zwischenbereich so wenig wie senatorische Statthalter. Das Misstrauen gegen das neben dem Kaiser den Staat regierende Kollegium findet in dieser Einrichtung einen sehr drastischen Ausdruck.


^4 Der offizielle Titel des Cottius war nicht Koenig, wie der seines Vaters Donnus, sondern "Gauverbandsvorstand" (praefectus civitatium), wie er auf dem noch stehenden, im Jahre 745/46 (9/8) von ihm zu Ehren des Augustus errichteten Bogen von Susa genannt wird. Aber die Stellung war ohne Zweifel lebenslaenglich und, unter Vorbehalt der Bestaetigung des Lehnsherrn, auch erblich, also insofern der Verband allerdings ein Fuerstentum, wie er auch gewoehnlich heisst.


Naechst der Befriedung Italiens war der Hauptzweck dieser Organisation die Sicherung seiner Kommunikationen mit dem Norden, die fuer den Handelsverkehr von nicht minder einschneidender Bedeutung war wie in militaerischer Beziehung. Mit besonderer Energie griff Augustus diese Aufgabe an und es ist wohl verdient, dass in den Namen Aosta und Augsburg, vielleicht auch in dem der Julischen Alpen der seinige noch heute fortlebt. Die alte Kuestenstrasse, die Augustus von der ligurischen Kueste durch Gallien und Spanien bis an den Atlantischen Ozean teils erneuerte, teils herstellte, hat nur Handelszwecken dienen koennen. Auch die Strasse ueber die Kottische Alpe, schon durch Pompeius eroeffnet, ist unter Augustus durch den schon erwaehnten Fuersten von Susa ausgebaut und nach ihm benannt worden; ebenfalls eine Handelsstrasse, verknuepft sie Italien ueber Turin und Susa mit der Handelshauptstadt Suedgalliens Arelate. Aber die eigentliche Militaerlinie, die unmittelbare Verbindung zwischen Italien und den Rheinlagern fuehrt durch das Tal der Dora Baltea aus Italien teils nach der Hauptstadt Galliens, Lyon, teils nach dem Rhein. Hatte die Republik sich darauf beschraenkt, den Eingang jenes Tals durch die Anlegung von Eporedia (Ivrea) in ihre Gewalt zu bringen, so nahm Augustus dasselbe ganz in Besitz in der Weise, dass er dessen Bewohner, die immer noch unruhigen und schon waehrend des dalmatinischen Krieges von ihm bekaempften Salasser, nicht bloss unterwarf, sondern geradezu austilgte - ihrer 36000, darunter 8000 streitbare Maenner, wurden auf dem Markt von Eporedia unter dem Hammer in die Sklaverei verkauft und den Kaeufern auferlegt, binnen zwanzig Jahre keinem derselben die Freiheit zu gewaehren. Das Feldlager selbst, von dem aus sein Feldherr Varro Murena im Jahre 729 (25) sie schliesslich aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Festung, welche, besetzt mit 3000 der Kaisergarde entnommenen Ansiedlern, die Verbindungen sichern sollte, die Stadt Augusta Praetoria, das heutige Aosta, deren damals errichtete Mauern und Tore noch heute stehen. Sie beherrschte spaeter zwei Alpenstrassen, sowohl die ueber die Grafische Alpe oder den Kleinen St. Bernhard an der oberen Isere und der Rhone nach Lyon fuehrende wie die, welche ueber die Poeninische Alpe, den Grossen St. Bernhard, zum Rhonetal und zum Genfer See und von da in die Taeler der Aare und des Rheins lief. Aber fuer die erste dieser Strassen ist die Stadt angelegt worden, da sie urspruenglich nur nach Osten und Westen fuehrende Tore gehabt hat, und es konnte dies auch nicht anders sein, da die Festung ein Dezennium vor der Besetzung Raetiens gebaut ward, auch in jenen Jahren die spaetere Organisation der Rheinlager noch nicht bestand und die direkte Verbindung der Hauptstaedte Italiens und Galliens durchaus in erster Reihe stand. In der Richtung auf die Donau zu ist der Anlage von Emona an der oberen Save auf der alten Handelsstrasse von Aquileia ueber die Julische Alpe in das pannonische Gebiet schon gedacht worden; diese Strasse war zugleich die Hauptader der militaerischen Verbindung von Italien mit dem Donaugebiet. Mit der Eroberung Raetiens endlich verband sich die Eroeffnung der Strasse, welche von der letzten italischen Stadt Tridentum (Trient) das Etschtal hinauf zu der im Lande der Vindeliker neu angelegten Augusta, dem heutigen Augsburg, und weiter zur oberen Donau fuehrte. Als dann der Sohn des Feldherrn, der dieses Gebiet zuerst aufgeschlossen hatte, zur Regierung gelangte, ist dieser Strasse der Name der Claudischen beigelegt worden ^5. Sie stellte zwischen Raetien und Italien die militaerisch unentbehrliche Verbindung her; indes hat sie in Folge der relativ geringen Bedeutung der raetischen Armee und wohl auch in Folge der schwierigeren Kommunikation niemals die Bedeutung gehabt wie die Strasse von Aosta.


^5 Wir kennen diese Strasse nur in der Gestalt, die der Sohn des Erbauers, Kaiser Claudius, ihr gab; urspruenglich kann sie natuerlich nicht via Claudia Augusta geheissen haben, sondern nur via Augusta, und schwerlich als ihr Endpunkt in Italien Altinum, ungefaehr das heutige Venedig, betrachtet worden sein, da unter Augustus noch alle Reichsstrassen nach Rom fuehrten. Dass die Strasse auch durch das obere Etschtal lief, ist erwiesen durch den bei Meran gefundenen Meilenstein (CIL V 8003); dass sie an die Donau fuehrte, ist bezeugt, die Verbindung dieses Strassenbaus mit der Anlage von Augusta Vindelicum, wenn dies auch zunaechst nur Marktflecken (forum) war, mehr als wahrscheinlich (CIL III, p. 711); auf welchem Wege von Meran aus Augsburg und die Donau erreicht wurden, wissen wir nicht. Spaeterhin ist die Strasse dahin korrigiert worden, dass sie bei Bozen die Etsch verlaesst und das Eisacktal hinauf ueber den Brenner nach Augsburg fuehrt.


Die Alpenpaesse und der Nordabhang der Alpen waren somit in gesichertem roemischen Besitz. Jenseits der Alpen erstreckte sich oestlich vom Rhein das germanische Land, suedwaerts der Donau das der Pannonier und der Moeser. Auch hier wurde kurz nach der Besetzung Raetiens, und ziemlich gleichzeitig nach beiden Seiten hin, die Offensive ergriffen. Betrachten wir zunaechst die Vorgaenge an der Donau. Das Donaugebiet, allem Anschein nach bis zum Jahre 727 (27) mit Oberitalien zusammen verwaltet, wurde damals bei der Reorganisation des Reiches ein selbstaendiger Verwaltungsbezirk Illyricum unter eigenem Statthalter. Er bestand aus Dalmatien mit seinem Hinterland bis zum Drin, waehrend die Kueste weiter suedwaerts seit langem zur Statthalterschaft Makedonien gehoerte, und den roemischen Besitzungen im Lande der Pannonier an der Save. Das Gebiet zwischen dem Haemus und der Donau bis zum Schwarzen Meer, welches kurz zuvor Crassus in Reichsabhaengigkeit gebracht hatte, sowie nicht minder Noricum und Raetien standen im Klientelverhaeltnis zu Rom, gehoerten also zwar nicht zu diesem Sprengel, aber hingen doch zunaechst von dem Statthalter Illyricums ab. Auch das noch keineswegs beruhigte Thrakien suedlich vom Haemus fiel militaerisch in denselben Bereich. Es ist eine bis in spaete Zeit bestehende Fortwirkung dieser urspruenglichen Organisation gewesen, dass das ganze Donaugebiet von Raetien bis Moesien als ein Zollbezirk unter dem Namen Illyricum im weiteren Sinne zusammengefasst worden ist. Legionen standen nur in dem eigentlichen Illyricum, in den uebrigen Distrikten wahrscheinlich gar keine Reichstruppen, hoechstens kleinere Detachements; das Oberkommando fuehrte der aus dem Senat hervorgehende Prokonsul der neuen Provinz, waehrend die Soldaten und die Offiziere selbstverstaendlich kaiserlich waren. Es zeugt von dem ernsten Charakter der nach der Eroberung Raetiens beginnenden Offensive, dass zunaechst der Nebenherrscher Agrippa das Kommando im Donaugebiet uebernahm, dem der Prokonsul von Illyricum von Rechts wegen sich unterzuordnen hatte, und dann, als Agrippas ploetzlicher Tod im Fruehjahr 742 (12) diese Kombination scheitern machte, im Jahre darauf Illyricum in kaiserliche Verwaltung ueberging, also die kaiserlichen Feldherren hier das Oberkommando erhielten. Bald bildeten sich hier drei militaerische Mittelpunkte, welche dann auch die administrative Dreiteilung des Donaugebiets herbeifuehrten. Die kleinen Fuerstentuemer in dem von Crassus eroberten Gebiet machten der Provinz Moesien Platz, deren Statthalter fortan in dem heutigen Serbien und Bulgarien die Grenzwacht hielt gegen Daker und Bastarner. In der bisherigen Provinz Illyricum wurde ein Teil der Legionen an der Kerka und der Cettina postiert, um die immer noch schwierigen Dalmater im Zaum zu halten. Die Hauptmacht stand in Pannonien an der damaligen Reichsgrenze, der Save. Chronologisch genau laesst sich diese Dislokation der Legionen und Organisation der Provinzen nicht fixieren; wahrscheinlich haben die gleichzeitig gefuehrten ernsthaften Kriege gegen die Pannonier und die Thraker, von denen wir gleich zu berichten haben werden, zunaechst dazu gefuehrt, die Statthalterschaft von Moesien einzurichten, und haben erst einige Zeit nachher die dalmatischen Legionen und die an der Save eigene Oberbefehlshaber erhalten. Wie die Expeditionen gegen die Pannonier und die Germanen gleichsam eine Wiederholung des raetischen Feldzugs in erweitertem Massstab sind, so waren auch die Fuehrer, welche mit dem Titel kaiserlicher Legaten an die Spitze gestellt wurden, dieselben; wieder die beiden Prinzen des kaiserlichen Hauses, Tiberius, der an Agrippas Stelle das Kommando in Illyricum uebernahm, und Drusus, der an den Rhein ging, beide jetzt nicht mehr unerprobte Juenglinge, sondern Maenner in der Bluete ihrer Jahre und schwerer Arbeit wohl gewachsen. An naechsten Anlaessen fuer die Kriegfuehrung fehlte es in der Donaugegend nicht. Raubgesindel aus Pannonien und selbst aus dem friedlichen Noricum pluenderte im Jahre 738 (16) bis nach Istrien hinein. Zwei Jahre darauf ergriffen die illyrischen Provinzialen gegen ihre Herren die Waffen und obwohl sie dann, als Agrippa im Herbst des Jahres 741 (13) das Kommando uebernahm, ohne Widerstand zu leisten zum Gehorsam zurueckkehrten, sollen doch unmittelbar nach seinem Tode die Unruhen aufs neue begonnen haben. Wir vermoegen nicht zu sagen, wieweit diese roemischen Erzaehlungen der Wahrheit entsprechen; der eigentliche Grund und Zweck dieses Krieges war gewiss die durch die allgemeine politische Lage geforderte Vorschiebung der roemischen Grenze. Ueber die drei Kampagnen des Tiberius in Pannonien 742 bis 744 (12-10) sind wir sehr unvollkommen unterrichtet. Als Ergebnis derselben wurde von der Regierung die Feststellung der Donaugrenze fuer die Provinz Illyricum angegeben. Dass diese seitdem in ihrem ganzen Laufe als die Grenze des roemischen Gebiets angesehen wurde, ist ohne Zweifel richtig, aber eine eigentliche Unterwerfung oder gar eine Besetzung dieses ganzen weiten Gebiets ist damals keineswegs erfolgt. Hauptsaechlichen Widerstand gegen Tiberius leisteten die schon frueher fuer roemisch erklaerten Voelkerschaften, insbesondere die Dalmater; unter den damals zuerst effektiv unterworfenen ist die namhafteste die der pannonischen Breuker an der unteren Save. Schwerlich haben die roemischen Heere waehrend dieser Feldzuege die Drau auch nur ueberschritten, auf keinen Fall ihre Standlager an die Donau verlegt. Das Gebiet zwischen Save und Drau wurde allerdings besetzt und das Hauptquartier der illyrischen Nordarmee von Siscia an der Save nach Poetovio (Pettau) an der mittleren Drau verlegt, waehrend in dem vor kurzem besetzten norischen Gebiet die roemischen Besatzungen bis an die Donau bei Carnuntum reichten (Petronell bei Wien), damals die letzte norische Stadt gegen Osten. Das weite und grosse Gebiet zwischen der Drau und der Donau, das heutige westliche Ungarn, ist allem Anschein nach damals nicht einmal militaerisch besetzt worden. Es entsprach dies dem Gesamtplan der begonnenen Offensive; man suchte die Fuehlung mit dem gallischen Heer, und fuer die neue Reichsgrenze im Nordosten war der natuerliche Stuetzpunkt nicht Ofen, sondern Wien. Gewissermassen eine Ergaenzung zu dieser pannonischen Expedition des Tiberius bildet diejenige, welche gleichzeitig gegen die Thraker von Lucius Piso unternommen ward, vielleicht dem ersten eigenen Statthalter, den Moesien gehabt hat. Die beiden grossen benachbarten Nationen, die Illyriker und die Thraker, von denen in einem spaeteren Abschnitt eingehender gehandelt werden wird, standen damals gleichmaessig zur Unterwerfung. Die Voelkerschaften des inneren Thrakiens erwiesen sich noch stoerriger als die Illyriker und den von Rom ihnen gesetzten Koenigen wenig botmaessig; im Jahre 738 (16) musste ein roemisches Heer dort einruecken und den Fuersten gegen die Besser zu Hilfe kommen. Wenn wir genauere Berichte ueber die dort wie hier in den Jahren 741 bis 743 (13-11) gefuehrten Kaempfe haetten, wuerde das gleichzeitige Handeln der Thraker und der Illyriker vielleicht als gemeinschaftliches erscheinen. Gewiss ist es, dass die Masse der Thrakerstaemme suedlich vom Haemus und vermutlich auch die in Moesien sitzenden sich an diesem Nationalkrieg beteiligten, und dass die Gegenwehr der Thraker nicht minder hartnaeckig war als die der Illyriker. Es war fuer sie zugleich ein Religionskrieg; das den Bessern genommene und den roemisch gesinnten Odrysenfuersten ueberwiesene Dionysosheiligtum ^6 war nicht vergessen; ein Priester dieses Dionysos stand an der Spitze der Insurrektion und sie richtete sich zunaechst eben gegen jene Odrysenfuersten. Der eine derselben wurde gefangen und getoetet, der andere verjagt; die zum Teil nach roemischem Muster bewaffneten und disziplinierten Insurgenten siegten indem ersten Treffen ueber Piso und drangen vor bis nach Makedonien und in den Thrakischen Chersones; man fuerchtete fuer Asien. Indes die roemische Zucht behielt doch schliesslich das Uebergewicht auch ueber diese tapferen Gegner; in mehreren Feldzuegen wurde Piso des Widerstandes Herr, und das entweder schon bei dieser Gelegenheit oder bald nachher auf dem "thrakischen Ufer" eingerichtete Kommando von Moesien brach den Zusammenhang der dakisch-thrakischen Voelkerschaften, indem es die Staemme am linken Ufer der Donau und die verwandten suedlich vom Haemus voneinander schied, und sicherte dauernd die roemische Herrschaft im Gebiet der unteren Donau.


^6 Die Oertlichkeit, "in welcher die Besser den Gott Dionysos verehren" und die Crassus ihnen nahm und den Odrysen gab (Dio 51, 25), ist gewiss derselbe Liberi patris lucus, in welchem Alexander opferte und der Vater des Augustus, cum per secreta Thraciae exercitum duceret, das Orakel wegen seines Sohnes befragte (Suet. Aug. 94) und das schon Herodot (2, 111; vgl. Eur. Hek. 1267) als unter Obhut der Besser stehendes Orakelheiligtum erwaehnt. Gewiss ist es nordwaerts der Rhodope zu suchen; wiedergefunden ist es noch nicht.


Naeher noch als von den Pannoniern und den Thrakern ward es den Roemern von den Germanen gelegt, dass der damalige Zustand der Dinge auf die Dauer nicht bleiben koenne. Die Reichsgrenze war seit Caesar der Rhein, vom Bodensee bis zu seiner Muendung. Eine Voelkerscheide war er nicht, da schon von alters her im Nordosten Galliens die Kelten sich vielfach mit Deutschen gemischt hatten, die Treuerer und die Nervier Germanen wenigstens gern gewesen waeren, am mittleren Rhein Caesar selbst die Reste der Scharen des Ariovistus, Triboker (im Elsass), Nemeter (um Speyer), Vangionen (um Worms) sesshaft gemacht hatte. Freilich hielten diese linksrheinischen Deutschen fester zu der roemischen Herrschaft als die keltischen Gaue und nicht sie haben den Landsleuten auf dem rechten Ufer die Pforten Galliens geoeffnet. Aber diese, seit langem der Plunderzuege ueber den Fluss gewohnt und der mehrfach halb geglueckten Versuche, dort sich festzusetzen, keineswegs vergessen, kamen auch ungerufen. Die einzige germanische Voelkerschaft jenseits des Rheines, die schon in Caesars Zeit sich von ihren Landsleuten getrennt und unter roemischen Schutz gestellt hatte, die Ubier, hatten vor dem Hass ihrer erbitterten Stammgenossen weichen und auf dem roemischen Ufer Schutz und neue Wohnsitze suchen muessen (716 38); Agrippa, obwohl persoenlich in Gallien anwesend, hatte unter dem Druck des damals bevorstehenden sizilischen Krieges nicht vermocht, ihnen in anderer Weise zu helfen, und den Rhein nur ueberschritten, um die Ueberfuehrung zu bewirken. Aus dieser ihrer Siedlung ist spaeter unser Koeln erwachsen. Nicht bloss die auf dem rechten Rheinufer Handel treibenden Roemer wurden vielfaeltig von den Germanen geschaedigt, so dass sogar im Jahre 729 (25) deswegen ein Vorstoss ueber den Rhein ausgefuehrt ward und Agrippa im Jahre 734 (20) vom Rhein heruebergekommene germanische Schwaerme aus Gallien hinauszuschlagen hatte; es geriet im Jahre 738 (16) das jenseitige Ufer in eine allgemeinere, auf einen Einbruch in grossem Massstab hinauslaufende Bewegung. Die Sugambrer an der Ruhr gingen voran, mit ihnen ihre Nachbarn, noerdlich im Lippetal die Usiper, suedlich die Tencterer; sie griffen die bei ihnen verweilenden roemischen Haendler auf und schlugen sie ans Kreuz, ueberschritten dann den Rhein, pluenderten weit und breit die gallischen Gaue, und als ihnen der Statthalter von Germanien den Legaten Marcus Lollius mit der fuenften Legion entgegenschickte, fingen sie erst deren Reiterei ab und schlugen dann die Legion selbst in schimpfliche Flucht, wobei ihnen sogar deren Adler in die Haende fiel. Nach allem diesem kehrten sie unangefochten zurueck in ihre Heimat. Dieser Misserfolg der roemischen Waffen, wenn auch an sich nicht von Gewicht, war doch der germanischen Bewegung und selbst der schwierigen Stimmung in Gallien gegenueber nichts weniger als unbedenklich; Augustus selbst ging nach der angegriffenen Provinz, und es mag dieser Vorgang wohl die naechste Veranlassung gewesen sein zur Aufnahme jener grossen Offensive, die, mit dem Raetischen Krieg 739 (15) beginnend, weiter zu den Feldzuegen des Tiberius in Illyricum und des Drusus in Germanien fuehrte. Nero Claudius Drusus, geboren im Jahre 716 (38) von Livia im Hause ihres neuen Gemahls, des spaeteren Augustus, und von diesem gleich einem Sohn - die boesen Zungen sagten, als sein Sohn - geliebt und gehalten, ein Bild maennlicher Schoenheit und von gewinnender Anmut im Verkehr, ein tapferer Soldat und ein tuechtiger Feldherr, dazu ein erklaerter Lobredner der alten republikanischen Ordnung und in jeder Hinsicht der populaerste Prinz des kaiserlichen Hauses, uebernahm bei Augustus' Rueckkehr nach Italien (741 13) die Verwaltung von Gallien und den Oberbefehl gegen die Germanen, deren Unterwerfung jetzt ernstlich in das Auge gefasst ward. Wir vermoegen weder die Staerke der damals am Rhein stehenden Armee noch die bei den Germanen obwaltenden Zustaende genuegend zu erkennen; nur das tritt deutlich hervor, dass die letzteren nicht imstande waren, dem geschlossenen Angriff in entsprechender Weise zu begegnen. Das Neckargebiet, ehemals von den Helvetiern besessen, dann lange Zeit streitiges Grenzland zwischen ihnen und den Germanen, lag veroedet und beherrscht einerseits durch die juengst unterworfene Landschaft der Vindeliker, andererseits durch die roemisch gesinnten Germanen um Strassburg, Speyer und Worms. Weiter nordwaerts, in der oberen Maingegend, sassen die Markomannen, vielleicht der maechtigste der suebischen Staemme, aber mit den Germanen des Mittelrheins seit alters her verfeindet. Nordwaerts des Mains folgten zunaechst im Taunus die Chatten, weiter rheinabwaerts die schon genannten Tencterer, Sugambrer und Usiper; hinter ihnen die maechtigen Cherusker an der Weser, ausserdem eine Anzahl Voelkerschaften zweiten Ranges. Wie diese mittelrheinischen Staemme, voran die Sugambrer, jenen Angriff auf das roemische Gallien ausgefuehrt hatten, so richtete sich auch der Vergeltungszug des Drusus hauptsaechlich gegen sie, und sie auch verbanden sich gegen Drusus zur gemeinschaftlichen Abwehr und zur Aufstellung eines aus dem Zuzug aller dieser Gaue zu bildenden Volksheers. Aber die friesischen Staemme an der Nordseekueste schlossen sich nicht an, sondern verharrten in der ihnen eigenen Isolierung. Es waren die Germanen, die die Offensive ergriffen. Die Sugambrer und ihre Verbuendeten griffen wieder alle Roemer auf, deren sie auf ihrem Ufer habhaft werden konnten, und schlugen die Centurionen darunter, ihrer zwanzig an der Zahl, ans Kreuz. Die verbuendeten Staemme beschlossen, abermals in Gallien einzufallen, und teilten auch die Beute im voraus - die Sugambrer sollten die Leute, die Cherusker die Pferde, die suebischen Staemme das Gold und Silber erhalten. So versuchten sie im Anfang des Jahres 742 (12) wieder den Rhein zu ueberschreiten und hofften auf die Unterstuetzung der linksrheinischen Germanen und selbst auf eine Insurrektion der eben damals durch das ungewohnte Schaetzungsgeschaeft erregten gallischen Gaue. Aber der junge Feldherr traf seine Massregeln gut: er erstickte die Bewegung im roemischen Gebiet, noch ehe sie recht in Gang kam, warf die Eindringenden bei dem Flussuebergang selbst zurueck und ging dann seinerseits ueber den Strom, um das Gebiet der Usiper und Sugambrer zu brandschatzen. Dies war eine vorlaeufige Abwehr; der eigentliche Kriegsplan, in groesserem Stil angelegt, ging aus von der Gewinnung der Nordseekueste und der Muendungen der Eins und der Elbe. Der zahlreiche und tapfere Stamm der Bataver im Rheindelta ist, allem Anschein nach damals und durch guetliche Vereinbarung, dem Roemischen Reiche einverleibt worden; mit ihrer Hilfe wurde vom Rheine zur Zuidersee und aus dieser in die Nordsee eine Wasserverbindung hergestellt, welche der Rheinflotte einen sichereren und kuerzeren Weg zur Ems- und Elbemuendung eroeffnete. Die Friesen an der Nordkueste folgten dem Beispiel der Bataver und fuegten sich gleichfalls der Fremdherrschaft. Es war wohl mehr noch die masshaltende Politik als die militaerische Uebergewalt, die hier den Roemern den Weg bahnte: diese Voelkerschaften blieben fast ganz steuerfrei und wurden zum Kriegsdienst in einer Weise herangezogen, die nicht schreckte, sondern lockte. Von da ging die Expedition an der Nordseekueste hinauf; im offenen Meer wurde die Insel Burchanis (vielleicht Borkum vor Ostfriesland) mit stuermender Hand genommen, auf der Ems die Bootflotte der Bructerer von der roemischen Flotte besiegt; bis an die Muendung der Weser zu den Chaukern ist Drusus gelangt. Freilich geriet die Flotte heimkehrend auf die gefaehrlichen und unbekannten Watten, und wenn die Friesen nicht der schiffbruechigen Armee sicheres Geleit gewaehrt haetten, waere sie in sehr kritische Lage geraten. Nichtsdestoweniger war durch diesen ersten Feldzug die Kueste von der Rhein- zur Wesermuendung roemisch geworden. Nachdem also die Kueste umfasst war, begann im naechsten Jahr (743 11) die Unterwerfung des Binnenlandes. Sie wurde wesentlich erleichtert durch den Zwist unter den mittelrheinischen Germanen. Zu dem im Jahre vorher versuchten Angriff auf Gallien hatten die Chatten den versprochenen Zuzug nicht gestellt; in begreiflichem, aber noch vielmehr unpolitischem Zorn hatten die Sugambrer mit gesamter Hand das Chattenland ueberfallen, und so wurde ihr eigenes Gebiet sowie das ihrer naechsten Nachbarn am Rhein ohne Schwierigkeit von den Roemern besetzt. Die Chatten unterwarfen sich dann den Feinden ihrer Feinde ohne Gegenwehr; nichtsdestoweniger wurden sie angewiesen, das Rheinufer zu raeumen und dafuer dasjenige Gebiet zu besetzen, das bis dahin die Sugambrer innegehabt hatten. Nicht minder unterlagen weiter landeinwaerts die maechtigen Cherusker an der mittleren Weser. Die an der unteren sitzenden Chauker wurden, wie ein Jahr zuvor von der Seeseite, so jetzt zu Lande angegriffen und damit das gesamte Gebiet zwischen Rhein und Weser wenigstens an den militaerisch entscheidenden Stellen in Besitz genommen. Der Rueckweg waere allerdings, eben wie im vorigen Jahre, fast verhaengnisvoll geworden; bei Arbalo (unbekannter Lage) sahen sich die Roemer in einem Engpass von allen Seiten von den Germanen umzingelt und ihrer Verbindungen verlustig; aber die feste Zucht der Legionaere und daneben die uebermuetige Siegesgewissheit der Deutschen verwandelten die drohende Niederlage in einen glaenzenden Sieg ^7. Im naechsten Jahr (744 10) standen die Chatten auf, erbittert ueber den Verlust ihrer alten schoenen Heimstatt; aber jetzt blieben sie ihrerseits allein und wurden nach hartnaeckiger Gegenwehr und nicht ohne empfindlichen Verlust von den Roemern ueberwaeltigt (745 9). Die Markomannen am oberen Main, die nach der Einnahme des Chattengebiets zunaechst dem Angriff ausgesetzt waren, wichen ihm aus und zogen sich rueckwaerts in das Land der Boier, das heutige Boehmen, ohne von hier aus, wo sie dem unmittelbaren Machtkreise Roms entrueckt waren, in die Kaempfe am Rhein einzugreifen. In dem ganzen Gebiet zwischen Rhein und Weser war der Krieg zu Ende. Drusus konnte im Jahre 745 (9) im Cheruskergau das rechte Weserufer betreten und von da vorgehen bis an die Elbe, die er nicht ueberschritt, vermutlich angewiesen war, nicht zu ueberschreiten. Manches harte Gefecht wurde geliefert, erfolgreicher Widerstand nirgends geleistet. Aber auf dem Rueckweg, der, wie es scheint, die Saale hinauf und von da zur Weser genommen ward, traf die Roemer ein schwerer Schlag, nicht durch den Feind, aber durch einen unberechenbaren Ungluecksfall. Der Feldherr stuerzte mit dem Pferd und brach den Schenkel; nach dreissigtaegigen Leiden verschied er in dem fernen Lande zwischen Saale und Weser ^8, das nie vor ihm eine roemische Armee betreten hatte, in den Armen des aus Rom herbeigeeilten Bruders, im dreissigsten Jahre seines Alters, im Vollgefuehl seiner Kraft und seiner Erfolge, von den Seinigen und dem ganzen Volke tief und lange betrauert, vielleicht gluecklich zu preisen, weil die Goetter ihm gaben, jung aus dem Leben zu scheiden und den Enttaeuschungen und Bitterkeiten zu entgehen, welche die Hoechstgestellten am schmerzlichsten treffen, waehrend in der Erinnerung der Welt noch heute seine glaenzende Heldengestalt fortlebt.


^7 Dass die Schlacht bei Arbalo (Plin. nat. 11, 17, 55) in dieses Jahr gehoert, zeigt Obsequens 72 und also geht auf sie die Erzaehlung bei Dio 54, 33. ^8 Dass der Sturz des Drusus in der Saalegegend erfolgte, wird aus Strabon 7,1, 3 p. 291 gefolgert werden duerfen, obwohl er nur sagt, dass er auf dem Heerzuge zwischen Salas und Rhein umkam und die Identifikation des Salas mit der Saale allein auf der Namensaehnlichkeit beruht. Von der Ungluecksstaette wurde er dann bis in das Sommerlager transportiert (Sen. dial. ad Marciam 3: ipsis illum hostibus aegrum cum veneratione et pace mutua prosequentibus nec optare quod expediebat audentibus) und in diesem ist er gestorben (Suet. Claud. 1). Dies lag tief im Barbarenland (Val. Max. 5, 5, 3) und nicht allzuweit von dem Schlachtfelde des Varus (Tac. ann. 2, 7, wo die vetus ara Druso sita gewiss auf den Sterbeplatz zu beziehen ist); man wird dasselbe im Wesergebiet suchen duerfen. Die Leiche wurde dann in das Winterlager geschafft (Dio 55, 2) und dort verbrannt; diese Staette galt nach roemischem Gebrauch auch als Grabstaette, obwohl die Beisetzung der Asche in Rom stattfand, und darauf ist der honorarius tumulus mit der jaehrlichen Leichenfeier zu beziehen (Suet. a. a. O.). Wahrscheinlich hat man dessen Staette in Vetera zu suchen. Wenn ein spaeterer Schriftsteller (Eutr. 7, 13) von dem monumentum des Drusus bei Mainz spricht, so ist dies nicht wohl das Grabmal, sondern das anderweitig erwaehnte Tropaeum (Flor. epit. 2, 30: Marcomanorum spoliis et insignibus quendam editum tumulum in tropaei modum excoluit).


In dem grossen Gang der Dinge aenderte, wie billig, der Tod des tuechtigen Feldherrn nichts. Sein Bruder Tiberius kam frueh genug, nicht bloss um ihm die Augen zuzudruecken, sondern auch um mit seiner sicheren Hand das Heer zurueck und die Eroberung Germaniens weiter zu fuehren. Er kommandierte dort waehrend der beiden folgenden Jahre (746, 747 8, 7); zu groesseren Kaempfen ist es waehrend derselben nicht gekommen, aber weit und breit zwischen Rhein und Elbe zeigten sich die roemischen Truppen, und als Tiberius die Forderung stellte, dass saemtliche Gaue die roemische Herrschaft foermlich anzuerkennen haetten, und zugleich erklaerte, die Anerkennung nur von saemtlichen Gauen zugleich entgegennehmen zu koennen, fuegten sie sich ohne Ausnahme, zuletzt von allen die Sugambrer, fuer die es freilich einen wirklichen Frieden nicht gab. Wie weit man militaerisch gelangt war, beweist die wenig spaeter fallende Expedition des Lucius Domitius Ahenobarbus. Dieser konnte als Statthalter von Illyricum, wahrscheinlich von Vindelizien aus, einem unsteten Hermundurenschwarm im Markomannenlande selbst Sitze anweisen und gelangte bei dieser Expedition bis an und ueber die obere Elbe, ohne auf Widerstand zu treffen ^9. Die Markomannen in Boehmen waren voellig isoliert, und das uebrige Germanien zwischen Rhein und Elbe eine, wenn auch noch keineswegs befriedete, roemische Provinz.


^9 Die Mitteilung Dios (55, IOa), zum Teil bestaetigt durch Tacitus (arm. 4, 44) kann nicht anders aufgefasst werden. Diesem Statthalter muss ausnahmsweise auch Noricum und Raetien unterstellt gewesen sein oder der Lauf der Operationen veranlasste ihn, die Grenze seiner Statthalterschaft zu ueberschreiten. Dass er Boehmen selbst durchschritten habe, was in noch groessere Schwierigkeiten verwickeln wuerde, fordert der Bericht nicht.


Die militaerisch-politische Organisation Germaniens, wie sie damals angelegt ward, vermoegen wir nur unvollkommen zu erkennen, da uns einmal ueber die in frueherer Zeit zum Schutz der gallischen Ostgrenze getroffenen Einrichtungen jede genaue Kunde fehlt, andererseits diejenigen der beiden Brueder durch die spaetere Entwicklung der Dinge grossenteils zerstoert worden sind. Eine Verlegung der roemischen Grenzhut vom Rhein weg hat keineswegs stattgefunden; so weit wollte man vielleicht kommen, aber war man nicht. Aehnlich wie in Illyricum damals die Donau, war die Elbe wohl die politische Reichsgrenze, aber der Rhein die Linie der Grenzverteidigung, und von den Rheinlagern liefen die rueckwaertigen Verbindungen nach den grossen Staedten Galliens und nach dessen Haefen ^10. Das grosse Hauptquartier waehrend dieser Feldzuege ist das spaetere sogenannte "alte Lager", Castra vetera (Birten bei Xanten), die erste bedeutende Hoehe abwaerts Bonn am linken Rheinufer, militaerisch etwa dem heutigen Wesel am rechten entsprechend. Dieser Platz, besetzt vielleicht seit den Anfaengen der Roemerherrschaft am Rhein, ist von Augustus eingerichtet worden als Zwingburg fuer Germanien; und wenn die Festung zu allen Zeiten der Stuetzpunkt fuer die roemische Defensive am linken Rheinufer gewesen ist, so war sie fuer die Invasion des rechten nicht weniger wohl gewaehlt, gelegen gegenueber der Muendung der weit hinauf schiffbaren Lippe und mit dem rechten Ufer durch eine feste Bruecke verbunden. Den Gegensatz zu diesem "alten Lager" an der Muendung der Lippe, bildete wahrscheinlich das an der Muendung des Main, Mogontiacum, das heutige Mainz, allem Anschein nach eine Schoepfung des Drusus; wenigstens zeigen die schon erwaehnten, den Chatten auferlegten Gebietsabtretungen, sowie die weiterhin zu erwaehnenden Anlagen im Taunus, dass Drusus die militaerische Wichtigkeit der Mainlinie und also auch die ihres Schluessels auf dem linken Rheinufer deutlich erkannt hat. Wenn das Legionslager an der Aare, wie es scheint, eingerichtet worden ist, um die Raeter und Vindeliker im Gehorsam zu erhalten, so faellt dessen Anlage vermutlich schon in diese Zeit, aber es ist dann auch mit den gallisch-germanischen Militaereinrichtungen nur aeusserlich verknuepft gewesen. Das Strassburger Legionslager reicht schwerlich bis in so fruehe Zeit hinauf. Die Basis der roemischen Heerstellung bildet die Linie von Mainz bis Wesel. Dass Drusus und Tiberius, abgesehen von der damals nicht mehr kaiserlichen narbonensischen Provinz, sowohl die Statthalterschaft von ganz Gallien wie auch das Kommando der saemtlichen rheinischen Legionen gehabt haben, ist ausgemacht; von diesen Prinzen abgesehen, mag damals wohl die Zivilverwaltung Galliens von dem Kommando der Rheintruppen getrennt gewesen sein, aber schwerlich war das letztere damals schon in zwei koordinierte Kommandos geteilt ^11.


^10 Auf eine rueckwaertige Verbindung der Rheinlager mit dem Hafen von Boulogne duerfte die viel bestrittene Notiz des Florus (epit. 2, 30) zu beziehen sein: Bonnam (oder Bormam) et Gessoriacum pontibus iunxit classibusque firmavit, womit zu vergleichen sind die von demselben Schriftsteller erwaehnten Kastelle an der Maas. Bonn kann damals fueglich die Station der Rheinflotte gewesen sein; Boulogne ist auch in spaeterer Zeit noch Flottenstation gewesen. Drusus konnte wohl Veranlassung haben den kuerzesten und sichersten Landweg zwischen den beiden Flottenlagern fuer Transporte brauchbar zu machen, wenn auch der Schreiber wahrscheinlich, um das Auffallende bemueht, durch zugespitzte Ausdrucksweise Vorstellungen erweckt, die so nicht richtig sein koennen. ^11 Ueber die administrative Teilung Galliens fehlt es, abgesehen von der Abtrennung der Narbonensis, an allen Nachrichten, da sie nur auf kaiserlichen Verfuegungen beruhte und darueber nichts in die Senatsprotokolle kam. Aber von der Existenz eines gesonderten ober- und untergermanischen Kommandos geben die erste Kunde die Feldzuege des Germanicus, und die Varusschlacht ist unter jener Voraussetzung kaum zu verstehen; hier erscheinen wohl die hiberna inferiora, die von Vetera (Vell. 2, 120), und den Gegensatz dazu, die superiora koennen nur die von Mainz gemacht haben, aber auch diese stehen nicht unter einem Kollegen, sondern unter dem Neffen, also einem Unterbefehlshaber des Varus. Wahrscheinlich hat die Teilung erst in Folge der Niederlage in den letzten Jahren des Augustus stattgefunden.


Ueber den Bestand der damaligen Rheinarmee koennen wir nur etwa sagen, dass die Armee des Drusus schwerlich staerker, vielleicht geringer war als die, welche zwanzig Jahre spaeter in Germanien stand, von fuenf bis sechs Legionen, etwa 50000 bis 60000 Mann. Diesen militaerischen Einrichtungen am linken Rheinufer sind die am rechten getroffenen korrelat. Zunaechst nahmen die Roemer dieses selbst in Besitz. Es traf dies vor allem die Sugambrer, wobei allerdings die Vergeltung fuer den erbeuteten Adler und die ans Kreuz geschlagenen Centurionen mitgewirkt hat. Die zur Erklaerung der Unterwerfung abgesandten Boten, die Vornehmsten der Nation, wurden gegen das Voelkerrecht als Kriegsgefangene behandelt und kamen in den italischen Festungen elend um. Von der Masse des Volkes wurden 40000 Koepfe aus ihrer Heimat entfernt und auf dem gallischen Ufer angesiedelt, wo sie spaeter vielleicht unter dem Namen der Cugerner begegnen. Nur ein geringer und ungefaehrlicher Ueberrest des maechtigen Stammes durfte in den alten Wohnsitzen bleiben. Auch suebische Haufen sind nach Gallien uebergefuehrt, andere Voelkerschaften weiter landeinwaerts gedraengt worden, wie die Marser und ohne Zweifel auch die Chatten; am Mittelrhein wurde ueberall die eingeborene Bevoelkerung des rechten Ufers verdraengt oder doch geschwaecht. Laengs dieses Rheinufers wurden ferner befestigte Posten, fuenfzig an der Zahl, eingerichtet. Vorwaerts Mogontiacum wurde das den Chatten abgenommene Gebiet, seitdem der Gau der Mattfiaker bei dem heutigen Wiesbaden, in die roemischen Linien gezogen und die Hoehe des Taunus stark befestigt ^12. Vor allem aber wurde von Vetera aus die Lippelinie in Besitz genommen; von der doppelten, von Tagemarsch zu Tagemarsch mit Kastellen besetzten Militaerstrasse an den beiden Ufern des Flusses ist wenigstens die rechtsuferige sicher ebenso das Werk des Drusus wie dies bezeugt ist von der Festung Aliso im Quellgebiet der Lippe, wahrscheinlich dem heutigen Dorfe Elsen unweit Paderborn ^13.


^12 Das von Drusus in monte Tauno angelegte praesidium (Tac. ann. 1, 56) und das mit Aliso zusammengestellte (phro?rion en CHa`attois par' ayt/o/ t/o/ R/e/n/o/ (Dio 54, 33) sind wahrscheinlich identisch, und die besondere Stellung des Mattiakergaus haengt augenscheinlich mit der Anlage von Mogontiacum zusammen. ^13 Dass das "Kastell am Zusammenfluss des Lupias und des Helison" bei Dio 54, 33 identisch ist mit dem oefter genannten Aliso und dies an der oberen Lippe gesucht werden muss, ist keinem Zweifel unterworfen, und dass das roemische Winterlager an den Lippequellen (ad caput Lupiae, Vell. 2, 105), unseres Wissens das einzige derartige auf germanischem Boden, eben dort zu suchen ist, wenigstens sehr wahrscheinlich. Dass die beiden an der Lippe hin laufenden Roemerstrassen und deren befestigte Marschlager wenigstens bis in die Gegend von Lippstadt fuehrten, haben namentlich Hoelzermanns Untersuchungen dargetan. Die obere Lippe hat nur einen namhaften Zufluss, die Alme, und da unweit der Muendung dieser in die Lippe das Dorf Elsen liegt, so darf hier der Namensaehnlichkeit einiges Gewicht beigelegt werden. Der Ansetzung von Aliso an der Muendung der Glenne (und Liese) in die Lippe, welche unter andern Schmidt vertritt, steht vornehmlich entgegen, dass das Lager ad caput Lupiae dann von Aliso verschieden gewesen sein muss, ueberhaupt dieser Punkt von der Weserlinie zu weit abliegt, waehrend von Elsen aus der Weg geradezu durch die Doerenschlucht in das Werretal fuehrt. ueberhaupt bemerkt Schmidt (Westfaelische Zeitschrift fuer Gesch. und Alterthumskunde 20, 1862, S. 259), kein Anhaenger der Identifikation von Aliso und Elsen, dass die Hoehen von Wever (unweit Elsen) und ueberhaupt der linke Talrand der Alme der Mittelpunkt eines Halbkreises sind, welchen die vorliegenden Gebirge bilden, und diese hochgelegene, trockene, bis zu dem Gebirge eine genaue Uebersicht gestattende Gegend, welche das ganze lippische Land deckt und selbst in der Front durch die Alme gedeckt ist, sich gut eignet zum Ausgangspunkt eines Zuges gegen die Weser.


Dazu kam der schon erwaehnte Kanal von der Rheinmuendung zur Zuidersee und ein von Lucius Domitius Ahenobarbus durch eine laengere Sumpfstrecke zwischen der Eins und dem Unterrhein gezogener Damm, die sogenannten "langen Bruecken". Ausserdem standen durch das ganze Gebiet zerstreut einzelne roemische Posten; dergleichen werden spaeterhin erwaehnt bei den Friesen und den Chaukern, und in diesem Sinne mag es richtig sein, dass die roemischen Besatzungen bis zur Weser und bis zur Elbe reichten. Endlich lagerte das Heer wohl im Winter am Rhein, im Sommer aber, auch wenn nicht eigentlich Expeditionen unternommen wurden, durchgaengig im eroberten Lande, in der Regel bei Aliso. Aber nicht bloss militaerisch richteten die Roemer in dem neugewonnenen Gebiet sich ein. Die Germanen wurden angehalten, wie andere Provinzialen, von dem roemischen Statthalter Recht zu nehmen und die Sommerexpeditionen des Feldherrn entwickelten sich allmaehlich zu den ueblichen Gerichtsreisen des Statthalters. Anklage und Verteidigung der Angeschuldigten fand in lateinischer Zunge statt; die roemischen Sachwalter und Rechtsbeistaende begannen wie diesseits so jenseits des Rheines ihre ueberall schwer empfundene, hier die solcher Dinge ungewohnten Barbaren tief erbitternde Wirksamkeit. Es fehlte viel zur voelligen Durchfuehrung der provinzialen Einrichtung; an foermliche Umlage der Schatzung, an regulierte Aushebung fuer das roemische Heer ward noch nicht gedacht. Aber wie der neue Gauverband eben jetzt in Gallien im Anschluss an die daselbst eingefuehrte goettliche Verehrung des Monarchen eingerichtet ward, so wurde eine aehnliche Einrichtung auch in dem neuen Germanien getroffen; als Drusus fuer Gallien den Augustusaltar in Lyon weihte, wurden die zuletzt auf dem linken Rheinufer angesiedelten Germanen, die Ubier, nicht in diese Vereinigung aufgenommen, sondern in ihrem Hauptort, der der Lage nach fuer Germanien ungefaehr war, was Lyon fuer die drei Gallien, ein gleichartiger Altar fuer die germanischen Gaue errichtet, dessen Priestertum im Jahre 9 der junge Cheruskerfuerst Segimundus, des Segestes Sohn, verwaltete. Den vollen militaerischen Erfolg brach oder unterbrach doch die kaiserliche Familienpolitik. Das Zerwuerfnis zwischen Tiberius und seinem Stiefvater fuehrte dazu, dass jener im Anfang des Jahres 748 (6) das Kommando niederlegte. Das dynastische Interesse gestattete es nicht, umfassende militaerische Operationen anderen Generalen als Prinzen des kaiserlichen Hauses anzuvertrauen; und nach Agrippas und Drusus' Tod und Tiberius' Ruecktritt gab es faehige Feldherrn in demselben nicht. Allerdings werden in den zehn Jahren, wo Statthalter mit gewoehnlicher Befugnis in Illyricum und in Germanien schalteten, die militaerischen Operationen daselbst wohl nicht so vollstaendig unterbrochen worden sein, wie es uns erscheint, da die hoefisch gefaerbte Ueberlieferung ueber die mit und die ohne Prinzen gefuehrten Kampagnen nicht in gleicher Weise berichtet; aber das Stocken ist unverkennbar, und dieses selbst war ein Rueckschritt. Ahenobarbus, der infolge seiner Verschwaegerung mit dem kaiserlichen Hause - seine Gattin war die Schwestertochter Augusts - freiere Hand hatte als andere Beamte und der in seiner illyrischen Statthalterschaft die Elbe ueberschritten hatte, ohne Widerstand zu finden, erntete spaeter als Statthalter Germaniens dort keine Lorbeeren. Nicht bloss die Erbitterung, auch der Mut der Germanen waren wieder im Steigen und im Jahre 2 erscheint das Land wieder im Aufstand, die Cherusker und die Chauker unter den Waffen. Inzwischen hatte am Kaiserhofe der Tod sich ins Mittel geschlagen und der Wegfall der jungen Soehne des Augustus diesen und Tiberius ausgesoehnt. Kaum war diese Versoehnung durch die Annahme an Kindesstatt besiegelt und proklamiert (4), so nahm Tiberius das Werk da wieder auf, wo es unterbrochen worden war, und fuehrte abermals in diesem und den beiden folgenden Sommern (5-6) die Heere ueber den Rhein. Es war eine Wiederholung und Steigerung der frueheren Feldzuege. Die Cherusker wurden im ersten Feldzug, die Chauker im zweiten zum Gehorsam zurueckgebracht; die den Batavern benachbarten und an Tapferkeit nicht nachstehenden Cannenefaten, die im Quellgebiet der Lippe und an der Ems sitzenden Bructerer und andere Gaue mehr unterwarfen sich, ebenso die hier zuerst erwaehnten maechtigen Langobarden, damals hausend zwischen der Weser und Elbe. Der erste Feldzug fuehrte ueber die Weser hinein in das Innere; in dem zweiten standen an der Elbe selbst die roemischen Legionen dem germanischen Landsturm am anderen Ufer gegenueber. Vom Jahre 4 auf 5 nahm, es scheint zum ersten Mal, das roemische Heer das Winterlager auf germanischem Boden bei Aliso. Alles dies wurde erreicht ohne erhebliche Kaempfe; die umsichtige Kriegfuehrung brach nicht die Gegenwehr, sondern machte sie unmoeglich. Diesem Feldherrn war es nicht um unfruchtbare Lorbeeren zu tun, sondern um dauernden Erfolg. Nicht minder wurde die Seefahrt wiederholt; wie die erste Kampagne des Drusus, so ist die letzte des Tiberius ausgezeichnet durch die Beschiffung der Nordsee. Aber die roemische Flotte gelangte diesmal weiter: die ganze Kueste der Nordsee bis zum Vorgebirge der Kimbrer, das heisst zur juetischen Spitze, ward von ihr erkundet und sie vereinigte sich dann, die Elbe hinauffahrend, mit dem an dieser aufgestellten Landheer. Diese zu ueberschreiten, hatte der Kaiser ausdruecklich untersagt; aber die Voelker jenseits der Elbe, die eben genannten Kimbrer im heutigen Juetland, die Charuden suedlich von ihnen, die maechtigen Semnonen zwischen Elbe und Oder traten wenigstens in Beziehung zu den neuen Nachbarn. Man konnte meinen, am Ziel zu sein. Aber eines fehlte doch noch zur Herstellung des eisernen Ringes, der Grossdeutschland umklammern sollte: es war die Herstellung der Verbindung zwischen der mittleren Donau und der oberen Elbe, die Besitznahme des alten Boierheims, das in seinem Bergkranz gleich einer gewaltigen Festung zwischen Noricum und Germanien sich einschob. Der Koenig Maroboduus, aus edlem Markomannengeschlecht, aber in jungen Jahren durch laengeren Aufenthalt in Rom eingefuehrt in dessen straffere Heer- und Staatsordnung, hatte nach der Heimkehr, vielleicht waehrend der ersten Feldzuege des Drusus und der dadurch herbeigefuehrten Uebersiedlung der Markomannen vom Main an die obere Elbe, sich nicht bloss zum Fuersten seines Volkes erhoben, sondern auch diese seine Herrschaft nicht in der lockeren Weise des germanischen Koenigtums, sondern, man moechte sagen, nach dem Muster der augustischen gestaltet. Ausser seinem eigenen Volk gebot er ueber den maechtigen Stamm der Lugier (im heutigen Schlesien) und seine Klientel muss sich ueber das ganze Gebiet der Elbe erstreckt haben, da die Langobarden und die Semnonen als ihm untertaenig bezeichnet werden. Bisher hatte er den Roemern wie den uebrigen Germanen gegenueber voellige Neutralitaet beobachtet; er gewaehrte wohl den fluechtigen Roemerfeinden in seinem Lande eine Freistatt, aber taetig mischte er sich in den Kampf nicht, nicht einmal, als die Hermunduren von dem roemischen Statthalter auf markomannischem Gebiet Wohnsitze angewiesen erhielten und als das linke Elbufer den Roemern botmaessig ward. Er unterwarf sich ihnen nicht, aber er nahm alle jene Vorgaenge hin, ohne darum die freundlichen Beziehungen zu den Roemern zu unterbrechen. Durch diese gewiss nicht grossartige und schwerlich auch nur kluge Politik hatte er erreicht, als der letzte angegriffen zu werden; nach den vollkommen gelungenen germanischen Feldzuegen der Jahre 4 und 5 kam die Reihe an ihn. Von zwei Seiten her, von Germanien und Noricum aus, rueckten die roemischen Heere vor gegen den boehmischen Bergring; den Main hinauf, die dichten Waelder vom Spessart zum Fichtelgebirge mit Axt und Feuer lichtend, ging Gaius Sentius Saturninus, von Carnuntum aus, wo die illyrischen Legionen durch den Winter 5 auf 6 gelagert hatten, Tiberius selbst gegen die Markomannen vor; die beiden Heere, zusammen zwoelf Legionen, waren den Gegnern, deren Streitmacht auf 70000 Mann zu Fuss und 4000 Reiter geschaetzt wurde, schon der Zahl nach fast um das Doppelte ueberlegen. Die umsichtige Strategik des Feldherrn schien den Erfolg auch diesmal voellig sichergestellt zu haben, als ein ploetzlicher Zwischenfall den weiteren Vormarsch der Roemer unterbrach. Die dalmatinischen Voelkerschaften und die pannonischen wenigstens des Savegebietes gehorchten seit kurzem den roemischen Statthaltern; aber sie ertrugen das neue Regiment mit immer steigendem Groll, vor allem wegen der ungewohnten und schonungslos gehandhabten Steuern. Als Tiberius spaeter einen der Fuehrer nach den Gruenden des Abfalls fragte, antwortete ihm dieser, es sei geschehen, weil die Roemer ihren Herden zu Huetern nicht Hunde noch Hirten, sondern Woelfe setzten. Jetzt waren die Legionen aus Dalmatien an die Donau gefuehrt und die wehrhaften Leute aufgeboten worden, um eben dahin zur Verstaerkung der Armeen gesendet zu werden. Diese Mannschaften machten den Anfang und ergriffen die Waffen nicht fuer, sondern gegen Rom; ihr Fuehrer war ein Daesitiate (um Serajevo), Bato. Dem Beispiel folgten die Pannonier unter Fuehrung zweier Breuker, eines anderen Bato und des Pinnes. Mit unerhoerter Schnelligkeit und Eintraechtigkeit erhob sich ganz Illyricum; auf 200000 zu Fuss und 9000 zu Pferde wurde die Zahl der insurgierten Mannschaften geschaetzt. Die Aushebung fuer die Auxiliartruppen, welche namentlich bei den Pannoniern in bedeutendem Masse stattfand, hatte die Kunde des roemischen Kriegswesens, zugleich mit der roemischen Sprache und selbst der roemischen Bildung in weiterem Umfang verbreitet; diese gedienten roemischen Soldaten bildeten jetzt den Kern der Insurrektion ^14. Die in den insurgierten Gebieten in grosser Zahl angesessenen oder verweilenden roemischen Buerger, die Kaufleute und vor allem die Soldaten, wurden ueberall aufgegriffen und erschlagen. Wie die provinzialen Voelkerschaften kamen auch die unabhaengigen in Bewegung. Die den Roemern ganz ergebenen Fuersten der Thraker fuehrten allerdings ihre ansehnlichen und tapferen Scharen den roemischen Feldherrn zu; aber vom anderen Ufer der Donau brachen die Daker, mit ihnen die Sarmaten, in Moesien ein. Das ganze weite Donaugebiet schien sich verschworen zu haben, um der Fremdherrschaft ein jaehes Ende zu bereiten.


^14 Das und nicht mehr sagt Velleius (2, 110): in omnibus Pannoniis non disciplinae (= Kriegszucht) tantummodo, sed linguae quoque notitia Romanae, plerisque etiam litterarum Usus et familiaris animorum erat exercitatio. Es sind das dieselben Erscheinungen, wie sie bei den Cheruskerfuersten begegnen, nur in gesteigertem Masse; und sie sind vollkommen begreiflich, wenn man sich der von Augustus aufgestellten pannonischen und breukischen Alen und Kohorten erinnert.


Die Insurgenten waren nicht gemeint, den Angriff abzuwarten, sondern sie planten einen Ueberfall Makedoniens und sogar Italiens. Die Gefahr war ernst; ueber die Julischen Alpen hinueber konnten die Aufstaendischen in wenigen Tagen wiederum vor Aquileia und Tergeste stehen - sie hatten den Weg dahin noch nicht verlernt - und in zehn Tagen vor Rom, wie der Kaiser selbst im Senat es aussprach, allerdings um sich der Zustimmung desselben zu den umfassenden und drueckenden militaerischen Veranstaltungen zu versichern. In schleunigster Eile wurden neue Mannschaften auf die Beine gebracht und die zunaechst bedrohten Staedte mit Besatzung versehen; ebenso, was irgendwo von Truppen entbehrlich war, nach den bedrohten Punkten geschickt. Der erste zur Stelle war der Statthalter von Moesien, Aulus Caecina Severus, und mit ihm der thrakische Koenig Rhoemetalkes; bald folgten andere Truppen aus den ueberseeischen Provinzen nach. Vor allen Dingen aber musste Tiberius, statt in Boehmen einzudringen, zurueckkehren nach Illyricum. Haetten die Insurgenten abgewartet, bis die Roemer mit Maroboduus im Kampfe lagen, oder dieser mit ihnen gemeinschaftliche Sache gemacht, so konnte die Lage fuer die Roemer eine sehr kritische werden. Aber jene schlugen zu frueh los, und dieser, getreu seinem System der Neutralitaet, liess sich dazu herbei, eben jetzt auf der Basis des Status quo mit den Roemern Frieden zu schliessen. So musste Tiberius zwar die Rheinlegionen zuruecksenden, da Germanien unmoeglich von Truppen entbloesst werden konnte, aber sein illyrisches Heer konnte er mit den aus Moesien, Italien und Syrien anlangenden Truppen vereinigen und gegen die Insurgenten verwenden. In der Tat war der Schrecken groesser als die Gefahr. Die Dalmater brachen zwar zu wiederholten Malen in Makedonien ein und pluenderten die Kueste bis nach Apollonia hinab; aber zu dem Einfall in Italien kam es nicht, und bald war der Brand auf seinen urspruenglichen Herd beschraenkt. Dennoch war die Kriegsarbeit nicht leicht: auch hier wie ueberall war die abermalige Niederwerfung der Unterworfenen muehsamer als die Unterwerfung selbst. Niemals ist in augustischer Zeit eine gleiche Truppenmasse unter demselben Kommando vereinigt gewesen; schon im ersten Kriegsjahre bestand das Heer des Tiberius aus zehn Legionen nebst den entsprechenden Hilfsmannschaften, dazu zahlreichen freiwillig wieder eingetretenen Veteranen und anderen Freiwilligen, zusammen etwa 120000 Mann; spaeterhin hatte er fuenfzehn Legionen unter seinen Fahnen vereinigt ^15. Im ersten Feldzug (6) wurde mit sehr abwechselndem Glueck gestritten; es gelang wohl, die grossen Ortschaften, wie Siscia und Sirmium, gegen die Insurgenten zu schuetzen, aber der Dalmatiner Bato focht ebenso hartnaeckig und zum Teil gluecklich gegen den Statthalter von Pannonien, Marcus Valerius Messalla, des Redners Sohn, wie sein pannonischer Namensgenosse gegen den von Moesien, Aulus Caecina. Vor allem der kleine Krieg machte den roemischen Truppen viel zu schaffen. Auch das folgende Jahr (7), in welchem neben Tiberius sein Neffe, der junge Germanicus, auf den Kriegsschauplatz trat, brachte kein Ende der ewigen Kaempfe. Erst im dritten Feldzug (8) gelang es, zunaechst die Pannonier zu unterwerfen, hauptsaechlich, wie es scheint, dadurch, dass ihr Fuehrer Bato, von den Roemern gewonnen, seine Truppen bewog, am Fluss Bathinus samt und sonders die Waffen zu strecken und den Kollegen im Oberbefehl, Pinnes, den Roemern auslieferte, wofuer er von diesen als Fuerst der Breuker anerkannt ward. Zwar traf den Verraeter bald die Strafe: sein dalmatinischer Namensgenosse fing ihn und liess ihn hinrichten, und noch einmal flackerte bei den Breukern der Aufstand auf; aber er ward rasch wieder erstickt und der Dalmater beschraenkt auf die Verteidigung der eigenen Heimat. Hier hatte Germanicus und andere Korpsfuehrer in diesem wie noch im folgenden Jahr (9) in den einzelnen Gauen heftige Kaempfe zu bestehen; in dem letzteren wurden die Pirusten (an der epirotischen Grenze) und der Gau, dem der Fuehrer selbst angehoerte, die Daesitiaten bezwungen, ein tapfer verteidigtes Kastell nach dem andern gebrochen. Noch einmal im Laufe des Sommers erschien Tiberius selbst wieder im Felde und setzte die gesamten Streitkraefte gegen die Reste der Insurrektion in Bewegung. Auch Bato, in dem festen Andetrium (Muck, oberhalb Salome), seiner letzten Zufluchtstau, von dem roemischen Heere eingeschlossen, gab die Sache verloren. Er verliess die Stadt, da er nicht vermochte, die Verzweifelten zur Unterwerfung zu bestimmen, und unterwarf sich dem Sieger, bei dem er ehrenvolle Behandlung fand; er ist, als politischer Gefangener interniert, in Ravenna gestorben. Ohne den Fuehrer setzte die Mannschaft den vergeblichen Kampf noch eine Zeitlang fort, bis die Roemer das Kastell mit stuermender Hand einnahmen - wahrscheinlich diesen Tag, den 3. August, verzeichnen die roemischen Kalender als den Jahrestag des von Tiberius in Illyricum erfochtenen Sieges.


^15 Nimmt man an, dass von den zwoelf Legionen, die gegen Maroboduus im Marsch waren (Tac. ann. 2, 46), so viele, als wir bald nachher in Germanien finden, also fuenf, auf dieses Heer kommen, so zaehlte das illyrische Heer des Tiberius sieben, und die Zahl von zehn (Vell. 2, 113) kann fueglich bezogen werden auf den Zuzug aus Moesien und Italien, die fuenfzehn auf den Zuzug aus Aegypten oder Syrien und auf die weiteren Aushebungen in Italien, von wo die neu ausgehobenen Legionen zwar nach Germanien, aber die dadurch abgeloesten zu Tiberius' Heer kamen. Ungenau spricht Velleius (2, 112) gleich im Beginn des Krieges von fuenf durch A. Caecina und Plautius Silvanus ex transmarinis provinciis herangefuehrten Legionen; einmal konnten die ueberseeischen Truppen nicht sofort zur Stelle sein, und zweitens sind die Legionen des Caecina natuerlich die moesischen. Vgl. meinen Kommentar zum Monumentum Ancyranum (Res gestae divi Augusti), 2. Aufl. 1883, S. 71.


Auch die Daker jenseits der Donau traf die Vergeltung. Wahrscheinlich in dieser Zeit, nachdem der illyrische Krieg sich zu Gunsten Roms entschieden hatte, fuehrte Gnaeus Lentulus ein starkes roemisches Heer ueber die Donau, gelangte bis an den Marisus (Marosch) und schlug sie nachdruecklich in ihrem eigenen Lande, das damals zuerst eine roemische Armee betrat. Fuenfzigtausend gefangene Daker wurden in Thrakien ansaessig gemacht. Die Spaeteren haben den "Batonischen Krieg" der Jahre 6 bis 9 den schwersten genannt, den Rom seit dem Hannibalischen gegen einen auswaertigen Feind zu bestehen gehabt hat. Dem illyrischen Land hat er arge Wunden geschlagen; in Italien war die Siegesfreude grenzenlos, als der junge Germanicus die Botschaft des entscheidenden Erfolges nach der Hauptstadt ueberbrachte. Lange hat der Jubel nicht gewaehrt; fast gleichzeitig mit der Kunde von diesem Erfolg kam die Nachricht von einer Niederlage nach Rom, wie sie Augustes in seiner fuenfzigjaehrigen Regierung nur einmal erlebt hat und die in ihren Folgen noch viel bedeutsamer war als in sich selbst. Die Zustaende in der Provinz Germanien sind frueher dargelegt worden. Der Gegenschlag, der auf jede Fremdherrschaft mit der Unvermeidlichkeit eines Naturereignisses folgt und der soeben in dem illyrischen Lande eingetreten war, bereitete auch dort, in den mittelrheinischen Gauen, sich vor. Die Reste der unmittelbar am Rhein sitzenden Staemme waren freilich voellig entmutigt, aber die weiter zurueck wohnenden, vornehmlich die Cherusker, Chatten, Bructerer, Marser, kaum minder geschaedigt und keineswegs ohnmaechtig. Wie immer in solchen Lagen, bildete sich in jedem Gau eine Partei der fuegsamen Roemerfreunde und eine nationale, die Wiedererhebung im Verborgenen vorbereitende. Die Seele von dieser war ein junger, sechsundzwanzigjaehriger Mann aus dem Fuerstengeschlecht der Cherusker, Arminius, des Sigimer Sohn; er und sein Bruder Flavus waren vom Kaiser Augustes mit dem roemischen Buergerrecht und mit Ritterrang beschenkt worden ^16 und beide hatten als Offiziere in den letzten roemischen Feldzuegen unter Tiberius mit Auszeichnung gefochten; der Bruder diente noch im roemischen Heer und hatte sich in Italien eine Heimstatt begruendet. Begreiflicherweise galt auch Arminius den Roemern als ein Mann besonderen Vertrauens; die Anschuldigungen, die sein besser unterrichteter Landsmann Segestes gegen ihn vorbrachte, vermochten dies Zutrauen bei der wohlbekannten, zwischen beiden bestehenden Verfeindung nicht zu erschuettern. Von den weiteren Vorbereitungen haben wir keine Kunde; dass der Adel und vor allem die adlige Jugend auf der Seite der Patrioten stand, versteht sich von selbst und findet darin deutlichen Ausdruck, dass Segestes' eigene Tochter Thusnelda wider das Verbot ihres Vaters sich dem Arminius vermaehlte, auch ihr Bruder Segimundus und Segestes' Bruder Segimer sowie sein Neffe Sesithacus bei der Insurrektion eine hervorragende Rolle spielten. Weiten Umfang hat sie nicht gehabt, bei weitem nicht den der illyrischen Erhebung; kaum darf sie, streng genommen, eine germanische genannt werden. Die Bataver, die Friesen, die Chauker an der Kueste waren nicht daran beteiligt, ebensowenig was von suebischen Staemmen unter roemischer Herrschaft stand, noch weniger Koenig Marobod; es erhoben sich in der Tat nur diejenigen Germanen, die einige Jahre zuvor sich gegen Rom konfoederiert hatten und gegen die Drusus' Offensive zunaechst gerichtet gewesen war. Der illyrische Aufstand hat die Gaerung in Germanien ohne Zweifel gefoerdert, aber von verbindenden Faeden zwischen den beiden gleichartigen und fast gleichzeitigen Insurrektionen fehlt jede Spur; auch wuerden, haetten sie bestanden, die Germanen schwerlich mit dem Losschlagen gewartet haben, bis der pannonische Aufstand ueberwaeltigt war und in Dalmatien eben die letzten Burgen kapitulierten. Arminius war der tapfere und verschlagene und vor allen Dingen glueckliche Fuehrer in dem Verzweiflungskampf um die verlorene nationale Unabhaengigkeit; nicht weniger, aber auch nicht mehr.


^16 Das sagt Velleius (2, 118): adsiduus militiae nostrae prioris comes, iure etiam civitatis Romanae eius equestres consequens gradus; was mit dem ductor popularium des Tacitus (ann. 2, 10) zusammenfaellt. In dieser Zeit muessen dergleichen Offiziere nicht selten vorgekommen sein; so fochten in dem dritten Feldzug des Drusus inter primores Chumstinctus et Avectius tribuni ex civitate Nerviorum (Liv. ep. 141) und unter Germanicus Chariovalda dux Batavorum (Tac. ann. 2, 11).


Es war mehr die Schuld der Roemer als das Verdienst der Insurgenten, wenn deren Plan gelang. Insofern hat der illyrische Krieg hier allerdings eingegriffen. Die tuechtigen Fuehrer und allem Anschein nach auch die erprobten Truppen waren vom Rhein an die Donau gezogen worden. Vermindert war das germanische Heer, wie es scheint, nicht, aber der groesste Teil desselben bestand aus neuen, waehrend des Krieges gebildeten Legionen. Schlimmer noch war es um die Fuehrerschaft bestellt. Der Statthalter Publius Quinctilius Varus ^17 war wohl der Gemahl einer Nichte des Kaisers und ein Mann von uebel erworbenem, aber fuerstlichem Reichtum und von fuerstlicher Hoffart, aber von traegem Koerper und stumpfem Geist und ohne jede militaerische Begabung und Erfahrung, einer jener vielen hochgestellten Roemer, welche infolge des Festhaltens an der alten Zusammenwerfung der Administrativ- und der Oberoffiziersstellungen die Feldherrnschaerpe nach dem Muster Ciceros trugen. Er wusste die neuen Untertanen weder zu schonen noch zu durchschauen; Bedrueckung und Erpressung wurden geuebt, wie er es von seiner frueheren Statthalterschaft ueber das geduldige Syrien her gewohnt war; das Hauptquartier wimmelte von Advokaten und Klienten, und in dankbarer Demut nahmen insbesondere die Verschworenen bei ihm Urteil und Recht, waehrend sich das Netz um den hoffaertigen Praetor dichter und dichter zusammenzog.


^17 Das Bildnis des Varus zeigt eine Kupfermuenze der afrikanischen Stadt Achulla, geschlagen unter seinem Prokonsulat von Afrika im Jahre 747/48 (7/6) (L. Mueller, Numismatique de l'ancienne Afrique. Kopenhagen 18674, Bd. 2, S. 44, vgl. S. 52). Die Basis, welche einst die ihm von der Stadt Pergamon gesetzte Bildsaeule trug, haben die Ausgrabungen daselbst wieder ans Licht gebracht; die Unterschrift lautet: o d/e/mos [etim/e/sen] Poplion Koinktilion Sextoy yion Oyar[on] pas/e/s aret/e/[s eneka].


Die Lage der Armee war die damals normale. Es standen mindestens fuenf Legionen in der Provinz, von denen zwei ihr Winterlager in Mogontiacum, drei in Vetera oder auch in Aliso hatten. Das Sommerlager hatten die letzteren im Jahre 9 an der Weser genommen. Die natuerliche Verbindungsstrasse von der oberen Lippe zur Weser fuehrt ueber den niederen Hoehenzug des Osning und des Lippischen Waldes, welcher das Tal der Ems von dem der Weser scheidet, durch die Doerenschlucht in das Tal der Werre, die bei Rehme unweit Minden in die Weser faellt. Hier also ungefaehr lagerten damals die Legionen des Varus. Selbstverstaendlich war dieses Sommerlager mit Aliso, dem Stuetzpunkt der roemischen Stellungen am rechten Rheinufer, durch eine Etappenstrasse verbunden. Die gute Jahreszeit ging zu Ende und man schickte sich zum Rueckmarsch an. Da kam die Meldung, dass ein benachbarter Gau im Aufstand sei, und Varus entschloss sich, statt auf jener Etappenstrasse das Heer zurueckzufuehren, einen Umweg zu nehmen und unterwegs die Abgefallenen zum Gehorsam zurueckzubringen ^18. So brach man auf; das Heer bestand nach zahlreichen Detachierungen aus drei Legionen und neun Abteilungen der Truppen zweiter Klasse, zusammen etwa 20000 Mann ^19. Als nun die Armee sich von ihrer Kommunikationslinie hinreichend entfernt hatte und tief genug in das unwegsame Land eingedrungen war, standen in den benachbarten Gauen die Konfoederierten auf, machten die bei ihnen stationierten kleinen Truppenabteilungen nieder und brachen von allen Seiten aus den Schluchten und Waeldern gegen das marschierende Heer des Statthalters vor. Arminius und die namhaftesten Fuehrer der Patrioten waren bis zum letzten Augenblick im roemischen Hauptquartier geblieben, um Varus sicher zu machen; noch am Abend vor dem Tage, an dem die Insurrektion losbrach, hatten sie im Feldherrnzelt bei Varus gespeist und Segestes, indem er den bevorstehenden Ausbruch des Aufstandes ankuendigte, den Feldherrn beschworen, ihn selbst sowie die Angeschuldigten sofort verhaften zu lassen und die Rechtfertigung seiner Anklage von den Tatsachen zu erwarten. Varus' Vertrauen war nicht zu erschuettern. Von der Tafel weg ritt Arminius zu den Insurgenten und stand den anderen Tag vor den Waellen des roemischen Lagers. Die militaerische Situation war weder besser noch schlimmer als die der Armee des Drusus vor der Schlacht bei Arbalo und als sie unter aehnlichen Verhaeltnissen oftmals fuer roemische Armeen eingetreten ist; die Kommunikationen waren fuer den Augenblick verloren, die mit schwerem Tross beschwerte Armee in dem pfadlosen Lande und in schlimmer, regnerischer Herbstzeit durch mehrere Tagemaersche von Aliso getrennt, die Angreifer der Zahl nach ohne Zweifel den Roemern weit ueberlegen. In solchen Lagen entscheidet die Tuechtigkeit der Truppe; und wenn die Entscheidung hier einmal zu Ungunsten der Roemer fiel, so wird die Unerfahrenheit der jungen Soldaten und vor allen Dingen die Kopf- und Mutlosigkeit des Feldherrn dabei wohl das meiste getan haben. Nach erfolgtem Angriff setzte das roemische Heer seinen Marsch, jetzt ohne Zweifel in der Richtung auf Aliso, noch drei Tage fort, unter stetig steigender Bedraengnis und steigender Demoralisation. Auch die hoeheren Offiziere taten teilweise ihre Schuldigkeit nicht; einer von ihnen ritt mit der gesamten Reiterei vom Schlachtfeld weg und liess das Fussvolk allein den Kampf bestehen. Der erste, der voellig verzagte, war der Feldherr selbst; verwundet im Kampfe, gab er sich den Tod, ehe die letzte Entscheidung gefallen war, so frueh, dass die Seinigen noch den Versuch machten, die Leiche zu verbrennen und der Verunehrung durch den Feind zu entziehen. Seinem Beispiel folgte eine Anzahl der Oberoffiziere. Als dann alles verloren war, kapitulierte der uebriggebliebene Fuehrer und gab auch das aus der Hand, was diesen letzten noch blieb, den ehrlichen Soldatentod. So ging in einem der Taeler der das Muensterland begrenzenden Hoehenzuege im Herbst des Jahres 9 n. Chr. das germanische Heer Zugrunde ^20. Die Adler fielen alle drei in Feindeshand. Keine Abteilung schlug sich durch, auch jene Reiter nicht, die ihre Kameraden im Stich gelassen hatten; nur wenige Vereinzelte und Versprengte vermochten sich zu retten. Die Gefangenen, vor allem die Offiziere und die Advokaten, wurden ans Kreuz geschlagen oder lebendig begraben oder bluteten unter dem Opfermesser der germanischen Priester. Die abgeschnittenen Koepfe wurden als Siegeszeichen an die Baeume der heiligen Haine genagelt. Weit und breit stand das Land auf gegen die Fremdherrschaft; man hoffte auf den Anschluss Marobods; die roemischen Posten und Strassen fielen auf dem ganzen rechten Rheinufer ohne weiteres in die Gewalt der Sieger. Nur in Aliso leistete der tapfere Kommandant Lucius Caedicius, kein Offizier, aber ein altgedienter Soldat, entschlossenen Widerstand und seine Schuetzen wussten den Germanen, die Fernwaffen nicht besassen, das Lagern vor den Waellen so zu verleiden, dass sie die Belagerung in eine Blockade umwandelten. Als die letzten Vorraete der Belagerten erschoepft waren und immer noch kein Entsatz kam, brach Caedicius in einer finsteren Nacht auf, und dieser Rest des Heeres erreichte in der Tat, wenn auch beschwert mit zahlreichen Frauen und Kindern und durch die Angriffe der Germanen starke Verluste erleidend, schliesslich das Lager von Vetera. Dorthin waren auch die beiden in Mainz stehenden Legionen unter Lucius Nonius Asprenas auf die Nachricht von der Katastrophe gegangen. Die entschlossene Verteidigung von Aliso und Asprenas rasches Eingreifen verhinderten die Germanen, ihren Sieg auf dem linken Rheinufer zu verfolgen, vielleicht die Gallier, sich gegen Rom zu erheben.


^18 Der Dionische Bericht, der einzige, der diese Katastrophe in einigem Zusammenhang ueberliefert, erklaert den Verlauf derselben in genuegender Weise, wenn man nur, was Dio allerdings nicht hervorhebt, das allgemeine Verhaeltnis des Sommer- und des Winterlagers hinzunimmt und die von Ranke (Weltgeschichte. Leipzig 1881-88. Bd. 3, 2, S. 275) mit Recht gestellte Frage, wie gegen eine lokale Insurrektion das ganze Heer hat marschieren koennen, damit beantwortet. Der Bericht des Florus beruht keineswegs auf urspruenglich anderen Quellen, wie derselbe Gelehrte annimmt, sondern lediglich auf dem dramatischen Zusammenruecken der Motive, wie es allen Historikern dieses Schlages eigen ist. Die friedliche Rechtspflege des Varus und die Erstuermung des Lagers kennt die bessere Ueberlieferung beide auch und in ihrem ursaechlichen Zusammenhang; die laecherliche Schilderung, dass, waehrend Varus auf dem Gerichtsstuhl sitzt und der Herold die Parteien vorladet, die Germanen zu allen Toren in das Lager einbrechen, ist nicht Ueberlieferung, sondern aus dieser verfertigtes Tableau. Dass dieses ausser mit der gesunden Vernunft auch mit Tacitus' Schilderung der drei Marschlager in unloesbarem Widerspruch steht, leuchtet ein. ^19 Die normale Staerke der drei Alen und der sechs Kohorten ist insofern nicht genau zu berechnen, als darunter einzelne Doppelabteilungen (miliariae) gewesen sein koennen; aber viel ueber 20000 Mann kann das Heer nicht gezaehlt haben. Andererseits liegt keine Ursache vor, eine wesentliche Differenz der effektiven Staerke von der normalen anzunehmen. Die zahlreichen Detachierungen, deren Erwaehnung geschieht (Dio 56, 19), finden ihren Ausdruck in der verhaeltnismaessig geringen Zahl der Auxilien, die immer dafuer vorzugsweise verwendet wurden. ^20 Da Germanicus, von der Ems kommend, das Gebiet zwischen Ems und Lippe, das heisst das Muensterland, verheert, und nicht weit davon der Teutoburgiensis saltus liegt, wo Varus' Heer zugrunde ging (Tat. ann. 1, 61), so liegt es am naechsten, diese Bezeichnung, welche auf das flache Muensterland nicht passt, von dem das Muensterland nordoestlich begrenzenden Hoehenzug, dem Osning zu verstehen; aber auch an das etwas weiter noerdlich parallel mit dem Osning von Minden zur Huntequelle streichende Wiehengebirge kann gedacht werden. Den Punkt an der Weser, an dem das Sommerlager stand, kennen wir nicht; indes ist nach der Lage von Aliso bei Paderborn und nach den zwischen diesem und der Weser bestehenden Verbindungen wahrscheinlich dasselbe etwa bei Minden gewesen. Die Richtung des Rueckmarsches kann jede andere, nur nicht die naechste nach Aliso gewesen sein, und die Katastrophe erfolgte also nicht auf der militaerischen Verbindungslinie zwischen Minden und Paderborn selbst, sondern in groesserer oder geringerer Entfernung von dieser. Varus mag von Minden etwa in der Richtung auf Osnabrueck marschiert sein, dann nach dem Angriff von dort aus nach Paderborn zu gelangen versucht und auf diesem Marsch in einem jener beiden Hoehenzuege sein Ende gefunden haben. Seit Jahrhunderten ist in der Gegend von Venne an der Huntequelle eine auffallend grosse Anzahl von roemischen Gold-, Silber- und Kupfermuenzen gefunden worden, wie sie in augustischer Zeit umliefen, waehrend spaetere Muenzen daselbst so gut wie gar nicht vorkommen (vgl. die Nachweisungen bei Paul Hoefen Der Feldzug des Germanicus im Jahre 16. Gotha 1884, S. 82 f.). Einem Muenzschatz koennen diese Funde nicht angehoeren, wegen des zerstreuten Vorkommens und der Verschiedenheit der Metalle; einer Handelsstaette auch nicht, wegen der zeitlichen Geschlossenheit; sie sehen ganz aus wie der Nachlass einer grossen aufgeriebenen Armee, und die vorliegenden Berichte ueber die Varusschlacht lassen sich mit dieser Lokalitaet vereinigen. Ueber das Jahr der Katastrophe haette nie gestritten werden sollen; die Verschiebung in das Jahr 10 ist ein blosses Versehen. Die Jahreszeit wird einigermassen dadurch bestimmt, dass zwischen der Anordnung der illyrischen Siegesfeier und dem Eintreffen der Ungluecksbotschaft in Rom nur fuenf Tage liegen und jene wahrscheinlich den Sieg vom 3. August zur Voraussetzung hat wenn sie auch nicht unmittelbar auf diesen gefolgt ist. Danach wird die Niederlage etwa im September oder Oktober stattgefunden haben, was auch dazu stimmt, dass der letzte Marsch des Varus offenbar der Rueckmarsch aus dem Sommer- in das Winterlager gewesen ist.


Die Niederlage war insofern bald wieder ausgeglichen, als die Rheinarmee sofort nicht bloss ergaenzt, sondern ansehnlich verstaerkt ward. Tiberius uebernahm abermals das Kommando derselben und wenn aus dem auf die Varusschlacht folgenden Jahr (10) die Kriegsgeschichte Gefechte nicht zu verzeichnen hatte, so ist wahrscheinlich damals die Besetzung der Rheingrenze mit acht Legionen und wohl gleichzeitig die Teilung dieses Kommandos in das der oberen Armee mit dem Hauptquartier Mainz und das der unteren mit dem Hauptquartier Vetera, ueberhaupt also diejenige Einrichtung daselbst getroffen worden, die dann durch Jahrhunderte massgebend geblieben ist. Man musste erwarten, dass auf diese Vermehrung der Rheinarmee die energische Wiederaufnahme der Operationen auf dem rechten Rheinufer gefolgt waere. Der roemisch-germanische Kampf war nicht ein Kampf zwischen zwei in politischem Gleichgewicht stehenden Maechten, in welchem die Niederlage der einen einen unguenstigen Friedensschluss rechtfertigen kann; es war der Kampf eines zivilisierten und organisierten Grossstaates gegen eine tapfere, aber politisch und militaerisch barbarische Nation, in welchem das schliessliche Ergebnis von vornherein feststeht und ein vereinzelter Misserfolg in dem vorgezeichneten Plan so wenig etwas aendern darf, wie das Schiff darum seine Fahrt aufgibt, weil ein Windstoss es aus der Bahn wirft. Aber es kam anders. Wohl ging Tiberius im folgenden Jahr (11) ueber den Rhein; aber diese Expedition glich den frueheren nicht. Er blieb den Sommer drueben und feierte dort des Kaisers Geburtstag, aber die Armee hielt sich in der unmittelbaren Naehe des Rheins und von Zuegen an die Weser und an die Elbe war keine Rede - es sollte offenbar den Germanen nur gezeigt werden, dass die Roemer den Weg in ihr Land noch zu finden wussten, vielleicht auch diejenigen Einrichtungen am rechten Rheinufer getroffen werden, welche die veraenderte Politik erforderte. Das grosse, beide Heere umfassende Kommando blieb und es blieb also auch im kaiserlichen Hause. Germanicus hatte es schon im Jahre 11 neben Tiberius gefuehrt; im folgenden (12), wo ihn die Verwaltung des Konsulats in Rom festhielt, kommandierte Tiberius allein am Rhein; mit dem Anfang des Jahres 13 uebernahm Germanicus den alleinigen Oberbefehl. Man betrachtete sich als im Kriegsstand gegen die Germanen; aber es waren tatenlose Jahre ^21. Ungern ertrug der feurige und ehrgeizige Erbprinz den ihm auferlegten Zwang, und man begreift es von dem Offizier, dass er die drei Adler in Feindeshand nicht vergass, von dem leiblichen Sohn des Drusus, dass er dessen zerstoerten Bau wieder aufzurichten wuenschte. Bald bot sich ihm dazu die Gelegenheit oder er nahm sie. Am 19. August des Jahres 14 starb Kaiser Augustus. Der erste Thronwechsel in der neuen Monarchie verlief nicht ohne Krise und Germanicus hatte Gelegenheit, durch Taten seinem Vater zu beweisen, dass er gesonnen war, ihm die Treue zu wahren. Darin aber fand er zugleich die Rechtfertigung, die lange gewuenschte Invasion Germaniens auch ungeheissen wieder aufzunehmen; er erklaerte, die nicht unbedenkliche, durch den Thronwechsel bei den Legionen hervorgerufene Gaerung durch diesen frischen Kriegszug ersticken zu muessen. Ob dies ein Grund oder ein Vorwand war, wissen wir nicht und wusste vielleicht er selber nicht. Dem Kommandanten der Rheinarmee konnte das Ueberschreiten der Grenze ueberall nicht gewehrt werden, und es hing immer bis zu einem gewissen Grade von ihm ab, wie weit gegen die Germanen vorgegangen werden sollte. Vielleicht auch glaubte er, im Sinne des neuen Herrschers zu handeln, der ja wenigstens ebensoviel Anspruch wie sein Bruder auf den Namen des Besiegers von Germanien hatte und dessen angekuendigtes Erscheinen im Rheinlager wohl so aufgefasst werden konnte, als komme er, um die auf Augustus' Geheiss abgebrochene Eroberung Germaniens wieder aufzunehmen. Wie dem auch sei, die Offensive jenseits des Rheins begann aufs neue. Noch im Herbst des Jahres 14 fuehrte Germanicus selbst Detachements aller Legionen bei Vetera ueber den Rhein und drang an der Lippe hinauf ziemlich tief in das Binnenland vor, weit und breit das Land verheerend, die Eingeborenen niedermachend, die Tempel - so den hochgeehrten der Tanfana - zerstoerend. Die Betroffenen, es waren vornehmlich Bructerer, Tubanten und Usiper, suchten dem Kronprinzen auf der Heimkehr das Schicksal des Varus zu bereiten; aber an der energischen Haltung der Legionen prallte der Angriff ab. Da dieser Vorstoss keinen Tadel fand, vielmehr dem Feldherrn dafuer Danksagungen und Ehrenbezeugungen dekretiert wurden, ging er weiter. Im Fruehling des Jahres 15 versammelte er seine Hauptmacht zunaechst am Mittelrhein und ging selbst von Mainz vor gegen die Chatten bis an die oberen Zufluesse der Weser, waehrend das untere Heer weiter nordwaerts die Cherusker und die Marser angriff. Eine gewisse Rechtfertigung fuer dies Vorgehen lag darin, dass die roemisch gesinnten Cherusker, welche unter dem unmittelbaren Eindruck der Katastrophe des Varus sich den Patrioten hatten anschliessen muessen, jetzt wieder mit der viel staerkeren Nationalpartei in offenem Kampfe lagen und die Intervention des Germanicus anriefen. In der Tat gelang es, den von seinen Landsleuten hart bedraengten Roemerfreund Segestes zu befreien und dabei dessen Tochter, die Gattin des Arminius, in die Gewalt zu bekommen; auch des Segestes Bruder Segimerus, einst neben Arminius der Fuehrer der Patrioten, unterwarf sich; die inneren Zerwuerfnisse der Germanen ebneten einmal mehr der Fremdherrschaft die Wege. Noch im selben Jahre unternahm Germanicus den Hauptzug nach dem Emsgebiet; Caecina rueckte von Vetera aus an die obere Ems, er selbst ging mit der Flotte von der Rheinmuendung aus eben dorthin; die Reiterei zog die Kueste entlang durch das Gebiet der treuen Friesen. Wieder vereinigt, verwuesteten die Roemer das Land der Bructerer und das ganze Gebiet zwischen Ems und Lippe und machten von da aus einen Zug nach der Ungluecksstaette, wo sechs Jahre zuvor das Heer des Varus geendigt hatte, um den gefallenen Kameraden das Grabmal zu errichten. Bei dem weiteren Vormarsch wurde die roemische Reiterei von Arminius und den erbitterten Patriotenscharen in einen Hinterhalt gelockt und waere aufgerieben worden, wenn nicht die anrueckende Infanterie groesseres Unheil verhindert haette. Schwerere Gefahren brachte die Heimkehr von der Ems, welche auf denselben Wegen angetreten ward wie der Hinmarsch. Die Reiterei gelangte unbeschaedigt in das Winterlager. Dafuer das Fussvolk der vier Legionen die Flotte bei der schwierigen Fahrt - es war um die Zeit der Herbstnachtgleiche - nicht genuegte, so schiffte Germanicus zwei derselben wieder aus und liess sie am Strande zurueckgehen; aber mit dem Verhaeltnis von Ebbe und Flut in dieser Jahreszeit ungenuegend bekannt, verloren sie ihr Gepaeck und gerieten in Gefahr, massenweise zu ertrinken. Der Rueckmarsch der vier Legionen des Caecina von der Ems zum Rhein glich genau dem des Varus, ja das schwere sumpfige Land bot wohl noch groessere Schwierigkeiten als die Schluchten der Waldgebirge. Die ganze Masse der Eingeborenen, an ihrer Spitze die beiden Cheruskerfuersten, Arminius und dessen hochangesehener Oheim Inguiomerus, warf sich auf die abziehenden Truppen in der sicheren Hoffnung, ihnen das gleiche Schicksal zu bereiten, und fuellte ringsum die Suempfe und Waelder. Der alte Feldherr aber, in vierzigjaehrigem Kriegsdienst erprobt, blieb kaltbluetig auch in der aeussersten Gefahr und hielt seine verzagenden und hungernden Mannschaften fest in der Hand. Dennoch haette auch er vielleicht das Unheil nicht abwenden koennen, wenn nicht nach einem gluecklichen Angriff waehrend des Marsches, bei dem die Roemer einen grossen Teil ihrer Reiterei und fast das ganze Gepaeck einbuessten, die siegesgewissen und beutelustigen Deutschen gegen Arminius Rat dem anderen Fuehrer gefolgt waeren und statt der weiteren Umstellung des Feindes geradezu den Sturm auf das Lager versucht haetten. Caecina liess die Germanen bis an die Waelle herankommen, brach aber dann aus allen Toren und Pforten mit solcher Gewalt auf die Stuermenden ein, dass sie eine schwere Niederlage erlitten und infolgedessen der weitere Rueckzug ohne wesentliche Hinderung stattfand. Am Rhein hatte man die Armee schon verloren gegeben und war im Begriff gewesen, die Bruecke bei Vetera abzuwerfen, um wenigstens das Eindringen der Germanen in Gallien zu verhindern; nur die entschlossene Einrede einer Frau, der Gattin des Germanicus, der Tochter Agrippas, hatte den verzagten und schimpflichen Entschluss vereitelt.


^21 Den fortdauernden Kriegsstand bezeugen Tacitus (ann. 1, 9) und Dio (56, 26); aber berichtet wird gar nichts aus den nominellen Feldzuegen der Sommer 12, 13 und 14, und die Expedition vom Herbst des Jahres 14 erscheint als die erste von Germanicus unternommene. Allerdings ist Germanicus wahrscheinlich noch bei Augustus' Lebzeiten als Imperator ausgerufen worden (Monumentum Ancyranum, S. 17); aber es steht nichts im Wege, dies auf den Feldzug des Jahres 11 zu beziehen, in dem Germanicus mit prokonsularischer Gewalt neben Tiberius kommandierte (Dio 56, 25). Im Jahre 12 war er in Rom zur Verwaltung des Konsulats, welche er das ganze Jahr hindurch behielt und mit welcher es damals noch ernsthaft genommen wurde; dies erklaert, weshalb Tiberius, wie dies jetzt erwiesen ist (Hermann Schulz, Quaestiones Ovidianae. Greifswald 1883, S. 15 f.), noch im Jahre 12 nach Germanien ging und sein Rheinkommando erst im Anfang des Jahres 13 mit der pannonischen Siegesfeier niederlegte.


Die Wiederaufnahme der Unterwerfung Germaniens begann also nicht gerade mit Glueck. Das Gebiet zwischen Rhein und Weser war wohl wieder betreten und durchschritten worden, aber entscheidende Erfolge hatten die Roemer nicht aufzuzeigen, und der ungeheure Verlust an Material, namentlich an Pferden, wurde schwer empfunden, so dass, wie in Scipios Zeiten, die Staedte Italiens und der westlichen Provinzen bei dem Ersatz des Verlorenen mit patriotischen Beisteuern sich beteiligten. Germanicus aenderte fuer den naechsten Feldzug (16) seinen Kriegsplan: er versuchte, die Unterwerfung Germaniens auf die Nordsee und die Flotte zu stuetzen, teils weil die Voelkerschaften an der Kueste, die Bataver, Friesen, Chauker mehr oder minder zu den Roemern hielten, teils um die zeitraubenden und verlustvollen Maersche vom Rhein zur Weser und zur Elbe und wieder zurueck abzukuerzen. Nachdem er dieses Fruehjahr wie das vorige zu raschen Vorstoessen am Main und an der Lippe verwendet hatte, schiffte er im Anfang des Sommers auf der inzwischen fertiggestellten gewaltigen Transportflotte von 1000 Segeln sein gesamtes Heer an der Rheinmuendung ein und gelangte in der Tat ohne Verlust bis an die der Ems, wo die Flotte blieb, und weiter, vermutlich die Ems hinauf bis an die Haasemuendung und dann an dieser hinauf in das Werretal, durch dieses an die Weser. Damit war die Durchfuehrung der bis 80000 Mann starken Armee durch den Teutoburger Wald, welche namentlich fuer die Verpflegung mit grossen Schwierigkeiten verbunden war, vermieden, in dem Flottenlager fuer die Zufuhr ein sicherer Rueckhalt gegeben, und die Cherusker auf dem rechten Ufer der Weser statt von vorn in der Flanke angegriffen. Auf diesem trat den Roemern das Gesamtaufgebot der Germanen entgegen, wiederum gefuehrt von den beiden Haeuptern der Patriotenpartei, Arminius und Inguiomerus; ueber welche Streitkraefte dieselben geboten, beweist, dass sie im Cheruskerland zunaechst an der Weser selbst, dann etwas weiter landeinwaerts ^22, zweimal kurz nacheinander gegen das gesamte roemische Heer in offener Feldschlacht schlugen und in beiden den Sieg hart bestritten. Allerdings fiel dieser den Roemern zu und von den germanischen Patrioten blieb ein betraechtlicher Teil auf den Schlachtfeldern - Gefangene wurden nicht gemacht und von beiden Seiten mit aeusserster Erbitterung gefochten; das zweite Tropaeum des Germanicus sprach von der Niederwerfung aller germanischen Voelker zwischen Rhein und Elbe; der Sohn stellte diese seine Kampagne neben die glaenzenden des Vaters und berichtete nach Rom, dass er im naechsten Feldzug die Unterwerfung Germaniens vollendet haben werde. Aber Arminius entkam, obwohl verwundet, und blieb auch ferner an der Spitze der Patrioten, und ein unvorhergesehenes Unheil verdarb den Waffenerfolg. Auf der Heimkehr, die von dem groessten Teil der Legionen zu Schiff gemacht wurde, geriet die Transportflotte in die Herbststuerme der Nordsee; die Schiffe wurden nach allen Seiten ueber die Inseln der Nordsee und bis an die britische Kueste hin geschleudert, ein grosser Teil ging zugrunde und die sich retteten, hatten groesstenteils Pferde und Gepaeck ueber Bord werfen und froh sein muessen, das nackte Leben zu bergen. Der Fahrtverlust kam, wie in den Zeiten der Punischen Kriege, einer Niederlage gleich; Germanicus selbst, mit dem Admiralschiff einzeln verschlagen an den oeden Strand der Chauker, war in Verzweiflung ueber diesen Misserfolg drauf und dran, seinen Tod in demselben Ozean zu suchen, dessen Beistand er im Beginn dieses Feldzuges so ernstlich und so vergeblich angerufen hatte. Wohl erwies sich spaeterhin der Menschenverlust nicht ganz so gross, wie es anfaenglich geschienen hatte, und einige erfolgreiche Schlaege, die der Feldherr nach der Rueckkehr an den Rhein den naechstwohnenden Barbaren versetzte, hoben den gesunkenen Mut der Truppen. Aber im ganzen genommen endigte der Feldzug des Jahres 16, verglichen mit dem des vorigen, wohl mit glaenzenderen Siegen, aber auch mit viel empfindlicherer Einbusse.


^22 Die Annahme Schmidts (Westfaelische Zeitschrift 20, 1862, S. 301), dass die erste Schlacht auf dem Idistavisischen Feld, etwa bei Bueckeburg, geschlagen sei, die zweite, wegen der dabei erwaehnten Suempfe, vielleicht am Steinhuder See, bei dem suedlich von diesem liegenden Dorf Bergkirchen, wird von der Wahrheit sich nicht weit entfernen und kann wenigstens als Veranschaulichung gelten. Auf ein gesichertes Ergebnis muss bei diesem wie bei den meisten Taciteischen Schlachtberichten verzichtet werden.


Germanicus Abberufung war zugleich die Aufhebung des Oberkommandos der rheinischen Armee. Die blosse Teilung des Kommandos setzte der bisherigen Kriegfuehrung ein Ziel; dass Germanicus nicht bloss abberufen ward, sondern keinen Nachfolger erhielt, kam hinaus auf die Anordnung der Defensive am Rhein. So ist denn auch der Feldzug des Jahres 16 der letzte gewesen, den die Roemer gefuehrt haben, um Germanien zu unterwerfen und die Reichsgrenze vom Rhein an die Elbe zu verlegen. Dass die Feldzuege des Germanicus dieses Ziel hatten, lehrt ihr Verlauf selbst und das die Elbgrenze feiernde Tropaeum. Auch die Wiederherstellung der rechtsrheinischen militaerischen Anlagen, der Taunuskastelle sowohl wie der Festung Aliso und der diese mit Vetera verbindenden Linie, gehoert nur zum Teil zu derjenigen Besetzung des rechten Rheinufers, wie sie auch mit dem beschraenkten Operationsplan nach der Varusschlacht sich vertrug, zum Teil griff sie weit ueber denselben hinaus. Aber was der Feldherr wollte, wollte der Kaiser nicht oder nicht ganz. Es ist mehr als wahrscheinlich, dass Tiberius die Unternehmungen des Germanicus am Rhein von Haus aus mehr hat geschehen lassen, und gewiss, dass er durch dessen Abberufung im Winter 16/17 denselben ein Ziel hat setzen wollen. Ohne Zweifel ist zugleich ein guter Teil des Erreichten aufgegeben, namentlich aus Aliso die Besatzung zurueckgezogen worden. Wie Germanicus von dem im Teutoburger Walde errichteten Siegesdenkmal schon das Jahr darauf keinen Stein mehr fand, so sind auch die Ergebnisse seiner Siege wie ein Schlag ins Wasser verschwunden, und keiner seiner Nachfolger hat auf diesem Grunde weiter gebaut. Wenn Augustus das eroberte Germanien nach der Varusschlacht verloren gegeben hatte, wenn Tiberius jetzt, nachdem die Eroberung abermals in Angriff genommen worden war, sie abzubrechen befahl, so ist die Frage wohl berechtigt, welche Motive die beiden bedeutenden Regenten hierbei geleitet haben und was diese wichtigen Vorgaenge fuer die allgemeine Reichspolitik bedeuten. Die Varusschlacht ist ein Raetsel, nicht militaerisch, aber politisch, nicht in ihrem Verlauf, aber in ihren Folgen. Augustus hatte nicht unrecht, wenn er seine verlorenen Legionen nicht von dem Feind oder dem Schicksal, sondern von dem Feldherrn zurueckforderte; es war ein Ungluecksfall, wie ungeschickte Korpsfuehrer sie von Zeit zu Zeit fuer jeden Staat herbeifuehren; schwer begreift man, dass die Aufreibung einer Armee von 20000 Mann ohne weitere unmittelbare militaerische Konsequenzen der grossen Politik eines einsichtig regierten Weltstaates eine entscheidende Wendung gegeben hat. Und doch haben die beiden Herrscher jene Niederlage mit einer beispiellosen und fuer die Stellung der Regierung, der Armee wie den Nachbarn gegenueber bedenklichen und gefaehrlichen Geduld ertragen; doch haben sie den Friedensschluss mit Marobod, der ohne Zweifel eigentlich nur eine Waffenruhe sein sollte, zu einem definitiven werden lassen und nicht weiter versucht, das obere Elbtal in die Hand zu bekommen. Es muss Tiberius nicht leicht angekommen sein, den grossen, mit dem Bruder gemeinschaftlich begonnenen, dann nach dessen Tode von ihm fast vollendeten Bau zusammenstuerzen zu sehen; der gewaltige Eifer, womit er, sowie er in das Regiment wieder eingetreten war, den vor zehn Jahren begonnenen germanischen Krieg aufgenommen hatte, laesst ermessen, was diese Entsagung ihn gekostet haben muss. Wenn dennoch nicht bloss Augustus bei derselben beharrte, sondern auch nach dessen Tode er selbst, so ist dafuer ein anderer Grund nicht zu finden, als dass sie die durch zwanzig Jahre hindurch verfolgten Plaene zur Veraenderung der Nordgrenze als unausfuehrbar erkannten und die Unterwerfung und Behauptung des Gebietes zwischen dem Rhein und der Elbe ihnen die Kraefte des Reiches zu uebersteigen schien. Wenn die bisherige Reichsgrenze von der mittleren Donau bis an deren Quelle und den oberen Rhein und dann rheinabwaerts lief, so wurde sie allerdings durch die Verlegung an die in ihrem Quellgebiet der mittleren Donau sich naehernde Elbe und an deren ganzen Lauf wesentlich verkuerzt und verbessert; wobei wahrscheinlich ausser dem evidenten militaerischen Gewinn auch noch das politische Moment in Betracht kam, dass die moeglichst weite Entfernung der grossen Kommandos von Rom und Italien eine der leitenden Maximen der Augusteischen Politik war und ein Elbheer in der weiteren Entwicklung Roms schwerlich dieselbe Rolle gespielt haben wuerde, wie sie die Rheinheere nur zu bald uebernahmen. Die Vorbedingungen dazu, die Niederwerfung der germanischen Patriotenpartei und des Suebenkoenigs in Boehmen, waren keine leichten Aufgaben; indes man hatte dem Gelingen derselben schon einmal ganz nahe gestanden und bei richtiger Fuehrung konnten diese Erfolge nicht verfehlt werden. Aber eine andere Frage war es, ob nach der Einrichtung der Elbgrenze die Truppen aus dem zwischenliegenden Gebiet weggezogen werden konnten; diese Frage hatte der dalmatisch-pannonische Krieg in sehr ernster Weise der roemischen Regierung gestellt. Wenn schon das bevorstehende Einruecken der roemischen Donauarmee in Boehmen einen mit Anstrengung aller militaerischen Hilfsmittel erst nach vierjaehrigem Kampf niedergeworfenen Volksaufstand in Illyricum hervorgerufen hatte, so durfte weder zur Zeit noch auf lange Jahre hinaus dies weite Gebiet sich selbst ueberlassen werden. Aehnlich stand es ohne Zweifel am Rhein. Das roemische Publikum pflegte wohl sich zu ruehmen, dass der Staat ganz Gallien in Unterwuerfigkeit halte durch die 1200 Mann starke Besatzung von Lyon; aber die Regierung konnte nicht vergessen, dass die beiden grossen Armeen am Rhein nicht bloss die Germanen abwehrten, sondern auch fuer die keineswegs durch Fuegsamkeit sich auszeichnenden gallischen Gaue gar sehr in Betracht kamen. An der Weser oder gar an der Elbe aufgestellt, haetten sie diesen Dienst nicht in gleichem Masse geleistet; und sowohl den Rhein wie die Elbe besetzt zu halten, vermochte man nicht. So mochte Augustus wohl zu dem Schluss kommen, dass mit dem damaligen, allerdings seit kurzem erheblich verstaerkten, aber immer noch tief unter dem Mass des wirklich Erforderlichen stehenden Heerbestand jene grosse Grenzregulierung nicht auszufuehren sei; die Frage ward damit aus einer militaerischen zu einer Frage der inneren Politik und insonderheit zu einer Finanzfrage. Die Kosten der Armee noch weiter zu steigern, hat weder Augustus noch Tiberius sich getraut. Man kann dies tadeln. Der laehmende Doppelschlag der illyrischen und der germanischen Insurrektion mit ihren schweren Katastrophen, das hohe Alter und die erlahmende Kraft des Herrschers, die zunehmende Abneigung des Tiberius gegen frisches Handeln und grosse Initiative und vor allem gegen jede Abweichung von der Politik des Augustus, haben dabei ohne Zweifel bestimmend mit- und vielleicht zum Nachteil des Staates gewirkt. Man fuehlt es in dem nicht zu billigenden, aber wohl erklaerlichen Auftreten des Germanicus, wie das Militaer und die Jugend das Aufgeben der neuen Provinz Germanien empfanden. Man erkennt in dem duerftigen Versuch, mit Hilfe der paar linksrheinischen deutschen Gaue wenigstens dem Namen nach das verlorene Germanien festzuhalten, in den zweideutigen und unsicheren Worten, mit denen Augustus selbst in seinem Rechenschaftsbericht Germanien als roemisch in Anspruch nimmt oder auch nicht, wie verlegen die Regierung in dieser Sache der oeffentlichen Meinung gegenueber stand. Der Griff nach der Elbgrenze war ein gewaltiger, vielleicht ueberkuehner gewesen; vielleicht von Augustus, dessen Flug im allgemeinen so hoch nicht ging, erst nach jahrelangem Zaudern und wohl nicht ohne den bestimmenden Einfluss des ihm vor allen nahestehenden juengeren Stiefsohns unternommen. Aber einen allzu kuehnen Schritt zurueckzutun ist in der Regel nicht eine Verbesserung des Fehlers, sondern ein zweiter. Die Monarchie brauchte die unbefleckte kriegerische Ehre und den unbedingten kriegerischen Erfolg in ganz anderer Weise als das ehemalige Buergermeisterregiment; das Fehlen der seit der Varusschlacht niemals ausgefuellten Nummern 17, 18 und 19 in der Reihe der Regimenter passte wenig zu dem militaerischen Prestige, und den Frieden mit Marobod aufgrund des Status quo konnte die loyalste Rhetorik nicht in einen Erfolg umreden. Anzunehmen, dass Germanicus einem eigentlichen Befehl seiner Regierung zuwider jene weit aussehenden Unternehmungen begonnen hat, verbietet seine ganze politische Stellung; aber den Vorwurf, dass er seine doppelte Stellung als Hoechstkommandierender der ersten Armee des Reiches und als kuenftiger Thronfolger dazu benutzt hat, um seine politisch-militaerischen Plaene auf eigene Faust durchzufuehren, wird man ihm so wenig ersparen koennen wie dem Kaiser den nicht minder schweren, zurueckgescheut zu sein vielleicht vor dem Fassen, vielleicht auch nur vor dem klaren Aussprechen und dem scharfen Durchfuehren der eigenen Entschluesse. Wenn Tiberius die Wiederaufnahme der Offensive wenigstens geschehen liess, so muss er empfunden haben, wieviel fuer eine kraeftigere Politik sprach; wie es ueberbedaechtige Leute wohl tun, mag er wohl sozusagen dem Schicksal die Entscheidung ueberlassen haben, bis dann der wiederholte und schwere Misserfolg des Kronprinzen die Politik der Verzagtheit abermals rechtfertigte. Leicht war es fuer die Regierung nicht, einer Armee Halt zu gebieten, die von den verlorenen drei Adlern zwei zurueckgebracht hatte; aber es geschah. Was immer die sachlichen und die persoenlichen Motive gewesen sein moegen, wir stehen hier an einem Wendepunkt der Voelkergeschicke. Auch die Geschichte hat ihre Flut und ihre Ebbe; hier tritt nach der Hochflut des roemischen Weltregiments die Ebbe ein. Nordwaerts von Italien hatte wenige Jahre hindurch die roemische Herrschaft bis an die Elbe gereicht; seit der Varusschlacht sind ihre Grenzen der Rhein und die Donau. Ein Maerchen, aber ein altes, berichtet, dass dem ersten Eroberer Germaniens, dem Drusus, auf seinem letzten Feldzug an der Elbe eine gewaltige Frauengestalt germanischer Art erschienen sei und ihm in seiner Sprache das Wort zugerufen habe "Zurueck!" Es ist nicht gesprochen worden, aber es hat sich erfuellt. Indes die Niederlage der Augusteischen Politik, wie der Friede mit Maroboduus und die Hinnahme der Teutoburger Katastrophe wohl bezeichnet werden darf, war kaum ein Sieg der Germanen. Nach der Varusschlacht muss wohl durch die Gemueter der Besten die Hoffnung gegangen sein, dass der Nation aus dem herrlichen Sieg der Cherusker und ihrer Verbuendeten und aus dem Zurueckweichen des Feindes im Westen wie im Sueden eine gewisse Einigung erwachsen werde. Den sonst sich fremd gegenueberstehenden Sachsen und Sueben mag vielleicht eben in diesen Krisen das Gefuehl der Einheit aufgegangen sein. Dass die Sachsen vom Schlachtfelde weg den Kopf des Varus an den Suebenkoenig schickten, kann nichts sein als der wilde Ausdruck des Gedankens, dass fuer alle Germanen die Stunde gekommen sei, in gemeinschaftlichem Ansturm sich auf das Roemische Reich zu stuerzen und des Landes Grenze und des Landes Freiheit so zu sichern, wie sie allein gesichert werden koennen, durch Niederschlagen des Erbfeindes in seinem eigenen Heim. Aber der gebildete Mann und staatskluge Koenig nahm die Gabe der Insurgenten nur an, um den Kopf dem Kaiser Augustus zur Beisetzung zu senden; er tat nichts fuer, aber auch nichts gegen die Roemer und beharrte unerschuetterlich in seiner Neutralitaet. Unmittelbar nach dem Tode des Augustus hatte man in Rom den Einbruch der Markomannen in Raetien gefuerchtet, aber, wie es scheint, ohne Ursache, und als dann Germanicus die Offensive gegen die Germanen vom Rhein aus wieder aufnahm, hatte der maechtige Markomannenkoenig untaetig zugesehen. Diese Politik der Feinheit oder der Feigheit in der wild bewegten, von patriotischen Erfolgen und Hoffnungen trunkenen germanischen Welt grub sich ihr eigenes Grab. Die entfernteren, nur lose mit dem Reich verknuepften Suebenstaemme, die Semnonen, Langobarden und Gothonen, sagten dem Koenig ab und machten gemeinschaftliche Sache mit den saechsischen Patrioten; es ist nicht unwahrscheinlich, dass die ansehnlichen Streitkraefte, ueber welche Arminius und Inguiomerus in den Kaempfen gegen Germanicus offenbar geboten, ihnen grossenteils von daher zugestroemt sind. Als bald darauf der roemische Angriff ploetzlich abgebrochen ward, wendeten sich die Patrioten (17) zum Angriff gegen Maroboduus, vielleicht zum Angriff auf das Koenigtum ueberhaupt, wenigstens wie dieser es nach roemischem Muster verwaltete ^23. Aber auch unter ihnen selbst waren Spaltungen eingetreten; die beiden nah verwandten cheruskischen Fuersten, die in den letzten Kaempfen die Patrioten wenn nicht siegreich, doch tapfer und ehrenvoll gefuehrt und bisher stets Schulter an Schulter gefochten hatten, standen in diesem Krieg nicht mehr zusammen. Der Oheim Inguiomerus ertrug es nicht noch laenger, neben dem Neffen der zweite zu sein, und trat bei dem Ausbruch des Krieges auf Maroboduus' Seite. So kam es zur Entscheidungsschlacht zwischen Germanen und Germanen, ja zwischen denselben Staemmen; denn in beiden Armeen fochten sowohl Sueben wie Cherusker. Lange schwankte der Kampf; beide Heere hatten von der roemischen Taktik gelernt, und auf beiden Seiten war die Leidenschaft und die Erbitterung gleich. Einen eigentlichen Sieg erfocht Arminius nicht, aber der Gegner ueberliess ihm das Schlachtfeld, und da Maroboduus den kuerzeren gezogen zu haben schien, verliessen ihn die bisher noch zu ihm gehalten hatten und fand er sich auf sein eigenes Reich beschraenkt. Als er roemische Hilfe gegen die uebermaechtigen Landsleute erbat, erinnerte ihn Tiberius an sein Verhalten nach der Varusschlacht und erwiderte, dass jetzt die Roemer ebenfalls neutral bleiben wuerden. Es ging nun schleunig mit ihm zu Ende. Schon im folgenden Jahr (18) wurde er von einem Gothonenfuersten Catualda, den er frueher persoenlich beleidigt hatte und der dann mit den uebrigen ausserboehmischen Sueben von ihm abgefallen war, in seinem Koenigssitz selbst ueberfallen und rettete, von den Seinigen verlassen, mit Not sich zu den Roemern, die ihm die erbetene Freistatt gewaehrten - als roemischer Pensionaer ist er viele Jahre spaeter in Ravenna gestorben.


^23 Die Angabe des Tacitus (ann. 2, 45), dass dies eigentlich ein Krieg der Republikaner gegen die Monarchisten gewesen sei, ist wohl nicht frei von Uebertragung hellenisch-roemischer Anschauungen auf die sehr verschiedene germanische Welt. Soweit der Krieg eine ethisch-politische Tendenz gehabt hat, wird ihn nicht das nomen regis, wie Tacitus sagt, sondern das certum imperium visque regia des Velleius (2, 108) hervorgerufen haben.


Also waren Arminius' Gegner wie seine Nebenbuhler fluechtig geworden, und die germanische Nation sah auf keinen andern als auf ihn. Aber diese Groesse war seine Gefahr und sein Verderben. Seine eigenen Landsleute, vor allem sein eigenes Geschlecht schuldigte ihn an, den Weg Marobods zu gehen und nicht bloss der Erste, sondern auch der Herr und der Koenig der Germanen sein zu wollen - ob mit Grund oder nicht und ob, wenn er dies wollte, er damit nicht vielleicht das Rechte wollte, wer vermag es zu sagen? Es kam zum Buergerkrieg zwischen ihm und diesen Vertretern der Volksfreiheit; zwei Jahre nach Maroboduus' Verbannung fiel auch er, gleich Caesar, durch den Mordstahl ihm nahestehender, republikanisch gesinnter Adliger. Seine Gattin Thusnelda und sein in der Gefangenschaft geborener Sohn Thumelicus, den er nie mit Augen gesehen hat, zogen bei dem Triumph des Germanicus (26. Mai 17) unter den anderen vornehmen Germanen gefesselt mit auf das Kapitol; der alte Segestes ward fuer seine Treue gegen die Roemer mit einem Ehrenplatz bedacht, von wo aus er dem Einzug seiner Tochter und seines Enkels zuschauen durfte. Sie alle sind im Roemerreich gestorben; mit Maroboduus fanden auch Gattin und Sohn seines Gegners im Exil von Ravenna sich zusammen. Wenn Tiberius bei Abberufung des Germanicus bemerkte, dass es gegen die Deutschen der Kriegfuehrung nicht beduerfe und dass sie das fuer Rom Erforderliche schon weiter selber besorgen wuerden, so kannte er seine Gegner; darin allerdings hat die Geschichte ihm recht gegeben. Aber dem hochsinnigen Mann, der sechsundzwanzigjaehrig seine saechsische Heimat von der italischen Fremdherrschaft erloest hatte, der dann in siebenjaehrigem Kampfe fuer die wiedergewonnene Freiheit Feldherr wie Soldat gewesen war, der nicht bloss Leib und Leben, sondern auch Weib und Kind fuer seine Nation eingesetzt hatte, um dann siebenunddreissigjaehrig von Moerderhand zu fallen, diesem Mann gab sein Volk, was es zu geben vermochte, ein ewiges Gedaechtnis im Heldenlied. 2. Kapitel Spanien Die Zufaelligkeiten der aeusseren Politik bewirkten es, dass die Roemer frueher als in irgendeinem anderen Teil des ueberseeischen Kontinents sich auf der Pyrenaeischen Halbinsel festsetzten und hier ein zwiefaches staendiges Kommando einrichteten. Auch hatte die Republik hier nicht, wie in Gallien und in Illyricum, sich darauf beschraenkt, die Kuesten des italischen Meeres zu unterwerfen, vielmehr gleich von Anfang an, nach dem Vorgang der Barkiden, die Eroberung der ganzen Halbinsel in das Auge gefasst. Mit den Lusitanern (in Portugal und Estremadura) hatten die Roemer gestritten, seit sie sich Herren von Spanien nannten; die "entferntere Provinz" war recht eigentlich gegen diese und zugleich mit der naeheren eingerichtet worden; die Callaeker (Galicia) wurden ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht den Roemern botmaessig; kurz vor derselben hatte in seinem ersten Feldzug der spaetere Diktator Caesar die roemischen Waffen bis nach Brigantium (Coruna) getragen und die Zugehoerigkeit dieser Landschaft zu der entfernteren Provinz aufs neue befestigt. Es haben dann in den Jahren zwischen Caesars Tod bis auf Augustus Einherrschaft die Waffen in Nordspanien niemals geruht: nicht weniger als sechs Statthalter haben in dieser kurzen Zeit dort den Triumph gewonnen, und vielleicht erfolgte die Unterwerfung des suedlichen Abhangs der Pyrenaeen vorzugsweise in diese Epoche ^1. Die Kriege mit den stammverwandten Aquitanern an der Nordseite des Gebirges, die in die gleiche Epoche fallen und von denen der letzte im Jahre 727 (27) siegreich zu Ende ging, werden damit in Zusammenhang stehen. Bei der Reorganisation der Verwaltung im Jahre 727 (27) kam die Halbinsel an Augustus, weil dort ausgedehnte militaerische Operationen in Aussicht genommen waren und sie einer dauernden Besatzung bedurfte. Obgleich das suedliche Drittel der entfernteren Provinz, seitdem benannt vom Baetisfluss (Guadalquivir), dem Regiment des Senats bald zurueckgegeben wurde ^2, blieb doch der bei weitem groessere Teil der Halbinsel stets in kaiserlicher Verwaltung, sowohl der groessere Teil der entfernteren Provinz, Lusitanien und Callaekien ^3, wie die ganze grosse naehere. Unmittelbar nach Einrichtung der neuen Oberleitung begab sich Augustus persoenlich nach Spanien, um in zweijaehrigem Aufenthalt (728, 729 26, 25) die neue Verwaltung zu ordnen und die Okkupation der noch nicht botmaessigen Landesteile zu leiten. Er tat dies von Tarraco aus, und es wurde damals ueberhaupt der Sitz der Regierung der naeheren Provinz von Neukarthago nach Tarraco verlegt, von welcher Stadt diese Provinz auch seitdem gewoehnlich genannt wird. Wenn es einerseits notwendig erschien, den Sitz der Verwaltung nicht von der Kueste zu entfernen, so beherrschte andererseits die neue Hauptstadt das Ebrogebiet und die Kommunikationen mit dem Nordwesten und den Pyrenaeen. Gegen die Asturer (in den Provinzen Asturien und Leon) und vor allem die Kantabrer (im Vaskenland und der Provinz Santander), welche sich hartnaeckig in ihren Bergen behaupteten und die benachbarten Gaue ueberliefen, zog sich mit Unterbrechungen, die die Roemer Siege nannten, der schwere und verlustvolle Krieg acht Jahre hin, bis es endlich Agrippa gelang, durch Zerstoerung der Bergstaedte und Verpflanzung der Bewohner in die Taeler den offenen Widerstand zu brechen.


^1 Es triumphierten ueber Spanien, abgesehen von dem wohl politischen Triumph des Lepidus, im Jahre 718 (36) Cn. Domitius Calvinus (Konsul 714 40), im Jahre 720 (34) C. Norbanus Flaccus (Konsul 716 38), zwischen 720 (34) und 725 (29) L. Marcius Philippus (Konsul 716 38) und Appius Claudius Pulcher (Konsul 716 38), im Jahre 726 (28) C. Calvisius Sabinus (Konsul 715 39), im Jahre 728 (26) Sex. Appuleius (Konsul 725 29). Die Schriftsteller erwaehnen nur den Sieg, den Calvinus ueber die Cerretaner (bei Puycerda in den oestlichen Pyrenaeen) erfocht (Dio 48, 42; vgl. Vell. 2, 78 und die Muenze des Sabinus mit Osca, Eckhel, Bd. 5, S. 203). ^2 Da Augusta Emerita in Lusitanien erst im Jahre 729 (25) Kolonie ward (Dio 53, 26) und diese bei dem Verzeichnis der Provinzen, in denen Augustus Kolonien gegruendet hat (Monumentum Ancyranum, S. 119, vgl. S. 222), nicht fueglich unberuecksichtigt geblieben sein kann, so wird die Trennung von Lusitania und Hispania ulterior erst nach dem kantabrischen Kriege stattgefunden haben. ^3 Callaekien ist nicht bloss von der Ulterior aus eingenommen worden, sondern muss noch in der frueheren Zeit des Augustus zu Lusitanien gehoert haben, ebenso Asturien anfaenglich zu dieser Provinz geschlagen worden sein. Sonst ist die Erzaehlung bei Dio 54, 5 nicht zu verstehen; T. Carisius, der Erbauer Emeritas, ist offenbar der Statthalter von Lusitanien, C. Furnius der der Tarraconensis. Damit stimmt auch die parallele Darstellung bei Florus (epit. 2, 33), denn die Drigaecini der Handschriften sind sicher die Brigaikinoi, die Ptolemaeos (2, 6, 29) unter den Asturern auffuehrt. Darum fasst auch Agrippa in seinen Messungen Lusitania mit Asturia und Callaecia zusammen (Plin. nat. 4, 22, 118), und bezeichnet Strabon (3, 4, 20, p. 166) die Callaeker als frueher Lusitaner genannt. Schwankungen in der Abgrenzung der spanischen Provinzen erwaehnt Strabon (3, 4, 19, p. 166).


Wenn, wie Kaiser Augustus sagt, seit seiner Zeit die Kueste des Ozeans von Cadiz bis zur Elbmuendung den Roemern gehorchte, so war in diesem Winkel derselben der Gehorsam recht unfreiwillig und von geringem Verlass. Zu einer eigentlichen Befriedung scheint es im nordwestlichen Spanien noch lange nicht gekommen zu sein. Noch in Neros Zeit ist von Kriegszuegen gegen die Asturer die Rede. Deutlicher noch spricht die Besetzung des Landes, wie Augustus sie angeordnet hat. Callaekien wurde von Lusitanien getrennt und mit der tarraconensischen Provinz vereinigt, um den Oberbefehl in Nordspanien in einer Hand zu konzentrieren. Diese Provinz ist nicht bloss damals die einzige gewesen, welche, ohne an Feindesland zu grenzen, ein legionares Militaerkommando erhalten hat, sondern es wurden von Augustus nicht weniger als drei Legionen ^4 dorthin gelegt, zwei nach Asturien, eine nach Kantabrien, und trotz der militaerischen Bedraengnis in Germanien und in Illyricum ward diese Besatzung nicht vermindert. Das Hauptquartier ward zwischen der alten Metropole Asturiens, Lancia, und der neuen, Asturica Augusta (Astorga), eingerichtet, in dem noch heute von ihm den Namen fuehrenden Leon. Mit dieser starken Besetzung des Nordwestens haengen wahrscheinlich die daselbst in der frueheren Kaiserzeit in bedeutendem Umfange vorgenommenen Strassenanlagen zusammen, obwohl wir, da die Dislokation dieser Truppen in der augustischen Zeit uns unbekannt ist, den Zusammenhang im einzelnen nicht nachzuweisen vermoegen. So ist von Augustus und Tiberius fuer die Hauptstadt Callaekiens Bracara (Braga) eine Verbindung mit Asturica, das heisst mit dem grossen Hauptquartier, nicht minder mit den noerdlich, nordoestlich und suedlich benachbarten Staedten hergestellt worden. Aehnliche Anlagen machte Tiberius im Gebiet der Vasconen und in Kantabrien ^5. Allmaehlich konnte die Besatzung verringert, unter Claudius eine Legion, unter Nero eine zweite anderswo verwendet werden. Doch wurden diese nur als abkommandiert angesehen, und noch zu Anfang der Regierung Vespasians hatte die spanische Besatzung wieder ihre fruehere Staerke; eigentlich reduziert haben sie erst die Flavier, Vespasian auf zwei, Domitian auf eine Legion. Von da an bis in die diocletianische Zeit hat eine einzige Legion, die 7. gemina und eine gewisse Zahl von Hilfskontingenten in Leon garnisoniert.


^4 Es sind dies die 4. makedonische, die 6. victrix und die 10. gemina. Die erste von diesen kam in Folge der durch Claudius' britannische Expedition veranlassten Verschiebung der Truppenlager an den Rhein. Die beiden anderen, obwohl inzwischen mehrfach anderswo verwendet, standen noch im Anfang der Regierung Vespasians in ihrer alten Garnison und mit ihnen anstatt der 4. die von Galba neu errichtete 1. adiutrix (Tac. hist. 1, 44). Alle drei wurden in Veranlassung des Bataverkrieges an den Rhein geschickt, und es kam davon nur eine zurueck. Denn noch im Jahre 88 lagen in Spanien mehrere Legionen (Plin. paneg. 14; vgl. Hermes 3, 1868, S. 118), von welchen eine sicher die schon vor dem Jahre 79 in Spanien garnisonierende 7. gemina (CIL II, 2477) ist; die zweite muss eine von jenen dreien sein und ist wahrscheinlich die 1. adiutrix, da diese bald nach dem Jahre 88 an den Donaukriegen Domitians sich beteiligt und unter Traian in Obergermanien steht, was die Vermutung nahelegt, dass sie eine der mehreren im Jahre 88 von Spanien nach Obergermanien gefuehrten Legionen gewesen und bei dieser Veranlassung aus Spanien weggekommen ist. In Lusitanien haben keine Legionen gestanden. ^5 Bei dem Ort Pisoraca (Herrera am Pisuerga, zwischen Palencia und Santander), der allein auf Inschriften des Tiberius und des Nero, und zwar als Ausgangspunkt einer Kaiserstrasse genannt wird (CIL II, 4883, 4884), duerfte das Lager der kantabrischen Legion gewesen sein, wie bei Leon das asturische. Auch Augustobriga (westlich von Saragossa) und Complutum (Alcala de Henares, nordwaerts von Madrid) werden nicht ihrer staedtischen Bedeutung wegen, sondern als Truppenlager Reichsstrassenzentren gewesen sein.


Keine Provinz ist unter dem Prinzipat weniger von den aeusseren wie von den inneren Kriegen beruehrt worden als dieses Land des fernen Westens. Wenn in dieser Epoche die Truppenkommandos gleichsam die Stelle der rivalisierenden Parteien uebernahmen, so hat das spanische Heer auch dabei durchaus eine Nebenrolle gespielt; nur als Helfer seines Kollegen trat Galba in den Buergerkrieg ein und der blosse Zufall trug ihn an die erste Stelle. Die vergleichungsweise auch nach der Reduktion noch auffallend starke Besatzung des Nordwestens der Halbinsel laesst darauf schliessen, dass diese Gegend noch im zweiten und dritten Jahrhundert nicht vollstaendig botmaessig gewesen ist; indes vermoegen wir ueber die Verwendung der spanischen Legion innerhalb der Provinz, die sie besetzt hielt, nichts Bestimmtes anzugeben. Der Krieg gegen die Kantabrer ist mit Hilfe von Kriegsschiffen gefuehrt worden; nachher haben die Roemer keine Veranlassung gehabt, hier eine dauernde Flottenstation einzurichten. Erst in der nachdiocletianischen Zeit finden wir die Pyrenaeische Halbinsel, wie die italische und die griechisch-makedonische, ohne staendige Besatzung. Dass die Provinz Baetica, wenigstens seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts, von der gegenueberliegenden Kueste aus durch die Mauren - die Piraten des Rif - vielfach heimgesucht wurde, wird in der Darstellung der afrikanischen Verhaeltnisse naeher auszufuehren sei. Vermutlich ist es daraus zu erklaeren, dass, obwohl sonst in den Provinzen des Senats kaiserliche Truppen nicht zu stehen pflegen, ausnahmsweise Italica (bei Sevilla) mit einer Abteilung der Legion von Leon belegt war ^6. Hauptsaechlich aber lag es dem in der Provinz von Tingis (Tanger) stationierten Kommando ob, das reiche suedliche Spanien vor diesen Einfaellen zu schuetzen. Dennoch ist es vorgekommen, dass Staedte wie Italica und Singili (unweit Antequera) von den Piraten belagert wurden.


^6 Damit kann in Verbindung gebracht werden, dass dieselbe Legion auch, wenngleich nur zeitweise und mit einem Detachement, in Numidien aktiv gewesen ist.


Wenn dem weltgeschichtlichen Werke der Kaiserzeit, der Romanisierung des Okzidents, von der Republik irgendwo vorgearbeitet war, so war dies in Spanien geschehen. Was das Schwert begonnen, fuehrte der friedliche Verkehr weiter: das roemische Silbergeld hat in Spanien geherrscht, lange bevor es sonst ausserhalb Italien gangbar ward, und die Bergwerke, der Wein- und Oelbau, die Handelsbeziehungen bewirkten an der Kueste, namentlich im Suedwesten, ein stetiges Einstroemen italischer Elemente. Neukarthago, die Schoepfung der Barkiden und von seiner Entstehung an bis in die augustische Zeit die Hauptstadt der Diesseitigen Provinz und der erste Handelsplatz Spaniens, umschloss schon im siebenten Jahrhundert eine zahlreiche roemische Bevoelkerung; Carteia, gegenueber dem heutigen Gibraltar, ein Menschenalter vor der Gracchenzeit gegruendet, ist die erste ueberseeische Stadtgemeinde mit einer Bevoelkerung roemischen Ursprungs; die altberuehmte Schwesterstadt Karthagos, Gades, das heutige Cadiz, die erste fremdlaendische Stadt ausserhalb Italien, welche roemisches Recht und roemische Sprache annahm. Hatte also an dem groessten Teil der Kueste des Mittellaendischen Meeres die alteinheimische wie die phoenikische Zivilisation bereits unter der Republik in die Art und Weise des herrschenden Volkes eingelenkt, so wurde in der Kaiserzeit in keiner Provinz die Romanisierung so energisch von oben herab gefoerdert wie in Spanien. Vor allem die suedliche Haelfte der Baetica zwischen dem Baetis und dem Mittelmeer hat, zum Teil schon unter der Republik oder durch Caesar, zum Teil in den Jahren 739 (15) und 740 (14) durch Augustur, eine stattliche Reihe von roemischen Vollbuergergemeinden erhalten, die hier nicht etwa vorzugsweise die Kueste, sondern vor allem das Binnenland fuellen, voran Hispalis (Sevilla) und Corduba (Cordoba) mit Kolonialrecht, mit Munizipalrecht Italica (bei Sevilla) und Gades (Cadiz). Auch im suedlichen Lusitanien begegnet eine Reihe gleichberechtigter Staedte, namentlich Olisipo (Lissabon), Pax Iulia (Beja) und die von Augustur waehrend seines Aufenthalts in Spanien gegruendete und zur Hauptstadt dieser Provinz gemachte Veteranenkolonie Emerita (Merida). In der Tarraconensis finden sich die Buergerstaedte ueberwiegend an der Kueste, Karthago nova, Ilici (Elche), Valentia, Dertosa (Tortosa), Tarraco, Barcino (Barcelona); im Binnenland tritt nur hervor die Kolonie im Ebrotal Caesaraugusta (Saragossa). Vollbuergergemeinden zaehlte man in ganz Spanien unter Augustus fuenfzig; gegen fuenfzig andere hatten bis dahin latinisches Recht empfangen und standen hinsichtlich der inneren Ordnung den Buergergemeinden gleich. Bei den uebrigen hat dann Kaiser Vespasianus bei Gelegenheit der von ihm im Jahre 74 veranstalteten allgemeinen Reichsschaetzung die latinische Gemeindeordnung ebenfalls eingefuehrt. Die Verleihung des Buergerrechts ist weder damals noch ueberhaupt in der besseren Kaiserzeit viel weiter ausgedehnt worden, als sie in augustischer Zeit gediehen war ^7, wobei wahrscheinlich hauptsaechlich die Ruecksicht auf das den Reichsbuergern gegenueber beschraenkte Aushebungsrecht massgebend gewesen ist.


^7 Dass "die Iberer Roemer genannt werden", wie Josephus (c. Ap. 2, 4) sich ausdrueckt, kann nur auf die Erteilung des latinischen Rechts durch Vespasian bezogen werden und ist eine inkorrekte Angabe des Fremden.


Die einheimische Bevoelkerung Spaniens, welche also teils mit italischen Ansiedlern vermischt, teils zu italischer Sitte und Sprache hingeleitet ward, tritt in der Geschichte der Kaiserzeit nirgends deutlich erkennbar hervor. Wahrscheinlich hat derjenige Stamm, dessen Reste und dessen Sprache sich bis auf den heutigen Tag in den Bergen Vizcayas, Guipuzcoas und Navarras behaupten, einstmals die ganze Halbinsel in aehnlicher Weise erfuellt wie die Berber das nordafrikanische Land. Ihr Idiom, von den indogermanischen grundverschieden und flexionslos wie das der Finnen und Mongolen, beweist ihre urspruengliche Selbstaendigkeit, und ihre wichtigsten Denkmaeler, die Muenzen, umfassen in dem ersten Jahrhundert der Herrschaft der Roemer in Spanien die Halbinsel mit Ausnahme der Suedkueste von Cadiz bis Granada, wo damals die phoenikische Sprache herrschte, und des Gebietes noerdlich von der Muendung des Tajo und westlich von den Ebroquellen, welches damals wahrscheinlich grossenteils faktisch unabhaengig und gewiss durchaus unzivilisiert war; in diesem iberischen Gebiet unterscheidet sich wohl die suedspanische Schrift deutlich von der der Nordprovinz, aber nicht minder deutlich sind beide Aeste eines Stammes. Die phoenikische Einwanderung hat sich hier auf noch engere Grenzen beschraenkt als in Afrika und die keltische Mischung die allgemeine Gleichfoermigkeit der nationalen Entwicklung nicht in einer fuer uns erkennbaren Weise modifiziert. Aber die Konflikte der Roemermit den Iberern gehoeren ueberwiegend der republikanischen Epoche an und sind frueher dargestellt worden. Nach den bereits erwaehnten letzten Waffengaengen unter der ersten Dynastie verschwinden die Iberer voellig aus unseren Augen. Auch auf die Frage, wieweit sie in der Kaiserzeit sich romanisiert haben, gibt die uns gebliebene Kunde keine befriedigende Antwort. Dass sie im Verkehr mit den fremden Herren von jeher veranlasst sein werden, sich der roemischen Sprache zu bedienen, bedarf des Beweises nicht; aber auch aus dem oeffentlichen Gebrauch innerhalb der Gemeinden schwindet unter dem Einfluss Roms die nationale Sprache und die nationale Schrift. Schon im letzten Jahrhundert der Republik ist die anfaenglich in weitem Umfange gestattete einheimische Praegung in der Hauptsache beseitigt worden; aus der Kaiserzeit gibt es keine spanische Stadtmuenze mit anderer als lateinischer Aufschrift ^8. Wie die roemische Tracht war die roemische Sprache auch bei denjenigen Spaniern, die des italischen Buergerrechts entbehrten, in grossem Umfang verbreitet, und die Regierung beguenstigte die faktische Romanisierung des Landes ^9. Als Augustus starb, ueberwog roemische Sprache und Sitte in Andalusien, Granada, Murcia, Valencia, Katalonien, Arragonien, und ein guter Teil davon kommt auf Rechnung nicht der Kolonisierung, sondern der Romanisierung. Durch die vorher erwaehnte Anordnung Vespasians ward die einheimische Sprache von Rechts wegen auf den Privatverkehr beschraenkt. Dass sie in diesem sich behauptet hat, beweist ihr heutiges Dasein; was jetzt auf die Berge sich beschraenkt, welche weder die Goten noch die Araber je besetzt haben, wird in der roemischen Zeit sicher ueber einen grossen Teil Spaniens, besonders den Nordwesten, sich erstreckt haben. Dennoch ist die Romanisierung in Spanien sicher sehr viel frueher und staerker eingetreten als in Afrika; Denkmaeler mit einheimischer Schrift aus der Kaiserzeit sind in Afrika in ziemlicher Anzahl, in Spanien kaum nachzuweisen, und die Berbersprache beherrscht heute noch halb Nordafrika, die iberische nur die engen Taeler der Basken. Es konnte das nicht anders kommen, teils weil in Spanien die roemische Zivilisation viel frueher und viel kraeftiger auftrat als in Afrika, teils weil die Eingeborenen dort nicht wie hier den Rueckhalt an den freien Staemmen hatten.


^8 Das wohl juengste sicher datierbare Denkmal der einheimischen Sprache ist eine Muenze von Osicerda, welche den waehrend des Gallischen Krieges von Caesar geschlagenen Denaren mit dem Elefanten nachgepraegt ist, mit lateinischer und iberischer Aufschrift (Zobel, Estudio historico de la moneda antigua espa¤ola. Bd. 2, S. 11). Unter den ganz oder teilweise epichorischen Inschriften Spaniens moegen sich manche juengere befinden; oeffentliche Setzung ist bei keiner derselben auch nur wahrscheinlich. ^9 Es hat eine Zeit gegeben, wo die Peregrinengemeinden das Recht, die lateinische zur Geschaeftssprache zu machen, vom Senat erbitten mussten; aber fuer die Kaiserzeit gilt das nicht mehr. Vielmehr ist hier wahrscheinlich haeufig das Umgekehrte eingetreten, zum Beispiel das Muenzrecht in der Weise gestattet worden, dass die Aufschrift lateinisch sein musste. Ebenso sind oeffentliche Gebaeude, die Nichtbuerger errichteten, lateinisch bezeichnet; so lautet eine Inschrift von Ilipa in Andalusien (CIL II, 1087): Urchail Atitta f(ilius) Chilasurgun portas fornac(es) aedificand(a) curavit de s(ua) p(ecunia). Dass das Tragen der Toga auch Nichtroemern gestattet und ein Zeichen von loyaler Gesinnung war, zeigt sowohl Strabons Aeusserung ueber die Tarraconensis togata wie Agricolas Verhalten in Britannien (Tac. Agr. 21).


Die einheimische Gemeindeverfassung der Iberer war von der gallischen nicht in einer fuer uns erkennbaren Weise verschieden. Von Haus aus zerfiel Spanien, wie das Keltenland dies- und jenseits der Alpen, in Gaubezirke; die Vaccaeer und die Kantabrer unterschieden sich schwerlich wesentlich von den Cenomanen der Transpadana und den Remern der Belgica. Dass auf den in der frueheren Epoche der Roemerherrschaft geschlagenen spanischen Muenzen vorwiegend nicht die Staedte genannt werden, sondern die Gaue, nicht Tarraco, sondern die Cessetaner, nicht Saguntum, sondern die Arsenser, zeigt deutlicher noch als die Geschichte der damaligen Kriege, dass auch in Spanien einst groessere Gauverbaende bestanden. Aber die siegenden Roemer behandelten diese Verbaende nicht ueberall in gleicher Weise. Die transalpinischen Gaue blieben auch unter roemischer Herrschaft politische Gemeinwesen; wie die cisalpinischen sind die spanischen nur geographische Begriffe. Wie der Distrikt der Cenomanen nichts ist als ein Gesamtausdruck fuer die Territorien von Brixia, Bergomum und so weiter, so bestehen die Asturer aus zweiundzwanzig politisch selbstaendigen Gemeinden, die allem Anschein nach rechtlich sich nicht mehr angehen als die Staedte Brixia und Bergomum ^10. Dieser Gemeinden zaehlte die tarraconensische Provinz in augustischer Zeit 293, in der Mitte des zweiten Jahrhunderts 275. Es sind also hier die alten Gauverbaende aufgeloest worden. Dabei ist schwerlich bestimmend gewesen, dass die Geschlossenheit der Vettonen und der Kantabrer bedenklicher fuer die Reichseinheit erschien als diejenige der Sequaner und der Treuerer; hauptsaechlich beruht der Unterschied wohl in der Verschiedenheit der Zeit und der Form der Eroberung. Die Landschaft am Guadalquivir ist anderthalb Jahrhunderte frueher roemisch geworden als die Ufer der Loire und der Seine; die Zeit, wo das Fundament der spanischen Ordnung gelegt wurde, liegt derjenigen Epoche nicht so gar fern, wo die samnitische Konfoederation aufgeloest ward. Hier waltet der Geist der alten Republik, in Gallien die freiere und mildere Anschauung Caesars. Die kleineren und machtlosen Distrikte, welche nach Aufloesung der Verbaende die Traeger der politischen Einheit wurden, die Kleingaue oder Geschlechter, wandelten sich im Laufe der Zeit hier wie ueberall in Staedte um. Die Anfaenge der staedtischen Entwicklung, auch ausserhalb der zu italischem Recht gelangten Gemeinden, gehen weit in die republikanische, vielleicht in die vorroemische Zeit zurueck; spaeter musste die allgemeine Verleihung des latinischen Rechts durch Vespasian diese Umwandlung allgemein oder so gut wie allgemein machen ^11. Wirklich gab es unter den 293 augustischen Gemeinden der Provinz von Tarraco 114, unter den 275 des zweiten Jahrhunderts nur 27 nicht staedtische Gemeinden.


^10 Diese merkwuerdigen Ordnungen erhellen namentlich aus den spanischen Ortsverzeichnissen bei Plinius, und sind von Detlefsen (Philologus 32, 1878, S. 606f.) gut dargelegt worden. Die Terminologie freilich ist schwankend. Da die Bezeichnungen civitas, populus, gens der selbstaendigen Gemeinde eigen sind, kommen sie von Rechts wegen diesen Teilen zu; also wird zum Beispiel gesprochen von den X civitates der Autrigonen, den XXII populi der Asturer, der gens Zoelarum (CIL II, 2633), welche eben eine dieser 22 Voelkerschaften ist. Das merkwuerdige Dokument, das wir von diesen Zoelae besitzen (CIL II, 2633) lehrt, dass diese gens wieder in gentilitates zerfiel, welche letzteren auch selbst gentes hiessen, wie eben dieses selbst und andere Zeugnisse (Eph. epigr. II, p. 243) beweisen. Es findet sich auch civis in Beziehung auf einen der kantabrischen populi (Eph. epigr. II p. 243). Aber auch fuer den groesseren Gau, der ja einstmals die politische Einheit war, gibt es andere Bezeichnungen nicht als diese eigentlich retrospektive und inkorrekte; namentlich gens wird dafuer selbst im technischen Stil verwendet (z. B. CIL II, 4233: Intercat(iensis) ex gente Vaccaeorum). Dass das Gemeinwesen in Spanien auf jenen kleinen Distrikten ruht, nicht auf den Gauen, erhellt sowohl aus der Terminologie selbst wie auch daraus, dass Plinius (3, 3, 18) jenen 293 Ortschaften die civitates contributae aliis gegenueberstellt; ferner zeigt es der Beamte at census accipiendos civitatium XXIII Vasconum et Vardulorum (CIL VI, 1463) verglichen mit dem censor civitates Remorum foederatae (CIL XI, 1855 vgl. 2607). ^11 Da die latinische Gemeindeverfassung fuer eine nicht staedtisch organisierte Gemeinde nicht passt, so muessen diejenigen spanischen, welche noch nach Vespasian der staedtischen Organisation entbehrten, entweder von der Verleihung des latinischen Rechts ausgeschlossen oder fuer sie besondere Modifikationen eingetreten sein. Das letztere duerfte mehr Wahrscheinlichkeit haben. Latinische Namensform zeigen nachvespasianische Inschriften auch der gentes, wie CIL II, 2633 und Eph. epigr. II, 322; und wenn einzelne aus dieser Zeit sich finden sollten mit nichtroemischen Namen, so wird immer noch zu fragen sein, ob hier nicht bloss faktische Vernachlaessigung zugrunde liegt. Indizien nichtroemischer Gemeindeordnung, in den sparsamen sicher vorvespasianischen Inschriften verhaeltnismaessig haeufig (CIL II, 172, 1953, 2633, 5048), sind mir in sicher nachvespasianischen nicht vorgekommen.


Ueber die Stellung Spaniens in der Reichsverwaltung ist wenig zu sagen. Bei der Aushebung haben die spanischen Provinzen eine hervorragende Rolle gespielt. Die daselbst garnisonierenden Legionen sind wahrscheinlich seit dem Anfang des Prinzipats vorzugsweise im Lande selbst ausgehoben worden; als spaeterhin einerseits die Besatzung vermindert ward, andererseits die Aushebung mehr und mehr auf den eigentlichen Garnisonsbezirk sich beschraenkte, hat die Baetica, auch hierin das Los Italiens teilend, das zweifelhafte Glueck genossen, gaenzlich vom Wehrdienst ausgeschlossen zu werden. Die auxiliare Aushebung, welcher namentlich die in der staedtischen Entwicklung zurueckgebliebenen Landschaften unterlagen, ist in Lusitanien, Callaekien, Asturien, nicht minder im ganzen noerdlichen und inneren Spanien in grossem Massstab durchgefuehrt worden; Augustus, dessen Vater sogar seine Leibwache aus Spaniern gebildet hatte, hat abgesehen von der Belgica in keinem der ihm unterstellten Gebiete so umfassend rekrutiert wie in Spanien. Fuer die Finanzen des Staates ist dies reiche Land ohne Zweifel eine der sichersten und ergiebigsten Quellen gewesen; Naeheres ist darueber nicht ueberliefert. Auf die Bedeutung des Verkehrs dieser Provinzen gestattet die Fuersorge der Regierung fuer das spanische Strassenwesen einigermassen einen Schluss. Zwischen den Pyrenaeen und Tarraco haben sich roemische Meilensteine schon aus der letzten republikanischen Zeit gefunden, wie sie keine andere Provinz des Okzidents aufweist. Dass Augustus und Tiberius den Strassenbau in Spanien hauptsaechlich aus militaerischen Ruecksichten foerderten, ist schon bemerkt worden; aber die bei Karthago nova von Augustur gebaute Strasse kann nur des Verkehrs wegen angelegt sein, und hauptsaechlich dem Verkehr diente auch die von ihm benannte und teilweise regulierte, teilweise neu angelegte durchgehende Reichsstrasse ^12, welche, die italisch-gallische Kuestenstrasse fortfuehrend und die Pyrenaeen bei dem Pass von Puycerda ueberschreitend, von da nach Tarraco ging, dann ueber Valentia hinaus bis zur Muendung des Jucar ungefaehr der Kueste folgte, von da aber quer durch das Binnenland das Tal des Baetis aufsuchte, sodann von dem Augustusbogen an, der die Grenze der beiden Provinzen bezeichnete und mit dem eine neue Milienzaehlung anhob, durch die Provinz Baetica bis an die Muendung des Flusses lief und also Rom mit dem Ozean verband. Dies ist allerdings die einzige Reichsstrasse in Spanien. Spaeter hat die Regierung fuer die Strassen Spaniens nicht viel getan; die Kommunen, welchen dieselben bald wesentlich ueberlassen wurden, scheinen, soviel wir sehen, abgesehen von dem inneren Hochplateau, ueberall die Kommunikationen in dem Umfang hergestellt zu haben, wie der Kulturstand der Provinz sie verlangte. Denn gebirgig wie Spanien ist, und nicht ohne Steppen und Oedland, gehoert es doch zu den ertragreichsten Laendern der Erde, sowohl durch die Fuelle der Bodenfrucht wie durch den Reichtum an Wein und Oel und an Metallen. Hinzu trat frueh die Industrie, vorzugsweise in Eisenwaren und in wollenen und leinenen Geweben. Bei den Schaetzungen unter Augustus hatte keine roemische Buergergemeinde, Patavium ausgenommen, eine solche Anzahl von reichen Leuten aufzuweisen wie das spanische Gades mit seinen durch die ganze Welt verbreiteten Grosshaendlern; und dem entsprach die raffinierte Ueppigkeit der Sitten, die dort heimischen Kastagnettenschlaegerinnen und die den eleganten Roemern gleich dem alexandrinischen gelaeufigen gaditanischen Lieder. Die Naehe Italiens und der bequeme und billige Seeverkehr gaben fuer diese Epoche besonders der spanischen Sued- und Ostkueste die Gelegenheit, ihre reichen Produkte auf den ersten Markt der Welt zu bringen, und wahrscheinlich hat Rom mit keinem Lande der Welt einen so umfassenden und stetigen Grosshandel betrieben wie mit Spanien.


^12 Die Richtung der via Augusta gibt Strabon (3, 4, 9 p. 160) an; ihr gehoeren alle Meilensteine an, die jenen Namen haben, sowohl die aus der Gegend von Lerida (CIL II, 4920-4928) wie die zwischen Tarragona und Valencia gefundenen (das. 4949-4954), wie endlich die zahlreichen ab Iano Augusto, qui est ad Baetem oder ab arcu, unde incipit Baetica, ad oceanum.


Dass die roemische Zivilisation Spanien frueher und staerker durchdrungen hat als irgendeine andere Provinz, bestaetigt sich nach verschiedenen Seiten, insbesondere in dem Religionswesen und in der Literatur. Zwar in dem noch spaeter iberischen, von Einwanderung ziemlich freigebliebenen Gebiet, in Lusitanien, Callaekien, Asturien, haben die einheimischen Goetter mit ihren seltsamen, meist auf -icus und -ecus ausgehenden Namen, der Endovellicus, der Eaecus, Vagodonnaegus und wie sie weiter heissen, auch unter dem Prinzipat noch sich in den alten Staetten behauptet. Aber in der ganzen Baetica ist nicht ein einziger Votivstein gefunden worden, der nicht ebensogut auch in Italien haette gesetzt sein koennen; und von der eigentlichen Tarraconensis gilt dasselbe, nur dass von dem keltischen Goetterwesen am oberen Duero vereinzelte Spuren begegnen ^13. Eine gleich energische sakrale Romanisierung weist keine andere Provinz auf.


^13 In Clunia ist eine Dedikation an die Muetter gefunden (CIL II, 2776) - die einzige spanische dieses bei den westlichen Kelten so weit verbreiteten und so lange anhaltenden Kults -, in Uxama eine den Lugoves gesetzte (das. 2818), welche Gottheit bei den Kelten von Aventicum wiederkehrt.


Die lateinischen Poeten in Corduba nennt Cicero nur, um sie zu tadeln; und das augustische Zeitalter der Literatur ist auch noch wesentlich das Werk der Italiener, wenngleich einzelne Provinzialen daran mithalfen und unter anderen der gelehrte Bibliothekar des Kaisers, der Philolog Hyginus, als Unfreier in Spanien geboren war. Aber von da an uebernahmen die Spanier darin fast die Rolle wenn nicht des Fuehrers, so doch des Schulmeisters. Die Cordubenser Marcus Porcius Latro, der Lehrer und das Muster Ovids, und sein Landsmann und Jugendfreund Annaeus Seneca, beide nur etwa ein Dezennium juenger als Horaz, aber laengere Zeit in ihrer Vaterstadt als Lehrer der Beredsamkeit taetig, bevor sie ihre Lehrtaetigkeit nach Rom verlegten, sind recht eigentlich die Vertreter der die republikanische Redefreiheit und Redefrechheit abloesenden Schulrhetorik. Als der erstere einmal in einem wirklichen Prozess aufzutreten nicht umhin konnte, blieb er mit seinem Vortrag stecken und kam erst wieder in Fluss, als das Gericht dem beruehmten Mann zu Gefallen vom Tribunal weg in den Schulsaal verlegt ward. Auch Senecas Sohn, der Minister Neros und der Modephilosoph der Epoche, und sein Enkel, der Poet der Gesinnungsopposition gegen den Prinzipat, Lucanus, haben eine literarisch ebenso zweifelhafte wie geschichtlich unbestreitbare Bedeutung, die doch auch in gewissem Sinn Spanien zugerechnet werden darf. Ebenfalls in der fruehen Kaiserzeit haben zwei andere Provinzialen aus der Baetica, Mela unter Claudius, Columella unter Nero, jener durch seine kurze Erdbeschreibung, dieser durch eine eingehende, zum Teil auch poetische Darstellung des Ackerbaus einen Platz unter den anerkannten stilisierenden Lehrschriftstellern gewonnen. Wenn in der domitianischen Zeit der Poet Canius Rufus aus Gades, der Philosoph Decianus aus Emerita und der Redner Valerius Licinianus aus Bilbilis (Calatayud, unweit Saragossa) als literarische Groessen neben Vergil und Catull und neben den drei cordubensischen Sternen gefeiert werden, so geschieht dies allerdings ebenfalls von einem Bilbilitaner, Valerius Martialis ^14, welcher selbst an Feinheit und Mache, freilich aber auch an Feilheit und Leere unter den Dichtern dieser Epoche keinem weicht, und man wird mit Recht dabei die Landsmannschaft in Anrechnung bringen; doch zeigt schon die blosse Moeglichkeit, einen solchen Dichterstrauss zu binden, die Bedeutung des spanischen Elements in der damaligen Literatur. Aber die Perle der spanisch- lateinischen Schriftstellerei ist Marcus Fabius Quintilianus (35 bis 95) aus Calagurris am Ebro. Schon sein Vater hatte als Lehrer der Beredsamkeit im Rom gewirkt; er selbst wurde durch Galba nach Rom gezogen und nahm, namentlich unter Domitian, als Erzieher der kaiserlichen Neffen eine angesehene Stellung ein. Sein Lehrbuch der Rhetorik und bis zu einem Grade der roemischen Literaturgeschichte ist eine der vorzueglichsten Schriften, die wir aus dem roemischen Altertum besitzen, von feinem Geschmack und sicherem Urteil getragen, einfach in der Empfindung wie in der Darstellung, lehrhaft ohne Langweiligkeit, anmutig ohne Bemuehung, in scharfem und bewusstem Gegensatz zu der phrasenreichen und gedankenleeren Modeliteratur. Nicht am wenigsten ist es sein Werk, dass die Richtung sich, wenn nicht besserte, so doch aenderte. Spaeterhin tritt in der allgemeinen Nichtigkeit der Einfluss der Spanier nicht weiter hervor. Was bei ihrer lateinischen Schriftstellerei geschichtlich besonders ins Gewicht faellt, ist das vollstaendige Anschmiegen dieser Provinzialen an die literarische Entwicklung des Mutterlandes. Cicero freilich spottet ueber das Ungeschick und die Provinzialismen der spanischen Dichtungsbeflissenen; und noch Latros Latein fand nicht den Beifall des roemisch geborenen, ebenso vornehmen wie korrekten Messalla Corvinus. Aber nach der augustischen Zeit wird nichts Aehnliches wieder vernommen. Die gallischen Rhetoren, die grossen afrikanischen Kirchenschriftsteller sind auch als lateinische Schriftsteller einigermassen Auslaender geblieben; die Seneca und Martialis wuerde an ihrem Wesen und Schreiben niemand als solche erkennen; an inniger Liebe zu der eigenen Literatur und an feinem Verstaendnis derselben hat nie ein Italiener es dem calagurritanischen Sprachlehrer zuvorgetan.


^14 Die Hinkejamben (1, 61) lauten: Hoch schaetzt des feinen Dichters Lieder Verona; Des Ivlaro freut sich Mantua. Pataviums grosser Livius macht der Stadt Ruhm aus Und Stella wie ihr Flaccus auch. Apollodoren rauscht Beifall des Nils Woge; Von Nasos Ruhm ist Sulmo voll. Die beiden Seneca und den einzigen Lucanus Ruehmt das beredte Corduba. Das lustige Gades wird den Canius sein nennen, Emerita meinen Decian. Also wird unser Bilbilis auf dich stolz sein, Licinian, und auch auf mich.


3. Kapitel Die gallischen Provinzen Wie Spanien war auch das suedliche Gallien bereits in republikanischer Zeit ein Teil des Roemischen Reiches geworden, jedoch weder so frueh noch so vollstaendig wie jenes. Die beiden spanischen Provinzen sind in der hannibalischen, die Provinz Narbo in der gracchischen Zeit eingerichtet worden; und wenn dort Rom die ganze Halbinsel an sich nahm, so begnuegte es sich hier nicht bloss bis in die letzte Zeit der Republik mit dem Besitz der Kueste, sondern es nahm auch von dieser unmittelbar nur die kleinere und die entferntere Haelfte. Nicht mit Unrecht bezeichnete die Republik diesen ihren Besitz als das Stadtgebiet Narbo (Narbonne); der groessere Teil der Kueste, etwa von Montpellier bis Nizza, gehoerte der Stadt Massalia. Diese Griechengemeinde war mehr ein Staat als eine Stadt, und das von alters her bestehende gleiche Buendnis mit Rom erhielt durch ihre Machtstellung eine reale Bedeutung, wie sie bei keiner zweiten Bundesstadt je vorgekommen ist. Freilich waren nichtsdestoweniger die Roemer fuer diese benachbarten Griechen, mehr noch als fuer die entfernteren des Ostens, der Schild wie das Schwert. Die Massalioten hatten wohl das untere Rhonegebiet bis nach Avignon hinauf in ihrem Besitz; aber die ligurischen und die keltischen Gaue des Binnenlandes waren ihnen keineswegs botmaessig, und das roemische Standlager bei Aquae Sextiae (Aix), einen Tagemarsch nordwaerts von Massalia, ist recht eigentlich zum dauernden Schutz der reichen griechischen Kaufstadt eingerichtet worden. Es war eine der schwerwiegendsten Konsequenzen des roemischen Buergerkrieges, dass mit der legitimen Republik zugleich ihre treueste Verbuendete, die Stadt Massalia, politisch vernichtet, aus einem mitherrschenden Staat umgewandelt ward in eine auch ferner reichsfreie und griechische, aber ihre Selbstaendigkeit und ihren Hellenismus in den bescheidenen Verhaeltnissen einer provinzialen Mittelstadt bewahrende Gemeinde. In politischer Hinsicht ist nach der Einnahme im Buergerkrieg nicht weiter von Massalia die Rede; die Stadt ist fortan nur fuer Gallien, was Neapolis fuer Italien, das Zentrum griechischer Bildung und griechischer Lehre. Insofern als der groessere Teil der spaeteren Provinz Narbo erst damals unter unmittelbare roemische Verwaltung trat, gehoert auch deren Einrichtung gewissermassen erst dieser Epoche an. Wie das uebrige Gallien in roemische Gewalt kam, ist auch bereits erzaehlt worden. Vor Caesars Gallischem Krieg erstreckte die Roemerherrschaft sich ungefaehr bis nach Toulouse, Vienne und Genf, nach demselben bis an den Rhein in seinem ganzen Lauf und an die Kuesten des Atlantischen Meeres im Norden wie im Westen. Allerdings war diese Unterwerfung wahrscheinlich nicht vollstaendig, im Nordwesten vielleicht nicht viel weniger oberflaechlich gewesen als diejenige Britanniens. Indes erfahren wir von Ergaenzungskriegen hauptsaechlich nur hinsichtlich der Distrikte iberischer Nationalitaet. Den Iberern gehoerte nicht bloss der suedliche, sondern auch der noerdliche Abhang der Pyrenaeen mit deren Vorland, Bearn, die Gascogne, das westliche Languedoc ^1; und es ist schon erwaehnt worden, dass, als das nordwestliche Spanien mit den Roemern die letzten Kaempfe bestand, auch auf der noerdlichen Seite der Pyrenaeen und ohne Zweifel in Zusammenhang damit, ernsthaft gestritten wurde, zuerst von Agrippa im Jahre 716 (38), dann von Marcus Valerius Messalla, dem bekannten Patron der roemischen Poeten, welcher im Jahre 726 (28) oder 727 (27), also ungefaehr gleichzeitig mit dem Kantabrischen Krieg, in dem altroemischen Gebiet unweit Narbonne die Aquitaner in offener Feldschlacht ueberwand. In Betreff der Kelten wird nichts weiter gemeldet, als dass kurz vor der Actischen Schlacht die Moriner in der Picardie niedergeworfen wurden; und wenn auch waehrend des zwanzigjaehrigen, fast ununterbrochenen Buergerkrieges unsere Berichterstatter die verhaeltnismaessig unbedeutenden gallischen Angelegenheiten aus den Augen verloren haben moegen, so beweist doch das Schweigen des hier vollstaendigen Verzeichnisses der Triumphe, dass keine weiteren militaerischen Unternehmungen von Bedeutung im Keltenland waehrend dieser Zeit stattgefunden haben. Auch nachher, waehrend der langen Regierung des Augustus und bei allen, zum Teil recht bedenklichen Krisen der germanischen Kriege, sind die gallischen Landschaften botmaessig geblieben. Freilich hat die roemische Regierung sowohl wie die germanische Patriotenpartei, wie wir gesehen haben, bestaendig in Rechnung gezogen, dass ein entscheidender Erfolg der Deutschen und deren Einruecken in Gallien eine Erhebung der Gallier gegen Rom im Gefolge haben werde; sicher also kann die Fremdherrschaft damals noch keineswegs gestanden haben. Zu einer wirklichen Insurrektion kam es im Jahre 21 unter Tiberius. Es bildete sich unter dem keltischen Adel eine weit verzweigte Verschwoerung zum Sturz des roemischen Regiments. Sie kam vorzeitig zum Ausbruch in den wenig bedeutenden Gauen der Turoner und der Andecaven an der unteren Loire, und es wurde sogleich nicht bloss die kleine Lyoner Besatzung, sondern auch ein Teil der Rheinarmee gegen die Aufstaendischen in Marsch gesetzt. Dennoch schlossen die angesehensten Distrikte sich an; die Treuerer unter Fuehrung des Iulius Florus warfen sich haufenweise in die Ardennen; in der unmittelbaren Nachbarschaft von Lyon erhoben sich unter Fuehrung des Iulius Sacrovir die Haeduer und die Sequaner. Freilich wurden die geschlossenen Legionen ohne grosse Muehe der Rebellen Herr; allein der Aufstand, an dem die Germanen sich in keiner Weise beteiligten, zeigt doch den im Lande und namentlich bei dem Adel damals noch herrschenden Hass gegen die fremden Gebieter, welcher durch den Steuerdruck und die Finanznot, die als die Ursachen der Insurrektion bezeichnet werden, gewiss verstaerkt, aber nicht erst erzeugt war. Eine groessere Leistung der roemischen Staatskunst, als dass sie Galliens Herr zu werden vermocht hat, ist es, dass sie verstanden hat, es zu bleiben, und dass Vercingetorix keinen Nachfolger gefunden hat, obwohl es, wie man sieht, nicht ganz an Maennern fehlte, die gern den gleichen Weg gewandelt waeren. Erreicht ward dies durch kluge Verbindung des Schreckens und des Gewinnens, man kann hinzusetzen des Teilens. Die Staerke und die Naehe der Rheinarmee ist ohne Frage das erste und das wirksamste Mittel gewesen, um die Gallier in der Furcht des Herrn zu erhalten. Wenn dieselbe durch das ganze Jahrhundert hindurch auf der gleichen Hoehe geblieben ist, wie dies in dem folgenden Abschnitt dargelegt werden wird, so ist dies wahrscheinlich ebenso sehr der eigenen Untertanen wegen geschehen, als wegen der spaeterhin keineswegs besonders furchtbaren Nachbarn. Dass schon die zeitweilige Entfernung dieser Truppen die Fortdauer der roemischen Herrschaft in Frage stellte, nicht weil die Germanen dann den Rhein ueberschreiten, sondern weil die Gallier den Roemern die Treue aufsagen konnten, lehrt die Erhebung nach Neros Tod trotz ihrer Haltlosigkeit: nachdem die Truppen nach Italien abgezogen waren, um ihren Feldherrn zum Kaiser zu machen, wurde in Trier das selbstaendige Gallische Reich proklamiert und die uebriggebliebenen roemischen Soldaten auf dieses in Eid und Pflicht genommen. Aber wenn auch diese Fremdherrschaft, wie jede, auf der uebermaechtigen Gewalt, der Ueberlegenheit der geschlossenen und geschulten Truppe ueber die Menge zunaechst und hauptsaechlich beruhte, so beruhte sie doch darauf keineswegs ausschliesslich. Die Kunst des Teilens ist auch hier erfolgreich angewandt worden. Gallien gehoerte nicht den Kelten allein; nicht bloss die Iberer waren im Sueden stark vertreten, sondern auch germanische Staemme am Rhein in betraechtlicher Zahl angesiedelt und durch ihre hervorragende kriegerische Tuechtigkeit mehr noch als durch ihre Zahl von Bedeutung. In geschickter Weise wusste die Regierung den Gegensatz zwischen den Kelten und den linksrheinischen Germanen zu naehren und auszunutzen. Aber maechtiger wirkte die Politik der Verschmelzung und der Versoehnung. Welche Massregeln zu diesem Zwecke ergriffen wurden, wird weiterhin auseinandergesetzt werden; indem die Gauverfassung geschont und selbst eine Art nationaler Vertretung bewilligt, gegen das nationale Priestertum auch, aber allmaehlich vorgegangen ward, dagegen die lateinische Sprache von Anfang an obligatorisch und mit jener nationalen Vertretung die neue Kaiserreligion verschmolzen wurde, ueberhaupt indem die Romanisierung nicht in schroffer Weise angefasst, aber vorsichtig und geduldig gefoerdert ward, hoerte die roemische Fremdherrschaft in dem Keltenland auf, dies zu sein, da die Kelten selber Roemer wurden und sein wollten. Wie weit die Arbeit bereits nach Ablauf des ersten Jahrhunderts der Roemerherrschaft in Gallien gediehen war, zeigen die eben erwaehnten Vorgaenge nach Neros Tod, die in ihrem Gesamtverlauf teils der Geschichte des roemischen Gemeinwesens, teils den Beziehungen desselben zu den Germanen angehoeren, aber auch in diesem Zusammenhang wenigstens andeutungsweise erwaehnt werden muessen. Der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie ging von einem keltischen Adligen aus und begann mit einer keltischen Insurrektion; aber es war dies keine Auflehnung gegen die Fremdherrschaft wie die des Vercingetorix oder noch des Sacrovir, ihr Ziel nicht die Beseitigung, sondern die Umgestaltung des roemischen Regiments; dass ihr Fuehrer seine Abstammung von einem Bastard Caesars zu den Adelsbriefen seines Geschlechts zaehlte, drueckt den halb nationalen, halb roemischen Charakter dieser Bewegung deutlich aus. Einige Monate spaeter proklamierten allerdings, nachdem die abgefallenen roemischen Truppen germanischer Herkunft und die freien Germanen fuer den Augenblick die roemische Rheinarmee ueberwaeltigt hatten, einige keltische Staemme die Unabhaengigkeit ihrer Nation, aber dieser Versuch scheiterte klaeglich, nicht erst durch das Einschreiten der Regierung, sondern schon an dem Widerspruch der grossen Majoritaet der Keltengaue selbst, die den Abfall von Rom nicht wollen konnten und nicht wollten. Die roemischen Namen der fuehrenden Adligen, die lateinische Aufschrift der Insurrektionsmuenzen, die durchgehende Travestie der roemischen Ordnungen zeigen auf das deutlichste, dass die Befreiung der keltischen Nation von dem Joch der Fremden im Jahre 70 n. Chr. deshalb nicht mehr moeglich war, weil es eine solche Nation nicht mehr gab und die roemische Herrschaft nach Umstaenden als ein Joch, aber nicht mehr als Fremdherrschaft empfunden ward. Waere eine solche Gelegenheit zur Zeit der Schlacht bei Philippi oder noch unter Tiberius den Kelten geboten worden, so waere der Aufstand wohl auch nicht anders, aber in Stroemen Bluts verlaufen; jetzt verlief er im Sande. Wenn einige Dezennien nach diesen schweren Krisen die Rheinarmee betraechtlich reduziert ward, so hatten eben sie den Beweis geliefert, dass die Gallier in ihrer grossen Mehrzahl nicht mehr daran dachten, sich von den Italienern zu scheiden, und die vier Generationen, die seit der Eroberung sich gefolgt waren, ihr Werk getan hatten. Was spaeter dort vorgeht, sind Krisen innerhalb der roemischen Welt. Als diese auseinanderzubrechen drohte, sonderte sich fuer einige Zeit wie der Osten so auch der Westen von dem Zentrum des Reiches ab; aber der Sonderstaat des Postumus war das Werk der Not, nicht der Wahl, und auch die Sonderung nur eine faktische; die Imperatoren, die ueber Gallien, Britannien und Spanien geboten, haben gerade ebenso auf die Beherrschung des ganzen Reiches Anspruch gemacht wie ihre italischen Gegenkaiser. Gewiss blieben genug Spuren des alten keltischen Wesens und auch der alten keltischen Unbaendigkeit. Wie der Bischof Hilarius von Poitiers, selbst ein Gallier, ueber das trotzige Wesen seiner Landsleute klagt, so heissen die Gallier auch in den spaeteren Kaiserbiographien stoerrig und unregierlich und geneigt zur Widersetzlichkeit, so dass ihnen gegenueber Konsequenz und Strenge des Regiments besonders erforderlich erscheint. Aber an eine Trennung vom Roemischen Reich oder gar an eine Lossagung von der roemischen Nationalitaet, soweit es ueberhaupt eine solche damals gab, ist in diesen spaeteren Jahrhunderten nirgends weniger gedacht worden als in Gallien; vielmehr fuellt die Entwicklung der roemisch- gallischen Kultur, zu welcher Caesar und Augustus den Grund gelegt haben, die spaetere roemische Epoche ebenso aus wie das Mittelalter und die Neuzeit.


^1 Das iberische Muenzgebiet reicht entschieden ueber die Pyrenaeen hinueber, wenn auch die einzelnen Muenzaufschriften, welche unter anderm auf Perpignan und Narbonne bezogen werden, nicht sicherer Deutung sind. Da alle diese Praegungen unter roemischer Autorisation stattgefunden haben, so legt dies die Frage nahe, ob nicht frueher, namentlich vor der Gruendung von Narbo (636 118), dieser Teil der spaeteren Narbonensis unter dem Statthalter des Diesseitigen Spaniens gestanden hat. Aquitanische Muenzen mit iberischer Aufschrift gibt es nicht, so wenig wie aus dem nordwestlichen Spanien, wahrscheinlich, weil die roemische Oberherrschaft, unter deren Tutel diese Praegung erwachsen ist, solange dieselbe dauerte, das heisst vielleicht bis zum Numantinischen Krieg, jene Gebiete nicht umfasste.


Die Regulierung Galliens ist das Werk des Augustus. Bei derjenigen der Reichsverwaltung nach dem Schluss der Buergerkriege kam das gesamte Gallien, so wie es Caesar uebertragen oder von ihm hinzugewonnen worden war, nur mit Ausschluss des inzwischen mit Italien vereinigten Gebiets diesseits der Alpen, unter kaiserliche Verwaltung. Unmittelbar nachher begab Augustus sich nach Gallien und vollzog im Jahre 727 (27) in der Hauptstadt Lugudunum die Schatzung der gallischen Provinz, wodurch die durch Caesar zum Reiche gekommenen Landesteile zuerst einen geordneten Kataster erhielten und fuer sie die Steuerzahlung reguliert ward. Er verweilte damals nicht lange, da die spanischen Angelegenheiten seine Gegenwart erheischten. Aber die Durchfuehrung der neuen Ordnung stiess auf grosse Schwierigkeiten und vielfach auf Widerstand; es sind nicht bloss militaerische Angelegenheiten gewesen, welche Agrippas Aufenthalt in Gallien im Jahre 735 (19) und den des Kaisers selbst waehrend der Jahre 738-741 (16-13) veranlassten; und die dem kaiserlichen Hause angehoerigen Statthalter oder Kommandofuehrer am Rhein, Augustus' Stiefsohn Tiberius 738 (16), dessen Bruder Drusus 742-745 (12-9), wieder Tiberius 745-747 (9-7), 757-759 (3-5 n. Chr.), 763-765 (9-11 n. Chr.), dessen Sohn Germanicus 766-769 (12-15 n. Chr.), hatten alle auch die Aufgabe, die Organisation Galliens weiterzufuehren. Das Friedenswerk war sicher nicht minder schwierig und nicht minder wichtig als die Waffengaenge am Rhein; man erkennt dies darin, dass der Kaiser die Fundamentierung selbst in die Hand nahm und die Durchfuehrung den naechst- und hoechstgestellten Maennern des Reiches anvertraute. Die von Caesar im Drange der Buergerkriege getroffenen Festsetzungen haben erst in diesen Jahren diejenige Gestalt bekommen, welche sie dann im wesentlichen behielten. Sie erstreckten sich ueber die alte wie ueber die neue Provinz; indes gab Augustus das altroemische Gebiet nebst dem von Massalia vom Mittelmeer bis an die Cevennen schon im Jahre 732 (22) an die senatorische Regierung ab und behielt nur Neugallien in eigener Verwaltung. Dieses immer noch sehr ausgedehnte Gebiet wurde dann in drei Verwaltungsbezirke aufgeloest, deren jedem ein selbstaendiger kaiserlicher Statthalter vorgesetzt wurde. Diese Einteilung knuepfte an an die schon von dem Diktator Caesar vorgefundene und auf den nationalen Gegensaetzen beruhende Dreiteilung des Keltenlandes in das von Iberern bewohnte Aquitanien, das rein keltische Gallien und das keltisch-germanische Gebiet der Bellten; auch ist wohl beabsichtigt worden, diese den Ausbau der roemischen Herrschaft foerdernden Gegensaetze einigermassen in der administrativen Teilung zum Ausdruck zu bringen. Indes ist dies nur annaehernd durchgefuehrt worden und konnte auch praktisch nicht anders realisiert werden. Das rein keltische Gebiet zwischen Garonne und Loire ward zu dem allzu kleinen iberischen Aquitanien hinzugelegt, das gesamte linksrheinische Ufer vom Lemansee bis zur Mosel mit der Belgica vereinigt, obwohl die meisten dieser Gaue keltisch waren; ueberhaupt ueberwog der Keltenstamm in dem Grade, dass die vereinigten Provinzen die "drei Gallien" heissen konnten. Von der Bildung der beiden sogenannten Germanien, nominell dem Ersatz fuer die verlorene oder nicht zustande gekommene wirklich germanische Provinz, der Sache nach der gallischen Militaergrenze, wird in dem folgenden Abschnitt die Rede sein. Die rechtlichen Verhaeltnisse wurden in durchaus verschiedener Weise fuer die alte Provinz Gallien und fuer die drei neuen geordnet: jene wurde sofort und vollstaendig latinisiert, in dieser zunaechst nur das bestehende nationale Verhaeltnis reguliert. Dieser Gegensatz der Verwaltung, welcher weit tiefer eingreift als die formale Verschiedenheit der senatorischen und der kaiserlichen Administration, hat wohl die noch heute nachwirkende Verschiedenheit der Laender der Langue d'oc und der Provence zu denen der Langue d'oui zunaechst und hauptsaechlich herbeigefuehrt. Soweit wie die Romanisierung Suedspaniens war die des gallischen Suedens in republikanischer Zeit nicht vorgeschritten. Die zwischen den beiden Eroberungen liegenden achtzig Jahre waren nicht rasch einzuholen; die Truppenlager in Spanien waren bei weitem staerker und stetiger als die gallischen, die Staedte latinischer Art dort zahlreicher als hier. Wohl war auch hier in der Zeit der Gracchen und unter ihrem Einfluss Narbo gegruendet worden, die erste eigentliche Buergerkolonie jenseits des Meeres; aber sie blieb vereinzelt und im Handelsverkehr zwar Rivalin von Massalia, aber allem Anscheine nach an Bedeutung ihr keineswegs gleich. Aber als Caesar anfing, die Geschicke Roms zu leiten, wurde vor allem hier, in diesem Lande seiner Wahl und seines Sterns, das Versaeumte nachgeholt. Die Kolonie Narbo wurde verstaerkt und war unter Tiberius die volkreichste Stadt im gesamten Gallien. Dann wurden, hauptsaechlich auf dem von Massalia abgetretenen Gebiet, vier neue Buergergemeinden angelegt, darunter die bedeutendsten militaerisch Forum Iulii (Frejus), Hauptstation der neuen Reichsflotte, fuer den Verkehr Arelate (Arles) an der Rhonemuendung, das bald, als Lyon sich hob und der Verkehr sich wieder mehr nach der Rhone zog, Narbo ueberfluegelnd, die rechte Erbin Massalias und das grosse Emporium des gallisch- italischen Handels ward. Was er selbst noch und was sein Sohn in diesem Sinne geschaffen hat, ist nicht bestimmt zu unterscheiden, und geschichtlich kommt darauf auch wenig an; wenn irgendwo, war hier Augustus nichts als der Testamentsvollstrecker Caesars. Ueberall weicht die keltische Gauverfassung der italischen Gemeinde. Der Gau der Volker im Kuestengebiet, frueher den Massalioten untertaenig, empfing durch Caesar latinische Gemeindeverfassung in der Weise, dass die "Praetoren" der Volker dem ganzen, 24 Ortschaften umfassenden Bezirk vorstanden ^2, bis dann bald darauf die alte Ordnung auch dem Namen nach verschwand und an die Stelle des Gaus der Volker die latinische Stadt Nemausus (Nimes) trat. Aehnlich erhielt der ansehnlichste aller Gaue dieser Provinz, der der Allobrogen, welche das Land noerdlich der Isere und oestlich der mittleren Rhone, von Valence und Lyon bis in die savoyischen Berge und an den Lemansee in Besitz hatten, wahrscheinlich bereits durch Caesar eine gleiche staedtische Organisation und italisches Recht, bis dann Kaiser Gaius der Stadt Vienna das roemische Buergerrecht gewaehrte. Ebenso wurden in der gesamten Provinz die groesseren Zentren durch Caesar oder in der ersten Kaiserzeit nach latinischem Recht organisiert, so Ruscino (Roussillon), Avennio (Avignon), Aquae Sextiae (Aix), Apta (Apt). Schon am Schluss der augustischen Zeit war die Landschaft an beiden Ufern der unteren Rhone in Sprache und Sitte vollstaendig romanisiert, die Gauverfassung wahrscheinlich in der gesamten Provinz bis auf geringe Ueberreste beseitigt. Die Buerger der Gemeinden, denen das Reichsbuergerrecht verliehen war, und nicht minder die Buerger derjenigen latinischen Rechts, welche durch den Eintritt in das Reichsheer oder durch Bekleidung von Aemtern in ihrer Heimatstadt fuer sich und ihre Nachkommen das Reichsbuergerrecht erworben hatten, standen rechtlich den Italienern vollstaendig gleich und gelangten gleich ihnen im Reichsdienst zu Aemtern und Ehren.


^2 Das zeigt die merkwuerdige Inschrift von Avignon (Herzog, Galliae Narbonensis historia, descriptio, institutorum compositio. Leipzig 1864 n. 403): T. Carisius T. f. pr(aetor) Volcar(um) dar, das aelteste Zeugnis fuer die roemische Ordnung des Gemeinwesens in diesen Gegenden.


Dagegen in den drei Gallien gab es Staedte roemischen und latinischen Rechts nicht, oder vielmehr es gab dort nur eine solche ^3, die eben darum auch zu keiner der drei Provinzen oder zu allen gehoerte, die Stadt Lugudunum (Lyon). Am aeussersten Suedrand des kaiserlichen Gallien, unmittelbar an der Grenze der staedtisch geordneten Provinz, am Zusammenfluss der Rhone und der Saone, an einer militaerisch wie kommerziell gleich wohlgewaehlten Stelle war waehrend der Buergerkriege, zunaechst infolge der Vertreibung einer Anzahl in Vienna ansaessiger Italiener ^4, im Jahre 711 (43) diese Ansiedlung entstanden, nicht hervorgegangen aus einem Keltengau ^5 und daher auch immer mit eng beschraenktem Gebiet, sondern von Haus aus von Italienern gebildet und im Besitz des vollen roemischen Buergerrechts, einzig in ihrer Art dastehend unter den Gemeinden der drei Gallien, den Rechtsverhaeltnissen nach einigermassen wie Washington in dem nordamerikanischen Bundesstaat. Diese einzige Stadt der drei Gallien wurde zugleich die gallische Hauptstadt. Eine gemeinschaftliche Oberbehoerde hatten die drei Provinzen nicht und von hohen Reichsbeamten hatte dort nur der Statthalter der mittleren oder der lugudunensischen Provinz seinen Sitz; aber wenn Kaiser oder Prinzen in Gallien verweilten, residierten sie regelmaessig in Lyon. Lyon war neben Karthago die einzige Stadt der lateinischen Reichshaelfte, welche nach dem Muster der hauptstaedtischen Garnison eine staendige Besatzung erhielt ^6. Die einzige Muenzstaette fuer Reichsgeld, die wir im Westen fuer die fruehere Kaiserzeit mit Sicherheit nachweisen koennen, ist die von Lyon. Hier war die Zentralstelle des ganz Gallien umfassenden Grenzzolles, hier der Knotenpunkt des gallischen Strassennetzes. Aber nicht bloss alle Regierungsanstalten, welche Gallien gemeinschaftlich waren, hatten ihren geborenen Sitz in Lyon, sondern diese Roemerstadt wurde auch, wie wir weiterhin sehen werden, der Sitz des keltischen Landtags der drei Provinzen und aller daran sich knuepfenden politischen und religioesen Institutionen, seiner Tempel und seiner Jahresfeste. Also bluehte Lugudunum rasch empor, gefoerdert durch die mit der Metropolenstellung verbundene reiche Dotation und die fuer den Handel ungemein guenstige Lage. Ein Schriftsteller aus Tiberius' Zeit bezeichnet sie als die zweite in Gallien nach Narbo; spaeterhin nimmt sie daselbst den Platz neben oder vor ihrer Rhoneschwester Arelate. Bei der Feuersbrunst, die im Jahre 64 einen grossen Teil Roms in Asche legte, sandten die Lugudunenser den Abgebrannten eine Beihilfe von 4 Millionen Sesterzen (870000 Mark), und als ihre eigene Stadt im naechsten Jahr dasselbe Schicksal in noch haerterer Weise traf, steuerte auch ihnen das ganze Reich seinen Beitrag und sandte der Kaiser die gleiche Summe aus seiner Schatulle. Glaenzender als zuvor erstand die Stadt aus ihren Ruinen, und sie ist fast durch zwei Jahrtausende unter allen Zeitlaeuften eine Grossstadt geblieben bis auf den heutigen Tag. In der spaeteren Kaiserzeit freilich tritt sie zurueck hinter Trier. Die Stadt der Treverer, Augusta genannt wahrscheinlich von dem ersten Kaiser, gewann bald in der Belgica den ersten Platz; wenn noch in Tiberius' Zeit Durocortorum der Remer (Reims) die volkreichste Ortschaft der Provinz und der Sitz der Statthalter genannt wird, so teilt bereits ein Schriftsteller aus der Zeit des Claudius den Primat daselbst dem Hauptort der Treverer zu. Aber die Hauptstadt Galliens ^7, man darf vielleicht sagen des Okzidents, ist Trier erst geworden durch die Umgestaltung der Reichsverwaltung unter Diocletian. Seit Gallien, Britannien und Spanien unter einer Oberverwaltung stehen, hat diese ihren Sitz in Trier, und seitdem ist Trier auch, wenn die Kaiser in Gallien verweilen, deren regelmaessige Residenz und, wie ein Grieche des 5. Jahrhunderts sagt, die groesste Stadt jenseits der Alpen. Indes die Epoche, wo dieses Rom des Nordens seine Mauern und seine Thermen empfing, die wohl genannt werden duerfen neben den Stadtmauern der roemischen Koenige und den Baedern der kaiserlichen Reichshauptstadt, liegt jenseits unserer Darstellung. Durch die ersten drei Jahrhunderte der Kaiserzeit ist Lyon das roemische Zentrum des Keltenlandes geblieben, und nicht bloss, weil es an Volkszahl und Reichtum den ersten Platz einnahm, sondern weil es, wie keine andere des gallischen Nordens und nur wenige des Suedens, eine von Italien aus gegruendete und nicht nur dem Recht, sondern dem Ursprung und dem Wesen nach roemische Stadt war.


^3 Nur etwa Noviodunum (Nyon am Genfer See) kann in den drei Gallien der Anlage nach mit Lugudunum zusammengestellt werden; aber da diese Gemeinde spaeter als civitas Equestrium auftritt (Inscr. Helv. 115), so scheint sie unter die Gaue eingereiht zu sein, was von Lugudunum nicht gilt. ^4 Die aus Vienna von den Allobrogen frueher Vertriebenen (oi ek Oyienn/e/s t/e/s Narbon/e/sias ypo t/o/n Allobrig/o/n pote ekpesontes) bei Dio 46, 50 koennen nicht wohl andere gewesen sein als roemische Buerger, da die Gruendung einer Buergerkolonie zu ihren Gunsten nur unter dieser Voraussetzung sich begreift. Die "fruehere" Vertreibung stand wohl in Zusammenhang mit dem Allobrogenaufstand unter Catugnatus im Jahre 693 (61). Die Erklaerung, warum die Vertriebenen nicht zurueckgefuehrt, sondern anderweitig angesiedelt wurden, fehlt, aber es lassen sich dafuer mancherlei Veranlassungen denken, und die Tatsache selbst wird dadurch nicht in Zweifel gestellt. Die der Stadt zufliessenden Renten (Tac. hist. 1, 65) moegen ihr wohl auf Kosten von Vienna verliehen worden sein. ^5 Der Boden gehoerte frueher den Segusiavern (Plin. nat. 4, 18, 107; Strab. p. 186, 192), einem der kleinen Klientelgaue der Haeduer (Caes. Gall. 7, 75); aber in der Gaueinteilung zaehlt sie nicht zu diesen, sondern steht fuer sich als m/e/tropolis (Ptol. geogr. 2, 8, 11 u. 12). ^6 Dies sind die 1200 Soldaten, mit welchen, wie der Judenkoenig Agrippa bei Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) sagt, die Roemer das gesamte Gallien in Botmaessigkeit halten. ^7 Nichts ist so bezeichnend fuer die Stellung Triers in dieser Zeit als die Verordnung des Kaisers Gratianus vom Jahre 376 (Cod. Theod. 13, 3, 11), dass den Professoren der Rhetorik und der Grammatik beider Sprachen in saemtlichen Hauptstaedten der damaligen siebzehn gallischen Provinzen zu ihrem staedtischen Gehalt die gleiche Zulage aus der Staatskasse gegeben, fuer Trier aber diese hoeher bemessen werden solle.


Wie fuer die Organisation der Suedprovinz die italische Stadt die Grundlage war, so fuer die noerdliche der Gau, und zwar ueberwiegend derjenige der keltischen ehemaligen Staats-, jetzigen Gemeindeordnung. Die Bedeutung des Gegensatzes von Stadt und Gau ist nicht zunaechst abhaengig von seinem Inhalt; selbst wenn er ein bloss rechtlich formaler gewesen waere, haette er die Nationalitaeten geschieden, auf der einen Seite das Gefuehl der Zugehoerigkeit zu Rom, auf der andern Seite das der Fremdartigkeit geweckt und geschaerft. Hoch darf fuer diese Zeit die praktische Verschiedenheit der beiden Ordnungen nicht angeschlagen werden, da die Elemente der Gemeindeordnung, die Beamten, der Rat, die Buergerversammlung, dort wie hier dieselben waren und etwa frueher vorhandene, tiefer gehende Gegensaetze von der roemischen Oberherrschaft schwerlich lange geduldet wurden. Daher hat auch der Uebergang von der Gauordnung zu der staedtischen sich haeufig und ohne Anstoss, man kann vielleicht sagen im Laufe der Entwicklung mit einer gewissen Notwendigkeit von selber vollzogen. Infolgedessen treten die qualitativen Unterschiede der beiden Rechtsformen in unserer Ueberlieferung wenig hervor. Dennoch war der Gegensatz sicher nicht ein bloss nomineller, sondern es bestanden in den Befugnissen der verschiedenen Gewalten, in Rechtspflege, Besteuerung, Aushebung, Verschiedenheiten, die fuer die Administration, teils an sich, teils infolge der Gewoehnung, von Bedeutung waren oder doch bedeutend schienen. Bestimmt erkennbar ist der quantitative Gegensatz. Die Gaue, wenigstens wie sie bei den Kelten und den Germanen auftreten, sind durchgaengig mehr Voelkerschaften als Ortschaften; dieses sehr wesentliche Moment ist allen keltischen Gebieten eigentuemlich und selbst durch die spaeter eintretende Romanisierung oft mehr verdeckt als verwischt. Mediolanum und Brixia haben ihre weiten Grenzen und ihre dauernde Potenz wesentlich dem zu danken, dass sie eigentlich nichts sind als die Gaue der Insubrer und der Cenomanen. Dass das Territorium der Stadt Vienna die Dauphine und Westsavoyen umfasst und die ebenso alten und fast ebenso ansehnlichen Ortschaften Cularo (Grenoble) und Genava (Genf) bis in die spaete Kaiserzeit dem Rechte nach Doerfer der Kolonie Vienna sind, erklaert sich ebenfalls daraus, dass dieses der spaetere Name der Voelkerschaft der Allobrogen ist. In den meisten keltischen Gauen ueberwiegt eine Ortschaft so durchaus, dass es einerlei ist, ob man die Remer oder Durocortorum, die Bituriger oder Burdigala nennt; aber es kommt auch das Gegenteil vor, wie zum Beispiel bei den Vocontiern Vasio (Vaison) und Lucus, bei den Carnuten Autricum (Chartres) und Cenabum (Orleans) sich die Waage halten; und ob die Vorrechte, die nach italischer und griechischer Ordnung sich selbstverstaendlich der Flur gegenueber an den Mauerring knuepfen, bei den Kelten rechtlich oder auch nur tatsaechlich in aehnlicher Weise geordnet waren, ist mehr als fraglich. Das Gegenbild fuer diesen Gau im griechisch-italischen Westen ist viel weniger die Stadt als die Voelkerschaft; die Carnuten hat man mit den Boeotern zu gleichen, Autricum und Cenabum mit Tanagra und Thespiae. Die Besonderheit der Stellung der Kelten unter der roemischen Herrschaft gegenueber anderen Nationen, den Iberern zum Beispiel und den Hellenen, beruht darauf, dass diese groesseren Verbaende dort als Gemeinden fortbestanden, hier diejenigen Bestandteile, aus denen sie sich zusammensetzten, die Gemeinden bildeten. Dabei moegen aeltere, der vorroemischen Zeit angehoerige Verschiedenheiten der nationalen Entwicklung mitgewirkt haben; es mag wohl leichter ausfuehrbar gewesen sein, den Boeotern den gemeinschaftlichen Staedtetag zu nehmen, als die Helvetier in ihre vier Distrikte aufzuloesen; politische Verbaende behaupten sich auch nach der Unterwerfung unter eine Zentralgewalt da, wo ihre Aufloesung die Desorganisation herbeifuehren wuerde. Dennoch ist, was in Gallien durch Augustus oder, wenn man will durch Caesar geschah, nicht durch den Zwang der Verhaeltnisse herbeigefuehrt worden, sondern hauptsaechlich durch den freien Entschluss der Regierung, wie er auch allein zu der uebrigens gegen die Kelten geuebten Schonung passt. Denn es gab in der Tat in der vorroemischen Zeit und noch zur Zeit der Caesarischen Eroberung eine bei weitem groessere Anzahl von Gauen, als wir sie spaeter finden; namentlich ist es bemerkenswert, dass die zahlreichen, durch Klientel einem groesseren Gau angeschlossenen kleineren in der Kaiserzeit nicht selbstaendig geworden, sondern verschwunden sind ^8. Wenn spaeterhin das Keltenland geteilt erscheint in eine maessige Anzahl bedeutender, zum Teil sogar sehr grosser Gaudistrikte, innerhalb deren abhaengige Gaue nirgends zum Vorschein kommen, so ist diese Ordnung freilich durch das vorroemische Klientelwesen angebahnt, aber erst durch die roemische Reorganisation vollstaendig durchgefuehrt worden. Dieser Fortbestand und diese Steigerung der Gauverfassung wird fuer die weitere politische Entwicklung Galliens vor allem bestimmend gewesen sein. Wenn die tarraconensische Provinz in 293 selbstaendige Gemeinden zerfiel, so zaehlten die drei Gallien zusammen, wie wir sehen werden, deren nicht mehr als 64. Die Einheit und ihre Erinnerungen blieben ungebrochen; die eifrige Verehrung, die die ganze Kaiserzeit hindurch dem Quellgott Nemausus bei den Volkern gezollt wurde, zeigt, wie selbst hier, im Sueden des Landes und in einem zur Stadt umgewandelten Gau die traditionelle Zusammengehoerigkeit noch immer lebendig empfunden ward. In dieser Art innerlich fest zusammenhaltende Gemeinden mit weiten Grenzen waren eine Macht. Wie Caesar die gallischen Gemeinden vorfand, mit einer in voelliger politischer wie oekonomischer Abhaengigkeit gehaltenen Volksmasse und einem uebermaechtigen Adel, so sind sie im wesentlichen auch unter roemischer Herrschaft geblieben; genau wie in vorroemischer Zeit die grossen Adligen mit ihrem nach Tausenden zaehlenden Gesinde von Hoerigen und Schuldknechten ein jeder in seiner Heimat die Herren spielten, so schildert uns Tacitus in Tiberius' Zeit die Zustaende bei den Treverern. Das roemische Regiment gab der Gemeinde weitgehende Rechte, sogar eine gewisse Militaergewalt, so dass sie unter Umstaenden Festungen einzurichten und besetzt zu halten befugt war, wie dies bei den Helvetiern vorkommt, die Beamten die Buergerwehr aufbieten konnten und in diesem Falle Offiziersrecht und Offiziersrang hatten. Diese Befugnis war nicht dieselbe in den Haenden des Vorstehers einer kleinen Stadt Andalusiens und desjenigen eines Bezirkes an der Loire oder der Mosel vom Umfang einer kleinen Provinz. Die weitherzige Politik Caesars des Vaters, auf den die Grundzuege dieses Systems notwendig zurueckgefuehrt werden muessen, zeigt sich hier in ihrer ganzen grossartigen Ausdehnung.


^8 Bei Caesar erscheinen wohl, im grossen und ganzen genommen, dieselben Gaue, wie sie dann in der augustischen Ordnung vertreten sind, aber zugleich vielfache Spuren kleinerer Klientelverbaende (vgl. 3, 249); so werden als "Klienten" der Haeduer genannt die Segusiaver, die Ambivareten, die Aulerker Brannoviker und die Brannovier (Caes. Gall. 7, 75), als Klienten der Treuerer die Condruser (Caes. Gall. 4; 6), als solche der Helvetier die Tulinger und Latobrigen. Mit Ausnahme der Segusiaver fehlen diese alle auf dem Lyoner Landtage. Dergleichen kleinere, nicht voellig in die Vororte aufgegangene Gaue mag es in Gallien zur Zeit der Unterwerfung in grosser Zahl gegeben haben. Wenn nach Josephus (bel. Iud. 2, 16, 4) den Roemern 305 gallische Gaue und 1200 Staedte gehorchten, so moegen dies die Ziffern sein, die fuer Caesars Waffenerfolge herausgerechnet worden sind; wenn die kleinen iberischen Voelker in Aquitanien und die Klientelgaue im Keltenland mitgezaehlt wurden, konnten dergleichen Zahlen wohl herauskommen.


Aber die Regierung beschraenkte sich nicht darauf, die Gauordnung den Kelten zu lassen; sie liess oder gab ihnen vielmehr auch eine nationale Verfassung, soweit eine solche mit der roemischen Oberherrschaft sich vereinbaren liess. Wie der hellenischen Nation, so verlieh Augustus der gallischen eine organisierte Gesamtvertretung, welche dort wie hier in der Epoche der Freiheit und der Zerfahrenheit wohl erstrebt, aber nie erreicht worden war. Unter dem Huegel, den die Hauptstadt Galliens kroente, da wo die Saone ihr Wasser mit dem der Rhone mischt, weihte am 1. August des Jahres 742 (12) der kaiserliche Prinz Drusus als Vertreter der Regierung in Gallien der Roma und dem Genius des Herrschers den Altar, an welchem fortan jedes Jahr an diesem Tage diesen Goettern von der Gemeinschaft der Gallier die Festfeier abgehalten werden sollte. Die Vertreter der saemtlichen Gaue waehlten aus ihrer Mitte Jahr fuer Jahr den "Priester der drei Gallien", und dieser brachte am Kaisertag das Kaiseropfer dar und leitete die dazu gehoerigen Festspiele. Diese Landesvertretung hatte nicht bloss eine eigene Vermoegensverwaltung mit Beamten, welche den vornehmen Kreisen des provinzialen Adels angehoerten, sondern auch einen gewissen Anteil an den allgemeinen Landesangelegenheiten. Von unmittelbarem Eingreifen derselben in die Politik findet sich allerdings keine andere Spur, als dass bei der ernsten Krise des Jahres 70 der Landtag der "drei Gallien" die Treverer von der Auflehnung gegen Rom abmahnte; aber er hatte und gebrauchte das Recht der Beschwerdefuehrung ueber die in Gallien fungierenden Reichs- und Hausbeamten und wirkte ferner mit wenn nicht bei der Auflegung, so doch bei der Repartition der Steuern ^9, zumal da diese nicht nach den einzelnen Provinzen, sondern fuer Gallien insgemein angelegt wurden. Aehnliche Einrichtungen hat allerdings die Kaiserregierung in allen Provinzen ins Leben gerufen, in einer jeden nicht bloss die sakrale Zentralisierung eingefuehrt, sondern auch, was die Republik nicht getan hatte, einer jeden ein Organ verliehen, um Bitten und Klagen vor die Regierung zu bringen. Dennoch hat Gallien in dieser Hinsicht vor allen uebrigen Reichsteilen wenigstens ein tatsaechliches Privilegium, wie sich denn diese Institution auch allein hier voll entwickelt findet ^10. Einmal steht der vereinigte Landtag der drei Provinzen den Legaten und Prokuratoren einer jeden notwendig unabhaengiger gegenueber als zum Beispiel der Landtag von Thessalonike dem Statthalter von Makedonien. Sodann aber kommt es bei Institutionen dieser Art weit weniger auf das Mass der verliehenen Rechte an, als auf das Gewicht der darin vertretenen Koerperschaften; und die Staerke der einzelnen gallischen Gemeinden uebertrug sich ebenso auf den Landtag von Lyon wie die Schwaeche der einzelnen hellenischen auf den von Argos. In der Entwicklung Galliens unter den Kaisern hat der Landtag von Lyon allem Anschein nach diejenige allgemein gallische Homogenitaet, welche daselbst mit der Latinisierung Hand in Hand geht, wesentlich gefoerdert.


^9 Darauf fuehrt ausser der Inschrift bei Boissieu, Lyon, S. 609, wo die Worte tot[i]us cens[us Galliarum] mit dem Namen eines der Altarpriester in Verbindung gebracht werden, die Ehreninschrift, welche die drei Gallien einem kaiserlichen Beamten a censibus accipiendis setzen (Heuzen 6944); derselbe scheint die Katasterrevision fuer das ganze Land geleitet zu haben, eben wie frueher Drusus, waehrend die Schaetzung selbst durch Kommissarien fuer die einzelnen Landschaften erfolgte. Auch ein sacerdos Romae et Augusti der Tarraconensis wird belobt ob curam tabulari censualis fideliter administratam (CIL II, 4248); es waren also mit der Steuerrepartierung wohl die Landtage aller Provinzen befasst. Die kaiserliche Finanzverwaltung der drei Gallien war wenigstens der Regel nach so geteilt, dass die beiden westlichen Provinzen (Aquitanien und Lugudunensis) unter einem Prokurator standen, Belgica und die beiden Germanien unter einem andern; doch hat es rechtlich feste Kompetenzen dafuer wohl nicht gegeben. Auf eine regelmaessige Beteiligung bei der Aushebung darf aus der von Hadrian, offenbar ausserordentlicher Weise, mit Vertretern aller spanischen Distrikte gepflogenen Verhandlung (vita 12) nicht geschlossen werden. ^10 Fuer die arca Galliarum, den Freigelassenen der drei Gallien (Heuzen 6393), den adlector arcae Galliarum, inquisitor Galliarum, iudex arcae Galliarum gibt meines Wissens keine andere Provinz Analogien; und von diesen Einrichtungen haetten, wenn sie allgemein gewesen waeren, die Inschriften sicher auch sonst Spuren bewahrt. Diese Einrichtungen scheinen auf eine sich selbst verwaltende und besteuernde Koerperschaft zu fuehren (der in seiner Bedeutung unklare adlector kommt als Beamter in Kollegien vor CIL VI, 355; Orelli 2406); wahrscheinlich bestritt diese Kasse die wohl nicht unbetraechtlichen Ausgaben fuer die Tempelgebaeude und fuer das Jahrfest. Eine Staatskasse ist die arca Galliarum nicht gewesen.


Die Zusammensetzung des Landtags, welche uns ziemlich genau bekannt ist ^11, zeigt, in welcher Weise die Nationalitaetenfrage von der Regierung behandelt ward. Von den sechzig, spaeter vierundsechzig auf dem Landtag vertretenen Gauen kommen nur vier auf die iberischen Bewohner Aquitaniens, obwohl dieses Gebiet zwischen der Garonne und den Pyrenaeen unter eine sehr viel groessere Zahl durchgaengig kleiner Staemme geteilt war, sei es, dass die uebrigen von der Vertretung ueberhaupt ausgeschlossen waren, sei es, dass jene vier vertretenen Gaue die Vororte von Gauverbaenden sind ^12. Spaeterhin, wahrscheinlich in traianischer Zeit, ist der iberische Bezirk von dem Lyoner Landtag abgetrennt und ihm eine selbstaendige Vertretung gegeben worden ^13. Dagegen sind die keltischen Gaue in derjenigen Organisation, die wir frueher kennengelernt haben, im wesentlichen alle auf dem Landtag vertreten und ebenso die halb oder ganz germanischen ^14, soweit sie zur Zeit der Stiftung des Altars zum Reiche gehoerten; dass fuer die Hauptstadt Galliens in dieser Gauvertretung kein Platz war, versteht sich von selbst. Ausserdem erscheinen die Ubier nicht auf dem Landtag von Lyon, sondern opfern an ihrem eigenen Augustus-Altar - es ist dies, wie wir sahen, ein stehengebliebener Ueberrest der beabsichtigten Provinz Germanien.


^11 Als Gesamtzahl der auf dem Lyoner Altar verzeichneten Gemeinden gibt Strabo (4, 3, 2, p. 192) sechzig an, als die Zahl der aquitanischen in dem keltischen Teil, noerdlich von der Garonne, vierzehn (4,1, 1, p. 177). Tacitus (ann. 3, 44) nennt als Gesamtzahl der gallischen Gaue vierundsechzig, ebenso, wenn auch in unrichtiger Verbindung, der Scholiast zur Aeneis (1, 286). Auf die gleiche Gesamtzahl fuehrt das Verzeichnis bei Ptolemaeos aus dem zweiten Jahrhundert, welches fuer Aquitanien siebzehn, fuer die Lugudunensis 25, fuer Belgica 22 Gaue auffuehrt. Von seinen aquitanischen Gauen fallen dreizehn auf das Gebiet zwischen Loire und Garonne, vier auf das zwischen Garonne und Pyrenaeen. In dem spaeteren aus dem 5. Jahrhundert, das unter dem Namen der Notitia Galliarum bekannt ist, fallen auf Aquitanien 26, auf die Lugudunensis (ausschliesslich Lyons) 24, auf Belgica 27. Alle diese Zahlen sind vermutlich eine jede fuer ihre Zeit richtig; zwischen der Errichtung des Altars im Jahre 742 (12) und der Zeit des Tacitus (denn auf diese ist seine Angabe wohl zu beziehen) koennen ebenso vier Gaue hinzugetreten sein, wie sich die Verschiebung der Zahlen vom 2, bis zum 5. Jahrhundert auf einzelne, zum guten Teil speziell noch nachweisliche Aenderungen zurueckfuehren laesst. Bei der Wichtigkeit dieser Ordnungen wird es nicht ueberfluessig sein, sie wenigstens fuer die beiden westlichen Provinzen im speziellen darzulegen. In der rein keltischen Mittelprovinz stimmen die drei Verzeichnisse bei Plinius (1. Jahrhundert), Ptolemaeos (2. Jahrhundert) und der Notitia (5. Jahrhundert) in 21 Namen ueberein: Abrincates - Andecavi - Aulerci Cenomani - Aulerci Diablintes - Aulerci Eburovici - Baiocasses (Bodiocasses Plin., Vadicasii Ptol.) - Carnutes - Coriosolites (ohne Zweifel die Samnitae des Ptolemaeos) - Haedui - Lexovii - Meldae - Namnetes - Osismii - Parisii - Redones - Senones - Tricassini - Turones - Veliocasses (Rotomagenses) - Veneti - Unelli (Constantia); in drei weiteren: Caletae - Segusiavi - Viducasses stimmen Plinius und Ptolemaeos, waehrend sie in der Notitia fehlen, weil inzwischen die Caletae mit den Veliocasses oder den Rotomagenses, die Viducasses mit den Baiocasses zusammengelegt und die Segusiavi in Lyon aufgegangen waren. Dagegen erscheinen hier statt der drei verschwundenen zwei neue durch Teilung entstandene: Aureliani (Orleans), abgezweigt aus den Carnutes (Chartres), und Autessiodurum (Auxerre), abgezweigt aus den Senones (Sens). Uebrig bleiben bei Plinius zwei Namen: Boi - Atesui; bei Ptolemaeos einer: Arvii; in der Notitia einer: Saii. Fuer das keltische Aquitanien stimmen die drei Listen in elf Namen ueberein: Arverni - Bituriges Cubi - Bituriges Vivisci (Burdigalenses) - Cadurci - Gabales - Lemovici - Nitiobriges (Aginnenses) - Petrucorii - Pictones - Ruteni - Sautones; die zweite und dritte in dem zwoelften der Vellauni, der bei Plinius ausgefallen sein wird; Plinius allein hat (abgesehen von den problematischen Aquitani) zwei Namen mehr: Ambilatri und Anagnutes, Ptolomaeos einen sonst unbekannten: Datii; vielleicht ist mit zweien von diesen die Strabonische Zahl der vierzehn voll zu machen. Die Notitia hat ausser jenen elf noch zwei auf Spaltung beruhende, die Albigenses (Albi am Tarn) und die Ecolismenses (Angouleme). In aehnlicher Weise verhalten sich die Listen der oestlichen Gaue. Obwohl untergeordnete Differenzen sich ergeben, die hier nicht eroertert werden koennen, liegt das Wesen und die Bestaendigkeit der gallischen Gauteilung deutlich vor. ^12 Die vier vertretenen Voelkerschaften sind die Tarbeller, Vasaten, Auscier und Convener. Ausser diesen zaehlt Plinius im suedlichen Aquitanien nicht weniger als 25 groesstenteils sonst unbekannte Voelkerschaften auf als rechtlich jenen vier gleichstehend. ^13 Plinius und, vermutlich auch hier aelteren Quellen folgend, Ptolemaeos wissen von dieser Teilung nichts; aber wir besitzen noch die ungefuegen Verse des Gascogner Bauern (B. Borghesi, (Oeuvres completes. Paris 1862-79. Bd. 8, S. 544), der dies in Rom auswirkte, ohne Zweifel in Gemeinschaft mit einer Anzahl seiner Landsleute, obwohl er es vorgezogen hat, dies nicht hinzuzusetzen: Flamen, item dumvir, quaestor pagiq(ue) magister Verus ad Augustum legato (so) munere functus pro novem optinuit populis seiungere Gallos: urbe redux Genio pagi hanc dedicat aram. Flamen, auch Zweimann, Schatzmeister und Schulze des Dorfes Ging den Kaiser ich an, Verus, nach erhaltenem Auftrag; Wirkte dem Neungau aus von ihm zu scheiden die Galler Und zurueck von Rom weih den Altar ich dem Dorfgeist. Die aelteste Spur der administrativen Trennung des iberischen Aquitaniens von dem gallischen ist die Nennung des "Bezirks von Lactora" (Lectoure) neben Aquitanien in einer Inschrift aus traianischer Zeit (CIL V 875: procurator provinciarum Luguduniensis et Aquitanicae, item Lactorae). Diese Inschrift beweist allerdings an sich mehr die Verschiedenheit der beiden Gebiete als die formelle Absonderung des einen von dem andern; aber es laesst sich anderweitig zeigen, dass bald nach Traian die letztere durchgefuehrt war. Denn dass der abgetrennte Bezirk urspruenglich in neun Gaue zerfiel, wie jene Verse es sagen, bestaetigt der seitdem gebliebene Name Novempopulana; unter Pius aber zaehlt der Bezirk bereits elf Gemeinden (denn der dilectator er Apquitanicae XI populos, Boissieu, Lyon, S. 246, gehoert gewiss hierher), im fuenften Jahrhundert zwoelf; denn so viele zaehlt die Notitia unter der Novempopulana auf. Diese Vermehrung erklaert sich ebenso wie die in Anm. 11 eroerterte. Auf die Statthalterschaft bezieht die Teilung sich nicht; vielmehr blieben das keltische und das iberische Aquitanien beide unter demselben Legaten. Aber die Novempopulana erhielt unter Traian ihren eigenen Landtag, waehrend die keltischen Distrikte Aquitaniens nach wie vor den Landtag von Lyon beschickten. ^14 Es fehlen einige kleinere germanische Voelkerschaften, wie die Baetasier und die Sunuker, vielleicht aus aehnlichen Gruenden wie die kleineren iberischen; ferner die Cannenefaten und die Friesen, wahrscheinlich weil diese erst spaeter reichsuntertaenig geworden sind. Die Bataver sind vertreten.


Wurde die keltische Nation also in dem kaiserlichen Gallien in sich selbst konsolidiert, so wurde sie auch dem roemischen Wesen gegenueber gewissermassen garantiert durch das hinsichtlich der Erteilung des Reichsbuergerrechts fuer dieses Gebiet eingehaltene Verfahren. Die Hauptstadt Galliens freilich war und blieb eine roemische Buergerkolonie, und es gehoert dies wesentlich mit zu der eigenartigen Stellung, die sie dem uebrigen Gallien gegenueber einnahm und einnehmen sollte. Aber waehrend die Suedprovinz mit Kolonien bedeckt und durchaus nach italischem Gemeinde recht geordnet ward, hat Augustus in den "drei Gallien" nicht eine einzige Buergerkolonie eingerichtet, und wahrscheinlich ist auch dasjenige Gemeinderecht, welches unter dem Namen des latinischen eine Zwischenstufe zwischen Buergern und Nichtbuergern bildet und seinen angeseheneren Inhabern von Rechts wegen das Buergerrecht fuer ihre Person und ihre Nachkommen gewaehrt, laengere Zeit von Gallien ferngehalten worden. Die persoenliche Verleihung des Buergerrechts, teils nach allgemeinen Bestimmungen an den Soldaten bald bei dem Eintritt, bald bei dem Abschied, teils aus besonderer Gunst an einzelne Personen, konnte allerdings auch dem Gallier zuteil werden; so weit, wie die Republik gegangen war, dem Helvetier zum Beispiel den Gewinn des roemischen Buergerrechts ein fuer allemal zu untersagen, ging Augustus nicht und konnte es auch nicht, nachdem Caesar das Buergerrecht an geborene Gallier vielfach auf diese Weise vergeben hatte. Aber er nahm wenigstens den aus den "drei Gallien" stammenden Buergern - mit Ausnahme immer der Lugudunenser - das Recht der Aemterbewerbung und schloss sie damit zugleich aus dem Reichssenat aus. Ob diese Bestimmung zunaechst im Interesse Roms oder zunaechst in dem der Gallier getroffen war, koennen wir nicht wissen; gewiss hat Augustus beides gewollt, einmal dem Eindringen des fremdartigen Elements in das Roemertum wehren und damit dasselbe reinigen und heben, andererseits den Fortbestand der gallischen Eigenartigkeit in einer Weise verbuergen, die eben durch verstaendiges Zurueckhalten die schliessliche Verschmelzung mit dem roemischen Wesen sicherer foerderte, als die schroffe Aufzwingung fremdlaendischer Institutionen getan haben wuerde. Kaiser Claudius, selbst in Lyon geboren und, wie die Spoetter von ihm sagten, ein richtiger Gallier, hat diese Schranken zum guten Teil beseitigt. Die erste Stadt in Gallien, welche sicher italisches Recht empfangen hat, ist die der Ubier, wo der Altar des roemischen Germaniens angelegt war; dort im Feldlager ihres Vaters, des Germanicus, wurde die nachmalige Gemahlin des Claudius Agrippina geboren, und sie hat im Jahre 50 ihrem Geburtsort das wahrscheinlich latinische Kolonialrecht erwirkt, dem heutigen Koeln. Vielleicht gleichzeitig, vielleicht schon frueher ist dasselbe fuer die Stadt der Treverer, Augusta, geschehen, das heutige Trier. Auch noch einige andere gallische Gaue sind in dieser Weise dem Roemertum naeher gerueckt worden, so der der Helvetier durch Vespasian, ferner der der Sequaner (Besan‡on); grosse Ausdehnung aber scheint das latinische Recht in diesen Gegenden nicht gefunden zu haben. Noch weniger ist in der frueheren Kaiserzeit in dem kaiserlichen Gallien ganzen Gemeinden das volle Buergerrecht beigelegt worden. Wohl aber hat Claudius mit der Aufhebung der Rechtsbeschraenkung den Anfang gemacht, welche die zum persoenlichen Reichsbuergerrecht gelangten Gallier von der Reichsbeamtenlaufbahn ausschloss; es wurde zunaechst fuer die aeltesten Verbuendeten Roms, die Haeduer, bald wohl allgemein diese Schranke beseitigt. Damit war wesentlich die Gleichstellung erreicht. Denn nach den Verhaeltnissen dieser Epoche hatte das Reichsbuergerrecht fuer die durch ihre Lebensstellung von der Aemterlaufbahn ausgeschlossenen Kreise kaum einen besonderen praktischen Wert und war fuer vermoegende Peregrinen guter Herkunft, die diese Laufbahn zu betreten wuenschten und deshalb seiner bedurften, leicht zu erlangen; wohl aber war es eine empfindliche Zuruecksetzung, wenn dem roemischen Buerger aus Gallien und seinen Nachkommen von Rechts wegen die Aemterlaufbahn verschlossen blieb. Wenn in der Organisation der Verwaltung das nationale Wesen der Kelten so weit geschont ward, als dies mit der Reichseinheit sich irgend vertrug, so ist dies hinsichtlich der Sprache nicht geschehen. Auch wenn es praktisch ausfuehrbar gewesen waere, den Gemeinden die Fuehrung ihrer Verwaltung in einer Sprache zu gestatten, deren die kontrollierenden Reichsbeamten nur ausnahmsweise maechtig sein konnten, lag es unzweifelhaft nicht in den Absichten der roemischen Regierung, diese Schranke zwischen den Herrschenden und Beherrschten aufzurichten. Dementsprechend ist unter den in Gallien unter roemischer Herrschaft geschlagenen Muenzen und von Gemeinde wegen gesetzten Denkmaelern keine erweislich keltische Aufschrift gefunden worden. Der Gebrauch der Landessprache wurde uebrigens nicht gehindert; wir finden sowohl in der Suedprovinz wie in den noerdlichen Denkmaeler mit keltischer Aufschrift, dort immer mit griechischem ^15, hier immer mit lateinischem Alphabet geschrieben ^16, und wahrscheinlich gehoeren wenigstens manche von jenen, sicher diese saemtlich der Epoche der Roemerherrschaft an. Dass in Gallien ausserhalb der Staedte italischen Rechts und der roemischen Lager inschriftliche Denkmaeler ueberhaupt nur in geringer Zahl auftreten, wird wahrscheinlich hauptsaechlich dadurch herbeigefuehrt sein, dass die als Dialekt behandelte Landessprache ebenso fuer solche Verwendung ungeeignet erschien wie die ungelaeufige Reichssprache und daher das Denksteinsetzen hier ueberhaupt nicht so wie in den latinisierten Gegenden in Aufnahme kam; das Lateinische mag in dem groessten Teil Galliens damals ungefaehr die Stellung gehabt haben wie nachher im frueheren Mittelalter gegenueber der damaligen Volkssprache. Das energische Fortleben der nationalen Sprache zeigt am bestimmtesten die Wiedergabe der gallischen Eigennamen im Latein nicht selten unter Beibehaltung unlateinischer Lautformen. Dass Schreibungen wie Lousonna und Boudicca mit dem unlateinischen Diphthong ou selbst in die lateinische Literatur eingedrungen sind und fuer den aspirierten Dental, das englische th, sogar in roemischer Schrift ein eigenes Zeichen (D) verwendet wird, ferner Epaciatextorigus neben Epasnactus geschrieben wird, Dirona neben Sirona, machen es fast zur Gewissheit, dass die keltische Sprache, sei es im roemischen Gebiet, sei es ausserhalb desselben, in oder vor dieser Epoche einer gewissen schriftmaessigen Regulierung unterlegen hatte und schon damals so geschrieben werden konnte, wie sie noch heute geschrieben wird. Auch an Zeugnissen fuer ihren fortdauernden Gebrauch in Gallien fehlt es nicht. Als die Stadtnamen Augustodunum (Autun), Augustonemetum (Clermont), Augustobona (Troyes) und manche aehnliche aufkamen, sprach man notwendig auch im mittleren Gallien noch keltisch. Arrian unter Hadrian gibt in seiner Abhandlung ueber die Kavallerie fuer einzelne den Kelten entlehnte Manoever den keltischen Ausdruck an. Ein geborener Grieche, Eirenaeos, der gegen das Ende des 2. Jahrhunderts als Geistlicher in Lyon fungierte, entschuldigt die Maengel seines Stils damit, dass er im Lande der Kelten lebe und genoetigt sei, stets in barbarischer Sprache zu reden. In einer juristischen Schrift aus dem Anfang des 3. Jahrhunderts wird, im Gegensatz zu der Rechtsregel, dass die letztwilligen Verfuegungen im allgemeinen lateinisch oder griechisch abzufassen sind, fuer Fideikommisse auch jede andere Sprache, zum Beispiel die punische und die gallische zugelassen. Dem Kaiser Alexander wurde sein Ende von einer gallischen Wahrsagerin in gallischer Sprache angekuendigt. Noch der Kirchenvater Hieronymus, der selber in Ancyra wie in Trier gewesen ist, versichert, dass die kleinasiatischen Galater und die Treverer seiner Zeit ungefaehr die gleiche Sprache redeten, und vergleicht das verdorbene Gallisch der Asiaten mit dem verdorbenen Punisch der Afrikaner. Wenn die keltische Sprache sich in der Bretagne, aehnlich wie in Wales, bis auf den heutigen Tag behauptet hat, so hat die Landschaft zwar ihren heutigen Namen von den im fuenften Jahrhundert dorthin vor den Sachsen fluechtenden Inselbriten erhalten, aber die Sprache ist schwerlich erst mit diesen eingewandert, sondern allem Anschein nach hier seit Jahrtausenden von einem Geschlecht dem andern ueberliefert. In dem uebrigen Gallien hat natuerlich im Laufe der Kaiserzeit das roemische Wesen schrittweise Boden gewonnen; ein Ende gemacht hat aber dem keltischen Idiom hier wohl nicht so sehr die germanische Einwanderung als die Christianisierung, welche in Gallien nicht, wie in Syrien und Aegypten, die von der Regierung beiseite geschobene Landessprache aufnahm und zu ihrem Traeger machte, sondern das Evangelium lateinisch verkuendigte.


^15 So hat sich in Nemausus eine in keltischer Sprache geschriebene Weihinschrift gefunden, gesetzt Matrebo Namaysikabo (CIL XI, p. 383), das heisst, den oertlichen Muettern. ^16 Beispielsweise liest man auf einem in Neris-les-Bains (Allier) gefundenen Altarstein (E. Desjardins, Geographie historique et administrative de la Gaule Romaine. 4 Bde. Paris 1876-93. Bd. 2, S. 476): Bratronos Nantonicn Epadatextorici Leucullo Suio rebelocitoi. Auf einem andern, den die Pariser Schiffergilde unter Tiberius dem hoechsten besten Jupiter setzte (Mowat im Bulletin epigraphique de la Gaule 1, S. 25f.), ist die Hauptinschrift lateinisch, aber ueber den Reliefs der Seitenflaechen, die eine Prozession von neun bewaffneten Priestern darzustellen scheinen, stehen erklaerende Beischriften: Senani Useiloni . . . und Eurises, die nicht lateinisch sind. Solches Gemenge begegnet auch sonst, zum Beispiel in einer Inschrift von Arrenes (Creuse im Bulletin epigraphique de la Gaule 1, S. 38): Sacer Peroco ieuru (wahrscheinlich = fecit) Duorico v(otum) s(olvit) l(ibens) m(erito).


In dem Vorschreiten der Romanisierung, welche in Gallien, abgesehen von der Suedprovinz, wesentlich der inneren Entwicklung ueberlassen blieb, zeigt sich eine bemerkenswerte Verschiedenheit zwischen dem oestlichen Gallien und dem Westen und Norden, die wohl mit, aber nicht allein auf dem Gegensatz der Germanen und der Gallier beruht. In den Vorgaengen bei und nach Neros Sturz tritt diese Verschiedenheit selbst politisch bestimmend hervor. Die nahe Beruehrung der oestlichen Gaue mit den Rheinlagern und die hier vorzugsweise stattfindende Rekrutierung der Rheinlegionen hat dem roemischen Wesen hier frueher und vollstaendiger Eingang verschafft als im Gebiet der Loire und der Seine. Bei jenen Zerwuerfnissen gingen die rheinischen Gaue, die keltischen Lingonen und Treverer sowohl wie die germanischen Ubier oder vielmehr die Agrippinenser mit der Roemerstadt Lugudunum und hielten fest zu der legitimen roemischen Regierung, waehrend die, wie bemerkt ward, wenigstens in gewissem Sinn nationale Insurrektion von den Sequanern, Haeduern und Arvernern ausgeht. In einer spaeteren Phase desselben Kampfes finden wir unter veraenderten Parteiverhaeltnissen dieselbe Spaltung, jene oestlichen Gaue mit den Germanen im Bunde, waehrend der Landtag von Reims den Anschluss an diese verweigert. Wurde somit das gallische Land in Betreff der Sprache im wesentlichen ebenso behandelt wie die uebrigen Provinzen, so begegnet wiederum die Schonung seiner alten Institutionen bei den Bestimmungen ueber Mass und Gewicht. Allerdings haben neben der allgemeinen Reichsordnung, welche in dieser Hinsicht von Augustus erlassen ward, entsprechend dem toleranten oder vielmehr indifferenten Verhalten der Regierung in dergleichen Dingen, die oertlichen Bestimmungen vielerorts fortbestanden, aber nur in Gallien hat die oertliche Ordnung spaeterhin die des Reiches verdraengt. Die Strassen sind im ganzen Roemischen Reich gemessen und bezeichnet nach der Einheit der roemischen Meile (1,48 Kilometer), und bis zum Ende des zweiten Jahrhunderts trifft dies auch fuer diese Provinzen zu. Aber von Severus an tritt in den "drei Gallien" und den beiden Germanien an deren Stelle eine zwar der roemischen angefuegte, aber doch verschiedene und gallisch benannte Meile, die Leuga (2,22 Kilometer), gleich anderthalb roemischen Meilen. Unmoeglich kann Severus damit den Kelten eine nationale Konzession haben machen wollen; es passt dies weder fuer die Epoche, noch insbesondere fuer diesen Kaiser, der eben diesen Provinzen in ausgesprochener Feindseligkeit gegenueberstand; ihn muessen Zweckmaessigkeitsruecksichten bestimmt haben. Diese koennen nur darauf beruhen, dass das nationale Wegemass, die Leuga oder auch die Doppelleuga, die germanische Rasta, welche letztere der franzoesischen Lieue entspricht, in diesen Provinzen nach der Einfuehrung des einheitlichen Wegemasses in ausgedehnterem Umfang fortbestanden haben, als dies in den uebrigen Reichslaendern der Fall war. Augustus wird die roemische Meile formell auf Gallien erstreckt und die Postbuecher und die Reichsstrassen darauf gestellt, aber der Sache nach dem Lande das alte Wegemass gelassen haben; und so mag es gekommen sein, dass die spaetere Verwaltung es weniger unbequem fand, die zwiefache Einheit im Postverkehr sich gefallen zu lassen ^17, als noch laenger sich eines praktisch im Lande unbekannten Wegemasses zu bedienen.


^17 Die Postbuecher und Strassentafeln verfehlen nicht bei Lyon und Toulouse anzumerken, dass hier die Leugen beginnen.


Von weit groesserer Bedeutung ist das Verhalten der roemischen Regierung zu der Landesreligion; ohne Zweifel hat das gallische Volkstum seinen festesten Rueckhalt an dieser gefunden. Selbst in der Suedprovinz muss die Verehrung der nichtroemischen Gottheiten lange, viel laenger als zum Beispiel in Andalusien sich behauptet haben. Die grosse Handelsstadt Arelate freilich hat keine anderen Weihungen aufzuweisen als an die auch in Italien verehrten Goetter; aber in Frejus, Aix, Nimes und ueberhaupt der ganzen Kuestenlandschaft sind die alten keltischen Gottheiten in der Kaiserepoche nicht viel weniger verehrt worden als im inneren Gallien. Auch in dem iberischen Teil Aquitaniens begegnen zahlreiche Spuren des einheimischen, von dem keltischen durchaus verschiedenen Kultus. Indes tragen alle im Sueden Galliens zum Vorschein gekommenen Goetterbilder einen minder von dem gewoehnlichen abweichenden Stempel als die Denkmaeler des Nordens, und vor allem war es leichter, mit den nationalen Goettern auszukommen als mit dem nationalen Priestertum, das uns nur im kaiserlichen Gallien und auf den britannischen Inseln begegnet, den Druiden. Es wuerde vergebliche Muehe sein, von dem inneren Wesen der aus Spekulation und Imagination wunderbar zusammengestellten Druidenlehre eine Vorstellung geben zu wollen; nur die Fremdartigkeit und die Fruchtbarkeit derselben sollen einige Beispiele erlaeutern. Die Macht der Rede wurde symbolisch dargestellt in einem kahlkoepfigen, runzligen, von der Sonne verbrannten Greis, der Keule und Bogen fuehrt und von dessen durchbohrter Zunge zu den Ohren des ihm folgenden Menschen feine goldene Ketten laufen - das heisst, es fliegen die Pfeile und schmettern die Schlaege des redegewaltigen Alten und willig folgen ihm die Herzen der Menge. Das ist der Ogmius der Kelten; den Griechen erschien er wie ein als Herakles staffierter Charon. Ein in Paris gefundener Altar zeigt uns drei Goetterbilder mit Beischrift, in der Mitte den Jovis, zu seiner Linken den Vulcan, ihm zur Rechten den Esus, "den Entsetzlichen mit seinen grausen Altaeren", wie ihn ein roemischer Dichter nennt, aber dennoch ein Gott des Handelsverkehrs und des friedlichen Schaffens ^18; er ist zur Arbeit geschuerzt wie Vulcan, und wie dieser Hammer und Zange fuehrt, so behaut er mit dem Beil einen Weidenbaum. Eine oefter wiederkehrende Gottheit, wahrscheinlich Cernunnos genannt, wird kauernd, mit untergeschlagenen Beinen, dargestellt; auf dem Kopf traegt sie ein Hirschgeweih, an dem eine Halskette haengt, und haelt auf dem Schoss den Geldsack; vor ihr stehen zuweilen Rinder und Hirsche - es scheint, als solle damit der Erdboden als die Quelle des Reichtums ausgedrueckt werden. Die ungeheure Verschiedenheit dieses aller Reinheit und Schoenheit baren, im barocken und phantastischen Mengen sehr irdischer Dinge sich gefallenden keltischen Olymp von den einfach menschlichen Formen der griechischen und den einfach menschlichen Begriffen der roemischen Religion gibt eine Ahnung der Schranke, die zwischen diesen Besiegten und ihren Siegern stand. Daran hingen weiter sehr bedenkliche praktische Konsequenzen: ein umfassender Geheimmittel- und Zauberkram, bei dem die Priester zugleich die Aerzte spielten und wo neben dem Besprechen und Besegnen auch Menschenopfer und Krankenheilung durch das Fleisch der also Geschlachteten vorkam. Dass direkte Opposition gegen die Fremdherrschaft in dem Druidentum dieser Zeit gewaltet hat, laesst sich wenigstens nicht erweisen; aber auch, wenn dies nicht der Fall war, ist es wohl begreiflich, dass die roemische Regierung, welche sonst alle oertlichen Besonderheiten der Gottesverehrung mit gleichgueltiger Duldung gewaehren liess, diesem Druidenwesen nicht bloss in seinen Ausschreitungen, sondern ueberhaupt mit Apprehension gegenueberstand. Die Einrichtung des gallischen Jahrfestes in der rein roemischen Landeshauptstadt und unter Ausschluss aller Anknuepfung an den nationalen Kultus ist offenbar ein Gegenzug der Regierung gegen die alte Landesreligion mit ihrem jaehrlichen Priesterkonzil in Chartres, dem Mittelpunkt des gallischen Landes. Unmittelbar aber ging Augustus gegen das Druidentum nicht weiter vor, als dass er jedem roemischen Buerger die Beteiligung an dem gallischen Nationalkult untersagte. Tiberius in seiner energischeren Weise griff durch und verbot dieses Priestertum mit seinem Anhang von Lehrern und Heilkuenstlern ueberhaupt; aber es spricht nicht gerade fuer den praktischen Erfolg dieser Verfuegung, dass dasselbe Verbot abermals unter Claudius erging - von diesem wird erzaehlt, dass er einen vornehmen Gallier lediglich deshalb koepfen liess, weil er ueberwiesen ward, fuer guten Erfolg bei Verhandlungen vor dem Kaiser das landuebliche Zaubermittel in Anwendung gebracht zu haben. Dass die Besetzung Britanniens, welches von alters her der Hauptsitz dieses Priestertreibens gewesen war, zum guten Teil beschlossen ward, um damit dieses an der Wurzel zu fassen, wird weiterhin ausgefuehrt werden. Trotz alledem hat noch in dem Abfall, den die Gallier nach dem Sturz der claudischen Dynastie versuchten, dies Priestertum eine bedeutende Rolle gespielt; der Brand des Kapitols, so predigten die Druiden, verkuende den Umschwung der Dinge und den Beginn der Herrschaft des Nordens ueber den Sueden. Indes wenn auch dies Orakel spaeterhin in Erfuellung ging, durch diese Nation und zugunsten ihrer Priester ist es nicht geschehen. Die Besonderheiten der gallischen Gottesverehrung haben wohl auch spaeter noch ihre Wirkung geuebt; als im dritten Jahrhundert fuer einige Zeit ein gallisch-roemisches Sonderreich ins Leben trat, spielt auf dessen Muenzen die erste Rolle der Herkules, teils in seiner griechisch- roemischen Gestalt, teils auch als gallischer Deusoniensis oder Magusanus. Von den Druiden aber ist nur noch etwa insofern die Rede, als die klugen Frauen in Gallien bis in die diocletianische Zeit unter dem Namen der Druidinnen gehen und orakeln, und dass die alten adligen Haeuser noch lange nachher in ihrer Ahnenreihe sich druidischer Altvordern beruehmen. Wohl rascher noch als die Landessprache ging die Landesreligion zurueck und das eindringende Christentum hat kaum noch an dieser ernstlichen Widerstand gefunden.


^18 Die zweite Berner Glosse zu Lucan 1, 445, die den Teutates richtig zum Mars macht und auch sonst glaubwuerdig scheint, sagt von ihm: Hesum Mercurium credunt, si quidem a mercatoribus colitur.


Das suedliche Gallien, mehr als irgendeine andere Provinz durch seine Lage jedem feindlichen Angriff entzogen und gleich Italien und Andalusien ein Land der Olive und der Feige, gedieh unter dem Kaiserregiment zu hohem Wohlstand und reicher staedtischer Entwicklung. Das Amphitheater und das Sarkophagfeld von Arles, der "Mutter ganz Galliens", das Theater von Orange, die in und bei Nimes noch heute aufrecht stehenden Tempel und Bruecken sind davon bis in die Gegenwart lebendige Zeugen. Auch in den noerdlichen Provinzen stieg der alte Wohlstand des Landes weiter durch den dauernden Frieden, der, allerdings mit dem dauernden Steuerdruck, durch die Fremdherrschaft in das Land kam. "In Gallien", sagt ein Schriftsteller der vespasianischen Zeit, "sind die Quellen des Reichtums heimisch und ihre Fuelle stroemt ueber die ganze Erde ^19." Vielleicht nirgends sind gleich zahlreiche und gleich praechtige Landhaeuser zum Vorschein gekommen, vor allen Dingen im Osten Galliens, am Rhein und seinen Zufluessen; man erkennt deutlich den reichen gallischen Adel. Beruehmt ist das Testament des vornehmen Lingonen, welcher anordnet, ihm das Grabdenkmal und die Bildsaeule aus italischem Marmor oder bester Bronze zu errichten und unter anderem sein saemtliches Geraet fuer Jagd und Vogelfang mit ihm zu verbrennen - es erinnert dies an die anderweitig erwaehnten, meilenlangen eingefriedigten Jagdparks im Keltenland und an die hervorragende Rolle, welche die keltischen Jagdhunde und keltische Waidmannsart bei dem Xenophon der hadrianischen Zeit spielen, welcher nicht verfehlt hinzuzufuegen, dass dem Xenophon, des Gryllos Sohn, das Jagdwesen der Kelten nicht habe bekannt sein koennen. Nicht minder gehoert in diesen Zusammenhang die merkwuerdige Tatsache, dass in dem roemischen Heerwesen der Kaiserzeit die Kavallerie eigentlich keltisch ist, nicht bloss insofern diese vorzugsweise aus Gallien sich rekrutiert, sondern auch, indem die Manoever und selbst die technischen Ausdruecke zum guten Teil den Kelten entlehnt sind; man erkennt hier, wie nach dem Hinschwinden der alten Buergerreiterei unter der Republik die Kavallerie durch Caesar und Augustus mit gallischen Mannschaften und in gallischer Weise reorganisiert worden ist. Die Grundlage dieses vornehmen Wohlstandes war der Ackerbau, auf dessen Hebung auch Augustus selbst energisch hinwirkte und der in ganz Gallien, etwa abgesehen von der Steppengegend an der aquitanischen Kueste, reichen Ertrag gab. Eintraeglich war auch die Viehzucht, besonders im Norden, namentlich die Zucht von Schweinen und Schafen, welche bald fuer die Industrie und die Ausfuhr von Bedeutung wurden - die menapischen Schinken (aus Flandern) und die atrebatischen und nervischen Tuchmaentel (bei Arras und Tournay) gingen in spaeterer Zeit in das gesamte Reich. Von besonderem Interesse ist die Entwicklung des Weinbaus. Weder das Klima noch die Regierung waren demselben guenstig. Der "gallische Winter" blieb lange Zeit bei den Suedlaendern sprichwoertlich; wie denn in der Tat das Roemische Reich nach dieser Seite hin am weitesten gegen Norden sich ausdehnt. Aber engere Schranken zog der gallischen Weinkultur die italische Handelskonkurrenz. Allerdings hat der Gott Dionysos seine Welteroberung ueberhaupt langsam vollbracht und nur Schritt vor Schritt ist der aus der Halmfrucht bereitete Trank dem Saft der Rebe gewichen; aber es beruht auf dem Prohibitivsystem, dass in Gallien das Bier sich wenigstens im Norden als das gewoehnliche geistige Getraenk die ganze Kaiserzeit hindurch behauptete und noch Kaiser Julianus bei seinem Aufenthalt in Gallien mit diesem falschen Bacchus in Konflikt kam ^20. So weit freilich, wie die Republik, welche den Wein- und Oelbau an der gallischen Suedkueste polizeilich untersagte, ging das Kaiserregiment nicht; aber die Italiener dieser Zeit waren doch die rechten Soehne ihrer Vaeter. Die Bluete der beiden grossen Rhoneemporien Arles und Lyon beruhte zu einem nicht geringen Teil auf dem Vertrieb des italienischen Weins nach Gallien; daran mag man ermessen, welche Bedeutung der Weinbau damals fuer Italien selbst gehabt haben muss. Wenn einer der sorgfaeltigsten Verwalter, die das Kaiseramt gehabt hat, Domitianus, den Befehl erliess, in saemtlichen Provinzen mindestens die Haelfte der Rebstoecke zu vertilgen ^21, was freilich so nicht zur Ausfuehrung kam, so darf daraus geschlossen werden, dass die Ausbreitung des Weinbaus allerdings von Regierungs wegen ernstlich eingeschraenkt ward. Noch in augustischer Zeit war er in dem noerdlichen Teil der narbonensischen Provinz unbekannt, und wenn er auch hier bald in Aufnahme kam, scheint er doch durch Jahrhunderte auf die Narbonensis und das suedliche Aquitanien beschraenkt geblieben zu sein; von gallischen Weinen kennt die bessere Zeit nur den allobrogischen und den biturigischen, nach unserer Redeweise den Burgunder und den Bordeaux ^22. Erst als die Zuegel des Reiches den Haenden der Italiener entfielen, im Laufe des dritten Jahrhunderts, aenderte sich dies, und Kaiser Probus (276-282) gab endlich den Provinzialen den Weinbau frei. Wahrscheinlich erst infolgedessen hat die Rebe festen Fuss gefasst an der Seine wie an der Mosel. "Ich habe", schreibt Kaiser Julianus, "einen Winter" (es war der von 357 auf 358) "in dem lieben Lutetia verlebt, denn so nennen die Gallier das Staedtchen der Pariser, eine kleine Insel im Flusse gelegen und rings ummauert; das Wasser ist dort trefflich und rein zu schauen und zu trinken. Die Einwohner haben einen ziemlich milden Winter, und es waechst bei ihnen guter Wein; ja einige ziehen sogar auch Feigen, indem sie sie im Winter mit Weizenstroh wie mit einem Rocke zudecken." Und nicht viel spaeter schildert dann der Dichter von Bordeaux in der anmutigen Beschreibung der Mosel, wie die Weinberge diesen Fluss an beiden Ufern einfassen, "gleich wie die eigenen Reben mir kraenzen die gelbe Garonne".


^19 Ios. bel. Iud. 2, 16, 4. Ebenda sagt Koenig Agrippa zu seinen Juden, ob sie sich etwa einbildeten, reicher zu sein als die Gallier, tapferer als die Germanen, klueger als die Hellenen. Damit stimmen alle anderen Zeugnisse ueberein. Nero vernimmt den Aufstand nicht ungern occasione nata spoliandarum iure belli opulentissimarum provinciarum (Suet. Nero 40; Plut. Galba 5); die dem Insurgentenheer des Vindex abgenommene Beute ist unermesslich (Tac. hist. 1, 51). Tacitus (hist. 3, 46) nennt die Haeduer pecunia dites et voluptatibus opulentos. Nicht mit Unrecht sagt der Feldherr Vespasians zu den abgefallenen Galliern bei Tacitus (bist. 4, 74); regna bellaque per Gallias semper fuere, donec in nostrum ius concederetis; nos quamquam totiens lacessiti iure victoriae id solum vobis addidimus quo pacem tueremur, nam neque quies gentium sine armis neque arma sine stipendiis neque stipendia sine tributis haberi queunt. Die Steuern drueckten wohl schwer, aber nicht so schwer wie der alte Fehde- und Faustrechtzustand. ^20 Sein Epigramm 'Auf den Gerstenwein' ist erhalten (AP 9, 368): Tis pothen eis, Dionyse? Ma gar ton al/e/thea Bakchon s?s' epigign/o/sk/o/. ton Dios oida monon keinos nektar od/o/de. s? de tragoy. /e/ ra se Keltoi t/e/ peni/e/ botr?/o/n te?xan ap' astach?/o/n. t/o/ se chr/e/ kaleein D/e/m/e/trion, oy Dionyson pyrsgen/e/ mallon kai bromon, oy Bromion. Du, Dionysos, von wo kommst du? Bei dem richtigen Bacchus! Ich erkenne dich nicht; Zeus Sohn kenn' ich allein. Jener duftet nach Nektar; du riechst nach dem Bocke. Die Kelten, Denen die Rebe versagt, braueten dich aus dem Halm, Scheuer-, nicht Feuersohn, Erdkind, nicht Kind dich des Himmels, Nur fuer das Futtern gemacht, nicht fuer den lieblichen Trunk. Auf einem in Paris gefundenen irdenen Ring (Mowat im Bulletin epigraphique de la Gaule 2, S. 110; 3, S. 133), der hohl und zum Fuellen der Becher eingerichtet ist, sagt der Trinkende zu dem Wirt: copo, conditu(m) [cnoditu ist Schreibfehler] abes; est reple(n)da - Wirt, du hast mehr im Keller; die Flasche ist leer, und zu der Kellnerin: ospita, reple, lagona(m) cervesa - Maedchen, fuelle die Flasche mit Bier. ^21 Suet. Dom. 7. Wenn als Grund angegeben ward, dass die hohen Kornpreise durch das Umwandeln des Ackerlandes in Weinberge veranlasst seien, so war das natuerlich ein auf den Unverstand des Publikums berechneter Vorwand. ^22 Wenn noch V. Hehn (Kulturpflanzen und Haustiere. Berlin 1870, S. 76) fuer den Weinbau der Arverner und der Sequaner ausserhalb der Narbonensis sich auf Plinius (nat. 14, 1, 18) beruft, so folgt er beseitigten Textinterpolationen. Es ist moeglich, dass das straffere kaiserliche Regiment in den "drei Gallien" den Weinbau mehr zurueckhielt als das schlaffe senatorische in der Narbonensis.


Der innere Verkehr so wie der mit den Nachbarlaendern, besonders mit Italien, muss ein sehr reger gewesen sein und das Strassennetz entwickelt und gepflegt. Die grosse Reichsstrasse von Rom nach der Muendung des Baetis, deren bei Spanien gedacht ward, war die Hauptader fuer den Landhandel der Suedprovinz; die ganze Strecke, in republikanischer Zeit von den Alpen bis zur Rhone durch die Massalioten, von da bis zu den Pyrenaeen durch die Roemer instand gehalten, wurde von Augustus neu chaussiert. Im Norden fuehrten die Reichsstrassen hauptsaechlich teils nach der gallischen Hauptstadt, teils nach den grossen Rheinlagern; doch scheint auch ausserdem fuer die uebrige Kommunikation in ausreichender Weise gesorgt gewesen zu sein. Wenn die Suedprovinz in der aelteren Zeit auf dem geistigen Gebiet zu dem hellenischen Kreise gehoerte, so hat der Rueckgang von Massalia und das gewaltige Vordringen des Roemertums im suedlichen Gallien darin freilich eine Aenderung herbeigefuehrt; dennoch aber ist dieser Teil Galliens immer, wie Kampanien, ein Sitz hellenischen Wesens geblieben. Dass Nemausus, eine der Teilerben von Massalia, auf seinen Muenzen aus augustischer Zeit alexandrinische Jahreszahlen und das Wappen Aegyptens zeigt, ist nicht ohne Wahrscheinlichkeit darauf bezogen worden, dass durch Augustus selbst in dieser, dem Griechentum nicht fremd gegenueberstehenden Stadt Veteranen aus Alexandreia angesiedelt worden sind. Es darf wohl auch mit dem Einfluss Massalias in Verbindung gebracht werden, dass dieser Provinz, wenigstens der Abstammung nach, derjenige Historiker angehoerte, welcher, es scheint im bewussten Gegensatz zu der nationalroemischen Geschichtschreibung und gelegentlich mit scharfen Ausfaellen gegen deren namhafteste Vertreter, Sallustius und Livius, die hellenische vertrat, der Vocontier Pompeius Trogus, Verfasser einer von Alexander und den Diadochenreichen ausgehenden Weltgeschichte, in welcher die roemischen Dinge nur innerhalb dieses Rahmens oder anhangsweise dargestellt werden. Ohne Zweifel gab er damit nur wieder, was eigentlich der literarischen Opposition des Hellenismus angehoerte; immer bleibt es bemerkenswert, dass diese Tendenz ihren lateinischen Vertreter, und einen geschickten und sprachgewandten Vertreter, hier in augustischer Zeit fand. Aus spaeterer ist erwaehnenswert Favorinus, aus einem angesehenen Buergerhaus von Arles, einer der Haupttraeger der Polymathie der hadrianischen Zeit; Philosoph mit aristotelischer und skeptischer Tendenz, daneben Philolog und Kunstredner, Schueler des Dion von Prusa, Freund des Plutarchos und des Herodes Atticus, polemisch auf dem wissenschaftlichen Gebiet angegriffen von Galenus, feuilletonistisch von Lucian, ueberhaupt in lebhaften Beziehungen mit den namhaften Gelehrten des zweiten Jahrhunderts und nicht minder mit Kaiser Hadrian. Seine mannigfaltigen Forschungen, unter anderm ueber die Namen der Genossen des Odysseus, die die Scylla verschlang, und ueber den des ersten Menschen, der zugleich ein Gelehrter war, lassen ihn als den rechten Vertreter des damals beliebten gelehrten Kleinkrams erscheinen, und seine Vortraege fuer ein gebildetes Publikum ueber Thersites und das Wechselfieber sowie seine zum Teil uns aufgezeichneten Unterhaltungen ueber alles und noch etwas mehr gewaehren kein erfreuliches, aber ein charakteristisches Bild des damaligen Literatentreibens. Hier ist hervorzuheben, was er selbst unter die Merkwuerdigkeiten seines Lebenslaufes rechnete, dass er geborener Gallier und zugleich griechischer Schriftsteller war. Obwohl die Literaten des Okzidents haeufig nebenbei auch griechisch speziminierten, so haben doch nur wenige sich dieser als ihrer eigentlichen Schriftstellersprache bedient; hier wird dies mit durch die Heimat des Gelehrten bedingt sein. Im uebrigen war Suedgallien an der augustischen Literaturbluete insofern beteiligt, als einige der namhaftesten Gerichtsredner der spaeteren augustischen Zeit, Votienus Montanus (+ 27 n. Chr.) aus Narbo - der Ovid der Redner genannt - und Gnaeus Domitius Afer (Konsul 39 n. Chr.) aus Nemausus, dieser Provinz angehoerten. ueberhaupt erstreckt die roemische Literatur ihre Kreise natuerlich auch ueber diese Landschaft; die Dichter der domitianischen Zeit sandten ihre Freiexemplare den Freunden in Tolosa und Vienna. Plinius unter Traian ist erfreut, dass seine kleinen Schriften auch in Lugudunum nicht bloss guenstige Leser, sondern auch Buchhaendler finden, die sie vertreiben. Einen besonderen Einfluss aber, wie ihn die Baetica in der frueheren, das noerdliche Gallien in der spaeteren Kaiserzeit auf die geistige und literarische Entwicklung Roms ausgeuebt hat, vermoegen wir fuer den Sueden nicht nachzuweisen. Wein und Fruechte gediehen in dem schoenen Land; aber weder Soldaten noch Denker sind dem Reiche von dorther gekommen. Das eigentliche Gallien ist im Gebiet der Wissenschaft das gelobte Land des Lehrens und des Lernens; vermutlich geht dies zurueck auf die eigentuemliche Entwicklung und den maechtigen Einfluss des nationalen Priestertums. Das Druidentum war keineswegs ein naiver Volksglaube, sondern eine hoch entwickelte und anspruchsvolle Theologie, die nach guter Kirchensitte alle Gebiete des menschlichen Denkens und Tuns, Physik und Metaphysik, Rechts- und Heilkunde bestrebt war zu erleuchten oder doch zu beherrschen, die von ihren Schuelern unermuedliches, man sagt zwanzigjaehriges Studium forderte und diese ihre Schueler vor allem in den adligen Kreisen suchte und fand. Die Unterdrueckung der Druiden durch Tiberius und seine Nachfolger muss in erster Reihe diese Priesterschulen betroffen und deren wenigstens oeffentliche Beseitigung herbeigefuehrt haben; aber wirksam konnte dies nur dann geschehen, wenn der nationalen Jugendbildung die roemisch-griechische ebenso gegenuebergestellt ward, wie dem carnutischen Druidenkonzil der Roma-Tempel in Lyon. Wie frueh dies, ohne Frage unter dem bestimmenden Einfluss der Regierung, in Gallien eingetreten ist, zeigt die merkwuerdige Tatsache, dass bei dem frueher erwaehnten Aufstand unter Tiberius die Insurgenten vor allen Dingen versuchten, sich der Stadt Augustodunum (Autun) zu bemaechtigen, um die dort studierende vornehme Jugend in ihre Gewalt zu bekommen und dadurch die grossen Familien zu gewinnen oder zu schrecken. Zunaechst moegen wohl diese gallischen Lyzeen trotz ihres keineswegs nationalen Bildungskursus dennoch ein Ferment des spezifisch gallischen Volkstums gewesen sein; schwerlich zufaellig hat das damals bedeutendste derselben nicht in dem roemischen Lyon seinen Sitz, sondern in der Hauptstadt der Haeduer, des vornehmsten unter den gallischen Gauen. Aber die roemisch-hellenische Bildung, wenn auch vielleicht der Nation aufgenoetigt und zunaechst mit Opposition aufgenommen, drang, wie allmaehlich der Gegensatz sich verschliff, in das keltische Wesen so sehr ein, dass mit der Zeit die Schueler sich ihr eifriger zuwandten als die Lehrmeister. Die Gentlemanbildung, etwa in der Art, wie sie heute in England besteht, ruhend auf dem Studium des Lateinischen und in zweiter Reihe des Griechischen und in der Entwicklung der Schulrede mit ihren Schnitzelpointen und Glanzphrasen lebhaft an neuere, demselben Boden entstammende literarische Erscheinungen erinnernd, ward allmaehlich im Okzident eine Art Privilegium der Galloromanen. Besser bezahlt als in Italien wurden dort die Lehrer wohl von jeher, und vor allen Dingen auch besser behandelt. Schon Quintilianus nennt mit Achtung unter den hervorragenden Gerichtsrednern mehrere Gallier; und nicht ohne Absicht macht Tacitus in dem feinen Dialog ueber die Redekunst den gallischen Advokaten Marcus Aper zum Verteidiger der modernen Beredsamkeit gegen die Verehrer Ciceros und Caesars. Den ersten Platz unter den gallischen Universitaeten nahm spaeterhin Burdigala ein, wie denn ueberall Aquitanien hinsichtlich der Bildung dem mittleren und noerdlichen Gallien weit voran war - in einem dort geschriebenen Dialog aus dem Anfang des 5. Jahrhunderts wagt einer der Mitsprechenden, ein Geistlicher aus Chalon-sur-Saone, kaum den Mund aufzutun vor dem gebildeten aquitanischen Kreise. Hier wirkte der frueher erwaehnte, von Kaiser Valentinianus zum Lehrer seines Sohnes Grabanus (geb. 359) berufene Professor Ausonius, der in seinen vermischten Gedichten einer grossen Anzahl seiner Kollegen ein Denkmal gestiftet hat; und als sein Zeitgenosse Symmachus, der beruehmteste Redner dieser Epoche, fuer seinen Sohn einen Hofmeister suchte, liess er in Erinnerung an seinen alten, an der Garonne heimischen Lehrer sich einen aus Gallien kommen. Daneben ist Augustodunum immer einer der grossen Mittelpunkte der gallischen Studien geblieben; wir haben noch die Reden, welche wegen der Wiederherstellung dieser Lehranstalt bittend und dankend vor dem Kaiser Konstantin gehalten worden sind. Die literarische Vertretung dieser eifrigen Schultaetigkeit ist untergeordneter Art und geringen Wertes: Prunkreden, die namentlich durch die spaetere Umwandlung von Trier in eine kaiserliche Residenz und das haeufige Verweilen des Hofes im gallischen Land gefoerdert worden sind, und Gelegenheitsgedichte mannigfaltiger Art. Wie die Redeleistung war das Versemachen ein notwendiges Attribut des Lehramts und der oeffentliche Lehrer der Literatur zugleich nicht gerade geborener, aber doch bestallter Dichter. Wenigstens die Geringschaetzung der Poesie, welche der uebrigens gleichartigen hellenischen Literatur der gleichen Epoche eigen ist, hat sich auf diese Okzidentalen nicht uebertragen. In den Versen herrscht die Schulreminiszenz und das Pedantenkunststueck vor ^23 und nur selten begegnen, wie in der Moselfahrt des Ausonius, lebendige und empfundene Schilderungen. Die Reden, die wir freilich nur nach einigen spaeten, am kaiserlichen Hoflager gehaltenen Vortraegen zu beurteilen in der Lage sind, sind Musterstuecke in der Kunst, mit vielen Worten wenig zu sagen und die unbedingte Loyalitaet in gleich unbedingter Gedankenlosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Wenn eine vermoegende Mutter ihren Sohn, nachdem er die Fuelle und den Schmuck der gallischen Rede sich angeeignet hat, weiter nach Italien schickt, um auch die roemische Wuerde ^24 zu gewinnen, so war diesen gallischen Rhetoren allerdings diese schwieriger abzulernen als der Wortpomp. Fuer das fruehe Mittelalter sind diese Leistungen bestimmend gewesen; durch sie ist in der ersten christlichen Zeit Gallien die eigentliche Staette der frommen Verse und doch auch der letzte Zufluchtsort der Schulliteratur geworden, waehrend die grosse geistige Bewegung innerhalb des Christentums ihre Hauptvertreter nicht hier gefunden hat.


^23 Eines der Professorengedichte des Ausonius ist vier griechischen Grammatikern gewidmet: "Alle fleissig walteten sie des Lehramts; Schmal nur war der Sold ja und duenn der Vortrag; Aber da sie lehrten zu meinen Zeiten, Will ich sie nennen." Dies ist um so verdienstlicher, da er nichts Rechtes bei ihnen gelernt hat: "Wohl, weil mich gehindert die allzu schwache Fassungskraft des Geistes und mich von Hellas Bildung fernhielt leider damals des Knaben trauriger Irrtum." Diese Gedanken sind oefter, aber selten in sapphischem Masse vorgetragen worden. ^24 Romana gravitas: Hier. epist. 125 p. 929 Vall.


In dem Kreise der bauenden und der bildenden Kuenste rief schon das Klima manche Erscheinung hervor, welche der eigentliche Sueden nicht oder nur in den Anfaengen kennt; so ist die in Italien nur bei Baedern gebraeuchliche Luftheizung und der dort ebenfalls wenig verbreitete Gebrauch der Glasfenster in der gallischen Baukunst in umfassender Weise zur Anwendung gekommen. Aber auch von einer diesem Gebiet eigenen Kunstentwicklung darf vielleicht insofern gesprochen werden, als die Bildnisse und in weiterer Entwicklung die Darstellung der Szenen des taeglichen Lebens in dem keltischen Gebiet relativ haeufiger auftreten als in Italien und die abgenutzten mythologischen Darstellungen durch erfreulichere ersetzen. Wir koennen diese Richtung auf das Reale und das Genre allerdings fast nur an den Grabmonumenten erkennen, aber sie hat wohl in der Kunstuebung ueberhaupt vorgeherrscht. Der Bogen von Arausio (Orange) aus der fruehen Kaiserzeit mit seinen gallischen Waffen und Feldzeichen, die bei Vetera gefundene Bronzestatue des Berliner Museums, wie es scheint, den Ortsgott mit Gerstenaehren im Haar darstellend, das wahrscheinlich zum Teil aus gallischen Werkstaetten hervorgegangene Hildesheimer Silbergeraet beweisen eine gewisse Freiheit in der Aufnahme und Umbildung der italischen Motive. Das Juliergrabmal von St. Remy bei Avignon, ein Werk augustischer Zeit, ist ein merkwuerdiges Zeugnis fuer die lebendige und geistreiche Rezeption der hellenischen Kunst im suedlichen Gallien, sowohl in seinem kuehnen architektonischen Aufbau zweier quadratischer Stockwerke, welche ein Saeulenkreis mit konischer Kuppel kroent, wie auch in seinen Reliefs, welche, im Stil den pergamenischen naechst verwandt, figurenreiche Kampf- und Jagdszenen, wie es scheint, dem Leben der Geehrten entnommen, in malerisch bewegter Ausfuehrung darstellen. Merkwuerdigerweise liegt der Hoehepunkt dieser Entwicklung neben der Suedprovinz in der Gegend der Mosel und der Maas; diese Landschaft, nicht so voellig unter roemischem Einfluss stehend wie Lyon und die rheinischen Lagerstaedte und wohlhabender und zivilisierter als die Gegenden an der Loire und der Seine, scheint diese Kunstuebung einigermassen aus sich selbst erzeugt zu haben. Das unter dem Namen der Igeler Saeule bekannte Grabdenkmal eines vornehmen Trierers gibt ein deutliches Bild der hier einheimischen turmartigen, mit spitzem Dach gekroenten, auf allen Seiten mit Darstellungen aus dem Leben des Verstorbenen bedeckten Denkmaeler. Haeufig sehen wir auf denselben den Gutsherrn, dem seine Kolonen Schafe, Fische, Gefluegel, Eier darbringen. Ein Grabstein aus Arlon bei Luxemburg zeigt ausser den Portraets der beiden Gatten auf der einen Seite einen Karren und eine Frau mit einem Fruchtkorb, auf der andern ueber zwei auf dem Boden hockenden Maennern einen Aepfelverkauf. Ein anderer Grabstein aus Neumagen bei Trier hat die Form eines Schiffes: in diesem sitzen sechs Schiffer, die Ruder fuehrend; die Ladung besteht aus grossen Faessern, neben denen der lustig blickende Steuermann, man moechte meinen, sich des darin geborgenen Weines zu freuen scheint. Wir duerfen sie wohl in Verbindung bringen mit dem heiteren Bilde, das der Poet von Bordeaux uns vom Moseltal bewahrt hat mit den praechtigen Schloessern, den lustigen Rebgelaenden und dem regen Fischer- und Schiffertreiben, und den Beweis darin finden, dass in diesem schoenen Lande bereits vor anderthalb Jahrtausenden friedliche Taetigkeit, heiterer Genuss und warmes Leben pulsiert hat. 4. Kapitel Das roemische Germanien und die freien Germanen Die beiden roemischen Provinzen Ober- und Untergermanien sind das Ergebnis derjenigen Niederlage der roemischen Waffen und der roemischen Staatskunst unter der Regierung des Augustus, welche frueher geschildert worden ist. Die urspruengliche Provinz Germanien, die das Land vom Rhein bis zur Elbe umfasste, hat nur zwanzig Jahre, vom ersten Feldzug des Drusus (742 12 v. Chr.) bis zur Varusschlacht und dem Falle Alisos (762 9 n. Chr.) bestanden; da sie aber einerseits die Militaerlager auf dem linken Rheinufer, Vindonissa, Mogontiacum, Vetera in sich schloss, andererseits auch nach jener Katastrophe mehr oder minder betraechtliche Teile des rechten Ufers roemisch blieben, so wurden durch jene Katastrophe die Statthalterschaft und das Kommando nicht eigentlich aufgehoben, obwohl sie sozusagen in der Luft standen. Die innere Ordnung der drei Gallien ist frueher dargelegt worden; sie umfassten das gesamte Gebiet bis an den Rhein, ohne Unterschied der Abstammung -nur etwa die erst waehrend der letzten Krisen nach Gallien uebergesiedelten Ubier gehoerten nicht zu den 64 Gauen, wohl aber die Helvetier, die Triboker und ueberhaupt die sonst von den rheinischen Truppen besetzt gehaltenen Distrikte. Es war die Absicht gewesen, die germanischen Gaue zwischen Rhein und Elbe zu einer aehnlichen Gemeinschaft unter roemischer Hoheit zusammenzufassen, wie dies mit den gallischen geschehen war, und denselben in dem Augustusaltar der Ubierstadt, dem Keim des heutigen Koeln, einen aehnlichen exzentrischen Mittelpunkt zu verleihen, wie der Augustusaltar von Lyon ihn fuer Gallien bildete; fuer die fernere Zukunft war wohl auch die Verlegung der Hauptlager auf das rechte Rheinufer und die Rueckgabe des linken, wenigstens im wesentlichen, an den Statthalter der Belgica in Aussicht genommen. Allein diese Entwuerfe gingen mit den Legionen des Varus zugrunde; der germanische Augustusaltar am Rhein ward oder blieb der Altar der Ubier; die Legionen behielten dauernd ihre Standquartiere in dem Gebiet, welches eigentlich zur Belgica gehoerte, aber, da eine Trennung der Militaer- und Zivilverwaltung nach der roemischen Ordnung ausgeschlossen war, so lange, als die Truppen hier standen, auch administrativ unter den Kommandanten der beiden Heere gelegt war. Denn, wie schon frueher angegeben worden ist, Varus ist wahrscheinlich der letzte Kommandant der vereinigten Rheinarmee gewesen ^1; bei der Vermehrung der Armee auf acht Legionen, welche diese Katastrophe im Gefolge gehabt hat, ist allem Anschein nach auch deren Teilung eingetreten. Es sind also in diesem Abschnitt nicht eigentlich die Zustaende einer roemischen Landschaft zu schildern, sondern die Geschicke einer roemischen Armee, und, was damit aufs engste zusammenhaengt, die der Nachbarvoelker und der Gegner, soweit sie in die Geschichte Roms verflochten sind.


^1 Diese Teilung einer Provinz unter drei Statthalter ist in der roemischen Verwaltung sonst ohne Beispiel; das Verhaeltnis von Afrika und Numidien bietet wohl eine aeussere Analogie, ist aber politisch bedingt durch die Stellung des senatorischen Statthalters zu dem kaiserlichen Militaerkommandanten, waehrend die drei Statthalter der Belgica gleichmaessig kaiserlich sind und gar nicht abzusehen ist, warum den beiden germanischen Sprengel innerhalb der Belgica statt eigener angewiesen werden. Nur das Zuruecknehmen der Grenze unter Beibehaltung des bisherigen Namens - aehnlich wie das transdanuvianische Dakien spaeterhin als cisdanuvianisches dem Namen nach fortbestand - erklaert diese Seltsamkeit.


Die beiden Hauptquartiere der Rheinarmee waren von jeher Vetera bei Wesel und Mogontiacum, das heutige Mainz, beide wohl aelter als die Teilung des Kommandos und eine der Ursachen, dass dieselbe eintrat. Die beiden Armeen zaehlten jede im ersten Jahrhundert n. Chr. vier Legionen, also ungefaehr 30000 Mann ^2; in oder zwischen jenen beiden Punkten lag die Hauptmasse der roemischen Truppen, ausserdem eine Legion bei Noviomagus (Nimwegen), eine andere in Argentoratum (Strassburg), eine dritte bei Vindonissa (Windisch, unweit Zuerich), nicht weit von der raetischen Grenze. Zu dem unteren Heere gehoerte die nicht unbetraechtliche Rheinflotte. Die Grenze zwischen der oberen und der unteren Armee liegt zwischen Andernach und Remagen bei Brohl ^3, so dass Koblenz und Bingen in das obere, Bonn und Koeln in das untere Militaergebiet fielen. Auf dem linken Ufer gehoerten zu dem obergermanischen Verwaltungsbezirk die Distrikte der Helvetier (Schweiz), der Sequaner (Besan‡on), der Lingonen (Langres), der Rauriker (Basel), der Triboker (Elsass), der Nemeter (Speyer) und der Vangionen (Worms); zu dem beschraenkteren untergermanischen der Distrikt der Ubier oder vielmehr die Kolonie Agrippina (Koeln), der Tungrer (Tongern), der Menapier (Brabant) und der Bataver, waehrend die weiter westlich gelegenen Gaue mit Einschluss von Metz und Trier unter den verschiedenen Statthaltern der drei Gallien standen. Wenn diese Scheidung nur administrative Bedeutung hat, so faellt dagegen die wechselnde Ausdehnung der beiden Sprengel auf dem rechten Ufer mit den wechselnden Beziehungen zu den Nachbarn und der dadurch bedingten Vor- und Zurueckschiebung der Grenzen der roemischen Herrschaft zusammen. Diesen Nachbarn gegenueber sind die unterrheinischen und die oberrheinischen Verhaeltnisse in so verschiedener Weise geordnet worden und die Ereignisse in so durchaus anderer Richtung verlaufen, dass hier die provinziale Trennung geschichtlich von der eingreifendsten Bedeutung wurde. Betrachten wir zunaechst die Entwicklung der Dinge am Unterrhein.


^2 Die Staerke der Auxilien der oberen Armee laesst sich fuer die domitianisch-traianische Epoche mit ziemlicher Sicherheit auf etwa 10000 Mann bestimmen. Eine Urkunde vom Jahre 90 zaehlt vier Alen und vierzehn Kohorten dieser Armee auf; zu diesen kommt wenigstens eine Kohorte (I Germanorum), die nachweislich, sowohl im Jahre 82 wie im Jahre 116, daselbst garnisonierte; ob zwei Alen, die im Jahre 82, und mindestens drei Kohorten, die im Jahre 116 daselbst sich befanden und die in der Liste vom Jahre 90 fehlen, im Jahr 90 dort garnisonierten oder nicht, ist zweifelhaft, die meisten derselben aber sind wohl vor 90 aus der Provinz weg oder erst nach 90 in dieselbe gekommen. Von jenen neunzehn Auxilien ist eine sicher (coh. I Damascenorum), eine andere (ala I Flavia gemina) vielleicht eine Doppelabteilung. Im Minimum also ergibt sich als Normaletat der Auxilien dieses Heeres die oben bezeichnete Ziffer, und bedeutend kann sie nicht ueberschritten sein. Wohl aber moegen die Auxilien von Untergermanien, dessen Garnisonen weniger ausgedehnt waren, an Zahl geringer gewesen sein. ^3 An der Grenzbruecke ueber den Abrinca-, jetzt Vinxtbach, der alten Grenze der Erzdioezesen Koeln und Trier, standen zwei Altaere, der auf der Seite von Remagen den Grenzen, dem Ortsgeist und dem Jupiter (Finibus et Genio loci et Iovi optimo maximo) gewidmet von Soldaten der 30. niedergermanischen Legion, der auf der Seite von Andernach dem Jupiter, dem Ortsgott und der Juno geweiht von einem Soldaten der 8. obergermanischen (Brambach 649, 650).


Es ist frueher dargestellt worden, wieweit die Roemer zu beiden Seiten des Unterrheins die Germanen sich unterworfen hatten. Die germanischen Bataver sind nicht durch Caesar, aber nicht lange nachher, vielleicht durch Drusus, auf friedlichem Wege mit dem Reiche vereinigt worden. Sie sassen im Rheindelta, das heisst auf dem linken Rheinufer und auf den durch die Rheinarmee gebildeten Inseln aufwaerts bis wenigstens an den Alten Rhein, also etwa von Antwerpen bis Utrecht und Leiden in Seeland und dem suedlichen Holland, auf urspruenglich keltischem Gebiet - wenigstens sind die Ortsnamen ueberwiegend keltisch; ihren Namen fuehrt noch die Betuwe, die Niederung zwischen Waal und Leck mit der Hauptstadt Noviomagus, jetzt Nimwegen. Sie waren, insbesondere verglichen mit den unruhigen und stoerrigen Kelten, gehorsame und nuetzliche Untertanen und nahmen daher im roemischen Reichsverband und namentlich im Heerwesen eine Sonderstellung ein. Sie blieben gaenzlich steuerfrei, wurden aber dagegen so stark wie kein anderer Gau bei der Rekrutierung angezogen; der eine Gau stellte zu dem Reichsheer 1000 Reiter und 9000 Fusssoldaten; ausserdem wurden die kaiserlichen Leibwaechter vorzugsweise aus ihnen genommen. Das Kommando dieser batavischen Abteilungen wurde ausschliesslich an geborene Bataver vergeben. Die Bataver galten unbestritten nicht bloss als die besten Reiter und Schwimmer der Armee, sondern auch als das Muster treuer Soldaten, wobei allerdings der gute Sold der batavischen Leibwaechter sowohl wie der bevorzugte Offiziersdienst der Adligen die Loyalitaet erheblich befestigte. Diese Germanen waren denn auch bei der Varuskatastrophe weder vorbereitend noch nachfolgend beteiligt; und wenn Augustus unter dem ersten Eindruck der Schreckensnachricht seine batavischen Leibwaechter verabschiedete, so ueberzeugte er sich bald selbst von der Grundlosigkeit seines Argwohns, und die Truppe wurde kurze Zeit darauf wieder hergestellt. Am anderen Ufer des Rheins wohnten den Batavern zunaechst, im heutigen Kennemerland (Nordholland ueber Amsterdam), die ihnen eng verwandten, aber weniger zahlreichen Cannenefaten; sie werden nicht bloss unter den durch Tiberius unterworfenen Voelkerschaften genannt, sondern sind auch in der Stellung von Mannschaften wie die Bataver behandelt worden. Die weiterhin sich anschliessenden Friesen in dem noch heute nach ihnen benannten Kuestenland bis zu der unteren Ems unterwarfen sich dem Drusus und erhielten eine aehnliche Stellung wie die Bataver; es wurde ihnen, anstatt der Steuer, nur die Ablieferung einer Anzahl von Rindshaeuten fuer die Beduerfnisse des Heeres auferlegt; dagegen hatten auch sie verhaeltnismaessig zahlreiche Mannschaften fuer den roemischen Dienst zu stellen. Sie waren seine so wie spaeter des Germanicus treueste Bundesgenossen, ihm nuetzlich sowohl bei dem Kanalbau wie besonders nach den ungluecklichen Nordseefahrten. Auf sie folgen oestlich die Chauker, ein weitausgedehntes Schiffer- und Fischervolk an der Nordseekueste zu beiden Seiten der Weser, vielleicht von der Ems bis zur Elbe; sie wurden durch Drusus zugleich mit den Friesen, aber nicht wie diese ohne Gegenwehr, den Roemern botmaessig. Alle diese germanischen Kuestenvoelker fuegten sich entweder durch Vertrag oder doch ohne schweren Kampf der neuen Herrschaft, und wie sie an dem Cheruskeraufstand keinen Teil gehabt haben, blieben sie nach der Varusschlacht gleichfalls in den frueheren Verhaeltnissen zum Roemischen Reich; selbst aus den entfernter liegenden Gauen der Friesen und der Chauker sind die Besatzungen damals nicht herausgezogen worden, und noch zu den Feldzuegen des Germanicus haben die letzteren Zuzug gestellt. Bei der abermaligen Raeumung Germaniens im Jahre 17 scheint allerdings das arme und ferne, schwer zu schuetzende Chaukerland aufgegeben worden zu sein; wenigstens gibt es fuer die Fortdauer der roemischen Herrschaft daselbst keine spaeteren Belege, und einige Dezennien nachher finden wir sie unabhaengig. Aber alles Land westwaerts der unteren Ems blieb bei dem Reiche, dessen Grenze also die heutigen Niederlande einschloss. Die Verteidigung dieses Teils der Reichsgrenze gegen die nicht zum Reich gehoerigen Germanen blieb in der Hauptsache den botmaessigen Seegauen selber ueberlassen. Weiter stromaufwaerts wurde anders verfahren; hier ward eine Grenzstrasse abgesteckt und das Zwischenland entvoelkert. An die in groesserer oder geringerer Entfernung vom Rhein gezogene Grenzstrasse, den Limes ^4, knuepfte sich die Kontrolle des Grenzverkehrs, indem die Ueberschreitung dieser Strasse zur Nachtzeit ueberhaupt, am Tage den Bewaffneten untersagt und den uebrigen in der Regel nur unter besonderen Sicherheitsmassregeln und unter Erlegung der vorgeschriebenen Grenzzoelle gestattet war. Eine solche Strasse hat gegenueber dem unterrheinischen Hauptquartier im heutigen Muensterland Tiberius nach der Varusschlacht gezogen, in einiger Entfernung vom Rhein, dazwischen ihr und dem Fluss der seiner Lage nach nicht naeher bekannte "Caesische Wald" sich erstreckte. Aehnliche Anstalten muessen gleichzeitig in den Taelern der Ruhr und der Sieg bis zu dem der Wied hin, wo die unterrheinische Provinz endigte, getroffen worden sein. Militaerisch besetzt und zur Verteidigung eingerichtet brauchte diese Strasse nicht notwendig zu sein, obwohl natuerlich die Grenzverteidigung und die Grenzbefestigung immer darauf hinausgingen, die Grenzstrasse moeglichst sicher zu stellen. Ein hauptsaechliches Mittel fuer den Grenzschutz war die Entvoelkerung des Landstrichs zwischen dem Fluss und der Strasse. "Vom rechten Rheinufer", sagt ein kundiger Schriftsteller der tiberischen Zeit, "haben teils die Roemer die Voelkerschaften auf das linke uebergefuehrt, teils diese selbst sich in das Innere zurueckgezogen." Dies traf im heutigen Muensterland die daselbst frueher ansaessigen germanischen Staemme der Usiper, Tencterer, Tubanten. In den Zuegen des Germanicus erscheinen dieselben vom Rhein abgedraengt, aber noch in der Gegend der Lippe, spaeter, wahrscheinlich eben infolge jener Expeditionen, weiter suedwaerts, Mainz gegenueber. Ihr altes Heim lag seitdem oede und bildete das ausgedehnte, fuer die Herden der niedergermanischen Armee reservierte Triftland, auf welchem im Jahre 58 erst die Friesen und dann die heimatlos irrenden Amsivarier sich niederzulassen gedachten, ohne dazu die Erlaubnis der roemischen Behoerden auswirken zu koennen. Weiter suedwaerts blieb von den Sugambrern, die ebenfalls zum grossen Teil derselben Behandlung unterlagen, wenigstens ein Teil am rechten Ufer ansaessig ^5, waehrend andere kleinere Voelkerschaften ganz verdraengt wurden. Die spaerliche innerhalb des Limes geduldete Bevoelkerung war selbstverstaendlich reichsuntertaenig, wie dies die bei den Sugambrern stattfindende roemische Aushebung bestaetigt.


^4 Limes (von limus quer) ist ein unseren Rechtsverhaeltnissen fremder und daher auch in unserer Sprache nicht wiederzugebender technischer Ausdruck, davon hergenommen, dass die roemische Ackerteilung, die alle Naturgrenzen ausschliesst, die Quadrate, in welche der im Privateigentum stehende Boden geteilt wird, durch Zwischenwege von einer bestimmten Breite trennt; diese Zwischenwege sind die limites, und insofern bezeichnet das Wort immer zugleich sowohl die von Menschenhand gezogene Grenze wie die von Menschenhand gebaute Strasse. Diese Doppelbedeutung behaelt das Wort auch in der Anwendung auf den Staat (unrichtig Rudorff); limes ist nicht jede Reichsgrenze, sondern nur die von Menschenhand abgesteckte und zugleich zum Begehen und Postenstellen fuer die Grenzverteidigung eingerichtete (vita Hadriani 12: locis in quibus barbari non fluminibus, sed limitibus dividuntur), wie wir sie in Germanien und in Afrika finden. Darum werden auch auf die Anlage dieses Limes die fuer den Strassenbau dienenden Bezeichnungen angewandt aperire (Vell. 2, 121, was nicht, wie Muellenhoff in der Zeitschrift fuer deutsches Altertum, N. F. 2, S. 32 will, so zu verstehen ist wie unser oeffnen des Schlagbaums), munire, agere (Frontin. straf. 1, 3, 10: limitibus per CXX m. p. actis). Darum ist der Limes nicht bloss eine Laengenlinie, sondern auch von einer gewissen Breite (Tac. ann. 1, 50: castra in limite locat). Daher verbindet sich die Anlage des limes oft mit derjenigen des agger, das heisst des Strassendammes (Tac. ann. 2, 7: cuncta novis limitibus aggeribusque permunita) und die Verschiebung desselben mit der Verlegung der Grenzposten (Tac. Germ. 29: limite acto promotisque praesidiis). Der Limes ist also die Reichsgrenzstrasse, bestimmt zur Regulierung des Grenzverkehrs dadurch, dass ihre Ueberschreitung nur an gewissen, den Bruecken der Flussgrenze entsprechenden Punkten gestattet, sonst untersagt wird. Zunaechst ist dies ohne Zweifel herbeigefuehrt worden durch Abpatrouillierung der Linie, und solange dies geschah blieb der Limes ein Grenzweg. Er blieb dies auch, wenn er an beiden Seiten befestigt ward, wie dies in Britannien und an der Donaumuendung geschah; auch der britannische Wall heisst limes. Es konnten aber auch an den gestatteten Ueberschreitungspunkten Posten aufgestellt und die Zwischenstrecken der Grenzwege in irgendeiner Weise unwegsam gemacht werden, In diesem Sinne sagt der Biograph in der oben angefuehrten Steile von Hadrian, dass an den limites er stipitibus magnis in modum muralis saepis funditus iactis atque conexis barbaros separavit. Damit verwandelt sich die Grenzstrasse in eine mit gewissen Durchgaengen versehene Grenzbarrikade, und das ist der Limes Obergermaniens in der entwickelten, weiterhin darzulegenden Gestalt. Uebrigens wird das Wort in diesem Werte in republikanischer Zeit nicht gebraucht und ist ohne Zweifel dieser Begriff des limes erst entstanden mit der Einrichtung der den Staat, wo Naturgrenzen fehlen, umschliessenden Postenkette, welcher Reichsgrenzschutz der Republik fremd, aber das Fundament des Augusteischen Militaer- und vor allem des Augusteischen Zollsystems ist. ^5 Die auf das linke Ufer uebergesiedelten Sugambrer werden unter diesem Namen nachher nicht erwaehnt und sind wahrscheinlich die unterhalb Koeln am Rhein wohnenden Cugerner. Aber dass die Sugambrer auf dem rechten Ufer, welche Strabo erwaehnt, wenigstens noch zu Claudius' Zeit bestanden, zeigt die nach diesem Kaiser benannte, also sicher unter ihm und zwar aus Sugambrern errichtete Kohorte (CIL III p. 877); und sie, sowie die vier anderen, wahrscheinlich augustischen Kohorten dieses Namens bestaetigen, was eigentlich auch Strabon sagt, dass diese Sugambrer zum Roemischen Reich gehoerten. Sie sind wohl, wie die Mattiaker, erst in den Stuermen der Voelkerwanderung verschwunden.


In dieser Weise wurden nach dem Aufgeben der weiter greifenden Entwuerfe die Verhaeltnisse am Unterrhein geordnet, immer also noch ein nicht unbetraechtliches Gebiet am rechten Ufer von den Roemern gehalten. Aber es knuepften sich daran mancherlei unbequeme Verwicklungen. Gegen das Ende der Regierung des Tiberius (28) fielen die Friesen infolge der unertraeglichen Bedrueckung bei der Erhebung der an sich geringen Abgabe vom Reiche ab, erschlugen die bei der Erhebung beschaeftigten Leute und belagerten den hier fungierenden roemischen Kommandanten mit dem Reste der im Gebiet verweilenden roemischen Soldaten und Zivilpersonen in dem Kastell Flevum, da, wo vor der im Mittelalter erfolgten Ausdehnung der Zuidersee die oestlichste Rheinmuendung war, bei der heutigen Insel Vlieland neben dem Texel. Der Aufstand nahm solche Verhaeltnisse an, dass beide Rheinheere gemeinschaftlich gegen die Friesen marschierten; aber der Statthalter Lucius Apronius richtete dennoch nichts aus. Die Belagerung des Kastells gaben die Friesen auf, als die roemische Flotte die Legionen herantrug; aber ihnen selbst war in dem durchschnittenen Lande schwer beizukommen; mehrere roemische Heerhaufen wurden vereinzelt aufgerieben und die roemische Vorhut so gruendlich geschlagen, dass selbst die Leichen der Gefallenen in der Gewalt des Feindes blieben. Zu einer entscheidenden Aktion kam es nicht, aber auch nicht zu rechter Unterwerfung; groesseren Unternehmungen, die dem kommandierenden Feldherrn eine Machtstellung gaben, war Tiberius, je aelter er wurde, immer weniger geneigt. Damit steht in Zusammenhang, dass in den naechsten Jahren die Nachbarn der Friesen, die Chauker, den Roemern sehr unbequem wurden, im Jahre 41 der Statthalter Publius Gabinius Secundus gegen sie eine Expedition unternehmen musste und sechs Jahre spaeter (47) sie sogar unter Fuehrung des roemischen Ueberlaeufers Gannascus, eines geborenen Cannenefaten, mit ihren leichten Piratenschiffen die gallische Kueste weithin brandschatzten. Gnaeus Domitius Corbulo, von Claudius zum Statthalter Niedergermaniens ernannt, legte mit der Rheinflotte diesen Vorgaengern der Sachsen und Normannen das Handwerk und brachte dann die Friesen energisch zum Gehorsam zurueck, indem er ihr Gemeinwesen neu ordnete und roemische Besatzung dorthin legte. Er hatte die Absicht, weiter die Chauker zu zuechtigen; auf sein Anstiften wurde Gannascus aus dem Wege geraeumt - gegen den Ueberlaeufer hielt er sich auch dazu berechtigt -, und er war im Begriff, die Ems ueberschreitend in das Chaukerland einzuruecken, als er nicht bloss Gegenbefehl von Rom erhielt, sondern die roemische Regierung ueberhaupt ihre Stellung am Unterrhein vollstaendig aenderte. Kaiser Claudius wies den Statthalter an, alle roemischen Besatzungen vom rechten Ufer wegzunehmen. Es ist begreiflich, dass der kaiserliche General die freien Feldherren des ehemaligen Rom mit bitteren Worten gluecklich pries; es wurde allerdings damit die nach der Varusschlacht nur halb gezogene Konsequenz der Niederlage vervollstaendigt. Wahrscheinlich ist diese durch keine unmittelbare Noetigung veranlasste Einschraenkung der roemischen Okkupation Germaniens hervorgerufen worden durch den eben damals gefassten Entschluss, Britannien zu besetzen, und findet darin ihre Rechtfertigung, dass die Truppen beidem zugleich nicht genuegten. Dass der Befehl ausgefuehrt ward und es auch spaeter dabei blieb, beweist das Fehlen der roemischen Militaerinschriften am ganzen rechten Unterrhein ^6. Nur einzelne Uebergangspunkte und Ausfallstore, wie insbesondere Deutz gegenueber Koeln, machen Ausnahmen von dieser allgemeinen Regel. Auch die Militaerstrasse haelt sich hier auf dem linken Ufer und streng an den Rheinlauf, waehrend der hinter derselben herlaufende Verkehrsweg, die Kruemmungen abschneidend, die gerade Verbindung verfolgt. Auf dem rechten Rheinufer sind hier nirgends, weder durch aufgefundene Meilensteine noch anderweitig, roemische Militaerstrassen bezeugt.


^6 Das Kastell von Niederbiber, unweit der Muendung der Wied in den Rhein, sowie das von Arzbach bei Montabaur im Lahngebiet gehoeren schon zu Obergermanien. Die besondere Bedeutung jener Festung, des groessten Kastells in Obergermanien, beruht darauf, dass sie die roemischen Linien auf dem rechten Rheinufer militaerisch abschloss.


Einen eigentlichen Verzicht auf den Besitz des rechten Ufers in dieser Provinz schliesst die Zurueckziehung der Besatzungen nicht ein. Dasselbe galt den Roemern seitdem etwa wie dem Festungskommandanten das unter seinen Kanonen liegende Terrain. Die Cannenefaten und wenigstens ein Teil der Friesen ^7 sind nach wie vor reichsuntertaenig gewesen. Dass auch spaeter noch im Muensterland die Herden der Legionen weideten und den Germanen nicht gestattet wurde, sich dort niederzulassen, ist schon bemerkt worden. Aber die Regierung hat seitdem fuer den Schutz des Grenzgebietes auf dem rechten Ufer, das es in dieser Provinz auch ferner gab, im Norden sich auf die Cannenefaten und die Friesen verlassen, weiter stromaufwaerts im wesentlichen der Oedgrenze vertraut und auch die roemische Ansiedelung hier, wenn nicht geradezu untersagt, doch nicht aufkommen lassen. Der in Altenberg (Kreis Muelheim) am Dhuenfluss gefundene Altarstein eines Privaten ist fast das einzige Zeugnis roemischer Einwohnerschaft in diesen Gegenden. Es ist dies um so bemerkenswerter, als das Aufbluehen von Koeln, wenn hier nicht besondere Hindernisse im Wege gestanden haetten, die roemische Zivilisation von selber weithin auf das andere Ufer getragen haben wuerde. Oft genug werden roemische Truppen diese ausgedehnten Gebiete betreten, vielleicht selbst die gerade hier in augustischer Zeit zahlreich angelegten Strassen einigermassen gangbar gehalten, auch wohl neue angelegt haben; spaerliche Ansiedler, teils Ueberreste der alten germanischen Bevoelkerung, teils Kolonisten aus dem Reich, werden hier gesessen haben, aehnlich wie wir sie bald in der frueheren Kaiserzeit am rechten Ufer des Oberrheins finden werden; aber den Wegen wie den Besitzungen fehlte der Stempel der Dauerhaftigkeit. Man wollte hier nicht eine Arbeit von gleicher Ausdehnung und gleicher Schwierigkeit unternehmen, wie wir sie weiterhin in der oberen Provinz kennenlernen werden, nicht hier, wie es dort geschah, die Reichsgrenze militaerisch schuetzen und befestigen. Darum hat den Unterrhein wohl die roemische Herrschaft, aber nicht, wie den Oberrhein, auch die roemische Kultur ueberschritten.


^7 Dies fordern die Aushebungen (Eph. epigr. V, p. 274), waehrend die Friesen, wie sie im Jahre 58 (Tac. ann. 13, 54) auftreten, eher unabhaengig erscheinen; auch der aeltere Plinius (nat. 25, 3, 22) unter Vespasian nennt sie im Rueckblick auf die Zeit des Germanicus gens tum fida. Wahrscheinlich haengt dies zusammen mit der Unterscheidung der Frisii und Frisiavones bei Plinius (nat. 4, 15, 101) und der Frisii maiores und minores bei Tacitus (Germ. 34). Die roemisch gebliebenen Friesen werden die westlichen sein, die freien die oestlichen; wenn die Friesen ueberhaupt bis zur Ems reichen (Ptol. geogr. 3, 11, 7), so moegen die spaeter roemischen etwa westwaerts der Yssel gesessen haben. Anderswo als an der noch heute ihren Namen tragenden Kueste darf man sie nicht ansetzen; die Nennung bei Plinius (nat. 4, 17, 106) steht vereinzelt und ist ohne Zweifel fehlerhaft.


Ihrer doppelten Aufgabe, das benachbarte Gallien in Gehorsam und die Germanen des rechten Rheinufers von Gallien abzuhalten, hatte die Armee am Unterrhein auch nach dem Verzicht auf Besetzung des rechtsrheinischen Gebietes ausreichend genuegt; und es waere die Ruhe nach aussen und innen voraussichtlich nicht unterbrochen worden, wenn nicht der Sturz der Julisch-Claudischen Dynastie und der dadurch hervorgerufene Buerger- oder vielmehr Korpskrieg in diese Verhaeltnisse in verhaengnisvoller Weise eingegriffen haette. Die Insurrektion des Keltenlandes unter Fuehrung des Vindex wurde zwar von den beiden germanischen Armeen niedergeschlagen; aber Neros Sturz erfolgte dennoch, und als sowohl das spanische Heer wie die Kaisergarde in Rom ihm einen Nachfolger bestellten, taten auch die Rheinarmeen das gleiche, und im Anfang des Jahres 69 ueberschritt der groesste Teil dieser Truppen die Alpen, um auf den Schlachtfeldern Italiens auszumachen, ob dessen Herrscher Marcus oder Aulus heissen werde. Im Mai desselben Jahres folgte der neue Kaiser Vitellius, nachdem die Waffen fuer ihn entschieden hatten, begleitet von dem Rest der guten kriegsgewohnten Mannschaften. Durch eilig in Gallien ausgehobene Rekruten waren allerdings die Luecken in den Rheinbesatzungen notduerftig ausgefuellt worden; aber dass es nicht die alten Legionen waren, wusste das ganze Land, und bald zeigte es sich auch, dass jene nicht zurueckkamen. Haette der neue Herrscher die Armee, die ihn auf den Thron gesetzt hatte, in seiner Gewalt gehabt, so haette gleich nach der Niederwerfung Othos im April wenigstens ein Teil derselben an den Rhein zurueckkehren muessen; aber mehr noch die Unbotmaessigkeit der Soldaten als die bald eintretende neue Verwicklung mit dem im Osten zum Kaiser ausgerufenen Vespasian hielt die germanischen Legionen in Italien zurueck. Gallien war in der furchtbarsten Aufregung. Die Insurrektion des Vindex war, wie frueher bemerkt ward, an sich nicht gegen die Herrschaft Roms, sondern gegen den dermaligen Herrscher gerichtet; aber darum war sie nicht weniger eine Kriegfuehrung gewesen zwischen den Rheinarmeen und dem Landsturm der grossen Mehrzahl der keltischen Gaue, und diese nicht weniger gleich Besiegten gepluendert und misshandelt worden. Die Stimmung, die zwischen den Provinzialen und den Soldaten bestand, zeigt zum Beispiel die Behandlung, welche der Gau der Helvetier bei dem Durchmarsch der nach Italien bestimmten Truppen erfuhr: weil hier ein von den Vitellianern nach Pannonien abgesandter Kurier aufgegriffen worden war, rueckten die Marschkolonnen von der einen Seite, von der anderen die in Raetien in Garnison stehenden Roemer in den Gau ein, pluenderten weit und breit die Ortschaften, namentlich das heutige Baden bei Zuerich, jagten die in die Berge Fluechtenden aus ihrem Versteck auf und machten sie zu Tausenden nieder oder verkauften die Gefangenen nach Kriegsrecht. Obwohl die Hauptstadt Aventicum (Avenches bei Murten) sich ohne Gegenwehr unterwarf, forderten die Agitatoren der Armee ihre Schleifung und alles, was der Feldherr gewaehrte, war die Verweisung der Frage nicht etwa an den Kaiser, sondern an die Soldaten des grossen Hauptquartiers; diese sassen ueber das Schicksal der Stadt zu Gericht und nur der Umschlag ihrer Laune rettete den Ort vor der Zerstoerung. Dergleichen Misshandlungen brachten die Provinzialen aufs aeusserste; noch bevor Vitellius Gallien verliess, trat ein gewisser Mariccus aus dem von den Haeduern abhaengigen Gau der Boier auf, ein Gott auf Erden, wie er sagte, und bestimmt, die Freiheit der Kelten wieder herzustellen; und scharenweise stroemten die Leute unter seine Fahnen. Indes kam auf die Erbitterung im Keltenland nicht allzu viel an. Eben der Aufstand des Vindex hatte auf das deutlichste gezeigt, wie voellig unfaehig die Gallier waren, sich der roemischen Umklammerung zu entwinden. Aber die Stimmung der zu Gallien gerechneten germanischen Distrikte in den heutigen Niederlanden, der Bataver, der Cannenefaten, der Friesen, deren Sonderstellung schon hervorgehoben ward, hatte etwas mehr zu bedeuten; und es traf sich, dass eben diese einerseits aufs aeusserste erbittert worden waren, andererseits ihre Kontingente zufaellig sich in Gallien befanden. Die Masse der batavischen Truppen, 8000 Mann, der 14. Legion beigegeben, hatte laengere Zeit mit dieser bei dem oberen Rheinheere gestanden und war dann unter Claudius bei der Besetzung Britanniens nach dieser Insel gekommen, wo dieses Korps kurz zuvor die entscheidende Schlacht unter Paullinus durch seine unvergleichliche Tapferkeit fuer die Roemer gewonnen hatte; von diesem Tag an nahm dasselbe unter allen roemischen Heeresabteilungen unbestritten den ersten Platz ein. Eben dieser Auszeichnung wegen von Nero abberufen, um mit ihm zum Kriege in den Orient abzugehen, hatte die in Gallien ausbrechende Revolution ein Zerwuerfnis zwischen der Legion und ihren Hilfsmannschaften herbeigefuehrt: jene, dem Nero treu ergeben, eilte nach Italien, die Bataver dagegen weigerten sich zu folgen. Vielleicht hing dies damit zusammen, dass zwei ihrer angesehensten Offiziere, die Brueder Paulus und Civilis, ohne jeden Grund und ohne Ruecksicht auf vieljaehrige treue Dienste und ehrenvolle Wunden, kurz vorher als des Hochverrats verdaechtig in Untersuchung gezogen, der erstere hingerichtet, der zweite gefangengesetzt worden war. Nach Neros Sturz, zu welchem der Abfall der batavischen Kohorten wesentlich beigetragen hatte, gab Galba den Civilis frei und sandte die Bataver in ihr altes Standquartier nach Britannien zurueck. Waehrend sie auf dem Marsch dahin bei den Lingonen (Langres) lagerten, fielen die Rheinlegionen von Galba ab und riefen den Vitellius zum Kaiser aus. Die Bataver schlossen nach laengerem Schwanken schliesslich sich an; dieses Schwanken vergab ihnen Vitellius nicht, doch wagte er nicht, den Fuehrer des maechtigen Korps geradezu zur Verantwortung zu ziehen. So waren die Bataver mit den Legionen von Untergermanien nach Italien marschiert und hatten mit gewohnter Tapferkeit in der Schlacht von Betriacum fuer Vitellius gefochten, waehrend ihre alten Legionskameraden ihnen in dem Heere Othos gegenueberstanden. Aber der Uebermut dieser Germanen erbitterte ihre roemischen Siegesgenossen, wie sehr sie ihre Tapferkeit im Kampf anerkannten; auch die kommandierenden Generale trauten ihnen nicht und machten sogar einen Versuch, durch Detachierung sie zu teilen, was freilich in diesem Krieg, in dem die Soldaten kommandierten und die Generale gehorchten, nicht durchzufuehren war und fast dem General das Leben gekostet haette. Nach dem Siege wurden sie beauftragt, ihre feindlichen Kameraden von der 14. Legion nach Britannien zu eskortieren; aber da es zwischen beiden in Turin zum Handgemenge gekommen war, gingen diese allein dorthin und sie selbst nach Germanien. Inzwischen war im Orient Vespasianus zum Kaiser ausgerufen worden, und waehrend infolgedessen Vitellius sowohl den batavischen Kohorten Marschbefehl nach Italien gab wie auch bei den Batavern neue umfassende Aushebungen anordnete, knuepften Vespasians Beauftragte mit den batavischen Offizieren an, um diesen Abmarsch zu verhindern und in Germanien selbst einen Aufstand hervorzurufen, der die Truppen dort festhielte. Civilis ging darauf ein. Er begab sich in seine Heimat und gewann leicht die Zustimmung der Seinigen, sowie der benachbarten Cannenefaten und Friesen. Bei jenen brach der Aufstand aus; die beiden Kohortenlager in der Naehe wurden ueberfallen und die roemischen Posten aufgehoben; die roemischen Rekruten schlugen sich schlecht; bald warf Civilis mit seiner Kohorte, die er hatte nachkommen lassen, um sie angeblich gegen die Insurgenten zu gebrauchen, sich selbst offen in die Bewegung, sagte mit den drei germanischen Gauen dem Vitellius auf und forderte die uebrigen, eben damals von Mainz zum Abmarsch nach Italien aufbrechenden Bataver und Cannenefaten auf, sich ihm anzuschliessen. Das alles war mehr ein Soldatenaufstand als eine Insurrektion der Provinz oder gar ein germanischer Krieg. Wenn damals die Rheinlegionen mit denen von der Donau und weiter mit diesen und der Euphratarmee schlugen, so war es nur folgerichtig, dass auch die Soldaten zweiter Klasse, und vor allem die angesehenste Truppe derselben, die batavische, selbstaendig in diesen Korpskrieg eintrat. Wer diese Bewegung bei den Kohorten der Bataver und den linksrheinischen Germanen mit der Insurrektion der rechtsrheinischen unter Augustus zusammenstellt, der darf nicht uebersehen, dass in jener die Alen und Kohorten die Rolle des Landsturms der Cherusker uebernahmen; und wenn der treulose Offizier des Varus seine Nation aus der Roemerherrschaft erloeste, so handelte der batavische Fuehrer im Auftrag Vespasians, ja vielleicht auf geheime Anweisung des im stillen Vespasian geneigten Statthalters seiner Provinz, und richtete sich der Aufstand zunaechst lediglich gegen Vitellius. Freilich war die Lage der Dinge von der Art, dass dieser Soldatenaufstand jeden Augenblick in einen Germanenkrieg gefaehrlichster Art sich verwandeln konnte. Dieselben roemischen Truppen, die den Rhein gegen die Germanen des rechten Ufers deckten, standen infolge der Korpskriege den linksrheinischen Germanen feindlich gegenueber; die Rollen waren solcher Art, dass es fast leichter schien, sie zu wechseln als sie durchzufuehren. Civilis selbst mag es wohl auf den Erfolg haben ankommen lassen, ob die Bewegung auf einen Kaiserwechsel oder auf die Vertreibung der Roemer aus Gallien durch die Germanen hinauslaufen werde. Das Kommando ueber die beiden Rheinarmeen fuehrte damals, nachdem der Statthalter von Untergermanien Kaiser geworden war, sein bisheriger Kollege in Obergermanien Hordeonius Flaccus, ein hochbejahrter podagrischer Mann, ohne Energie und ohne Autoritaet, dazu entweder in der Tat im geheimen zu Vespasian haltend oder doch bei den eifrig dem Kaiser ihrer Mache anhaengenden Legionen solcher Treulosigkeit sehr verdaechtig. Es zeichnet ihn und seine Stellung, dass er, um sich von dem Verdacht des Verrats zu reinigen, Befehl gab, die einlaufenden Regierungsdepeschen uneroeffnet den Adlertraegern der Legionen zuzustellen und diese sie zunaechst den Soldaten vorlasen, bevor sie dieselben an ihre Adresse befoerderten. Von den vier Legionen des unteren Heeres, das zunaechst mit den Aufstaendischen zu tun hatte, standen zwei, die 5. und die 15., unter dem Legaten Munius Lupercus im Hauptquartier zu Vetera, die 16. unter Numisius Rufus in Novaesium (Neuss), die 1. unter Herennius Gallus in Bonna (Bonn). Von dem oberen Heer, das damals nur drei Legionen zaehlte ^8, blieb die eine, die 21., in ihrem Standquartier Vindonissa diesen Vorgaengen fern, wenn sie nicht vielmehr ganz nach Italien gezogen worden war; die beiden anderen, die 4. makedonische und die 22., standen im Hauptquartier Mainz, wo auch Flaccus sich befand und faktisch der tuechtige Legat des letzteren, Dillius Vocula, den Oberbefehl fuehrte. Die Legionen hatten durchgaengig nur die Haelfte der vollen Zahl, und die meisten Soldaten waren Halbinvalide oder Rekruten.


^8 Die 4. obergermanische Legion war im Jahre 58 nach Kleinasien geschickt, wegen des Armenisch-Parthischen Krieges (Tac. ann. 13, 35).


Civilis, an der Spitze einer kleinen Zahl regulaerer Truppen, aber des Gesamtaufgebots der Bataver, Cannenefaten und Friesen, ging aus der Heimat zum Angriff vor. Zunaechst am Rhein stiess er auf Reste der aus den noerdlichen Gauen vertriebenen roemischen Besatzungen und eine Abteilung der roemischen Rheinflotte; als er angriff, lief nicht bloss die grossenteils aus Batavern bestehende Schiffsmannschaft zu ihm ueber, sondern auch eine Kohorte der Tungrer - es war der erste Abfall einer gallischen Abteilung; was von italischen Mannschaften dabei war, wurde erschlagen oder gefangen. Dieser Erfolg brachte endlich die rechtsrheinischen Germanen in Bewegung. Was sie seit langem vergeblich gehofft hatten, die Erhebung der roemischen Untertanen auf dem anderen Ufer, ging nun in Erfuellung und sowohl die Chauker und die Friesen an der Kueste wie vor allem die Bructerer zu beiden Seiten der oberen Ems bis hinab zur Lippe, und am Mittelrhein, Koeln gegenueber, die Tencterer, in minderem Masse die suedlich an diese sich anschliessenden Voelkerschaften, Usiper, Mattiaker, Chatten, warfen sich in den Kampf. Als auf Befehl des Flaccus die beiden schwachen Legionen von Vetera gegen die Insurgenten ausrueckten, konnten ihnen diese schon mit zahlreichem ueberrheinischem Zuzug entgegentreten; und die Schlacht endigte wie das Gefecht am Rhein mit einer Niederlage der Roemer durch den Abfall der batavischen Reiterei, welche zu der Garnison von Vetera gehoerte, und durch die schlechte Haltung der Reiter der Ubier wie der Treverer. Die insurgierten wie die zustroemenden Germanen schritten dazu, das Hauptquartier des unteren Heeres zu umstellen und zu belagern. Waehrend dieser Belagerung erreichte die Kunde der Vorgaenge am Unterrhein die uebrigen batavischen Kohorten in der Naehe von Mainz; sie machten sofort kehrt gegen Norden. Statt sie zusammenhauen zu lassen, liess der schwachmuetige Oberfeldherr sie ziehen, und als der Legionskommandant in Bonn sich ihnen entgegenwarf, unterstuetzte Flaccus diesen nicht, wie er es gekonnt und sogar anfaenglich zugesagt hatte. So sprengten die tapferen Germanen die Bonner Legion auseinander und gelangten gluecklich zu Civilis, fortan der geschlossene Kern seines Heeres, in welchem jetzt die roemischen Kohortenfahnen neben den Tierstandarten aus den heiligen Hainen der Germanen standen. Noch immer aber hielt der Bataver, wenigstens angeblich, an Vespasian; er schwur die roemischen Truppen auf dessen Namen ein und forderte die Besatzung von Vetera auf, sich mit ihm fuer diesen zu erklaeren. Indes diese Mannschaften sahen darin, vermutlich mit Recht, nur einen Versuch der Ueberlistung und wiesen diesen ebenso entschlossen ab wie die anstuermenden Scharen der Feinde, die bald durch die ueberlegene roemische Taktik sich gezwungen sahen, die Belagerung in eine Blockade zu verwandeln. Aber da die roemische Heerleitung durch diese Vorgaenge ueberrascht worden war, waren die Vorraete knapp und baldiger Entsatz dringend geboten. Um diesen zu bringen, brachen Flaccus und Vocula mit ihrer gesamten Mannschaft von Mainz auf, zogen unterwegs die beiden Legionen aus Bonna und Novaesium sowie die auf den erhaltenen Befehl zahlreich sich einstellenden Hilfstruppen der gallischen Gaue an sich und naeherten sich Vetera. Aber statt sofort die gesamte Macht von innen und aussen auf die Belagerer zu werfen, mochte deren Ueberzahl noch so gewaltig sein, schlug Vocula sein Lager bei Gelduba (Gellep am Rhein, unweit Krefeld), einen starken Tagemarsch entfernt von Vetera, waehrend Flaccus weiter zurueckstand. Die Nichtigkeit des sogenannten Feldherrn und die immer steigende Demoralisation der Truppen, vor allem das oft bis zu Misshandlungen und Mordanschlaegen sich steigernde Misstrauen gegen die Offiziere kann allein dies Einhalten wenigstens erklaeren. Also zog sich das Unheil immer dichter von allen Seiten zusammen. Ganz Germanien schien sich an dem Krieg beteiligen zu wollen; waehrend die belagernde Armee bestaendig neuen Zuzug von dort erhielt, gingen andere Schwaerme ueber den in diesem trocknen Sommer ungewoehnlich niedrigen Rhein teils in den Ruecken der Roemer in die Gaue der Ubier und der Treverer, das Moseltal zu brandschatzen, teils unterhalb Vetera in das Gebiet der Maas und der Schelde; weitere Haufen erschienen vor Mainz und machten Miene, dies zu belagern. Da kam die Nachricht von der Katastrophe in Italien. Auf die Kunde von der zweiten Schlacht bei Betriacum im Herbst des Jahres 69 gaben die germanischen Legionen die Sache des Vitellius verloren und schwuren, wenn auch widerwillig, dem Vespasian; vielleicht in der Hoffnung, dass Civilis, der ja auch den Namen Vespasians auf seine Fahnen geschrieben hatte, dann seinen Frieden machen werde. Aber die germanischen Schwaerme, die inzwischen ueber ganz Nordgallien sich ergossen hatten, waren nicht gekommen, um die Flavische Dynastie einzusetzen; selbst wenn Civilis dies einmal gewollt hatte, jetzt haette er es nicht mehr gekonnt. Er warf die Maske weg und sprach es offen aus, was freilich laengst feststand, dass die Germanen Nordgalliens sich mit Hilfe der freien Landsleute der roemischen Herrschaft zu entwinden gedachten. Aber das Kriegsglueck schlug um. Civilis versuchte das Lager von Gelduba zu ueberrumpeln; der Ueberfall begann gluecklich und der Abfall der Kohorten der Nervier brachte Voculas kleine Schar in eine kritische Lage. Da fielen ploetzlich zwei spanische Kohorten den Germanen in den Ruecken; die drohende Niederlage verwandelte sich in einen glaenzenden Sieg; der Kern der angreifenden Armee blieb auf dem Schlachtfeld. Vocula rueckte zwar nicht sofort gegen Vetera vor, was er wohl gekonnt haette, aber drang einige Tage spaeter, nach einem abermaligen heftigen Gefecht mit den Feinden, in die belagerte Stadt. Freilich Lebensmittel brachte er nicht; und da der Fluss in der Gewalt des Feindes war, mussten diese auf dem Landweg von Novaesium herbeigeschafft werden, wo Flaccus lagerte. Der erste Transport kam durch; aber die inzwischen wieder gesammelten Feinde griffen die zweite Proviantkolonne unterwegs an und noetigten sie, sich nach Gelduba zu werfen. Zu ihrer Unterstuetzung ging Vocula mit seinen Truppen und einem Teil der alten Besatzung von Vetera dorthin ab. In Gelduba angelangt, weigerten sich die Mannschaften, nach Vetera zurueckzukehren und die Leiden der abermals in Aussicht stehenden Belagerung weiter auf sich zu nehmen; statt dessen marschierten sie nach Novaesium, und Vocula, welcher den Rest der alten Garnison von Vetera einigermassen verproviantiert wusste, musste wohl oder uebel folgen. In Novaesium war inzwischen die Meuterei zum Ausbruch gelangt. Die Soldaten hatten in Erfahrung gebracht, dass ein von Vitellius fuer sie bestimmtes Donativ an den Feldherrn gelangt sei und erzwangen dessen Verteilung auf den Namen Vespasians. Kaum hatten sie es, so brach in den wuesten Gelagen, welche die Spende im Gefolge hatte, der alte Soldatengroll wieder hervor; sie pluenderten das Haus des Feldherrn, der die Rheinarmee an den General der syrischen Legionen verraten hatte, erschlugen ihn und haetten auch dem Vocula das gleiche Schicksal bereitet, wenn dieser nicht in Vermummung entkommen waere. Darauf riefen sie abermals den Vitellius zum Kaiser aus, nicht wissend, dass dieser schon tot war. Als diese Kunde ins Lager kam, kam der bessere Teil der Soldaten, namentlich die beiden obergermanischen Legionen, einigermassen zur Besinnung; sie vertauschten an ihren Standarten das Bildnis des Vitellius wieder mit dem Vespasians und stellten sich unter Voculas Befehle; dieser fuehrte sie nach Mainz, wo er den Rest des Winters 69/70 verblieb. Civilis besetzte Gelduba und schnitt damit Vetera ab, das aufs neue eng blockiert ward; die Lager von Novaesium und Bonna wurden noch gehalten. Bisher hatte das gallische Land, abgesehen von den wenigen insurgierten germanischen Gauen im Norden, fest an Rom gehalten. Allerdings ging die Parteiung durch die einzelnen Gaue; unter den Tungrern zum Beispiel hatten die Bataver starken Anhang, und die schlechte Haltung der gallischen Hilfsmannschaften waehrend des ganzen Feldzugs wird wohl zum Teil durch dergleichen roemerfeindliche Stimmungen hervorgerufen sein. Aber auch unter den Insurgierten gab es eine ansehnliche roemisch gesinnte Partei; ein vornehmer Bataver, Claudius Labeo, fuehrte gegen seine Landsleute in seiner Heimat und der Nachbarschaft einen Parteigaengerkrieg nicht ohne Erfolg und Civilis' Schwestersohn Iulius Briganticus fiel in einem dieser Gefechte an der Spitze einer roemischen Reiterschar. Dem Befehl, Zuzug zu senden, hatten alle gallischen Gaue ohne weiteres Folge geleistet; die Ubier, obwohl germanischer Herkunft, waren auch in diesem Kriege lediglich ihres Roemerrums eingedenk und sie, wie die Treverer, hatten den in ihr Gebiet einbrechenden Germanen tapferen und erfolgreichen Widerstand geleistet. Es war das begreiflich. Die Dinge lagen in Gallien noch so wie in den Zeiten Caesars und Ariovists; eine Befreiung der gallischen Heimat von der roemischen Herrschaft durch diejenigen Schwaerme, welche, um dem Civilis landsmannschaftlichen Beistand zu leisten, eben damals das Mosel-, Maas- und Scheldetal ausraubten, war ebensosehr eine Auslieferung des Landes an die germanischen Nachbarn; in diesem Krieg, der aus einer Fehde zwischen zwei roemischen Truppenkorps zu einem roemisch-germanischen sich entwickelt hatte, waren die Gallier eigentlich nichts als der Einsatz und die Beute. Dass die Stimmung der Gallier, trotz aller wohlbegruendeten allgemeinen und besonderen Beschwerden ueber das roemische Regiment, ueberwiegend antigermanisch war und fuer jene aufflammende und ruecksichtslose nationale Erhebung, wie sie vor Zeiten wohl durch das Volk gegangen war, in diesem inzwischen halb romanisierten Gallien der Zuendstoff fehlte, hatten die bisherigen Vorgaenge auf das deutlichste gezeigt. Aber unter den bestaendigen Misserfolgen der roemischen Armee wuchs allmaehlich den roemerfeindlichen Galliern der Mut, und ihr Abfall vollendete die Katastrophe. Zwei vornehme Treverer, Iulius Classicus, der Befehlshaber der treverischen Reiterei, und Iulius Tutor, der Kommandant der Uferbesatzungen am Mittelrhein, der Lingone Iulius Sabinus, Nachkomme, wie er wenigstens sich beruehmte, eines Bastards Caesars, und einige andere gleichgesinnte Maenner aus verschiedenen Gauen glaubten in der fahrigen keltischen Weise zu erkennen, dass der Untergang Roms in den Sternen geschrieben und durch den Brand des Kapitols (Dezember 69) der Welt verkuendigt sei. So beschlossen sie, die Roemerherrschaft zu beseitigen und ein Gallisches Reich zu errichten. Dazu gingen sie den Weg des Arminius. Vocula liess sich wirklich durch gefaelschte Rapporte dieser roemischen Offiziere bestimmen, mit den unter ihrem Kommando stehenden Kontingenten und einem Teil der Mainzer Besatzung im Fruehjahr 70 nach dem Unterrhein aufzubrechen, um mit diesen Truppen und den Legionen von Bonna und Novaesium das hart bedraengte Vetera zu entsetzen. Auf dem Marsch von Novaesium nach Vetera verliessen Classicus und die mit ihm einverstandenen Offiziere das roemische Heer und proklamierten das neue Gallische Reich. Vocula fuehrte die Legionen zurueck nach Novaesium; unmittelbar davor schlug Classicus sein Lager auf. Vetera konnte sich nicht mehr lange halten; die Roemer mussten erwarten, nach dessen Fall die gesamte Macht des Feindes sich gegenueber zu finden. Dies vor Augen, versagten die roemischen Truppen und kapitulierten mit den abgefallenen Offizieren. Vergeblich versuchte Vocula noch einmal die Bande der Zucht und der Ehre anzuziehen; die Legionen Roms liessen es geschehen, dass ein roemischer Ueberlaeufer von der ersten Legion auf Befehl des Classicus den tapferen Feldherrn niederstiess und lieferten selbst die uebrigen Oberoffiziere gefesselt an den Vertreter des Reiches Gallien aus, der dann die Soldaten auf dieses Reich in Eid und Pflicht nahm. Denselben Schwur leistete in die Haende der eidbruechigen Offiziere die Besatzung von Vetera, die, durch Hunger bezwungen, sofort sich ergab, und ebenso die Besatzung von Mainz, wo nur wenige einzelne der Schande sich durch Flucht oder Tod entzogen. Das ganze stolze Rheinheer, die erste Armee des Reiches, hatte vor seinen eigenen Auxilien, Rom vor Gallien kapituliert. Es war ein Trauerspiel und zugleich eine Posse. Das Gallische Reich verlief, wie es musste. Civilis und seine Germanen liessen es zunaechst sich wohl gefallen, dass der Zwist im roemischen Lager ihnen die eine wie die andere Haelfte der Feinde in die Haende lieferte, aber er dachte nicht daran, jenes Reich anzuerkennen, und noch weniger seine rechtsrheinischen Genossen. Ebenso wenig wollten die Gallier selbst davon etwas wissen, wobei allerdings der schon bei dem Aufstand des Vindex hervorgetretene Riss zwischen den oestlichen Distrikten und dem uebrigen Lande mit ins Gewicht fiel. Die Treverer und die Lingonen, deren leitende Maenner jene Lagerverschwoerung angezettelt hatten, standen zu ihren Fuehrern, aber sie blieben so gut wie allein, nur die Vangionen und Triboker schlossen sich an. Die Sequaner, in deren Gebiet die benachbarten Lingonen einrueckten, um sie zum Beitritt zu bestimmen, schlugen dieselben kurzweg zum Lande hinaus. Die angesehenen Remer, der fuehrende Gau in der Belgica, riefen den Landtag der drei Gallien ein, und obwohl es an politischen Freiheitsrednern auf demselben nicht mangelte, so beschloss derselbe lediglich, die Treverer von der Auflehnung abzumahnen. Wie die Verfassung des neuen Reiches ausgefallen sein wuerde, wenn es zustande gekommen waere, ist schwer zu sagen; wir erfahren nur, dass jener Sabinus, der Urenkel der Kebse Caesars, sich auch Caesar nannte und in dieser Eigenschaft sich von den Sequanern schlagen liess, Classicus dagegen, dem solche Aszendenz nicht zu Gebote stand, die Abzeichen der roemischen Magistratur anlegte, also wohl den republikanischen Prokonsul spielte. Dazu passt eine Muenze, die von Classicus oder seinen Anhaengern geschlagen sein muss, welche den Kopf der Gallia zeigt, wie die Muenzen der roemischen Republik den der Roma, und daneben das Legionssymbol mit der recht verwegenen Umschrift der "Treue" (fides). Zunaechst am Rhein freilich hatten die Reichsmaenner in Gemeinschaft mit den insurgierten Germanen freie Hand. Die Reste der beiden Legionen, die in Vetera kapituliert hatten, wurden gegen die Kapitulation und gegen Civilis' Willen niedergemacht, die beiden von Novaesium und Bonna nach Trier geschickt, die saemtlichen roemischen Rheinlager, grosse und kleine, mit Ausnahme von Mogontiacum niedergebrannt. In der schlimmsten Lage fanden sich die Agrippinenser. Die Reichsmaenner hatten sich allerdings darauf beschraenkt, von ihnen den Treueid zu fordern; aber ihnen vergassen es die Germanen nicht, dass sie eigentlich die Ubier waren. Eine Botschaft der Tencterer vom rechten Rheinufer - es war dies einer der Staemme, deren alte Heimat die Roemer oedegelegt hatten und als Viehtrift benutzten, und die infolgedessen sich andere Wohnsitze hatten suchen muessen - forderte die Schleifung dieses Hauptsitzes der germanischen Apostaten und die Hinrichtung aller ihrer Buerger roemischer Herkunft. Dies waere auch wohl beschlossen worden, wenn nicht sowohl Civilis, der ihnen persoenlich verpflichtet war, wie auch die germanische Prophetin, Veleda im Bructerergau, welche diesen Sieg vorhergesagt hatte und deren Autoritaet das ganze Insurgentenheer anerkannte, ihr Fuerwort eingelegt haetten. Lange Zeit blieb den Siegern nicht, ueber die Beute zu streiten. Die Reichsmaenner versicherten allerdings, dass der Buergerkrieg in Italien ausgebrochen, alle Provinzen vom Feinde ueberzogen und Vespasianus wahrscheinlich tot sei; aber der schwere Arm Roms wurde bald genug empfunden. Das neu befestigte Regiment konnte die besten Feldherren und zahlreiche Legionen an den Rhein entsenden, und es bedurfte allerdings hier einer imposanten Machtentwicklung. Annius Gallus uebernahm das Kommando in der oberen, Petillius Cerialis in der unteren Provinz, der letztere, ein ungestuemer und oft unvorsichtiger, aber tapferer und faehiger Offizier, die eigentliche Aktion. Ausser der 21. Legion von Vindonissa kamen fuenf aus Italien, drei aus Spanien, eine nebst der Flotte aus Britannien, dazu ein weiteres Korps von der raetischen Besatzung. Dieses und die 21. Legion trafen zuerst ein. Die Reichsmaenner hatten wohl davon geredet, die Alpenpaesse zu sperren; aber geschehen war nichts und das ganze oberrheinische Land bis nach Mainz lag offen da. Die beiden Mainzer Legionen hatten zwar dem gallischen Reich geschworen und leisteten anfaenglich Widerstand; aber sowie sie erkannten, dass eine groessere roemische Armee ihnen gegenueberstand, kehrten sie zum Gehorsam zurueck und ihrem Beispiel folgten sofort die Vangionen und die Triboker. Sogar die Lingonen unterwarfen sich ohne Schwertstreich, bloss gegen Zusage milder Behandlung, ihrer 70000 waffenfaehigen Maenner ^9. Fast haetten die Treverer selbst das gleiche getan; doch wurden sie daran durch den Adel verhindert. Die beiden von der niederrheinischen Armee uebriggebliebenen Legionen, die hier standen, hatten auf die erste Kunde von dem Annahen der Roemer die gallischen Insignien von ihren Feldzeichen gerissen und rueckten ab zu den treugebliebenen Mediomatrikern (Metz), wo sie sich der Gnade des neuen Feldherrn unterwarfen. Als Cerialis bei dem Heer eintraf, fand er schon ein gutes Stueck der Arbeit getan. Die Insurgentenfuehrer freilich boten das Aeusserste auf - damals sind auf ihr Geheiss die bei Novaesium ausgelieferten Legionslegaten umgebracht worden -, aber militaerisch waren sie ohnmaechtig und ihr letzter politischer Schachzug, dem roemischen Feldherrn selber die Herrschaft des Gallischen Reiches anzutragen, des Anfangs wuerdig. Nach kurzem Gefecht besetzte Cerialis die Hauptstadt der Treverer, nachdem die Fuehrer und der ganze Rat zu den Germanen gefluechtet waren; das war das Ende des Gallischen Reiches.


^9 Frontin strat. 4, 3, 14. In ihrem Gebiet muessen die einrueckenden Truppen eine Reservestellung und ein Depot angelegt haben; nach kuerzlich bei Mirabeau-sur-Beze, 22 Kilometer nordoestlich von Dijon, gefundenen Ziegeln haben Mannschaften von wenigstens fuenf der einrueckenden Legionen hier Bauten ausgefuehrt (Heymes 19, 1884, S. 437).


Ernster war der Kampf mit den Germanen. Civilis ueberfiel mit seiner gesamten Streitmacht, den Batavern, dem Zuzug der Germanen und den landfluechtigen Scharen der gallischen Insurgenten die viel schwaechere roemische Armee in Trier selbst; schon war das roemische Lager in seiner Gewalt und die Moselbruecke von ihm besetzt, als seine Leute, statt den gewonnenen Sieg zu verfolgen, vorzeitig zu pluendern begannen und Cerialis, seine Unvorsichtigkeit durch glaenzende Tapferkeit wiedergutmachend, den Kampf wiederherstellte und schliesslich die Germanen aus dem Lager und der Stadt hinausschlug. Es gelang nichts mehr von Bedeutung. Die Agrippinenser schlugen sich sofort wieder zu den Roemern und brachten die bei ihnen weilenden Germanen in den Haeusern um; eine ganze dort lagernde germanische Kohorte wurde eingesperrt und in ihrem Quartier verbrannt. Was in der Belgica noch zu den Germanen hielt, brachte die aus Britannien eintreffende Legion zum Gehorsam zurueck; ein Sieg der Cannenefaten ueber die roemischen Schiffe, die die Legion gelandet hatten, andere einzelne Erfolg der tapferen germanischen Haufen und vor allem der zahlreicheren und besser gefuehrten germanischen Schiffe aenderten die allgemeine Kriegslage nicht. Auf den Ruinen von Vetera bot Civilis dem Feind die Stirn; aber dem inzwischen verdoppelten roemischen Heere musste er weichen, dann endlich auch die eigene Heimat nach verzweifelter Gegenwehr dem Feind ueberlassen. Wie immer stellte im Gefolge des Ungluecks die Zwietracht sich ein; Civilis war seiner eigenen Leute nicht mehr sicher und suchte und fand Schutz vor ihnen bei den Feinden. Im Spaetherbst des Jahres 70 war der ungleiche Kampf entschieden; die Auxilien kapitulierten nun ihrerseits vor den Buergerlegionen und die Priesterin Veleda kam als Gefangene nach Rom. Blicken wir zurueck auf diesen Krieg, einen der seltsamsten und einen der entsetzlichsten aller Zeiten, so ist kaum je einer Armee eine gleich schwere Aufgabe gestellt worden wie den beiden roemischen Rheinheeren in den Jahren 69 und 70: im Laufe weniger Monate Soldaten Neros, dann des Senats, dann Galbas, dann des Vitellius, dann Vespasians; die einzige Stuetze der Herrschaft Italiens ueber die zwei maechtigen Nationen der Gallier und der Germanen, und die Soldaten der Auxilien fast ganz, die der Legionen grossenteils aus eben diesen Nationen genommen; ihrer besten Mannschaften beraubt, meist ohne Loehnung und oft hungernd und ueber alle Massen elend gefuehrt, ist ihnen allerdings innerlich wie aeusserlich Uebermenschliches zugemutet worden. Sie haben die schwere Probe uebel bestanden. Es ist dieser Krieg weniger einer gewesen zwischen zwei Armeekorps, wie die anderen Buergerkriege dieser entsetzlichen Zeit, als ein Krieg der Soldaten und vor allem der Offiziere zweiter Klasse gegen die der ersten, verbunden mit einer gefaehrlichen Insurrektion und Invasion der Germanen und einer beilaeufigen und unbedeutenden Auflehnung einiger keltischer Distrikte. In der roemischen Militaergeschichte sind Cannae und Karrhae und der Teutoburger Wald Ruhmesblaetter, verglichen mit der Doppelschmach von Novaesium; nur wenige einzelne Maenner, keine einzige Truppe hat in der allgemeinen Verunehrung sich reinen Schild bewahrt. Die grauenhafte Zerruettung des Staats- und vor allem des Heerwesens, welche bei dem Untergang der Julisch-Claudischen Dynastie uns entgegentritt, erscheint deutlicher noch als in der fuehrerlosen Schlacht von Betriacum in diesen Vorgaengen am Rhein, derengleichen die Geschichte Roms nie vorher und nie nachher aufweist. Bei dem Umfang und der Allgemeinheit dieser Frevel war ein entsprechendes Strafgericht unmoeglich. Es verdient Anerkennung, dass der neue Herrscher, der gluecklicherweise persoenlich all diesen Vorgaengen fern geblieben war, in echt staatsmaennischer Weise das Vergangene vergangen sein liess und nur bemueht war, der Wiederholung aehnlicher Auftritte vorzubeugen. Dass die hervorragenden Schuldigen, sowohl aus den Reihen der Truppen wie aus den Insurgenten, fuer ihre Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wurden, versteht sich von selbst; man mag das Strafgericht daran messen, dass, als fuenf Jahre spaeter einer der gallischen Insurgentenfuehrer in einem Versteck aufgefunden wurde, in dem seine Gattin ihn bis dahin verborgen gehalten hatte, Vespasian ihn wie sie dem Henker uebergab. Aber man gestattete den abtruennigen Legionen, mit gegen die Deutschen zu kaempfen und in den heissen Schlachten bei Trier und bei Vetera ihre Schuld einigermassen zu suehnen. Allerdings wurden nichtsdestoweniger die vier Legionen des unterrheinischen Heeres alle, und von den beiden beteiligten oberrheinischen die eine kassiert - gern moechte man glauben, dass die 22. verschont ward in ehrender Erinnerung an ihren tapferen Legaten. Auch von den batavischen Kohorten ist wahrscheinlich eine betraechtliche Anzahl von dem gleichen Schicksal betroffen worden, nicht minder, wie es scheint, das Reiterregiment der Treverer und vielleicht noch manche andere besonders hervorgetretene Truppe. Noch viel weniger als gegen die abtruennigen Soldaten konnte gegen die insurgierten keltischen und germanischen Gaue mit der vollen Schaerfe des Gesetzes eingeschritten werden; dass die roemischen Legionen die Schleifung der treverischen Augustuskolonie forderten, diesmal nicht der Beute, sondern der Rache wegen, ist wenigstens ebenso begreiflich wie die von den Germanen begehrte Zerstoerung der Ubierstadt; aber wie Civilis diese, so schuetzte jene Vespasian. Selbst den linksrheinischen Germanen wurde ihre bisherige Stellung im ganzen gelassen. Wahrscheinlich aber trat - wir sind hier ohne sichere Ueberlieferung - in der Aushebung und der Verwendung der Auxilien eine wesentliche Aenderung ein, welche die in dem Auxilienwesen liegende Gefahr minderte. Den Batavern blieb die Steuerfreiheit und ein immer noch bevorzugtes Dienstverhaeltnis; hatte doch ein nicht ganz geringer Teil derselben die Sache der Roemer mit den Waffen verfochten. Aber die batavischen Truppen wurden betraechtlich verringert, und wenn ihnen bisher, wie es scheint von Rechts wegen, die Offiziere aus dem eigenen Adel gesetzt worden waren, und auch gegenueber den sonstigen germanischen und keltischen das gleiche wenigstens haeufig geschehen war, so werden die Offiziere der Alen und Kohorten spaeterhin ueberwiegend aus dem Stande genommen, dem Vespasian selber entstammte, aus dem guten staedtischen Mittelstand Italiens und der italisch geordneten Provinzialstaedte. Offiziere von der Stellung des Cheruskers Arminius, des Batavers Civilis, des Treverers Classicus begegnen seitdem nicht wieder. Die bisherige Geschlossenheit der aus dem gleichen Gau ausgehobenen Truppen findet sich spaeter ebensowenig, sondern die Leute dienen ohne Unterschied ihrer Herkunft in den verschiedensten Abteilungen; es ist das wahrscheinlich eine Lehre, welche die roemische Militaerverwaltung sich aus diesem Kriege gezogen hat. Eine andere durch diesen Krieg gewiesene Aenderung wird es sein, dass, wenn bis dahin die in Germanien verwendeten Auxilien der Mehrzahl nach aus den germanischen und den benachbarten Gauen genommen waren, seitdem eben, wie die dalmatischen und pannonischen infolge des Batonischen Krieges, fortan auch die germanischen Auxiliartruppen ueberwiegend ausserhalb ihrer Heimat Verwendung fanden. Vespasian war ein einsichtiger und erfahrener Militaer; es ist wahrscheinlich zum guten Teil sein Verdienst, wenn von Auflehnung der Auxilien gegen ihre Legionen kein spaeteres Beispiel begegnet. Dass die eben berichtete Insurrektion der linksrheinischen Germanen, obwohl sie, infolge der zufaelligen Vollstaendigkeit der darueber erhaltenen Berichte, allein uns einen deutlichen Einblick in die politischen und militaerischen Verhaeltnisse am Unterrhein und Galliens ueberhaupt gewaehrt und darum auch eine ausfuehrliche Erzaehlung verdiente, dennoch mehr durch aeussere und zufaellige Ursachen als durch die innere Notwendigkeit der Dinge hervorgerufen wurden, beweist die nun folgende, anscheinend vollstaendige Ruhe daselbst und der, soviel wir sehen, ununterbrochene Status quo eben in dieser Gegend. Die roemischen Germanen sind in dem Reiche nicht minder vollstaendig aufgegangen als die roemischen Gallier; von Insurrektionsversuchen jener ist nie wieder die Rede. Am Ausgang des dritten Jahrhunderts wird von den ueber den Unterrhein in Gallien einbrechenden Franken auch das batavische Gebiet mit erfasst; doch haben sich die Bataver in ihren alten, wenn auch geschmaelerten Sitzen und ebenso die Friesen selbst waehrend der Wirren der Voelkerwanderung behauptet und, soviel wir wissen, auch dem baufaelligen Reichsganzen die Treue bewahrt. Wenden wir uns von den roemischen zu den freien Germanen oestlich vom Rhein, so ist fuer diese mit ihrer Beteiligung an jener batavischen Insurrektion das offensive Vorgehen nicht minder vorbei, wie mit den Expeditionen des Germanicus die Versuche der Roemer zu Ende sind, eine Grenzveraenderung im grossen Stil in diesen Gebieten herbeizufuehren. Unter den freien Germanen sind die dem roemischen Gebiet naechstwohnenden die Bructerer an beiden Ufern der mittleren Ems und in dem Quellgebiet der Ems und der Lippe, weshalb sie auch vor allen uebrigen Germanen sich an der batavischen Insurrektion beteiligten. Aus ihrem Gau war das Maedchen Veleda, die ihre Landsleute in den Krieg gegen Rom entsandte und ihnen den Sieg verhiess, deren Ausspruch ueber das Schicksal der Ubierstadt entschied, zu deren hohem Turm die gefangenen Senatoren und das erbeutete Admiralschiff der Rheinflotte gesendet wurden. Die Niederwerfung der Bataver traf auch sie, vielleicht noch ein besonderer Gegenschlag der Roemer, da jene Jungfrau spaeterhin gefangen nach Rom gefuehrt ward. Diese Katastrophe sowie Fehden mit den benachbarten Voelkern brachen ihre Macht; unter Nerva ist ihnen ein Koenig, den sie nicht wollten, von ihren Nachbarn unter passiver Assistenz des roemischen Legaten mit den Waffen aufgezwungen worden. Die Cherusker im oberen Wesergebiet, zu Augustus' und Tiberius' Zeit der fuehrende Gau in Mitteldeutschland, werden seit Armins Tode selten genannt, immer aber als in guten Beziehungen zu den Roemern stehend. Als der Buergerkrieg, der bei ihnen auch nach Arminius' Fall weiter gewuetet haben muss, ihr ganzes Fuerstengeschlecht hingerafft, erbaten sie sich den letzten des Hauses, den in Italien lebenden Brudersohn Armins, Italicus, von der roemischen Regierung zum Herrscher; freilich entzuendete die Heimkehr des tapferen, aber mehr seinem Namen als seiner Herkunft entsprechenden Mannes die Fehde abermals und, von den Seinen vertrieben, setzten ihn noch einmal die Langobarden auf den wankenden Herrschersitz. Einer seiner Nachfolger, der Koenig Chariomerus, ergriff in dem Chattenkrieg Domitians so ernstlich fuer die Roemer Partei, dass er nach dessen Beendigung, von den Chatten vertrieben, zu den Roemern fluechtete und deren Intervention, freilich vergebens, anrief. Durch diese ewigen inneren und aeusseren Fehden ward das Cheruskervolk so geschwaecht, dass es seitdem aus der aktiven Politik verschwindet. Der Name der Marser wird seit den Zuegen des Germanicus ueberhaupt nicht mehr gefunden. Dass die weiter oestlich an der Elbe wohnenden Voelkerschaften, wie alle entfernteren Germanen, an den Kaempfen der Bataver und ihrer Genossen in den Jahren 69 und 70 sich so wenig beteiligt haben wie diese an den germanischen Kriegen unter Augustus und Tiberius, darf bei der Ausfuehrlichkeit des Berichtes als sicher bezeichnet werden. Wo sie spaeterhin einmal begegnen, erscheinen sie nie in feindlicher Haltung gegen die Roemer. Dass die Langobarden den roemischen Cheruskerkoenig wieder einsetzten, wurde schon erwaehnt. Der Koenig der Semnonen, Masuus, und merkwuerdigerweise mit ihm die Prophetin Ganna, welche bei diesem, wegen besonderer Glaeubigkeit beruehmten Stamme in hohem Ansehen stand, besuchten den Kaiser Domitianus in Rom und wurden an dessen Hofe freundlich aufgenommen. Es mag in den Gegenden von der Weser bis zur Elbe in diesen Jahrhunderten manche Fehde getobt, manche Machtstellung sich verschoben, mancher Gau den Namen gewechselt oder sich anderer Verbindung eingefuegt haben; den Roemern gegenueber trat, nachdem der feste Verzicht derselben auf Unterwerfung dieser Landschaft allgemein empfunden ward, ein dauernder Grenzfriede ein. Auch Invasionen aus dem fernen Osten koennen denselben in dieser Epoche nicht wesentlich gestoert haben; denn der Rueckschlag davon auf die roemische Grenzwacht haette nicht ausbleiben koennen und von ernsteren Krisen auf diesem Gebiet wuerde die Kunde nicht fehlen. Zu allem diesem gibt das Siegel die Reduktion der niederrheinischen Armee auf die Haelfte des frueheren Bestandes, welche, wir wissen nicht genau wann, aber in dieser Epoche eingetreten ist. Das niederrheinische Heer, mit welchem Vespasian zu kaempfen hatte, zaehlte vier Legionen, das der traianischen Zeit vermutlich die gleiche Zahl, mindestens drei ^10; wahrscheinlich schon unter Hadrian, gewiss unter Marcus, standen daselbst nicht mehr als zwei, die 1. minervische und die 30. Traians.


^10 Unter dem Legaten Q. Acutius Nerva, welcher wahrscheinlich der Konsul des Jahres 100 ist, also nach diesem Jahre Untergermanien verwaltete, standen nach Inschriften von Brohl (Brambach 660, 662, 679, 680) in dieser Provinz vier Legionen, die 1. Minervia, 6. victrix, 10. gemina, 22. primigenia. Da jede dieser Inschriften nur zwei oder drei nennt, so kann die Besatzung damals nur aus drei Legionen bestanden haben, wenn waehrend Acutius' Statthalterschaft die 1. Minervia fuer die anderswohin abgegebene 22. primigenia eintrat. Aber bei weitem wahrscheinlicher ist es, da bei den Detachierungen in die Steinbrueche bei Brohl nicht immer alle Legionen beteiligt waren, dass jene vier Legionen gleichzeitig in Untergermanien garnisonierten. Diese vier Legionen sind wahrscheinlich eben die, welche bei der Reorganisation der germanischen Heere durch Vespasian nach Untergermanien kamen, nur dass die 1. Minervia von Domitian an die Stelle der wahrscheinlich von ihm aufgeloesten 21. gesetzt ist.


In anderer Weise entwickelten sich die germanischen Verhaeltnisse in der oberen Provinz. Von den linksrheinischen Germanen, die dieser angehoerten, den Tribokern, Nemetern, Vangionen, ist geschichtlich nichts hervorzuheben als dass sie, seit langem unter den Kelten ansaessig, die Schicksale Galliens teilten. Die hauptsaechliche Verteidigungslinie der Roemer ist auch hier der Rhein immer geblieben. Alle Standlager der Legionen finden sich zu aller Zeit auf dem linken Rheinufer; nicht einmal das von Argentoratum ist auf das rechte verlegt worden, als das ganze Neckargebiet roemisch war. Aber wenn in der unteren Provinz die roemische Herrschaft auf dem rechten Rheinufer im Laufe der Zeit beschraenkt wird, so wird sie umgekehrt hier erweitert. Die von Augustus beabsichtigte Verknuepfung der Rheinlager mit denen an der Donau durch Vorschiebung der Reichsgrenze in oestlicher Richtung, welche, wenn sie zur Ausfuehrung gekommen waere, mehr Ober- als Untergermanien erweitert haben wuerde, ist in diesem Kommando wohl niemals voellig aufgegeben und spaeterhin, wenn auch in bescheidenerem Massstabe, wieder aufgenommen worden. Die Ueberlieferung gestattet uns nicht, die in diesem Sinne durch Jahrhunderte fortgefuehrten Operationen, die dazu gehoerigen Strassen- und Wallbauten, die deshalb gefuehrten Kriege in ihrem Zusammenhang darzulegen; und auch der noch vorhandene grosse Militaerbau, dessen gleichfalls Jahrhunderte umfassende Entstehung einen guten Teil jener Geschichte in sich schliessen muss, ist bisher nicht so, wie es wohl geschehen koennte, von militaerisch geschaerften Augen in seiner Gesamtheit untersucht worden - die Hoffnung, dass das geeinigte Deutschland sich auch zu der Erforschung dieses seines aeltesten geschichtlichen Gesamtdenkmals vereinigen werde, ist fehlgeschlagen. Was zur Zeit aus den Truemmern der roemischen Annalen oder der roemischen Kastelle darueber ans Licht gekommen ist, soll hier versucht werden zusammenzufassen. Auf dem rechten Ufer legt sich, nicht weit von dem noerdlichen Ende der Provinz, dem ebenen oder huegeligen niederrheinischen Land in westoestlicher Richtung die Taunuskette vor, die gegenueber Bingen auf den Rhein stoesst. Diesem Bergzug parallel, auf der anderen Seite abgeschlossen durch die Auslaeufer des Odenwaldes, erstreckt sich die Ebene des unteren Maintales, der rechte Zugang zum inneren Deutschland, beherrscht von der Schluesselstellung an der Muendung des Mains in den Rhein, Mogontiacum oder Mainz, seit Drusus' Zeit bis zum Ausgang Roms der Ausfallsburg der Roemer aus Gallien gegen Germanien ^11 wie heutzutage dem rechten Riegel Deutschlands gegen Frankreich. Hier behielten die Roemer, auch nachdem sie auf die Herrschaft im ueberrheinischen Land im allgemeinen verzichtet hatten, nicht bloss den Brueckenkopf am anderen Ufer, das castellum Mogontiacense (Kastel), sondern jene Mainebene selbst in ihrem Besitz; und in diesem Gebiet durfte auch die roemische Zivilisation sich festsetzen. Es war dies urspruenglich chattisches Land und ein chattischer Stamm, die Mattiaker, sind auch unter roemischer Herrschaft hier ansaessig geblieben; aber nachdem die Chatten diesen Distrikt an Drusus hatten abtreten muessen, ist derselbe ein Teil des Reiches geblieben. Die warmen Quellen in der naechsten Naehe von Mainz (aquae Mattiacae, Wiesbaden) wurden erweislich in Vespasians Zeit, und sicher schon lange vorher, von den Roemern benutzt; unter Claudius wurde hier auf Silber gebaut; die Mattiaker haben schon frueh wie andere Untertanendistrikte Truppen zur Armee gestellt. An der allgemeinen Auflehnung der Germanen unter Civilis nahmen sie Anteil; aber nach der Besiegung stellten die frueheren Verhaeltnisse sich wieder her. Seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts finden wir die Gemeinde der taunensischen Mattiaker unter roemisch geordneten Behoerden ^12.


^11 Nach Zangemeisters (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3, 1884, S. 307ff.) schoenen Entzifferungen steht es fest, dass eine Militaerstrasse am linken Rheinufer von Mainz bis an die Grenze der obergermanischen Provinz schon unter Claudius angelegt ward. ^12 Der volle Name c(ivitas) M(attiacorum) Ta(unensium) erscheint auf der Inschrift von Kastel (Brambach 1330); als civitas Mattiacorum oder civitas Taunensium kommt sie oefter vor, mit Duovirn Aedilen, Decurionen, Sacerdotalen Sevirn; eigentuemlich und fuer die Grenzstadt bezeichnend sind die wahrscheinlich als Munizipalmiliz zu fassenden hastiferi civitatis Mattiacorum (Brambach 1336). Das aelteste datierte Dokument dieser Gemeinde ist vom Jahre 198 (Brambach 956).


Die Chatten, obwohl also vom Rhein abgedraengt, erscheinen in der folgenden Zeit als der maechtigste Stamm unter denen des germanischen Binnenlandes, die mit den Roemern in Beziehung kamen; die Fuehrung, die unter Augustur und Tiberius die Cherusker an der mittleren Weser gehabt hatten, ging in der stetigen Fehde mit diesen, ihren stammverwandten suedlichen Nachbarn auf die letzteren ueber. Alle Kriege zwischen Roemern und Germanen, von denen wir aus der Zeit nach Arminius' Tod bis auf die beginnende Voelkerverschiebung am Ende des 3. Jahrhunderts Kunde haben, sind gegen die Chatten gefuehrt worden; so im Jahre 41 unter Claudius durch den spaeteren Kaiser Galba, im Jahre 50 unter demselben Kaiser durch den als Dichter gefeierten Publius Pomponius Secundus. Dies waren die ueblichen Grenzeinfaelle, und an dem grossen Batavischen Kriege waren die Chatten zwar auch, aber nur nebenbei beteiligt. Aber in dem Feldzug, den der Kaiser Domitianus im Jahre 83 unternahm, waren die Roemer die Angreifenden, und dieser Krieg fuehrte zwar nicht zu glaenzenden Siegen, aber wohl zu einer bedeutenden und folgenreichen Vorschiebung der roemischen Grenze ^13. Damals wird die Grenzlinie so, wie wir sie seitdem gezogen finden, geordnet und in dieselbe, welche in ihrem noerdlichsten Stueck sich nicht weit vom Rhein entfernte, hier ein grosser Teil des Taunus und das Maingebiet bis oberhalb Friedberg hineingezogen worden sein. Die Usiper, die nach ihrer schon berichteten Vertreibung aus dem Lippegebiet um die Zeit Vespasians in der Naehe von Mainz auftreten und oestlich von den Mattiakern an der Kinzig oder im Fuldischen neue Sitze gefunden haben moegen, sind damals zum Reiche gezogen worden, und zugleich mit ihnen eine Anzahl kleinerer, von den Chatten abgesprengter Voelkerschaften. Als dann im Jahre 88 unter dem Statthalter Lucius Antonius Saturninus das obergermanische Heer gegen Domitian sich erhob, haette fast der Krieg sich erneuert; die abgefallenen Truppen machten gemeinschaftliche Sache mit den Chatten ^14 und nur die Unterbrechung der Kommunikationen, indem das Eis auf dem Rhein aufging, machte den treu gebliebenen Regimentern moeglich, mit den abgefallenen fertigzuwerden, bevor der gefaehrliche Zuzug eintraf. Es wird berichtet, dass die roemische Herrschaft von Mainz landeinwaerts 80 Leugen weit, also noch ueber Fulda hinaus, sich erstreckt hat ^15; und diese Nachricht erscheint glaubwuerdig, wenn dabei in Betracht gezogen wird, dass die militaerische Grenzlinie, die allerdings nicht weit ueber Friedberg hinausgegangen zu sein scheint, sich wohl auch hier innerhalb der Gebietsgrenze hielt. ^13 Die Berichte ueber diesen Krieg sind verloren gegangen; Zeit und Ort lassen sich bestimmen. Da die Muenzen dem Domitian den Titel Germanicus seit dem Anfang des Jahres 84 geben (Eckhel, Bd. 6, S. 378, 397), so faellt der Feldzug in das Jahr 83. Dazu stimmt die in eben dieses Jahr fallende Aushebung der Usiper und ihr verzweifelter Fluchtversuch (Tac. Agr. 28; vgl. Matt. 6, 60). Es war ein Angriffskrieg (Suet. Dom. 6: expeditio sponte suscepta; Zon. 11, 19: le plt/e/as tina t/o/n peran R/e/noy t/o/n espond/o/n}). Die Verlegung der Postenlinie bezeugt Frontmus, der den Krieg mitgemacht hat (strat. 2, 11, 7): cum in finibus Cubiorum (Name unbekannt und wohl verdorben) castella poneret und (strat. 1, 3, 10): limitibus per CXX m. p. actis, was hier mit den militaerischen Operationen in unmittelbare Verbindung gebracht wird, daher auch von dem Chattenkrieg selbst nicht getrennt und nicht auf die laengst in roemischer Gewalt stehenden agri decumates bezogen werden darf. Auch ist das Mass von 177 Kilometern wohl denkbar fuer die Militaerlinie, die Domitian am Taunus angelegt hat (nach v. Cohausens Ansetzungen - Der roemische Grenzwall in Deutschland. Wiesbaden 1884, S. 8 - stellt sich der spaetere Limes vom Rhein um den Taunus herum bis zum Main auf 237« Kilometer), aber viel zu klein, um auf die Verbindungslinie von da bis Regensburg bezogen werden zu koennen.


^14 Die Germanen (Suet. Dom. 6) koennen nur die Chatten und deren fruehere Verbuendete sein, vielleicht zunaechst eben die Usiper und ihre Schicksalsgenossen. Ausgebrochen ist der Aufstand in Mainz, das allein ein Doppellager zweier Legionen war. Saturninus wurde von Raetien aus angegriffen durch die Truppen des L. Appius Maximus Korbanus. Denn anders kann das Epigramm Martials 9, 84 um so weniger gefasst werden, als sein Besiegen senatorischen Standes wie er war, ein regulaeres Kommando in Raetien und Vindelicien nicht verwalten und nur durch einen Kriegsfall in diese Landschaft gefuehrt werden konnte, wie denn auch die sacrilegi furores deutlich auf den Aufstand weisen. Die Ziegel desselben Appius, die in den Provinzen Obergermanien und Aquitanien sich gefunden haben, berechtigen nicht, ihn zum Legaten der Lugdunensis zu machen, wie Asbach (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift 3, 1884, S. 9) vorschlaegt, sondern muessen auf die Epoche nach der Ueberwindung des Antonius bezogen werden (Heymes 19, 1884, S. 438). Wo die Schlacht geliefert ward, bleibt zweifelhaft; am naechsten liegt die Gegend von Vindonissa, bis wohin Saturninus dem Norbanus entgegen gegangen sein kann. Waere Norbanus erst bei Mainz auf die Aufstaendischen gestossen, was an sich auch denkbar erscheint, so hatten diese den Rheinuebergang in der Gewalt und konnte der Zuzug der Germanen durch das Aufgehen des Rheines nicht verhindert werden. ^15 Die abgerissene Notiz findet sich hinter dem Veroneser Provinzialverzeichnis (Notitia dignitatum, ed. Seeck, p. 253): nomina civitatum trans Renum fluvium quae sunt: Usiphorum (schr. Usiporum) - Tuvanium (schr. Tubantum) - Nictrensium - Novarii - Casuariorum: istae omnes civitates trans Renum in formulam Belgicae primae redactae trans castellum .Montiacese: nam LXXX leugas trans Renum Romani possederunt. Istae civitates sub Gallieno imperatore a barbaris occupatae sunt. Dass die Usiper spaeter in dieser Gegend gewohnt haben, bestaetigt Tacitus (hist. 4, 37; Germ. 32); dass sie im Jahre 83 zum Reich gehoert haben, vielleicht aber erst kurz vorher unterworfen waren, geht aus der Erzaehlung Agr. 28 hervor. Die Tubanten und Chasuarier stellt Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 11) in die Naehe der Chatten; dass sie das Schicksal der Usiper teilten, ist demnach wahrscheinlich. Eine sichere Identifikation der anderen beiden verdorbenen Namen ist bisher nicht gefunden; vielleicht standen die Tencterer hier oder einige der kleinen, nur bei Ptolemaeos (geogr. 2, 11, 6) mit diesen genannten Staemme. Die Notiz nannte in ihrer urspruenglichen Form die Belgica schlechthin, da die Provinz erst durch Diocletian geteilt worden ist, und diese insofern mit Recht, als die beiden Germanien geographisch zu Belgica gehoerten. Das angegebene Mass fuehrt, wenn man das Kinzigtal nach Nordosten verfolgt, ueber Fulda hinaus nahezu bis Hersfeld. Auch Inschriftenfunde reichen hier oestlich weit ueber den Rhein hinaus, bis in die Wetterau; Friedberg und Butzbach waren stark belegte Militaerpositionen; in Altenstadt zwischen Friedberg und Buedingen ist eine auf Grenzschutz deutende (collegium iuventutis) Inschrift vom Jahre 242 (CIRh 1410) gefunden worden.


Aber nicht bloss das untere Maintal vorwaerts Mainz ist in die militaerische Grenzlinie hineingezogen worden; auch im suedwestlichen Deutschland wurde die Grenze noch in groesserem Massstab vorgeschoben. Das Neckargebiet, einst von den keltischen Helvetiern eingenommen, dann lange Zeit streitiges Grenzland zwischen diesen und den vordringenden Germanen und darum das helvetische Oedland genannt, spaeterhin vielleicht teilweise von den Markomannen besetzt, bevor diese nach Boehmen zurueckwichen, kam bei der Regulierung der germanischen Grenzen nach der Varusschlacht in die gleiche Verfassung wie der groesste Teil des rechten unterrheinischen Ufers. Es wird auch hier schon damals eine Grenzlinie bezeichnet worden sein, innerhalb deren germanische Ansiedlungen nicht geduldet wurden. Wie auf nicht eingedeichter Marsch liessen dann einzelne, meist gallische Einwanderer, die nicht viel zu verlieren hatten, in diesen fruchtbaren, aber wenig geschuetzten Strichen, dem damals sogenannten Dekumatenland sich nieder ^16. Dieser vermutlich von der Regierung nur geduldeten privaten Okkupation folgte die foermliche Besetzung wahrscheinlich unter Vespasian. Da schon um das Jahr 74 von Strassburg aus eine Chaussee auf das rechte Rheinufer wenigstens bis nach Offenburg gefuehrt worden ist ^17, so wird um diese Zeit in diesem Gebiet ein ernstlicherer Grenzschutz eingerichtet worden sein, als ihn das blosse Verbot germanischer Siedelung gewaehrte. Was der Vater begonnen hatte, fuehrten die Soehne durch. Vielleicht ist sogar, sei es von Vespasian, sei es von Titus oder Domitian, durch die Anlegung der "Flavischen Altaere" ^18 an der Neckarquelle bei dem heutigen Rottweil, von welcher Ansiedlung wir freilich nichts als den Namen kennen, fuer das rechtsrheinische neue Obergermanien ein aehnlicher Mittelpunkt geschaffen worden, wie es frueher der ubische Altar fuer Grossgermanien hatte werden sollen und bald nachher fuer das neu eroberte Dakien der Altar von Sarmizegetusa wurde. Die erste Einrichtung der weiterhin zu schildernden Grenzwehr, durch welche das Neckartal in die roemische Linie hineingezogen wurde, ist also das Werk der Flavier, hauptsaechlich wohl Domitians ^19, welcher damit die Anlage am Taunus weiterfuehrte. Die rechtsrheinische Militaerstrasse von Mogontiacum ueber Heidelberg und Baden in der Richtung auf Offenburg, die notwendige Konsequenz dieser Einziehung des Neckargebiets, ist, wie wir jetzt wissen ^20, im Jahre 100 von Traian angelegt und ein Teil der von demselben Kaiser hergestellten direkteren Verbindung Galliens mit der Donaulinie. Die Soldaten sind bei diesen Werken taetig gewesen, aber schwerlich die Waffen; germanische Voelkerschaften wohnten im Neckargebiet nicht, und noch weniger kann der schmale Streifen am linken Ufer der Donau, welcher dadurch mit in die Grenzlinie gezogen ward, ernstliche Kaempfe gekostet haben. Das naechste namhafte germanische Volk daselbst, die Hermunduren, waren den Roemern freundlich gesinnt wie kein anderes und fuehrten in der Vindelikerstadt Augusta mit ihnen lebhaften Handelsverkehr; dass bei ihnen diese Vorschiebung keinen Widerstand gefunden hat, davon werden wir weiterhin die Spuren finden. Unter den folgenden Regierungen, des Hadrian, des Pius, des Marcus, ist dann an diesen militaerischen Einrichtungen weitergebaut worden.


^16 Was die nur bei Tacitus (Germ. 29) vorkommende Benennung agri decumates denn mit agri wird das letztere Wort doch zu verbinden sein) bedeutet, ist ungewiss; moeglich ist es, dass das in der frueheren Kaiserzeit gewiss als Eigentum des Staats oder vielmehr des Kaisers betrachtete Gebiet, wie der alte ager occupatorius der Republik, von dem zuerst Besitz Ergreifenden gegen Abgabe des Zehnten benutzt werden konnte; aber weder ist es sprachlich erwiesen, dass decumas "zehntpflichtig" heissen kann, noch kennen wir derartige Einrichtungen der Kaiserzeit. Uebrigens sollte man nicht uebersehen, dass die Schilderung des Tacitus sich auf die Zeit vor der Einrichtung der Neckarlinie bezieht; auf die spaetere passt sie so wenig wie die zwar nicht klare, aber doch sicher mit dem frueheren Rechtsverhaeltnis zusammenhaengende Benennung. ^17 Dies hat Zangemeister (a. a.O., S. 246) erwiesen. ^18 Dass hier mehrere Altaere dediziert wurden, waehrend sonst bei diesen Zentralheiligtuemern nur einer genannt wird, erklaert sich vielleicht durch das Zuruecktreten des Romakults neben dem der Kaiser. Wenn gleich zu Anfang mehrere Altaere errichtet wurden, was wahrscheinlich ist, so hat einer der Soehne sowohl dem oder den verstorbenen flavischen Kaisern wie auch seinem eigenen Genius Altaere setzen lassen. ^19 Dass die Verlegung stattfand, kurz bevor Tacitus im Jahre 98 die 'Germania' schrieb, sagt er, und dass Domitian der Urheber ist, folgt auch daraus, dass er den Urheber nicht nennt. ^20 Auch dies hat Karl Zangemeister (a.a.O., S. 237f.) urkundlich festgestellt.


Den Grenzschutz zwischen Rhein und Donau, wie er zum grossen Teil in seinen Fundamenten noch heute besteht, vermoegen wir nicht in seiner Entstehungsgeschichte zu verfolgen, wohl aber zu erkennen nicht bloss, wie er lief, sondern auch, wozu er diente. Die Anlage ist nach Art und Zweck eine andere in Obergermanien und eine andere in Raetien. Der obergermanische Grenzschutz, in der Gesamtlaenge von etwa 250 roemischen Milien (368 Kilometer) ^21, beginnt unmittelbar an der Nordgrenze der Provinz, umfasst, wie schon gesagt ward, den Taunus und die Mainebene bis in die Gegend von Friedberg und wendet sich von da suedwaerts dem Main zu, auf welchen er bei Grosskrotzenburg, oberhalb Hanau, trifft. Dem Main von da bis Woerth folgend, schlaegt er hier die Richtung nach dem Neckar ein, den er etwas unterhalb Wimpfen erreicht und nicht wieder verlaesst. Spaeter ist der suedlichen Haelfte dieser Grenzlinie eine zweite vorgelegt worden, die dem Main ueber Woerth hinaus bis nach Miltenberg folgt und von da, zum groesseren Teil in schnurgerader Richtung, auf Lorch, zwischen Stuttgart und Aalen, gefuehrt ist. Hier schliesst an den obergermanischen der raetische Grenzschutz an von nur 120 Milien (174 Kilometer) Laenge; er verlaesst die Donau bei Kelheim, oberhalb Regensburg, und laeuft von da, zweimal die Altmuehl ueberschreitend, im Bogen nach Westen zu, ebenfalls bis Lorch.


^21 Dies Mass gilt fuer die Kastellinie von Rheinbrohl bis Lorch (v. Cohausen, Der roemische Grenzwall, S. 7f.). Fuer den Erdwall kommt die Mainstrecke von Miltenberg bis Grosskrotzenburg von etwa 30 roemischen Milien in Abzug. Bei der aelteren Neckarlinie ist der Erdwall betraechtlich kuerzer, da statt desjenigen von Miltenberg bis Lorch hier der viel kuerzere des Odenwaldes von Woerth bis Wimpfen ein tritt.


Der obergermanische Limes besteht aus einer Reihe von Kastellen, die hoechstens einen halben Tagemarsch (15 Kilometer) voneinander entfernt sind. Wo die Verbindungslinien zwischen den Kastellen nicht durch den Main oder den Neckar, wie angegeben, gesperrt sind, ist eine kuenstliche Sperrung angebracht, anfangs vielleicht bloss durch Verhaue ^22, spaeterhin durch einen fortlaufenden Wall von maessiger Hoehe mit aussen vorgelegtem Graben und in kurzen Entfernungen auf der inneren Seite eingebauten Wachttuermen. ^23 Die Kastelle sind in den Wall nicht eingezogen, aber unmittelbar hinter ihm angelegt, nicht leicht ueber einen halben Kilometer von ihm entfernt.


^22 Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Angabe, dass Hadrian die Reichsgrenzstrassen durch Verhaue gegen die Barbaren sperrte, mit und vielleicht zunaechst auf die obergermanische sich bezieht, so ist der Wall, dessen Reste vorhanden sind, sein Werk nicht; mag dieser Pallisaden getragen haben oder nicht, kein Bericht wuerde diese erwaehnen und den Wallbau uebergehen. Dass Hadrian die Grenzverteidigung im ganzen Reiche revidierte, sagt Dio 69, 9. Die Benennung des Pfahls oder Pfahlgrabens kann nicht roemisch sein; roemisch heissen die Pfaehle, welche, in den Lagerwall eingerammt, auf demselben eine Pallisadenkette bilden, nicht pali, sondern valli oder sudes, ebenso der Wall selbst nie anders als vallum. Wenn die, wie es scheint, auf der ganzen Linie bei den Germanen dafuer von jeher uebliche Bezeichnung wirklich von den Pallisaden entlehnt ist, so muss sie germanischen Ursprungs sein und kann nur aus der Zeit herstammen, wo dieser Wall ihnen in seiner Integritaet und seiner Bedeutung vor Augen stand. Ob die "Gegend" Palas, die Ammian (18, 2, 15) erwaehnt, damit zusammenhaengt, ist zweifelhaft. ^23 In einem solchen, kuerzlich zwischen den Kastellen von Schlossau und Hesselbach, 1700 Meter von dem ersteren, vier bis fuenf Kilometer von dem letzteren, aufgedeckten hat sich eine Weihinschrift (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift, 1. Juli 1884) gefunden, welche die Truppe, die ihn erbaut hat, ein Detachement der 1. Kohorte der Sequaner und Rauriker unter Kommando eines Centurionen der 22. Legion, gesetzt hat als Danksagung ob burgum explic(itum). Diese Tuerme also waren burgi.


Der raetische Grenzschutz ist eine blosse, durch Aufschuettung von Bruchsteinen bewirkte Sperrung; Graben und Wachttuerme fehlen und die hinter dem Limes ohne regelrechte Folge und in ungleichen Abstaenden (keines naeher als 4 bis 5 Kilometer) angelegten Kastelle stehen mit der Sperrlinie in keiner unmittelbaren Verbindung. Ueber die zeitliche Folge der Anlagen fehlen bestimmte Zeugnisse; erwiesen ist, dass die obergermanische Neckarlinie unter Pius ^24, die ihr vorgelegte von Miltenberg nach Lorch unter Marcus ^25 bestand. Gemeinschaftlich ist beiden sonst so verschiedenen Anlagen die Grenzsperrung; dass in dem einen Fall die Erdaufschuettung vorgezogen ist, durch welche der Graben sich meistens von selber ergab, in dem andern die Steinschichtung, beruht wahrscheinlich nur auf der Verschiedenartigkeit des Bodens und des Baumaterials. Gemeinschaftlich ist ihnen ferner, dass weder die eine noch die andere angelegt ist zur Gesamtverteidigung der Grenze. Nicht bloss ist das Hindernis, welches die Erd- oder Steinschuettung dem Angreifer entgegenstellt, an sich geringfuegig, sondern es begegnen auf der Linie ueberall ueberhoehende Stellungen, hinterliegende Suempfe, Verzicht auf den Ausblick in das Vorland und aehnliche deutliche Spuren davon, dass bei deren Trassierung an Kriegszwecke ueberhaupt nicht gedacht ist. Die Kastelle sind natuerlich jedes fuer sich zur Verteidigung eingerichtet, aber sie sind nicht durch chaussierte Querstrassen verbunden; also stuetzte die einzelne Besatzung sich nicht auf die der benachbarten Kastelle, sondern auf den Rueckhalt, zu welchem die Strasse fuehrte, welche eine jede besetzt hielt. Es waren ferner diese Besatzungen nicht eingefuegt in ein militaerisches System der Grenzverteidigung, mehr befestigte Stellungen fuer den Notfall als strategisch gewaehlte fuer die Okkupation des Gebiets, wie denn auch schon die Ausdehnung der Linie selbst, verglichen mit der disponiblen Truppenzahl, die Moeglichkeit einer Gesamtverteidigung ausschliesst. ^26 Also haben diese ausgedehnten militaerischen Anlagen nicht den Zweck gehabt, wie der Britannische Wall, dem Feinde den Einbruch zu wehren. Es sollten vielmehr, wie an den Flussgrenzen die Bruecken, so an den Landgrenzen die Strassen durch die Kastelle beherrscht werden, im uebrigen aber, wie an den Wassergrenzen der Fluss, so an den Landgrenzen der Wall die nicht kontrollierte Ueberschreitung der Grenzen hindern. Anderweitige Benutzung mochte sich damit verbinden; die oft hervortretende Bevorzugung der geradlinigen Richtung deutet auf Verwendung fuer Signale, und gelegentlich mag die Anlage auch geradezu fuer Kriegszwecke benutzt worden sein. Aber der eigentliche und naechste Zweck der Anlage war die Verhinderung der Grenzueberschreitung. Dass dabei nicht an der raetischen, wohl aber an der obergermanischen Grenze Wachtposten und Forts eingerichtet worden sind, erklaert sich aus dem verschiedenen Verhaeltnis zu den Nachbarn, dort den Hermunduren, hier den Chatten. Die Roemer standen in Obergermanien ihren Nachbarn nicht so gegenueber wie den britannischen Hochlaendern, gegen die die Provinz sich stets im Belagerungsstand befand; aber die Abwehr raeuberischer Einbrecher sowie die Erhebung der Grenzzoelle forderten doch bereite und nahe militaerische Hilfe. Man konnte die obergermanische Armee und dementsprechend die Besatzungen am Limes allmaehlich reduzieren, aber entbehrlich ward das roemische Pilum im Neckarlande nie. Wohl aber war es entbehrlich gegenueber den Hermunduren, welchen in traianischer Zeit allein von allen Germanen das ueberschreiten der Reichsgrenze ohne besondere Kontrolle und der freie Verkehr im roemischen Gebiet, namentlich in Augsburg, freistand, und mit denen, soviel wir wissen, niemals Grenzkollisionen stattgefunden haben. Es war also fuer diese Zeit zu einer aehnlichen Anlage an der raetischen Grenze keine Veranlassung; die Kastelle nordwaerts der Donau, welche erweislich bereits in traianischer Zeit bestandenem ^27, genuegten hier fuer den Schutz der Grenze und die Kontrolle des Grenzverkehrs. Dem kommt die Wahrnehmung entgegen, dass der raetische Limes, wie er uns vor Augen steht, allein mit der juengeren, vielleicht erst unter Marcus angelegten obergermanischen Sperrlinie korrespondiert. Damals fehlte dazu die Veranlassung nicht. Die Chattenkriege ergriffen, wie wir sehen werden, in dieser Zeit auch Raetien; auch die Verstaerkung der Besatzung der Provinz kann fueglich mit der Einrichtung dieses Limes in Verbindung stehen, welcher, wie wenig er fuer militaerische Zwecke eingerichtet ist, doch wohl ebenfalls einer wenn auch milderen Grenzsperre wegen angelegt wurde ^28.


^24 Das aelteste datierte Zeugnis fuer diese sind zwei Inschriften der Besatzung von Boeckingen, gegenueber Heilbronn am linken Ufer des Neckar, vom Jahre 148 (Brambach CIRh, 1583, 1590). ^25 Das aelteste datierte Zeugnis fuer die Existenz dieser Linie ist die Inschrift von vicus Aurelii (Oehringen) vom Jahre 169 (Brambach CIRh, 1558), zwar nur privat, aber gewiss nicht gesetzt vor der Anlage dieses zu der Linie Miltenberg-Lorch gehoerenden Kastells; wenig juenger die von dem ebenfalls dazu gehoerigen Jagsthausen vom Jahre 179 (CIRh, 1618). Danach duerfte vicus Aurelii seinen Namen von Marcus fuehren, nicht von Caracalla, wenn auch von diesem bezeugt ist, dass er manche Kastelle in diesen Gegenden anlegte und nach sich benannte (Dio 77, 13). ^26 Ueber die Dislokation der obergermanischen Truppen fehlt es zwar an genuegender Kunde, doch nicht ganz an Anhaltspunkten. Von den beiden Hauptquartieren in Obergermanien ist das von Strassburg nach der Einrichtung der Neckarlinie erweislich nur schwach belegt und wahrscheinlich mehr administratives als militaerisches Zentrum gewesen (Korrespondenzblatt der Westdeutschen Zeitschrift, 3,1884, S. 132). Dagegen hat die Besatzung von Mainz immer einen betraechtlichen Teil der Gesamtstaerke in Anspruch genommen, um so mehr, als dieselbe wahrscheinlich der einzige groessere, geschlossene Truppenkoerper in ganz Obergermanien war. Die uebrigen Truppen verteilen sich teils auf den Limes, dessen Kastelle nach v. Cohausens (Der roemische Grenzwall, S. 335) Schaetzung durchschnittlich acht Kilometer voneinander entfernt, also insgesamt gegen 50 waren, teils auf die inneren Kastelle, insbesondere an der Odenwaldlinie von Gundelsheim bis Woerth; dass die letzteren wenigstens zum Teil auch nach Anlegung des aeusseren Limes besetzt blieben, ist mindestens wahrscheinlich. Bei der ungleichen Groesse der noch messbaren Kastelle ist es schwer zu sagen, welche Truppenzahl erforderlich war, um sie verteidigungsfaehig zu machen. Cohausen (S. 340) rechnet auf ein mittelgrosses Kastell einschliesslich der Reserve 720 Mann. Da die gewoehnliche Kohorte der Legion wie der Auxilien 500 Mann zaehlt und die Kastenbauten notwendig auf diese Zahl haben Ruecksicht nehmen muessen, wird die Besatzung des Kastells fuer den Fall der Belagerung durchschnittlich mindestens auf diese Zahl angesetzt werden muessen. Unmoeglich hat nach der Reduktion die obergermanische Armee die Kastelle auch nur des Limes gleichzeitig in dieser Staerke besetzen koennen. Noch weit weniger konnte sie, selbst vor der Reduktion, mit ihren 30000 Mann die zwischen den Kastellen befindlichen Linien auch nur besetzt halten; wenn aber dies nicht moeglich war, so hatte die gleichzeitige Besetzung auch der saemtlichen Kastelle in der Tat keinen Zweck. Allem Anschein nach ist wohl jedes Kastell in der Weise angelegt worden, dass es, gehoerig besetzt, gehalten werden konnte, aber der Regel nach - und an dieser Grenze war der Friedensstand Regel - war das einzelne Kastell nicht nach Kriegsfuss, sondern nur insoweit mit Truppen belegt, dass die Posten in den Wachttuermen ausgesetzt und die Strassen sowie die Schleichwege unter Aufsicht gehalten werden konnten. Die staendigen Besatzungen der Kastelle sind vermutlich sehr viel schwaecher gewesen, als gewoehnlich angenommen wird. Wir besitzen aus dem Altertum ein einziges Verzeichnis einer derartigen Besatzung; es ist vom Jahre 155 und betrifft das Kastell von Kutlowitza, noerdlich von Sofia (Eph. epigr. IV, p. 524), wofuer die Armee von Untermoesien, und zwar die 11. Legion, die Besatzung stellte. Diese Truppe zaehlte damals ausser dem kommandierenden Centurionen nur 76 Mann. Die raetische Armee war, wenigstens vor Marcus, noch viel weniger imstande, ausgedehnte Linien zu besetzen: sie zaehlte damals hoechstens 10000 Mann und hatte ausser dem raetischen Limes noch die Donaulinie von Regensburg bis Passau zu belegen. ^27 Dies beweist die bei Weissenburg gefundene Urkunde Traians vom Jahre 107. ^28 Die bisherigen Untersuchungen ueber den raetischen Limes haben die Bestimmung dieser Anlage noch wenig aufgeklaert; ausgemacht ist nur, dass sie weniger als die analoge obergermanische auf militaerische Besetzung eingerichtet war. Eine derartige schwaechere Grenzsperrung kann fueglich schon vor dem Markomannenkrieg den Hermunduren gegenueber beliebt worden sein; auch schliesst, was Tacitus ueber deren Verkehr in Augusta Vindelicum berichtet, die damalige Existenz eines raetischen Limes keineswegs aus. Nur muesste man dann erwarten, dass er nicht in Lorch endigte, sondern sich an die Neckarlinie anschloss; einigermassen tut er dies auch, insofern bei Lorch an die Stelle des Limes die Rems tritt, welche bei Cannstatt in den Neckar einmuendet.


Militaerisch wie politisch ist die verlegte Grenze oder vielmehr der verstaerkte Grenzschutz eingreifend und nuetzlich gewesen. Wenn frueher die roemische Postenkette in Obergermanien und Raetien wahrscheinlich rheinaufwaerts ueber Strassburg nach Basel und an Vindonissa vorbei an den Bodensee, dann von da zu der oberen Donau gegangen war, so wurden jetzt das obergermanische Hauptquartier in Mainz und das raetische in Regensburg und ueberhaupt die beiden Hauptarmeen des Reiches einander betraechtlich genaehert. Das Legionslager von Vindonissa (Windfisch bei Zuerich) wurde dadurch ueberfluessig. Das oberrheinische Heer konnte, wie das benachbarte, nach einiger Zeit auf die Haelfte seines frueheren Bestandes herabgesetzt werden. Die anfaengliche Zahl von vier Legionen, welche waehrend des batavischen Krieges nur zufaellig auf drei vermindert war, bestand allerdings wahrscheinlich noch unter Traian ^29; unter Marcus aber war die Provinz nur mit zwei Legionen besetzt, der achten und der zweiundzwanzigsten, von denen die erste in Strassburg stand, die zweite in dem Hauptquartier Mainz, waehrend die meisten Truppen, in kleinere Posten aufgeloest, an dem Grenzwall lagerten. Innerhalb der neuen Linie bluehte das staedtische Leben auf fast wie links vom Rheinland: Sumelocenna (Rottenburg am Neckar), Aquae (civitas Aurelia Aquensis, Baden), Lopodunum (Ladenburg) hatten, wenn man von Koeln und Trier absieht, in roemisch-staedtischer Entwicklung den Vergleich mit keiner Stadt der Belgica zu scheuen. Das Emporkommen dieser Ansiedlungen ist hauptsaechlich das Werk Traians, welcher sein Regiment mit dieser Friedenstat eroeffnete ^30; "den auf beiden Ufern roemischen Rhein" fleht ein roemischer Dichter an, den noch nicht gesehenen Herrscher ihnen bald zuzusenden. Die grosse und fruchtbare Landschaft, die auf diese Weise unter den Schutz der Legionen gestellt ward, war dieses Schutzes beduerftig, aber auch wert gewesen. Wohl bezeichnet die Varusschlacht die beginnende Ebbe der roemischen Macht, aber nur insofern, als das Vorschreiten damit ein Ende hat und die Roemer seitdem sich im allgemeinen begnuegten, das damals Festgehaltene staerker und dauernder zu schirmen.


^29 Von den sieben Legionen, die bei Neros Tode in den beiden Germanien standen, loeste Vespasian fuenf auf; es blieben die 21. und die 22., wozu dann die zur Niederwerfung des Aufstandes eingerueckten sieben oder acht Legionen, die 1. adiutrix, 2. adiutrix, 6. victrix, 8., 10. gemina, 11., 13. (?) und 14. hinzutraten. Von diesen ist nach Beendigung des Krieges die 1. adiutrix wahrscheinlich nach Spanien, die 2. adiutrix wahrscheinlich nach Britannien, die 13. gemina (wenn diese ueberhaupt nach Germanien kam) nach Pannonien gesandt worden; die anderen sieben blieben, und zwar in der unteren Provinz die 6., 10., 21. und 22., in der oberen die 8., 11, und 14. Zu den letzteren trat wahrscheinlich im Jahre 88 die aus Spanien abermals nach Obergermanien gesandte 1. adiutrix hinzu. Dass unter Traian die 1. adiutrix und die 11. in Obergermanien standen beweist die Inschrift von Baden-Baden, Brambach 1666. Die 8. und die 14. sind erwiesenermassen beide mit Cerialis nach Germanien gekommen und haben beide laengere Zeit daselbst garnisoniert. ^30 Traianus ward von Nerva im Jahre 96 oder 97 als Legat nach Germanien gesandt, wahrscheinlich dem oberen, da dem unteren damals Vestricius Spurinna vorgestanden zu haben scheint. Hier im Oktober des Jahres 97 zum Mitregenten ernannt, erhielt er die Nachricht von Nervas Tode und seiner Ernennung zum Augustus im Februar 98 in Koeln. Den Winter und den folgenden Sommer mag er dort geblieben sein; im Winter 98/99 war er an der Donau. Die Worte des Eutropius (8, 2): urbes trans Rhenum in Germania reparavit (woraus die oft gemissbrauchte Notiz bei Orosius, hist. 7, 12, 2, abgeschrieben ist), welche nur auf die obere Provinz bezogen werden koennen, aber natuerlich nicht dem Legaten, sondern dem Caesar oder dem Augustur gelten, erhalten eine Bestaetigung durch die civitas Ulpia s(altus?) N(icerini?) Lopodunum der Inschriften. Die "Wiederherstellung" duerfte im Gegensatz stehen nicht zu den Einrichtungen Domitians, sondern zu den ungeordneten Anfaengen staedtischer Anlagen im Decumatenland vor der Verlegung der Militaergrenze. Auf kriegerische Vorgaenge unter Traian fuehrt keine Spur; dass er ein castellum in Alamannorum solo, nach dem Zusammenhang am Main unweit Mainz, anlegte und nach seinem Namen nannte (Amm. 17, 1, 11), beweist dafuer ebenso wenig, wie dass ein spaeter Dichter (Sidon. carm. 7, 115), Altes und Neues vermengend, Agrippina unter ihm den Schrecken der Sugambrer, das heisst in seinem Sinn der Franken nennt.


Bis in den Anfang des 3. Jahrhunderts zeigt die roemische Macht am Rhein keine Spuren des Schwankens. Waehrend des Markomannenkrieges unter Marcus blieb in der unteren Provinz alles ruhig. Wenn ein Legat der Belgica damals den Landsturm gegen die Chauker aufbieten musste, so ist dies vermutlich ein Piratenzug gewesen, wie sie die Nordkueste oftmals, in dieser Zeit ebenso wie frueher und spaeter, heimgesucht haben. An die Donauquellen und selbst bis in das Rheingebiet reichte der Wellenschlag der grossen Voelkerbewegung; aber die Fundamente erschuetterte er hier nicht. Die Chatten, das einzige bedeutende germanische Volk an der obergermanisch-raetischen Grenzwacht, brachen in beiden Richtungen vor und sind wahrscheinlich damals selbst unter den in Italien einfallenden Germanen gewesen, wie dies weiterhin bei der Darstellung dieses Krieges gezeigt werden soll. Auf jeden Fall kann die von Marcus damals verfuegte Verstaerkung der raetischen Armee und ihre Umwandlung in ein Kommando erster Klasse mit Legion und Legaten nur erfolgt sein, um den Angriffen der Chatten zu steuern, und beweist, dass man sie auch fuer die Zukunft nicht leicht nahm. Die schon erwaehnte Verstaerkung der Grenzverteidigung wird damit ebenfalls in Verbindung stehen. Fuer das naechste Menschenalter muessen diese Massregeln ausgereicht haben. Unter Antoninus, dem Sohn des Severus, brach (213) abermals in Raetien ein neuer und schwererer Krieg aus. Auch dieser ist gegen die Chatten gefuehrt worden; aber neben ihnen wird ein zweites Volk genannt, das hier zum erstenmal begegnet, das der Alamannen. Woher sie kamen, wissen wir nicht. Einem wenig spaeter schreibenden Roemer zufolge war es zusammengelaufenes Mischvolk; auf einen Gemeindebund scheint auch die Benennung hinzuweisen sowie, dass spaeter noch die verschiedenen, unter diesem Namen zusammengefassten Staemme mehr als bei den sonstigen grossen germanischen Voelkern in ihrer Besonderheit hervortreten, und die Juthungen, die Lentienser und andere Alamannenvoelker nicht selten selbstaendig handeln. Aber dass es nicht die Germanen dieser Gegend sind, welche unter dem neuen Namen verbuendet und durch den Bund verstaerkt hier auftreten, zeigt sowohl die Nennung der Alamannen neben den Chatten wie die Meldung von der ungewohnten Geschicklichkeit der Alamannen im Reitergefecht. Vielmehr sind es der Hauptsache nach sicher aus dem Osten nachrueckende Scharen gewesen, die dem fast erloschenen Widerstand der Germanen am Rhein neue Kraft verliehen haben; es ist nicht unwahrscheinlich, dass die in frueherer Zeit an der mittleren Elbe hausenden maechtigen Semnonen, deren seit dem Ende des 2. Jahrhunderts nicht wieder gedacht wird, zu den Alamannen ein starkes Kontingent gestellt haben. Das stetig sich steigernde Missregiment im Roemischen Reich hat natuerlich auch, wenngleich nur in zweiter Reihe, zu der Machtverschiebung seinen Teil beigetragen. Der Kaiser zog persoenlich gegen die neuen Feinde ins Feld; im August des Jahres 213 ueberschritt er die roemische Grenze und ein Sieg ueber sie am Main wurde erfochten oder wenigstens gefeiert; es wurden noch Kastelle angelegt; die Voelkerschaften von der Elbe und der Nordsee beschickten den roemischen Herrscher und verwunderten sich, wenn er sie in ihrer eigenen Tracht empfing, in silberbeschlagener Jacke und Haar und Bart nach deutscher Art gefaerbt und geordnet. Aber von da an hoeren die Kriege am Rhein nicht auf, und die Angreifer sind die Germanen; die sonst so fuegsamen Nachbarn waren wie ausgetauscht. Zwanzig Jahre spaeter wurden an der Donau wie am Rhein die Einfaelle der Barbaren so stetig und so ernsthaft, dass Kaiser Alexander deswegen den weniger unmittelbar gefaehrlichen Persischen Krieg abbrechen und sich persoenlich in das Lager von Mainz begeben masste, nicht so sehr, um das Gebiet zu verteidigen, als um von den Deutschen den Frieden durch hohe Geldsummen zu erkaufen. Die Erbitterung der Soldaten darueber fuehrte zu seiner Ermordung (235) und damit zu dem Untergang der Severischen Dynastie, der letzten, die es bis auf die Regeneration des Staats ueberhaupt gegeben hat. Sein Nachfolger Maximinus, ein roher, aber tapferer, vom gemeinen Soldaten aufgedienter Thraker, machte das feige Verhalten seines Vorgaengers wieder gut durch einen nachdruecklichen Feldzug tief in Germanien hinein. Noch wagten die Barbaren nicht, einem starken und wohlgefuehrten Roemerheere die Spitze zu bieten; sie wichen in ihre Waelder und Suempfe, und auch dahin ihnen folgend, focht im Handgemenge der tapfere Kaiser allen voran. Von diesen Kaempfen, die ohne Zweifel von Mainz aus zunaechst gegen die Alamannen sich richteten, durfte er mit Recht sich Germanicus nennen; und auch fuer die Zukunft hat die Expedition vom Jahre 236, auf lange hinaus der letzte grosse Sieg, den die Roemer am Rhein gewannen, wohl einiges gefruchtet. Obwohl die stetigen und blutigen Thronwechsel und die schweren Katastrophen im Osten und an der Donau die Roemer nicht zu Atem kommen liessen, ist doch durch die naechsten zwanzig Jahre am Rhein wenn nicht eigentlich die Ruhe erhalten worden, doch eine groessere Katastrophe nicht eingetreten. Es scheint sogar damals eine der obergermanischen Legionen nach Afrika geschickt worden zu sein, ohne dass dafuer Ersatz kam, also Obergermanien als wohl gesichert gegolten zu haben. Aber als im Jahre 253 wieder einmal die verschiedenen Feldherren Roms um die Kaiserwuerde untereinander schlugen und die Rheinlegionen nach Italien marschierten, um ihren Kaiser Valerianus gegen den Aemilianus der Donauarmee durchzufechten, scheint dies das Signal gewesen zu sein ^31 fuer das Vorbrechen der Germanen namentlich auch gegen den Unterrhein ^32. Diese Germanen sind die hier zuerst auftretenden Franken, allerdings vielleicht nur dem Namen nach neue Gegner; denn obwohl die schon im spaeteren Altertum begegnende Identifikation derselben mit frueher am Unterrhein genannten Voelkerschaften, teils den neben den Bructerern sitzenden Chamavern, teils den frueher genannten, den Roemern untertaenigen Sugambrern, unsicher und mindestens unzulaenglich ist, so hat es hier groessere Wahrscheinlichkeit als bei den Alamannen, dass die bisher von Rom abhaengigen Germanen am rechten Rheinufer und die frueher vom Rhein abgedraengten germanischen Staemme damals unter dem Gesamtnamen der "Freien" gemeinschaftlich die Offensive gegen die Roemer ergriffen haben. Solange Gallienus selbst am Rhein blieb, hielt er, trotz der geringen, ihm zur Verfuegung stehenden Streitkraefte, die Gegner einigermassen im Zaum, verhinderte sie am Ueberschreiten des Flusses oder schlug die Eingedrungenen wieder hinaus, raeumte auch wohl einem der germanischen Fuehrer einen Teil des begehrten Ufergebietes ein unter der Bedingung, die roemische Herrschaft anzuerkennen und seinen Besitz gegen seine Landsleute zu verteidigen, was freilich schon fast auf eine Kapitulation hinauskam. Aber als der Kaiser, abgerufen durch die noch gefaehrlichere Lage der Dinge an der Donau, sich dorthin begab und in Gallien als Repraesentanten seinen noch im Knabenalter stehenden aelteren Sohn zurueckliess, liess einer der Offiziere, denen er die Verteidigung der Grenze und die Hut seines Sohnes anvertraut hatte, Marcus Cassianius Latinius Postumus ^33, sich von seinen Leuten zum Kaiser ausrufen und belagerte in Koeln den Hueter des Kaisersohnes Silvanus. Es gelang ihm, die Stadt einzunehmen und seinen frueheren Kollegen sowie den kaiserlichen Knaben in seine Gewalt zu bekommen, worauf er beide hinrichten liess. Aber waehrend dieser Wirren brachen die Franken ueber den Rhein und ueberschwemmten nicht bloss ganz Gallien, sondern drangen auch in Spanien ein, ja pluenderten selbst die afrikanische Kueste. Bald nachher, nachdem Valerians Gefangennahme durch die Perser das Mass des Unheils voll gemacht hatte, ging in der oberrheinischen Provinz alles roemische Land auf dem linken Rheinufer verloren, ohne Zweifel an die Alamannen, deren Einbruch in Italien in den letzten Jahren des Gallienus diesen Verlust notwendig voraussetzt. Dieser ist der letzte Kaiser, dessen Name auf rechtsrheinischen Denkmaelern gefunden wird. Seine Muenzen feiern ihn wegen fuenf grosser Siege ueber die Germanen, und nicht minder sind die seines Nachfolgers in der gallischen Herrschaft, des Postumus, voll des Preises der deutschen Siege des Retters von Gallien. Gallienus hatte in seinen frueheren Jahren nicht ohne Energie den Kampf am Rhein aufgenommen, und Postumus war sogar ein vorzueglicher Offizier und waere gern auch ein guter Regent gewesen. Aber bei der Meisterlosigkeit, welche damals in dem roemischen Staat oder vielmehr in der roemischen Armee waltete, nuetzte Talent und Tuechtigkeit des Einzelnen weder ihm noch dem Gemeinwesen. Eine Reihe bluehender roemischer Staedte wurde damals von den einfallenden Barbaren oedegelegt, und das rechte Rheinufer ging den Roemern auf immer verloren.


^31 Nicht bloss der ursaechliche Zusammenhang, sondern selbst die zeitliche Folge dieser wichtigen Vorgaenge liegen im unklaren. Der relativ beste Bericht bei Zosimus (hist. 1, 29) bezeichnet den germanischen Krieg als die Ursache, weshalb Valerianus gleich bei seiner Thronbesteigung 253 seinen Sohn zum Mitherrscher gleichen Rechts gemacht habe; und den Titel Germanicus maximus fuehrt Valerian schon im Jahre 256 (CIL VIII, 2380; ebenso 259 CIL XI, 826), vielleicht sogar, wenn der Muenze Cohen n. 54 zu trauen ist, den Titel Germanicus maximus ter. ^32 Dass die Germanen, gegen die Gallienus zu streiten hatte, wenigstens hauptsaechlich am Unterrhein zu suchen sind, zeigt die Residenz seines Sohnes in Agrippina, wo er doch nur als nomineller Repraesentant des Vaters zurueckgeblieben sein kann. Auch der Biograph (c. 8) nennt die Franken. ^33 Von dem Grade der Geschichtsfaelschung, welche in einem Teil der Kaiserbiographien herrscht, macht man sich schwer eine Vorstellung; es wird nicht unnuetz sein, hier an dem Bericht ueber Postumus dies beispielsweise zu zeigen. Er heisst hier (freilich in einer Einlage) Iulius Postumus (tyr. 6), auf den Muenzen und Inschriften al. Cassianius Latinius Postumus, im epitomierten Victor 32 Cassius Labienus Postemus. Er regiert sieben Jahre (Gall. 4; tyr. 3 und 5); Muenzen nennen seine tr. p. X, und zehn Jahre gibt ihm Eutropius (9, 10). Sein Gegner heisst Lollianus, nach den Muenzen Ulpius Cornelias Laelianus, Laelianus bei Eutropius (9, 9; nach der einen Handschriftenklasse, waehrend die andere der Interpolation der Biographen folgt) und bei Victor (c. 33), Aelianus in der Victorianischen Epitome. Postumus und Victorinus herrschen nach dem Biographen gemeinschaftlich; aber es gibt keine beiden gemeinschaftliche Muenzen, und somit bestaetigen diese den Bericht bei Victor und Eutropius, dass Victorinus der Nachfolger des Postumus gewesen ist. Es ist eine Besonderheit dieser Kategorie von Faelschungen, dass sie in den eingelegten Urkunden gipfeln. Das Koelner Epitaphium der beiden Victorinus (tyr. 7): hic duo Victorini tyranni(!) siti sunt kritisiert sich selbst. Das angebliche Patent Valerians (tyr. 3), womit dieser den Galliern die Ernennung des Postumus mitteilt, ruehmt nicht bloss prophetisch des Postumus Herrschergaben, sondern nennt auch verschiedene unmoegliche Aemter: einen Transrhenani limitis dux et Galliae praeses hat es zu keiner Zeit gegeben und kann Postumus arch/e/n en Keltois strati/o/t/o/n empepisteymenos ;Zos. hist. 1, 38) nur praeses einer der beiden Germanien oder, wenn sein Kommando ein ausserordentliches war, dux per Germanias gewesen sein. Ebenso unmoeglich ist in derselben Quasi-Urkunde der tribunatus Vocontiorum des Sohnes, eine offenbare Nachbildung der Tribunate, wie sie in der Notitia dignitatum aus der Zeit des Honorius auftreten. Gegen Postumus und Victorinus, unter denen die Gallier und die Franken fechten, zieht Gallienus mit Aureolus, spaeter seinem Gegner, und dem spaeteren Kaiser Claudius; er selbst wird durch einen Pfeilschuss verwundet, siegt aber, ohne dass durch den Sieg sich etwas aendert. Von diesem Kriege wissen die anderen Berichte nichts. Postumus faellt in dem von dem sogenannten Lollianus angezettelten Militaeraufstand, waehrend nach dem Bericht bei Victor und Eutropius Postumus dieser Mainzer Insurrektion Herr wird, aber dann die Soldaten ihn erschlagen, weil er ihnen Mainz nicht zur Pluenderung ueberliefern will. Ueber die Erhebung des Postumus steht neben der im wesentlichen mit der gewoehnlichen uebereinstimmenden Erzaehlung, dass Postumus den seiner Hut anvertrauten Sohn des Gallienus treulos beseitigt habe, eine andere, offenbar als Rettung erfundene, wonach das Volk in Gallien dies tat und dann dem Postumus die Krone antrug. Die enkomiastische Tendenz fuer den, der Gallien das Schicksal der Donaulaender und Asiens erspart und es vor den Germanen gerettet habe, tritt hier und ueberall (am offenbarsten tyr. 5) zutage; womit denn zusammenhaengt, dass dieser Bericht den Verlust des rechten Rheinufers und die Zuege der Franken nach Gallien, Spanien und Afrika nicht kennt. Bezeichnend ist noch, dass der angebliche Stammvater des konstantinischen Hauses auch hier mit einer ehrenvollen Nebenrolle bedacht wird. Diese nicht zerruettete, sondern durchgefaelschte Erzaehlung wird voellig beseitigt werden muessen; die Berichte einerseits bei Zosimus, andererseits der aus einer gemeinschaftlichen Quelle schoepfenden Lateiner Victor und Eutropius, kurz und zerruettet wie sie sind, koennen allein in Betracht kommen.


Die Wiederherstellung der Ruhe und Ordnung in Gallien hing zunaechst ab von dem Zusammenhalten des Reichs ueberhaupt; solange die italischen Kaiser ihre Truppen in der Narbonensis aufstellten, um den gallischen Rivalen zu beseitigen und dieser wieder Miene machte, die Alpen zu ueberschreiten, war eine wirksame Operation gegen die Germanen von selber ausgeschlossen. Erst nachdem um das Jahr 272 ^34 der damalige Herrscher Galliens, Tetricus, seiner undankbaren Rolle muede, selbst dazu getan hatte, dass seine Truppen sich dem vom roemischen Senat anerkannten Kaiser Aurelianus unterwarfen, konnte wieder daran gedacht werden, den Germanen zu wehren. Den Zuegen der Alamannen, die fast ein Jahrzehnt hindurch das obere Italien bis nach Ravenna hinab heimgesucht hatten, setzte derselbe tuechtige Herrscher, der Gallien wieder zum Reich gebracht hatte, fuer lange Zeit ein Ziel und schlug an der oberen Donau nachdruecklich einen ihrer Staemme, die Juthungen. Haette sein Regiment Dauer gehabt, so wuerde er wohl auch in Gallien den Grenzschutz erneuert haben; nach seinem baldigen und jaehen Ende (275) ueberschritten die Germanen abermals den Rhein und verheerten weit und breit das Land. Sein Nachfolger Probus (seit 276), auch ein tuechtiger Soldat, warf sie nicht bloss wieder hinaus - siebzig Staedte soll er ihnen abgenommen haben -, sondern ging auch wieder angreifend vor, ueberschritt den Rhein und trieb die Deutschen ueber den Neckar zurueck; aber die Linien der frueheren Zeit erneuerte er nicht ^35, sondern begnuegte sich, an den wichtigeren Rheinpositionen Brueckenkoepfe auf dem anderen Ufer einzurichten und zu besetzen - das heisst, er kam etwa auf die Einrichtungen zurueck, wie sie hier vor Vespasian bestanden hatten. Gleichzeitig wurden durch seine Feldherren in der noerdlichen Provinz die Franken niedergeschlagen. Grosse Massen der ueberwundenen Germanen wurden als gezwungene Ansiedler nach Gallien und vor allem nach Britannien gesandt. In dieser Weise wurde die Rheingrenze wieder gewonnen und auf das spaetere Kaiserreich uebertragen. Freilich war wie die Herrschaft am rechten Rheinufer so auch der Friede am linken unwiderbringlich dahin. Drohend standen die Alamannen gegenueber Basel und Strassburg, die Franken gegenueber Koeln. Daneben melden sich andere Staemme. Dass auch die Burgundionen, einst jenseits der Elbe sesshaft, westwaerts vorrueckend bis an den oberen Main, Gallien bedrohen, davon ist zuerst unter Kaiser Probus die Rede; wenige Jahre spaeter beginnen die Sachsen in Gemeinschaft mit den Franken ihre Angriffe zur See auf die gallische Nordkueste wie auf das roemische Britannien. Aber unter den groesstenteils tuechtigen und faehigen Kaisern des Diocletianisch-Konstantinischen Hauses und noch unter den naechsten Nachfolgern hielt der Roemer die drohende Voelkerflut in gemessenen Schranken.


^34 Postumus Herrschaft dauerte zehn Jahre. Dass im Jahre 259 der aeltere Sohn des Gallienus bereits tot war, lehrt die Inschrift von Modena CIL XI, 826; also faellt Postumus Abfall sicher in oder vor dieses Jahr. Da die Gefangennahme des Tetricus nicht wohl spaeter als 272, unmittelbar nach der zweiten Expedition gegen Zenobia, angesetzt werden kann und die drei gallischen Herrscher Postumus zehn, Victorinus zwei (Eutr. 9, 9), Tetricus zwei (Aur. Vict. Caes. 35) Jahre regiert haben, so bringt dies Postumus Abfall etwa auf 259; doch sind dergleichen Zahlen haeufig etwas verschoben. Wenn die Dauer der Germanenzuege in Spanien unter Gallienus auf zwoelf Jahre bestimmt wird (Oros. hist. 7, 41, 2), so scheint dies nach der Hieronymischen Chronik oberflaechlich berechnet zu sein. Die ueblichen genauen Zahlen sind unbeglaubigt und taeuschend. ^35 Nach dem Biographen (c. 14, 15) hat Probus die Germanen des rechten Rheinufers in Abhaengigkeit gebracht, so dass sie den Roemern tributpflichtig sind und die Grenze fuer sie verteidigen (omnes iam barbari vobis arant, vobis iam serviunt et contra interiores gentes militant); das Recht der Waffenfuehrung wird ihnen vorlaeufig gelassen, aber daran gedacht, bei weiteren Erfolgen die Grenze vorzuschieben und eine Provinz Germanien einzurichten. Auch als freie Phantasien eines Roemers des vierten Jahrhunderts - mehr ist es nicht - haben diese Aeusserungen ein gewisses Interesse.


Die Germanen in ihrer nationalen Entwicklung darzustellen, ist nicht die Aufgabe des Geschichtschreibers der Roemer; fuer ihn erscheinen sie nur hemmend oder auch zerstoerend. Eine Durchdringung der beiden Nationalitaeten und eine daraus hervorgehende Mischkultur, wie das romanisierte Keltenland, hat das roemische Germanien nicht aufzuweisen oder sie faellt fuer unsere Auffassung mit der roemisch-gallischen um so mehr zusammen, als die laengere Zeit in roemischem Besitz gebliebenen germanischen Gebiete auf dem linken Rheinufer durchaus mit keltischen Elementen durchsetzt waren und auch die auf dem rechten, ihrer urspruenglichen Bevoelkerung groesstenteils beraubt, die Mehrzahl der neuen Ansiedler aus Gallien erhielten. Dem germanischen Element fehlten die kommunalen Zentren, wie sie das Keltentum zahlreich besass. Teils deswegen, teils infolge aeusserer Umstaende konnte, wie schon hervorgehoben worden ist, in dem germanischen Osten das roemische Element sich eher und voller entwickeln als in den keltischen Gegenden. Von wesentlichstem Einfluss darauf sind die Heerlager der Rheinarmee geworden, die alle auf das roemische Germanien fallen. Die groesseren derselben erhielten teils durch die Handelsleute, die dem Heere sich anschlossen, teils und vor allem durch die Veteranen, die in ihren gewohnten Quartieren auch nach der Entlassung verblieben, einen staedtischen Anhang, eine von den eigentlichen Militaerquartieren gesonderte Budenstadt (canabae); ueberall und namentlich in Germanien sind aus diesen bei den Legionslagern und besonders den Hauptquartieren mit der Zeit eigentliche Staedte erwachsen. An der Spitze steht die roemische Ubierstadt, urspruenglich das zweitgroesste Lager der niederrheinischen Armee, dann seit dem Jahre 50 roemische Kolonie und von bedeutendster Wirksamkeit fuer die Hebung der roemischen Zivilisation im Rheinland. Hier wich die Lagerstadt der roemischen Pflanzstadt; spaeterhin erhielten, ohne Verlegung der Truppen, Stadtrecht die zu den beiden grossen unterrheinischen Lagern gehoerenden Ansiedlungen Ulpia Noviomagus im Bataverland und Ulpia Traiana bei Vetera durch Traianus, im dritten Jahrhundert die Militaerhauptstadt Obergermaniens Mogontiacum. Freilich haben diese Zivilstaedte neben den davon unabhaengigen militaerischen Verwaltungszentren immer eine untergeordnete Stellung behalten. Blicken wir ueber die Grenze hinueber, wo diese Erzaehlung abschliesst, so begegnet uns allerdings anstatt der Romanisierung der Germanen gewissermassen eine Germanisierung der Romanen. Die letzte Phase des roemischen Staats ist bezeichnet durch dessen Barbarisierung und speziell dessen Germanisierung; und die Anfaenge reichen weiter zurueck. Sie beginnt mit der Bauernschaft in dem Kolonat, geht weiter zu der Truppe, wie Kaiser Severus sie gestaltete, erfasst dann die Offiziere und Beamte und endigt mit den roemisch-germanischen Mischstaaten der Westgoten in Spanien und Gallien, der Vandalen in Afrika, vor allem dem Italien Theoderichs. Fuer das Verstaendnis dieser letzten Phase bedarf es allerdings der Einsicht in die staatliche Entwicklung der einen wie der anderen Nation. Freilich steht in dieser Beziehung die germanische Forschung sehr im Nachteil. Die staatlichen Einrichtungen, in welche diese Germanen dienend oder mitherrschend eintraten, sind wohlbekannt, weit besser als die pragmatische Geschichte der gleichen Epoche; aber ueber den germanischen Anfaengen liegt ein Dunkel, mit dem verglichen die Anfaenge von Rom und von Hellas lichte Klarheit sind. Waehrend die nationale Gottesverehrung der antiken Welt relativ erkennbar ist, ist die Kunde des deutschen Heidentums, vom fernen Norden abgesehen, vor der historischen Zeit untergegangen. Die Anfaenge der staatlichen Entwicklung der Germanen schildert uns teils die schillernde und in der Gedankenschablone des sinkenden Altertums befangene, die eigentlich entscheidenden Momente nur zu oft auslassende Darstellung des Tacitus, teils muessen wir sie den auf ehemals roemischem Boden entstandenen, ueberall mit roemischen Elementen durchsetzten Zwitterstaaten entnehmen. Wie die germanischen Worte hier ueberall fehlen und wir fast ausschliesslich auf lateinische, notwendig inadaequate Bezeichnungen angewiesen sind, so versagen auch durchgaengig die scharfen Grundanschauungen, derer unsere Kunde des klassischen Altertums nicht entbehrt. Es gehoert zur Signatur unserer Nation, dass es ihr versagt geblieben ist, sich aus sich selbst zu entwickeln; und dazu gehoert es mit, dass deutsche Wissenschaft vielleicht weniger vergeblich bemueht gewesen ist, die Anfaenge und die Eigenart anderer Nationen zu erkennen als die der eigenen. 5. Kapitel Britannien Siebenundneunzig Jahre waren vergangen, seitdem roemische Truppen das grosse Inselland im nordwestlichen Ozean betreten und unterworfen und wiederum verlassen hatten, bevor die roemische Regierung sich entschloss, die Fahrt zu wiederholen und Britannien bleibend zu besetzen. Allerdings war Caesars britannische Expedition nicht bloss, wie seine Zuege gegen die Germanen, ein defensiver Vorstoss gewesen. So weit sein Arm reichte, hatte er die einzelnen Voelkerschaften reichsuntertaenig gemacht und ihre Jahresabgabe an das Reich hier wie in Gallien geordnet. Auch die fuehrende Voelkerschaft, welche durch ihre bevorzugte Stellung fest an Rom geknuepft und somit der Stuetzpunkt der roemischen Herrschaft werden sollte, war gefunden: die Trinovanten (Essex) sollten auf der keltischen Insel dieselbe, mehr vorteilhafte als ehrenvolle Rolle uebernehmen wie auf dem gallischen Kontinent die Haeduer und die Reiner. Die blutige Fehde zwischen dem Fuersten Cassivellaunus und dem Fuerstenhaus von Camalodunum (Colchester) hatte unmittelbar die roemische Invasion herbeigefuehrt; dieses wieder einzusetzen, war Caesar gelandet, und der Zweck ward fuer den Augenblick erreicht. Ohne Zweifel hat Caesar sich nie darueber getaeuscht, dass jene Tribute ebenso wie diese Schutzherrschaft zunaechst nur Worte waren; aber diese Worte waren ein Programm, das die bleibende Besetzung der Insel durch roemische Truppen herbeifuehren masste und herbeifuehren sollte. Caesar selbst kam nicht dazu, die Verhaeltnisse der unterworfenen Insel bleibend zu ordnen; und fuer seine Nachfolger war Britannien eine Verlegenheit. Die reichsuntertaenig gewordenen Briten entrichteten den schuldigen Tribut gewiss nicht lange, vielleicht ueberhaupt niemals; das Protektorat ueber die Dynastie von Camalodunum wird noch weniger respektiert worden sein und hatte lediglich zur Folge, dass Fuersten und Prinzen dieses Hauses wieder und wieder in Rom erschienen und die Intervention der roemischen Regierung gegen Nachbarn und Rivalen anriefen - so kam Koenig Dubnovellaunus, wahrscheinlich der Nachfolger des von Caesar bestaetigten Trinovantenfuersten, als Fluechtling nach Rom zu Kaiser Augustas, so spaeter einer der Prinzen desselben Hauses zu Kaiser Gaius ^1.


^1 Allem Anschein nach sind die politischen Relationen zwischen Rom und Britannien in der Zeit vor der Eroberung wesentlich auf das von Caesar wiederhergestellte und garantierte (Gall. 5, 22) Fuerstentum der Trinovanten zu beziehen. Dass Koenig Dubnovellaunus, der nebst einem anderen ganz unbekannten Britannerfuersten bei Augustas Schutz suchte, hauptsaechlich in Essex herrschte, zeigen seine Muenzen (mein Monumentum Ancyranum. 2. Aufl. 1883, S. 138f.). Die britannischen Fuersten, die den Augustus beschickten und seine Oberherrschaft anerkannten (denn so scheint Strab. 4, 5, 3, p. 200 gefasst werden zu muessen; vgl. Tac. ann. 2, 24), haben wir auch zunaechst dort zu suchen. Cunobelinus, nach den Muenzen der Sohn des Koenigs Tasciovanus, von dem die Geschichte schweigt, gestorben, wie es scheint, bejahrt, zwischen 40 und 43, im Regiment also wahrscheinlich dem spaeteren des Augustus und denen des Tiberius und Gaius parallel gehend, residierte in Camalodunum (Dio 60, 21); um ihn und um seine Soehne dreht sich die Vorgeschichte der Invasion. Wohin Bericus, der zum Claudias kam (Dio 60, 19), gehoert, wissen wir nicht, und es moegen auch andere brittische Dynasten dem Beispiel derer von Colchester gefolgt sein; aber an der Spitze stehen diese.


In der Tat war die Expedition nach Britannien ein notwendiger Teil der Caesarischen Erbschaft; es hatte auch schon waehrend der Zweiherrschaft Caesar der Sohn zu einer solchen einen Anlauf genommen und nur davon abgesehen wegen der dringenderen Notwendigkeit, in Illyricum Ruhe zu schaffen, oder auch wegen des gespannten Verhaeltnisses zu Antonius, das zunaechst den Parthern sowohl wie den Britannern zustatten kam. Die hoefischen Poeten aus Augustus' frueheren Jahren haben die britannische Eroberung vielfach antizipierend gefeiert; das Programm Caesars also nahm der Nachfolger an und auf. Als dann die Monarchie feststand, erwartete ganz Rom, dass der Beendigung des Buergerkrieges die britannische Expedition auf dem Fusse folgen werde; die Klagen der Poeten ueber den schrecklichen Hader, ohne welchen laengst die Britanner im Siegeszug zum Kapitol gefuehrt worden waeren, verwandelten sich in die stolze Hoffnung auf die neu zum Reich hinzutretende Provinz Britannien. Die Expedition wurde auch zu wiederholten Malen angekuendigt (727, 728 27, 26); dennoch stand Augustus, ohne das Unternehmen foermlich fallenzulassen, bald von der Durchfuehrung ab, und Tiberius hielt, seiner Maxime getreu, auch in dieser Frage an dem System des Vaters fest ^2. Die nichtigen Gedanken des letzten Julischen Kaisers schweiften wohl auch ueber den Ozean hinueber; aber ernste Dinge vermochte er nicht einmal zu planen. Erst die Regierung des Claudius nahm den Plan des Diktators wieder auf und fuehrte ihn durch.


^2 Tac. Agr. 13: consilium id divus Augustas vocabat, Tiberius praeceptum.


Welche Motive nach der einen wie nach der andern Seite hin bestimmend waren, laesst sich teilweise wenigstens erkennen. Augustus selbst hat geltend gemacht, dass die Besetzung der Insel militaerisch nicht noetig sei, da ihre Bewohner nicht imstande seien, die Roemer auf dem Kontinent zu belaestigen, und fuer die Finanzen nicht vorteilhaft; was aus Britannien zu ziehen sei, fliesse in Form des Einfuhr- und Ausfuhrzolles der gallischen Haefen in die Kasse des Reiches; als Besatzung werde wenigstens eine Legion und etwas Reiterei erforderlich sein und nach Abzug der Kosten derselben von den Tributen der Insel nicht viel uebrig bleiben ^3. Dies alles war unbestreitbar richtig, ja noch keineswegs genug; die Erfahrung erwies spaeter, dass eine Legion bei weitem nicht ausreichte, um die Insel zu halten. Hinzuzunehmen ist, was die Regierung zu sagen allerdings keine Veranlassung hatte, dass bei der Schwaeche des roemischen Heeres, wie sie durch die innere Politik Augusts einmal herbeigefuehrt war, es sehr bedenklich erscheinen musste, einen erheblichen Bruchteil desselben ein fuer allemal auf eine ferne Insel des Nordmeers zu bannen. Man hatte vermutlich nur die Wahl, von Britannien abzusehen oder deswegen das Heer zu vermehren; und bei Augustus hat die Ruecksicht auf die innere Politik stets die auf die aeussere ueberwogen.


^3 Die Auseinandersetzung bei Strabon (2, 5, 8, p. 115; 4, 5, 3, p. 200) gibt offenbar die gouvernementale Version. Dass nach Einziehung der Insel der freie Verkehr und damit der Ertrag der Zoelle sinken werde, muss wohl als Eingestaendnis des Satzes genommen werden, dass die roemische Herrschaft und die roemischen Tribute den Wohlstand der Untertanen herabdrueckten.


Aber dennoch muss die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der Unterwerfung Britanniens bei den roemischen Staatsmaennern vorgewogen haben. Caesars Verhalten wuerde unbegreiflich sein, wenn man sie nicht bei ihm voraussetzt. Augustus hat das von Caesar gesteckte Ziel trotz seiner Unbequemlichkeit zuerst foermlich anerkannt und niemals foermlich verleugnet. Gerade die weitsichtigsten und folgerichtigsten Regierungen, die des Claudius, des Nero, des Domitian, haben zu der Eroberung Britanniens den Grund gelegt oder sie erweitert; und sie ist, nachdem sie erfolgt war, nie betrachtet worden wie etwa die Traianische von Dakien und Mesopotamien. Wenn die sonst so gut wie unverbruechlich festgehaltene Regierungsmaxime, dass das Roemische Reich seine Grenzen nur zu erfuellen, nicht aber auszudehnen habe, allein in betreff Britanniens dauernd beiseite gesetzt worden ist, so liegt die Ursache darin, dass die Kelten so, wie Roms Interesse es erheischte, auf dem Kontinent allein nicht unterworfen werden konnten. Diese Nation war allem Anschein nach durch den schmalen Meeresarm, der England und Frankreich trennt, mehr verbunden als geschieden; dieselben Voelkernamen begegnen hueben und drueben; die Grenzen der einzelnen Staaten griffen oefter ueber den Kanal hinueber; der Hauptsitz des hier mehr wie irgendwo sonst das ganze Volkstum durchdringenden Priestertums waren von jeher die Inseln der Nordsee. Den roemischen Legionen das Festland Galliens zu entreissen, vermochten diese Insulaner freilich nicht; aber wenn der Eroberer Galliens selbst, und weiter die roemische Regierung in Gallien andere Zwecke verfolgte als in Syrien und Aegypten, wenn die Kelten der italischen Nation angegliedert werden sollten, so war diese Aufgabe wohl unausfuehrbar, solange das unterworfene und das freie Keltengebiet ueber das Meer hin sich beruehrten und der Roemerfeind wie der roemische Deserteur in Britannien eine Freistatt fand ^4. Zunaechst genuegte dafuer schon die Unterwerfung der Suedkueste, obwohl die Wirkung natuerlich sich steigerte, je weiter das freie Keltengebiet zurueckgeschoben ward. Claudius' besondere Ruecksicht auf seine gallische Heimat und seine Kenntnis gallischer Verhaeltnisse mag auch hierbei mit im Spiel gewesen sein ^5. Den Anlass zum Kriege gab, dass eben dasjenige Fuerstentum, welches von Rom in einer gewissen Abhaengigkeit stand, unter der Fuehrung seines Koenigs Cunobelinus - es ist dies Shakespeares Cymbeline - seine Herrschaft weit ausbreitete ^6 und sich von der roemischen Schutzherrschaft emanzipierte. Einer der Soehne desselben, Adminius, der gegen den Vater sich aufgelehnt hatte, kam schutzbegehrend zum Kaiser Gaius, und darueber, dass dessen Nachfolger sich weigerte, dem britischen Herrscher diese seine Untertanen auszuliefern, entspann sich der Krieg zunaechst gegen den Vater und die Brueder dieses Adminius. Der eigentliche Grund desselben freilich war der unerlaessliche Abschluss der Unterwerfung einer bisher nur halb besiegten, eng zusammenhaltenden Nation.


^4 Als Ursache des Krieges gibt Sueton (Claud. 17) an: Britanniam tunc tumultuantem ob non redditos transfugas; was O. Hirschfeld mit Recht in Verbindung bringt mit Gai. 44: Adminio Cunobellini Britannorum regis filio, qui pulsus a patre cum exigua mani transfugerat, in deditionem recepto. Mit dem tumultuari werden wohl wenigstens beabsichtigte Pluenderfahrten nach der gallischen Kueste gemeint sein. Um den Bericus (Dio 60, 19) ist der Krieg gewiss nicht gefuehrt worden. ^5 Ebenso war Mona nachher receptaculum perfugarum (Tac. ann. 14, 29). ^6 Tac. ann. 12, 37: pluribus gentibus imperitantem.


Dass die Besetzung Britanniens nicht erfolgen koenne ohne gleichzeitige Vermehrung des stehenden Heeres, war auch die Ansicht derjenigen Staatsmaenner, die sie veranlassten; es wurden drei der Rhein-, eine der Donaulegionen dazu bestimmt ^7, gleichzeitig aber zwei neu errichtete Legionen den germanischen Heeren zugeteilt. Zum Fuehrer dieser Expedition und zugleich zum ersten Statthalter der Provinz wurde ein tuechtiger Soldat, Aulus Plautius, ausersehen; sie ging im Jahre 43 nach der Insel ab. Die Soldaten zeigten sich schwierig, wohl mehr wegen der Verbannung auf die ferne Insel als aus Furcht vor dem Feinde. Einer der leitenden Maenner, vielleicht die Seele des Unternehmens, der kaiserliche Kabinettssekretaer Narcissus, wollte ihnen Mut einsprechen - sie liessen den Sklaven vor hoehnendem Zuruf nicht zu Worte kommen, aber taten, wie er wollte, und schifften sich ein.


^7 Die drei Legionen vom Rhein sind die 2. Augusta, die 14. und die 20.; aus Pannonien kam die 9. spanische. Dieselben vier Legionen standen dort noch zu Anfang der Regierung Vespasians; dieser rief die 14. ab zum Kriege gegen Civilis, und diese kam nicht zurueck, dafuer aber wahrscheinlich die 2. adiutrix. Diese ist vermutlich unter Domitian nach Pannonien verlegt, unter Hadrian die 9. aufgeloest und durch die 6. victrix ersetzt worden. Die beiden anderen Legionen, 2. Augusta und 20., haben vom Anfang bis zum Ende der Roemerherrschaft in England gestanden.


Besondere Schwierigkeit hatte die Besetzung der Insel nicht. Die Eingeborenen standen politisch wie militaerisch auf derselben niedrigen Entwicklungsstufe, welche Caesar auf der Insel vorgefunden hatte. Koenige oder Koeniginnen regierten in den einzelnen Gauen, die kein aeusseres Band zusammenschloss und die in ewiger Fehde miteinander lagen. Die Mannschaften waren wohl von ausdauernder Koerperkraft und von todesverachtender Tapferkeit und namentlich tuechtige Reiter. Aber der homerische Streitwagen, der hier noch eine Wirklichkeit war und auf dem die Fuersten des Landes selber die Zuegel fuehrten, hielt den geschlossenen roemischen Reiterschwadronen ebensowenig stand, wie der Infanterist ohne Panzer und Helm, nur durch den kleinen Schild verteidigt, mit seinem kurzen Wurfspiess und seinem breiten Schwert im Nahkampf dem kurzen roemischen Messer gewachsen war oder gar dem schweren Pilum des Legionaers und dem Schleuderblei und dem Pfeil der leichten roemischen Truppen. Der Heermasse von etwa 40000 wohlgeschulten Soldaten hatten die Eingeborenen ueberall keine entsprechende Abwehr entgegenzustellen. Die Ausschiffung traf nicht einmal auf Widerstand; die Briten hatten Kunde von der schwierigen Stimmung der Truppen und die Landung nicht mehr erwartet. Koenig Cunobelinus war kurz vorher gestorben; die Gegenwehr fuehrten seine beiden Soehne, Caratacus und Togodumnus. Der Marsch des Invasionsheeres ward sofort auf Camalodunum gerichtet ^8 und in raschem Siegeslauf gelangte es bis an die Themse; hier wurde Halt gemacht, vielleicht hauptsaechlich, um dem Kaiser die Gelegenheit zu geben, den leichten Lorbeer persoenlich zu pfluecken. Sobald er eintraf, ward der Fluss ueberschritten, das britische Aufgebot geschlagen, wobei Togodumnus den Tod fand, Camalodunum selber genommen. Wohl setzte der Bruder Caratacus den Widerstand hartnaeckig fort und gewann sich, siegend oder geschlagen, einen stolzen Namen bei Freund und Feind; aber das Vorschreiten der Roemer war dennoch unaufhaltsam. Ein Fuerst nach dem andern ward geschlagen und abgesetzt - elf britische Koenige nennt der Ehrenbogen des Claudius als von ihm besiegt; und was den roemischen Waffen nicht erlag, das ergab sich den roemischen Spenden. Zahlreiche vornehme Maenner nahmen die Besitzungen an, die auf Kosten ihrer Landsleute der Kaiser ihnen verlieh; auch manche Koenige fuegten sich in die bescheidene Lehnsstellung, wie denn der der Regner (Chichester), Cogidumnus, und der der Icener (Norfolk), Prasutagus, eine Reihe von Jahren als Lehnsfuersten die Herrschaft gefuehrt haben. Aber in den meisten Distrikten der bis dahin durchgaengig monarchisch regierten Insel fuehrten die Eroberer ihre Gemeindeverfassung ein und gaben, was noch zu verwalten blieb, den oertlichen Vornehmen in die Hand; was denn freilich schlimme Parteiungen und innere Zerwuerfnisse im Gefolge hatte. Noch unter dem ersten Statthalter scheint das gesamte Flachland bis etwa zum Humber hinauf in roemische Gewalt gekommen zu sein; die Icener zum Beispiel haben bereits ihm sich ergeben. Aber nicht bloss mit dem Schwert bahnten die Roemer sich den Weg. Unmittelbar nach der Einnahme wurden nach Camalodunum Veteranen gefuehrt und die erste Stadt roemischer Ordnung und roemischen Buergerrechts, die "Claudische Siegeskolonie", in Britannien gegruendet, bestimmt zur Landeshauptstadt. Unmittelbar nachher begann auch die Ausbeutung der britannischen Bergwerke, namentlich der ergiebigen Bleigruben; es gibt britannische Bleibarren aus dem sechsten Jahre nach der Invasion. Offenbar hat in gleicher Schleunigkeit der Strom roemischer Kaufleute und Industrieller sich ueber das neu geschlossene Gebiet ergossen; wenn Camalodunum roemische Kolonisten empfing, so bildeten anderswo im Sueden der Insel, namentlich an den warmen Quellen der Sulis (Bath), in Verulamium (St. Albans, nordwestlich von London) und vor allem in dem natuerlichen Emporium des Grossverkehrs, in Londinium an der Themsemuendung, bloss infolge des freien Verkehrs und der Einwanderung sich roemische Ortschaften, die bald auch formell staedtische Organisation erhielten. Die vordringende Fremdherrschaft machte nicht bloss in den neuen Abgaben und Aushebungen, sondern vielleicht mehr noch in Handel und Gewerbe ueberall sich geltend. Als Plautius nach vierjaehriger Verwaltung abberufen ward, zog er, der letzte Private, der zu solcher Ehre gelangt ist, triumphierend in Rom ein, und Ehren und Orden stroemten herab auf die Offiziere und Soldaten der siegreichen Legionen; dem Kaiser wurden in Rom und danach in anderen Staedten Triumphbogen errichtet wegen des "ohne irgendwelche Verluste" errungenen Sieges; der kurz vor der Invasion geborene Kronprinz erhielt anstatt des grossvaeterlichen den Namen Britannicus. Man wird hierin die unmilitaerische, der Siege mit Verlust entwoehnte Zeit und die der politischen Altersschwaeche angemessene Ueberschwenglichkeit erkennen duerfen; aber wenn die Invasion Britanniens vom militaerischen Standpunkt aus nicht viel bedeuten will, so muss doch den leitenden Maennern das Zeugnis gegeben werden, dass sie das Werk in energischer und folgerichtiger Weise angriffen und die peinliche und gefahrvolle Zeit des Uebergangs von der Unabhaengigkeit zur Fremdherrschaft in Britannien eine ungewoehnlich kurze war.


^8 Die nur auf bedenkliche Emendationen gestuetzte Identifikation der Boduner und Catuellaner bei Dio 60, 20 mit Voelkerschaften aehnlichen Namens bei Ptolemaeos kann nicht richtig sein; diese ersten Kaempfe muessen zwischen der Kueste und der Themse stattgefunden haben.


Nach dem ersten raschen Erfolg freilich entwickelten auch hier sich die Schwierigkeiten und selbst die Gefahren, welche die Besetzung der Insel nicht bloss den Eroberten brachte, sondern auch den Eroberern. Des Flachlandes war man Herr, aber nicht der Berge noch des Meeres. Vor allem der Westen machte den Roemern zu schaffen. Zwar im aeussersten Suedwest, im heutigen Cornwall, hielt sich das alte Volkstum wohl mehr, weil die Eroberer sich um diese entlegene Ecke wenig kuemmerten, als weil es geradezu sich gegen sie auflehnte. Aber die Siluren im Sueden des heutigen Wales und ihre noerdlichen Nachbarn, die Ordoviker, trotzten beharrlich den roemischen Waffen; die den letzteren anliegende Insel Mona (Anglesey) war der rechte Herd der nationalen und religioesen Gegenwehr. Nicht die Bodenverhaeltnisse allein hemmten das Vordringen der Roemer; was Britannien fuer Gallien gewesen, das war jetzt fuer Britannien, und insbesondere fuer diese Westkueste, die grosse Insel Ivernia; die Freiheit drueben liess die Fremdherrschaft hueben nicht feste Wurzel fassen. Deutlich erkennt man an der Anlegung der Legionslager, dass die Invasion hier zum Stehen kam. Unter Plautius' Nachfolger wurde das Lager fuer die vierzehnte Legion am Einfluss des Tern in den Severn bei Viroconium (Wroxeter, unweit Shrewsbury ^9) angelegt, vermutlich um dieselbe Zeit suedlich davon das von Isca (Caerleon = castra legionis) fuer die zweite, noerdlich das von Deva (Chester = castra) fuer die zwanzigste; diese drei Lager schlossen das walisische Gebiet ab gegen Sueden, Norden und Westen und schuetzten also das befriedete Land gegen das frei gebliebene Gebirge. Dorthin warf sich, nachdem seine Heimat roemisch geworden war, der letzte Fuerst von Camalodunum, Caratacus. Er wurde von dem Nachfolger des Plautius, Publius Ostorius Scapula, im Ordovikergebiet geschlagen und bald darauf von den geschreckten Briganten, zu denen er gefluechtet war, den Roemern ausgeliefert (51) und mit all den Seinen nach Italien gefuehrt. Verwundert fragte er, als er die stolze Stadt sah, wie es die Herren solcher Palaeste nach den armen Huetten seiner Heimat verlangen koenne. Aber damit war der Westen keineswegs bezwungen; die Siluren vor allem verharrten in hartnaeckiger Gegenwehr, und dass der roemische Feldherr ankuendigte, sie bis auf den letzten Mann ausrotten zu wollen, trug auch nicht dazu bei, sie fuegsamer zu machen. Der unternehmende Statthalter Gaius Suetonius Paullinus versuchte einige Jahre spaeter (61), den Hauptsitz des Widerstandes, die Insel Mona, in roemische Gewalt zu bringen, und trotz der wuetenden Gegenwehr, welche ihn hier empfing und in der die Priester und die Weiber vorangingen, fielen die heiligen Baeume, unter denen mancher roemische Gefangene geblutet hatte, unter den Aexten der Legionaere. Aber aus der Besetzung dieses letzten Asyls der keltischen Priesterschaft entwickelte sich eine gefaehrliche Krise in dem unterworfenen Gebiete selbst, und die Eroberung Monas zu vollenden, war dem Statthalter nicht beschieden.


^9 Tac. ann. 12, 31: (P. Ostorius) cuncta castris ad . . . ntonam (ueberliefert ist castris antonam) et Sabrinam fluvios cohibere parat. So ist hier herzustellen, nur dass der sonst nicht ueberlieferte Name des Flusses Tern nicht ergaenzt werden kann. Die einzigen in England gefundenen Inschriften von Soldaten der 14. Legion, die unter Nero England verliess, sind in Wroxeter, dem sogenannten "englischen Pompeii" zum Vorschein gekommen. Da dort sich auch die Grabschrift eines Soldaten der 20. gefunden hat, war das von Tacitus bezeichnete Lager vielleicht anfaenglich beiden Legionen gemeinsam und ist die 20. erst spaeter nach Deva gekommen. Dass das Lager bei Isca gleich nach der Invasion angelegt ward, geht aus Tac. ann. 12, 32 u. 38 hervor.


Auch in Britannien hatte die Fremdherrschaft die Probe der nationalen Insurrektion zu bestehen. Was Mithradates in Kleinasien, Vercingetorix bei den Kelten des Kontinents, Civilis bei den unterworfenen Germanen unternahmen, das versuchte bei den Inselkelten eine Frau, die Gattin eines jener von Rom bestaetigten Vasallenfuersten, die Koenigin der Icener, Boudicca. Ihr verstorbener Gatte hatte, um seiner Frau und seiner Toechter Zukunft zu sichern, seine Herrschaft dem Kaiser Nero vermacht, sein Vermoegen zwischen ihm und den Seinigen geteilt. Der Kaiser nahm die Erbschaft an, aber was ihm nicht zufallen sollte, dazu; die fuerstlichen Vettern wurden in Ketten gelegt, die Witwe geschlagen, die Toechter in schaendlicherer Weise misshandelt. Dazu kam andere Unbill des spaeteren Neronischen Regiments. Die in Camalodunum angesiedelten Veteranen jagten die frueheren Besitzer von Haus und Hof, wie es ihnen beliebte, ohne dass die Behoerden dagegen einschritten. Die vom Kaiser Claudius verliehenen Geschenke wurden als widerrufliche Gaben eingezogen. Roemische Minister, die zugleich Geldgeschaefte machten, trieben auf diesem Wege die britannischen Gemeinden eine nach der anderen zum Bankrott. Der Moment war guenstig. Der mehr tapfere als vorsichtige Statthalter Paullinus befand sich, wie gesagt wurde, mit dem Kern der roemischen Armee auf der entlegenen Insel Mona, und dieser Angriff auf den heiligsten Sitz der nationalen Religion erbitterte ebenso die Gemueter, wie er dem Aufstande den Weg ebnete. Der alte gewaltige Keltenglaube, der den Roemern so viel zu schaffen gemacht, loderte noch einmal, zum letzten Mal, in maechtiger Flamme empor. Die geschwaechten und weitgetrennten Legionslager im Westen und im Norden gewaehrten dem ganzen Suedosten der Insel mit seinen aufbluehenden roemischen Staedten keinen Schutz. Vor allem die Hauptstadt Camalodunum war voellig wehrlos, eine Besatzung nicht vorhanden, die Mauern nicht vollendet, wohl aber der Tempel ihres kaiserlichen Stifters, des neuen Gottes Claudius. Der Westen der Insel, wahrscheinlich niedergehalten durch die dort stehenden Legionen, scheint sich bei der Schilderhebung nicht beteiligt zu haben und ebensowenig der nicht botmaessige Norden; aber, wie das bei keltischen Aufstaenden oefter vorgekommen ist, es erhob sich im Jahre 61 auf die vereinbarte Losung das ganze uebrige unterworfene Gebiet auf einen Schlag gegen die Fremden, voran die aus ihrer Hauptstadt vertriebenen Trinovanten. Der zweite Befehlshaber, der zur Zeit den Statthalter vertrat, der Prokurator Decianus Catus, hatte im letzten Augenblick, was er von Soldaten hatte, dieser zum Schutz gesandt: es waren 200 Mann. Sie wehrten sich mit den Veteranen und den sonstigen waffenfaehigen Roemern zwei Tage im Tempel; dann wurden sie ueberwaeltigt und was in der Stadt roemisch war, umgebracht bis auf den letzten. Das gleiche Schicksal erfuhr das Hauptemporium des roemischen Handels, Londinium, und eine dritte aufbluehende roemische Stadt, Verulamium (St. Albans, nordwestlich von London), nicht minder die auf der Insel zerstreuten Auslaender - es war eine nationale Vesper, gleich jener Mithradatischen und die Zahl der Opfer - angeblich 70000 - nicht geringer. Der Prokurator gab die Sache Roms verloren und fluechtete nach dem Kontinent. Auch die roemische Armee ward in die Katastrophe verwickelt. Eine Anzahl zerstreuter Detachements und Besatzungen erlag den Angriffen der Insurgenten. Quintus Petillius Cerialis, der im Lager von Lindum den Befehl fuehrte, marschierte auf Camalodunum mit der neunten Legion; zur Rettung kam er zu spaet und verlor, von ungeheurer Uebermacht angegriffen, in der Feldschlacht sein gesamtes Fussvolk; das Lager erstuermten die Briganten. Es fehlte nicht viel, dass den obersten Feldherrn das gleiche Schicksal erreichte. Eilig zurueckkehrend von der Insel Mona, rief er die bei Isca stehende zweite Legion heran; aber sie gehorchte dem Befehle nicht und mit nur etwa 10000 Mann musste Paullinus den ungleichen Kampf gegen das zahllose und siegreiche Insurgentenheer aufnehmen. Wenn je der Soldat die Fehler der Fuehrung gutgemacht hat, so war es an dem Tage, wo dieser kleine Haufen, hauptsaechlich die seitdem gefeierte vierzehnte Legion, wohl zu seiner eigenen Ueberraschung den vollen Sieg erfocht und die roemische Herrschaft in Britannien abermals festigte; viel fehlte nicht, dass Paullinus Name neben dem des Varus genannt worden waere. Aber der Erfolg entscheidet, und hier blieb er den Roemern ^10. Der schuldige Kommandant der ausgebliebenen Legion kam dem Kriegsgericht zuvor und stuerzte sich in sein Schwert. Die Koenigin Boudicca trank den Giftbecher. Der uebrigens tapfere Feldherr wurde zwar nicht in Untersuchung gezogen, wie anfangs die Absicht der Regierung zu sein schien, aber bald unter einem schicklichen Vorwand abgerufen.


^10 Eine schlechtere Relation als die des Tacitus ueber diesen Krieg (14, 31-39) ist selbst bei diesem unmilitaerischsten aller Schriftsteller kaum aufzufinden. Wo die Truppen standen und wo die Schlachten geliefert wurden, hoeren wir nicht dafuer aber von Zeichen und Wundern genug und leere Worte nur zu viel. Die wichtigen Tatsachen, die im Leben des Agricola (31) erwaehnt werden, fehlen im Hauptbericht insonderheit die Erstuermung des Lagers. Dass Paullinus, von Mona kommend, nicht bedacht ist, die Roemer im Suedosten zu retten, sondern seine Truppen Zu vereinigen, begreift sich, aber nicht, warum er, wenn er Londinium aufopfern wollte, deswegen dahin marschiert. Ist er wirklich dorthin gekommen, so kann er nur mit einer persoenlichen Bedeckung, ohne das Korps, das er auf Mona bei sich gehabt, dort erschienen sein; was freilich auch keinen Sinn hat. Das Gros der roemischen Truppen, sowohl der von Mona zurueckgefuehrten wie der sonst noch vorhandenen, kann nach Rufreibung der 9. Legion nur auf der Linie Deva - Viroconium - Isca gestanden haben; Paullinus schlug die Schlacht mit den beiden in den beiden ersten dieser Lager stehenden Legionen der 14. und der (unvollstaendigen) 20. Dass Paullinus schlug, weil er schlagen masste, sagt Dio (62, 1-12), und wenngleich dessen Erzaehlung sonst auch nicht gebraucht werden kann, um die des Tacitus zu bessern, so scheint dies durch die Sachlage selbst gefordert.


Die Unterwerfung der westlichen Teile der Insel wurde von Paullinus Nachfolgern nicht sogleich fortgesetzt. Erst der tuechtige Feldherr Sextus Iulius Frontinus unter Vespasian zwang die Siluren zur Anerkennung der roemischen Herrschaft; sein Nachfolger Gnaeus Iulius Agricola fuehrte nach harten Kaempfen mit den Ordovikern das aus, was Paullinus nicht erreicht hatte, und besetzte im Jahre 78 die Insel Mona. Nachher ist von aktivem Widerstand in diesen Gegenden nicht die Rede; das Lager von Viroconium konnte, wahrscheinlich um diese Zeit, aufgehoben, die dadurch frei gewordene Legion im noerdlichen Britannien verwendet werden. Aber die anderen beiden Legionslager von Isca und von Deva sind noch bis in die diocletianische Zeit an Ort und Stelle geblieben und erst in dem spaeteren Besatzungsstand verschwunden. Wenn dabei auch politische Ruecksichten mitgewirkt haben moegen, so ist doch der Widerstand des Westens wahrscheinlich, vielleicht gestuetzt auf Verbindungen mit Ivernia, auch spaeter noch fortgefuehrt worden. Dafuer spricht ferner das voellige Fehlen roemischer Spuren in dem inneren Wales und das daselbst bis auf den heutigen Tag sich behauptende keltische Volkstum. Im Norden bildete den Mittelpunkt der roemischen Stellung, oestlich von Viroconium das Lager der neunten spanischen Legion in Lindum (Lincoln). Zunaechst mit diesem beruehrte sich in Nordengland das maechtigste Fuerstentum der Insel, das der Briganten (Yorkshire); es hatte sich nicht eigentlich unterworfen, aber die Koenigin Cartimandus suchte doch mit den Eroberern Frieden zu halten und erwies sich ihnen gefuegig. Die Partei der Roemerfeinde hatte hier im Jahre 50 loszuschlagen versucht, aber der Versuch war rasch unterdrueckt worden. Caratacus, im Westen geschlagen, hatte gehofft, seinen Widerstand im Norden fortfuehren zu koennen, aber die Koenigin lieferte ihn, wie schon gesagt ward, den Roemern aus. Diese inneren Zwistigkeiten und haeuslichen Haendel muessen dann in dem Aufstand gegen Paullinus, bei dem wir die Briganten in einer fuehrenden Stellung fanden und der eben die Legion des Nordens mit seiner ganzen Schwere traf, mit im Spiel gewesen sein. Indes war die roemische Partei der Briganten einflussreich genug, um nach Niederwerfung des Aufstandes die Wiederherstellung des Regiments der Cartimandus zu erlangen. Aber einige Jahre nachher bewirkte die Patriotenpartei daselbst, getragen durch die Losung des Abfalles von Rom, welche waehrend des Buergerkrieges nach Neros Katastrophe den ganzen Westen erfuellte, eine neue Schilderhebung der Briganten gegen die Fremdherrschaft, an deren Spitze Cartimandus' frueherer, von ihr beseitigter und beleidigter Gemahl, der kriegserfahrene Venutius stand; erst nach laengeren Kaempfen bezwang Petillius Cerialis das maechtige Volk, derselbe, der unter Paullinus nicht gluecklich gegen eben diese Briten gefochten hatte, jetzt einer der namhaftesten Feldherren Vespasians und der erste von ihm ernannte Statthalter der Insel. Der allmaehlich nachlassende Widerstand des Westens machte es moeglich, die eine der drei bisher dort stationierten Legionen mit der in Lindum stehenden zu vereinigen und das Lager selbst von Lindum nach dem Hauptort der Briganten, Eburacum (York), vorzuschieben. Indes so lange der Westen ernstliche Gegenwehr leistete, geschah im Norden nichts weiter fuer die Ausdehnung der roemischen Grenze; am Kaledonischen Walde, sagt ein Schriftsteller vespasianischer Zeit stocken seit dreissig Jahren die roemischen Waffen. Erst Agricola griff, nachdem er im Westen fertig war, die Unterwerfung auch des Nordens energisch an. Er schuf vor allem sich eine Flotte, ohne welche die Verpflegung der Truppen in diesen, wenige Hilfsmittel darbietenden Gebirgen unmoeglich gewesen sein wuerde. Gestuetzt auf diese gelangte er unter Titus (80) bis an die Tava-Bucht (Firth of Tay) in die Gegend von Perth und Dundee und wandte die drei folgenden Feldzuege daran, die weiten Landstriche zwischen dieser Bucht und der bisherigen roemischen Grenze an beiden Meeren genau zu erkunden, den oertlichen Widerstand ueberall zu brechen und an den geeigneten Stellen Verschanzungen anzulegen, wobei namentlich die natuerliche Verteidigungslinie, welche durch die beiden tief einschneidenden Buchten Clota (Firth of Clyde) bei Glasgow und Bodotria (Firth of Forth) bei Edinburgh gebildet wird, zum Rueckhalt ausersehen ward. Dieser Vorstoss rief das gesamte Hochland unter die Waffen; aber die gewaltige Schlacht, welche die vereinigten kaledonischen Staemme den Legionen zwischen den beiden Buchten Forth und Tay an den Graupischen Bergen lieferten, endigte mit dem Siege Agricolas. Nach seiner Ansicht musste die Unterwerfung der Insel, einmal begonnen, auch vollendet, ja auch auf Ivernia ausgedehnt werden; und es liess sich dafuer mit Ruecksicht auf das roemische Britannien geltend machen, was mit Ruecksicht auf Gallien die Besetzung der Insel herbeigefuehrt hatte; hinzu kam, dass bei energischer Durchfuehrung der Besetzung des gesamten Inselkomplexes der Aufwand an Menschen und Geld fuer die Zukunft wahrscheinlich sich verringert haben wuerde. Die roemische Regierung folgte diesen Ratschlaegen nicht. Wieweit bei der Rueckberufung des siegreichen Feldherrn im Jahre 85, der uebrigens laenger, als sonst der Fall zu sein pflegte, im Amte geblieben war, persoenliche und gehaessige Motive mitgewirkt haben, muss dahingestellt bleiben; das Zusammentreffen der letzten Siege des Generals in Schottland und der ersten Niederlagen des Kaisers im Donauland war allerdings in hohem Grade peinlich. Aber fuer das Einstellen der Operationen in Britannien ^11 und fuer die, wie es scheint, damals erfolgte Abberufung einer der vier Legionen, mit denen Agricola seine Feldzuege ausgefuehrt hatte, nach Pannonien, gibt die damalige militaerische Lage des Staats, die Ausdehnung der roemischen Herrschaft auf dem rechten Rheinufer in Obergermanien und der Ausbruch der gefaehrlichen Kriege in Pannonien, eine voellig hinreichende Erklaerung. Das freilich ist damit nicht erklaert, warum hiermit dem Vordringen gegen Norden ueberhaupt ein Ziel gesetzt und Nordschottland sowohl wie Irland sich selber ueberlassen wurden. Dass seitdem die Regierung, nicht wegen Zufaelligkeiten der augenblicklichen Lage, sondern ein fuer allemal von der Vorschiebung der Reichsgrenze absah und daran bei allem Wechsel der Persoenlichkeiten festhielt, lehrt die gesamte spaetere Geschichte der Insel und lehren insbesondere die gleich zu erwaehnenden muehsamen und kostspieligen Wallbauten. Ob sie im rechten Interesse des Staates auf die Vollendung der Eroberung verzichtet hat, ist eine andere Frage. Dass die Reichsfinanzen bei dieser Erweiterung der Grenzen nur einbuessen wuerden, wurde auch jetzt ebenso geltend gemacht ^12, wie frueher gegen die Besetzung der Insel selbst, konnte aber freilich nicht entscheiden. Militaerisch durchfuehrbar war die Besetzung so, wie Agricola sie gedacht hatte, ohne Zweifel ohne wesentliche Schwierigkeit. Aber ins Gewicht mochte die Erwaegung fallen, dass die Romanisierung der noch freien Gebiete grosse Schwierigkeit bereitet haben wuerde wegen der Stammesverschiedenheit. Die Kelten im eigentlichen England gehoerten durchaus zu denen des Festlands; Volksname, Glaube, Sprache waren beiden gemeinsam. Wenn die keltische Nationalitaet des Kontinents einen Rueckhalt an der Insel gefunden hatte, so griff umgekehrt die Romanisierung Galliens notwendig auch nach England hinueber, und diesem vornehmlich verdankte es Rom, dass in so ueberraschender Schnelligkeit Britannien sich gleichfalls romanisierte. Aber die Bewohner Irlands und Schottlands gehoerten einem anderen Stamme an und redeten eine andere Sprache; ihr Gadhelisch verstand der Brite wahrscheinlich so wenig wie der Germane die Sprache der Skandinaven. Als Barbaren wildester Art werden die Kaledonier - mit den Ivernern haben die Roemer sich kaum beruehrt - durchaus geschildert. Andererseits waltete der Eichenpriester (Derwydd, Druida) seines Amtes an der Rhone wie in Anglesey, aber nicht auf der Insel des Westens noch in den Bergen des Nordens. Wenn die Roemer den Krieg hauptsaechlich gefuehrt hatten, um das Druidengebiet ganz in ihre Gewalt zu bringen, so war dieses Ziel einigermassen erreicht. Ohne Frage haetten in anderer Zeit alle diese Erwaegungen die Roemer nicht vermocht, auf die so nahe gerueckte Seegrenze im Norden zu verzichten und wenigstens Kaledonien waere besetzt worden. Aber weitere Landschaften mit roemischem Wesen zu durchdringen, vermochte das damalige Rom nicht mehr; die zeugende Kraft und der vorschreitende Volksgeist waren aus ihm entwichen. Wenigstens diejenige Eroberung, die nicht durch Verordnungen und Maersche erzwungen werden kann, waere, wenn man sie versucht haette, schwerlich gelungen.


^11 Tac. hist. I, 2 fasst das Resultat zusammen in die Worte perdomita Britannia et statim missa. ^12 Der kaiserliche Finanzbeamte unter Pius, Appian (prooem. 5), bemerkt, dass die Roemer den besten Teil (to kratiston) der britischen Insel besetzt haetten oiden t/e/s all/e/s deomenoi. oy' gar e?phoros aytois estin oyd' /e/n echoysin. Das ist die Antwort der Gouvernementalen an Agricola und seine Meinungsgenossen.


Es kam also darauf an, die Nordgrenze fuer die Verteidigung in geeigneter Weise einzurichten; und darum dreht sich fortan hier die militaerische Arbeit. Der militaerische Mittelpunkt blieb Eburacum. Das weite, von Agricola besetzte Gebiet wurde festgehalten und mit Kastellen belegt, die als vorgeschobene Posten fuer das zurueckliegende Hauptquartier dienten; wahrscheinlich ist der groesste Teil der nicht legionaeren Truppen zu diesem Zweck verwendet worden. Spaeter folgte die Anlage zusammenhaengender Befestigungslinien. Die erste der Art ruehrt von Hadrian her und ist auch insofern merkwuerdig, als sie in gewissem Sinn bis auf den heutigen Tag noch besteht und vollstaendiger bekannt ist als irgendeine andere der grossen militaerischen Bauten der Roemer. Es ist genau genommen eine von Meer zu Meer in der Laenge von etwa 16 deutschen Meilen westlich an den Solway Firth, oestlich an die Muendung der Tyne fuehrende, nach beiden Seiten hin festungsmaessig geschuetzte Heerstrasse. Die Verteidigung bildet noerdlich eine gewaltige urspruenglich mindestens 16 Fuss hohe und 8 Fuss dicke, an beiden Aussenseiten aus Quadersteinen erbaute, dazwischen mit Bruchsteinen und Moertel ausgefuellte Mauer, vor welcher ein nicht minder imponierender, 9 Fuss tiefer, oben bis 34 Fuss und mehr breiter Graben sich hinzieht. Gegen Sueden ist die Strasse geschuetzt durch zwei parallele, noch jetzt 6 bis 7 Fuss hohe Erddaemme, zwischen denen ein 7 Fuss tiefer Graben mit einem nach Sueden aufgehoehten Rande sich hinzieht, so dass die Anlage von Damm zu Damm eine Gesamtbreite von 24 Fuss hat. Zwischen der Steinmauer und den Erddaemmen, auf der Strasse selbst, liegen die Lagerplaetze und Wachthaeuser, naemlich in der Entfernung einer kleinen Meile voneinander die Kohortenlager, angelegt als selbstaendig wehrfaehige Kastelle mit Toroeffnungen nach allen vier Seiten; zwischen je zweien derselben eine kleinere Anlage aehnlicher Art mit Ausfallstoren nach Norden und Sueden; zwischen je zweien von diesen vier kleinere Wachthaeuser in Rufweite voneinander. Diese Anlage von grossartiger Soliditaet, welche als Besatzung 10000 bis 12000 Mann erfordert haben muss, bildete seitdem das Fundament der militaerischen Operationen im noerdlichen England. Eigentlicher Grenzwall war sie nicht; vielmehr haben nicht bloss die schon seit Agricolas Zeit weit darueber hinaus vorgeschobenen Posten daneben fortbestanden, sondern es ist spaeterhin, zuerst unter Pius, dann in umfassenderer Weise unter Severus gleichsam als Vorposten fuer den Hadrianswall ^13 die schon von Agricola mit einer Postenreihe besetzte, um die Haelfte kuerzere Linie vom Firth of Clyde zum Firth of Forth in aehnlicher, aber schwaecherer Weise befestigt worden. Der Anlage nach war diese Linie von der Hadrianischen nur insofern verschieden, als sie sich auf einen ansehnlichen Erdwall, mit Graben davor und Strasse dahinter, beschraenkte, nach Sueden also nicht zur Verteidigung eingerichtet war; im uebrigen schloss auch sie eine Anzahl kleinerer Lager in sich. An dieser Linie endigten die roemischen Reichsstrassen ^14, und obwohl auch jenseits dieser noch roemische Posten standen - der noerdlichste Punkt, auf dem der Grabstein eines roemischen Soldaten sich gefunden hat, ist Ardoch zwischen Stirling und Perth -, kann die Grenze der Zuege Agricolas, der Firth of Tay, auch spaeter noch als die Grenze des Roemischen Reiches angesehen werden.


^13 Die Meinung, dass der noerdliche Wall an die Stelle des suedlichen getreten sei, ist ebenso verbreitet wie unhaltbar; die Kohortenlager am Hadrianswall, wie sie uns die Inschriften des 2. Jahrhunderts zeigen, bestanden im wesentlichen unveraendert noch am Ende des 3. (denn dieser Epoche gehoert der betreffende Abschnitt der Notitia an). Beide Anlagen haben nebeneinander bestanden, seit die juengere hinzugetreten war; auch zeigt die Masse der Denkmaeler am Severuswall mit Evidenz, dass er bis zum Ende der roemischen Herrschaft in Britannien besetzt geblieben ist. Der Bau des Severus kann nur auf die noerdliche Anlage bezogen werden. Einmal war die Anlage des Hadrian von der Art, dass eine etwaige Wiederherstellung unmoeglich, wie dies von der Severischen gesagt wird, als Neubau aufgefasst werden konnte; aber die Anlage des Pius war ein blosser Erddamm (murus cespiticius, vita c. 5) und unterliegt hier die gleiche Annahme minderem Bedenken. Zweitens passt die Laenge des Severuswalles von 32 Milien (Aur. Vict. epit. 20; die unmoegliche Zahl 132 ist ein Schreibfehler unserer Handschriften des Eutropius 8, 19 - wo Paulus das Richtige bewahrt hat -, der dann von Hier. chron. a. Abr. 2221, Oros. hist. 7, 17, 7 und Cassiod. chron. zum Jahre 207 uebernommen worden ist) nicht auf den Hadrianswall von 80 Milien; aber die Anlage des Pius, die nach den inschriftlichen Erhebungen etwa 40 Milien lang war, kann wohl gemeint sein, da die Endpunkte der Severischen Anlage an den beiden Meeren recht wohl andere und naeher gelegene gewesen sein koennen. Wenn endlich nach Dio 76,12 von der Mauer, welche die Insel in zwei Teile teilt, noerdlich die Kaledonien suedlich die Maeaten wohnen, so sind zwar die Wohnsitze der letzteren sonst nicht bekannt (vgl. Dio 75, 5), koennen aber unmoeglich auch nach der Schilderung, die Dio von ihrer Gegend macht, suedlich vom Hadrianswall angesetzt und die der Kaledonier bis an diesen erstreckt werden. Also ist hier die Linie Glasgow-Edinburgh gemeint. ^14 A limite id est a vallo heisst es im Itinerarium, p. 464.


Weniger als von diesen imponierenden Verteidigungsanlagen wissen wir von der Anwendung, die sie gefunden haben und ueberhaupt den spaeteren Ereignissen auf diesem fernen Kriegsschauplatz. Unter Hadrian ist eine schwere Katastrophe hier eingetreten, allem Anschein nach ein Ueberfall des Lagers von Eburacum und die Vernichtung der dort stehenden Legion ^15, derselben neunten, die im Boudiccakrieg so ungluecklich gefochten hatte. Wahrscheinlich ist diese nicht durch feindlichen Einfall herbeigefuehrt, sondern durch den Abfall der noerdlichen als reichsuntertaenig geltenden Voelkerschaften, insbesondere der Briganten. Damit wird in Verbindung zu bringen sein, dass der Hadrianswall ebenso gegen Sueden wie gegen Norden Front macht; offenbar war er auch dazu bestimmt, das nur oberflaechlich unterworfene Nordengland niederzuhalten. Auch unter Hadrians Nachfolger Pius haben hier Kaempfe stattgefunden, an denen die Briganten wieder beteiligt waren; doch laesst sich Genaueres nicht erkennen ^16. Der erste ernstliche Angriff auf diese Reichsgrenze und die erste nachweisliche Ueberschreitung der Mauer - ohne Zweifel derjenigen des Pius - erfolgte unter Marcus und weiter unter Commodus; wie denn auch Commodus der erste Kaiser ist, der den Siegesbeinamen des Britannikers angenommen hat, nachdem der tuechtige General Ulpius Marcellus die Barbaren zu Paaren getrieben hatte. Aber das Sinken der roemischen Macht tritt seitdem hier ebenso hervor wie an der Donau und am Euphrat. In den unruhigen Anfangsjahren des Severus hatten die Kaledonier ihre Zusage, sich nicht mit den roemischen Untertanen einzulassen, gebrochen, und, auf sie gestuetzt, ihre suedlichen Nachbarn, die Maeaten, den roemischen Statthalter Lupus genoetigt, gefangene Roemer mit grossen Summen zu loesen. Dafuer traf sie Severus' schwerer Arm nicht lange vor seinem Tode; er drang in ihr eigenes Gebiet ein und zwang sie zur Abtretung betraechtlicher Strecken ^17, aus welchen freilich, nachdem der alte Kaiser im Jahre 211 im Lager von Eburacum gestorben war, seine Soehne die Besatzungen sofort freiwillig zurueckzogen, um der laestigen Verteidigung ueberhoben zu sein.


^15 Der Hauptbeweis dafuer liegt in dem unzweifelhaft bald nach dem Jahre 108 (CIL VII, 241) eintretenden Verschwinden dieser Legion und ihrer Ersetzung durch die 6. victrix. Die beiden Notizen, welche auf dies Ereignis hindeuten (Fronto p. 217 Naher: Hadriano imperium obtinente quantum militum a Britannis caesum? Vita 5: Britanni teneri sub Romana dicione non poterant) sowie die Anspielung bei Iuvenal (14, 196: castella Brigantum) fuehren auf einen Aufstand, nicht auf einen Einfall. ^16 Wenn Pius nach Pausanias (8, 43, 4) apetemeto t/o/n en Britannia Brigant/o/n t/e/n poll/e/n oti epesbainein kai o?toi s?n oplois /e/rxan eis t/e/n Genoynian moiran (unbekannt, vielleicht, wie O. Hirschfeld vorschlaegt, die Brigantenstadt Vinovia) ypkooys R/o/mai/o/n, so folgt daraus nicht, dass es auch Briganten in Kaledonien gab, sondern dass die Briganten in Nordengland damals das befriedete Brittenland heimsuchten und darum ein Teil ihres Gebiets konfisziert ward. ^17 Dass er die Absicht gehabt hat, den ganzen Norden in roemische Gewalt zu bringen (Dio 76, 13), vertraegt sich weder recht mit der Abtretung (a. a. O.) noch mit dem Mauerbau und ist wohl ebenso fabelhaft wie der roemische Verlust von 50000 Mann, ohne dass es auch nur zum Kampfe kam.


Aus dem dritten Jahrhundert wird von den Schicksalen der Insel kaum etwas gemeldet. Da keiner der Kaiser, bis auf Diocletian und seine Kollegen, den Siegernamen von der Insel gefuehrt hat, moegen ernstere Kaempfe hier nicht stattgefunden haben, und wenn auch in dem Landstrich zwischen den Waellen des Pius und des Hadrianus das roemische Wesen wohl nie festen Fuss gefasst hat, scheint doch wenigstens der Hadrianswall was er sollte, auch damals geleistet und hinter ihm die fremdlaendische Zivilisation gesichert sich entwickelt zu haben. In der Zeit Diocletians finden wir den Bezirk zwischen beiden Waellen geraeumt, aber den Hadrianswall nach wie vor besetzt und das uebrige roemische Heer zwischen ihm und dem Hauptquartier Eburacum kantonierend zur Abwehr der seitdem oft erwaehnten Raubzuege der Kaledonier, oder wie sie jetzt gewoehnlich heissen, der Taetowierten (picti) und der von Ivernia her einstroemenden Skoten. Eine staendige Flotte haben die Roemer in Britannien gehabt; aber wie das Seewesen immer die schwache Seite der roemischen Wehrordnung geblieben ist, war auch die britische Flotte nur unter Agricola voruebergehend von Bedeutung. Wenn, wie dies wahrscheinlich ist, die Regierung darauf gerechnet hatte, nach erfolgter Besetzung der Insel den groessten Teil der dorthin gesandten Truppen zuruecknehmen zu koennen, so erfuellte diese Hoffnung sich nicht: nur eine der entsendeten vier Legionen ist, wie wir sahen, unter Domitian abberufen worden; die drei anderen muessen unentbehrlich gewesen sein, denn es ist nie der Versuch gemacht worden, sie zu verlegen. Dazu kamen die Auxilien, die zu dem wenig einladenden Dienst auf der abgelegenen Nordseeinsel dem Anschein nach im Verhaeltnis staerker als die Buergertruppen herangezogen wurden. In der Schlacht am Graupischen Berge im Jahre 84 fochten ausser den vier Legionen 8000 zu Fuss und 3000 zu Pferde von den Hilfssoldaten. Fuer die Zeit von Traian und Hadrian, wo von diesen in Britannien sechs Alen und 21 Kohorten, zusammen etwa 15000 Mann standen, wird man das gesamte britannische Heer auf etwa 30000 Mann anzuschlagen haben. Britannien war von Haus aus ein Kommandobezirk ersten Ranges, den beiden rheinischen und dem syrischen vielleicht im Rang, aber nicht an Bedeutung nachstehend, gegen das Ende des zweiten Jahrhunderts wahrscheinlich die angesehenste aller Statthalterschaften. Es lag nur an der weiten Entfernung, dass die britannischen Legionen in der Korpsparteiung der frueheren Kaiserzeit in zweiter Reihe erscheinen; bei dem Korpskrieg nach dem Erloeschen des Antoninischen Hauses fochten sie in der ersten. Darum aber war es auch eine der Konsequenzen des Sieges des Severus, dass die Statthalterschaft geteilt ward. Seitdem standen die beiden Legionen von Isca und Deva unter dem Legaten der oberen, die eine von Eburacum und die Truppen an den Waellen, also die Hauptmasse der Auxilien, unter dem der unteren Provinz ^18. Wahrscheinlich ist die Verlegung der ganzen Besatzung nach dem Norden, die, wie oben bemerkt ward, nach bloss militaerischen Ruecksichten wohl zweckmaessig gewesen sein wuerde, mit deswegen unterblieben, weil sie einem Statthalter drei Legionen in die Hand gegeben haette.


^18 Die Teilung ergibt sich aus Dio 55, 23.


Dass finanziell die Provinz mehr kostete, als sie eintrug, kann hiernach nicht verwundern. Fuer die Wehrkraft des Reiches dagegen kam Britannien erheblich in Betracht; das Kompensationsverhaeltnis von Besteuerung und Aushebung wird auch fuer die Insel in Anwendung gekommen sein und die britischen Truppen galten neben den illyrischen fuer die besten der Armee. Gleich anfaenglich sind dort sieben Kohorten aus den Eingeborenen aufgestellt und diese weiter bis auf Hadrian stetig vermehrt worden; nachdem dieser das System aufgebracht hatte, die Truppen moeglichst aus ihren Garnisonsbezirken zu rekrutieren, scheint Britannien dies fuer seine starke Besatzung wenigstens zum grossen Teil geleistet zu haben. Es war ein ernster und tapferer Sinn in den Leuten; sie trugen die Steuern und die Aushebung willig, nicht aber Hoffart und Brutalitaet der Beamten. Fuer die innere Ordnung Britanniens bot als Grundlage sich die dort zur Zeit der Eroberung bestehende Gauverfassung, welche, wie schon bemerkt ward, von derjenigen der Kelten des Kontinents sich nur darin wesentlich entfernte, dass die einzelnen Voelkerschaften der Insel, es scheint saemtlich, unter Fuersten standen. Aber diese Ordnung scheint nicht beibehalten und der Gau (civitas) in Britannien, wie in Spanien, ein geographischer Begriff geworden zu sein; wenigstens ist es kaum anders zu erklaeren, dass die britannischen Voelkerschaften genau genommen verschwinden, sowie sie unter roemische Herrschaft geraten, und von den einzelnen Gauen nach ihrer Unterwerfung so gut wie gar nicht die Rede ist. Wahrscheinlich sind die einzelnen Fuerstentuemer, wie sie unterworfen und eingezogen wurden, in kleinere Gemeinden zerschlagen worden; es ward dies dadurch erleichtert, dass auf der Insel sich nicht, wie auf dem Kontinent, eine ohne monarchische Spitze geordnete Gauverfassung vorfand. Damit haengt auch wohl zusammen, dass, waehrend die gallischen Gaue eine gemeinsame Hauptstadt und in dieser eine politische und religioese Gesamtvertretung besessen haben, von Britannien nichts aehnliches gemeldet wird. Gefehlt hat der Provinz ein Concilium und ein gemeinsamer Kaiserkultus nicht; aber waere der Altar des Claudius in Camalodunum ^19 auch nur annaehernd gewesen, was der des Augustus in Lugudunum, so wuerde davon wohl etwas verlauten. Die freie und grosse politische Gestaltung, welche dem gallischen Lande von Caesar gewaehrt und von seinem Sohne bestaetigt worden war, passt in den Rahmen der spaeteren Kaiserpolitik nicht mehr.


^19 Auf ihn geht wohl das Epigramm des Seneca (vol. 4, p. 69 Baehrens): oceanus que tuas ultra se respicit aras. Auch der Tempel, der nach der Spottschrift desselben Seneca (8, 3) dem Claudius bei Lebzeiten in Britannien errichtet ward, und der damit sicher identische Tempel des Gottes Claudius in Camalodunum (Tac. ann. 14, 31) ist wohl nicht als staedtisches Heiligtum zu fassen, sondern nach Analogie der Augustusheiligtuemer von Lugudunum und Tarraco. Die delecti sacerdotes, welche specie religionis omnes fortunas effundebant, sind die bekannten Provinzialpriester und Spielgeber.


Von der mit der Invasion ziemlich gleichzeitigen Gruendung der Kolonie Camalodunum war schon die Rede, wie es auch bereits hervorgehoben wurde, dass die italische Stadtverfassung frueh in einer Reihe britannischer Ortschaften eingefuehrt worden ist. Auch hierin ist Britannien mehr nach dem Muster Spaniens als nach dem des keltischen Kontinents behandelt worden. Die inneren Zustaende Britanniens muessen, trotz der allgemeinen Gebrechen des Reichsregiments, wenigstens im Vergleich mit anderen Gebieten, nicht unguenstige gewesen sein. Kannte man im Norden nur Jagd und Weide und waren hier die Einwohner wie die Anwohner zu Fehde und Raub jederzeit bei der Hand, so entwickelte sich der Sueden in dem ungestoerten Friedensstand vor allem durch Ackerbau, daneben durch Viehzucht und Bergwerksbetrieb zu maessiger Wohlfahrt: die gallischen Redner der diocletianischen Zeit preisen den Reichtum der fruchtbaren Insel, und oft genug haben die Rheinlegionen ihr Getreide aus Britannien empfangen. Das Strassennetz der Insel, das ungemein entwickelt ist und fuer das namentlich Hadrian in Verbindung mit seinem Wallbau viel getan hat, hat natuerlich zunaechst militaerischen Zwecken gedient; aber neben, ja vor den Legionslagern nimmt Londinium darin einen Platz ein, welcher seine leitende Stellung im Verkehr deutlich vor Augen bringt. Nur in Wales gab es Reichsstrassen allein in der naechsten Naehe der roemischen Lager, von Isca nach Nidum (Neath) und von Deva zur Ueberfahrt nach Mona. Zu der Romanisierung verhielt sich das roemische Britannien aehnlich wie das noerdliche und mittlere Gallien. Die nationalen Gottheiten, der Mars Belatucadrus oder Cocidius, die der Minerva gleichgesetzte Goettin Sulis, nach welcher die heutige Stadt Bath hiess, sind auch in lateinischer Sprache noch vielfach auf der Insel verehrt worden. Ein exotisches Gewaechs ist die aus Italien eindringende Sprache und Sitte auf der Insel noch mehr gewesen als auf dem Kontinent; noch gegen das Ende des ersten Jahrhunderts lehnten die angesehenen Familien dort sowohl die lateinische Sprache ab wie die roemische Tracht. Die grossen staedtischen Zentren, die eigentlichen Herde der neuen Kultur, sind in Britannien schwaecher entwickelt; wir wissen nicht bestimmt, welche englische Stadt fuer das Concilium der Provinz und die gemeinschaftliche Kaiserverehrung als Sitz gedient und in welchem der drei Legionslager der Statthalter der Provinz residiert hat; wenn, wie es scheint, die Zivilhauptstadt Britanniens Camalodunum gewesen ist, die Militaerhauptstadt Eburacum ^20, so kann dieses sich so wenig mit Mainz messen wie jenes mit Lyon. Die Truemmerstaetten auch der namhaften Ortschaften, der Claudischen Veteranenstadt Camalodunum und der volkreichen Kaufstadt Londinium, nicht minder die vielhundertjaehrigen Legionslager von Deva, Isca, Eburacum haben Inschriftsteine nur in geringfuegiger Zahl, namhafte Staedte roemischen Rechts wie die Kolonie Glevum (Gloucester), das Municipium Verulamium bis jetzt nicht einen einzigen ergeben; die Sitte des Denksteinsetzens, auf deren Ergebnisse wir fuer solche Fragen grossenteils angewiesen sind, hat in Britannien nie recht durchgeschlagen. Im inneren Wales und in anderen weniger zugaenglichen Strichen sind roemische Denkmaeler ueberhaupt nicht zum Vorschein gekommen. Daneben aber stehen deutliche Zeugen des von Tacitus hervorgehobenen regen Handels und Verkehrs, so die zahllosen Trinkschalen, die aus den Ruinen Londons hervorgegangen sind, und das Londoner Strassennetz. Wenn Agricola bemueht war, den munizipalen Wetteifer in der Ausschmueckung der eigenen Stadt durch Bauten und Denkmaeler, wie er von Italien sich auf Afrika und Spanien uebertragen hatte, auch nach Britannien zu verpflanzen, und die vornehmen Insulaner zu bestimmen, in ihrer Heimat die Maerkte zu schmuecken und Tempel und Palaeste zu errichten, wie dies anderswo ueblich war, so ist ihm das fuer die Gemeindebauten nur in geringem Umfang gelungen. Aber in der Privatwirtschaft ist es anders; die stattlichen, roemisch angelegten und geschmueckten Landhaeuser, von denen jetzt nur noch die Mosaikfussboeden uebrig geblieben sind, finden sich im suedlichen Britannien bis in die Gegend von York hinauf ^21 ebenso haeufig wie im Rheinland. Die hoehere schulmaessige Jugendbildung drang von Gallien aus allmaehlich in Britannien ein. Unter Agricolas administrativen Erfolgen wird angefuehrt, dass der roemische Hofmeister in die vornehmen Haeuser der Insel anfange, seinen Weg zu finden. In hadrianischer Zeit wird Britannien als ein von den gallischen Schulmeistern erobertes Gebiet bezeichnet, und "schon spricht Thule davon, sich einen Professor zu mieten". Diese Schulmeister waren zunaechst Lateiner, aber es kamen auch Griechen; Plutarchos erzaehlt von einer Unterhaltung, die er in Delphi pflog mit einem aus Britannien heimkehrenden griechischen Sprachlehrer aus Tarsos. Wenn im heutigen England, abgesehen von Wales, und bis vor kurzem von Cornwall, die alte Landessprache verschwunden ist, so ist sie nicht den Angeln oder den Sachsen, sondern dem roemischen Idiom gewichen; und wie es in Grenzlaendern zu geschehen pflegt, in der spaeteren Kaiserzeit stand keiner treuer zu Rom als der britannische Mann. Nicht Britannien hat Rom aufgegeben, sondern Rom Britannien - das letzte, was wir von der Insel erfahren, sind die flehentlichen Bitten der Bevoelkerung bei Kaiser Honorius um Schutz gegen die Sachsen, und dessen Antwort, dass sie sich selber helfen moechten, wie sie koennten.


^20 Das hier stationierte Kommando war wenigstens in spaeterer Zeit ohne Frage das wichtigste unter den britannischen; und es wird auch dort (denn an Eburacum ist hier ohne Zweifel gedacht) ein Palatium erwaehnt (vita Severi 22). Das praeto rium, unterhalb Eburacum wohl an der Kueste gelegen (Irin. Anton. Aug., p. 466), mag der Sommersitz des Statthalters gewesen sein. ^21 Noerdlich von Aldborough und Easingwold (beide etwas noerdlich von York) haben sich keine gefunden (J. C. Bruce, Description of the Roman wall. 3. Aufl. 1867, S. 61).


6. Kapitel Die Donaulaender und die Kriege an der Donau Wie die Rheingrenze Caesars, so ist die Donaugrenze das Werk des Augustus. Als er an das Ruder kam, waren die Roemer auf der italischen Halbinsel kaum Herren der Alpen, auf der griechischen kaum des Haemus (Balkan) und der Kuestenstreifen am Adriatischen und am Schwarzen Meer; nirgends reichte ihr Gebiet an den maechtigen Strom, der das suedliche Europa vom noerdlichen scheidet; sowohl das noerdliche Italien wie auch die illyrischen und pontischen Handelsstaedte und mehr noch die zivilisierten Landschaften Makedoniens und Thrakiens waren den Raubzuegen der rohen und unruhigen Nachbarstaemme stetig ausgesetzt. Als Augustus starb, waren an die Stelle der einen, kaum zu selbstaendiger Verwaltung gelangten Provinz Illyricum fuenf grosse roemische Verwaltungsbezirke getreten, Raetien, Noricum, Unterillyrien oder Pannonien, Oberillyrien oder Dalmatien und Moesien, und die Donau in ihrem ganzen Lauf, wenn nicht ueberall die militaerische, doch die politische Reichsgrenze geworden. Die verhaeltnismaessig leichte Unterwerfung dieser weiten Gebiete sowie die schwere Insurrektion der Jahre 6 bis 9 und das dadurch veranlasste Aufgeben der frueher beabsichtigten Verlegung der Grenzlinie von der oberen Donau nach Boehmen und an die Elbe sind frueher dargestellt worden. Es bleibt uebrig, die Entwicklung dieser Landschaften in der Zeit nach Augustus und die Beziehungen der Roemer zu den jenseits der Donau wohnhaften Staemmen darzustellen. Die Schicksale Raetiens sind mit denen der Obergermanischen Provinz so eng verflochten, dass dafuer auf die fruehere Darstellung verwiesen werden kann. Die roemische Zivilisation hat hier, im ganzen genommen, sich wenig entwickelt. Das Hochland der Alpen mit den Taelern des oberen Inn und des oberen Rhein umschloss eine schwache und eigenartige Bevoelkerung, wahrscheinlich diejenige, die einstmals die oestliche Haelfte der norditalischen Ebene besessen hatte, vielleicht den Etruskern verwandt. Von dort zurueckgedraengt durch die Kelten und vielleicht auch die Illyriker, behauptete sie sich in den noerdlichen Gebirgen. Waehrend die nach Sueden sich oeffnenden Taeler, wie das der Etsch, zu Italien gezogen wurden, boten jene den Suedlaendern wenig Platz und noch weniger Reiz zur Ansiedelung und Staedtegruendung. Weiter noerdlich, auf der Hochebene zwischen dem Bodensee und dem Inn, welche von den keltischen Staemmen der Vindeliker eingenommen war, waere wohl fuer roemische Kultur Raum und Staette gewesen; aber es scheint in diesem Gebiet, das nicht so wie das norische unmittelbare Fortsetzung Italiens werden konnte und das, gleich dem angrenzenden sogenannten Decumatenland, wohl zunaechst nur als Scheide gegen die Germanen fuer die Roemer von Wert war, die Politik der frueheren Kaiserzeit die Kultur vielmehr zurueckgehalten zu haben. Es ist schon darauf hingewiesen worden, dass gleich nach der Eroberung man bedacht war, die Landschaft zu entvoelkern. Diesem geht zur Seite, dass in der frueheren Kaiserzeit keine roemisch organisierte Gemeinde hier entstanden ist. Zwar von der Anlage der grossen Strasse, die gleich mit der Eroberung selbst von dem aelteren Drusus durch die Hochalpen an die Donau gefuehrt ward, war die Gruendung der Augusta der Vindeliker, des heutigen Augsburg, ein notwendiger Teil; aber es war und blieb dieser rasch aufbluehende Ort ueber ein Jahrhundert ein Marktflecken, bis endlich Hadrian auch in dieser Hinsicht die von Augustus vorgezeichnete Bahn verliess und die Landschaft der Vindeliker in die Romanisierung des Nordens hineinzog. Die Verleihung des roemischen Stadtrechts an den Vorort der Vindeliker durch Hadrian wird damit zusammengestellt werden duerfen, dass ungefaehr um dieselbe Zeit die Militaergrenze am Oberrhein vorgeschoben ward und roemische Staedte im ehemaligen Decumatenland entstanden; indes ist in Raetien auch spaeter Augusta der einzige groessere Mittelpunkt roemischer Zivilisation geblieben. Auch die militaerischen Einrichtungen haben auf das Zurueckhalten derselben eingewirkt. Die Provinz stand von Anfang an unter kaiserlicher Verwaltung und konnte nicht ohne Besatzung gelassen werden; aber besondere Ruecksichten noetigten, wie dies frueher gezeigt ward, die Regierung, nach Raetien lediglich Truppen zweiter Klasse zu legen, und wenn diese auch der Zahl nach nicht unbetraechtlich waren, so haben doch die kleineren Standlager der Alen und Kohorten nicht die zivilisierende und staedtebildende Wirkung ausueben koennen wie die Legionslager. Unter Marcus ist allerdings infolge des Markomannischen Krieges das raetische Hauptquartier, die castra Regina, das heutige Regensburg, mit einer Legion belegt worden; aber selbst dieser Ort scheint in roemischer Zeit bloss Militaerniederlassung geblieben zu sein und kaum mit den Lagern zweiten Ranges am Rhein, wie zum Beispiel Bonna, in der staedtischen Entwicklung auf einer Linie gestanden zu haben. Dass die Grenze Raetiens schon zu Traianus' Zeit von Regensburg westlich eine Strecke ueber die Donau hinaus vorgeschoben war, ist frueher bemerkt und daselbst auch ausgefuehrt worden, dass dieses Gebiet wahrscheinlich ohne Anwendung von Waffengewalt, aehnlich wie das Decumatenland, zum Reiche gezogen worden ist. Es wurde ebenfalls schon erwaehnt, dass die Befestigung dieses Gebiets vielleicht mit den unter Marcus bis hierher sich erstreckenden Einfaellen der Chatten zusammenhaengt, sowie dass diese und spaeter die Alamannen im dritten Jahrhundert sowohl dies Vorland wie Raetien selbst heimsuchten und schliesslich unter Gallienus den Roemern entrissen. Die Nachbarprovinz Noricum ist wohl in der provinzialen Einrichtung aehnlich wie Raetien behandelt worden, aber hat sich sonst anders entwickelt. Nach keiner Richtung hin ist Italien fuer den Landverkehr so wie gegen Nordosten aufgeschlossen; die Handelsbeziehungen Aquileias sowohl durch das Friaul nach der oberen Donau und zu den Eisenwerken von Noreia wie ueber die Julische Alpe zum Savetal haben hier der augustischen Grenzerweiterung vorgearbeitet wie nirgends sonst im Donaugebiet. Nauportus (Oberlaibach), jenseits des Passes, war ein roemischer Handelsflecken schon in republikanischer Zeit, Emona (Laibach) eine spaeter foermlich Italien einverleibte, der Sache nach seit ihrer Gruendung durch Augustus zu Italien gehoerige roemische Buergerkolonie. Daher genuegte, wie frueher schon hervorgehoben ward, fuer die Umwandlung dieses "Koenigreichs" in eine roemische Provinz wahrscheinlich die blosse Ankuendigung. Die urspruenglich wohl illyrische, spaeter zum guten Teil keltische Bevoelkerung zeigt keine Spur von demjenigen Festhalten an der nationalen Weise und Sprache, welche wir bei den Kelten des Westens wahrnehmen. Roemische Sprache und roemische Sitte muss hier frueh Eingang gefunden haben, und von Kaiser Claudius wurde dann das gesamte Gebiet, selbst der noerdliche, durch die Tauernkette vom Drautal getrennte Teil, nach italischer Gemeindeverfassung organisiert. Waehrend in den Nachbarlaendern Raetien und Pannonien die Denkmaeler roemischer Sprache entweder fehlen oder doch nur in den groesseren Zentren erscheinen, sind die Taeler der Drau, der Mut und der Salzach und ihrer Nebenfluesse bis in das hohe Gebirge hinauf erfuellt mit Zeugnissen der hier tief eingedrungenen Romanisierung. Noricum ward ein Vorland und gewissermassen ein Teil Italiens; bei der Aushebung fuer die Legion und fuer die Garde ist, so lange hier die Italiker ueberhaupt bevorzugt wurden, diese Bevorzugung auf keine andere Provinz so voellig erstreckt worden wie auf diese. Hinsichtlich der militaerischen Belegung gilt von Noricum dasselbe wie von Raetien. Aus den schon entwickelten Gruenden gab es auch in Noricum waehrend der ersten zwei Jahrhunderte der Kaiserzeit nur Alen- und Kohortenlager; Carnuntum (Petronell bei Wien), das in der augustischen Zeit zu Noricum gehoerte, ist, als die illyrischen Legionen dorthin gelegt wurden, eben darum zu Pannonien gezogen worden. Die kleineren norischen Standlager an der Donau und selbst das von Marcus, der auch in diese Provinz eine Legion legte, fuer diese eingerichtete Lager von Lauriacum (bei Enns) sind fuer die staedtische Entwicklung von keiner Bedeutung gewesen; die grossen Ortschaften Noricums, wie Celeia (Cilli) im Sanntal, Aguontum (Lienz), Teurnia (unweit Spittal), Virunum (Zollfeld bei Klagenfurt), im Norden Iuvavum (Salzburg) sind rein aus buergerlichen Elementen hervorgegangen. Illyricum, das heisst das roemische Gebiet zwischen Italien und Makedonien, wurde in republikanischer Zeit zum kleineren Teil mit der griechisch- makedonischen Statthalterschaft vereinigt, zum groesseren als Nebenland von Italien und, nach der Einrichtung der Statthalterschaft des Cisalpinischen Galliens, als ein Teil von dieser verwaltet. Das Gebiet deckt sich bis zu einem gewissen Grade mit dem weitverbreiteten Stamm, von dem es die Roemer benannt haben: es ist derjenige, dessen duerftiger Rest an dem suedlichen Ende seines ehemals weitgedehnten Besitzes unter dem Namen der Skipetaren, welchen sie sich selbst beilegen, oder, wie ihre Nachbarn sie heissen, der Arnauten oder Albanesen noch heute seine alte Nationalitaet und seine eigene Sprache bewahrt hat. Es ist derselbe ein Glied der indogermanischen Familie und innerhalb derselben wohl am naechsten dem griechischen Kreise verwandt, wie dies auch den oertlichen Verhaeltnissen angemessen ist; aber er steht neben diesem wenigstens ebenso selbstaendig wie der lateinische und der keltische. In ihrer urspruenglichen Ausdehnung erfuellte diese Nation die Kueste des Adriatischen Meeres von der Muendung des Po durch Istrien, Dalmatien und Epirus bis gegen Akarnanien und Aetolien, ferner im Binnenlande das obere Makedonien sowie das heutige Serbien und Bosnien und das ungarische Gebiet auf dem rechten Ufer der Donau; sie grenzt also oestlich an die thrakischen Voelkerschaften, westlich an die keltischen, von welchen letzteren Tacitus sie ausdruecklich unterscheidet. Es ist ein kraeftiger Schlag suedlaendischer Art, mit schwarzem Haar und dunklen Augen, sehr verschieden von den Kelten und mehr noch von den Germanen, nuechterne, maessige, unerschrockene, stolze Leute, vortreffliche Soldaten, aber buergerlicher Entwicklung wenig zugaenglich, mehr Hirten als Ackerbauer. Zu einer groesseren politischen Entwicklung ist er nicht gelangt. An der italischen Kueste traten ihnen wahrscheinlich zunaechst die Kelten entgegen; die wahrscheinlich illyrischen Voelkerschaften daselbst, insbesondere die Veneter, wurden durch die Rivalitaet mit den Kelten frueh zu fuegsamen Untertanen der Roemer. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt engte die Gruendung von Aquileia und die Unterwerfung der Halbinsel Istrien weiter ihre Grenzen ein. An der Ostkueste des Adriatischen Meeres waren die wichtigeren Inseln und die Suedhaefen des Kontinents seit langem von den kuehnen hellenischen Schiffern okkupiert. Als dann in Skodra (Scutari), gewissermassen in alter Zeit wie heutzutage dem Zentralpunkt des illyrischen Landes, die Herrscher anfingen, sich zu eigener Macht zu entwickeln und besonders auf dem Meere die Griechen zu befehden, schlug Rom schon vor dem Hannibalischen Kriege sie mit gewaltiger Hand nieder und nahm die ganze Kueste unter seine Schutzherrschaft, welche bald, nachdem der Herr von Skodra mit dem Koenig Perseus von Makedonien den Krieg und die Niederlage geteilt hatte, die voellige Aufloesung dieses Fuerstentums herbeifuehrte. Am Ende des 6. Jahrhunderts der Stadt und in der ersten Haelfte des siebenten wurde in langjaehrigen Kaempfen auch die Kueste zwischen Istrien und Skodra von den Roemern besetzt. Im Binnenland wurden die Illyrier in republikanischer Zeit von den Roemern wenig beruehrt; dafuer aber muessen, von Westen her vordringend, die Kelten einen guten Teil urspruenglich illyrischen Gebiets in ihre Gewalt gebracht haben, so das spaeterhin ueberwiegend keltische Noricum. Kelten sind auch die Latobiker im heutigen Krain; und in dem gesamten Gebiet zwischen Save und Drau, ebenso im Raabtal sassen die beiden grossen Staemme im Gemenge, als Caesar Augustus die suedlichen Distrikte Pannoniens der roemischen Herrschaft unterwarf. Wahrscheinlich hat diese starke Mischung mit keltischen Elementen neben der ebenen Bodenbeschaffenheit zu dem fruehen Untergang der illyrischen Nation in den pannonischen Landschaften ihren Teil beigetragen. In die suedliche Haelfte der von Illyriern bewohnten Landschaften dagegen sind von den Kelten nur die Skordisker vorgedrungen, deren Festsetzung an der unteren Save bis zur Morawa und deren Streifereien bis in die Naehe von Thessalonike frueher erwaehnt worden sind. Die Griechen aber haben hier ihnen gewissermassen den Platz geraeumt; das Sinken der makedonischen Macht und die Veroedung von Epirus und Aetolien muessen die Ausbreitung der illyrischen Nachbarn gefoerdert haben. Bosnien, Serbien, vor allem Albanien sind in der Kaiserzeit illyrisch gewesen, und Albanien ist es noch heute. Es ist frueher erzaehlt worden, dass Illyricum schon nach der Absicht des Diktators Caesar als eigene Statthalterschaft konstituiert werden sollte und diese Absicht bei der Teilung der Provinzen zwischen Augustus und dem Senat zur Ausfuehrung kam; dass diese anfangs dem Senat ueberwiesene Statthalterschaft wegen der daselbst notwendigen Kriegfuehrung auf den Kaiser ueberging; dass Augustus diese Statthalterschaft teilte und die bis dahin im ganzen nur nominelle Herrschaft ueber das Binnenland sowohl in Dalmatien wie im Savegebiet effektiv machte; dass er endlich die gewaltige nationale Insurrektion, die bei den dalmatischen wie bei den pannonischen Illyriern im Jahre 6 n. Chr. ausbrach, nach schwerem vierjaehrigem Kampf ueberwaeltigte. Es bleibt uebrig, die ferneren Schicksale zunaechst der suedlichen Provinz zu berichten. Nach den bei der Insurrektion gemachten Erfahrungen schien es erforderlich, nicht bloss die in Illyricum ausgehobenen Mannschaften statt wie bisher in ihrer Heimat, vielmehr auswaerts zu verwenden, sondern auch die Dalmater wie die Pannonier durch ein Kommando ersten Ranges in Botmaessigkeit zu halten. Dasselbe hat seinen Zweck rasch erfuellt. Der Widerstand, den die Illyriker unter Augustus der ungewohnten Fremdherrschaft entgegensetzten, hat sich ausgetobt mit dem einen gewaltigen Sturm; spaeterhin verzeichnen unsere Berichte keine aehnliche auch nur partielle Bewegung. Fuer das suedliche oder, nach dem roemischen Ausdruck, das obere Illyricum, die Provinz Dalmatien, wie sie seit der Zeit der Flavier gewoehnlich heisst, begann mit dem Kaiserregiment eine neue Epoche. Die griechischen Kaufleute hatten wohl auf der ihnen naechst liegenden Kueste die beiden grossen Emporien Apollonia (bei Valona) und Dyrrachium (Durazzo) gegruendet; eben darum war dieser Teil schon unter der Republik der griechischen Verwaltung ueberwiesen worden. Aber weiter nordwaerts hatten die Hellenen nur auf den vorliegenden Inseln Issa (Lissa), Pharos (Lesina), Schwarz- Kerkyra (Curzola) sich angesiedelt und von da aus den Verkehr mit den Eingeborenen, namentlich an der Kueste von Narona und in den Salonae vorliegenden Ortschaften, unterhalten. Unter der roemischen Republik hatten die italischen Haendler, welche hier die Erbschaft der griechischen antraten, in den Haupthaefen Epitaurum (Ragusa vecchia), Narona, Salonae, Iader (Zara) sich in solcher Zahl niedergelassen, dass sie in dem Kriege zwischen Caesar und Pompeius eine nicht unwesentliche Rolle spielen konnten. Aber Verstaerkung durch dort angesiedelte Veteranen und, was die Hauptsache war, staedtisches Recht empfingen diese Ortschaften erst durch Augustus, und zugleich kam teils die energische Unterdrueckung der auf den Inseln noch bestehenden Piratenschlupfwinkel, teils die Unterwerfung des Binnenlandes und die Vorschiebung der roemischen Grenze gegen die Donau insbesondere diesen auf der Ostkueste des Adriatischen Meeres angesiedelten Italikern zugute. Vor allem die Hauptstadt des Landes, der Sitz des Statthalters und der gesamten Verwaltung, Salonae, bluehte rasch auf und ueberfluegelte weit die aelteren griechischen Ansiedlungen Apollonia und Dyrrachium, obwohl in die letztere Stadt, ebenfalls unter Augustus, italische Kolonisten, freilich nicht Veteranen, sondern expropriierte Italiker, gesendet und die Stadt als roemische Buergergemeinde eingerichtet wurde. Vermutlich hat bei dem Aufbluehen Dalmatiens und dem Verkuemmern der illyrisch-makedonischen Kueste der Gegensatz des kaiserlichen und des Senatsregimentes eine wesentliche Rolle gespielt, die bessere Verwaltung sowohl wie die Bevorzugung bei dem eigentlichen Machthaber. Damit wird weiter zusammenhaengen, dass die illyrische Nationalitaet sich in dem Bereich der makedonischen Statthalterschaft besser behauptet hat als in dem der dalmatischen: in jenem lebt sie heute noch fort und es muss in der Kaiserzeit, abgesehen von dem griechischen Apollonia und der italischen Kolonie Dyrrachium, neben den beiden Reichssprachen im Binnenland, die des Volkes, die illyrische, geblieben sein. In Dalmatien dagegen wurden die Kueste und die Inseln, soweit sie irgend sich eigneten - die unwirtliche Strecke nordwaerts von Iader blieb in der Entwicklung notwendig zurueck -, nach italischer Ordnung kommunalisiert, und bald sprach die ganze Kueste lateinisch, etwa wie heutzutage venezianisch. Dem Vordringen der Zivilisation in das Binnenland traten oertliche Schwierigkeiten entgegen. Dalmatiens bedeutende Stroeme bilden mehr Wasserfaelle als Wasserstrassen; und auch die Herstellung der Landstrassen stoesst bei der Beschaffenheit seines Bergnetzes auf ungewoehnliche Schwierigkeiten. Die roemische Regierung hat ernstliche Anstrengungen gemacht, das Land aufzuschliessen. Unter dem Schutz des Legionslagers von Burnum entwickelte im Kerkatal, in dem der Cettina unter dem des Lagers von Delminium, welche Lager auch hier die Traeger der Zivilisierung und der Latinisierung gewesen sein werden, sich die Bodenbestellung nach italischer Art, auch die Pflanzung der Rebe und der Olive und ueberhaupt italische Ordnung und Gesittung. Dagegen jenseits der Wasserscheide, zwischen dem Adriatischen Meer und der Donau, sind die auch fuer den Ackerbau wenig guenstigen Taeler von der Kulpa bis zum Drin in roemischer Zeit in aehnlichen primitiven Verhaeltnissen verblieben, wie sie das heutige Bosnien aufweist. Kaiser Tiberius allerdings hat durch die Soldaten der dalmatinischen Lager von Salonae bis in die Taeler Bosniens verschiedene Chausseen gefuehrt; aber die spaeteren Regierungen liessen, wie es scheint, die schwierige Aufgabe fallen. An der Kueste und in den der Kueste naehergelegenen Strichen bedurfte Dalmatien bald keiner weiteren militaerischen Hut; die Legionen des Kerka- und des Cettinatales konnte schon Vespasian von dort wegziehen und anderweitig verwenden. Unter dem allgemeinen Verfall des Reiches im dritten Jahrhundert hat Dalmatien verhaeltnismaessig wenig gelitten, ja Salonae wohl erst damals seine hoechste Bluete erreicht. Freilich ist dies zum Teil dadurch veranlasst, dass der Regenerator des roemischen Staates, Kaiser Diocletianus, ein geborener Dalmatiner war und sein auf die Dekapitalisierung Roms gerichtetes Streben der Hauptstadt seines Heimatlandes vorzugsweise zugute kommen liess: er baute neben derselben den gewaltigen Palast, von dem die heutige Hauptstadt der Provinz den Namen Spalato traegt, innerhalb dessen sie zum groessten Teil Platz gefunden hat und dessen Tempel ihr heute als Dom und als Baptisterium ^1 dienen. Aber zur Grossstadt hat nicht erst Diocletian Salonae gemacht, sondern, weil sie es war, sie fuer seine Privatresidenz gewaehlt; Handel und Schiffahrt und Gewerbe muessen damals in diesen Gewaessern vorzugsweise in Aquileia und in Salonae sich konzentriert haben und die Stadt eine der volkreichsten und wohlhabendsten des Okzidents gewesen sein. Die reichen Eisengruben Bosniens waren, wenigstens in der spaeteren Kaiserzeit, in starkem Betrieb; ebenso lieferten die Waelder der Provinz massenhaftes und vorzuegliches Bauholz; auch von der bluehenden Textilindustrie des Landes bewahrt die priesterliche Dalmatica noch heute eine Erinnerung. Ueberhaupt ist die Zivilisierung und die Romanisierung Dalmatiens eine der eigensten und eine der bedeutendsten Erscheinungen der Kaiserzeit. Die Grenze Dalmatiens und Makedoniens ist zugleich die politische und die sprachliche Scheide des Okzidents und des Orients. Bei Skodra beruehren sich, wie die Herrschaftsgebiete Caesars und Marc Antons, so auch nach der Reichsteilung des vierten Jahrhunderts die von Rom und Byzanz. Hier grenzt die lateinische Provinz Dalmatien mit der griechischen Provinz Makedonien; und kraeftig emporstrebend und ueberlegen, mit gewaltig treibender Propaganda, steht hier die juengere neben der aelteren Schwester.


^1 Das Baptisterium ist vielleicht das Grabmal des Kaisers.


Wenn die suedliche illyrische Provinz und ihr Friedensregiment bald in geschichtlicher Beziehung nicht ferner hervortritt, so bildet das noerdliche Illyricum oder, wie es gewoehnlich heisst, Pannonien in der Kaiserzeit eines der grossen militaerischen und somit auch politischen Zentren. In dem Donauheer haben die pannonischen Lager die fuehrende Stellung wie im Westen die rheinischen, und die dalmatischen und die moesischen schliessen ihnen in aehnlicher Weise sich an und ordnen ihnen sich unter wie den rheinischen die Legionen Spaniens und Britanniens. Die roemische Zivilisation steht und bleibt hier unter dem Einfluss der Lager, die in Pannonien nicht, wie in Dalmatien, nur einige Generationen hindurch, sondern dauernd verblieben. Nach der Ueberwaeltigung des Batonischen Aufstandes belief die regelmaessige Besatzung der Provinz sich zuerst auf drei, spaeter, wie es scheint, nur auf zwei Legionen, und durch deren Standlager und ihre Vorschiebung ist die weitere Entwicklung bedingt. Wenn Augustus nach dem ersten Kriege gegen die Dalmater Siscia an der Muendung der Kulpa in die Save zum Hauptwaffenplatz ausersehen hatte, so waren, nachdem Tiberius Pannonien mindestens bis an die Drau unterworfen hatte, die Lager an diese vorgeschoben worden, und wenigstens eines der pannonischen Hauptquartiere befand sich seitdem in Poetovio (Pettau) an der norischen Grenze. Die Ursache, weshalb die pannonische Armee ganz oder zum Teil im Drautal verblieb, kann nur die gleiche gewesen sein, welche zu der Anlage der dalmatinischen Legionslager gefuehrt hat: man brauchte hier die Truppen, um die Untertanen sowohl in dem nahen Noricum wie vor allem im Draugebiet selbst in Gehorsam zu halten. Auf der Donau hielt die roemische Flotte Wacht, die schon im Jahre 50 erwaehnt wird und vermutlich mit der Einrichtung der Provinz entstanden war. Legionslager gab es am Flusse selbst unter der Julisch-Claudischen Dynastie vielleicht noch nicht ^2, wobei in Betracht kommt, dass der zunaechst der Provinz vorliegende Suebenstaat von Rom damals vollstaendig abhaengig war und fuer die Grenzdeckung einigermassen genuegte. Wie die dalmatinischen, hat dann, wie es scheint, Vespasian auch die Lager an der Drau aufgehoben und sie an die Donau selbst verlegt; seitdem ist das grosse Hauptquartier der pannonischen Armee das frueher norische Carnuntum (Petronell oestlich von Wien) und daneben Vindobona (Wien).


^2 Dass im Jahre 50 noch keine Legionen an der Donau selbst standen, folgt aus Tac. ann. 12, 29; sonst waere es nicht noetig gewesen, zur Aufnahme der uebertretenden Sueben eine Legion dorthin zu schicken. Auch die Anlage des claudischen Savaria passt besser, wenn die Stadt damals norisch war, als wenn sie schon zu Pannonien gehoerte; und da die Zuteilung dieser Stadt zu Pannonien mit der gleichen Abtrennung von Carnuntum und mit der Verlegung der Legion dahin sicher der Zeit nach zusammengehoert, so duerfte dies alles erst in nachclaudischer Zeit stattgefunden haben. Auch die geringe Zahl der in den Donaulagern gefundenen Inschriften von Italikern (Eph. epigr. 5, p. 225) deutet auf spaetere Entstehung. Allerdings haben sich in Carnuntum einige Grabschriften von Soldaten der 15. Legion gefunden, die nach der aeusseren Form und nach dem Fehlen des Cognomen aelter zu sein scheinen (O. Hirschfeld in Aerchaeologisch- epigraphische Mittheilungen 5, 1881, S. 217). Derartige Zeitbestimmungen koennen, wo es sich um ein Dezennium handelt, volle Sicherheit nicht in Anspruch nehmen; indes muss eingeraeumt werden, dass auch jene Argumente keinen vollen Beweis machen und die Translokation frueher, etwa unter Nero, begonnen haben kann. Fuer die Anlegung oder Erweiterung dieses Lagers durch Vespasian spricht die einen derartigen Bau bezeugende Inschrift von Carnuntum aus dem Jahre 73 (Hirschfeld a. a. O.).


Die buergerliche Entwicklung, wie wir sie in Noricum und an der Kueste Dalmatiens fanden, zeigt in Pannonien in gleicher Weise sich nur in einigen, an der norischen Grenze gelegenen und zum Teil urspruenglich zu Noricum gehoerigen Distrikten; Emona und das obere Savetal stehen mit Noricum gleich, und wenn Savaria (Steinamanger) zugleich mit den norischen Staedten italische Stadtverfassung empfangen hat, so wird, solange Carnuntum eine norische Stadt war, wohl auch jener Ort zu Noricum gehoert haben. Erst seitdem die Truppen an der Donau standen, ging die Regierung daran, das Hinterland staedtisch zu organisieren. In dem westlichen, urspruenglich norischen Gebiet erhielt Scarbantia (Oedenburg am Neusiedler See) unter den Flaviern Stadtrecht, waehrend Vindobona und Carnuntum von selbst zu Lagerstaedten wurden. Zwischen Save und Drau empfingen Siscia und Sirmium unter den Flaviern, an der Drau Poetovio (Pettau) unter Traianus Stadtrecht, Mursa (Eszeg) unter Hadrian Kolonialrecht, um hier nur der Hauptorte zu gedenken. Dass die ueberwiegend illyrische, aber zum guten Teil auch keltische Bevoelkerung der Romanisierung keinen energischen Widerstand entgegensetzte, ist schon ausgesprochen worden; die alte Sprache und die alte Sitte schwanden, wo die Roemer hinkamen, und hielten sich nur in den entfernteren Bezirken. Die weiten, aber wenig zur Ansiedelung einladenden Striche oestlich vom Raabfluss und noerdlich der Drau bis zur Donau sind wohl schon seit Augustus zum Reiche gerechnet worden, aber vielleicht in nicht viel anderer Weise als Germanien vor der Varusschlacht; hier hat die staedtische Entwicklung weder damals noch spaeter rechten Boden gefunden, und auch militaerisch ist dieses Gebiet lange Zeit wenig oder gar nicht belegt worden. Dies hat sich erst infolge der Einverleibung Dakiens unter Traian einigermassen geaendert; die dadurch herbeigefuehrte Vorschiebung der pannonischen Lager gegen die Ostgrenze der Provinz und die weitere innere Entwicklung Pannoniens wird besser im Zusammenhang mit den Traianischen Kriegen geschildert. Das letzte Stueck des rechten Donauufers, das Bergland zu beiden Seiten des Margus (Morawa) und das zwischen dem Haemus und der Donau lang sich hinstreckende Flachland, war bewohnt von thrakischen Voelkerschaften; und es erscheint zunaechst erforderlich, auf diesen grossen Stamm als solchen einen Blick zu werfen. Er geht dem illyrischen in gewissem Sinne parallel. Wie die Illyrier einst die Landschaften vom Adriatischen Meer bis zur mittleren Donau erfuellten, so sassen ehemals die Thraker oestlich von ihnen, vom Aegaeischen Meer bis zur Donaumuendung und nicht minder einerseits auf dem linken Donauufer namentlich in dem heutigen Siebenbuergen, andererseits jenseits des Bosporus wenigstens in Bithynien und bis nach Phrygien; nicht mit Unrecht nennt Herodot die Thraker das groesste der ihm bekannten Voelker nach den Indern. Wie der illyrische ist auch der thrakische Stamm zu keiner vollen Entwicklung gelangt und erscheint mehr gedraengt und verdraengt als in eigener, geschichtliche Erinnerung hinterlassender Entwicklung. Aber waehrend Sprache und Sitte der Illyrier sich in einer wenngleich im Laufe der Jahrhunderte verschlissenen Form bis auf den heutigen Tag erhalten haben und wir mit einigem Recht das Bild der Palikaren aus der neueren Geschichte in die der roemischen Kaiserzeit uebertragen, so gilt das gleiche von den thrakischen Staemmen nicht. Vielfach und sicher ist es bezeugt, dass die Voelkerschaften des Gebiets, welchem infolge der roemischen Provinzialteilung schliesslich der Name Thrakien geblieben ist, sowie die moesischen zwischen dem Balkan und der Donau, und nicht minder die Geten oder Daker am anderen Donauufer alle eine und dieselbe Sprache redeten. Es hatte diese Sprache in dem roemischen Kaiserreich eine aehnliche Stellung wie die der Kelten und der Syrer. Der Historiker und Geograph der augustischen Zeit, Strabo, erwaehnt die Gleichheit der Sprache der genannten Voelker; in botanischen Schriften der Kaiserzeit werden von einer Anzahl Pflanzen die dakischen Benennungen angegeben ^3. Als seinem Zeitgenossen, dem Poeten Ovidius Gelegenheit gegeben wurde, ueber seinen allzu flotten Lebenswandel fern in der Dobrudscha nachzudenken, benutzte er seine Musse, um getisch zu lernen, und wurde fast ein Getenpoet: Und ich schrieb, o weh! ein Gedicht in getischer Sprache, Gratulierst du mir nicht, dass ich den Geten gefiel?


^3 Thrakischer, getischer, dakischer Orts- und Personennamen kennen wir ganze Reihen; sprachlich bemerkenswert ist eine mit -centhus zusammengesetzte Gruppe von Personennamen: Bithicenthus, Zipacenthus, Disacenthus, Tracicenthus, Linicenthus (BCH 6, 1882, S. 179), von denen die ersten beiden in ihrer anderen Haelfte (Bithus, Zipa) auch isoliert haeufig begegnen. Eine aehnliche Gruppe bilden die Composita mit -poris, wie Mucaporis (Thraker BCH, a. a. O., Daker zahlreich), Cetriporis, Rhaskyporis, Bithoporis, Dirdiporis.


Aber wenn die irischen Barden, die syrischen Missionare, die Bergtaeler Albaniens anderen Idiomen der Kaiserzeit eine gewisse Fortdauer gewahrt haben, so ist das thrakische unter dem Voelkergewoge des Donaugebiets und dem uebermaechtigen Einfluss Konstantinopels verschollen, und wir vermoegen nicht einmal die Stelle zu bestimmen, welche ihm in dem Voelkerstammbaum zukommt. Die Schilderungen von Sitten und Gebraeuchen einzelner dazugehoeriger Voelkerschaften, ueber welche mancherlei Notizen sich erhalten haben, ergeben keine fuer den ganzen Stamm gueltigen individuellen Zuege und heben meistens nur Einzelheiten hervor, wie sie bei allen Voelkern auf niederer Kulturstufe sich zeigen. Aber ein Soldatenvolk sind sie gewesen und geblieben, als Reiter nicht minder brauchbar wie fuer die leichte Infanterie, von den Zeiten des Peloponnesischen Krieges und Alexanders bis hinab in die der roemischen Caesaren, mochten sie gegen diese sich stemmen oder spaeter fuer sie fechten. Auch die wilde, aber grossartige Weise der Goetterverehrung darf vielleicht als ein diesem Stamm eigentuemlicher Grundzug aufgefasst werden, der gewaltige Ausbruch der Fruehlings- und der Jugendlust, die naechtlichen Bergfeste fackelschwingender Maedchen, die rauschende, sinnverwirrende Musik, der stroemende Wein und das stroemende Blut, der in Aufregung aller sinnlichen Leidenschaften zugleich rasende Taumel der Feste. Dionysos, der herrliche und der schreckliche, ist ein thrakischer Gott, und was der Art in dem hellenischen und dem roemischen Kult besonders hervortritt, knuepft an thrakische oder phrygische Sitte an. Waehrend die illyrischen Voelkerschaften in Dalmatien und Pannonien nach der Niederwerfung der grossen Insurrektion in den letzten Jahren des Augustus die Entscheidung der Waffen nicht wieder gegen die Roemer angerufen haben, gilt von den thrakischen Staemmen nicht das gleiche; der oft bewiesene Unabhaengigkeitssinn und die wilde Tapferkeit dieser Nation verleugnete auch in ihrem Untergang sich nicht. In dem Thrakien suedlich vom Haemus blieb das alte Fuerstenrum unter roemischer Oberhoheit. Das einheimische Herrscherhaus der Odrysen, mit der Residenz Bizye (Wiza) zwischen Adrianopel und der Kueste des Schwarzen Meeres, tritt schon in der frueheren Zeit unter den thrakischen Fuerstengeschlechtern am meisten hervor; nach der Triumviralzeit ist von anderen thrakischen Koenigen als denen dieses Hauses nicht ferner die Rede, so dass die uebrigen Fuersten durch Augustus zu Vasallen gemacht oder beseitigt zu sein scheinen und mit dem thrakischen Koenigtum fortan nur Glieder dieses Geschlechts belehnt worden sind. Es geschah dies wahrscheinlich deshalb, weil waehrend des ersten Jahrhunderts, wie weiterhin zu zeigen sein wird, an der unteren Donau keine roemischen Legionen standen; den Grenzschutz an der Donaumuendung erwartete Augustus von dem thrakischen Vasallen. Rhoemetalkes, welcher in der zweiten Haelfte der Regierung des Augustus als roemischer Lehnskoenig das gesamte Thrakien beherrschte ^4, und seine Kinder und Enkel spielten denn auch in diesem Lande ungefaehr dieselbe Rolle wie Herodes und seine Nachkommen in Palaestina: unbedingte Ergebenheit gegen den Oberherrn, entschiedene Hinneigung zu roemischem Wesen, Verfeindung mit den eigenen, die nationale Unabhaengigkeit festhaltenden Landsleuten bezeichnen die Stellung des thrakischen Herrscherhauses. Die grosse, frueher erzaehlte thrakische Insurrektion der Jahre 741-743 (13-11) richtete sich zunaechst gegen diesen Rhoemetalkes und seinen Bruder und Mitherrscher Kotys, der dabei umkam, und wie er damals den Roemern die Wiedereinsetzung in seine Herrschaft verdankte, so trug er ihnen einige Jahre spaeter seinen Dank ab, indem er bei dem Aufstand der Dalmater und der Pannonier, dem seine dakischen Stammesgenossen sich anschlossen, treu zu den Roemern hielt und an der Niederwerfung desselben wesentlichen Anteil hatte. Sein Sohn Kotys war mehr Roemer oder vielmehr Grieche als Thraker; er fuehrte seinen Stammbaum zurueck auf Eumolpos und Erichthonios und gewann die Hand einer Verwandten des kaiserlichen Hauses, der Urenkelin des Triumvirn Antonius; nicht bloss die griechischen und die lateinischen Poeten seiner Zeit sangen ihn an, sondern er selbst war ebenfalls und nicht getischer Dichter ^5. Der letzte der thrakischen Koenige, des frueh gestorbenen Kotys Sohn Rhoemetalkes, war in Rom aufgewachsen und gleich dem Herodeer Agrippa des Kaisers Gaius Jugendgespiele. Die thrakische Nation aber teilte keineswegs die roemischen Neigungen des regierenden Hauses, und die Regierung ueberzeugte sich allmaehlich in Thrakien wie in Palaestina, dass der schwankende, nur durch bestaendiges Eingreifen der Schutzmacht aufrecht erhaltene Vasallenthron weder fuer sie noch fuer das Land von Nutzen und die Einfuehrung der unmittelbaren Verwaltung in jeder Hinsicht vorzuziehen sei. Kaiser Tiberius benutzte die in dem thrakischen Koenigshause entstandenen Zerwuerfnisse, um in der Form der Vormundschaftsfuehrung ueber die unmuendigen Prinzen im Jahre 19 einen roemischen Statthalter, Titus Trebellenus Rufus, nach Thrakien zu schicken. Doch vollzog sich diese Okkupation nicht ohne freilich erfolglosen, aber ernstlichen Widerstand des Volkes, das namentlich in den Bergtaelern sich um die von Rom gesetzten Herrscher wenig kuemmerte, und dessen Mannschaften, von ihren Stammhaeuptern gefuehrt, sich kaum als koenigliche, noch weniger als roemische Soldaten fuehlten. Die Sendung des Trebellenus rief im Jahre 21 einen Aufstand hervor, an dem nicht bloss die angesehensten thrakischen Voelkerschaften sich beteiligten, sondern der groessere Verhaeltnisse anzunehmen drohte; Boten der Insurgenten gingen ueber den Haemus, um in Moesien und vielleicht noch weiter hin den Nationalkrieg zu entfachen. Indes die moesischen Legionen erschienen rechtzeitig, um Philippopolis, das die Aufstaendischen belagerten, zu entsetzen und die Bewegung zu unterdruecken. Aber als einige Jahre spaeter (25) die roemische Regierung in Thrakien Aushebungen anordnete, weigerten sich die Mannschaften, ausserhalb des eigenen Landes zu dienen. Da keine Ruecksicht darauf genommen wurde, stand das ganze Gebirge auf und es folgte ein Verzweiflungskampf, in welchem die Insurgenten, endlich durch Durst und Hunger bezwungen, zum grossen Teil teils in die Schwerter der Feinde, teils in die eigenen sich stuerzten und lieber dem Leben entsagten als der altgewohnten Freiheit. Das unmittelbare Regiment dauerte in der Form der Vormundschaftsfuehrung in Thrakien bis zum Tode des Tiberius; und wenn Kaiser Gaius bei dem Antritt der Regierung dem thrakischen Jugendfreund ebenso wie dem juedischen die Herrschaft zurueckgab, so machte wenige Jahre darauf, im Jahre 46, die Regierung des Claudius ihr definitiv ein Ende. Auch diese schliessliche Einziehung des Koenigreichs und Umwandlung in einen roemischen Bezirk traf noch auf eine gleich hoffnungslose und gleich hartnaeckige Gegenwehr. Aber mit der Einfuehrung der unmittelbaren Verwaltung ist der Widerstand gebrochen. Eine Legion hat der Statthalter, anfangs von Ritter-, seit Traian von Senatorenrang, niemals gehabt; die in das Land gelegte Besatzung, wenn sie auch nicht staerker war als 2000 Mann nebst einem kleinen bei Perinthos stationierten Geschwader, genuegte in Verbindung mit den sonst von der Regierung getroffenen Vorsichtsmassregeln, um die Thraker niederzuhalten. Mit der Anlegung der Militaerstrassen wurde gleich nach der Einziehung begonnen; wir finden, dass die bei dem Zustand des Landes erforderlichen Stationsgebaeude fuer die Unterkunft der Reisenden bereits im Jahre 61 von der Regierung eingerichtet und dem Verkehr uebergeben wurden. Thrakien ist seitdem eine gehorsame und wichtige Reichsprovinz; kaum hat irgendeine andere fuer alle Teile der Kriegsmacht, insbesondere auch fuer die Reiterei und die Flotte, so zahlreiche Mannschaften gestellt wie dieses alte Heimatland der Fechter und der Lohnsoldaten.


^4 Das sagt Tac. ann. 2, 64 ausdruecklich. Freie Thraker, vom roemischen Standpunkt aus betrachtet, gab es damals nicht; wohl aber behauptete das thrakische Gebirge, namentlich die Rhodope der Besser, auch im Friedensstand den von Rom eingesetzten Fuersten gegenueber eine kaum als Untertaenigkeit zu bezeichnende Stellung; sie erkannten wohl den Koenig an, gehorchten ihm aber, wie Tacitus (a. a. O. und 4, 46 u. 51) sagt, nur, wenn es ihnen passte. ^5 Wir haben noch ein Kotys gewidmetes griechisches Epigramm des Antipater von Thessalonike (Anthol. Planud. 4, 75), desselben Dichters, der auch den Thrakersieger Piso feierte, und eine an Kotys gerichtete lateinische Epistel in Versen des Ovidius (Pont. 2, 9).


Die ernsten Kaempfe, welche die Roemer auf dem sogenannten thrakischen Ufer, in der Landschaft zwischen dem Balkan und der Donau mit derselben Nation zu bestehen hatten und welche zu der Einrichtung des moesischen Kommandos fuehrten, bilden einen wesentlichen Bestandteil der Regulierung der Nordgrenze in augustischer Zeit und sind in ihrem Zusammenhang bereits geschildert worden. Von aehnlichem Widerstand, wie die Thraker ihn den Roemern entgegensetzten, wird aus Moesien nichts berichtet; die Stimmung daselbst mag nicht anders gewesen sein, aber in dem ebenen Lande und unter dem Druck der bei Viminacium lagernden Legionen trat der Widerstand nicht offen hervor. Die Zivilisation kam den thrakischen Voelkerschaften, wie den illyrischen, von zwei Seiten: von der Kueste her und von der makedonischen Grenze die der Hellenen, von der dalmatischen und pannonischen die lateinische. Ueber jene wird zweckmaessiger zu handeln sein, wo wir versuchen, die Stellung der europaeischen Griechen unter der Kaiserherrschaft zu bezeichnen; hier genuegt es im allgemeinen hervorzuheben, dass dieselbe auch hier nicht bloss das Griechentum, wo sie es fand, geschuetzt hat und die gesamte Kueste, auch die dem Statthalter von Moesien untergebene, stets griechisch geblieben ist, sondern dass die Provinz Thrakien, deren Zivilisation ernstlich erst von Traian begonnen und durchaus ein Werk der Kaiserzeit ist, nicht in die roemische Bahn gelenkt, sondern hellenisiert ward. Selbst die noerdlichen Abhaenge des Haemus, obwohl administrativ zu Moesien gehoerig, sind in diese Hellenisierung hineingezogen, Nikopolis an der Jantra und Markianopolis unweit Varna, beides Gruendungen Traians, nach griechischem Schema organisiert worden. Von der lateinischen Zivilisation Moesiens gilt das gleiche wie von der des angrenzenden dalmatischen und pannonischen Binnenlandes; nur tritt dieselbe, wie natuerlich, um so viel spaeter, schwaecher und unreiner auf, je weiter sie von ihrem Ausgangspunkt sich entfernt. Ueberwiegend ist sie hier den Legionslagern gefolgt und mit diesen nach Osten hin vorgedrungen, ausgehend von den wahrscheinlich aeltesten Moesiens bei Singidunum (Belgrad) und Viminacium (Kostolatz) ^6. Freilich hat sie, der Beschaffenheit ihrer bewaffneten Apostel entsprechend, auch in Obermoesien sich auf sehr niedriger Stufe gehalten und den primitiven Zustaenden noch Spielraum genug gelassen. Viminacium hat durch Hadrian italisches Stadtrecht erhalten. Niedermoesien zwischen dem Balkan und der Donau ist in der frueheren Kaiserzeit wohl durchaus in der Verfassung geblieben, welche die Roemer vorfanden; erst als die Legionslager an der unteren Donau bei Novae, Durostorum und Troesmis gegruendet wurden, was, wie weiter unten dargelegt werden wird, wohl erst im Anfang des 2. Jahrhunderts geschah, ist auch dieser Teil des rechten Donauufers eine Staette derjenigen italischen Zivilisation geworden, welche mit der Lagerordnung sich vertrug. Seitdem sind hier auch buergerliche Ansiedlungen entstanden, namentlich an der Donau selbst zwischen den grossen Standlagern die nach italischem Muster eingerichteten Staedte Ratiaria unweit Widin und Oescus am Einfluss der Iskra in die Donau, und allmaehlich naeherte sich die Landschaft dem Niveau der damals noch bestehenden, freilich in sich verfallenden roemischen Kultur. Fuer den Wegebau in Untermoesien sind seit Hadrian, von dem die aeltesten bisher daselbst gefundenen Meilensteine herruehren, die Regenten vielfach taetig gewesen.


^6 Es ist eine der empfindlichsten Luecken der roemischen Kaisergeschichte, dass die Standlager der beiden Legionen, welche unter den Julisch-Claudischen Kaisern die Besatzung von Moesien bildeten, der 4. Scythica und der 5. Macedonica (wenigstens standen diese dort im Jahre 33: CIL III, 1698) sich bis jetzt nicht mit Sicherheit nachweisen lassen. Wahrscheinlich waren es Viminacium und Singidunum in dem spaeteren Obermoesien. Unter den Legionslagern Niedermoesiens, von denen namentlich das von Troesmis zahlreiche Monumente aufzuweisen hat, scheint keines aelter zu sein als Hadrian; die Ueberreste der obermoesischen sind bis jetzt so sparsam, dass sie wenigstens nicht hindern, deren Entstehung ein Jahrhundert weiter zurueck zu legen. Wenn der Koenig von Thrakien im Jahre 18 gegen Bastarner und Skythen ruestet (Tac. ann. 2, 65), so haette dies auch als Vorwand nicht geltend gemacht werden koennen, wenn niedermoesische Legionslager schon damals bestanden haetten. Eben diese Erzaehlung zeigt, dass die Kriegsmacht dieses Lehnsfuersten nicht unbedeutend war, und die Beseitigung eines unfuegsamen Koenigs von Thrakien Vorsicht erheischte.


Wenden wir uns von der Uebersicht der roemischen Herrschaft, wie sie seit Augustus in den Laendern am rechten Ufer der Donau sich gestaltet hatte, zu den Verhaeltnissen und den Anwohnern des linken, so ist, was ueber die westliche Landschaft zu bemerken waere, im wesentlichen schon bei der Schilderung Obergermaniens zur Sprache gekommen und namentlich hervorgehoben worden, dass die zunaechst an Raetien angrenzenden Germanen, die Hermunduren, unter den saemtlichen Nachbarn der Roemer die friedfertigsten gewesen und, soviel uns bekannt, niemals mit denselben in Konflikt geraten sind. Dass das Volk der Markomannen oder, wie die Roemer sie in frueherer Zeit gewoehnlich nennen, der Sueben, nachdem es in augustischer Zeit in dem alten Boierland, dem heutigen Boehmen, neue Sitze gefunden und durch den Koenig Maroboduus eine festere staatliche Organisation sich gegeben hatte, waehrend der roemisch-germanischen Kriege zwar Zuschauer blieb, aber doch durch die Dazwischenkunft der rheinischen Germanen vor der drohenden roemischen Invasion bewahrt ward, ist bereits erzaehlt worden; nicht minder, dass der Rueckschlag des abermaligen Abbruchs der roemischen Offensive am Rhein diesen allzu neutralen Staat ueber den Haufen warf. Die Vormachtstellung, welche die Markomannen unter Maroboduus ueber die entfernteren Voelker im Elbegebiet gewonnen hatten, ging damit verloren, und der Koenig selbst ist als vertriebener Mann auf roemischer Erde gestorben. Die Markomannen und ihre stammverwandten oestlichen Nachbarn, die Quaden in Maehren, gerieten insofern in roemische Klientel, als hier, ungefaehr wie in Armenien, die um die Herrschaft streitenden Praetendenten sich teilweise auf die Roemer stuetzten und diese das Belehnungsrecht in Anspruch nahmen und je nach Umstaenden auch ausuebten. Der Gotonenfuerst Catualda, der zunaechst den Maroboduus gestuerzt hatte, konnte als dessen Nachfolger sich nicht lange behaupten, zumal da der Koenig der benachbarten Hermunduren, Vibilius, gegen ihn eintrat; auch er musste auf roemisches Gebiet uebertreten und, gleich Maroboduus, die kaiserliche Gnade anrufen. Tiberius bewirkte dann, dass ein vornehmer Quade, Vannius, an seine Stelle kam; dem zahlreichen Gefolge der beiden verbannten Koenige, das auf dem rechten Donauufer nicht bleiben durfte, verschaffte Tiberius Sitze auf dem linken im Marchtal ^7 und dem Vannius die Anerkennung von Seiten der mit Rom befreundeten Hermunduren. Nach dreissigjaehriger Herrschaft wurde dieser im Jahre 50 gestuerzt durch seine beiden Schwestersoehne Vangio und Sido, die sich gegen ihn auflehnten und die Nachbarvoelker, die Hermunduren im Fraenkischen, die Lugier in Schlesien, fuer sich gewannen. Die roemische Regierung, die Vannius um Unterstuetzung anging, blieb der Politik des Tiberius getreu: sie gewaehrte dem gestuerzten Koenig das Asylrecht, intervenierte aber nicht, da zumal die Nachfolger, die das Gebiet unter sich teilten, bereitwillig die roemische Oberherrschaft anerkannten. Der neue Suebenfuerst Sido und sein Mitherrscher Italicus, vielleicht der Nachfolger Vangios, fochten in der Schlacht, die zwischen Vitellius und Vespasian entschied, mit der roemischen Donauarmee auf der Seite der Flavianer. In den grossen Krisen der roemischen Herrschaft an der Donau unter Domitian und Marcus werden wir ihren Nachfolgern wieder begegnen. Zum Roemischen Reich haben die Donausueben nicht gehoert; die wahrscheinlich von denselben geschlagenen Muenzen zeigen wohl lateinische Aufschriften, aber nicht roemischen Fuss, geschweige denn das Bildnis des Kaisers; eigentliche Abgaben und Aushebungen fuer Rom haben hier nicht stattgefunden. Aber in dem Machtbereich Roms ist, namentlich im ersten Jahrhundert, der Suebenstaat in Boehmen und Maehren einbegriffen gewesen und, wie schon bemerkt ward, ist dies auch auf die Aufstellung der roemischen Grenzwacht nicht ohne Einfluss geblieben.


^7 Dass das regnum Vannianum (Plin. nat. 4, 12, 81), der Suebenstaat (Tac. ann. 12, 29; hist. 3, 5 u. 21) nicht bloss, wie es nach Tacitus ann. 2, 63 scheinen koennte, auf die Wohnsitze der mit Maroboduus und Catualda uebergetretenen Leute, sondern auf das ganze Gebiet der Markomannen und Quaden bezogen werden muss, zeigt deutlich der zweite Bericht ann. 12, 29 u. 30, da hier als Gegner des Vannius neben seinen eigenen insurgierten Untertanen die westlich und noerdlich an Boehmen angrenzenden Voelker, die Hermunduren und Lugier, erscheinen. Als Grenze gegen Osten bezeichnet Plinius (a. a. O.) die Gegend von Carnuntum (Germanorum ibi confinium), genauer den Fluss Marus oder Duria, der die Sueben und das regnum Vannianum von ihren oestlichen Nachbarn scheidet, mag man nun das dirimens eos mit Muellenhoff (SB Berlin 1883, S. 871) auf die Jazygen oder, was naeher liegt, auf die Bastarner beziehen. Sachlich grenzten wohl beide, die Jazygen suedlich, die Bastarner noerdlich, mit den Quaden des Marchtals. Demnach ist der Marus die March und die Scheide machen die zwischen dem March- und dem Waagtal sich erstreckenden kleinen Karpaten. Wenn also jene Gefolgschaften inter flumen Marum et Cusum angesiedelt werden, so ist der sonst nicht genannte Cusus, falls die Angabe genau ist, nicht die Waag oder gar, wie Muellenhoff meinte, die, unterhalb Gran in die Donau fallende Eipel, sondern ein Zufluss der Donau westlich der March, etwa der Gusen bei Linz. Auch fordert die Erzaehlung bei Tacitus (ann. 12, 29 u. 30), dass das Gebiet des Vannius westlich noch ueber die March hinausgereicht hat. Die Subskription unter dem ersten Buch der Betrachtungen des Kaisers Marcus en Koyadois pros t/o/ Granoia beweist wohl, dass damals der Quadenstaat sich bis zum Granfluss erstreckte; aber dieser Staat deckt sich nicht mit dem regnum Vannianum.


In der Ebene zwischen Donau und Theiss, ostwaerts von dem roemischen Pannonien, hat zwischen dieses und die thrakischen Daker sich ein Splitter geschoben des wahrscheinlich zum medisch-persischen Stamm gehoerigen Volkes der Sarmaten, das, nomadisch lebend als Hirten- und Reitervolk, die weite osteuropaeische Ebene zum grossen Teil fuellte; es sind dies die Jazygen, die "ausgewanderten" (metanastai) genannt zum Unterschied von dem am Schwarzen Meer zurueckgebliebenen Hauptstamm. Die Benennung zeigt, dass sie erst verhaeltnismaessig spaet in diese Gegenden vorgedrungen sind; vielleicht gehoert ihre Einwanderung mit zu den Stoessen, unter denen um die Zeit der Actischen Schlacht das Dakerreich des Burebista zusammenbrach. Uns begegnen sie hier zuerst unter Kaiser Claudius; dem Suebenkoenig Vannius stellten die Jazygen fuer seine Kriege die Reiterei. Die roemische Regierung war auf der Hut vor den flinken und raeuberischen Reiterscharen, stand aber uebrigens zu ihnen nicht in feindlichen Beziehungen. Als die Donaulegionen im Jahre 70 nach Italien marschierten, um Vespasian auf den Thron zu setzen, lehnten sie den von den Jazygen angebotenen Reiterzuzug ab und fuehrten nur in schicklicher Form eine Anzahl der Vornehmsten mit sich, damit diese inzwischen fuer die Ruhe an der entbloessten Grenze buergten. Ernstlicher und dauernder Wacht bedurfte es weiter abwaerts an der unteren Donau. Jenseits des maechtigen Stromes, der jetzt des Reiches Grenze war, sassen hier in den Ebenen der Walachei und dem heutigen Siebenbuergen die Daker, in dem oestlichen Flachland, in der Moldau, Bessarabien und weiter hin zunaechst die germanischen Bastarner, alsdann sarmatische Staemme, wie die Roxolaner, ein Reitervolk gleich den Jazygen, anfaenglich zwischen Dnjepr und Don, dann am Meerufer entlang vorrueckend. In den ersten Jahren des Tiberius verstaerkte der Lehnsfuerst von Thrakien seine Truppen, um die Bastarner und Skythen abzuwehren; in Tiberius' spaeteren Jahren wurde unter anderen Beweisen seines mehr und mehr alles gehen lassenden Regiments geltend gemacht, dass er die Einfaelle der Daker und der Sarmaten ungestraft hinnehme. Wie es in den letzten Jahren Neros diesseits und jenseits der Donaumuendung zuging, zeigt ungefaehr der zufaellig erhaltene Bericht des damaligen Statthalters von Moesien, Tiberius Plautius Silvanus Aelianus. Dieser "fuehrte ueber 100000 jenseits der Donau wohnhafte Maenner mit ihren Weibern und Kindern und ihren Fuersten oder Koenigen ueber den Fluss, so dass sie der Steuerentrichtung unterlagen. Eine Bewegung der Sarmaten unterdrueckte er, bevor sie zum Ausbruch kam, obwohl er einen grossen Teil seiner Truppen zur Kriegfuehrung in Armenien (an Corbulo) abgegeben hatte. Eine Anzahl bis dahin unbekannter oder mit den Roemern in Fehde stehender Koenige fuehrte er ueber auf das roemische Ufer und noetigte sie, vor den roemischen Feldzeichen den Fussfall zu tun. Den Koenigen der Bastarner und der Roxolaner sandte er die gefangenen oder den Feinden wieder abgenommenen Soehne, denen der Daker die gefangenen Brueder zurueck ^8 und nahm von mehreren derselben Geiseln. Dadurch wurde der Friedensstand der Provinz sowohl befestigt wie weiter erstreckt. Auch den Koenig der Skythen bestimmte er, abzustehen von der Belagerung der Stadt Chersonesos (Sevastopol) jenseits des Borysthenes. Es war der erste, der durch grosse Getreidesendungen aus dieser Provinz das Brot in Rom wohlfeiler machte". Man erkennt hier deutlich sowohl den unter der Julisch- Claudischen Dynastie am linken Donauufer gaerenden Voelkerstrudel, wie auch den starken Arm der Reichsgewalt, der selbst ueber den Strom hinueber die Griechenstaedte am Dnjepr und in der Krim noch zu schuetzen suchte und einigermassen auch zu schuetzen vermochte, wie dies bei der Darstellung der griechischen Verhaeltnisse weiter dargelegt werden wird.


^8 Regibus Bastarnarum et Roxolanorum filios, Dacorum fratrum captos aut hostibus ereptos remisit (Orelli 750) ist verschrieben; es muss Fratres heissen oder allenfalls fratrum filios. Ebenso ist nachher per quaezu lesen fuer per quem und rege statt regem.


Indes die Streitkraefte, ueber welche Rom hier verfuegte, waren mehr als unzulaenglich. Die geringfuegige Besatzung Kleinasiens und die ebenfalls geringe Flotte auf dem Schwarzen Meer kamen hoechstens fuer die griechischen Anwohner der noerdlichen und der westlichen Kueste desselben in Betracht. Dem Statthalter von Moesien, der mit seinen beiden Legionen das Donauufer von Belgrad bis zur Muendung zu schirmen hatte, war eine sehr schwierige Aufgabe gestellt; und die Beihilfe der wenig botmaessigen Thraker war unter Umstaenden eine Gefahr mehr. Insbesondere nach der Muendung der Donau zu mangelte ein genuegendes Bollwerk gegen die hier mit steigender Wucht andraengenden Barbaren. Der zweimalige Abzug der Donaulegionen nach Italien in den Wirren nach Neros Tod rief mehr noch an der Donaumuendung als am Unterrhein Einfaelle der Nachbarvoelker hervor, zuerst der Roxolaner, dann der Daker, dann der Sarmaten, das heisst wohl der Jazygen. Es waren schwere Kaempfe; in einem dieser Gefechte, wie es scheint gegen die Jazygen, blieb der tapfere Statthalter von Moesien, Gaius Fonteius Agrippa. Dennoch schritt Vespasian nicht zu einer Vermehrung der Donauarmee ^9; die Notwendigkeit, die asiatischen Garnisonen zu verstaerken, muss noch dringender erschienen sein und die damals besonders gebotene Sparsamkeit verbot jede Erhoehung der Gesamtarmee. Er begnuegte sich, wie es die Befriedung des Binnenlandes erlaubte und die an der Grenze bestehenden Verhaeltnisse sowie die durch die Einziehung Thrakiens herbeigefuehrte Aufloesung der thrakischen Truppen gebieterisch verlangten, die grossen Lager der Donauarmee an die Reichsgrenze vorzuschieben. So kamen die pannonischen von der Drau weg dem Suebenreich gegenueber nach Carnuntum und Vindobona und die dalmatischen von der Kerka und der Cettina an die moesischen Donauufer ^10, so dass der Statthalter von Moesien seitdem ueber die doppelte Zahl von Legionen verfuegte.


^9 In Pannonien standen um das Jahr 70 zwei Legionen, die 13. gemina und die 15. Apollinaris, fuer welche letztere waehrend ihrer Beteiligung am Armenischen Krieg einige Zeit die 7. gemina eintrat (CIL III, p. 482). Von den beiden spaeter hinzugetretenen Legionen, 1. adiutrix und 2. adiutrix, lag die erste noch im Anfang der Regierung Traians in Obergermanien und kann erst unter diesem nach Pannonien gekommen sein; die zweite unter Vespasian in Britannien stationierte ist wahrscheinlich erst unter Domitian nach Pannonien gekommen. Auch das moesische Heer zaehlte nach der Vereinigung mit dem dalmatischen unter Vespasian wahrscheinlich nur vier Legionen, also soviel wie bisher beide Heere zusammen, die spaeteren obermoesischen 4. Flavia und 7. Claudia und die spaeteren untermoesischen 1. Italica und 5. Macedonica. Die durch die Hin- und Hermaersche des Vierkaiserjahres verschobenen Stellungen (Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 2, S. 435), welche zeitweilig drei Legionen nach Moesien brachten, duerfen nicht taeuschen. Die spaetere dritte untermoesische Legion, die 11., stand noch unter Traian in Obergermanien. ^10 Ios. bel. Iud. 7, 4, 3: pleiosi kai meizosi phylakais ton topon dielaben, /o/s einai tois barbaroist/e/n diabasin tele/o/s ad?naton. Damit scheint die Verlegung der beiden dalmatischen Legionen nach Mphsien gemeint. Wohin sie gelegt wurden, wissen wir nicht. Nach der sonstigen roemischen Weise ist es wahrscheinlicher, dass sie in dem Umkreis des bisherigen Hauptquartiers Viminacium stationiert worden sind als in der entfernten Gegend der Donaumuendungen. Die Entstehung der dortigen Lager ist wohl erst erfolgt bei der Teilung des moesischen Kommandos und bei Einrichtung der selbstaendigen Provinz Untermoesien unter Domitian.


Eine Verschiebung der Machtverhaeltnisse zu Ungunsten Roms trat unter Domitian ein ^11, oder es wurden vielmehr damals die Konsequenzen der ungenuegenden Grenzverteidigung gezogen. Nach dem wenigen, was wir darueber wissen, knuepfte die Wandlung der Dinge, ganz wie die gleiche in Caesars Zeit, an einen einzelnen dakischen Mann an; was Koenig Burebista geplant hatte, schien Koenig Decebalus ausfuehren zu sollen. Wie sehr in seiner Persoenlichkeit die eigentliche Triebfeder lag, beweist die Erzaehlung, dass der Dakerkoenig Duras, um den rechten Mann an die rechte Stelle zu bringen, zu Gunsten des Decebalus von seinem Amt zuruecktrat. Dass Decebalus, um zu schlagen, vor allem organisierte, beweisen die Berichte ueber seine Einfuehrung der roemischen Disziplin bei der dakischen Armee und die Anwerbung tuechtiger Leute unter den Roemern selbst, und selbst die nach dem Siege von ihm den Roemern gestellte Bedingung, ihm zur Unterweisung der Seinigen in den Handwerken des Friedens wie des Krieges die noetigen Arbeiter zu liefern. In welchem grossen Stil er sein Werk ergriff, beweisen die Verbindungen, die er nach Westen und Osten anknuepfte, mit den Sueben und den Jazygen und sogar mit den Parthern. Die Angreifenden waren die Daker. Der Statthalter der Provinz Moesien, der ihnen zuerst entgegentrat, Oppius Sabinus, liess sein Leben auf dem Schlachtfelde. Eine Reihe kleinerer Lager wurde erobert, die grossen bedroht, der Besitz der Provinz selbst stand in Frage. Domitianus selbst begab sich zu der Armee und sein Stellvertreter - er selbst war kein Feldherr und blieb zurueck -, der Gardekommandant Cornelias Fuscus, fuehrte das Heer ueber die Donau; aber er buesste das unbedachte Vorgehen mit einer schweren Niederlage, und auch er, der zweite Hoechstkommandierende, blieb vor dem Feind. Sein Nachfolger Iulianus, ein tuechtiger Offizier, schlug die Daker in ihrem eigenen Gebiet in einer grossen Schlacht bei Tapae und war auf dem Wege, dauernde Erfolge zu erreichen. Aber waehrend der Kampf gegen die Daker schwebte, hatte Domitianus die Sueben und die Jazygen mit Krieg ueberzogen, weil sie es unterlassen hatten, ihm Zuzug gegen jene zu senden; die Boten, die dies zu entschuldigen kamen, liess er hinrichten ^12. Auch hier verfolgte das Missgeschick die roemischen Waffen. Die Markomannen erfochten einen Sieg ueber den Kaiser selbst; eine ganze Legion ward von den Jazygen umzingelt und niedergehauen. Durch diese Niederlage erschuettert, schloss Domitian trotz der von Iulianus ueber die Daker gewonnenen Vorteile mit diesen voreilig einen Frieden, der ihn zwar nicht hinderte, dem Vertreter des Decebalus in Rom, Diegis, gleich als waere dieser Lehnstraeger der Roemer, die Krone zu verleihen und als Sieger auf das Kapitol zu ziehen, der aber in Wirklichkeit einer Kapitulation gleich kam. Wozu Decebalus bei dem Einruecken des roemischen Heeres in Dakien sich hoehnisch erboten hatte, jeden Mann, fuer den ihm eine jaehrliche Zahlung von 2 Assen zugesichert werde, ungeschaedigt nach Hause zu entlassen, das wurde beinahe wahr; in dem Frieden wurden mit einer jaehrlich zu entrichtenden Abstandssumme die Einfaelle in Moesien abgekauft.


^11 Die Chronologie des dakischen Krieges liegt sehr im Ungewissen. Dass er bereits vor dem Chattenkrieg (83) begonnen hat, lehrt die karthagische Inschrift CIL VIII, 1082 eines dreimal von Domitian, im dakischen, im germanischen und wieder im dakischen Kriege dekorierten Soldaten. Eusebius setzt den Ausbruch des Krieges oder vielmehr den ersten grossen Kampf in das Jahr Abrahams 2101 oder 2102 = n. Chr. 85 (genauer 1. Oktober 84-30. September 85) oder 86, den Triumph in das Jahr 2106 = 90; auf voellige Zuverlaessigkeit haben diese Zahlen freilich keinen Anspruch. Mit einiger Wahrscheinlichkeit wird der Triumph in das Jahr 89 gesetzt (W. Henzen, Acta fratrum Arvalium. Berlin 1874, S. 116). ^12 Das Fragment Dio 67, 7, 1 Dind. steht in der Folge der Ursinischen Exzerpte vor 67, 5, 1 bis 3 und gehoert auch nach der Folge der Ereignisse vor die Verhandlung mit den Lugiern. Vgl. Hermes 3, 1868, S. 115.


Hier musste Wandel geschafft werden. Auf Domitian, der wohl ein guter Reichsverwalter, aber stumpf fuer die Forderungen der militaerischen Ehre war, folgte nach dem kurzen Regiment Nervas Kaiser Traianus, der, zuerst und vor allem Soldat, nicht bloss jenen Vertrag zerriss, sondern auch die Massregeln danach traf, dass aehnliche Dinge sich nicht wiederholten. Der Krieg gegen die Sueben und Sarmaten, der bei Domitians Tod (96) noch dauerte, ward, wie es scheint, unter Nerva im Jahre 97 gluecklich beendigt. Der neue Kaiser ging, noch bevor er in die Hauptstadt des Reiches seinen Einzug hielt, vom Rhein an die Donau, wo er im Winter 98/99 verweilte, aber nicht, um sofort die Daker anzugreifen, sondern um den Krieg vorzubereiten; in diese Zeit gehoert die an die Strassenbauten in Obergermanien anschliessende Anlage der am rechten Donauufer, in der Gegend von Orsowa, im Jahre 100 vollendeten Strasse. Zum Kriege gegen die Daker, in dem er wie in allen seinen Feldzuegen selbst kommandierte, ging er erst im Fruehjahr 101 ab. Er ueberschritt die Donau unterhalb Viminacium und rueckte gegen die nicht weit davon entfernte Hauptstadt des Koenigs Sarmizegetusa vor. Decebalus mit seinen Verbuendeten - die Barer und andere nordwaerts wohnende Staemme beteiligten sich an diesem Kampf - leistete entschlossenen Widerstand, und nur mit heftigen und blutigen Gefechten bahnten die Roemer sich den Weg; die Zahl der Verwundeten war so gross, dass der Kaiser seine eigene Garderobe den Aerzten zur Verfuegung stellte. Aber der Sieg schwankte nicht. Eine feste Burg nach der anderen fiel; die Schwester des Koenigs, die Gefangenen aus dem vorigen Krieg, die den Heeren Domitians abgenommenen Feldzeichen fielen den Roemern in die Haende; durch Traianus selbst und durch den tapferen Lusius Quietus in die Mitte genommen, blieb dem Koenig nichts uebrig als vollstaendige Ergebung (102). Auch verlangte Traianus nichts geringeres als den Verzicht auf die souveraene Gewalt und den Eintritt des Dakischen Reiches in die roemische Klientel. Die Ueberlaeufer, die Waffen, die Kriegsmaschinen, die einst fuer diese von Rom gestellten Arbeiter massten abgeliefert werden und der Koenig persoenlich vor dem Sieger den Fussfall tun; er begab sich des Rechts auf Krieg und Frieden und versprach die Heerfolge; die Festungen wurden entweder geschleift oder den Roemern ausgeliefert und in diesen, vor allem in der Hauptstadt, blieb roemische Besatzung. Die maechtige steinerne Bruecke, die Traian bei Drobetae (gegenueber Turnu Severinului) ueber die Donau schlagen liess, stellte die Verbindung auch in der schlimmen Jahreszeit sicher und gab den dakischen Besatzungen an den nahen Legionen Obermoesiens einen Rueckhalt. Aber die dakische Nation und vor allem der Koenig selbst wussten sich in die Abhaengigkeit nicht so zu fuegen, wie es die Koenige von Kappadokien und Mauretanien verstanden hatten, oder hatten vielmehr das Joch nur auf sich genommen in der Hoffnung, bei erster Gelegenheit sich desselben wieder zu entledigen. Die Anzeichen dafuer traten bald hervor. Ein Teil der auszuliefernden Waffen wurde zurueckgehalten, die Kastelle nicht, wie es bedungen war, uebergeben, roemischen Ueberlaeufern auch ferner noch eine Freistatt gewaehrt, den mit den Dakern verfeindeten Jazygen Gebietsstuecke entrissen oder vielleicht auch nur deren Grenzverletzungen nicht hingenommen, mit den entfernteren, noch freien Nationen ein lebhafter und bedenklicher Verkehr unterhalten. Traianus musste sich ueberzeugen, dass er halbe Arbeit gemacht, und kurz entschlossen, wie er war, erklaerte er, ohne auf weitere Verhandlungen sich einzulassen, drei Jahre nach dem Friedensschluss (105) dem Koenig abermals den Krieg. Gern haette dieser ihn abgewandt; aber die Forderung, sich gefangen zu geben, sprach allzu deutlich. Es blieb nichts als der Kampf der Verzweiflung, und dazu waren nicht alle bereit; ein grosser Teil der Daker unterwarf sich ohne Gegenwehr. Der Aufruf an die Nachbarvoelker, in die Abwehr fuer die auch ihrer Freiheit und ihrem Volkstum drohende Gefahr mit einzutreten, verhallte ohne Wirkung; Decebalus und die ihm treugebliebenen Daker standen in diesem Krieg allein. Die Versuche, den kaiserlichen Feldherrn durch Ueberlaeufer aus dem Wege zu schaffen, oder mit der Losgebung eines gefangengenommenen hohen Offiziers ertraegliche Bedingungen zu erkaufen, scheiterten ebenfalls. Der Kaiser zog abermals als Sieger in die feindliche Hauptstadt ein und Decebalus, der bis zum letzten Augenblick mit dem Verhaengnis gerungen hatte, gab, als alles verloren war, sich selber den Tod (107). Diesmal machte Traianus ein Ende; der Krieg galt nicht mehr der Freiheit des Volkes, sondern seiner Existenz. Aus dem besten Teile des Landes wurde die eingeborene Bevoelkerung ausgetrieben und diese Striche mit einer, fuer die Bergwerke aus den Gebirgen Dalmatiens, sonst ueberwiegend, wie es scheint, aus Kleinasien herangezogenen nationslosen Bevoelkerung wiederbesetzt. In manchen Gegenden freilich blieb dennoch die alte Bevoelkerung und behauptete sich sogar die Landessprache ^13; diese Daker sowohl wie die ausserhalb der Grenzen hausenden Splitter haben auch nachher noch, zum Beispiel unter Commodus und Maximinus, den Roemern zu schaffen gemacht; aber sie standen vereinzelt und verkamen. Die Gefahr, mit der der kraeftige Thrakerstamm mehrmals die roemische Herrschaft bedroht hatte, durfte nicht wiederkehren, und dies Ziel hat Traianus erreicht. Das traianische Rom war nicht mehr das der hannibalischen Zeit; aber es war immer noch gefaehrlich, die Roemer besiegt zu haben.


^13 Arr. takt. 44 erwaehnt unter den Aenderungen, die Hadrian bei der Kavallerie einfuehrte, dass er den einzelnen Abteilungen ihre nationalen Schlachtrufe gestattet habe, Keltiko?s men tois Keltois ippe?sin, Getiko?s de tois Getais, Raitikoys de osoi ek Rait/o/n.


Die stattliche Saeule, welche sechs Jahre darauf dem Kaiser von dem Reichssenat auf dem neuen Traiansmarkt der Hauptstadt errichtet ward und die ihn heute noch schmueckt, ist ein Zeugnis der verwuesteten Geschichtsueberlieferung der roemischen Kaiserzeit, wie wir kein zweites besitzen. In ihrer ganzen Hoehe von genau 100 roemischen Fuss ist sie bedeckt mit einzelnen Darstellungen - man zaehlt deren 124; ein gemeisseltes Bilderbuch der dakischen Kriege, zu welchem uns fast ueberall der Text fehlt. Wir sehen die Wachttuerme der Roemer mit ihrem spitzen Dach, ihrem pallisadierten Hof, ihrem oberen Umgang, ihren Feuersignalen. Die Stadt am Ufer des Donaustroms, dessen Flussgott den roemischen Kriegern zuschaut, wie sie unter ihren Feldzeichen auf der Schiffbruecke entlangziehen. Den Kaiser selbst im Kriegsrat, dann vor den Waellen des Lagers am Altar opfernd. Es wird erzaehlt, dass die den Dakern verbuendeten Burer den Traian vom Kriege abmahnten in einem lateinischen, auf einen gewaltigen Pilz geschriebenen Spruch: man meint, diesen Pilz zu erkennen, auf ein Saumtier geladen, von dem gestuerzt ein Barbar mit der Keule, auf dem Boden liegend, dem heranschreitenden Kaiser mit dem Finger den Pilz weist. Wir sehen das Lager schlagen, die Baeume faellen, Wasser holen, die Bruecke legen. Die ersten gefangenen Daker, leicht kenntlich an ihren langaermligen Kitteln und ihren weiten Hosen, werden, die Haende auf den Ruecken gebunden und an ihrem langen Haarbusch von den Soldaten gefasst, vor den Kaiser gefuehrt. Wir sehen die Gefechte, die Speer- und Steinschleuderer, die Sicheltraeger, die Bogenschuetzen zu Fuss, die auch den Bogen fuehrenden schweren Panzerreiter, die Drachenfahne der Daker, die feindlichen Offiziere, geschmueckt mit dem Zeichen ihres Ranges, der runden Muetze, den Fichtenwald, in den die Daker ihre Verwundeten tragen, die abgehauenen Koepfe der Barbaren, vor dem Kaiser niedergelegt. Wir sehen das dakische Pfahldorf mitten im See, in dessen runde Huetten mit spitzem Dach die Brandfackeln fliegen. Frauen und Kinder flehen den Kaiser um Gnade an. Die Verwundeten werden gepflegt und verbunden, Ehrenzeichen an Offiziere und Soldaten ausgeteilt. Dann geht es weiter im Kampf: die feindlichen Verschanzungen, teils von Holz, teils Steinmauern, werden angegriffen, das Belagerungsgeschuetz faehrt auf, die Leitern werden herangetragen, unter dem Schilderdach greift die Sturmkolonne an. Endlich liegt der Koenig mit seinem Gefolge zu den Fuessen Traians; die Drachenfahnen sind in Roemerhand; die Truppen begruessen jubelnd den Imperator; vor den aufgetuermten Waffen der Feinde steht die Victoria und beschreibt die Tafel des Sieges.. Es folgen die Bilder des zweiten Krieges, im ganzen der ersten Reihe gleichartig; bemerkenswert ist eine grosse Darstellung, welche, nachdem die Koenigsburg in Flammen aufgegangen ist, die Fuersten der Daker zu zeigen scheint, sitzend um einen Kessel und einer nach dem andern den Giftbecher leerend; eine andere, wo des tapferen Dakerkoenigs Haupt auf einer Schuessel dem Kaiser gebracht wird; endlich das Schlussbild, die lange Reihe der Besiegten mit Frauen, Kindern und Herden aus der Heimat abziehend. Die Geschichte dieses Krieges hat der Kaiser selbst geschrieben, wie Friedrich der Grosse die des Siebenjaehrigen, und nach ihm viele andere; uns ist alles dies verloren, und wie niemand es wagen wuerde, nach Menzels Bildern die Geschichte des Siebenjaehrigen Krieges zu erfinden, so bleibt auch uns nur mit dem Einblick in halb verstaendliche Einzelheiten die schmerzliche Empfindung einer bewegten und grossen, auf ewig verblassten und selbst fuer die Erinnerung vergangenen geschichtlichen Katastrophe. Die Grenzverteidigung im Donaugebiet wurde infolge der Verwandlung Dakiens in eine roemische Provinz nicht in dem Grade verschoben, wie man wohl erwarten sollte; eine eigentliche Veraenderung der Verteidigungslinie trat nicht ein, sondern es wurde die neue Provinz im ganzen als eine exzentrische Position behandelt, die nur nach Sueden hin, an der Donau selbst, unmittelbar mit dem roemischen Gebiet zusammenhing, nach den anderen drei Seiten in das barbarische Land hineinragte. Die zwischen Pannonien und Dakien sich erstreckende Theissebene blieb auch ferner den Jazygen; es haben sich wohl Reste alter Waelle gefunden, die von der Donau ueber die Theiss weg bis an das dakische Gebirge fuehren und das Jazygengebiet noerdlich begrenzen, aber ueber die Zeit und die Urheber dieser Verschanzungen ist nichts Sicheres ermittelt. Auch Bessarabien wird von einer doppelten Sperrlinie durchschnitten, welche, vom Prut zum Dnjestr laufend, bei Tyra endigt, und nach den darueber bis jetzt vorliegenden, ungenuegenden Berichten von den Roemern herzuruehren scheint ^14. Ist dies der Fall, so sind die Moldau und die suedliche Haelfte von Bessarabien sowie die gesamte Walachei dem Roemischen Reich einverleibt gewesen. Aber mag dies auch nominell geschehen sein, effektiv hat die Roemerherrschaft sich schwerlich auf diese Laender erstreckt; wenigstens fehlt es an sicheren Beweisen roemischer Ansiedlung bis jetzt sowohl in der oestlichen Walachei wie in der Moldau und in Bessarabien voellig. Auf alle Faelle blieb hier viel mehr noch als in Germanien der Rhein die Donau die Grenze der roemischen Zivilisation und der eigentliche Stuetzpunkt der Grenzverteidigung. Die Positionen an dieser wurden erheblich verstaerkt. Es war ein Gluecksfall fuer Rom, dass, waehrend die Voelkerbrandung an der Donau stieg, sie am Rhein sank und die dort entbehrlich gewordenen Truppen anderweitig verfuegbar wurden. Wenn noch unter Vespasian wahrscheinlich nicht mehr als sechs Legionen an der Donau standen, so ist deren Zahl durch Domitianus und Traianus spaeter auf zehn gesteigert, womit zusammenhaengt, dass die bisherigen beiden Oberkommandanturen von Moesien und Pannonien, die erstere unter Domitian, die zweite unter Traian, geteilt wurden und, indem weiter die dakische hinzutrat, die Gesamtzahl der Kommandanturen an der unteren Donau sich auf fuenf stellte. Anfaenglich scheint man freilich die Ecke, welche dieser Strom unterhalb Durostorum (Silistria) macht, die heutige Dobrudscha, abgeschnitten und von dem heutigen Ort Rassowa an, wo der Fluss bis auf sieben deutsche Meilen sich dem Meere naehert, um dann fast im rechten Winkel nach Norden abzubiegen, die Flusslinie durch eine befestigte Strasse nach Art der britannischen ersetzt zu haben, welche bei Tomis die Kueste erreichte ^15. Indes diese Ecke ist wenigstens seit Hadrian in die roemische Grenzbefestigung eingezogen worden; denn von da an finden wir Untermoesien, das vor Traian wahrscheinlich gar keine groesseren staendigen Besatzungen gehabt hatte, belegt mit den drei Legionslagern von Novae (bei Svischtova), Durostorum (Silistria) und Troesmis (Iglitza bei Galatz), von welchen das letzte eben jener Donauecke vorliegt. Gegen die Jazygen wurde die Stellung dadurch verstaerkt, dass zu den obermoesischen Lagern bei Singidunuum und Viminacium das unterpannonische an der Muendung der Theiss in die Donau bei Acumincum hinzutrat. Dakien selbst ist damals nur schwach besetzt worden. Die Hauptstadt, jetzt traianische Kolonie Sarmizegetusa, lag nicht weit von den Hauptuebergaengen ueber die Donau in Obermoesien; hier und an dem mittleren Marisus sowie jenseits desselben, in dem Bezirk der Goldgruben, haben die Roemer vorzugsweise sich ansaessig gemacht; auch die eine seit Traian in Dakien garnisonierende Legion hat ihr Hauptquartier wenigstens bald nachher in dieser Gegend bei Apulum (Karlsburg) erhalten. Weiter noerdlich sind Potaissa (Thorda) und Napoca (Klausenburg) wohl auch sofort von den Roemern in Besitz genommen worden, aber erst allmaehlich schoben die grossen pannonisch-dakischen Militaerzentren sich weiter gegen Norden vor. Die Verlegung der unterpannonischen Legion von Acumincum nach Aquincum, dem heutigen Ofen, und die Okkupierung dieser militaerisch beherrschenden Position faellt nicht spaeter als Hadrian und wahrscheinlich unter ihn; wohl gleichzeitig ist die eine der oberpannonischen Legionen nach Brigetio (gegenueber Komorn) gekommen. Unter Commodus wurde an der Nordgrenze Dakiens in der Breite von einer deutschen Meile jede Ansiedelung untersagt, was mit den spaeter zu erwaehnenden Grenzordnungen nach dem Markomannenkrieg zusammenhaengen wird. Damals moegen auch die befestigten Linien entstanden sein, welche diese Grenze, aehnlich wie die obergermanische, sperrten. Unter Severus kam eine der bisher niedermoesischen Legionen an die dakische Nordgrenze nach Potaissa (Thorda). Aber auch nach diesen Verlegungen bleibt Dakien eine von Bergen und Schanzen gedeckte, vorgeschobene Stellung am linken Ufer, bei der es wohl zweifelhaft sein mochte, ob sie die allgemeine Defensivstellung der Roemer mehr foerderte oder mehr beschwerte. Hadrianus hat in der Tat daran gedacht, dies Gebiet aufzugeben, also dessen Einverleibung als einen Fehler betrachtet; nachdem sie einmal geschehen war, ueberwog allerdings die Ruecksicht, wenn nicht auf die eintraeglichen Goldgruben des Landes, so doch auf die rasch sich entwickelnde roemische Zivilisation im Marisusgebiet. Aber wenigstens den Oberbau der steinernen Donaubruecke liess er entfernen, da ihm die Besorgnis vor der Benutzung derselben durch die Feinde schwerer wog als die Ruecksicht auf die dakische Besatzung. Die spaetere Zeit hat von dieser Aengstlichkeit sich freigemacht; aber die exzentrische Stellung Dakiens zu der uebrigen Grenzverteidigung ist geblieben.


^14 Die Waelle, welche 3 Meter hoch, 2 Meter dick, mit breitem Aussengraben und vielen Resten von Kastellen in zwei fast parallelen Linien, teils in der Laenge vor. 150 Kilometern vom linken Ufer des Pruth ueber Tabak und Tatarbunar zum Dnjestr-Liman zwischen Akerman und dem Schwarzen Meer, teils in der Laenge von 100 Kilometern von Leowa am Pruth zum Dnjestr unterhalb Bendery ziehen (Petermanns Geographische Mittheilungen 1857, S. 129), moegen wohl auch roemisch sein; aber es fehlt bis jetzt an jeder genaueren Feststellung. ^15 Nach v. Vinckes Aufnahme (Monatsberichte ueber die Verhandlungen der Gesellschaft fuer Erdkunde in Berlin 1, 1839/40, S. 179 f.; vgl. in v. Moltkes Briefen ueber Zustaende in der Tuerkei den vom 2. November 1837) sowie nach den mir mitgeteilten Aufzeichnungen und Plaenen des Herrn Dr. C. Schuchhardt sind hier drei Sperrungen angelegt. Die suedlichste, wahrscheinlich aelteste, ist ein einfacher Erdwall mit (auffallender Weise) gegen Sueden vorliegendem Graben; ob roemischen Ursprungs, kann zweifelhaft sein. Die beiden anderen Linien sind ein jetzt noch vielfach bis 3 Meter hoher Erd- und ein niederigerer einst mit Steinen gefuetterter Wall, die oft dicht nebeneinander her, anderswo wieder stundenweit voneinander entfernt laufen. Man moechte sie fuer die beiden Verteidigungslinien einer befestigten Strasse halten, wenn auch in der oestlichen Haelfte der Erdwall, in der suedlicheren der Steinwall der noerdlichere ist und sie in der Mitte sich kreuzen. An einer Stelle bildet der (hier suedlichere) Erdwall die Hinterseite eines hinter dem Steinwall angelegten Kastells. Der Erdwall ist auf der Nordseite von einem tiefen, auf der Suedseite von einem flachen Graben gedeckt; jeden Graben schliesst ein Aufwurf ab. Dem Steinwall liegt auch noerdlich ein Graben vor. Hinter dem Erdwall, und meist an ihn angelehnt, finden sich je 750 Meter voneinander entfernt Kastelle; andere in unregelmaessigen Entfernungen desgleichen hinter dem Steinwall. Alle Linien halten sich hinter den Karasu-Seen als der natuerlichen Verteidigungsstuetze; von da, wo diese aufhoert, bis zum Meer sind sie mit geringer Ruecksicht auf die Terrainverhaeltnisse gefuehrt. Die Stadt Tomis liegt ausserhalb des Walls und noerdlich davon; es sind aber ihre Festungsmauern durch einen besonderen Wall mit der Sperrbefestigung in Verbindung gesetzt.


Die sechzig Jahre nach den Dakerkriegen Traians sind fuer die Donaulaender eine Zeit des Friedens und der friedlichen Entwicklung gewesen. Ganz zur Ruhe kam es freilich, namentlich an den Donaumuendungen, nie, und auch das bedenkliche Hilfsmittel von den angrenzenden, unruhigen Nachbarn, aehnlich wie es mit Decebalus geschehen war, durch Aussetzung jaehrlicher Gratiale die Grenzsicherheit zu erkaufen, ist ferner angewandt worden ^16; dennoch zeigen die Reste des Altertums eben in dieser Zeit ueberall das Aufbluehen staedtischen Lebens, und nicht wenige Gemeinden namentlich Pannoniens nennen als ihren Stifter Hadrian oder Pius. Aber auf diese Stille folgte ein Sturm, wie das Kaisertum noch keinen bestanden hatte, und der, obwohl eigentlich auch nur ein Grenzkrieg, durch seine Ausdehnung ueber eine Reihe von Provinzen und durch seine dreizehnjaehrige Dauer das Reich selbst erschuetterte.


^16 Vita Hadriani 6: cum rege Roxolanorum qui de imminutis stipendiis querebatur cognito negotio pacem composuit.


Den nach den Markomannen benannten Krieg hat nicht eine einzelne Persoenlichkeit vom Schlage des Hannibal und des Decebalus angefacht. Ebensowenig haben Uebergriffe roemischerseits diesen Krieg heraufbeschworen; Kaiser Pius verletzte keinen Nachbarn, weder den maechtigen, noch den geringen, und hielt den Frieden fast mehr als billig hoch. Das Reich des Maroboduus und des Vannius hatte sich seitdem, vielleicht infolge der Teilung unter Vangio und Sido, in das Koenigtum der Markomannen im heutigen Boehmen und das der Quaden in Maehren und Oberungarn geschieden. Konflikte mit den Roemern scheinen hier nicht stattgefunden zu haben; das Lehnsverhaeltnis der Quadenfuersten wurde sogar unter Pius' Regierung durch die erbetene Bestaetigung in foermlicher Weise anerkannt. Voelkerverschiebungen, die jenseits des roemischen Horizonts liegen, sind die naechste Ursache des grossen Krieges gewesen. Bald nach Pius' Tode (161) erschienen Haufen von Germanen, namentlich Langobarden von der Elbe her, aber auch Markomannen und andere Mannschaften in Pannonien, es scheint, um neue Wohnsitze am rechten Ufer zu gewinnen. Gedraengt von den roemischen Truppen, die ihnen entgegengeschickt wurden, entsandten sie den Markomannenfuersten Ballomarius und mit ihm je einen Vertreter der zehn beteiligten Staemme, um ihre Bitte um Landanweisung zu erneuern. Aber der Statthalter liess es bei dem Bescheid und zwang sie, ueber die Donau zurueckzugehen. Dies ist der Anfang des grossen Donaukrieges ^17. Auch der Statthalter von Obergermanien, Gaius Aufidius Victorinus, der Schwiegersohn des literarisch bekannten Fronto, hatte bereits um das Jahr 162 einen Ansturm der Chatten abzuschlagen, welcher ebenfalls durch nachdraengende Voelkerschaften von der Elbe her veranlasst sein mag. Waere gleich energisch eingeschritten worden, so haette groesserem Unheil vorgebeugt werden koennen. Aber eben damals hatte der Armenische Krieg begonnen, in den bald die Parther eintraten; wenn auch die Truppen nicht gerade von der bedrohten Grenze weg nach dem Osten geschickt wurden, wofuer wenigstens keine Beweise vorliegen ^18, so fehlte es doch an Mannschaft, um den zweiten Krieg sofort energisch aufzunehmen. Dies Temporisieren hat sich schwer geraecht. Eben als in Rom ueber die Koenige des Ostens triumphiert ward, brachen an der Donau die Chatten, die Markomannen, die Quaden, die Jazygen wie mit einem Schlag ein in das roemische Gebiet. Raetien, Noricum, beide Pannonien, Dakien waren im selben Augenblick ueberschwemmt; im dakischen Grubendistrikt koennen noch wir die Spuren dieses Einbruchs verfolgen. Welche Verheerungen sie in diesen Landschaften, die seit langem keinen Feind gesehen hatten, damals anrichteten, zeigt die Tatsache, dass mehrere Jahre spaeter die Quaden erst 13000, dann noch 50000, die Jazygen gar 100000 roemische Gefangene zurueckgaben. Es blieb nicht einmal bei der Schaedigung der Provinzen. Es geschah, was seit drei Jahrhunderten nicht geschehen war und anfing als unmoeglich zu gelten: die Barbaren durchbrachen den Alpenwall und fielen in Italien selbst ein; von Raetien aus zerstoerten sie Opitergium (Oderzo), die Scharen von der Julischen Alpe berannten Aquileia ^19. Niederlagen einzelner roemischer Armeekorps muessen mehrfach stattgefunden haben; wir erfahren nur, dass einer der Gardekommandanten, Victorinus, vor dem Feind blieb und die Reihen der roemischen Heere sich in arger Weise lichteten.


^17 Vita Marci 14: gentibus quae pulsae a superioribus barbaris fugerant nisi reciperentur bellum ireferentibus. Dio bei Petrus Patricius fr. 6: Laggibard/o/n kai Obi/o/n (sonst unbekannt) exakischili/o/n Istr/o/n perai/o/thent/o/n t/o/n peri Bindika (vielleicht schon damals praef. praetorio, in welchem Fall die Garde wegen dieses Vorganges ausmarschiert waere) ippe/o/n exelasant/o/n kai t/o/n amphi Kandidon pez/o/n epiphthasant/o/n eis pantel/e/ phyg/e/n oi barbaroi etraponto. eph'ois o?t/o/ prachth/e/sin en deei katastantes ek pr/o/t/e/s epicheir/e/se/o/s oi barbaroi presbeis para Ailion Basson t/e/n Paionian dieponta stelloysi Ballomarion te ton basilea Markoman/o/n kai eteroys deka, kat' ethnos epilexamenoi ena. kai orkois t/e/n eir/e/n/e/n oi presbeis pist/o/samenoi oikade ch/o/ro?sin. Dass dieser Vorfall vor den Ausbruch des Krieges faellt, zeigt seine Stellung; fr. 7 des Patricius ist Exzerpt aus Dio 71, 11, 2. ^18 Das moesische Heer gab Soldaten zum Armenischen Krieg ab (O. Hirschfeld, Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, S. 41); aber hier war die Grenze nicht gefaehrdet. ^19 Die Beteiligung der rechtsrheinischen Germanen bezeugt Dio 71, 3, und nur dadurch erklaeren sich die Massregeln, die Marcus fuer Raetia und Noricum traf. Auch die Lage von Oderzo spricht dafuer, dass diese Angreifer ueber den Brenner kamen.


Der schwere Angriff traf den Staat zur ungluecklichsten Stunde. Zwar der orientalische Krieg war beendigt; aber in seinem Gefolge hatte eine Seuche sich in Italien und dem ganzen Westen verbreitet, die dauernder als der Krieg und in entsetzlicherem Masse die Menschen hinraffte. Wenn die Truppen, wie es notwendig war, zusammengezogen wurden, so fielen der Pest die Opfer nur um so zahlreicher. Wie zu der Pestilenz immer die teure Zeit gehoert, so erschien auch hier mit ihr Misswachs und Hungersnot und schwere Finanzkalamitaet - die Steuern gingen nicht ein, und im Laufe des Krieges sah sich der Kaiser veranlasst, die Kleinodien seines Palastes in oeffentlicher Auktion zu veraeussern. Es fehlte an einem geeigneten Leiter. Eine so ausgedehnte und so verwickelte militaerisch- politische Aufgabe konnte, wie die Dinge in Rom lagen, kein beauftragter Feldherr, sondern allein der Herrscher selbst auf sich nehmen. Marcus hatte, in richtiger und bescheidener Erkenntnis dessen, was ihm abging, bei der Thronbesteigung sich seinen juengeren Adoptivbruder Lucius Verus gleichberechtigt zur Seite gestellt, in der wohlwollenden Voraussetzung, dass der flotte junge Mann, wie er ein tuechtiger Fechter und Jaeger war, so auch zum faehigen Feldherrn sich entwickeln werde. Aber den scharfen Blick des Menschenkenners besass der ehrliche Kaiser nicht; die Wahl war so ungluecklich wie moeglich ausgefallen; der eben beendigte Parthische Krieg hatte den nominellen Feldherrn als eine wueste Persoenlichkeit und einen unfaehigen Offizier gezeigt. Verus' Mitregentschaft war nichts als eine Kalamitaet mehr, die freilich durch seinen, nicht lange nach dem Ausbruch des Markomannischen Krieges erfolgten Tod (169) in Wegfall kam. Marcus, seinen Neigungen nach mehr reflektiv als dem praktischen Leben zugewandt und ganz und gar kein Soldat, ueberhaupt keine hervorragende Persoenlichkeit, uebernahm die ausschliessliche und persoenliche Leitung der erforderlichen Operationen. Er mag dabei im einzelnen Fehler genug gemacht haben, und vielleicht geht die lange Dauer der Kaempfe darauf mit zurueck; aber die Einheit des Oberbefehls, die klare Einsicht in den Zweck der Kriegfuehrung, die Folgerichtigkeit des staatsmaennischen Handelns, vor allem die Rechtschaffenheit und Festigkeit des seines schweren Amtes mit selbstvergessener Treue waltenden Mannes haben schliesslich den gefaehrlichen Ansturm gebrochen. Es ist dies ein um so hoeheres Verdienst, als der Erfolg mehr dem Charakter als dem Talent verdankt wird. Worauf man sich gefasst machte, zeigt die Tatsache, dass die Regierung, trotz des Mangels an Menschen und an Geld, in dem ersten Jahre dieses Krieges mit ihren Soldaten und auf ihre Kosten die Mauern der Hauptstadt Dalmatiens, Salonae, und der Hauptstadt Thrakiens, Philippopolis, herstellen liess; sicher sind dies nicht vereinzelte Anordnungen gewesen. Man musste sich darauf vorbereiten, die Nordlaender ueberall die grossen Staedte des Reiches berennen zu sehen; die Schrecken der Gotenzuege pochten schon an die Pforten und wurden vielleicht fuer diesmal nur dadurch abgewandt, dass die Regierung sie kommen sah. Die unmittelbare Oberleitung der militaerischen Operationen und die durch die Sachlage geforderte Regulierung der Beziehungen zu den Grenzvoelkern und Reformierung der bestehenden Ordnungen an Ort und Stelle durfte weder fehlen noch dem charakterlosen Bruder oder Einzelfuehrern ueberlassen werden. In der Tat aenderte sich die Lage der Dinge, sowie die beiden Kaiser in Aquileia eintrafen, um von dort mit dem Heer nach dem Kriegsschauplatz abzugehen. Die Germanen und Sarmaten, wenig in sich geeinigt und ohne gemeinschaftliche Leitung, fuehlten sich solchem Gegenschlag nicht gewachsen. Die eingedrungenen Haufen zogen ueberall sich zurueck; die Quaden sandten den kaiserlichen Statthaltern ihre Unterwerfung ein, und vielfach buessten die Fuehrer der gegen die Roemer gerichteten Bewegung diesen Rueckschlag mit dem Leben. Lucius meinte, dass der Krieg Opfer genug gefordert habe und riet zur Rueckkehr nach Rom. Aber die Markomannen verharrten in trotzigem Widerstand, und die Kalamitaet, die ueber Rom gekommen war, die Hunderttausende der weggeschleppten Gefangenen, die von den Barbaren errungenen Erfolge forderten gebieterisch eine kraeftigere Politik und die offensive Fortsetzung des Krieges. Marcus' Schwiegersohn Tiberius Claudius Pompeianus uebernahm ausserordentlicherweise das Kommando in Raetien und Noricum; sein tuechtiger Unterbefehlshaber, der spaetere Kaiser Publius Helvius Pertinax, saeuberte ohne Schwierigkeit mit der aus Pannonien herbeigerufenen ersten Hilfslegion das roemische Gebiet. Trotz der Finanznot wurden namentlich aus illyrischen Mannschaften, bei deren Aushebung freilich mancher bisherige Strassenraeuber zum Landesverteidiger gemacht ward, zwei neue Legionen gebildet und, wie schon frueher angegeben ward, die bisher geringfuegige Grenzwacht dieser beiden Provinzen durch die neuen Legionslager von Regensburg und Enns verstaerkt. In die oberpannonischen Lager begaben sich die Kaiser selbst. Vor allen Dingen kam es darauf an, den Herd des Kriegsfeuers einzuschraenken. Die von Norden kommenden Barbaren, die ihre Hilfe anboten, wurden nicht zurueckgewiesen und fochten in roemischem Sold, soweit sie nicht, was auch vorkam, ihr Wort brachen und mit dem Feind gemeinschaftliche Sache machten. Den Quaden, welche um Frieden und um die Bestaetigung des neuen Koenigs Furtius baten, wurde diese bereitwillig zugestanden und nichts gefordert als Rueckgabe der Ueberlaeufer und der Gefangenen. Es gelang einigermassen, den Krieg auf die beiden Hauptgegner, die Markomannen und die von alters her ihnen verbuendeten Jazygen, zu beschraenken. Gegen diese beiden Voelker wurde in den folgenden Jahren in schweren Kaempfen und nicht ohne Niederlage gestritten. Wir wissen davon nur Einzelheiten, die sich nicht in festen Zusammenhang bringen lassen. Marcus Claudius Fronto, dem die ausserordentlicherweise vereinigten Kommandos von Obermoesien und Dakien anvertraut waren, fiel um das Jahr 171 im Kampfe gegen Germanen und Jazygen. Ebenso fiel vor dem Feind der Gardekommandant Marcus Macrinius Vindex. Sie und andere hochgestellte Offiziere erhielten in diesen Jahren Ehrendenkmaeler in Rom an der Saeule Traians, weil sie in Verteidigung des Vaterlandes den Tod gefunden hatten. Die barbarischen Staemme, die sich fuer Rom erklaert hatten, fielen zum Teil wieder ab, so die Cotiner und vor allem die Quaden, welche den fluechtigen Markomannen eine Freistatt gewaehrten und ihren Vasallenkoenig Furtius vertrieben, worauf Kaiser Marcus auf den Kopf seines Nachfolgers Ariogaesus einen Preis von 1000 Goldstuecken setzte. Erst im sechsten Kriegsjahr (172) scheint die voellige Ueberwindung der Markomannen erreicht worden zu sein und danach Marcus den wohlverdienten Siegestitel Germanicus angenommen zu haben. Es folgte dann die Niederwerfung der Quaden, endlich im Jahre 175 die der Jazygen, infolge deren der Kaiser den weiteren Beinamen des Sarmatensiegers empfing. Die Bedingungen, welche den ueberwundenen Voelkerschaften gestellt wurden, zeigen, dass Marcus nicht zu strafen beabsichtigte, sondern zu unterwerfen. Den Markomannen und den Jazygen, wahrscheinlich auch den Quaden, wurde auferlegt, einen Grenzstreifen am Flusse in der Breite von zwei, nach spaeterer Milderung von einer deutschen Meile zu raeumen. In die festen Plaetze am rechten Donauufer wurden roemische Besatzungen gelegt, die allein bei den Markomannen und Quaden zusammen sich auf nicht weniger als 20000 Mann beliefen. Alle Unterworfenen hatten Zuzug zum roemischen Heer zu stellen, die Jazygen zum Beispiel 8000 Reiter. Waere der Kaiser nicht durch die Insurrektion Syriens abgerufen worden, so haette er die letzteren ganz aus ihrer Heimat getrieben, wie Traianus die Daker. Dass Marcus die abgefallenen Transdanuvianer nach diesem Muster zu behandeln gedachte, bestaetigt der weitere Verlauf. Kaum war jenes Hindernis beseitigt, so ging der Kaiser wieder an die Donau und begann, eben wie Traianus, im Jahre 178 den zweiten, abschliessenden Krieg. Die Motivierung dieser Kriegserklaerung ist nicht bekannt; der Zweck wird ohne Zweifel richtig dahin angegeben, dass er zwei neue Provinzen, Marcomania und Sarmatia, einzurichten gedachte. Den Jazygen, die sich den Absichten des Kaisers fuegsam gezeigt haben werden, wurden die laestigen Auflagen groesstenteils erlassen, ja ihnen fuer den Verkehr mit ihren oestlich von Dakien hausenden Stammverwandten, den Roxolanern, der Durchgang durch Dakien unter angemessener Aufsicht gewaehrt - wahrscheinlich auch nur, weil sie schon als roemische Untertanen betrachtet wurden. Die Markomannen wurden durch Schwert und Hunger fast aufgerieben. Die verzweifelnden Quaden wollten nach Norden auswandern und bei den Semnonen sich Sitze suchen; aber auch dies wurde ihnen nicht gestattet, da sie die Aecker zu bestellen hatten, um die roemischen Besatzungen zu versorgen. Nach vierzehnjaehriger, fast ununterbrochener Waffenarbeit stand der Kriegsfuerst wider Willen am Ziel und die Roemer zum zweiten Mal vor der Gewinnung der oberen Elbe; jetzt fehlte in der Tat nur die Ankuendigung, das Gewonnene festhalten zu wollen. Da starb er, noch nicht sechzig Jahre alt, im Lager von Vindobona am 17. Maerz 180. Man wird nicht bloss die Entschlossenheit und die Konsequenz des Herrschers anerkennen, sondern auch einraeumen muessen, dass er tat, was die richtige Politik gebot. Die Eroberung Dakiens durch Traian war ein zweifelhafter Gewinn, obwohl eben in dem Markomannischen Krieg der Besitz Dakiens nicht bloss ein gefaehrliches Element aus den Reihen der Gegner Roms entfernt, sondern wahrscheinlich auch bewirkt hat, dass der Voelkerschwarm an der unteren Donau, die Bastarner, die Roxolaner und andere mehr in den Markomannenkrieg nicht eingegriffen haben. Aber nachdem der gewaltige Ansturm der Transdanuvianer westlich von Dakien die Niederwerfung derselben zur Notwendigkeit gemacht hatte, konnte diese nur in abschliessender Weise ausgefuehrt werden, indem Boehmen, Maehren und die Theissebene in die roemische Verteidigungslinie eingezogen wurden, wenn auch diesen Gebieten wohl nur, wie Dakien, eine Vorpostenstellung zugedacht war und die strategische Grenzlinie sicher die Donau bleiben sollte. Des Marcus Nachfolger, Kaiser Commodus, war im Lager anwesend, als der Vater starb und trat, da er die Krone schon seit mehreren Jahren dem Namen nach mit dem Vater teilte, mit dessen Tode sofort in den Besitz der unumschraenkten Gewalt. Nur kurze Zeit liess der neunzehnjaehrige Nachfolger die Vertrauensmaenner des Vaters, seinen Schwager Pompeianus und andere, die mit Marcus die schwere Last des Krieges getragen hatten, im Sinne desselben schalten. Commodus war in jeder Hinsicht das Gegenteil seines Vaters; kein Gelehrter, sondern ein Fechtmeister, so feig und charakterschwach, wie dieser entschlossen und konsequent, so traege und pflichtvergessen wie dieser taetig und gewissenhaft. Er gab nicht bloss die Einverleibung des gewonnenen Gebiets auf, sondern gewaehrte auch den Markomannen freiwillig Bedingungen, wie sie sie nicht hatten hoffen duerfen. Die Regulierung des Grenzverkehrs unter roemischer Kontrolle und die Verpflichtung, ihre den Roemern befreundeten Nachbarn nicht zu schaedigen, verstanden sich von selbst; aber die Besatzungen wurden aus ihrem Lande zurueckgezogen und nur das Gebot, den Grenzstreifen nicht zu besiedeln, festgehalten. Die Leistung von Abgaben und die Stellung von Rekruten wurde wohl ausbedungen, aber jene bald erlassen und diese sicher nie gestellt. Aehnlich ward mit den Quaden abgeschlossen und wird mit den uebrigen Transdanuvianern abgeschlossen worden sein. Damit waren die gemachten Eroberungen aufgegeben, und die vieljaehrige Kriegsarbeit war umsonst; wenn man nicht mehr wollte, so war eine aehnliche Ordnung der Dinge schon viel frueher zu erreichen. Dennoch hat der Markomannische Krieg die Suprematie Roms in diesen Landschaften fuer die Folgezeit sichergestellt, trotzdem Rom den Siegespreis aus der Hand gab. Nicht von den Staemmen, welche dabei beteiligt waren, ist der Stoss gefuehrt worden, dem die roemische Weltmacht erlag. Eine andere bleibende Folge dieses Krieges haengt zusammen mit den durch denselben veranlassten Oberfuehrungen der Transdanuvianer in das Roemische Reich. An sich waren derartige Umsiedlungen zu aller Zeit vorgekommen; die unter Augustus nach Gallien verpflanzten Sugambrer, die nach Thrakien gesandten Daker waren nichts als neue, zu den frueher vorhandenen hinzutretende Untertanen oder Untertanengemeinden, und etwas anderes sind wohl auch die 3000 Naristen nicht gewesen, denen Marcus gestattete, ihre Sitze westlich von Boehmen mit solchen im Reich zu vertauschen, waehrend den sonst unbekannten Astingern an der dakischen Nordgrenze die gleiche Bitte abgeschlagen ward. Aber die nicht bloss im Donauland, sondern in Italien selbst, bei Ravenna, von ihm angesiedelten Germanen waren weder freie Untertanen noch eigentlich unfreie Leute; es sind dies die Anfaenge der roemischen Leibeigenschaft, des Kolonats, dessen Eingreifen in die Bodenwirtschaft des gesamten Staats in anderem Zusammenhang darzulegen ist. Jene ravennatische Ansiedlung hat indes keinen Bestand gehabt; die Leute lehnten sich auf und mussten wieder weggeschafft werden, so dass der neue Kolonat zunaechst auf die Provinzen, namentlich die Donaulandschaften, beschraenkt blieb. Wiederum folgte auf den grossen Krieg an der mittleren Donau eine fast sechzigjaehrige Friedenszeit, deren Segen durch das waehrend derselben stetig steigende innere Missregiment nicht vollstaendig aufgehoben werden konnte. Wohl zeigt manche vereinzelte Nachricht, dass die Grenze, namentlich die am meisten exponierte dakische, nicht ohne Anfechtung blieb; aber vor allem das straffe Militaerregiment des Severus tat hier seine Schuldigkeit, und wenigstens Markomannen und Quaden erscheinen auch unter dessen naechsten Nachfolgern in unbedingter Abhaengigkeit, so dass der Sohn des Severus einen Quadenfuersten vor sich zitieren und ihm den Kopf vor die Fuesse legen konnte. Auch die in dieser Epoche an der unteren Donau gelieferten Kaempfe sind von untergeordnetem Belang. Aber wahrscheinlich hat in dieser Zeit eine umfassende Voelkerverschiebung von Nordosten her gegen das Schwarze Meer stattgefunden und die roemische Grenzwacht an der unteren Donau neuen und gefaehrlicheren Gegnern gegenuebergestellt. Bis auf diese Zeit hatten den Roemern dort vorzugsweise sarmatische Voelkerschaften gegenueber gestanden, unter denen sich die Roxolaner mit den Roemern am naechsten beruehrten; von Germanen sassen damals hier nur die seit langem in dieser Gegend heimischen Bastarner. Jetzt verschwinden die Roxolaner, vielleicht unter den dem Anschein nach, ihnen stammverwandten Carpern, welche fortan an der unteren Donau, etwa in den Taelern des Sereth und Pruth, die naechsten Nachbarn der Roemer sind. Neben die Carper, ebenfalls als unmittelbare Nachbarn der Roemer an der Donaumuendung, tritt das Volk der Goten. Dieser germanische Stamm ist nach der einheimischen Erzaehlung, die uns erhalten ist, von Skandinavien ueber die Ostsee nach der Weichselgegend und aus dieser zum Schwarzen Meer gewandert; damit uebereinstimmend kennen die roemischen Geographen des 2. Jahrhunderts sie an der Weichset und die roemische Geschichte seit dem ersten Drittel des dritten an der nordwestlichen Kueste des Schwarzen Meeres. Von da an erscheinen sie hier in stetigem Anschwellen; die Reste der Bastarner sind unter Kaiser Probus, die Reste der Carper unter Kaiser Diocletian vor ihnen auf das rechte Donauufer gewichen, waehrend ohne Zweifel ein grosser Teil dieser wie jener sich unter die Goten mischten und ihnen sich anschlossen. ueberall darf diese Katastrophe nur in dem Sinne als die des Gotenkrieges bezeichnet werden, wie die unter Marcus eingetretene von den Markomannen heisst; die ganze Masse der durch den Wanderstrom vom Nordosten zum Schwarzen Meer in Bewegung gesetzten Voelkerschaften ist daran beteiligt, und um so mehr beteiligt, als diese Angriffe ebenso zu Lande ueber die untere Donau, wie zu Wasser von der Nordkueste des Schwarzen Meeres aus in einer unentwirrbaren Verschlingung der Land- und der Seepiraterie erfolgten. Nicht unpassend nennt darum der gelehrte Athener, der in ihm gefochten und ihn erzaehlt hat, diesen Krieg vielmehr den Skythischen, indem er unter diesem, gleich dem pelasgischen die Verzweiflung der Historiker machenden Namen alle germanischen und nichtgermanischen Reichsfeinde zusammenfasst. Was ueber diese Zuege zu berichten ist, soll, soweit die der Verwirrung dieser schrecklichen Zeiten nur zu sehr entsprechende Verwirrung der Ueberlieferung es gestattet, hier zusammengefasst werden. Das Jahr 238, auch ein Vierkaiserjahr des Buergerkriegs, wird bezeichnet als dasjenige, in dem der Krieg gegen die hier zuerst genannten Goten begann ^20. Da die Muenzen von Tyra und Olbia mit Alexander (+ 235) aufhoeren, so sind diese ausserhalb der Reichsgrenze gelegenen roemischen Besitzungen wohl schon einige Jahre frueher eine Beute der neuen Feinde geworden. In jenem Jahr ueberschritten sie zuerst die Donau, und die noerdlichste der moesischen Kuestenstaedte, Istros, war das erste Opfer. Gordian, der aus den Wirren dieser Zeit als Herrscher hervorging, wird als Besieger der Goten bezeichnet; gewisser ist es, dass die roemische Regierung, wenn nicht schon frueher, so doch unter ihm, sich dazu verstand, die gotischen Einfaelle abzukaufen ^21. Begreiflicherweise forderten die Carper das gleiche, was der Kaiser den schlechteren Goten bewilligt habe; als die Forderung nicht gewaehrt ward, fielen sie im Jahre 245 in das roemische Gebiet ein. Kaiser Philippus - Gordianus war damals schon tot - schlug sie zurueck, und eine energische Aktion mit der vereinigten Kraft des grossen Reiches wuerde den Barbaren wohl hier Halt geboten haben. Aber in diesen Jahren fand der Kaisermoerder so sicher den Thron wie wiederum seinen Moerder und Nachfolger; eben in den gefaehrdeten Donaulandschaften rief die Armee gegen Kaiser Philippus erst den Marinus Pacatianus und nach dessen Beseitigung den Traianus Decius aus, welcher letztere in der Tat in Italien seinen Gegner ueberwand und als Herrscher anerkannt ward. Er war ein tuechtiger und tapferer Mann, nicht unwert der beiden Namen, die er trug, und trat, sowie er konnte, entschlossen in die Kaempfe an der Donau ein; aber was der inzwischen gefuehrte Buergerkrieg verdorben hatte, liess sich nicht mehr einbringen. Waehrend die Roemer miteinander schlugen, hatten die Goten und die Carper sich geeinigt und waren unter dem Gotenfuersten Cniva in das von Truppen entbloesste Moesien eingefallen. Der Statthalter der Provinz, Trebonianus Gallus, warf sich mit seiner Mannschaft nach Nikopolis am Haemus und wurde hier von den Goten belagert; diese raubten zugleich Thrakien aus und belagerten dessen Hauptstadt, das grosse und feste Philippopolis; ja sie gelangten bis nach Makedonien und berannten Thessalonike, wo der Statthalter Priscus eben diesen Moment geeignet fand, um sich zum Kaiser ausrufen zu lassen. Als Decius anlangte, um zugleich den Nebenbuhler und den Landesfeind zu bekaempfen, wurde wohl jener ohne Muehe beseitigt und gelang auch der Entsatz von Nikopolis, wo 30000 Goten gefallen sein sollen. Aber die nach Thrakien zurueckweichenden Goten siegten ihrerseits bei Beroe (Alt-Zagora), warfen die Roemer nach Moesien zurueck und bezwangen sowohl Nikopolis daselbst wie in Thrakien Anchialos und sogar Philippopolis, wo 100000 Menschen in ihre Gewalt gekommen sein sollen. Darauf zogen sie nordwaerts, um die ungeheure Beute in Sicherheit zu bringen. Decius entwarf den Plan, dem Feind bei dem Uebergang ueber die Donau einen Schlag zu versetzen. Er stellte eine Abteilung unter Gallus am Ufer auf und hoffte, diese auf die Goten werfen und ihnen den Rueckzug abschneiden zu koennen. Aber bei dem moesischen Grenzort Abrittus entschied das Kriegsglueck oder auch der Verrat des Gallus gegen ihn; Decius kam mit seinem Sohn um, und Gallus, der als sein Nachfolger ausgerufen ward, begann sein Regiment damit, den Goten die jaehrlichen Geldzahlungen abermals zuzusichern (251) ^22. Diese voellige Niederlage der roemischen Waffen wie der roemischen Politik, der Fall des Kaisers, des ersten, der im Kampf gegen die Barbaren das Leben verlor, eine Kunde, welche selbst in dieser, in der Gewohnheit des Unheils erschlaffenden Zeit tief die Gemueter erregte, die darauf folgende schimpfliche Kapitulation, stellte in der Tat die Integritaet des Reiches in Frage. Ernste Krisen an der mittleren Donau, wahrscheinlich der drohende Verlust Dakiens muessen die naechste Folge gewesen sein. Noch einmal ward dieser abgewandt: der Statthalter von Pannonien, Marcus Aemilius Aemilianus, ein guter Soldat, errang einen bedeutenden Waffenerfolg und trieb die Feinde ueber die Grenze. Aber die Nemesis waltete. Die Konsequenz dieses auf Gallus' Namen erfochtenen Sieges war, dass die Armee dem Verraeter des Decius den Gehorsam aufkuendigte und ihren Feldherrn zu seinem Nachfolger erkor. Abermals ging also der Buergerkrieg der Grenzverteidigung vor, und waehrend Aemilianus in Italien zwar den Gallus ueberwand, aber bald darauf dem Feldherrn desselben, Valerianus, unterlag (254), ging Dakien, wie und an wen, wissen wir nicht ^23, dem Reiche verloren. Die letzte von dieser Provinz geschlagene Muenze und die juengste dort gefundene Inschrift sind vom Jahre 255, die letzte Muenze des benachbarten Viminacium in Obermoesien vom folgenden Jahre; in den ersten Jahren Valerians und Galliens also besetzten die Barbaren das roemische Gebiet am linken Ufer der Donau und drangen sicher auch hinueber auf das rechte.


^20 Die angebliche erste Erwaehnung der Goten in der Biographie Caracallas c. 10 beruht auf Missverstaendnis. Wenn wirklich ein Senator sich den boshaften Scherz gestattet hat, dem Moerder Getas den Namen Geticus beizulegen, weil er auf seinem Zug von der Donau nach dem Orient einige Getenschwaerme (tumultuariis proeliis) besiegt habe, so meinte er Daker, nicht die damals schwerlich dort wohnenden und dem roemischen Publikum kaum bekannten Goten, deren Gleichung mit den Geten auch gewiss erst spaeter erfunden ward. Uebrigens fuehrt noch weiter zurueck die Angabe, dass Kaiser Maximinus (235-238) der Sohn eines in das benachbarte Thrakien uebergesiedelten Goten gewesen sei; doch wird auch darauf nicht viel zu geben sein. ^21 Petrus Patricius fr. 8. Die Verwaltung des hier genannten Legaten von Untermoesien, Tullius Menophilus, ist durch Muenzen sicher auf die Zeit Gordians und mit Wahrscheinlichkeit auf 238-240 bestimmt (B. Borghesi, Oeuvres completes. Bd. 2, S. 227). Da der Anfang des Gotenkrieges und die Zerstoerung von Istros durch Dexippos (vita Max. et Balb. 16) auf 238 festgestellt ist, so liegt es nahe, die Uebernahme des Tributs damit in Zusammenhang zu bringen; auf jeden Fall ist er damals erneuert worden. Die vergeblichen Belagerungen von Markianopolis und Philippopolis durch die Goten (Dexippus fr. 18, 19) moegen auf die Einnahme von Istros gefolgt sein. Iordanes (Get. 16, 92) setzt die erstere unter Philippus, ist aber in chronologischen Fragen kein gueltiger Zeuge. ^22 Die Berichte ueber diese Vorgaenge bei Zosimus (bist. 1, 21-24), Zonaras (12, 20), Ammian (31, 5, 16 u. 17) (welche Nachrichten bis zu der Philippopolis betreffenden dadurch, dass diese bei Zosimus wiederkehrt, als hierher gehoerig fixiert werden), obwohl alle fragmentarisch oder zerruettet, duerften aus dem Bericht des Dexippus, wovon fr. 16 u. 19 erhalten sind, geflossen sein und lassen sich einigermassen vereinigen. Dieselbe Quelle liegt auch den Kaiserbiographien und Iordanes zu Grunde; beide aber haben sie in dem Grade entstellt und verfaelscht, dass von ihren Angaben nur mit grosser Vorsicht Gebrauch gemacht werden kann. Unabhaengig ist Aur. Vict. Caes. 29. ^23 Vielleicht bezieht sich darauf der Einbruch der Markomannen bei Zos. hist. 1, 29.


Bevor wir die Entwicklung der Dinge an der unteren Donau weiter verfolgen, erscheint es notwendig, einen Blick zu werfen auf die Piraterie, wie sie in der oestlichen Haelfte des Mittelmeeres damals im Gange war, und die daraus hervorgegangenen Seezuege der Goten und ihrer Genossen. Dass auf dem Schwarzen Meer die roemische Flotte zu keiner Zeit entbehrlich, die Piraterie daselbst wahrscheinlich nie ausgerottet worden ist, liegt im Wesen der Roemerherrschaft, wie sie an seinen Kuesten sich gestaltet hatte. In festem Besitz waren sie nur etwa von der Donaumuendung abwaerts bis Trapezunt. Roemisch waren freilich auch einerseits Tyra, an der Muendung des Dnjestr, und Olbia, an der Bucht der Dnjeprmuendung, andererseits die kaukasischen Hafenorte in der Gegend des heutigen Suchum-Kaleh, Dioskurias und Pityus. Auch das dazwischenliegende Bosporanische Koenigreich auf der Krim stand in roemischem Schutz und hatte roemische, dem Statthalter von Moesien unterstehende Besatzung. Aber es waren an diesen groesstenteils wenig einladenden Gestaden nur jene Hafenplaetze entweder als alte griechische Ansiedlungen oder als roemische Festungen in festem Besitz, die Kueste selbst oede oder in den Haenden der das Binnenland erfuellenden Eingeborenen, die unter dem allgemeinen Namen der Skythen zusammengefasst, meistens sarmatischer Abkunft, den Roemern niemals botmaessig wurden noch werden sollten; man war zufrieden, wenn sie sich nicht geradezu an den Roemern oder deren Schutzbefohlenen vergriffen. Danach ist es nicht zu verwundern, dass schon in Tiberius' Zeit die Piraten der Ostkueste nicht bloss das Schwarze Meer unsicher machten, sondern auch landeten und die Doerfer und die Staedte der Kueste brandschatzten. Wenn unter Pius oder Marcus eine Schar der an dem nordwestlichen Ufer hausenden Kostoboker die im Herzen von Phokis gelegene Binnenstadt Elateia ueberfiel und unter deren Mauern mit den Buergern sich herumschlug, so zeigt dieser gewiss nur zufaellig fuer uns einzeln dastehende Vorgang, dass dieselben Erscheinungen, welche dem Sturz des Senatsregiments voraufgingen, jetzt sich erneuerten und noch bei aeusserlich unerschuettert aufrecht stehender Reichsgewalt nicht bloss einzelne Piratenschiffe, sondern Piratengeschwader im Schwarzen und selbst im Mittelmeere kreuzten. Das nach dem Tode des Severus und vor allem nach dem Ausgang der letzten Dynastie deutlich erkennbare Sinken des Regiments offenbarte sich dann, wie billig, vor allem in dem weiteren Verfall der Seepolizei. Die im einzelnen wenig zuverlaessigen Berichte melden bereits in der Zeit vor Decius das Erscheinen einer grossen Piratenflotte im Aegaeischen Meer; dann unter Decius die Pluenderung der pamphylischen Kueste und der griechisch-asiatischen Inseln, unter Gallus Piratenstreifereien in Kleinasien bis nach Pessinus und Ephesos ^24. Dies waren Raeuberzuege. Diese Gesellen pluenderten die Kuesten weit und breit, und machten auch, wie man sieht, dreiste Zuege in das Binnenland; aber von zerstoerten Staedten wird nichts gemeldet, und die Piraten vermieden es, mit den roemischen Truppen zusammenzustossen; vorzugsweise richtete sich der Angriff gegen solche Landschaften, in denen keine Truppen standen.


^24 Amm. Marc. 31, 5, 15: duobus navium milibus perrupto Bosporo et litoribus Propontidis Scythicarum gentium catervae transgressae ediderunt quidem acerbas terra marique strages: sed amissa suorum parte maxima reverterunt, worauf die Katastrophe der Decier erzaehlt und in diese die weitere Notiz eingeflochten wird: obsessae Pamphyliae civitates (dahin wird die Belagerung von Side gehoeren, bei Dexippus selbst fr. 23), insulae populatae complures, ebenso die Belagerung von Kyzikos. Wenn in diesem Rueckblick nicht alles verwirrt ist, was bei Ammian doch nicht wohl angenommen werden kann, so faellt dies vor diejenigen Seefahrten, die mit der Belagerung von Pityus beginnen und mehr ein Teil der Voelkerwanderung sind als Piratenzuege. Die Zahl der Schiffe freilich duerfte durch Gedaechtnisfehler von dem Zug des Jahres 269 hierher uebertragen sein. In denselben Zusammenhang gehoert die Notiz bei Zosimus (hist. 1, 28) ueber die Skythenzuege in Asien und Kappadokien bis Ephesos und Pessinus. Die Nachricht ueber Ephesos in der Biographie Gallienus' c. 6 ist dieselbe, aber der Zeit nach verschoben.


Unter Valerianus nehmen diese Expeditionen einen anderen Charakter an. Die Art der Zuege weicht von den frueheren so sehr ab, dass der an sich nicht besonders wichtige Zug der Boraner gegen Pityus unter Valerianus von kundigen Berichterstattern geradezu als der Anfang dieser Bewegung bezeichnet werden konnte ^25 und dass die Piraten eine Zeitlang in Kleinasien mit dem Namen dieser uns sonst nicht bekannten Voelkerschaft genannt wurden. Nicht mehr von den alten einheimischen Anwohnern des Schwarzen Meeres gehen diese Zuege aus, sondern von den nachdraengenden Schwaermen. Was bis dahin Seeraub gewesen war, faengt an, ein Stueck derjenigen Voelkerverschiebung zu werden, welcher das Vordringen der Goten an die untere Donau angehoert. Die beteiligten Voelker sind sehr mannigfach und zum Teil wenig bekannt; bei den spaeteren Zuegen scheinen die germanischen Heruler, damals Anwohner der Maeotis, eine fuehrende Rolle gespielt zu haben. Beteiligt sind auch die Goten, indes soweit es sich um eigentliche Seefahrten handelt und ueber diese leidlich genaue Berichte vorliegen, nicht in hervorragender Weise; recht eigentlich diese Zuege heissen richtiger skythische als gotische. Der maritime Mittelpunkt dieser Angriffe ist die Dnjestrmuendung, der Hafen von Tyra ^26. Die griechischen Staedte des Bosporus, durch den Bankrott der Reichsgewalt schutzlos den andraengenden Haufen preisgegeben und der Belagerung durch dieselben gewaertig, liessen halb gezwungen, halb freiwillig sich dazu herbei, die unbequemen neuen Nachbarn auf ihren Schiffen und durch ihre Seeleute nach den naechstgelegenen roemischen Besitzungen an der Nordkueste des Pontus ueberzufuehren, wofuer diesen selbst die noetigen Mittel und das noetige Geschick mangelte. So kam jene Expedition gegen Pityus zustande. Die Boraner wurden gelandet und sandten, auf den Erfolg vertrauend, die Schiffe zurueck. Aber der entschlossene Befehlshaber von Pityus, Successianus, wies den Angriff ab und die Angreifer, den Anmarsch der uebrigen roemischen Besatzungen befuerchtend, zogen eilig ab, wozu sie muehsam die noetigen Fahrzeuge beschafften. Aufgegeben aber war der Plan nicht; im naechsten Jahr kamen sie wieder, und da der Kommandant inzwischen gewechselt war, ergab sich die Festung. Die Boraner, welche diesmal die bosporanischen Schiffe festgehalten hatten und aus gepressten Schiffsleuten und gefangenen Roemern deren Bemannung beschafften, bemaechtigten sich weithin der Kueste und gelangten bis nach Trapezunt. In diese gut befestigte und stark besetzte Stadt hatte alles sich gefluechtet und zu einer wirklichen Belagerung waren die Barbaren nicht imstande. Aber die Fuehrung der Roemer war schlecht und die Kriegszucht so verfallen, dass nicht einmal die Mauer besetzt wurde; so erstiegen die Barbaren dieselbe bei Nachtzeit, ohne auch nur Gegenwehr zu finden, und in der grossen und reichen Stadt fiel ungeheure Beute, darunter auch eine Anzahl von Schiffen, in ihre Haende. Gluecklich kehrten sie aus dem fernen Lande zurueck an die Maeotis.


^25 Bei Zosimus selbst wird man voelliges Verstaendnis dafuer nicht erwarten; aber sein Gewaehrsmann Dexippus, der Zeitgenosse und Beteiligte, wusste wohl, warum er die bithynische Expedition die deytera ephodos nannte (Zos. hist. 1, 35); und auch bei Zosimus noch erkennt man deutlich den von Dexippus beabsichtigten Gegensatz der Expedition der Boraner gegen Pityus und Trapezunt zu den hergebrachten Piratenfahrten. In der Biographie des Gallienus wird die c. 11 unter dem Jahre 264 erzaehlte skythische Expedition nach Kappadokien die trapezuntische sein sowie die damit verknuepfte bithynische die, welche Zosimus die zweite nennt; verwirrt ist hier freilich alles. ^26 Dies sagt Zosimus (hist. 1, 42) und folgt auch aus dem Verhaeltnis der Bosporaner zu dem ersten (1, 32) und dem des ersten zu dem zweiten Zug (1, 34).


Ein zweiter, durch diesen Erfolg angeregter Zug anderer, aber benachbarter skythischer Haufen im folgenden Winter richtete sich gegen Bithynien; es ist bezeichnend fuer die zerruetteten Verhaeltnisse, dass der Anstifter dieses Zuges ein Grieche aus Nikomedeia, Chrysogonos, war, und dass er fuer den gluecklichen Erfolg von den Barbaren hochgeehrt ward. Diese Expedition wurde, da die noetige Zahl von Schiffen nicht zu beschaffen war, teils zu Lande, teils zu Wasser unternommen; erst in der Naehe von Byzanz gelang es den Piraten, sich einer betraechtlichen Zahl von Fischerbooten zu bemaechtigen, und so gelangten sie an die asiatische Kueste nach Kalchedon, dessen starke Besatzung auf diese Kunde davonlief. Nicht bloss diese Stadt geriet in ihre Hand, sondern auch an der Kueste Nikomedeia, Kios, Apameia, im Binnenland Nikaea und Prusa; Nikomedeia und Nikaea brannten sie nieder und gelangten bis zum Rhyndakos. Von da aus fuhren sie heim, beladen mit den Schaetzen des reichen Landes und seiner ansehnlichen Staedte. Schon der Zug gegen Bithymen war zum Teil auf dem Landweg unternommen worden; um so mehr setzten die Angriffe, die gegen das europaeische Griechenland gerichtet wurden, sich aus Land- und Seeraubfahrten zusammen. Wenn Moesien und Thrakien auch nicht dauernd von den Goten besetzt wurden, so kamen und gingen sie doch hier, gleich als waeren sie zu Hause, und streiften von da aus weit nach Makedonien hinein. Selbst Achaia erwartete unter Valerianus von dieser Seite her den Einbruch; die Thermopylen und der Isthmos wurden verrammelt und die Athener gingen daran, ihre seit Sullas Belagerung in Truemmern liegenden Mauern wiederherzustellen. Damals und auf diesem Wege kamen die Barbaren nicht. Aber unter Gallienus erschien eine Flotte von 500 Segeln, diesmal vornehmlich Heruler, vor dem Hafen von Byzanz, das indes seine Wehrhaftigkeit noch nicht eingebuesst hatte; die Schiffe der Byzantier schlugen gluecklich die Raeuber ab. Diese fuhren weiter, zeigten sich an der asiatischen Kueste vor dem frueher nicht angegriffenen Kyzikos und gelangten von da ueber Lemnos und Imbros nach dem eigentlichen Griechenland. Athen, Korinth, Argos, Sparta wurden gepluendert und zerstoert. Es war immer etwas, dass, wie in den Zeiten der Perserkriege, die Buerger des zerstoerten Athen, 2000 an der Zahl, den abziehenden Barbaren einen Hinterhalt legten und unter Fuehrung ihres ebenso gelehrten wie tapferen Vormanns Publius Herennius Dexippus aus dem altadligen Geschlecht der Keryken, mit Unterstuetzung der roemischen Flotte, den Piraten einen namhaften Verlust beibrachten. Auf der Heimkehr, die zum Teil auf dem Landweg erfolgte, griff Kaiser Gallienus sie in Thrakien am Fluss Nestos an und toetete ihnen eine betraechtliche Anzahl Leute ^27.


^27 Dexippus' Bericht ueber diesen Zug geben im Auszug Synkellos (p. 717) (wo anelontos fuer anelontes gelesen werden muss), Zosimus (hist. 1, 39) und der Biograph des Gallienus (c. 13). Ein Bruchstueck seiner eigenen Erzaehlung ist fr. 22. Bei dem Fortsetzer des Dio, von dem Zonaras abhaengt, ist der Vorgang unter Claudius gesetzt, durch Irrtum oder durch Faelschung, die dem Gallienus diesen Sieg nicht goennte. Die Biographie des Gallienus erzaehlt den Vorgang, wie es scheint, zweimal, zuerst kurz c. 6 unter dem Jahre 262, dann besser unter oder nach 265 (c. 13).


Um das Mass des Unheils vollstaendig zu uebersehen, muss man hinzunehmen, dass in diesem in Scherben gehenden Reiche und vor allem in den vom Feind ueberschwemmten Provinzen ein Offizier nach dem andern nach der Krone griff, die es kaum noch gab. Es lohnt der Muehe nicht, die Namen dieser ephemeren Purpurtraeger zu verzeichnen; die Lage zeichnet, dass nach der Verwuestung Bithyniens durch die Piraten Kaiser Valerian es unterliess, einen ausserordentlichen Kommandanten dorthin zu schicken, weil ihm jeder General, nicht ohne Grund, als Rivale galt. Dies hat mitgewirkt bei dem fast durchaus passiven Verhalten der Regierung gegenueber dieser schweren Not. Doch ist andererseits unzweifelhaft ein guter Teil dieser unverantwortlichen Passivitaet auf die Persoenlichkeit der Herrscher zurueckzufuehren; Valerianus war schwach und bejahrt, Gallienus fahrig und wuest, und der Lenkung des Staatsschiffs im Sturme weder jener noch dieser gewachsen. Marcianus, dem Gallienus nach dem Einfall in Achaia das Kommando in diesen Gegenden uebertragen hatte, operierte nicht ohne Erfolg; aber zu einer wirklichen Wendung zum Besseren kam es nicht, solange Gallienus den Thron einnahm. Nach Gallienus' Ermordung (268), vielleicht auf die Kunde von dieser, unternahmen die Barbaren, wieder unter Fuehrung der Heruler, aber diesmal mit vereinigten Kraeften, einen Ansturm gegen die Reichsgrenzen, wie er also noch nicht dagewesen war, mit einer maechtigen Flotte und wahrscheinlich gleichzeitig zu Lande, von der Donau aus ^28. Die Flotte hatte in der Propontis viel von Stuermen zu leiden; dann teilte sie sich und es gingen die Goten teils gegen Thessalien und Griechenland vor, teils gegen Kreta und Rhodos; die Hauptmasse begab sich nach Makedonien und drang von da in das Binnenland ein, ohne Zweifel in Verbindung mit den in Thrakien eingerueckten Haufen. Aber den oft belagerten, jetzt bis aufs aeusserste gebrachten Thessalonikern brachte Kaiser Claudius, der persoenlich mit starker Macht heranrueckte, endlich Entsatz; er trieb die Goten vor sich her das Tal des Axios (Vardar) hinauf und weiter ueber die Berge hinueber nach Obermoesien; nach mancherlei Kaempfen mit wechselndem Kriegsglueck erfocht er hier im Moravatal bei Naissus einen glaenzenden Sieg, in welchem 50000 Feinde gefallen sein sollen. Die Goten wichen in Aufloesung zurueck, in der Richtung erst auf Makedonien, dann durch Thrakien zum Haemus, um die Donau zwischen sich und den Feind zu bringen. Fast haette ihnen ein Zwist im roemischen Lager, diesmal zwischen Infanterie und Reiterei, noch einmal Luft gemacht; aber als es zum Schlagen kam, ertrugen die Reiter es doch nicht, ihre Kameraden im Stich zu lassen und so siegte die vereinigte Armee abermals. Eine schwere Seuche, welche in all den Jahren der Not, aber besonders damals in diesen Gegenden und vor allem in den Heeren wuetete, tat zwar auch den Roemern grossen Schaden - Kaiser Claudius selbst erlag ihr -, aber das grosse Heer der Nordlaender wurde voellig aufgerieben und die zahlreichen Gefangenen in die roemischen Heere eingereiht oder zu Leibeigenen gemacht. Auch die Hydra der Militaerrevolutionen wurde einigermassen gebaendigt; Claudius und nach ihm Aurelianus waren in anderer Weise Herren im Reich, als dies von Gallienus gesagt werden kann. Die Erneuerung der Flotte, wozu unter Gallienus ein Anfang gemacht worden war, wird nicht gefehlt haben. Das traianische Dakien war und blieb verloren; Aurelianus zog die dort sich noch haltenden Posten heraus und gab den vertriebenen oder zur Auswanderung geneigten Besitzern neue Wohnstaetten auf dem moesischen Ufer. Aber Thrakien und Moesien, die eine Zeitlang mehr den Goten als den Roemern gehoert hatten, kehrten unter roemische Herrschaft zurueck, und wenigstens die Donaugrenze ward wieder befestigt.


^28 In unserer Ueberlieferung erscheint dieser Zug als eine reine Seefahrt, unternommen mit (wahrscheinlich) 2000 Schiffen (so die Biographie des Claudius; die Zahlen 6000 und 900, zwischen denen die Ueberlieferung bei Zos. hist. 1, 42, schwankt, sind wohl beide verdorben) und 320000 Menschen. Indes ist es wenig glaublich dass Dexippus, auf den diese Angaben zurueckgehen muessen die letztere Ziffer in dieser Weise hat setzen koennen. Andererseits ist bei der Richtung des Zuges zunaechst gegen Tomis und Markianopolis es mehr als wahrscheinlich, dass dabei das von Zos. hist. 1, 34 beschriebene Verfahren befolgt ward und ein Teil zu Lande marschierte, und unter dieser Voraussetzung mochte auch ein Zeitgenosse die Zahl der Angreifer wohl auf jene Ziffer schaetzen. Auch zeigt der Verlauf des Feldzugs, namentlich der Ort der Entscheidungsschlacht, dass man es keineswegs bloss mit einer Flotte zu tun hatte.


Man wird diesen Goten- und Skythenzuegen zu Lande und zur See, welche die zwanzig Jahre 250 bis 269 ausfuellen, nicht die Bedeutung beilegen duerfen, dass die ausschwaermenden Haufen darauf bedacht gewesen waeren, die Landschaften, die sie betraten, in bleibenden Besitz zu nehmen. Ein solcher Plan ist nicht einmal fuer Moesien und Thrakien nachweisbar, geschweige denn fuer die entfernteren Kuesten; schwerlich waren auch die Angreifer zahlreich genug, um eigentliche Invasionen zu unternehmen. Wie das schlechte Regiment der letzten Herrscher und vor allem die Unzuverlaessigkeit der Truppen viel mehr als die Uebermacht der Barbaren die Ueberflutung des Gebietes durch Land- und Seeraeuber hervorriefen, so zog die Wiederherstellung der inneren Ordnung und das energische Auftreten der Regierung von selbst die Befreiung desselben nach sich. Noch konnte der roemische Staat nicht gebrochen werden, wenn er nicht sich selber brach. Immer aber war es ein grosses Werk, das Regiment so wieder zusammenzunehmen, wie Claudius es getan hat. Wir wissen noch etwas weniger von ihm, als von den meisten Regenten dieser Zeit, da die wahrscheinlich fiktive Zurueckfuehrung des konstantinischen Stammbaumes auf ihn sein Bild nach der platten Vollkommenheitsschablone uebermalt hat; aber diese Anknuepfung selbst, sowie die zahllosen nach seinem Tode ihm zu Ehren geschlagenen Muenzen beweisen, dass er der naechsten Generation als der Retter des Staates galt, und sie wird darin nicht geirrt haben. Ein Vorspiel der spaeteren Voelkerwanderung sind diese Skythenzuege allerdings; und die Staedtezerstoerung, welche sie vor den gewoehnlichen Piratenfahrten auszeichnet, hat damals in einem Umfang stattgefunden, dass der Wohlstand wie die Bildung Griechenlands und Kleinasiens sich niemals davon erholt haben. An der wiederhergestellten Donaugrenze befestigte Aurelianus den erfochtenen Sieg, indem er die Defensive wiederum offensiv fuehrte und die Donau an ihrer Muendung ueberschreitend, jenseits derselben sowohl die Carper schlug, die seitdem zu den Roemern im Schutzverhaeltnis standen, wie auch die Goten unter ihrem Koenig Canabaudes. Sein Nachfolger Probus nahm, wie schon angegeben ward, die Ueberreste der von den Goten bedraengten Bastarner herueber auf das roemische Ufer, ebenso im Jahre 295 Diocletian die Reste der Carper. Dies deutet darauf hin, dass jenseits des Flusses das Reich der Goten sich konsolidierte; aber weiter kamen sie auch nicht. Die Grenzbefestigungen wurden verstaerkt; Gegen-Aquincum (contra Aquincum, Pest) ist im Jahre 294 angelegt worden. Die Piratenfahrten verschwanden nicht voellig. Unter Tacitus zeigten sich Schwaerme von der Maeotis in Kilikien. Die Franken, die Probus am Schwarzen Meer angesiedelt hatte, verschafften sich Fahrzeuge und fuhren heim nach ihrer Nordsee, nachdem sie unterwegs an der sizilischen und der afrikanischen Kueste gepluendert hatten. Auch zu Lande ruhten die Waffen nicht, wie denn die zahlreichen Sarmatensiege Diocletians alle, und ein Teil seiner germanischen, auf die Donaugegenden fallen werden; aber erst unter Konstantin kam es wieder zu einem ernsthaften Kriege mit den Goten, der gluecklich verlief. Das Uebergewicht Roms stand seit Claudius' gotischem Siege wieder so fest wie vorher. Die eben entwickelte Kriegsgeschichte blieb auf die innere Ordnung des roemischen Staats- und Heerwesens nicht ohne allgemeine und bleibende militaerisch-politische Rueckwirkung. Es ist bereits darauf hingewiesen worden, dass die Rheinheere, in der fruehen Kaiserzeit die fuehrenden in der Armee, ihren Primat schon unter Traian an die Donaulegionen abgaben. Wenn unter Augustus sechs Legionen im Donau- und acht im Rheinland standen, so zaehlten nach den dakischen Kriegen Domitians und Traians im 2. Jahrhundert die Rheinlager nur vier, die Donaulager zehn, nach dem Markomannischen sogar zwoelf Legionen. Nachdem seit Hadrian aus der Armee, abgesehen von den Offizieren, das italische Element verschwunden war und im ganzen genommen jedes Regiment sich in der Gegend, in welcher es lagerte, auch rekrutierte, waren die meisten Soldaten der Donauarmee und nicht weniger die aus dem Gliede hervorgegangenen Centurionen in Pannonien, Dakien, Moesien, Thrakien zu Hause. Auch die neuen, unter Marcus gebildeten Legionen gingen aus Illyricum hervor, und die ausserordentlichen Ergaenzungen, deren die Truppen damals bedurften, wurden wahrscheinlich ebenfalls vorzugsweise aus den Gegenden genommen, in denen die Heere standen. Also war der Primat der Donauarmeen, den der Dreikaiserkrieg der severischen Zeit feststellte und steigerte, zugleich ein Primat der illyrischen Soldaten; und es kam dies bei der Reform der Garde unter Severus zu sehr energischem Ausdruck. In die hoeheren Kreise des Regiments griff dieser Primat nicht eigentlich ein, solange die Offizierstellung noch mit der Reichsbeamtenstellung zusammenfiel, obwohl die ritterliche Laufbahn dem gemeinen Soldaten durch das Zwischenglied des Centurionats zu allen Zeiten zugaenglich war und also die Illyriker auch in jene schon frueh eindrangen, wie denn bereits im Jahre 235 ein geborener Thraker, Gaius Iulius Verus Maximinus, im Jahre 248 ein geborener Pannonier, Traianus Decius, auf diesem Wege sogar zum Purpur gelangt sind. Aber als dann Gallienus in allerdings nur zu gerechtfertigtem Misstrauen die Rangklasse der Senatoren von dem Offizierdienst ausschloss, erstreckte sich notwendigerweise, was bisher von den Soldaten galt, auch auf die Offiziere. Es ist also nur in der Ordnung, dass die der Donauarmee angehoerigen, meistens aus den illyrischen Gegenden herstammenden Soldaten seitdem auch im Regiment die erste Rolle spielen und, soweit die Armee die Kaiser machte, diese ebenfalls der Mehrzahl nach Illyriker sind. Also folgen auf Gallienus der Dardaner Claudius, Aurelianus aus Moesien, Probus aus Pannonien, Diocletianus aus Dalmatien, Maximianus aus Pannonien, Constantius aus Dardanien, Galerius aus Serdica; von den letztgenannten hebt ein unter der konstantinischen Dynastie schreibender Schriftsteller die Herkunft aus Illyricum hervor und fuegt hinzu, dass sie mit wenig Bildung, aber guter Vorschulung durch Feldarbeit und Kriegsdienst treffliche Herrscher gewesen seien. Was die Albanesen lange Zeit dem Tuerkischen Reich gewesen sind, das haben ihre Vorfahren dem roemischen Kaiserstaat, als dieser bei aehnlicher Zerruettung und aehnlicher Barbarei angelangt war, in gleicher Weise geleistet. Nur darf die illyrische Regeneration des roemischen Kaisertums nicht etwa als eine nationale Reorganisation aufgefasst werden; es war lediglich die soldatische Stuetzung eines durch das Missregiment vornehm geborener Herrscher voellig herabgekommenen Reiches. Die Demilitarisierung Italiens war vollstaendig geworden, und Herrscherrecht ohne kriegerische Kraft erkennt die Geschichte nicht an. 7. Kapitel Das griechische Europa Mit der allgemeinen geistigen Entwicklung der Hellenen hatte die politische ihrer Republiken sich nicht im Gleichgewicht gehalten, oder vielmehr die Ueberschwenglichkeit jener hatte, wie die allzu volle Bluete den Kelch sprengt, keinem einzelnen Gemeinwesen verstattet, diejenige Ausdehnung und Stetigkeit zu gewinnen, welche fuer die staatliche Ausgestaltung vorbedingend ist. Die Kleinstaaterei der einzelnen Staedte oder Staedtebuende musste in sich verkuemmern oder den Barbaren verfallen; nur der Panhellenismus verbuergte, wie den Fortbestand der Nation, so ihre Weiterentwicklung gegenueber den stammfremden Umwohnern. Er ward verwirklicht durch den Vertrag, den Koenig Philipp von Makedonien, der Vater Alexanders, in Korinth mit den Staaten von Hellas abschloss. Es war dies dem Namen nach ein Bundesvertrag, in der Tat die Unterwerfung der Republiken unter die Monarchie, aber eine Unterwerfung, welche nur dem Ausland gegenueber sich vollzog, indem die unumschraenkte Feldherrnschaft gegen den Nationalfeind von fast allen Staedten des griechischen Festlandes dem makedonischen Feldherrn uebertragen, sonst ihnen die Freiheit und die Autonomie gelassen ward, und es war, wie die Verhaeltnisse lagen, dies die einzig moegliche Realisierung des Panhellenismus und die im wesentlichen fuer die Zukunft Griechenlands massgebende Form. Philipp und Alexander gegenueber hat sie Bestand gehabt, wenn auch die hellenischen Idealisten wie immer das realisierte Ideal als solches anzuerkennen sich straeubten. Als dann Alexanders Reich zerfiel, war es wie mit dem Panhellenismus selbst, so auch mit der Einigung der griechischen Staedte unter der monarchischen Vormacht vorbei und rieben diese in Jahrhunderten ziellosen Ringens ihre letzte geistige und materielle Macht auf, hin- und hergezogen zwischen der wechselnden Herrschaft der uebermaechtigen Monarchien und vergeblichen Versuchen, unter dem Schutz des Haders derselben den alten Partikularismus zu restaurieren. Als dann die maechtige Republik des Westens in den bisher einigermassen gleichgewogenen Kampf der Monarchien des Ostens eintrat und bald sich maechtiger als jeder der dort miteinander ringenden griechischen Staaten erwies, erneuerte sich mit der festen Vormachtstellung auch die panhellenische Politik. Hellenen im vollen Sinn des Worts waren weder die Makedonier noch die Roemer; es ist nun einmal der tragische Zug der griechischen Entwicklung, dass das attische Seereich mehr eine Hoffnung als eine Wirklichkeit war und das Einigungswerk nicht aus dem eigenen Schoss der Nation hat hervorgehen duerfen. Wenn in nationaler Hinsicht die Makedonier den Griechen naeher standen als die Roemer, so war das Gemeinwasen Roms den hellenischen politisch bei weitem mehr wahlverwandt als das makedonische Erbkoenigtum. Was aber die Hauptsache ist, die Anziehungskraft des griechischen Wesens ward von den roemischen Buergern wahrscheinlich nachhaltiger und tiefer empfunden als von den Staatsmaennern Makedoniens, eben weil jene ihm ferner standen als diese. Das Begehren, sich wenigstens innerlich zu hellenisieren, der Sitte und der Bildung, der Kunst und der Wissenschaft von Hellas teilhaftig zu werden, auf den Spuren des grossen Makedoniers Schild und Schwert der Griechen des Ostens sein und diesen Osten nicht italisch, sondern hellenistisch weiter zivilisieren zu duerfen, dieses Verlangen durchdringt die spaeteren Jahrhunderte der roemischen Republik und die bessere Kaiserzeit mit einer Macht und einer Idealitaet, welche fast nicht minder tragisch ist als jenes nicht zum Ziel gelangende politische Muehen der Hellenen. Denn auf beiden Seiten wird Unmoegliches erstrebt: dem hellenischen Panhellenismus ist die Dauer versagt und dem roemischen Hellenismus der Vollgehalt. Indes hat er darum nicht weniger die Politik der roemischen Republik wie die der Kaiser wesentlich bestimmt. Wie sehr auch die Griechen, namentlich im letzten Jahrhundert der Republik, den Roemern es bewiesen, dass ihre Liebesmuehe eine verlorene war, es hat dies weder an der Muehe noch an der Liebe etwas geaendert. Die Griechen Europas waren von der roemischen Republik zu einer einzigen, nach dem Hauptlande Makedonien benannten Statthalterschaft zusammengefasst worden. Wenn diese mit dem Beginn der Kaiserzeit administrativ aufgeloest ward, so wurde damals gleichzeitig dem gesamten griechischen Harnen eine religioese Gemeinschaft verliehen, die sich anschloss an die alte, des Gottesfriedens wegen eingefuehrte und dann zu politischen Zwecken missbrauchte Delphische Amphiktyonie. Unter der roemischen Republik war dieselbe im wesentlichen auf die urspruenglichen Grundlagen zurueckgefuehrt worden: Makedonien sowohl wie Aetolien, die sich beide usurpatorisch eingedraengt hatten, wurden wieder ausgeschieden und die Amphiktyonie umfasste abermals nicht alle, aber die meisten Voelkerschaften Thessaliens und des eigentlichen Griechenlands. Augustus veranlasste die Erstreckung des Bundes auf Epirus und Makedonien und machte ihn dadurch im wesentlichen zum Vertreter des hellenischen Landes in dem weiteren, dieser Epoche allein angemessenen Sinne. Eine bevorzugte Stellung nahmen in diesem Verein neben dem altheiligen Delphi die beiden Staedte Athen und Nikopolis ein, jene die Kapitale des alten, diese nach Augustus' Absicht die des neuen kaiserlichen Hellenentums ^1. Diese neue Amphiktyonie hat eine gewisse Aehnlichkeit mit der Landesversammlung der drei Gallien; in aehnlicher Weise wie fuer diese der Kaiseraltar bei Lyon war der Tempel des pythischen Apollon der religioese Mittelpunkt der griechischen Provinzen. Indes waehrend jenem daneben eine geradezu politische Wirksamkeit zugestanden hat, so besorgten die Amphiktyonen dieser Epoche ausser der eigentlich religioesen Feier lediglich die Verwaltung des delphischen Heiligtums und seiner immer noch betraechtlichen Einkuenfte ^2. Wenn ihr Vorsteher sich in spaeterer Zeit die "Helladarchie" zuschreibt, so ist diese Herrschaft ueber Griechenland lediglich ein idealer Begriff. ^3 Immer aber bleibt die offizielle Konservierung der griechischen Nationalitaet ein Kennzeichen der Haltung, welche das neue Kaisertum gegen dieselbe einnimmt, und seines den republikanischen weit ueberbietenden Philhellenismus.


^1 Die Ordnung der Delphischen Amphiktyonie unter der roemischen Republik erhellt namentlich aus der delphischen Inschrift CIL III, p. 987 (vgl. BCH 7,1883, S. 427f.). Den Verein bildeten damals siebzehn Voelkerschaften mit zusammen 24 Stimmen, saemtlich dem eigentlichen Griechenland oder Thessalien angehoerig; Aetolien, Epirus, Makedonien fehlen. Nach der Umgestaltung durch Augustus (Paus. 10, 8) blieb diese Organisation im uebrigen bestehen, nur dass durch Beschraenkung der unverhaeltnismaessig zahlreichen thessalischen die Stimmen der bisher vertretenen Voelkerschaften auf achtzehn herabgemindert wurden; dazu traten neu Nikopolis in Epirus mit sechs und Makedonien ebenfalls mit sechs Stimmen. Ferner sollten die sechs Stimmen von Nikopolis ein fuer allemal gefuehrt werden, ebenso wie dies blieb fuer die zwei von Delphi und die eine von Athen, die uebrigen Stimmen dagegen von den Verbaenden, so dass zum Beispiel die eine Stimme der peloponnesischen Dorier wechselte zwischen Argos, Sikyon, Korinth und Megara. Eine Gesamtvertretung der europaeischen Hellenen waren die Amphiktyonen insofern auch jetzt nicht, als die frueher ausgeschlossenen Voelkerschaften im eigentlichen Griechenland, ein Teil der Peloponnesier und die nicht zu Nikopolis gezogenen Aetoler, darin nicht repraesentiert waren. ^2 Die stehenden Zusammenkuenfte in Delphi und an den Thermopylen waehrten fort (Paus. 7, 24, 3; Vita Apoll. 4, 23) und natuerlich auch die Ausrichtung der Pythischen Spiele nebst der Erteilung der Preise durch das Kollegium der Amphiktyonen (vit. soph. 2, 27); dasselbe hat die Verwaltung der "Zinsen und Einkuenfte" des Tempels (Inschrift von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111) und legt aus denselben, zum Beispiel in Delphi, eine Bibliothek an (Lebas-Foucart II, S. 845) oder setzt daselbst Bildsaeulen. ^3 Die Mitglieder des Kollegiums der Ampsiktiones oder, wie sie in dieser Epoche heissen, Ampsikt?ones, werden von den einzelnen Staedten in der frueher bezeichneten Weise bald von Fall zu Fall (Iteration: CIG 1085), bald auf Lebenszeit (Plut. an seni 20) bestellt; was wohl davon abhaengt, ob die Stimme staendig war oder alternierend (Wilamowitz). Ihr Vorsteher heisst in frueherer Zeit epimel/e/t/e/s to? koino? t/o/n Ampsiktyon/o/n (Inschriften von Delphi, Rheinisches Museum, N. F. 2, 1843, S. 111; CIG 1713), spaeter Elladarch/e/s t/o/n Ampsiktyon/o/n (CIG 1124).


Hand in Hand mit der sakralen Einigung der europaeischen Griechen ging die administrative Aufloesung der griechisch-makedonischen Statthalterschaft der Republik. An der Teilung der Reichsverwaltung unter Kaiser und Senat hing sie nicht, da dieses gesamte Gebiet und nicht minder die vorliegenden Donaulandschaften bei der urspruenglichen Teilung dem Senat zugewiesen wurden; ebensowenig haben militaerische Ruecksichten hier eingegriffen, da die ganze Halbinsel bis hinauf zur thrakischen Grenze, als gedeckt teils durch diese Landschaft, teils durch die Besatzungen an der Donau, immer dem befriedeten Binnenlande zugerechnet worden ist. Wenn der Peloponnes und das attisch- boeotische Festland damals seinen eigenen Prokonsul erhielt und von Makedonien getrennt ward, was wohl schon Caesar beabsichtigt haben mag, so war dabei, neben der allgemeinen Tendenz, die senatorischen Statthalterschaften nicht zu gross zu nehmen, vermutlich die Ruecksicht massgebend, das rein hellenische Gebiet von dem halb hellenischen zu scheiden. Die Grenze der Provinz Achaia war anfaenglich der Oeta, und auch nachdem die Aetoler spaeter dazu gelegt worden ^4, ist sie nicht hinausgegangen ueber den Acheloos und die Thermopylen.


^4 Die urspruenglichen Grenzen der Provinz bezeichnet Strabon (17, 3, 25 p. 840) in der Aufzaehlung der senatorischen Provinzen: Achaia mechri THettalias kai Ait/o/l/o/n kai Akarnan/o/n kai tin/o/n /E/peir/o/tik/o/n ethn/o/n osa t/e/ Makedonia pros/o/risto, wobei der uebrige Teil von Epirus der (von Strabon hier, fuer seine Zeit irrig, den senatorischen zugezaehlten) Provinz Illyricum zugeteilt zu werden scheint. Mechri einschliessend zu nehmen geht, von sachlichen Erwaegungen abgesehen, schon deswegen nicht an, weil nach den Schlussworten die vorher genannten Gebiete "Makedonien zugeteilt sind". Spaeterhin finden wir die Aetoler zu Achaia gelegt (Ptol. geogr. 3, 14). Dass Epirus eine Zeitlang auch dazu gehoert hat, ist moeglich, nicht so sehr wegen der Angabe bei Dio 53, 12, die weder fuer Augustus' Zeit noch fuer diejenige Dios verteidigt werden kann, sondern weil Tacitus zum Jahre 17 (ann. 2, 53) Nikopolis zu Achaia rechnet. Aber wenigstens seit Traian bildet Epirus mit Akarnanien eine eigene prokuratorische Provinz (Ptol. geogr. 3, 13; CIL III, 536; Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 331). Thessalien und alles Land noerdlich vom Oeta ist stets bei Makedonien geblieben.


Diese Ordnungen betrafen die Landschaft im ganzen. Wir wenden uns zu der Stellung, welche den einzelnen Stadtgemeinden unter der roemischen Herrschaft gegeben ward. Die urspruengliche Absicht der Roemer, die Gesamtheit der griechischer. Stadtgemeinden in aehnlicher Weise an das eigene Gemeinwesen anzuschliessen, wie dies mit den italischen geschehen war, hatte infolge des Widerstandes, auf den diese Einrichtungen trafen, insbesondere infolge der Auflehnung des Achaeischen Bundes im Jahre 608 (146) und des Abfalls der meisten Griechenstaedte zu Koenig Mithradates im Jahre 666 (88) wesentliche Einschraenkungen erfahren. Die Staedtebuende, das Fundament aller Machtentwicklung in Hellas wie in Italien, und von den Roemern anfaenglich akzeptiert, waren saemtlich, namentlich der wichtigste der Peloponnesier oder, wie er sich nannte, der Achaeer, aufgeloest und die einzelnen Staedte angehalten worden, ihr Gemeinwesen fuer sich zu ordnen. Es wurden ferner fuer die einzelnen Gemeindeverfassungen von der Vormacht gewisse allgemeine Normen aufgestellt und nach diesem Schema dieselben in antidemokratischer Tendenz reorganisiert. Nur innerhalb dieser Schranken blieb der einzelnen Gemeinde die Autonomie und die eigene Magistratur. Es blieben ihr auch die eigenen Gerichte; aber daneben stand der Grieche von Rechts wegen unter den Ruten und Beilen des Praetors, und wenigstens konnte wegen eines jeden Vergehens, das als Auflehnung gegen die Vormacht sich betrachten liess, von den roemischen Beamten auf Geldbusse oder Ausweisung oder auch Lebensstrafe erkannt werden ^5. Die Gemeinden besteuern sich selbst; aber sie hatten durchgaengig eine bestimmte, im ganzen, wie es scheint, nicht hoch gegriffene Summe nach Rom zu entrichten. Besatzungen wurden nicht so, wie einst in makedonischer Zeit, in die Staedte gelegt, da die in Makedonien stehenden Truppen noetigenfalls in der Lage waren, auch in Griechenland einzuschreiten. Aber schwerer als die Zerstoerung Thebens auf dem Andenken Alexanders, lastet auf der roemischen Aristokratie die Schleifung Korinths. Die uebrigen Massregeln, wie gehaessig und erbitternd sie auch teilweise waren, namentlich als von der Fremdherrschaft oktroyiert, mochten im ganzen genommen unvermeidlich sein und vielfach heilsam wirken; sie waren die unvermeidliche Palinodie der urspruenglichen, zum Teil recht unpolitischen roemischen Politik des Verzeihens und Verziehens gegenueber den Hellenen. Aber in der Behandlung Korinths hatte sich der kaufmaennische Egoismus in unheimlicher Weise maechtiger erwiesen als alles Philhellenentum.


^5 Nichts gibt von der Lage der Griechen des letzten Jahrhunderts der roemischen Republik ein deutlicheres Bild als das Schreiben eines dieser Statthalter an die achaeische Gemeinde Dyme (CIG 1543). Weil diese Gemeinde sich Gesetze gegeben hat, welche der im allgemeinen den Griechen geschenkten Freiheit (/e/ apodedomen/e/ kata koinon tois 'Ell/e/sin eleytheria) und der von den Roemern den Achaeern gegebenen Ordnung (/e/ apodeytheisa tois Achaiois ypo R/o/mai/o/n politeia; wahrscheinlich unter Mitwirkung des Polybios Paus. 8, 30, 9) zuwiderliefen, worueber es allerdings auch zu Auflaeufen gekommen war, zeigt der Statthalter der Gemeinde an, dass er die beiden Raedelsfuehrer habe hinrichten, lassen und ein minder schuldiger Dritter nach Rom exiliert sei.


Bei allem dem war der Grundgedanke der roemischen Politik, die griechischen Staedte dem italischen Staedtebund anzugliedern, nie vergessen worden; gleich wie Alexander niemals Griechenland hat beherrschen wollen wie Illyrien und Aegypten, so haben auch seine roemischen Nachfolger das Untertanenverhaeltnis nie vollstaendig auf Griechenland angewandt und schon in republikanischer Zeit von dem strengen Recht des den Roemern aufgezwungenen Krieges wesentlich nachgelassen. Insbesondere geschah dies gegenueber Athen. Keine griechische Stadt hat vom Standpunkt der roemischen Politik aus so schwer gegen Rom gefehlt wie diese; ihr Verhalten im Mithradatischen Kriege haette bei jedem anderen Gemeinwesen unvermeidlich die Schleifung herbeigefuehrt. Aber vom philhellenischen Standpunkt aus freilich war Athen das Meisterstueck der Weit, und es knuepften sich an dasselbe fuer die vornehme Welt des Auslandes aehnliche Neigungen und Erinnerungen wie fuer unsere gebildeten Kreise an Pforta und an Bonn; dies ueberwog damals wie frueher. Athen hat nie unter den Beilen des roemischen Statthalters gestanden und niemals nach Rom gesteuert, hat immer mit Rom beschworenes Buendnis gehabt und nur ausserordentlicher und, wenigstens der Form nach, freiwilliger Weise den Roemern Beihilfe gewaehrt. Die Kapitulation nach der Sullanischen Belagerung fuehrte wohl eine Aenderung der Gemeindeverfassung herbei, aber das Buendnis ward erneuert, ja sogar alle auswaertigen Besitzungen zurueckgegeben; selbst die Insel Delos, welche, als Athen zu Mithradates uebertrat, sich losgemacht und als selbstaendiges Gemeinwesen konstituiert hatte und zur Strafe fuer ihre Treue gegen Rom von der pontischen Flotte ausgeraubt und zerstoert worden war ^6.


^6 Die delischen Ausgrabungen der letzten Jahre haben die Beweise geliefert, dass die Insel, nachdem die Roemer sie einmal an Athen gegeben hatten, bestaendig athenisch geblieben ist und sich zwar infolge des Abfalls der Athener von Rom als Gemeinde der "Delier" konstituierte (Eph, epigr. V, p. 604), aber schon sechs Jahre nach der Kapitulation Athens wieder athenisch war (Ep h. epigr. V, n. 184; Homolle im BCH 8, 1884, S. 142).


Mit aehnlicher Ruecksicht, und wohl auch zum guten Teil seines grossen Namens wegen, ist Sparta behandelt worden. Auch einige andere Staedte der spaeter zu nennenden befreiten Gemeinden hatten diese Stellung bereits unter der Republik. Wohl kamen dergleichen Ausnahmen in jeder roemischen Provinz vor; aber dem griechischen Gebiet ist dies von Haus aus eigen, dass eben die beiden namhaftesten Staedte desselben ausserhalb des Untertanenverhaeltnisses standen und dieses demnach nur die geringeren Gemeinwesen traf. Auch fuer die untertaenigen Griechenstaedte traten schon unter der Republik Milderungen ein. Die anfaenglich untersagten Staedtebuende lebten allmaehlich wieder auf, insbesondere die kleineren und machtlosen, wie der boeotische, sehr bald ^7; mit der Gewoehnung an die Fremdherrschaft schwanden die oppositionellen Tendenzen, welche ihre Aufhebung herbeigefuehrt hatten, und ihre enge Verknuepfung mit dem sorgfaeltig geschonten, althergebrachten Kultus wird ihnen weiter zugute gekommen sein, wie denn schon bemerkt worden ist, dass die roemische Republik die Amphiktyonie in ihren urspruenglichen nicht politischen Funktionen wiederherstellte und schuetzte. Gegen das Ende der republikanischen Zeit scheint die Regierung den Boeotern sogar gestattet zu haben, mit den kleinen noerdlich angrenzenden Landschaften und der Insel Euboea eine Gesamtverbindung einzugehen ^8.


^7 Ob das koinon t/o/n Achai/o/n, das in der eigentlich republikanischen Zeit natuerlicherweise nicht vorkommt, schon am Ende derselben oder erst nach Einfuehrung der kaiserlichen Provinzialordnung rekonstruiert worden ist, ist zweifelhaft. Inschriften wie die olympische des Proquaestors Q. Ancharius Q. f. (Archaeologische Zeitung 36, 1878, S. 38, n. 114) sprechen mehr fuer die erstere Annahme; doch kann sie nicht mit Gewissheit als voraugustisch bezeichnet werden. Das aelteste sichere Zeugnis fuer die Existenz dieser Vereinigung ist die von ihr dem Augustus in Olympia gesetzte Inschrift (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 36, n. 33). Vielleicht sind dies Ordnungen des Diktators Caesar und im Zusammenhang mit dem unter ihm begegnenden Statthalter "Griechenlands", wahrscheinlich des Achaia der Kaiserzeit (Cic. ad fam. 6, 6, 10). Uebrigens haben sicher auch unter der Republik, nach Ermessen des jedesmaligen Statthalters, mehrere Gemeinden fuer einen bestimmten Gegenstand durch Deputierte zusammentreten und Beschluesse fassen koennen; wie das koinon der Sikelioten also dem Verres eine Statue dekretierte (Cic. Verr. 1, 2, 46, 114), wird aehnliches auch in Griechenland unter der Republik vorgekommen sein. Aber die regelmaessigen provinzialen Landtage mit ihren festen Beamten und Priestern sind eine Einrichtung der Kaiserzeit. ^8 Dies ist das koinon Boi/o/t/o/n Eyboe/o/n Lokr/o/n PH/o/ke/o/n D/o/rie/o/n merkwuerdigen, wahrscheinlich kurz vor der Attischen Schlacht gesetzten Inschrift CIA III, 568. Unmoeglich kann mit Dittenberger (Archaeologische Zeitung 34, 1876, S. 220) auf diesen Bund die Meldung des Pausanias (7, 16, 10) bezogen werden, dass die Roemer "nicht viele Jahre" nach der Zerstoerung Korinths sich der Hellenen erbarmt und ihnen die landschaftlichen Vereinigungen (synedria kata ethnos ekastois) wieder gestattet haetten; dies geht auf die kleineren Einzelbuende.


Den Schlussstein der republikanischen Epoche macht die Suehnung der Schleifung Korinths durch den groessten aller Roemer und aller Philhellenen, den Diktatar Caesar, und die Erneuerung des Sternes von Hellas in der Form einer selbstaendigen Gemeinde roemischer Buerger, der neuen "julischen Ehre". Diese Verhaeltnisse fand das eintretende Kaiserregiment in Griechenland vor, und diese Wege ist es weiter gegangen. Die von dem unmittelbaren Eingreifen der Provinzialregierung und von der Steuerzahlung an das Reich befreiten Gemeinden, denen die Kolonien der roemischen Buerger in vieler Hinsicht gleichstehen, begreifen weitaus den groessten und besten Teil der Provinz Achaia: im Peloponnes Sparta, mit seinem zwar geschmaelerten, aber doch jetzt wieder die noerdliche Haelfte Lakoniens umfassenden Gebiet ^9, immer noch das Gegenbild Athens, sowohl in den versteinerten altfraenkischen Institutionen wie in der wenigstens aeusserlich bewahrten Ordnung und Haltung; ferner die achtzehn Gemeinden der freien Lakonen, die suedliche Haelfte der lakonischen Landschaft, einst spartanische Untertanen, nach dem Kriege gegen Nabis von den Roemern als selbstaendiger Staedtebund organisiert und von Augustus gleich Sparta mit der Freiheit beliehen ^10; endlich in der Landschaft der Achaeer ausser Dyme, das schon von Pompeius mit Piratenkolonisten belegt worden war und dann durch Caesar neue roemische Ansiedler empfangen hatte ^11, vor allem Patrae, aus einem herabgekommenen Flecken von Augustus, seiner fuer den Handel guenstigen Lage wegen, teils durch Zusammenziehung der umliegenden kleinen Ortschaften, teils durch Ansiedelung zahlreicher italischer Veteranen zu der volkreichsten und bluehendsten Stadt der Halbinsel umgeschaffen und als roemische Buergerkolonie konstituiert, unter die auch auf der gegenueberliegenden lokrischen Kueste Naupaktos (italienisch Lepanto) gelegt ward. Auf dem Isthmos war Korinth, wie es einst das Opfer der Gunst seiner Lage geworden war, so jetzt nach seiner Wiederherstellung, aehnlich wie Karthago, rasch emporgekommen und die gewerb- und volkreichste Stadt Griechenlands, ueberdies der regelmaessige Sitz der Regierung. Wie die Korinther die ersten Griechen gewesen waren, welche die Roemer als Landsleute anerkannt hatten durch Zulassung zu den Isthmischen Spielen, so leitete dieselbe Stadt jetzt, obgleich roemische Buergergemeinde, dieses hohe griechische Nationalfest. Auf dem Festlande gehoerten zu den befreiten Distrikten nicht bloss Athen mit seinem ganz Attika und zahlreiche Inseln des Aegaeischen Meeres umfassenden Gebiet, sondern auch Tanagra und Thespiae, damals die beiden ansehnlichsten Staedte der boeotischen Landschaft, ferner Plataeae ^12; in Phokis Delphi, Abae, Elateia, sowie die ansehnlichste der lokrischen Staedte, Amphissa. Was die Republik begonnen hatte, das vollendete Augustus in der eben dargelegten, wenigstens in den Hauptzuegen von ihm festgestellten und auch spaeter im wesentlichen festgehaltenen Ordnung. Wenngleich die dem Prokonsul unterworfenen Gemeinden der Provinz der Zahl nach gewiss und vielleicht auch nach der Gesamtbevoelkerung ueberwogen, so sind in echt philhellenischem Geiste die durch materielle Bedeutung oder durch grosse Erinnerungen ausgezeichnetsten Staedte Griechenlands befreite ^13.


^9 Dazu gehoerte nicht bloss das nahe Amyklae, sondern auch Kardmyle (durch Schenkung Augusts, Paus. 3, 26, 7), Pherae (Paus. 4, 30, 2), Thuria (das. 4, 31, 1) und eine Zeitlang auch Korone (CIG 1258; vgl. Lebas-Foucart II, S. 305) am Messenischen Busen, ferner die Insel Kythera (Dio 54, 7). ^10 In republikanischer Zeit erscheint dieser Distrikt als to koinon t/o/n Lakedaimoni/o/n (Lebas-Foucart II, S. 110); Pausanias (3, 21, 6) irrt also, wenn er ihn erst durch Augustus von Sparta loesen laesst. Aber Eleytherolakones nennen sie sich erst seit Augustus, und die Erteilung der Freiheit wird also mit Recht auf diesen zurueckgefuehrt. ^11 Es gibt Muenzen dieser Stadt mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia) D(ume)und dem Kopf Caesars, andere mit der Aufschrift c(olonia) I(ulia) A(ugusta) Du m(e) und dem Kopf Augusts neben dem des Tiberius (F. Imhoof-Blumer, Monnaies Grecques. Leipzig 1883, S. 165). Dass Augustus Dyme der Kolonie Patrae zugeteilt hat, ist wohl ein Irrtum des Pausanias (7,17, 5); moeglich bleibt es freilich, dass Augustus in seinen spaeteren Jahren diese Vereinigung verfuegt hat. ^12 Dies zeigt, wenigstens fuer die Zeit des Pius, die afrikanische Inschrift CIL VIII, 7059 (vgl. Plut. Arist. 21). Die Schriftstellernachrichten ueber die befreiten Gemeinden geben ueberhaupt keine Gewaehr fuer die Vollstaendigkeit der Liste. Wahrscheinlich gehoert zu denselben auch Elis, das von der Katastrophe der Achaeer nicht betroffen ward und auch spaeter noch nach Olympiaden, nicht nach der Aera der Provinz datierte; ueberdies ist es unglaublich, dass die Stadt der olympischen Feier nicht bestes Recht gehabt hat. ^13 Scharf drueckt dies Aristeides aus in der Lobrede auf Rom (or. p. 224 Jebb): diateleite t/o/n men Ell/e/n/o/n /o/sper trophe/o/n epimelomenoi ... to?s men aristoys kai palai /e/gemonas (Athen und Sparta) eleytheroys kai aytonomoys apheikotes ayt/o/n, t/o/n d'all/o/n metri/o/s ... ex/e/go?menoi, to?s de barbaroys pros t/e/n ekastois ayt/o/n o?san ph?sin paid?ontes.


Weiter, als in dieser Richtung Augustus gegangen war, ging der letzte Kaiser des Claudischen Hauses, einer vom Schlage der verdorbenen Poeten und insofern allerdings ein geborener Philhellene. Zum Dank fuer die Anerkennung, die seine kuenstlerischen Leistungen in dem Heimatlande der Musen gefunden hatten, sprach Nero, wie einst Titus Flamininus und wieder in Korinth bei den Isthmischen Spielen, die saemtlichen Griechen des roemischen Regiments ledig, frei von Tributen und gleich den Italikern keinem Statthalter untertan. Sofort entstanden in ganz Griechenland Bewegungen, welche Buergerkriege gewesen sein wuerden, wenn diese Leute mehr haetten fertig bringen koennen als Schlaegereien; und nach wenigen Monaten stellte Vespasian mit der trockenen Bemerkung, dass die Griechen verlernt haetten, frei zu sein, die Provinzialverfassung wieder her ^14, so weit sie reichte.


^14 Aber dankbar blieben die hellenischen Literaten ihrem Kollegen und Patron. In dem Apolloniusroman schlaegt der grosse Weise aus Kappadokien Vespasian die Ehre seiner Begleitung ab, weil er die Hellenen zu Sklaven gemacht habe, wie sie eben im Begriff waren, wieder ionisch und dorisch zu reden, und schreibt ihm verschiedene Billets von ergoetzlicher Grobheit. Ein Mann aus Soloi, der den Hals brach und dann wieder auflebte und bei dieser Gelegenheit alles sah, was Dante schaute, berichtete, dass er Neros Seele getroffen habe, in welche die Arbeiter des Weltgerichts Flammennaegel getrieben hatten und beschaeftigt waren sie in eine Natter umzugestalten; allein eine himmlische Stimme habe Einspruch getan und geboten, den Mann wegen seines irdischen Philhellenismus in eine minder abscheuliche Bestie zu verwandeln (Plut. de Sera num. vind. a. E.).


Die Rechtsstellung der befreiten Gemeinden blieb im wesentlichen dieselbe wie unter der Republik. Soweit nicht roemische Buerger in Frage kamen, behielten sie die volle Justizhoheit; nur scheinen die allgemeinen Bestimmungen ueber die Appellationen an den Kaiser einer- und die Senatsbehoerden andererseits auch die freien Staedte eingeschlossen zu haben ^15. Vor allem behielten sie die volle Selbstbestimmung und Selbstverwaltung. Athen zum Beispiel hat in der Kaiserzeit das Praegerecht geuebt, ohne je einen Kaiserkopf auf seine Muenzen zu setzen, und auch auf spartanischen Muenzen der ersten Kaiserzeit fehlt derselbe haeufig. In Athen blieb auch die alte Rechnung nach Drachmen und Obolen, nur dass freilich die oertliche attische Drachme dieser Zeit nichts als lokale Scheidemuenze war und dem Wert nach als Obol der attischen Reichsdrachme oder des roemischen Denars kursierte. Selbst die formale Ausuebung des Rechts ueber Krieg und Frieden war in einzelnen Vertraegen dergleichen Staaten gewahrt ^16. Zahlreiche der italischen Gemeindeordnung voellig widerstreitende Institutionen blieben bestehen, wie der jaehrliche Wechsel der Ratsmitglieder und die Tagegelder dieser und der Geschworenen, welche, wenigstens in Rhodos, noch in der Kaiserzeit gezahlt worden sind. Selbstverstaendlich uebte die roemische Regierung nichtsdestoweniger auf die Konstituierung auch der befreiten Gemeinden fortwaehrend einen massgebenden Einfluss. So ist zum Beispiel die athenische Verfassung, sei es am Ausgang der Republik, sei es durch Caesar oder Augustus, in der Weise modifiziert worden, dass nicht mehr jedem Buerger, sondern, wie nach roemischer Ordnung, nur bestimmten Beamten das Recht zustand, einen Antrag an die Buergerschaft zu bringen; und unter der grossen Zahl der bloss figurierenden Beamten wurde einem einzigen, dem Strategen, die Geschaeftsleitung in die Hand gelegt. Sicher sind auf diesem Wege noch mancherlei weitere Reformen durchgefuehrt worden, deren Eintreten in dem abhaengigen wie unabhaengigen Griechenland wir ueberall erkennen, ohne dass Zeit und Anlass der Reform sich bestimmen laesst. So ist das Recht oder vielmehr das Unrecht der Asyle, welche als Ueberreste einer rechtlosen Zeit jetzt fromme Schlupfwinkel fuer schlechte Schuldner und Verbrecher geworden waren, gewiss auch in dieser Provinz wenn nicht beseitigt, so doch eingeschraenkt worden. Das Institut der Proxenie, urspruenglich eine unseren auslaendischen Konsulaten vergleichbare zweckmaessige Einrichtung, aber durch die Verleihung voller buergerlicher Rechte und oft auch noch des Privilegiums der Steuerfreiheit an den befreundeten Auslaender, besonders bei der Ausdehnung, in der es gewaehrt ward, politisch bedenklich, ist durch die roemische Regierung, wie es scheint erst im Anfang der Kaiserzeit, beseitigt worden; wofuer dann nach italischer Weise das mit dem Steuerwesen sich nicht beruehrende inhaltlose Stadtpatronat an die Stelle trat. Endlich hat die roemische Regierung, als Inhaberin der obersten Souveraenitaet ueber diese abhaengigen Republiken ebenso wie ueber die Klientelfuersten, immer es als ihr Recht betrachtet und geuebt, die freie Verfassung im Fall des Missbrauchs aufzuheben und die Stadt in eigene Verwaltung zu nehmen. Indes teils der beschworene Vertrag, teils die Machtlosigkeit dieser nominell verbuendeten Staaten hat diesen Vertraegen eine groessere Stabilitaet gegeben, als sie in dem Verhaeltnis zu den Klientelfuersten wahrgenommen wird.


^15 Wenigstens wird in der Verordnung Hadrians ueber die den athenischen Grundbesitzern obliegenden Oellieferungen an die Gemeinde (CIA III, 18) die Entscheidung zwar der Bule und der Ekklesia gegeben, aber Appellation an den Kaiser oder den Prokonsul gestattet. ^16 Was Strabon (14, 3, 3, p. 665) von dem zu seiner Zeit autonomen Lykischen Staedtebund berichtet, dass ihm das Kriegs- und Friedens- und das Buendnisrecht fehle, ausser wenn die Roemer dasselbe gestatten oder es zu ihrem Nutzen geschieht, wird ohne weiteres auch auf Athen bezogen werden duerfen.


Wenn den befreiten Gemeinden Achaias ihre bisherige Rechtsstellung unter dem Kaisertum blieb, so hat Augustus denen der Provinz, welchen die Freiheit nicht gewaehrt war oder ward, eine neue und bessere Rechtsstellung verliehen. Wie er in der reorganisierten Delphischen Amphiktyonie den Griechen Europas einen gemeinsamen Mittelpunkt gegeben hatte, gestattete er auch den saemtlichen Staedten der Provinz Achaia, soweit sie unter roemischer Verwaltung standen, sich als Gesamtverband zu konstituieren und jaehrlich in Argos, der bedeutendsten Stadt des unfreien Griechenlands, zur Landesversammlung zusammenzutreten ^17. Damit wurde der nach dem achaeischen Kriege aufgeloeste Achaeische Bund nicht bloss rekonstituiert, sondern ihm auch die frueher erwaehnte, erweiterte boeotische Vereinigung eingefuegt. Wahrscheinlich ist eben durch die Zusammenlegung dieser beiden Gebiete die Abgrenzung der Provinz Achaia herbeigefuehrt worden. Der neue Verband der Achaeer, Boeoter, Lokrer, Phokier, Dorer und Euboeer ^18 oder, wie er gewoehnlich gleich wie die Provinz bezeichnet wird, der Verband der Achaeer hat vermutlich weder mehr noch weniger Rechte gehabt, als die sonstigen Provinziallandtage des Kaiserreichs. Eine gewisse Kontrolle der roemischen Beamten wird dabei beabsichtigt gewesen und werden darum auch die dem Prokonsul nicht unterstellten Staedte, wie Athen und Sparta, von demselben ausgeschlossen worden sein. Daneben wird diese Tagsatzung, wie alle aehnlichen, hauptsaechlich in dem gemeinschaftlichen, das ganze Land umfassenden Kultus den Mittelpunkt ihrer Taetigkeit gefunden haben. Aber wenn in den uebrigen Provinzen dieser Landeskult ueberwiegend an Rom anknuepfte, so wurde der Landtag von Achaia vielmehr ein Brennpunkt des Hellenismus und sollte es vielleicht werden. Schon unter den julischen Kaisern betrachtete er sich als den rechten Vertreter der griechischen Nation und legte seinem Vorstand den Namen des Helladarchen bei, sich selbst sogar den der Panhellenen ^19. Die Versammlung entfernte sich also von ihrer provinzialen Grundlage, und ihre bescheidenen administrativen Befugnisse traten in den Hintergrund.


^17 Allerdings sind die bis jetzt bekannten Vorsteher des koinon t/o/n Achai/o/n, deren Heimat feststeht, aus Argos, Messene, Korone in Messenien (Lebas-Foucart II, S. 305) und haben sich darunter bisher nicht bloss keine Buerger der befreiten Gemeinden, wie Athen und Sparta, sondern auch keine der zu der Konfoederation der Boeoter und Genossen gehoerigen (Anm. 8) gefunden. Vielleicht beschraenkte sich dies koinon rechtlich auf das Gebiet, das die Roemer die Republik Achaia nannten, das heisst das des Achaeischen Bundes bei seinem Untergang, und sind die Boeoter und Genossen mit dem eigentlichen koinon der Achaeer zu demjenigen weiteren Bunde vereinigt, dessen Vorhandensein und Tagen in Argos die Inschriften von Akraephia (Anm. 18) dokumentieren. Uebrigens bestand neben diesem koinon der Achaeer noch ein engeres der Landschaft Achaia im eigentlichen Sinn, dessen Vertreter in Aegion zusammentraten (Paus. 7, 24, 4), eben wie das koinon t/o/n Arkad/o/n (Archaeologische Zeitung 37, 1879, S. 139, n. 274) und zahlreiche andere. Wenn nach Paus. 5, 12, 6 in Olympia dem Traian oi pantes Ell/e/nes, dem Hadrian ai es to Achaikon telo?sai Bildsaeulen gesetzt hatten und hier kein Missverstaendnis untergelaufen ist, so wird die letztere Dedikation auf dem Landtag von Aegion stattgefunden haben. ^18 So (nur dass die Dorer fehlen; vgl. Anm. 8) heisst der Verein auf der Inschrift von Akraephia (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Eben diese Urkunde aber nebst der gleichzeitigen CIG 1625 liefert den Beweis, dass der Verein unter Kaiser Gaius statt dieser wohl eigentlich offiziellen Benennung sich auch einerseits als Verein der Achaeer bezeichnet, andererseits als to koinon t/o/n Panell/e/n/o/n oder /e/ s?nodos t/o/n Ell/e/n/o/n, auch to t/o/n Achai/o/n kai Panell/e/n/o/n synedrion. Diese Ruhmredigkeit tritt anderswo nicht so grell hervor wie in jenem boeotischen Landstaedtchen; aber auch in Olympia, wo der Verein seine Denkmaeler vorzugsweise aufstellte nennt er sich zwar meistens to koinon t/o/n Achai/o/n, aber zeigt oft genug dieselbe Tendenz, zum Beispiel wenn to koinon t/o/n Achai/o/n P. Ailio Aristona ... synpantes oi Ell/e/nes anestesan (Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 86, n. 344). Ebenso setzen in Sparta dem Caesar Marcus oi Ell/e/nes eine Bildsaeule apo to? koino? t/o/n Achai/o/n (CIG 1318). ^19 Auch in Asia, Bithynien, Niedermoesien heisst der Vorsteher der der betreffenden Provinz angehoerigen Griechenstaedte Elladarch/e/s, ohne dass damit mehr aus gedrueckt wuerde als der Gegensatz gegen die Nichtgriechen. Aber wie der Hellenenname in Griechenland verwendet wird, in einem gewissen Gegensatz zu dem eigentlich korrekten der Achaeer, ist dies sicher von derselben Tendenz eingegeben die in den Panhellenea von Argos am deutlichsten sich zeichnete. So findet sich strat/e/gos to? koino? t/o/n Achai/o/n kai prostat/e/s dia bioy t/o/n Ell/e/n/o/n (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 192, n. 98) oder auf einem anderen Dokument desselben prostat/e/s dia bioy t/o/n Ell/e/n/o/n to? koino? t/o/n Achai/o/n Mannes prostat/e/s dia bioy to? koino? t/o/n Achai/o/n (Lebas-Foucart, n. 305); ein (Archaeologische Zeitung 35, 1877, S. 195, n. 106), strat/e/gos asynkrit/o/s arxas t/e/s Ellados (das. S. 40, n. 42), strat/e/gos kai Elladarch/e/s (das. 34, 1876, S. 8, S. 226), alle ebenfalls auf Inschriften des koinon t/o/n Achai/o/n. Dass in diesem, mag es auch vielleicht bloss auf den Peloponnes bezogen werden (Anm. 17), die panhellenische Tendenz darum nicht weniger sich geltend machte, ist begreiflich.


Diese Panhellenen nannten sich missbraeuchlich also und wurden von der Regierung nur toleriert. Aber Hadrian schuf wie ein neues Athen, so auch ein neues Hellas. Unter ihm durften die Vertreter der saemtlichen autonomen oder nicht autonomen Staedte der Provinz Achaia in Athen sich als das vereinigte Griechenland, als die Panhellenen ^20 konstituieren. Die in besseren Zeiten oft getraeumte und nie erreichte nationale Einigung war damit geschaffen, und was die Jugend gewuenscht, das besass das Alter in kaiserlicher Fuelle. Freilich, politische Befugnisse erhielt das neue Panhellenion nicht; aber was Kaisergunst und Kaisergold gewaehren konnte, daran war kein Mangel. Es erhob sich in Athen der Tempel des neuen Zeus Panhellenios, und glaenzende Volksfeste und Spiele wurden mit dieser Stiftung verbunden, deren Ausrichtung dem Kollegium der Panhellenen zustand, und zwar zunaechst dem Priester des Hadrian als des stiftenden lebendigen Gottes. Einen der Akte, welche dieselben alljaehrlich begingen, war das dem Zeus-Befreier dargebrachte Opfer in Plataeae zum Gedaechtnis der hier im Kampf gegen die Perser gefallenen Hellenen am Jahrestag der Schlacht, dem 4. Boedromion; dies zeichnet seine Tendenz ^21. Noch deutlicher zeigt dieselbe sich darin, dass Griechenstaedten ausserhalb Hellas', welche der nationalen Gemeinschaft wuerdig erschienen, von der Versammlung in Athen ideale Buergerbriefe des Hellenismus ausgestellt wurden ^22.


^20 Die hadrianischen Panhellenen nennen sich to koinon synedrion t/o/n Ell/e/n/o/n t/o/n eis Plat/e/as syniont/o/n (Theben: Keil, Sylloge lnscriptionum Boeoticarum, n. 31, vgl. Plut. Arist. 19 u. 21), koinon t/e/s Ellados (CIG 5852), to /o/n (ebenda). Ihr Vorsteher heisst o arch/o/n t/o/n Panell/e/n/o/n (CIA III, 681, 682; CIG 3832, vgl. CIA III, 10: a[nt[arch/o/n to? ier/o/tatoy a[g/o/nos to? P]an[el]l/e/nioy), der einzelne Deputierte Panell/e/n (z. B. CIA III, 534; CIG 1124). Daneben treten auch in nachhadrianischer Zeit noch das koinon t/o/n Achai/o/n und dessen strat/e/gos oder Elladarch/e/s auf, welche wohl von jenen zu scheiden sein werden, obwohl letzterer seine Ehrendekrete jetzt nicht bloss in Olympia aufstellt, sondern auch in Athen (CIA 18; zweites Exemplar in Olympia, Archaeologische Zeitung 37, 1879, S. 52). ^21 Dass die Bemerkung Dions von Prusa (or. 38, p. 148 R.) ueber den Streit der Athener und der Lakedaemonier yper t/e/s propompeias sich auf das Fest in Plataeae bezieht, ergibt sich aus (Lucian) Er/o/tes 18: /o/s peri propompeias ag/o/nio?menoi Plataiasin. Auch der Sophist Irenaeos schrieb (Suidas u. d. W.) und Hermogenes (id. II p. 373 Walz) gibt als Redestoff Ay/e/naioi kai Lakedaimonioi peri t/e/s propompeias kata ta M/e/dika (Mitteilung von Wilamowitz). ^22 Es haben sich zwei derselben erhalten, fuer Kibyra in Phrygien (CIG 5882), ausgestellt vom koinon t/e/s Ellados durch ein dogma to? Panell/e/nioy und fuer Magnesia am Maeandros (CIA III, 16). In beiden wird die gut hellenische Abstammung der betreffenden Koerperschaften nebst den sonstigen Verdiensten um die Hellenen hervorgehoben. Charakteristisch sind auch die Empfehlungsbriefe, welche diese Panhellenen einem um ihr Gemeinwesen wohlverdienten Mann an seine Heimatgemeinde Aezani in Phrygien, an den Kaiser Pius und an die Hellenen in Asia insgemein mitgeben (CIG 3832, 3833, 3834).


Wenn die Kaiserherrschaft in dem ganzen weiten Reich die Verwuestungen eines zwanzigjaehrigen Buergerkrieges vorfand und vielerorts die Folgen desselben niemals voellig verwunden wurden, so ist wohl kein Gebiet davon so schwer betroffen worden wie die griechische Halbinsel. Das Schicksal hatte es so gefuegt, dass die drei grossen Entscheidungsschlachten dieser Epoche, Pharsalos, Philippi, Aktion auf ihrem Boden oder an ihrer Kueste geschlagen wurden; und die militaerischen Operationen, welche bei beiden Parteien dieselben einleiteten, hatten ihre Opfer von Menschenleben und Menschenglueck hier vor allem gefordert. Noch dem Plutarch erzaehlte sein Aeltervater, wie die Offiziere des Antonius die Buerger von Chaeroneia gezwungen haetten, da sie Sklaven und Lasttiere nicht mehr besassen, ihr letztes Getreide auf den eigenen Schultern nach dem naechsten Hafenort zu schleppen zur Verschiffung fuer das Heer; und wie dann, als eben der zweite Transport abgehen sollte, die Nachricht von der Actischen Schlacht wie eine erloesende Freudenbotschaft eingetroffen sei. Das erste, was nach diesem Siege Caesar tat, war die Verteilung der in seine Gewalt geratenen feindlichen Getreidevorraete unter die hungernde Bevoelkerung Griechenlands. Dieses schwerste Mass des Leidens traf auf vorzugsweise schwache Widerstandskraft. Schon mehr als ein Jahrhundert vor der Actischen Schlacht hatte Polybios ausgesprochen, dass ueber ganz Griechenland in seiner Zeit Unfruchtbarkeit der Ehen und Einschwinden der Bevoelkerung gekommen sei, ohne dass Seuchen oder schwere Kriege das Land betroffen haetten. Nun hatten diese Geisseln in furchtbarer Weise sich eingestellt; und Griechenland blieb veroedet fuer alle Folgezeit. Im ganzen Roemerreich, meint Plutarch, sei infolge der verwuestenden Kriege die Bevoelkerung zurueckgegangen, am meisten aber in Griechenland, das jetzt nicht imstande sei, aus den besseren Kreisen der Buergerschaften die 3000 Hopliten zu stellen, mit denen einst die kleinste der griechischen Landschaften, Megara, bei Plataeae gestritten hatte ^23. Caesar und Augustus haben versucht, dieser auch fuer die Regierung erschreckenden Entvoelkerung durch Entsendung italischer Kolonisten aufzuhelfen, und in der Tat sind die beiden bluehendsten Staedte Griechenlands eben diese Kolonien; die spaeteren Regierungen haben solche Entsendungen nicht wiederholt. Zu der anmutigen euboeischen Bauernidylle des Dion von Prusa bildet den Hintergrund eine entvoelkerte Stadt, in der zahlreiche Haeuser leer stehen, die Herden am Rathaus und am Stadtarchiv weiden, zwei Drittel des Gebiets aus Mangel an Haenden unbestellt liegen; und wenn dies der Erzaehler als Selbsterlebtes berichtet, so schildert er damit sicher zutreffend die Zustaende zahlreicher kleiner griechischer Landstaedte in der Zeit Traians. "Theben in Boeotien", sagt Strabon in der augustischen Zeit, "ist jetzt kaum noch ein stattliches Dorf zu nennen, und mit Ausnahme von Tanagra und Thespiae gilt dasselbe von saemtlichen boeotischen Staedten." Aber nicht bloss der Zahl nach schwanden die Menschen zusammen, auch der Schlag verkam. Schoene Frauen gibt es wohl noch, sagt einer der feinsten Beobachter um das Ende des ersten Jahrhunderts, aber schoene Maenner sieht man nicht mehr; die olympischen Sieger der neueren Zeit erscheinen, verglichen mit den aelteren, niedrig und gemein, zum Teil freilich durch die Schuld der Kuenstler, aber hauptsaechlich, weil sie eben sind, wie sie sind. Die koerperliche Ausbildung der Jugend ist in diesem gelobten Lande der Epheben und Athleten in einer Ausdehnung gefoerdert worden, als ob es der Zweck der Gemeindeverfassung sei, die Knaben zu Turnern und die Maenner zu Boxern zu erziehen; aber wenn keine Provinz so viele Ringkuenstler besass, so stellte auch keine so wenig Soldaten zur Reichsarmee. Selbst aus dem athenischen Jugendunterricht, der in aelterer Zeit das Speerwerfen, das Bogenschiessen, die Geschuetzbedienung, das Ausmarschieren und das Lagerschlagen einschloss, verschwindet jetzt dieses Soldatenspiel der Knaben. Die griechischen Staedte des Reiches werden ueberhaupt bei der Aushebung so gut wie gar nicht beruecksichtigt, sei es, weil diese Rekruten physisch untauglich erschienen, sei es, weil dieses Element im Heere bedenklich erschien; es war ein kaiserlicher Launscherz, dass der karikierte Alexander, Severus Antoninus, die roemische Armee fuer den Kampf gegen die Perser durch einige Lochen Spartiaten verstaerkte ^24. Was fuer die innere Ordnung und Sicherheit ueberhaupt geschah, muss von den einzelnen Gemeinden ausgegangen sein, da roemische Truppen in der Provinz nicht standen; Athen zum Beispiel unterhielt Besatzung auf der Insel Delos, und wahrscheinlich lag eine Milizabteilung auch auf der Burg ^25. In den Krisen des dritten Jahrhunderts haben der Landsturm von Elateia und derjenige von Athen die Kostoboker und die Goten tapfer zurueckgeschlagen und in wuerdigerer Weise, als die Enkel der Kaempfer von Thermopylae in Caracallas Perserkrieg, haben in dem gotischen die Enkel der Marathonsieger ihren Namen zum letzten Mal in die Annalen der alten Geschichte eingezeichnet. Aber wenn auch dergleichen Vorgaenge davon abhalten muessen, die Griechen dieser Epoche schlechtweg zu dem verkommenen Gesindel zu werfen, so hat das Sinken der Bevoelkerung an Zahl wie an Kraft auch in der besseren Kaiserzeit stetig angehalten, bis dann seit dem Ende des zweiten Jahrhunderts die diese Landschaften ebenfalls schwer heimsuchenden Seuchen, die namentlich die Ostkueste treffenden Einfaelle der Land- und Seepiraten, endlich das Zusammenbrechen der Reichsgewalt in der gallienischen Zeit das chronische Leiden zur akuten Katastrophe steigerten.


^23 Ohne Zweifel will Plutarch mit diesen Worten (de defectu orac. 8) nicht sagen, dass Griechenland ueberhaupt nicht 3000 Waffenfaehige zu stellen vermoege, sondern dass, wenn Buergerheere nach alter Art gebildet wuerden, man nicht imstande sein wuerde, 3000 "Hopliten" aufzustellen. In diesem Sinn mag die Aeusserung wohl soweit richtig sein, als dies bei dergleichen allgemeinen Klagen ueberhaupt erwartet werden kann. Die Zahl der Gemeinden der Provinz belaeuft sich ungefaehr auf hundert. ^24 Davon erzaehlt Herodian (4, 8, 3; c. 9, 4) und wir haben die Inschriften zweier dieser Spartiaten, des Nikokles strateymenos dis kata Pers/o/n (CIG 1253) und des Dioskoras apelth/o/n eis t/e/n eytychestat/e/n symmachian (= expeditio) t/e/n kata Pers/o/n (CIG 1495). ^25 Das phro?rion (CIA III, 826) kann nicht wohl anders verstanden werden.


In ergreifender Weise tritt das Sinken von Hellas und treten die Stimmungen, die dasselbe bei den Besten hervorrief, uns entgegen in der Ansprache, die einer von diesen, der Bithyner Dion, um die Zeit Vespasians an die Rhodier richtete. Diese galten, nicht mit Unrecht, als die trefflichsten unter den Hellenen. In keiner Stadt war besser fuer die niedere Bevoelkerung gesorgt und trug diese Fuersorge mehr den Stempel nicht des Almosens, sondern des Arbeitgebens. Als nach dem grossen Buergerkriege Augustus im Orient alle Privatschulden klaglos machte, wiesen allein die Rhodier die bedenkliche Verguenstigung zurueck. War auch die grosse Epoche des rhodischen Handels vorueber, so gab es dort immer noch zahlreiche bluehende Geschaefte und vermoegende Haeuser ^26. Aber viele Missstaende waren auch hier eingerissen, und deren Abstellung fordert der Philosoph, nicht so sehr, wie er sagt, um der Rhodier willen, als um der Hellenen insgemein. "Einst ruhte die Ehre von Hellas auf vielen und viele mehrten seinen Ruhm, ihr, die Athener, die Lakedaemonier, Theben, eine Zeitlang Korinth, in ferner Zeit Argos. Nun aber ist es mit den anderen nichts; denn einige sind gaenzlich heruntergekommen und zerstoert, andere fuehren sich, wie ihr wisst, und sind entehrt und ihres alten Ruhmes Zerstoerer. Ihr seid uebrig; ihr allein seid noch etwas und werdet nicht voellig verachtet; denn wie es jene treiben, waeren laengst alle Hellehen tiefer gesunken als die Phryger und die Thraker. Wie wenn ein grosses und reiches Geschlecht auf zwei Augen steht und was dieser letzte des Hauses suendigt, alle Vorfahren mit entehrt, so stehet ihr in Hellas. Glaubt nicht die ersten der Hellehen zu sein; ihr seid die einzigen. Sieht man auf jene erbaermlichen Schandbuben, so werden selbst die grossen Geschicke der Vergangenheit unbegreiflich: die Steine und die Staedtetruemmer zeigen deutlicher den Stolz und die Groesse von Hellas als diese nicht einmal mysischer Ahnen wuerdigen Nachfahren; und besser als den von diesen bewohnten ist es den Staedten ergangen, welche in Truemmern liegen, denn deren Andenken bleibt in Ehren und ihr wohlerworbener Ruhm unbefleckt - besser die Leiche verbrennen, als sie faulend liegen lassen."


^26 "An Mitteln", sagt Diodor. 31, p. 566), "fehlt es euch nicht, und Tausende und aber Tausende gibt es hier, denen es nuetzlich waere, minder reich zu sein"; und weiterhin (p. 620): "ihr seid reich, wie sonst niemand in Hellas. Mehr als ihr besassen eure Vorfahren auch nicht. Die Insel ist nicht schlechter geworden; ihr zieht die Nutzung von Karien und einem Teil Lykiens; eine Anzahl Staedte sind euch steuerpflichtig; stets empfaengt die Stadt reiche Gaben von zahlreichen Buergern." Er fuehrt weiter aus, dass neue Ausgaben nicht hinzugetreten, wohl aber die frueheren fuer Heer und Flaue fast weggefallen seien; nur ein oder zwei kleine Schiffe haetten sie jaehrlich nach Korinth (zur roemischen Flotte also) zu stellen.


Man wird diesem hohen Sinn eines Gelehrten, welcher die kleine Gegenwart an der grossen Vergangenheit mass und, wie dies nicht ausbleiben kann, jene mit widerwilligen Augen, diese in der Verklaerung des Dagewesenseins anschaute, nicht zu nahe treten mit dem Hinweis darauf, dass die alte gute hellenische Sitte damals und noch lange nachher denn doch nicht bloss in Rhodos zu finden, vielmehr in vieler Hinsicht noch allerorts Lebendig war. Die innerliche Selbstaendigkeit, das wohlberechtigte Selbstgefuehl der immer noch an der Spitze der Zivilisation stehenden Nation ist bei aller Schmiegsamkeit des Untertanen- und aller Demut des Parasitenrums den Hellenen auch dieser Zeit nicht abhanden gekommen. Die Roemer entlehnen die Goetter von den alten Hellenen und die Verwaltungsform von den Alexandrinern; sie suchen sich der griechischen Sprache zu bemaechtigen und die eigene in Mass und Stil zu hellenisieren. Die Hellenen auch der Kaiserzeit tun nicht das gleiche; die nationalen Gottheiten Italiens, wie Silvanus und die Laren, werden in Griechenland nicht verehrt und keiner griechischen Stadtgemeinde ist es je in den Sinn gekommen, die von ihrem Polybios als die beste gefeierte politische Ordnung bei sich einzufuehren. Insofern die Kenntnis des Lateinischen fuer die hoehere wie die niedere Aemterlaufbahn bedingend war, haben die Griechen, die diese betraten, sich dieselbe angeeignet; denn wenn es auch praktisch nur dem Kaiser Claudius einfiel, den Griechen, die kein Lateinisch verstanden, das roemische Buergerrecht zu entziehen, so war allerdings die wirkliche Ausuebung der mit diesem verknuepften Rechte und Pflichten nur dem moeglich, der der Reichssprache maechtig war. Aber von dem oeffentlichen Leben abgesehen, ist nie in Griechen land so lateinisch gelernt worden wie in Rom griechisch; Plutarchos, der schriftstellerisch die beiden Reichshaelften gleichsam vermaehlte und dessen Parallelbiographien roemischer und griechischer beruehmter Maenner, vor allem durch diese Nebeneinanderstellung, sich empfahlen und wirkten, verstand nicht sehr viel mehr lateinisch als Diderot russisch, und beherrschte wenigstens, wie er selbst sagt, die Sprache nicht; die des Lateinischen wirklich maechtigen griechischen Literaten waren entweder Beamte, wie Appianus und Cassius Dion, oder Neutrale, wie Koenig Juba. In der Tat war Griechenland in sich selbst weit weniger veraendert als in seiner aeusseren Stellung. Das Regiment von Athen war recht schlecht, aber auch in der Zeit von Athens Groesse war es gar nicht musterhaft gewesen. "Es ist", sagt Plutarchos, "derselbe Volksschlag, dieselben Unruhen, der Ernst und der Scherz, die Anmut und die Bosheit wie bei den Vorfahren." Auch diese Epoche weist in dem Leben des griechischen Volkes noch einzelne Zuege auf, die seines zivilisatorischen Prinzipats wuerdig sind. Die Fechterspiele, die von Italien aus sich ueberall hin, namentlich auch nach Kleinasien und Syrien verbreiteten, haben am spaetesten von allen Landschaften in Griechenland Eingang gefunden; laengere Zeit beschraenkten sie sich auf das halb italische Korinth, und als die Athener, um hinter diesen nicht zurueckzustehen, sie auch bei sich einfuehrten, ohne auf die Stimme eines ihrer Besten zu hoeren, der sie fragte, ob sie nicht zuvor dem Gotte des Erbarmens einen Altar setzen moechten, da wandten manche der Edelsten unwillig sich weg von der sich selber entehrenden Vaterstadt. In keinem Lande der antiken Welt sind die Sklaven mit solcher Humanitaet behandelt worden wie in Hellas; nicht das Recht, aber die Sitte verbot dem Griechen, seine Sklaven an einen nicht griechischen Herrn zu verkaufen und verbannte somit aus dieser Landschaft den eigentlichen Sklavenhandel. Nur hier finden wir in der Kaiserzeit bei den Buergerschmaeusen und den Oelspenden an die Buergerschaft auch die unfreien Leute mit bedachte ^27. Nur hier konnte ein unfreier Mann, wie Epiktetos unter Traian, in seiner mehr als bescheidenen aeusseren Existenz in dem epirotischen Nikopolis mit angesehenen Maennern senatorischen Standes in der Weise verkehren wie Sokrates mit Kritias und Alkibiades, so dass sie seiner muendlichen Belehrung wie Schueler dem Meister lauschten und die Gespraeche aufzeichneten und veroeffentlichten. Die Milderungen der Sklaverei durch das Kaiserrecht gehen wesentlich zurueck auf den Einfluss der griechischen Anschauungen, zum Beispiel bei Kaiser Marcus, der zu jenem nikopolitanischen Sklaven wie zu seinem Meister und Muster emporsah. Unuebertrefflich schildert der Verfasser eines unter den lukianischen erhaltenen Dialogs das Verhalten des feinen athenischen Stadtbuergers in seinen engen Verhaeltnissen gegenueber dem vornehmen und reichen, reisenden Publikum zweifelhafter Bildung oder auch unzweifelhafter Rohen: wie man es dem reichen Auslaender abgewoehnt, im oeffentlichen Bade mit einem Heer von Bedienten aufzuziehen, als ob er seines Lebens in Athen nicht ohnehin sicher und nicht Frieden im Lande sei, wie man es ihm abgewoehnt, auf der Strasse mit dem Purpurgewand sich zu zeigen, indem die Leute sich freundlich erkundigen, ob es nicht das seiner Mama sei. Er zieht die Parallele zwischen roemischer und athenischer Existenz: dort die beschwerlichen Gastereien und die noch beschwerlicheren Bordelle, die unbequeme Bequemlichkeit der Bedientenschwaerme und des haeuslichen Luxus, die Laestigkeiten der Liederlichkeit, die Qualen des Ehrgeizes, all das Uebermass, die Vielfaeltigkeit, die Unruhe des hauptstaedtischen Treibens; hier die Anmut der Armut, die freie Rede im Freundeskreis, die Muse fuer geistigen Genuss, die Moeglichkeit des Lebensfriedens und der Lebensfreude - "wie konntest du", fragt ein Grieche in Rom den andern, "das Licht der Sonne, Hellas und sein Glueck und seine Freiheit, um dieses Gedraenges willen verlassen?" In diesem Grundakkord begegnen sich alle feiner und reiner organisierten Naturen dieser Epoche; eben die besten Hellenen mochten nicht mit den Roemern tauschen. Kaum gibt es etwas gleich Erfreuliches in der Literatur der Kaiserzeit wie Dions schon erwaehnte euboeische Idylle: sie schildert die Existenz zweier Jaegerfamilien im einsamen Walde, deren Vermoegen acht Ziegen sind, eine Kuh ohne Horn und ein schoenes Kalb, vier Sicheln und drei Jagdspeere, welche weder von Geld noch von Steuern etwas wissen, und die dann, vor die tobende Buergerversammlung der Stadt gestellt, von dieser schliesslich unbehelligt entlassen werden zum Freuen und zum Freien. Die reale Durchfuehrung dieser poetisch verklaerten Lebensauffassung ist Plutarchos von Chaeroneia, einer der anmutigsten und belesensten und nicht minder einer der wirksamsten Schriftsteller des Altertums. Einer vermoegenden Familie jener kleinen boeotischen Landstadt entsprossen und erst daheim, dann in Athen und in Alexandreia in die volle hellenische Bildung eingefuehrt, auch durch seine Studien und vielfaeltige persoenliche Beziehungen sowie durch Reisen in Italien mit roemischen Verhaeltnissen wohlvertraut, verschmaehte er es, nach der ueblichen Weise der begabten Griechen in den Staatsdienst zu treten oder die Professorenlaufbahn einzuschlagen; er blieb seiner Heimat treu, mit der trefflichen Frau und den Kindern und mit den Freunden und Freundinnen des haeuslichen Lebens im schoensten Sinne des Wortes geniessend, sich bescheidend mit den Aemtern und Ehren, die sein Boeotien ihm zu bieten vermochte, und mit dem maessigen angeerbten Vermoegen. In diesem Chaeroneer drueckt der Gegensatz der Hellenen und der Hellenisierten sich aus; ein solches Griechentum war weder in Smyrna moeglich noch in Antiocheia; es gehoerte zum Boden wie der Honig vom Hymettos. Es gibt genug maechtigere Talente und tiefere Naturen, aber schwerlich einen zweiten Schriftsteller, der mit so gluecklichem Mass sich in das Notwendige mit Heiterkeit zu finden und so wie er den Stempel seines Seelenfriedens und seines Lebensglueckes seinen Schriften aufzupraegen gewusst hat.


^27 Bei den Volksfesten, die in Tiberius' Zeit ein reicher Mann in Akraephia in Boeotien ausrichtete, lud er die erwachsenen Sklaven, seine Gattin die Sklavinnen mit den Freien zu Gaste (CIG 1625). In einer Stiftung zur Verteilung von Oel in der Turnanstalt (gymnasion) von Gytheion in Lakonien wird festgesetzt, dass an sechs Tagen im Jahr auch die Sklaven daran Anteil haben sollen (Lebas-Foucart, n. 243 a). Aehnliche Spenden begegnen in Argos (CIG 1122, 1123).


Die Selbstbeherrschung des Hellenismus kann auf dem Boden des oeffentlichen Lebens sich nicht in der Reinheit und Schoenheit offenbaren wie in der stillen Heimstatt, nach der die Geschichte und sie nach der Geschichte gluecklicherweise nicht fragt. Wenden wir uns den oeffentlichen Verhaeltnissen zu, so ist mehr vom Missregiment als vom Regiment zu berichten, sowohl der roemischen Regierung wie der griechischen Autonomie. An gutem Willen fehlte es dort insofern nicht, als der roemische Philhellenismus die Kaiserzeit noch viel entschiedener beherrscht als die republikanische. Er aeussert sich ueberall im Grossen wie im Kleinen, in der Fortfuehrung der Hellenisierung der oestlichen Provinzen und der Anerkennung der doppelten offiziellen Reichssprache wie in den hoeflichen Formen, in welchen die Regierung auch mit der kleinsten griechischen Gemeinde verkehrt und ihre Beamten zu verkehren anhaelt ^28. Auch haben es die Kaiser an Gaben und Bauten zu Gunsten dieser Provinz nicht fehlen lassen; und wenn auch das meiste der Art nach Athen kam, so baute doch Hadrian eine grosse Wasserleitung zum Besten von Korinth, Plus die Heilanstalt von Epidauros. Aber die ruecksichtsvolle Behandlung der Griechen insgemein und die besondere Huld, welche dem eigentlichen Hellas von der kaiserlichen Regierung zuteil wurde, weil es in gewissem Sinn gleich wie Italien als Mutterland galt, sind weder dem Regiment noch der Landschaft recht zum Vorteil ausgeschlagen. Der jaehrliche Wechsel der Oberbeamten und die schlaffe Kontrolle der Zentralstelle liessen alle senatorischen Provinzen, soweit das Statthalterregiment reichte, mehr den Druck als den Segen einheitlicher Verwaltung empfinden, und diese doppelt bei ihrer Kleinheit und ihrer Armut. Noch unter Augustus selbst machten diese Missstaende sich in dem Grade geltend, dass es eine der ersten Regierungshandlungen seines Nachfolgers war, sowohl Griechenland wie Makedonien in eigene Verwaltung zu nehmen ^29, wie es hiess vorlaeufig, in der Tat auf die ganze Dauer seiner Regierung. Es war sehr konstitutionell, aber vielleicht nicht ebenso weise, dass Kaiser Claudius, als er zur Gewalt gelangte, die alte Ordnung wiederherstellte. Seitdem hat es dann bei dieser sein Bewenden gehabt und ist Achaia nicht von ernannten, sondern von erlosten Beamten verwaltet worden, bis diese Verwaltungsform ueberhaupt abkam.


^28 Auf eine der unzaehligen Beschwerden, mit welchen die kleinasiatischen Staedte wegen ihrer Titel- und Rangstreitigkeiten die Regierung belaestigten, antwortete Pius den Ephesiern (W. H. Waddington, Aristide, S. 51), erhoere gern, dass die Pergamener ihnen die neue Titulatur gegeben haetten; die Smyrnaeer haetten es wohl nur zufaellig unterlassen und wuerden sicher in Zukunft gutwillig das Richtige tun, wenn auch sie, die Ephesier, ihnen ihre rechten Titel beilegen wuerden. Einer kleinen lykischen Stadt, welche um Bestaetigung eines von ihr gefassten Beschlusses bei dem Prokonsul einkommt, erwidert dieser (O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884, Bd. 1, S. 71), treffliche Anordnungen verlangten nur Lob, keine Bestaetigung; diese liege in der Sache. Die Rhetorenschulen dieser Epoche liefern auch die Konzipienten fuer die kaiserliche Kanzlei; aber dies tut es nicht allein. Es gehoert zum Wesen des Prinzipals, das Untertanverhaeltnis nicht aeusserlich zu akzentuieren, und namentlich nicht gegen Griechen. ^29 Eine formale Aenderung der Steuerordnung folgt an sich aus diesem Wechsel nicht und ist auch bei Tacitus (ann. 1, 76) nicht angedeutet; wenn die Einrichtung getroffen wird, weil die Provinzialen ueber Steuerdruck klagen (onera deprecantes), so konnten bessere Statthalter durch zweckmaessige Repartierung, eventuell durch Erwirkung von Remission, den Provinzen aufhelfen. Dass die Befoerderung der Reichspost besonders in dieser Provinz als drueckende Last empfunden ward, zeigt das Edikt des Claudius aus Tegea (Eph. epigr. V, p. 69).


Aber bei weitem uebler noch stand es um die von dem Statthalterregiment eximierten Gemeinden Griechenlands. Die Absicht, diese Gemeinwesen zu beguenstigen, durch die Befreiung von Tribut und Aushebung wie nicht minder durch die moeglichst geringe Beschraenkung der Rechte des souveraenen Staates, hat, wenigstens in vielen Faellen, zu dem Gegenteil gefuehrt. Die innere Unwahrheit der Institutionen raechte sich. Zwar bei den weniger bevorrechteten oder besser verwalteten Gemeinden mag die kommunale Autonomie ihren Zweck erfuellt haben; wenigstens vernehmen wir nicht, dass es mit Sparta, Korinth, Patrae besonders uebel bestellt gewesen sei. Aber Athen war nicht geschaffen, sich selbst zu verwalten, und bietet das abschreckende Bild eines von der Obergewalt verhaetschelten und finanziell wie sittlich verkommenen Gemeinwesens. Von Rechts wegen haette dasselbe in bluehendem Zustande sich befinden muessen. Wenn es den Athenern misslang, die Nation unter ihrer Hegemonie zu vereinigen, so ist diese Stadt doch die einzige Griechenlands wie Italiens gewesen, welche die landschaftliche Einigung vollstaendig durchgefuehrt hat; ein eigenes Gebiet, wie es die Attike ist, von etwa 40 Quadratmeilen, der doppelten Groesse der Insel Ruegen, hat keine Stadt des Altertums sonst besessen. Aber auch ausserhalb Attikas blieb ihnen, was sie besassen, sowohl nach dem Mithradatischen Kriege durch Sullas Gnade wie nach der Pharsalischen Schlacht, in der sie auf Seiten des Pompeius gestanden hatten, durch die Gnade Caesars - er fragte sie nur, wie oft sie noch sich selber zugrunde richten und dann durch den Ruhm ihrer Vorfahren retten lassen wollten. Der Stadt gehoerte immer noch nicht bloss das ehemals haliartische Gebiet in Boeotien, sondern auch an ihrer eigenen Kueste Salamis, der alte Ausgangspunkt ihrer Seeherrschaft, im Thrakischen Meer die eintraeglichen Inseln Skyros, Lemnos und Imbros sowie im Aegaeischen Delos; freilich war diese Insel seit dem Ende der Republik nicht mehr das zentrale Emporium des Handels mit dem Osten, nachdem der Verkehr sich von da weg nach den Haefen der italischen Westkueste gezogen hatte, und es war dies fuer die Athener ein unersetzlicher Verlust. Von den weiteren Verleihungen, die sie Antonius abzuschmeicheln gewusst hatten, nahm ihnen Augustas, gegen den sie Partei ergriffen hatten, allerdings Aegina und Eretria auf Euboea, aber die kleineren Inseln des Thrakischen Meeres, Ikos, Peparethos, Skiathos, ferner Keos vor der Sunischen Landspitze durften sie behalten; und Hadrian gab ihnen weiter den besten Teil der grossen Insel Kephallenia im Ionischen Meer. Erst durch den Kaiser Severus, der ihnen nicht wohlwollte, wurde ihnen ein Teil dieser auswaertigen Besitzungen entzogen. Hadrian gewaehrte ferner den Athenern die Lieferung eines gewissen Quantums von Getreide auf Kosten des Reiches und erkannte durch die Erstreckung dieses, bisher der Reichshauptstadt vorbehaltenen Privilegiums Athen gleichsam an als eine der Reichsmetropolen. Nicht minder wurde das segensreiche Institut der Alimentarstiftungen, dessen Italien sich seit Traian erfreute, von Hadrian auf Athen ausgedehnt und das dazu erforderliche Kapital sicher aus seiner Schatulle den Athenern geschenkt. Eine Wasserleitung, die er ebenfalls seinem Athen widmete, wurde erst nach seinem Tode von Pius vollendet. Dazu kam der Zusammenfluss der Reisenden und der Studierenden und die in immer steigender Zahl von den roemischen Grossen und den auswaertigen Fuersten der Stadt verliehenen Stiftungen. Dennoch war die Gemeinde in stetiger Bedraengnis. Mit dem Buergerrecht wurde nicht bloss das ueberall uebliche Geschaeft auf Nehmen und Geben, sondern foermlich und offenkundig Schacher getrieben, so dass Augustas mit einem Verbot dagegen einschritt. Einmal ueber das andere beschloss der Rat von Athen, diese oder jene seiner Inseln zu verkaufen, und nicht immer fand sich ein opferwilliger Reicher gleich dem Iulius Nikanor, der unter Augustas den bankrotten Athenern die Insel Salamis zurueckkaufte und dafuer von dem Rat derselben den Ehrentitel des "neuen Themistokles" sowie, da er auch Verse machte, nebenbei den des "neuen Homer" und mit den edlen Ratsherren zusammen von dem Publikum den wohlverdienten Hohn erntete. Die prachtvollen Bauten, mit denen Athen fortfuhr sich zu schmuecken, erhielt es ohne Ausnahme von den Fremden, unter anderen von den reichen Koenigen Antiochos von Kommagene und Herodes von Judaea, vor allen aber von dem Kaiser Hadrian, der eine voellige "Neustadt" (novae Athenae) am Ilisos anlegte und ausser zahllosen anderen Gebaeuden, darunter dem schon erwaehnten Panhellenion, das Wunder der Welt, den von Peisistratos begonnenen Riesenbau des Olympieion mit seinen 120, zum Teil noch stehenden Saeulen, den groessten von allen, die heute aufrecht sind, sieben Jahrhunderte nach seinem Beginn in wuerdiger Weise abschloss. Selbst hatte diese Stadt kein Geld, nicht bloss fuer ihre Hafenmauern, die jetzt allerdings entbehrlich waren, sondern nicht einmal fuer den Hafen. Zu Augusts Zeit war der Peiraeeus ein geringes Dorf von wenigen Haeusern, nur besucht wegen der Meisterwerke der Malerei in den Tempelhallen. Handel und Industrie gab es in Athen fast nicht mehr, oder fuer die Buergerschaft insgemein wie fuer den einzelnen Buerger nur ein einziges bluehendes Gewerbe, den Bettel. Auch blieb es nicht bei der Finanzbedraengnis. Die Welt hatte wohl Frieden, aber nicht die Strassen und Plaetze von Athen. Noch unter Augustas hat ein Aufstand in Athen solche Verhaeltnisse angenommen, dass die roemische Regierung gegen die Freistadt einschreiten musste ^30; und wenn auch dieser Vorgang vereinzelt steht, so gehoerten Auflaeufe auf der Gasse wegen der Brotpreise und aus anderen geringfuegigen Anlaessen in Athen zur Tagesordnung. Viel besser wird es in zahlreichen anderen Freistaedten nicht ausgesehen haben, von denen weniger die Rede ist. Einer solchen Buergerschaft die Kriminaljustiz unbeschraenkt in die Hand zu geben, war kaum zu verantworten; und doch stand dieselbe den zu internationaler Foederation zugelassenen Gemeinden, wie Athen und Rhodos, von Rechts wegen zu. Wenn der athenische Areopag in augustischer Zeit sich weigerte, einen wegen Faelschung verurteilten Griechen auf die Verwendung eines vornehmen Roemers hin von der Strafe zu entbinden, so wird er in seinem Recht gewesen sein; aber dass die Kyzikener unter Tiberius roemische Buerger einsperrten, unter Claudius gar die Rhodier einen roemischen Buerger ans Kreuz schlugen, waren auch formale Rechtsverletzungen, und ein aehnlicher Vorgang hat unter Augustus den Thessalern ihre Autonomie gekostet. Uebermut und Uebergriff wird durch die Machtlosigkeit nicht ausgeschlossen, nicht selten von den schwachen Schutzbefohlenen eben daraufhin gewagt. Bei aller Achtung fuer grosse Erinnerungen und beschworene Vertraege mussten doch jeder gewissenhaften Regierung diese Freistaaten nicht viel minder als ein Bruch in die allgemeine Rechtsordnung erscheinen, wie das noch viel altheiligere Asylrecht der Tempel.


^30 Der athenische Aufstand unter Augustus ist sicher beglaubigt durch die aus Africanus geflossene Notiz bei Eusebius zum Jahre Abrahams 2025 (daraus Oros. hist. 6, 22, 2). Die Auflaeufe gegen den Strategen werden oft erwaehnt: Plut. q. sympos. 8, 3 z. A.; (Lucian) Demonax 11, 64; vit. soph. 1, 23. 2, 1, 11.


Schliesslich griff die Regierung durch und stellte die freien Staedte hinsichtlich ihrer Wirtschaft unter die Oberaufsicht von Beamten kaiserlicher Ernennung, die allerdings zunaechst als ausserordentliche Kommissarien "zur Korrektur der bei den Freistaedten eingerissenen Uebelstaende" charakterisiert werden und davon spaeterhin die Bezeichnung Korrektoren als titulare fuehren. Die Anfaenge derselben lassen sich bis in die traianische Zeit verfolgen; als stehende Beamte finden wir sie in Achaia im dritten Jahrhundert. Diese, neben den Prokonsuln fungierenden, vom Kaiser bestellten Beamten finden in keinem Teil des Roemischen Reichs so frueh sich ein und sind in keinem so frueh staendig geworden sie in dem halb aus Freistaedten bestehenden Achaia. Das an sich wohlberechtigte und durch die Haltung der roemischen Regierung wie vielleicht noch mehr durch die des roemischen Publikums genaehrte Selbstgefuehl der Hellenen, das Bewusstsein des geistigen Primats rief daselbst einen Kultus der Vergangenheit ins Leben, der sich zusammensetzt aus dem treuen Festhalten an den Erinnerungen groesserer und gluecklicherer Zeiten und dem barocken Zurueckdrehen der gereiften Zivilisation auf ihre zum Teil sehr primitiven Anfaenge. Zu den auslaendischen Kulten, wenn man absieht von dem schon frueher durch die Handelsverbindungen eingebuergerten Dienst der aegyptischen Gottheiten, namentlich der Isis, haben die Griechen im eigentlichen Hellas sich durchgehend ablehnend verhalten; wenn dies von Korinth am wenigsten gilt, so ist dies auch die am wenigsten griechische Stadt von Hellas. Die alte Landesreligion schuetzt nicht der innige Glaube, von dem diese Zeit sich laengst geloest hatte ^31; aber die heimische Weise und das Gedaechtnis der Vergangenheit haften vorzugsweise an ihr und darum wird sie nicht bloss mit Zaehigkeit festgehalten, sondern sie wird auch, zum guten Teil durch gelehrte Repristination, im Laufe der Zeit immer starrer und altertuemlicher, immer mehr ein Sonderbesitz der Studierten.


^31 Dem Beamten, auch dem gebildeten, das heisst dem Freidenker, wird angeraten, die Spenden, die er mache, an die religioesen Feste anzuknuepfen; denn die Menge werde in ihrem Glauben bestaerkt, wenn sie sehe, dass auch die Vornehmen der Stadt auf die Goetterverehrung etwas geben und sogar dafuer etwas aufwenden (Plut. praec. ger. reip. 30).


Aehnlich verhaelt es sich mit dem Kultus der Stammbaeume, in welchem die Hellenen dieser Zeit ungemeines geleistet und die adelsstolzesten Roemer weit hinter sich gelassen haben. In Athen spielt das Geschlecht der Eumolpiden eine hervorragende Rolle bei der Reorganisierung des Eleusinischen Festes unter Marcus. Dessen Sohn Commodus verlieh dem Haupt des Geschlechtes der Keryken das roemische Buergerrecht, und aus demselben stammt der tapfere und gelehrte Athener, der, .fast wie Thukydides, mit den Goten schlug und dann den Gotenkrieg beschrieb. Des Marcus Zeitgenosse, der Professor und Konsular Herodes Atticus, gehoerte ebendiesem Geschlechte an, und sein Hofpoet singt von ihm, dass dem hochgeborenen Athener, dem Nachkommen des Hermes und der Kekropstochter Herse, der rote Schuh des roemischen Patriziats wohl angestanden habe, waehrend einer seiner Lobredner in Prosa ihn als Aeakiden feiert und zugleich als Abkoemmling von Miltiades und Kimon. Aber auch Athen wurde hierin noch weit ueberboten von Sparta; mehrfach begegnen Spartiaten, die sich der Herkunft von den Dioskuren, dem Herakles, dem Poseidon und des seit vierzig und mehr Generationen in ihrem Hause erblichen Priestertums dieser Altvordern beruehmen. Es ist charakteristisch fuer dieses Adelsrum, dass es sich hauptsaechlich erst mit dem Ende des zweiten Jahrhunderts einstellt; die Heraldiker, welche diese Geschlechtstafeln entwarfen, werden fuer die Beweisstuecke weder in Athen noch in Sparta die Goldwaage angewandt haben. Dieselbe Tendenz zeigt sich in der Behandlung der Sprache oder vielmehr der Dialekte. Waehrend in dieser Zeit in den sonstigen griechisch redenden Laendern und auch in Hellas im gewoehnlichen Verkehr das sogenannte gemeine, im wesentlichen aus der attischen Mundart heraus verschliffene Griechisch vorherrscht, strebt die Schriftsprache dieser Epoche nicht bloss nach der Beseitigung der eingerissenen Sprachfehler und Neuerungen, sondern vielfach werden dialektische Besonderheiten, dem Sprachgebrauch entgegen, wieder aufgenommen und hier, wo er am wenigsten berechtigt war, der alte Partikularismus in scheinhafter Weise zurueckgefuehrt. Den Standbildern, welche die Thespier den Musen im Hain des Helikon setzten, wurden auf gut boeotisch die Namen Orania und Thalea beigeschrieben, waehrend die dazu gehoerigen Epigramme, verfasst von einem Poeten roemischen Namens, sie auf gut ionisch Uranie und Thaleie nannten, und die nicht gelehrten Boeoter, wenn sie sie kannten, sie nannten, wie alle anderen Griechen, Urania und Thaleia. Von den Spartanern vor allem ist darin Unglaubliches geleistet und nicht selten mehr fuer den Schatten des Lykurgos als fuer die zur Zeit lebenden Aelier und Aurelier geschrieben worden ^32. Daneben kommt der korrekte Gebrauch der Sprache in dieser Zeit auch in Hellas allmaehlich ins Schwanken; Archaismen und Barbarismen gehen in den Dokumenten der Kaiserzeit haeufig friedlich nebeneinander her. Athens sehr mit Fremden gemischte Bevoelkerung hat in dieser Hinsicht sich zu keiner Zeit besonders ausgezeichnet ^33, und obwohl die staedtischen Urkunden sich verhaeltnismaessig rein halten, macht doch seit Augustus die allgemein einreissende Sprachverderbnis auch hier sich fuehlbar. Die strengen Grammatiker der Zeit haben ganze Buecher gefuellt mit den Sprachschnitzern, die der eben erwaehnte, viel gefeierte Rhetor Herodes Atticus und die uebrigen beruehmten Schulredner des zweiten Jahrhunderts sich zuschulden kommen liessen ^34, ganz abgesehen von der verzwickten Kuenstelei und der manierierten Pointierung ihrer Rede. Die eigentliche Verwilderung aber in Sprache und Schrift reisst in Athen und ganz Griechenland, eben wie in Rom, ein mit Septimius Severus ^35.


^32 Ein Musterstueck ist die Inschrift (Lebas-Foucart II, S. 142, n. 162) des M(ark/o/r) Ayr(/e/lior) Ze?xippoy o kai Kleandror PHilomois/o/, eines Zeitgenossen also des Pius und Marcus, welcher war iere?s Lethkippid/o/n kai Tindaridan, der Dioskuren und ihrer Gattinnen, der Toechter des Leukippos, aber, damit zu dem Alten das Neue nicht fehle, auch archiereos t/o/ Sebast/o/ kai t/o/on thei/o/n progon/o/n /o/t/o/. Er war in seiner Jugend ferner gewesen boyagor mikkichiddomen/o/n, woertlich Stierfuehrer der Kleinen, naemlich Anfuehrer der dreijaehrigen Knaben - die lykurgischen Knabenherden gingen mit dem siebenten Jahr an, aber seine Nachfahren hatten das Fehlende nachgeholt und von den Einjaehrigen an alle eingeherdet und mit "Fuehrern" versehen. Dieser selbe Mann siegte (neikaar = nik/e/sas) kass/e/ratorin, m/o/an kai l/o/an; was das heisst, weiss vielleicht Lykurgos. ^33 "Das innere Attika", sagt ein Bewohner desselben bei Philostratos (vit. soph. 2, 7), "ist eine gute Schule fuer den, der sprechen lernen will; die Stadtbewohner dagegen von Athen, welche den aus Thrakien und dem Pontus und andern barbarischen Landschaften herbeistroemenden jungen Leuten Wohnungen vermieten, lassen mehr durch sie ihre Sprache sich verderben als dass sie ihnen das gute Sprechen beibringen. Aber im Binnenland, dessen Bewohner nicht mit Barbaren vermischt sind, ist die Aussprache und die Rede gut". ^34 Karl Keil (RE 1, z. Aufl., S. 2100) weist hin auf tinos fuer /e/s tinos und ta ch/o/ria gegonan der Inschrift der Gattin des Herodes (CIL VI, 1342). ^35 Dittenberger in Hermes 1, 1866, S. 414. Dahin gehoert auch, was der plumpe Vertreter des Apollonios seinen Helden an die alexandrinischen Professoren schreiben laesst (ep. 34), dass er Argos, Sikyon, Megara, Phokis, Lokris verlassen habe, um nicht, wenn er laenger in Hellas verweile, voellig zum Barbaren zu werden.


Die Schadhaftigkeit der hellenischen Existenz lag in der Beschraenktheit ihres Kreises: es mangelte dem hohen Ehrgeiz an dem entsprechenden Ziel und darum ueberwucherte die niedere und erniedrigende Ambition. Auch in Hellas fehlte es nicht an einheimischen Familien von grossem Reichtum und bedeutendem Einfluss ^36. Das Land war wohl im ganzen arm, aber es gab doch Haeuser von ausgedehntem Grundbesitz und altbefestigtem Wohlstand. In Sparta zum Beispiel hat das des Lachares von Augustus bis wenigstens in die hadrianische Zeit eine Stellung eingenommen, welche tatsaechlich von dem Fuerstentum nicht allzuweit abstand. Den Lachares hatte Antonius wegen Erpressung hinrichten lassen. Dafuer war dessen Sohn Eurykles einer der entschiedensten Parteigaenger Augusts und einer der tapfersten Kapitaene in der entscheidenden Seeschlacht, der fast den besiegten Feldherrn persoenlich zum Gefangenen gemacht haette; er empfing von dem Sieger unter anderen reichen Gaben als Privateigentum die Insel Kythere (Cerigo). Spaeter spielte er eine hervorragende und bedenkliche Rolle, nicht bloss in seinem Heimatland, ueber welches er eine dauernde Vorstandschaft ausgeuebt haben muss, sondern auch an den Hoefen von Jerusalem und Caesarea, wobei das dem Spartiaten von den Orientalen gezollte Ansehen nicht wenig mitwirkte. Deswegen von dem Kaisergericht mehrfach zur Verantwortung gezogen, wurde er schliesslich verurteilt und ins Exil gesandt; aber der Tod entzog ihn rechtzeitig den Folgen des Urteilsspruches und sein Sohn Lakon trat in das Vermoegen und wesentlich auch, wenngleich in vorsichtigerer Form, in die Machtstellung des Vaters ein. Aehnlich stand in Athen das Geschlecht des oft genannten Herodes; wir koennen dasselbe aufsteigend durch vier Generationen bis in die Zeit Caesars zurueckverfolgen, und ueber des Herodes Grossvater ist, aehnlich wie ueber den Spartaner Eurykles, wegen seiner uebergreifenden Machtstellung in Athen die Konfiskation verhaengt worden. Die ungeheuren Latifundien, welche der Enkel in seiner armen Heimat besass, die zu Grabzwecken seiner Lustknaben verwendeten weiten Flaechen erregten den Unwillen selbst der roemischen Statthalter. Derartige maechtige Familien gab es vermutlich in den meisten Landschaften von Hellas, und wenn sie auf dem Landtag der Provinz in der Regel entschieden, so waren sie auch in Rom nicht ohne Verbindungen und Einfluss. Aber obwohl diejenigen rechtlichen Schranken, welche den Gallier und den Alexandriner noch nach erlangtem Buergerrecht vom Reichssenat ausschlossen, diesen vornehmen Griechen schwerlich entgegenstanden, vielmehr unter den Kaisern diejenige politische und militaerische Laufbahn, welche dem Italiker sich darbot, von Rechts wegen dem Hellenen gleichfalls offenstand, so sind dieselben doch tatsaechlich erst in spaeter Zeit und in beschraenktem Umfang in den Staatsdienst eingetreten, zum Teil wohl, weil die roemische Regierung der frueheren Kaiserzeit die Griechen als Auslaender ungern zuliess, zum Teil, weil diese selbst die mit dem Eintritt in diese Laufbahn verknuepfte Uebersiedlung nach Rom scheuten und es vorzogen, statt einer mehr unter den vielen Senatoren daheim die ersten zu sein. Erst des Lachares Urenkel Herklanos ist in traianischer Zeit, und in der Familie des Herodes wahrscheinlich zuerst dessen Vater um dieselbe Zeit in den roemischen Senat eingetreten ^37.


^36 Tacitus (zum Jahre 62 ann. 15, 20) charakterisiert einen dieser reichen und einflussreichen Provinzialen, den Claudius Timarchides aus Kreta, der in seinem Kreis allmaechtig ist (ut solent praevalidi provincialium et opibus nimiis ad iniurias minorum elati) und ueber den Landtag, also auch ueber das obligate, aber fuer den abgehenden Prokonsul mit Ruecksicht auf die moeglichen Rechenschaftsklagen sehr wuenschenswerte Danksagungsdekret desselben verfuegt (in sua potestate situm, an proconsulibus, qui Cretam obtinuissent, grates agerentur). Die Opposition beantragt die Untersagung dieser Dankdekrete, aber es gelingt ihr nicht, den Antrag zur Abstimmung zu bringen. Von einer andern Seite schildert Plutarch (praec. ger. reip. 19, 3) diese vornehmen Griechen. ^37 Herodes war ex ypat/o/n (vit. soph. 1, 25, 5, p. 536), etelei ek pater/o/n es to?s disypatoys (das. 2 z. A., p. 545). Sonst ist von Konsulaten seiner Ahnen nichts bekannt; aber sicher ist der Grossvater Hipparchos nicht Senator gewesen. Moeglicherweise handelt es sich sogar nur um kognatische Aszendenten. Das roemische Buergerrecht hat die Familie nicht unter den Juliern (vgl. CIA III, 489), sondern erst unter den Claudiern empfangen.


Die andere Laufbahn, welche erst in der Kaiserzeit sich auftat, der persoenliche Dienst des Kaisers, gab wohl im guenstigen Fall Reichtum und Einfluss und ist auch frueher und haeufiger von den Griechen betreten worden; aber da die meisten und wichtigsten dieser Stellungen an den Offizierdienst geknuepft waren, scheint auch fuer diese laengere Zeit ein faktischer Vorzug der Italiker bestanden zu haben und war der gerade Weg auch hier den Griechen einigermassen verlegt. In untergeordneten Stellungen sind Griechen am kaiserlichen Hofe von jeher und in grosser Anzahl verwendet worden und auf Umwegen oftmals zu Vertrauen und Einfluss gelangt; aber dergleichen Persoenlichkeiten kamen mehr aus den hellenisierten Landschaften als aus Hellas selbst und am wenigsten aus den besseren hellenischen Haeusern. Fuer die legitime Ambition des jungen Mannes von Herkunft und Vermoegen gab es, wenn er ein Grieche war, im roemischen Kaiserreich nur beschraenkten Spielraum. Es blieb ihm die Heimat, und in dieser fuer das gemeine Wohl taetig zu sein, war allerdings Pflicht und Ehre. Aber es waren sehr bescheidene Pflichten und noch viel bescheidenere Ehren. "Eure Aufgabe", sagt Dion weiter seinen Rhodiern, "ist eine andere, als die der Vorfahren war. Sie konnten ihre Tuechtigkeit nach vielen Seiten hin entwickeln, nach dem Regiment streben, den Unterdrueckten beistehen, Bundesgenossen gewinnen, Staedte gruenden, kriegen und siegen; von allem dem vermoegt ihr nichts mehr zu tun. Es bleibt euch die Fuehrung des Hauswesens, die Verwaltung der Stadt, die Verleihung von Ehren und Auszeichnungen mit Wahl und Mass, der Sitz im Rat und im Gericht, der Gottesdienst und die Feier der Feste; in allem diesem koennt ihr euch vor andern Staedten auszeichnen. Auch das ist nichts Geringes, die anstaendige Haltung, die Sorgfalt fuer Haar und Bart, der gesetzte Gang auf der Strasse, so dass bei euch selbst die anders gewoehnten Fremden sich es abgewoehnen zu rennen, die schickliche Tracht, sogar, wenn es auch laecherlich erscheinen mag, der schmale und knappe Purpursaum, die Ruhe im Theater, das Masshalten im Klatschen: das alles macht die Ehre eurer Stadt, und mehr als in euren Haefen und Mauern und Docks zeigt sich hierin das gute alte hellenische Wesen und erkennt hierin auch der Barbar, der den Namen der Stadt nicht weiss, dass er in Griechenland ist und nicht in Syrien oder Kilikien." Das traf alles zu; aber wenn es jetzt nicht mehr von dem Buerger verlangt ward, fuer die Vaterstadt zu sterben, so war doch die Frage nicht ohne Berechtigung, ob es noch der Muehe wert sei, fuer diese Vaterstadt zu leben. Es gibt von Plutarchos eine Auseinandersetzung ueber die Stellung der griechischen Gemeindebeamten zu seiner Zeit, worin er mit der ihm eigenen Billigkeit und Umsicht diese Verhaeltnisse eroertert. Die alte Schwierigkeit, die gute Verwaltung der oeffentlichen Angelegenheiten zu fuehren mittels der Majoritaeten der unsicheren, launenhaften, oft mehr den eigenen Vorteil als den des Gemeinwesens bedenkenden Buergerschaft oder auch der sehr zahlreichen Ratsversammlung - die athenische zaehlte in der Kaiserzeit erst 600, dann 500, spaeter 750 Stadtraete -, bestand wie frueher, so auch jetzt; es ist die Pflicht des tuechtigen Beamten zu verhindern, dass das "Volk" nicht dem einzelnen Buerger Unrecht tut, nicht das Privatvermoegen unerlaubterweise an sich zieht, nicht das Gemeindegut unter sich verteilt - Aufgaben, die dadurch nicht leichter werden, dass der Beamte kein Mittel dafuer hat als die verstaendige Ermahnung und die Kunst des Demagogen, dass ihm ferner geraten wird, in kleinen Dingen nicht allzu sproede zu sein und wenn bei einem Stadtfest eine maessige Spende an die Buergerschaft in Antrag kommt, es nicht solcher Kleinigkeit wegen mit den Leuten zu verderben. Im uebrigen aber hatten die Verhaeltnisse sich voellig veraendert, und es muss der Beamte in die gegenwaertigen sich schicken lernen. Vor allem hat er die Machtlosigkeit der Hellenen sich selbst wie den Mitbuergern jeden Augenblick gegenwaertig zu halten. Die Freiheit der Gemeinde reicht soweit die Herrscher sie gestatten, und ein Mehr wuerde auch wohl vom Uebel sein. Wenn Perikles die Amtstracht anlegte, so rief er sich zu, nicht zu vergessen, dass er ueber Freie und Griechen herrsche; heute hat der Beamte sich zu sagen, dass er unter einem Herrscher herrsche, ueber eine den Prokonsuln und den kaiserlichen Prokuratoren untergebene Stadt, dass er nichts sein koenne und duerfe als das Organ der Regierung, dass ein Federstrich des Statthalters genuege, um jedes seiner Dekrete zu vernichten. Darum ist es die erste Pflicht eines guten Beamten, sich mit den Roemern in gutes Einvernehmen zu setzen und womoeglich einflussreiche Verbindungen in Rom anzuknuepfen, damit diese der Heimat zugute kommen. Freilich warnt der rechtschaffene Mann eindringlich vor der Servilitaet; noetigenfalls soll der Beamte mutig dem schlechten Statthalter entgegentreten, und als die hoechste Leistung erscheint die entschlossene Vertretung der Gemeinde in solchen Konflikten in Rom vor dem Kaiser. In bezeichnender Weise tadelt er scharf diejenigen Griechen, die - ganz wie in den Zeiten des Achaeischen Bundes - bei jedem oertlichen Hader die Intervention des roemischen Statthalters herbeifuehren, und mahnt dringend, die Gemeindeangelegenheiten lieber innerhalb der Gemeinde zu erledigen, als durch Appellation sich nicht so sehr der Oberbehoerde, als den bei ihr taetigen Sachwaltern und Advokaten in die Haende zu liefern. Alles dieses ist verstaendig und patriotisch, so verstaendig und so patriotisch wie einstmals die Politik des Polybios, auf die auch ausdruecklich hingewiesen wird. In dieser Epoche des voelligen Weltfriedens, wo es weder einen Griechen- noch einen Barbarenkrieg irgendwo gibt, wo die staedtischen Kommandos, die staedtischen Friedensschluesse und Buendnisse lediglich der Geschichte angehoeren, war der Rat sehr am Platze, Marathon und Plataeae den Schulmeistern zu ueberlassen und nicht die Koepfe der Ekklesia mit dergleichen grossen Worten zu erhitzen, vielmehr in dem engen Kreise der noch gestatteten freien Bewegung sich zu bescheiden. Aber die Welt gehoert nicht dem Verstande, sondern der Leidenschaft. Der hellenische Buerger konnte auch jetzt noch gegen das Vaterland seine Pflicht tun; aber fuer den rechten politischen, nach Grossem ringenden Ehrgeiz, fuer die Perikleische und Alkibiadische Leidenschaft war in diesem Hellas, vom Schreibtisch etwa abgesehen, nirgends ein Raum, und in der Luecke wucherten die Giftkraeuter, die da, wo das hohe Streben erstickt ist, die Menschenbrust versehren und das Menschenherz vergiften. Darum ist Hellas auch das Mutterland der heruntergekommenen, inhaltlosen Ambition, unter den vielen schweren Schaeden der sinkenden antiken Zivilisation vielleicht des am meisten allgemeinen, und sicher eines der verderblichsten. Dabei stehen in erster Reihe die Volksfeste mit ihrer Preiskonkurrenz. Die olympischen Wettkaempfe stehen dem jugendlichen Volk der Hellenen wohl an; das allgemeine Turnerfest der griechischen Staemme und Staedte und der nach dem Spruch der "Hellasrichter" dem tuechtigsten Wettlaeufer aus den Zweigen des Oelbaums geflochtene Kranz ist der unschuldige und einfache Ausdruck der Zusammengehoerigkeit der jungen Nation. Aber die politische Entwicklung hatte bald ueber diese Morgenroete hinausgefuehrt. Schon in den Tagen des Athenischen Seebundes und gar erst der Alexandermonarchie war jenes Hellenenfest ein Anachronismus, ein im Mannesalter fortgefuehrtes Kinderspiel; dass der Besitzer jenes Oelkranzes wenigstens sich und seinen Mitbuergern als Inhaber des nationalen Primats galt, kam ungefaehr darauf hinaus, wie wenn man in England die Sieger der Studentenregatten mit Pitt und Beaconsfield in eine Linie stellen wollte. Die Ausdehnung der hellenischen Nation durch Kolonisierung und Hellenisierung fand in ihrer idealen Einheit und realen Zerfahrenheit in diesem traumhaften Reich des Olivenkranzes ihren rechten Ausdruck; und die griechische Realpolitik der Diadochenzeit hat sich denn auch um dasselbe, wie billig, wenig bekuemmert. Aber als die Kaiserzeit in ihrer Weise den panhellenischen Gedanken aufnahm und die Roemer in die Rechte und die Pflichten der Hellenen eintraten, da blieb oder ward fuer das roemische Allhellas Olympia das rechte Symbol; erscheint doch unter Augustus der erste roemische Olympionike, und zwar kein geringerer als Augustus' Stiefsohn, der spaetere Kaiser Tiberius ^38. Das nicht reinliche Ehebuendnis, welches das Allhellenentum mit dem Daemon des Spiels einging, machte aus diesen Festen eine ebenso maechtige und dauernde wie im allgemeinen und besonders fuer Hellas schaedliche Institution. Die gesamte hellenische und hellenisierende Welt beteiligte sich daran, sie beschickend und sie nachahmend; ueberall sprangen aehnliche, fuer die ganze griechische Welt bestimmte Feste aus dem Boden und die eifrige Anteilnahme der breiten Massen, das allgemeine Interesse fuer den einzelnen Wettkaempfer, der Stolz des Siegers nicht bloss, sondern seines Anhangs und seiner Heimat liessen fast vergessen, um welche Dinge eigentlich gestritten ward. Die roemische Regierung liess diesem Wetturnen und den sonstigen Wettkaempfen nicht bloss freien Lauf, sondern beteiligte das Reich an denselben; das Recht der feierlichen Einholung des Siegers in seine Heimatstadt hing in der Kaiserzeit nicht von dem Belieben der betreffenden Buergerschaft ab, sondern wurde den einzelnen Spielinstituten durch kaiserliches Privilegium verliehen ^39 und in diesem Fall auch die dem Sieger zustehende jaehrliche Pension (sit/e/sis) auf die Reichskasse uebernommen, die bedeutenderen Spielinstitute also geradezu als Reichseinrichtungen behandelt. Dieses Spielwesen erfasste wie das Reich selbst so alle Provinzen; immer aber war das eigentliche Griechenland der ideale Mittelpunkt solcher Kaempfe und Siege, hier ihre Heimat am Alpheios, hier der Sitz der aeltesten Nachbildungen, der noch der grossen Zeit des hellenischen Namens angehoerigen und von ihren klassischen Dichtern verherrlichten Pythien, Isthmien und Nemeen, nicht minder einer Anzahl juengerer, aber reich ausgestatteter, aehnlicher Feste, der Eurykleen, die der oben erwaehnte Herr von Sparta unter Augustus gegruendet, der athenischen Panathenaeen, der von Hadrian mit kaiserlicher Munifizenz dotierten, ebenfalls in Athen gefeierten Panhellenien. Man durfte sich verwundern, dass die ganze Welt des weiten Reiches sich um diese Turnfeste zu drehen schien, aber nicht darueber, dass an diesem seltsamen Zauberbecher vor allem die Hellenen sich berauschten, und dass das politische Stilleben, das ihre besten Maenner ihnen anempfahlen, durch die Kraenze und die Statuen und die Privilegien der Festsieger in schaedlichster Weise verwirrt ward.


^38 Der erste roemische Olympionike, von dem wir wissen, ist Ti. Claudius Ti. f. Nero, ohne Zweifel der spaetere Kaiser, mit dem Viergespann (Archaeologische Zeitung 38, 1880, S. 53); es faellt dieser Sieg wahrscheinlich Ol. 195 (n. Chr. 1), nicht Ol. 199 (n. Chr. 17), wie die Liste des Africanus angibt (Eus. thron. 1, p. 214 Schoene). In diesem Jahre siegte vielmehr sein Sohn Germanicus, ebenfalls mit dem Viergespann (Archaeologische Zeitung 37, 1879, S. 36). Unter den eponymen Olympioniken, den Siegern im Stadium, findet sich kein Roemer; diese Verletzung des griechischen Nationalgefuehls scheint vermieden worden zu sein. ^39 Ein also privilegiertes Spielinstitut heisst ag/o/n ieros, certamen sacrum (das heisst mit Pensionierung: Dio Sl, 1) oder ag/o/n eiselastikos, certamen iselasticum (vgl. unter anderen Plin. ep. ad Trai. 118, 119; CIL X, 515). Auch die Xystarchie wird, wenigstens in gewissen Faellen, vom Kaiser verliehen (Dittenberger in Heymes 12, 1877, S. 17f.). Nicht mit Unrecht nennen diese Institute sich "Weltspiele" (ag/o/n oikoymenikos).


Einen aehnlichen Weg gingen die staedtischen Institutionen, allerdings im ganzen Reich, aber wiederum vorzugsweise in Hellas. Als es dort noch grosse Ziele und einen Ehrgeiz gab, hatte in Hellas, eben wie in Rom, die Bewerbung um die Gemeindeaemter und die Gemeindeehren den Mittelpunkt des politischen Wetteifers gebildet und neben vielem Leeren, Laecherlichen, Boesartigen auch die tuechtigsten und edelsten Leistungen hervorgerufen. Jetzt war der Kern verschwunden, die Schale geblieben; in Panopeus im Phokischen standen zwar die Haeuser ohne Dach und wohnten die Buerger in Huetten, aber es war noch eine Stadt, ja ein Staat, und bei dem Aufzug der phokischen Gemeinden fehlten die Panopeer nicht. Diese Staedte trieben mit ihren Aemtern und Priestertuemern, mit den Belobigungsdekreten durch Heroldsruf und den Ehrensitzen bei den oeffentlichen Versammlungen, mit dem Purpurgewand und dem Diadem, mit den Statuen zu Fuss und zu Ross ein Eitelkeits- und Geldgeschaeft schlimmer als der kleinste Duodezfuerst der neueren Zeit mit seinen Orden und Titeln. Es wird ja auch in diesen Vorgaengen das wirkliche Verdienst und die ehrliche Dankbarkeit nicht gefehlt haben; aber durchgaengig war es ein Handel auf Geben und Nehmen oder, mit Plutarch zu reden, ein Geschaeft wie zwischen der Kurtisane und ihren Kunden. Wie heutzutage die private Munifizenz im Positiv den Orden und im Superlativ den Adel bewirkt, so verschaffte sie damals den priesterlichen Purpur und die Bildsaeule auf dem Markt; und nicht ungestraft treibt der Staat mit seinen Ehren Falschmuenzerei. In der Massenhaftigkeit derartiger Prozeduren und der Roheit ihrer Formen stehen die heutigen Leistungen hinter denen der alten Welt betraechtlich zurueck, wie natuerlich, da die durch den Staatsbegriff nicht genuegend gebaendigte scheinhafte Autonomie der Gemeinde auf diesem Gebiet ungehindert schaltete und die dekretierenden Behoerden durchgaengig die Buergerschaften oder die Raete von Kleinstaedten waren. Die Folgen waren nach beiden Seiten verderblich: die Gemeindeaemter wurden mehr nach der Zahlungsfaehigkeit als nach der Tuechtigkeit der Bewerber vergeben; die Schmaeuse und Spenden machten die Beschenkten nicht reicher und den Schenker oftmals arm; an dem Zunehmen der Arbeitsscheu und dem Vermoegensverfall der guten Familien traegt diese Unsitte ihren vollgemessenen Anteil. Auch die Wirtschaft der Gemeinden selbst litt schwer unter dem Umsichgreifen der Adulation. Zwar waren die Ehren, mit welchen die Gemeinde dem einzelnen Wohltaeter dankte, grossenteils nach demselben verstaendigen Prinzip der Billigkeit bemessen, welches heutzutage die aehnlichen dekorativen Verguenstigungen beherrscht; und wo das nicht der Fall war, fand haeufig der Wohltaeter sich bereit, zum Beispiel die ihm zu setzende Bildsaeule selber zu bezahlen. Aber nicht dasselbe gilt von den Ehrenbezeugungen, welche die Gemeinde vornehmen Auslaendern, vor allem den Statthaltern und den Kaisern wie den Gliedern des kaiserlichen Hauses erwies. Die Richtung der Zeit auf Wertschaetzung auch der inhaltlosen und obligaten Huldigung beherrschte den kaiserlichen Hof und die roemischen Senatoren nicht so wie die Kreise des kleinstaedtischen Ehrgeizes, aber doch auch in sehr fuehlbarer Weise; und selbstverstaendlich wuchsen die Ehren und die Huldigungen einmal im Laufe der Zeit durch die ihnen eigene Vernutzung, und ferner in demselben Mass, wie die Geringhaltigkeit der regierenden oder an der Regierung beteiligten Persoenlichkeiten. Begreiflicherweise war in dieser Hinsicht das Angebot immer staerker als die Nachfrage und diejenigen, die solche Huldigungen richtig wuerdigten, um davon verschont zu bleiben, genoetigt, sie abzuwehren, was im einzelnen Fall oft genug ^40, aber konsequenterweise selten geschehen zu sein scheint - fuer Tiberius darf die geringe Anzahl der ihm errichteten Bildsaeulen vielleicht unter seinen Ruhmestiteln verzeichnet werden. Die Ausgaben fuer Ehrendenkmaeler, die oft weit ueber die einfache Statue hinausgingen, und fuer Ehrengesandtschaften ^41 sind ein Krebsschaden gewesen und immer mehr geworden an dem Gemeindehaushalt aller Provinzen. Aber keine wohl hat im Verhaeltnis zu ihrer geringen Leistungsfaehigkeit so grosse Summen unnuetz aufgewandt wie die Provinz von Hellas, das Mutterland wie der Festsieger- so auch der Gemeindeehren und in einem Prinzipat in dieser Zeit unuebertroffen, in dem der Bedientendemut und untertaenigen Huldigung.


^40 Kaiser Gaius zum Beispiel verbittet sich in seinem Schreiben an den Landtag von Achaia die "grosse Zahl" der ihm zuerkannten Bildsaeulen und begnuegt sich mit den vier von Olympia, Nemea, Delphi und dem Isthmos (Keil, Sylloge Inscriptionum Boeoticarum, n. 31). Derselbe Landtag beschliesst, dem Kaiser Hadrian in jeder seiner Staedte eine Bildsaeule zu setzen, von welchen die Basis der in Abea in Messenien aufgestellten sich erhalten hat (CIG 1307). Kaiserliche Autorisation ist fuer solche Setzungen von jeher gefordert worden. ^41 Bei der Revision der Stadtrechnungen von Byzantion fand Plinius, dass jaehrlich 12000 Sesterzen (2500 Mark) fuer den dem Kaiser und 3000 Sesterzen (650 Mark) fuer den dem Statthalter von Moesien durch eine besondere Deputation zu ueberreichenden Neujahrsglueckwunsch angesetzt waren. Plinius weist die Behoerden an, diese Glueckwuensche fortan nur schriftlich einzusenden, was Traian billigt (ep. ad Trai. 43, 44).


Dass die wirtschaftlichen Zustaende Griechenlands nicht guenstig waren, braucht kaum noch besonders ausgefuehrt zu werden. Das Land, im ganzen genommen, ist nur von maessiger Fruchtbarkeit, die Ackerfluren von beschraenkter Ausdehnung, der Weinbau auf dem Kontinent nicht von hervorragender Bedeutung, mehr die Kultur der Olive. Da die Brueche des beruehmten Marmors, des glaenzend weissen attischen wie des gruenen karystischen, wie die meisten uebrigen zum Domanialbesitz gehoerten, kam deren Ausbeutung durch die kaiserlichen Sklaven der Bevoelkerung wenig zugute. Die gewerbfleissigste der griechischen Landschaften war die der Achaeer, wo die seit langem bestehende Fabrikation von Wollenstoffen sich behauptete und in der wohlbevoelkerten Stadt Patrae zahlreiche Spinnereien den feinen elischen Flachs zu Kleidern und Kopfnetzen verarbeiteten. Die Kunst und das Kunsthandwerk blieben auch jetzt noch vorzugsweise den Griechen, und von den Massen besonders pentelischen Marmors, welche die Kaiserzeit verbraucht hat, muss ein nicht geringer Teil an Ort und Stelle verarbeitet worden sein. Ueberwiegend aber uebten die Griechen beide im Ausland; von dem frueher so bedeutenden Export des griechischen Kunstgewerbes ist in dieser Zeit wenig die Rede. Den regsten Verkehr hatte die Stadt der beiden Meere, Korinth, die allen Hellenen gemeinsame, stets von Fremden wimmelnde Metropole, wie ein Redner sie bezeichnet. In den beiden roemischen Kolonien Korinth und Patrae, und ausserdem in dem stets von schauenden und lernenden Auslaendern gefuellten Athen konzentrierte sich das groessere Bankiergeschaeft der Provinz, welches in der Kaiserzeit wie in der republikanischen zum grossen Teil in den Haenden dort ansaessiger Italiker lag. Auch in Plaetzen zweiten Ranges, wie in Argos, Elis, Mantineia im Peloponnes, bilden die ansaessigen roemischen Kaufleute eigene, neben der Buergerschaft stehende Genossenschaften. Im allgemeinen lag in Achaia Handel und Verkehr darnieder, namentlich seit Rhodos und Delos aufgehoert hatten, Stapelplaetze fuer den Zwischenverkehr zwischen Asien und Europa zu sein und dieser sich nach Italien gezogen hatte. Die Piraterie war gebaendigt und auch die Landstrassen wohl leidlich sicher ^42; aber damit kehrte die alte glueckliche Zeit noch nicht zurueck. Der Veroedung des Peiraeeus wurde schon gedacht; es war ein Ereignis, wenn eines der grossen aegyptischen Getreideschiffe sich einmal dorthin verirrte. Nauplia, der Hafen von Argos, nach Patrae der bedeutendsten Kuestenstadt des Peloponnes, lag ebenso wuest ^43.


^42 Dass die Landstrassen in Griechenland besonders unsicher gewesen seien, erfahren wir nicht; der Aufstand in Achaia unter Pius (vita 5, 4) ist seiner Art nach voellig dunkel. Wenn der Raeuberhauptmann ueberhaupt - nicht eben gerade der griechische - in der geringen Literatur der Epoche eine hervorragende Rolle spielt, so ist dies Vehikel den schlechten Romanschreibern aller Zeiten gemein. Das euboeische Oedland des feineren Dion ist nicht ein Raeubernest, sondern es sind die Truemmer einer grossen Gutswirtschaft, deren Inhaber seines Reichtums wegen vom Kaiser verurteilt worden ist und die seitdem wuest liegt. Uebrigens zeigt sich hier, was freilich wenigstens fuer Nicht-Gelehrte keines Beweises bedarf, dass diese Geschichte gerade ebenso wahr ist wie die meisten, welche damit anfangen, dass der Erzaehler sie selbst von dem Beteiligten habe; waere die Konfiskation historisch, so wuerde der Besitz an den Fiskus gekommen sein, nicht an die Stadt, welche der Erzaehler denn auch sich wohl huetet zu nennen. ^43 Des aegyptischen Kaufmanns aus Constantius Zeit naive Schilderung Achaias mag hier noch Platz finden: "Das Land Achaia, Griechenland und Lakonien hat viel Gelehrsamkeit, aber fuer die uebrigen Beduerfnisse ist es unzulaenglich: denn es ist eine kleine und gebirgige Provinz und kann nicht viel Getreide liefern, erzeugt aber etwas Oel und den attischen Honig, und kann mehr wegen der Schulen und der Beredsamkeit gepriesen werden, nicht aber so in den meisten uebrigen Beziehungen. Von Staedten hat es Korinth und Athen. Korinth hat viel Handel und ein schoenes Gebaeude, das Amphitheater, Athen aber die alten Bilder (historias antiquas) und ein erwaehnenswertes Werk, die Burg, wo viele Bildsaeulen stehen und wunderbar die Kriegstaten der Vorfahren darstellen (ubi multis statuis stantibus mirabile est videre dicendum antiquorum bellum). Lakonien soll allein den Marmor von Krokeae aufzuweisen haben, den man den lakedaemonischen nennt." Die Barbarei des Ausdrucks kommt nicht auf Rechnung des Schreibers, sondern auf die des viel spaeteren Uebersetzers.


Dem entspricht es, dass fuer die Strassen dieser Provinz in der Kaiserzeit so gut wie nichts geschehen ist; roemische Meilensteine haben sich nur in der naechsten Naehe von Patrae und von Athen gefunden und auch diese gehoeren den Kaisern aus dem Ende des dritten und dem vierten Jahrhundert; offenbar haben die frueheren Regierungen darauf verzichtet, hier Kommunikationen herzustellen. Nur Hadrian unternahm es, wenigstens die so wichtige wie kurze Landverbindung zwischen Korinth und Megara ueber den schlimmen skironischen Klippenpass durch gewaltige, ins Meer geworfene Daemme zu einer fahrbaren Strasse zu machen. Der seit langem verhandelte Plan, die korinthische Landenge zu durchstechen, den der Diktator Caesar aufgefasst hatte, ist spaeterhin erst von Kaiser Gaius, dann von Nero in Angriff genommen worden. Letzterer hat sogar bei seinem Aufenthalt in Griechenland persoenlich zu dem Kanal den ersten Stich getan und eine Reihe von Monaten hindurch 6000 juedische Kriegsgefangene an demselben arbeiten lassen. Bei den in unseren Tagen wieder aufgenommenen Durchsticharbeiten sind bedeutende Reste dieser Bauten zum Vorschein gekommen, welche zeigen, dass die Arbeiten ziemlich weit vorgeschritten waren, als man sie abbrach, wahrscheinlich nicht infolge der einige Zeit nachher im Westen ausbrechenden Revolution, sondern weil man hier, eben wie bei dem aehnlichen aegyptischen Kanal, infolge des irrigerweise vorausgesetzten verschiedenen Hoehestandes der beiden Meere bei Vollendung des Kanals den Untergang der Insel Aegina und weiteres Unheil befuerchtete. Freilich wuerde dieser Kanal, wenn er vollendet worden waere, wohl den Verkehr zwischen Asien und Italien abgekuerzt haben, aber Griechenland selbst nicht vorwiegend zugute gekommen sein. Dass die Landschaften noerdlich von Hellas, Thessalien und Makedonien und, wenigstens seit Traian, auch Epirus, in der Kaiserzeit administrativ von Griechenland getrennt wurden, ist schon bemerkt worden. Von diesen hat die kleine epirotische Provinz, die von einem kaiserlichen Statthalter zweiten Ranges verwaltet wurde, sich niemals von der Verwuestung erholt, welche im Verlauf des Dritten makedonischen Krieges ueber sie ergangen war. Das bergige und arme Binnenland besass keine namhafte Stadt und eine duenn gesaete Bevoelkerung. Die nicht minder veroedete Kueste war Augustus zu heben bemueht durch eine doppelte Staedteanlage, durch die Vollendung der schon von Caesar beschlossenen Kolonie roemischer Buerger in Buthrotum, Kerkyra gegenueber, die indes zu keiner rechten Bluete gelangte, und durch die Gruendung der griechischen Stadt Nikopolis an eben der Stelle, wo vor der Aktischen Entscheidungsschlacht das Hauptquartier gestanden hatte, an dem suedlichsten Punkte von Epirus, anderthalb Stunden noerdlich von Prevesa, nach Augustus' Absicht zugleich ein dauerndes Denkmal des grossen Seesiegs und der Mittelpunkt neu aufbluehenden hellenischen Lebens. Diese Gruendung ist in ihrer Art als roemische neu. An Ambrakias Statt und des amphilochischen Argos, an Thyreions und an Anaktorions Statt, auch an Leukas Statt und was von Staedten noch ringsum rasend des Ares Speer weiter zu Boden gestreckt, gruendet die Siegsstadt Caesar, die heilige, also dem Koenig Phoebos Apollon mit ihr dankend den aktischen Sieg. Diese Worte eines gleichzeitigen griechischen Dichters sprechen einfach aus, was Augustus hier getan hat: das ganze umliegende Gebiet, das suedliche Epirus, die gegenueberliegende Landschaft Akarnanien mit der Insel Leukas, selbst einen Teil von Aetolien vereinigte er zu einem Stadtgebiet und siedelte die in den dort vorhandenen, verkuemmernden Ortschaften noch uebrigen Bewohner ueber nach der neuen Stadt Nikopolis, der gegenueber auf dem akarnanischen Ufer der alte Tempel des aktischen Apollon in prachtvoller Weise erneuert und erweitert ward. Eine roemische Stadt ist nie in dieser Weise gegruendet worden; dies ist der Synoekismos der Alexandriden. Ganz in derselben Weise haben Koenig Kassandros die makedonischen Staedte Thessalonike und Kassandreia, Demetrios der Staedtebezwinger die thessalische Stadt Demetrias, Lysimachos die Stadt Lysimacheia auf dem Thrakischen Chersones aus einer Anzahl umliegender, ihrer Selbstaendigkeit entkleideter Ortschaften zusammengelegt. Dem griechischen Charakter der Gruendung entsprechend sollte Nikopolis nach der Absicht seines Stifters eine griechische Grossstadt werden ^44. Sie erhielt Freiheit und Autonomie wie Athen und Sparta und sollte, wie bereits angegeben ward, in der das gesamte Hellas vertretenden Amphiktyonie den fuenften Teil der Stimmen fuehren und zwar, wie Athen, ohne mit anderen Staedten zu wechseln. Das neue aktische Apolloheiligtum war voellig nach dem Muster von Olympia eingerichtet, mit einem Vierjahrfest, das selbst den Namen des olympischen neben dem eigenen fuehrte, gleichen Rang und gleiche Privilegien, auch seine Aktfaden wie jenes seine Olympiaden hatte ^45; die Stadt Nikopolis verhielt sich dazu wie die Stadt Elis zu dem olympischen Tempel ^46. Sorgfaeltig ward bei der staedtischen Einrichtung sowohl wie bei den religioesen Ordnungen alles eigentlich Italische vermieden, so nahe es lag, die mit der Reichsbegruendung so innig verknuepfte Siegesstadt in roemischer Weise zu gestalten. Wer die Augustischen Ordnungen in Hellas im Zusammenhang erwaegt und namentlich diesen merkwuerdigen Schlussstein, wird sich der Ueberzeugung nicht verschliessen koennen, dass Augustus eine Reorganisation von Hellas unter dem Schutz des roemischen Prinzipats ausfuehrbar geglaubt hat und hat ausfuehren wollen. Die Oertlichkeit wenigstens war dafuer wohl gewaehlt, da es damals, vor der Gruendung von Patrae, an der ganzen griechischen Westkueste keine groessere Stadt gab. Aber was Augustus im Anfang seiner Alleinherrschaft hoffen mochte, hat er nicht erreicht, vielleicht selbst schon spaeterhin aufgegeben, als er Patrae die Form der roemischen Kolonie gab. Nikopolis blieb, wie die ausgedehnten Ruinen und die zahlreichen Muenzen beweisen, verhaeltnismaessig bevoelkert und bluehend ^47, aber seine Buerger scheinen weder im Handel und Gewerbe noch anderweitig hervorragend eingegriffen zu haben. Das noerdliche Epirus, welches, aehnlich wie das angrenzende, zu Makedonien gelegte Illyricum, zum groesseren Teil von albanesischen Voelkerschaften bewohnt war und nicht unter Nikopolis gelegt ward, ist in der Kaiserzeit in seinen einigermassen noch heute fortbestehenden primitiven Verhaeltnissen verblieben. "Epirus und Illyricum", sagt Strabon, "ist zum grossen Teil eine Einoede; wo sich Menschen finden, wohnen sie in Doerfern und in Truemmern frueherer Staedte; auch das" - im Mithradatischen Kriege von den Thrakern verwuestete - "Orakel von Dodona ist erloschen wie das uebrige alles." ^48


^44 Wenn Tacitus (arm. 5, 10) Nikopolis eine colonia Romana nennt, so ist das zwar missverstaendlich, aber nicht gerade unrichtig, irrig aber des Plinius (nat. 4, 1, 5) colonia Augusti Actium cum .. . civitate libera Nicopolitana, da Aktion Stadt so wenig gewesen ist wie Olympia. ^45 O ag/o/n Ol?mpios ta Aktia: Strab. 7, 7, 6, p. 325; Aktias: Ios. bel. Iud. 1, 20, 4; Aktionik/e/s oefter. Wie die vier grossen griechischen Landesfeste bekanntlich /e/ periodos heissen, der in allen vier gekroente Sieger, periodonik/e/s, so wird CIG 4472 auch den Spielen von Nikopolis beigefuegt t/e/s periodoy und jene Periodos als die alte (archaia) bezeichnet. Wie die Wettspiele oefter isol?mpia heissen, so findet sich auch ag/o/n isaktios (CIG 4472) oder certamen ad exemplar Actiacae religionis (Tac. ann. 15, 23). ^46 So nennt sich ein Nikopolit arch/o/n t/e/s ieras Aktiak/e/s boyl/e/s (Delphi; Rheinisches Museum N. F. 2, 1843, S. 111), wie in Elis es heisst /e/ polis /E/lei/o/n kai /e/ Olympik/e/ boyl/e/ (Archaeologische Zeitung 34, 1876, S. 57; aehnlich daselbst 35, 1877, S. 40 und 41 und sonst). uebrigens erhielten die Spartaner, als die einzigen an dem Aktischen Siege mitbeteiligten Hellenen, die Leitung (epimeleia) der Aktischen Spiele (Strab. 7, 7, 6, p. 325); ihr Verhaeltnis zu der boyl/e/ Aktiak/e/ von Nikopolis kennen wir nicht. ^47 Die Schilderung seines Verfalls in der Zeit des Constantius (Paneg. 11, 9) beweist fuer die fruehere Kaiserzeit vielmehr das Gegenteil. ^48 Die Ausgrabungen in Dodona haben dies bestaetigt; alle Fundstuecke gehoeren der vorroemischen Epoche an, mit Ausnahme einiger Muenzen. Allerdings hat ein Restaurationsbau stattgefunden, dessen Zeit sich nicht bestimmen laesst; vielleicht ist er ganz spaet. Wenn Hadrian, der Ze?s D/o/d/o/naios genannt wird (CIG 1822), Dodona besucht hat (Duerr, Reisen Hadrians, S. 56), so tat er es als Archaeologe. Eine Befragung des Orakels in der Kaiserzeit wird nur, und auch nicht in glaubwuerdigster Weise, berichtet von Kaiser Julian (Theodoretus hist. eccl. 3, 21).


Thessalien, an sich eine rein hellenische Landschaft so gut wie Aetolien und Akarnanien, war in der Kaiserzeit administrativ von der Provinz Achaia getrennt und stand unter dem Statthalter von Makedonien. Was von Nordgriechenland gilt, trifft auch auf Thessalien zu. Die Freiheit und Autonomie, welche Caesar den Thessalern allgemein zugestanden oder vielmehr nicht entzogen hatte, scheint ihnen wegen Missbrauchs von Augustus genommen worden zu sein, so dass spaeterhin nur Pharsalos diese Rechtsstellung behalten hat ^49; roemische Kolonisten sind in der Landschaft nicht angesiedelt worden. Ihren besonderen Landtag in Larisa behielt sie, und auch die staedtische Selbstverwaltung ist, wie den abhaengigen Griechen in Achaia, so den Thessalern geblieben. Thessalien ist weitaus die fruchtbarste Landschaft der ganzen Halbinsel und fuehrte noch im vierten Jahrhundert Getreide aus; nichtsdestoweniger sagt Dion von Prusa, dass auch der Peneios durch wuestes Land fliesse, und es ist in der Kaiserzeit in dieser Landschaft nur in sehr geringem Umfang gemuenzt worden. Um die Herstellung von Landstrassen haben Hadrian und Diocletian sich bemueht, aber auch, soviel wir sehen, von den roemischen Kaisern sie allein.


^49 Die Verfuegung Caesars bezeugen Appian (civ. 2, 88) und Plutarch (Caes. 48), und sie stimmt zu seinem eigenen Bericht (civ. 3, 80) recht gut; dagegen nennt Plinius (nat. 4, 8, 29) nur Pharsalos als freie Stadt. Zu Augustus' Zeit wurde ein vornehmer Thessaler Petraeos (wahrscheinlich der Caesarianer, civ. 3, 35) lebendig verbrannt (Plut. praec. ger. reip. 19), ohne Zweifel nicht durch ein Privatverbrechen, sondern nach Beschluss des Landtags, und es wurden die Thessaler vor das Kaisergericht gestellt (Suet. Tib. 8). Vermutlich gehoeren beide Vorgaenge und ebenso der Verlust der Freiheit zusammen.


Makedonien als roemischer Verwaltungsbezirk der Kaiserzeit ist, verglichen mit dem Makedonien der Republik, wesentlich verkleinert. Allerdings reicht es wie dieses von Meer zu Meer, indem die Kueste sowohl des Aegaeischen Meeres von der zu Makedonien gehoerigen Landschaft Thessalien an bis zur Muendung des Nestos (Mesta), wie auch die des Adriatischen vom Aoos ^50 bis zum Drilon (Drin) diesem Distrikt zugerechnet wurden; das letztere Gebiet, nicht eigentlich makedonisches, sondern illyrisches Land, aber schon in republikanischer Zeit dem Statthalter Makedoniens zugewiesen, ist auch in der Kaiserzeit bei der Provinz geblieben. Aber dass Griechenland suedlich vom Oeta davon getrennt ward, wurde schon gesagt. Die Nordgrenze gegen Moesien und die Ostgrenze gegen Thrakien blieben zwar insofern unveraendert, als die Provinz in der Kaiserzeit so weit reichte, wie auch das eigentliche Makedonien der Republik gereicht hatte, das heisst noerdlich etwa bis zum Tal des Erigon, oestlich bis zum Flusse Nestos; aber wenn in republikanischer Zeit die Dardaner und die Thraker und saemtliche dem makedonischen Gebiet benachbarte Voelkerschaften des Nordens und des Nordostens in ihren friedlichen wie in ihren kriegerischen Beruehrungen mit diesem Statthalter zu tun hatten und insofern gesagt werden konnte, dass die makedonische Grenze so weit reiche wie die roemischen Lanzen, so gebot der makedonische Statthalter der Kaiserzeit nur ueber den ihm angewiesenen, nirgends mehr mit halb oder ganz unabhaengigen Nachbarn grenzenden Bezirk. Da der Grenzschutz zunaechst auf das in roemische Botmaessigkeit gelangte Thrakerreich und bald auf den Statthalter der neuen Provinz Moesien ueberging, so wurde der von Makedonien seines Kommandos von vornherein enthoben. Es ist auch auf makedonischem Boden in der Kaiserzeit kaum gefochten worden; nur die barbarischen Dardaner am oberen Axios (Vardar) brandschatzten zuweilen noch die friedliche Nachbarprovinz. Auch von oertlichen Auflehnungen wird aus dieser Provinz nichts berichtet.


^50 In der Zeit der Republik scheint Skodra zu Makedonien gehoert zu haben; in der Kaiserzeit sind dies und Lissus dalmatische Staedte und macht die Grenze an der Kueste die Muendung des Drin.


Von den suedlicheren griechischen Landschaften entfernt sich diese noerdlichste sowohl in dem nationalen Fundament wie in der Stufe der Zivilisation. Wenn die eigentlichen Makedonier an dem Unterlauf des Haliakmon (Vistritza) und des Axios (Vardar) bis zum Strymon ein urspruenglich griechischer Stamm sind, dessen Verschiedenheit von den suedlicheren Hellenen fuer die gegenwaertige Epoche keine Bedeutung mehr hat, und wenn die hellenische Kolonisation beide Kuesten in ihren Kreis hineingezogen hat, im Westen mit Apollonia und Dyrrhachion, im Osten namentlich mit den Ortschaften der Halbinsel Chalkidike, so ist dagegen das Binnenland der Provinz von einem Gewimmel ungriechischer Voelker erfuellt, das von den heutigen Zustaenden auf dem gleichen Gebiet mehr in seinen Elementen als in seinem Ergebnis sich unterschieden haben wird. Nachdem die bis in diese Gegend vorgedrungenen Kelten, die Skordisker, von den Feldherren der roemischen Republik zurueckgedraengt worden waren, teilten sich in das innere Makedonien insbesondere illyrische Staemme im Westen und Norden, thrakische im Osten. Von beiden ist schon frueher gesprochen worden; hier kommen sie nur insofern in Betracht, als die griechische Ordnung, wenigstens die staedtische, bei diesen Staemmen wohl wie in der frueheren ^51 so auch in der Kaiserzeit nur in beschraenktem Masse eingefuehrt worden ist. Ueberall ist ein energischer Zug staedtischer Entwicklung nie durch das makedonische Binnenland gegangen, die entlegeneren Landschaften sind wenigstens der Sache nach kaum ueber die Dorfwirtschaft hinausgekommen.


^51 Die staedtischen Gruendungen in diesen Gegenden ausserhalb des eigentlichen Makedoniens tragen ganz den Charakter eigentlicher Kolonien: so die von Philippi im Thrakerland und besonders die von Derriopos in Paeonien (Liv. 39 53), fuer welchen letzteren Ort auch die spezifisch makedonischen Politarchen inschriftlich bezeugt sind. Inschrift vom Jahre 197 n. Chr.: t/o/n peri Alexandron PHilippoy en Derriop/o/ politarch/o/n (Duchesne und Bayet, Mission au mont Athos, S. 103).


Die griechische Politie selbst ist in diesem Koenigsland nicht so wie in dem eigentlichen Hellas aus sich selber erwachsen, sondern durch die Fuersten eingefuehrt worden, die mehr Hellenen waren als ihre Untertanen. Welche Gestalt sie gehabt hat, ist wenig bekannt; doch laesst die in Thessalonike, Edessa, Lete gleichmaessig wiederkehrende, anderswo nicht begegnende Stadtvorstandschaft der Politarchen auf eine merkliche und ja auch an sich wahrscheinliche Verschiedenheit der makedonischen Stadtverfassung von der sonst in Hellas ueblichen schliessen. Die griechischen Staedte, welche die Roemer vorfanden, haben ihre Organisation und ihre Rechte behalten, die bedeutendste derselben, Thessalonike, auch die Freiheit und die Autonomie. Es bestand ein Bund und ein Landtag (koinon) der makedonischen Staedte, aehnlich wie in Achaia und Thessalien. Erwaehnung verdient als ein Zeugnis fuer die nachwirkende Erinnerung der alten grossen Zeit, dass noch in der Mitte des dritten Jahrhunderts nach Christus der Landtag von Makedonien und einzelne makedonische Staedte Muenzen gepraegt haben, auf denen der Kopf und der Name des regierenden Kaisers durch den Alexanders des Grossen ersetzt sind. Die ziemlich zahlreichen Kolonien roemischer Buerger, welche Augustus in Makedonien eingerichtet hat, Byllis unweit Apollonia, Dyrrachium am Adriatischen Meer, an der anderen Kueste Dium, Pella, Cassandrea, in dem eigentlich thrakischen Gebiet Philippi, sind saemtlich aeltere griechische Staedte, welche nur eine Anzahl Neubuerger und eine andere Rechtsstellung erhielten, und zunaechst ins Leben gerufen durch das Beduerfnis, die ausgedienten italischen Soldaten, fuer die in Italien selbst kein Platz mehr war, in einer zivilisierten und nicht stark bevoelkerten Provinz unterzubringen. Auch die Gewaehrung des italischen Rechts erfolgte gewiss nur, um den Veteranen die Ansiedelung im Ausland zu vergolden. Dass ein Hineinziehen Makedoniens in die italische Kulturentwicklung niemals beabsichtigt ward, dafuer zeugt, von allem andern abgesehen, dass Thessalonike griechisch und die Hauptstadt des Landes blieb. Daneben gedieh Philippi, eigentlich eine der nahen Goldbergwerke wegen angelegte Grubenstadt, von den Kaisern beguenstigt als Staette der die Monarchie definitiv begruendenden Schlacht und wegen der zahlreichen an derselben beteiligten und nachher dort angesiedelten Veteranen. Roemische, nicht koloniale Gemeindeverfassung hat bereits in der ersten Kaiserzeit Stobi erhalten, die schon erwaehnte noerdlichste Grenzstadt Makedoniens gegen Moesien am Einfluss des Erigon in den Axios, kommerziell wie militaerisch eine wichtige Position und vermutlich schon in makedonischer Zeit zu griechischer Politie gelangt. In wirtschaftlicher Hinsicht ist fuer Makedonien auch unter den Kaisern von Staats wegen wenig geschehen; wenigstens tritt eine besondere Fuersorge derselben fuer diese nicht unter ihrer eigenen Verwaltung stehende Provinz nirgends hervor. Um die schon unter der Republik angelegte Militaerstrasse quer durch das Land von Dyrrachium nach Thessalonike, eine der wichtigsten Verkehrsadern des ganzen Reiches, haben sich, so viel wir wissen, erst die Kaiser des dritten Jahrhunderts, zuerst Severus Antoninus, wieder bemueht; die ihr anliegenden Staedte Lychnidos am Ochrida-See und Herakleia Lynkestis (Bitolia) haben nie viel bedeutet. Dennoch war Makedonien wirtschaftlich besser bestellt als Griechenland. Es uebertrifft dasselbe weitaus an Fruchtbarkeit; wie noch heute die Provinz von Thessalonike relativ gut bebaut und wohlbevoelkert ist, so wird auch in der Reichsbeschreibung aus Constantius' Zeit, allerdings als Konstantinopel schon bestand, Makedonien zu den besonders wohlhabenden Bezirken gerechnet. Wenn fuer Achaia und Thessalien unsere die roemische Aushebung betreffenden Dokumente schlechthin versagen, so ist dagegen Makedonien dabei, namentlich auch fuer die Kaisergarde, in bedeutendem Umfang, staerker als die meisten griechischen Landschaften, in Anspruch genommen worden, wobei freilich die Gewoehnung der Makedonier an den regelmaessigen Kriegsdienst und ihre vorzuegliche Qualifikation fuer denselben, wohl auch die relativ geringe Entwicklung des staedtischen Wesens in dieser Provinz in Anschlag zu bringen sind. Thessalonike, die Metropole der Provinz und deren volkreichste und gewerbreichste Stadt dieser Zeit, gleichfalls in der Literatur mehrfach vertreten, hat auch in der politischen Geschichte durch den tapferen Widerstand, den seine Buergerin den schrecklichen Zeiten der Goteneinfaelle den Barbaren entgegensetzten, sich einen Ehrenplatz gesichert. Wenn Makedonien ein halb griechisches, so war Thrakien ein nicht griechisches Land. Von dem grossen, aber fuer uns verschollenen thrakischen Stamm ist frueher gesprochen worden. In seinen Bereich ist der Hellenismus lediglich von aussen gelangt; und es wird nicht ueberfluessig sein, zunaechst rueckblickend darzulegen, wie oft der Hellenismus an die Pforten der suedlichsten Landschaft, welche dieser Stamm inne hatte und die wir noch nach ihm nennen, bis dahin gepocht und wie wenig er bis dahin im Binnenland erreicht hatte, um deutlich zu machen, was Rom hier nachzuholen blieb und was es nachgeholt hat. Zuerst Philippos, der Vater Alexanders, unterwarf Thrakien und gruendete nicht bloss Kalybe in der Naehe von Byzantion, sondern im Herzen des Landes die Stadt, die seitdem seinen Namen traegt. Alexander, auch hier der Vorlaeufer der roemischen Politik, gelangte an und ueber die Donau und machte diesen Strom zur Nordgrenze seines Reiches; die Thraker in seinem Heere haben bei der Unterwerfung Asiens nicht die letzte Rolle gespielt. Nach seinem Tode schien der Hellespont einer der grossen Mittelpunkte der neuen Staatenbildung, das weite Gebiet von dort bis an die Donau ^52 die noerdliche Haelfte eines griechischen Reiches werden zu sollen, der Residenz des ehemaligen Statthalters von Thrakien, Lysimachos, der auf dem Thrakischen Chersones neugegruendeten Stadt Lysimacheia eine aehnliche Zukunft zu winken wie den Residenzen der Marschaelle von Syrien und Aegypten. Indes es kam dazu nicht; die Selbstaendigkeit dieses Reiches ueberdauerte den Fall seines ersten Herrschers (473 281) nicht. In dem Jahrhundert, welches von da bis auf die Begruendung der Vormachtstellung Roms im Orient verging, versuchten bald die Seleukiden, bald die Ptolemaeer, bald die Attaliden die europaeischen Besitzungen des Lysimachos in ihre Gewalt zu bringen, aber saemtlich ohne dauernden Erfolg. Das Reich von Tylis im Haemus, welches die Kelten nicht lange nach dem Tode Alexanders, ungefaehr gleichzeitig mit ihrer bleibenden Niederlassung in Kleinasien, im moesisch-thrakischen Gebiet gegruendet hatten, vernichtete die Saat griechischer Zivilisation in seinem Bereich und erlag selber waehrend des Hannibalischen Krieges den Angriffen der Thraker, die diese Eingedrungenen bis auf den letzten Mann ausrotteten. Seitdem gab es in Thrakien eine fuehrende Macht ueberhaupt nicht; die zwischen den griechischen Kuestenstaedten und den Fuersten der einzelnen Staemme bestehenden Verhaeltnisse, die ungefaehr denen vor Alexander entsprechen mochten, erlaeutert die Schilderung, die Polybios von der bedeutendsten dieser Staedte gibt: wo die Byzantier gesaet haben, da ernten die thrakischen Barbaren, und es hilft gegen diese weder das Schwert noch das Geld; schlagen die Buerger einen der Fuersten, so fallen dafuer drei andere in ihr Gebiet, und kaufen sie einen ab, so verlangen fuenf mehr den gleichen Jahrzins. Dem Bestreben der spaeteren makedonischen Herrscher, in Thrakien wieder festen Fuss zu fassen und namentlich die griechischen Staedte der Suedkueste in ihre Gewalt zu bringen, traten die Roemer entgegen, teils um Makedoniens Machtentwicklung ueberhaupt niederzuhalten, teils um nicht die wichtige, nach dem Orient fuehrende "Koenigsstrasse", diejenige, auf der Xerxes nach Griechenland, die Scipionen gegen Antiochos marschierten, in ihrer ganzen Ausdehnung in makedonische Hand kommen zu lassen. Schon nach der Schlacht bei Kynoskephalae wurde die Grenzlinie ungefaehr so gezogen, wie sie seitdem geblieben ist. oefter versuchten die beiden letzten makedonischen Herrscher, sich dennoch in Thrakien sei es geradezu festzusetzen, sei es dessen einzelne Fuersten durch Vertraege an sich zu knuepfen; der letzte Philippos hat sogar Philippopolis abermals gewonnen und Besatzung hineingelegt, die die Odrysen freilich bald wieder vertrieben. Zu dauernder Festsetzung gelangte weder er noch sein Sohn, und die nach der Aufloesung Makedoniens den Thrakern von Rom eingeraeumte Selbstaendigkeit zerstoerte, was dort etwa von hellenischen Anfaengen noch uebrig sein mochte. Thrakien selbst wurde zum Teil schon in republikanischer, entschiedener in der Kaiserzeit roemisches Lehnsfuerstentum, dann im Jahre 46 n. Chr. roemische Provinz; aber die Hellenisierung des Landes war nicht hinausgekommen ueber den Saum griechischer Pflanzstaedte, welcher in fruehester Zeit sich auch um diese Kueste gelegt hatte, und im Lauf der Zeit eher gesunken als gestiegen. So maechtig und bleibend die makedonische Kolonisation den Osten ergriffen, so schwach und vergaenglich hat sie Thrakien beruehrt; Philipp und Alexander selbst scheinen die Ansiedelungen in diesem Lande widerwillig vorgenommen und geringgeschaetzt zu haben ^53. Bis weit in die Kaiserzeit hinein ist das Land den Eingeborenen, sind die an der Kueste uebriggebliebenen, fast alle heruntergekommenen Griechenstaedte ohne griechisches Hinterland geblieben.


^52 Dass auch fuer Lysimachos die Donau Reichsgrenze war, geht hervor aus Paus. 1,9,6. ^53 Kalybe bei Byzantion entstand nach Strabon (7, 6, 2, p. 320) PHilippoy to? Am?ntoy to?s pon/e/ratotoys enta?tha idr?santos. Philippopolis soll sogar nach dem Bericht Theopomps (fr. 122 Mueller) als Pon/e/ropolis gegruendet sein und die entsprechenden Kolonisten empfangen haben. Wie wenig Vertrauen diese Angaben auch verdienen, so druecken sie doch in ihrem Zusammentreffen den Botany-Bay-Charakter dieser Gruendungen aus.


Dieser von der makedonischen Grenze an bis zum Taurischen Chersonesos sich erstreckende Kranz hellenischer Staedte ist sehr ungleich geflochten. Im Sueden ist er dicht geschlossen von Abdera an bis nach Byzantion an den Dardanellen; doch hat keine dieser Staedte in spaeterer Zeit eine hervorragende Bedeutung gehabt, mit Ausnahme von Byzantion, das durch die Fruchtbarkeit seines Gebietes, die eintraegliche Thunfischerei, die ungemein guenstige Handelslage, den Gewerbefleiss und die durch die exponierte Lage nur gesteigerte und gestaehlte Tuechtigkeit seiner Buerger auch den schwersten Zeiten der hellenischen Anarchie zu trotzen gewusst hatte. Bei weitem duerftiger hatte die Ansiedlung sich an der Westkueste des Schwarzen Meeres entwickelt; an der spaeter zur roemischen Provinz Thrakien gehoerigen war nur Mesembria von einiger Bedeutung, an der spaeter moesischen Odessos (Varna) und Tomis (Kuestendsche). Jenseits der Donaumuendung und der roemischen Reichsgrenze an dem Nordgestade des Pontus lagen mitten im Barbarenland Tyra ^54 und Olbia; weiterhin machten die alten und grossen griechischen Kaufstaedte auf der heutigen Krim, Herakleia oder Chersonesos und Pantikapaeon, einen stattlichen Schlussstein. Alle diese Ansiedlungen genossen des roemischen Schutzes, seit die Roemer ueberhaupt die Vormacht auf dem griechisch-asiatischen Kontinent geworden waren, und der starke Arm, der das eigentliche hellenische Land oft schwer traf, verhinderte hier wenigstens Katastrophen wie die Zerstoerung von Lysimacheia. Die Beschuetzung dieser Griechen gehoerte in republikanischer Zeit zu den Obliegenheiten teils des Statthalters von Makedonien, teils des von Bithymen, seit auch dies roemisch war; Byzantion ist spaeter bei Bithynien geblieben ^55. Im uebrigen ging in der Kaiserzeit nach Einrichtung der Statthalterschaft von Moesien und spaeter derjenigen von Thrakien die Schutzleistung auf diese ueber.


^54 Doch reicht die noerdliche bessarabische Linie, die vielleicht roemisch ist, bis nach Tyra. ^55 Dass Byzantion noch in traianischer Zeit unter dem Statthalter von Bithynien stand, folgt aus Plin. ep. ad Trai. 43. Aus den Gratulationen der Byzantier an die Legaten von Moesien kann die ihrer Lage nach kaum moegliche Zugehoerigkeit zu dieser Statthalterschaft nicht geschlossen werden; die Beziehungen zu dem Statthalter von Moesien erklaeren sich aus den Handelsverbindungen der Stadt mit den moesischen Hafenplaetzen. Dass Byzanz auch im Jahre 53 unter dem Senat stand, also nicht zu Thrakien gehoerte, geht aus Tacitus ann. 12, 62 hervor. Zugehoerigkeit zu Makedonien unter der Republik bezeugt Cicero (Pis. 35, 86; prov. 4, 6) nicht, da die Stadt damals frei war. Diese Freiheit scheint, wie bei Rhodos, oft gegeben und oft genommen zu sein. Cicero, a. a. O., spricht sie ihr zu; im Jahre 53 ist sie tributpflichtig; Plinius (nat. 4, 11, 46) fuehrt sie als freie Stadt auf; Vespasian entzieht ihr die Freiheit (Suet. Vesp. 8).


Schutz und Gunst gewaehrte diesen Griechen Rom von jeher; aber um die Ausdehnung des Hellenismus hat weder die Republik noch die fruehere Kaiserzeit sich bemueht ^56. Nachdem Thrakien roemisch geworden war, ist es in Landkreise eingeteilt worden ^57; und bis fast an das Ende des ersten Jahrhunderts ist dort keine Stadtanlage zu verzeichnen, mit Ausnahme zweier Pflanzstaedte des Claudius und des Vespasianus, Apri im Binnenland, nicht weit von Perinthos, und Deultus an der noerdlichsten Kueste ^58. Domitian hat damit begonnen, griechische Stadtverfassung im Binnenland einzufuehren, zuerst fuer die Landeshauptstadt Philippopolis. Unter Traianus erhielten eine Reihe anderer thrakischer Ortschaften das gleiche Stadtrecht: Topeiros unweit Abdera, Nikopolis am Nestos, Plotinopolis am Hebros, Pautalia bei Koestendil, Serdica jetzt Sofia, Augusta Traiana bei Alt-Zagora, ein zweites Nikopolis am noerdlichen Abhang des Haemus ^59 ausserdem an der Kueste Traianopolis an der Hebrosmuendung; ferner unter Hadrian Adrianopolis, das heutige Adrianopel. Alle diese Staedte waren nicht Kolonien von Auslaendern, sondern nach dem von Augustus in dem epirotischen Nikopolis aufgestellten Muster zusammengefasste, griechisch organisierte Poliden; es war eine Zivilisierung und Hellenisierung der Provinz von oben herab. Ein thrakischer Landtag bestand seitdem in Philippopolis ebenso wie in den eigentlich griechischen Landschaften. Dieser letzte Trieb des Hellenismus ist nicht der schwaechste. Das Land ist reich und anmutig - eine Muenze der Stadt Pautalia preist den vierfachen Segen der Aehren, der Trauben, des Silbers und des Goldes; und Philippopolis sowie das schoene Tal der Tundja sind die Heimat der Rosenzucht und des Rosenoels - und die Kraft des thrakischen Schlages war nicht gebrochen. Es entwickelte sich hier eine dichte und wohlhabende Bevoelkerung; der starken Aushebung in Thrakien wurde schon gedacht und in der Taetigkeit der staedtischen Muenzstaetten stehen fuer diese Epoche wenige Gebiete Thrakien gleich. Als Philippopolis im Jahre 251 den Goten erlag, soll es hunderttausend Einwohner gezaehlt haben. Auch die energische Parteinahme der Byzantier fuer den Kaiser des griechischen Ostens, Pescennius Niger, und der mehrjaehrige Widerstand, den die Stadt noch nach dessen Untergang dem Sieger entgegenstellte, zeigen die Mittel und den Mut dieser thrakischen Staedter. Wenn die Byzantier auch hier unterlagen und sogar eine Zeitlang ihr Stadtrecht einbuessten, so sollte bald die durch den Aufschwung des thrakischen Landes sich vorbereitende Zeit eintreten, wo Byzantion das neue hellenische Rom und die Hauptresidenz des umgewandelten Reiches ward.


^56 Dies verbuergt das Fehlen von Muenzen der thrakischen Binnenstaedte, welche nach Metall und Stil in die aeltere Zeit gesetzt werden koennten. Dass eine Anzahl thrakischer, besonders odrysischer Fuersten zum Teil schon in recht frueher Zeit gepraegt haben, beweist nur, dass sie ueber Kuestenplaetze mit griechischer oder halbgriechischer Bevoelkerung geboten. Ebenso wird auch zu urteilen sein ueber die ganz vereinzelt stehenden Tetradrachmen der "Thraker" (A. v. Sallet in Zeitschrift fuer Numismatik 3, 1876, S. 241). Auch die im thrakischen Binnenland gefundenen Inschriften sind durchgaengig aus roemischer Zeit. Das in Bessapara, jetzt Tatar Bazardjik, westlich von Philippopolis, von Dumont (Inscriptions de la Thrace, S. 7) gefundene Dekret einer nicht genannten Stadt wird freilich in gute makedonische Zeit gesetzt, aber nur nach dem Charakter der Schrift, welcher vielleicht truegt. ^57 Die fuenfzig Strategien Thrakiens (Plin. nat. 4,11, 40; Ptol. geogr. 3, 11, 6) sind nicht Militaerbezirke, sondern, wie dies namentlich bei Ptolemaeos deutlich hervortritt, Landkreise, die sich mit den Staemmen decken (strat/e/gi/e/ Maidik/e/, Bessik/e/ u.s.w.) und Gegensatz zu den Staedten bilden. Die Bezeichnung strat/e/gos hat, ebenso wie praetor, ihren urspruenglich militaerischen Wert spaeter eingebuesst. Hier liegt wohl zunaechst die Analogie von Aegypten zu Grunde, das ebenso in Stadtgebiete unter staedtischen Magistraten und in Landkreise unter Strategen zerfiel. Ein strat/e/gos peri Perinthon aus roemischer Zeit: Eph. epigr. II, p. 252. ^58 In Deultus, der colonia Flavia Pacis Deultensium, wurden Veteranen der 8. Legion versorgt (CIL VI, 3828). Flaviopolis auf dem Chersones, das alte Coela, ist gewiss nicht Kolonie gewesen (Plin, nat. 4, 11, 47), sondern gehoert zu der eigenartigen Ansiedelung des Kaisergesindes auf diesem Domanialbesitz (Eph. epigr. V, p. 82). ^59 Diese Stadt Nikopolis /e/ peri Aim/o/n des Ptolemaeos (geogr. 3, 11, 7), Nikopolis pros Istron der Muenzen, das heutige Nikup an der Jantra, gehoert geographisch zu Untermoesien und, wie die Statthalternamen der Muenzen zeigen, seit Severus auch administrativ; aber nicht bloss fuehrt Ptolemaeos es bei Thrakien auf, sondern die Fundorte der hadrianischen Terminalsteine (CIL III, 736, vgl. p. 992) scheinen es ebenfalls zu Thrakien zu stellen. Da diese griechische Binnenstadt weder zu den lateinischen Stadtgemeinden Untermoesiens noch zu dem koinon des moesischen Pontus passte, ist sie bei der ersten Ordnung der Verhaeltnisse dem koinon der Thraker zugewiesen worden. Spaeter muss sie freilich einem oder dem andern jener moesischen Verbaende angeschlossen worden sein.


In der benachbarten Provinz Untermoesien hat sich, freilich in geringerem Masse, eine aehnliche Entwicklung vollzogen. Die griechischen Kuestenstaedte, deren Metropole wenigstens in roemischer Zeit Tomis war, wurden, wahrscheinlich bei Konstituierung der roemischen Provinz Moesien, zusammengefasst als "Fuenfstaedtebund des linken Ufers des Schwarzen Meeres" oder, wie er auch sich nennt, "der Griechen", das heisst der Griechen dieser Provinz. Spaeter ist als sechste Stadt die unweit der Kueste an der thrakischen Grenze von Traian angelegte und gleich den thrakischen griechisch geordnete Stadt Markianopolis diesem Bund angeschlossen worden ^60. Dass die Lagerstaedte am Donauufer und ueberhaupt die im Binnenland von Rom ins Leben gerufenen Ortschaften nach italischem Muster eingerichtet wurden, ist frueher bemerkt worden; Untermoesien ist die einzige durch die Sprachgrenze durchschnittene roemische Provinz, indem der tomitanische Staedtebund dem griechischen, die Donaustaedte wie Durostorum und Oescus dem lateinischen Sprachgebiet angehoeren. Im uebrigen gilt von diesem moesischen Staedtebund wesentlich das gleiche, was ueber Thrakien bemerkt ward. Wir haben eine Schilderung von Tomis aus den letzten Jahren des Augustus, freilich von einem dahin zur Strafe Verbannten, aber sicher im wesentlichen getreu. Die Bevoelkerung besteht zum groesseren Teil aus Geten und Sarmaten; sie tragen, wie die Daker auf der Traianssaeule, Pelze und Hosen, langes flatterndes Haar und den Bart ungeschoren, erscheinen auf der Strasse zu Pferde und mit dem Bogen bewaffnet, den Koecher auf der Schulter, das Messer im Guertel. Die wenigen Griechen, die unter ihnen sich finden, haben die barbarische Sitte angenommen mit Einschluss der Hosen und wissen ebensogut oder besser getisch als griechisch sich auszudruecken; der ist verloren, der sich nicht auf getisch verstaendlich machen kann, und kein Mensch versteht ein Wort lateinisch. Vor den Toren hausen raeuberische Scharen der verschiedensten Voelker und ihre Pfeile fliegen nicht selten ueber die schuetzende Stadtmauer; wer seinen Acker zu bestellen wagt, der tut es mit Lebensgefahr, und pfluegt bewaffnet - war doch um die Zeit von Caesars Diktatur bei dem Zuge des Burebista die Stadt den Barbaren in die Haende gefallen und wenige Jahre, bevor jener Verbannte nach Tomis kam, waehrend der dalmatisch-pannonischen Insurrektion ueber diese Gegend abermals die Kriegsfurie hingebraust. Zu diesen Erzaehlungen passen die Muenzen und die Inschriften derselben Stadt insofern wohl, als die Metropole des linkspontischen Staedtebundes in der vorroemischen Zeit kein Silber geschlagen hat, was manche andere dieser Staedte taten, und dass ueberhaupt Muenzen wie Inschriften aus der Zeit vor Traian nur vereinzelt begegnen. Aber im 2. und 3. Jahrhundert ist sie umgewandelt und kann ziemlich mit demselben Recht eine Gruendung Traians heissen wie das ebenfalls rasch zu bedeutender Entwicklung gelangte Markianopolis. Die frueher erwaehnte Sperrung in der Dobrudscha diente zugleich als Schutzmauer fuer die Stadt Tomis. Hinter dieser bluten daselbst Handel und Schiffahrt auf. Es gab in der Stadt eine Genossenschaft alexandrinischer Kaufleute mit ihrer eigenen Serapiskapelle ^61; in munizipaler Freigebigkeit und munizipaler Ambition steht die Stadt hinter keiner griechischen Mittelstadt zurueck; zweisprachig ist sie auch jetzt noch, aber in der Weise, dass neben der auf den Muenzen immer festgehaltenen griechischen Sprache hier an der Grenze der beiden Reichssprachengebiete auch die lateinische vielfach selbst auf oeffentlichen Denkmaelern angewendet wird.


^60 Das koinon t/e/s Pentapole/o/s findet sich auf einer Inschrift von Odessos (CIG 2056 c) die fueglich der frueheren Kaiserzeit angehoeren kann, die pontische Hexapolis auf zwei Inschriften von Tomis wahrscheinlich des 2. Jahrhunderts n. Chr. (Marquardt, Roemische Staatsverwaltung, Bd. 1, z. Aufl., S. 305; Hirschfeld in Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen 6, 1882, S. 22). Die Hexapolis muss auf jeden Fall und danach wahrscheinlich auch die Pentapolis, mit den roemischen Provinzialgrenzen in Einklang gebracht werden, das heisst die griechischen Staedte Untermoesiens in sich schliessen. Diese finden sich auch, wenn man den sichersten Fuehrern, den Muenzen der Kaiserzeit, folgt. Muenzstaetten (von Nikopolis abgesehen, Anm. 59) gibt es in Untermoesien sechs: Istros, Tomis, Kallatis, Dionysopolis, Odessos und Markianopolis, und da die letzte Stadt von Traian gegruendet ward, so erklaert sich damit zugleich die Pentapolis. Tyra und Olbia haben schwerlich dazu gehoert; wenigstens zeigen die zahlreichen und redseligen Denkmaeler der letzteren Stadt nirgends eine Anknuepfung an diesen Staedtebund. Koinon t/o/n Ell/e/n/o/n heisst derselbe auf einer Inschrift von Tomis, welche ich hier wiederhole, da sie nur in der athenischen Pandora vom 1. Juni 1868 gedruckt ist: Agath/e/ t?ch/e/. Kata ta doxanta t/e/ krat/e/st/e/ boyl/e/ kai t/o/ lamprotat/o/ d/e/m/o/ t/e/s lamprotat/e/s metropole/o/s kai a toi epon?moy Pontoy Tome/o/s ton Pontarch/e/n Preiskion Annianon arxanta toi koino? t/o/n Ell/e/n/o/n kai t/e/s metropole/o/s t/e/n a' arch/e/n agn/o/s, kai archierasamenon, t/e/n diopl/o/n kyneg/e/si/o/n endox/o/s philoteimian m/e/ dialiponta, alla kai boyleyt/e/n kai t/o/n pr/o/teyont/o/n PHlabias Neas pole/o/s, kai t/e/n archiereian s?mbion ayto? Ioylian Apolaist/e/n pas/e/s teim/e/s charein. ^61 Das zeigt die merkwuerdige Inschrift bei Allard, La Bulgarie Orientale. Paris 1863, S. 263: THe/o/ megal/o/ Sarap{idi kai} tois synnaiois theois kai t/o/ aytokratori T. Aili/o/ Adrian/o/ Ant/o/nein/o/ Sebast/o/ Eysebei kai M. Ayr/e/li/o/ Oy/e/r/o/ Kaisari Karpi/o/n Anoybi/o/nos t/o/ oik/o/ Alexandre/o/n ton b/o/mon ek t/o/n idi/o/n aneth/e/ken etoys kg' m/e/nos PHarmoythi a' epi iere/o/n Kornoytoy to? kai Sarapi/o/nos Pol?mnoy to? kai Longeinoy. Die Schiffergilde von Tomis begegnet mehrfach in den Inschriften der Stadt.


Jenseits der Reichsgrenze, zwischen der Donaumuendung und der Krim, hatte der griechische Kaufmann die Kueste wenig besiedelt; es gab hier nur zwei namhafte griechische Staedte, beide von Miletos aus in ferner Zeit gegruendet, Tyra an der Muendung des gleichnamigen Flusses, des heutigen Dnjestr, und Olbia an dem Busen, in welchen der Borysthenes (Dnjepr) und der Hypanis (Bug) fallen. Die verlorene Stellung dieser Hellenen unter den sie umdraengenden Barbaren in der Diadochenzeit sowohl wie waehrend der Vorherrschaft der roemischen Republik ist frueher geschildert worden. Die Kaiser brachten Hilfe. Im Jahre 56, also in dem musterhaften Anfang der Neronischen Regierung, ist Tyra zur Provinz Moesien gezogen worden. Von dem entfernteren Olbia besitzen wir eine Schilderung aus traianischer Zeit ^62: die Stadt blutete noch aus ihren alten Wunden; die elenden Mauern umschlossen gleich elende Haeuser und das damals bewohnte Quartier fuellte einen kleinen Teil des alten ansehnlichen Stadtringes, von dem einzelne uebriggebliebene Tuerme weit hinaus auf dem wuesten Felde standen; in den Tempeln gab es kein Goetterbild, das nicht die Spuren der Barbarenfaeuste trug; die Bewohner hatten ihr Hellenentum nicht vergessen, aber sie trugen und schlugen sich nach Art der Skythen, mit denen sie taeglich im Gefecht lagen. Ebenso oft wie mit griechischen nennen sie sich mit skythischen Namen, das heisst mit denen der den Iraniern verwandten sarmatischen Staemme ^63; ja im Koenigshause selbst ward Sauromates ein gewoehnlicher Name. Ihr Fortbestehen selbst hatten diese Staedte wohl weniger der eigenen Kraft zu danken als dem guten Willen oder vielmehr dem eigenen Interesse der Eingeborenen. Die an dieser Kueste sitzenden Voelkerschaften waren weder imstande, den auswaertigen Handel aus eigenen Emporien zu fuehren, noch mochten sie ihn entbehren; in den hellenischen Kuestenstaedten kauften sie Salz, Kleidungstuecke, Wein, und die zivilisierteren Fuersten schuetzten einigermassen die Fremden gegen die Angriffe der eigentlichen Wilden. Die frueheren Regenten Roms muessen Bedenken getragen haben, den schwierigen Schutz dieser entlegenen Niederlassung zu uebernehmen; dennoch sandte Pius, als die Skythen sie wieder einmal belagerten, ihnen roemische Hilfstruppen und zwang die Barbaren, Frieden zu bieten und Geiseln zu stellen. Durch Severus, von dem an Olbia Muenzen mit dem Bildnis der roemischen Herrscher schlug, muss die Stadt dem Reiche geradezu einverleibt worden sein. Selbstverstaendlich erstreckte sich diese Annektierung nur auf die Stadtgebiete selbst und ist nie daran gedacht worden, die barbarischen Umwohner Tyras und Olbias unter das roemische Szepter zu bringen. Es ist schon bemerkt worden, dass diese Staedte die ersten waren, welche, vermutlich unter Alexander ( + 235), dem beginnenden Gotensturm erlagen.


^62 Das stets bekriegte und oft zerstoerte Olbia erlitt nach der Angabe Dios (Borysth. p. 75 R.) etwa 150 Jahre vor seiner Zeit das heisst etwa vor dem Jahre 100 n. Chr., also wahrscheinlich bei dem Zug des Burebista, die letzte und schwerste Eroberung (t/e/n teleytaian kai megist/e/n al/o/sin). Eilon de, faehrt Dion fort, kai ta?t/e/n Getai kai tas allas tas en tois aristerois to? Pontoy poleis mechri Apoll/o/nias (Sozopolis oder Sizebolu, die letzte namhafte Griechenstadt an der pontischen Westkueste) othen d/e/ kai sphodra tapeina ta pragmata katest/e/ t/o/n ta?t/e/ Ell/e/n/o/n, t/o/n men oyketi syoikistheis/o/n pole/o/n, t/o/n de pha?l/o/s kai t/o/n pleist/o/n barbar/o/n eis aytas syrryent/o/n. Der junge vornehme Stadtbuerger ausgepraegter ionischer Physiognomie, dem Dion dann begegnet, welcher zahlreiche Sarmaten erschlagen oder gefangen hat, und zwar den Phokylides nicht kennt, aber den Homer auswendig weiss, traegt Mantel und Hosen nach Skythenart und das Messer im Gurt. Die Stadtbuerger alle tragen langes Haar und langen Bart und nur einer beides geschoren, was ihm als Zeichen serviler Haltung gegen die Roemer verdacht wird. Also ein Jahrhundert spaeter sah es dort ganz so aus, wie Ovidius Tomis schildert. ^63 Ganz gewoehnlich heisst der Vater skythisch, der Sohn griechisch, oder auch umgekehrt; zum Beispiel verzeichnet eine unter oder nach Traian gesetzte Inschrift von Olbia (CIG 2074) sechs Strategen: M. Ulpius Pyrrhus Sohn des Arseuaches, Demetrios Sohn des Xessagaros, Zoilos Sohn des Arsakes, Badakes Sohn des Radanpson, Epikrates Sohn des Koxuros, Ariston Sohn des Vargadakes.


Wenn auf dem Kontinent im Norden des Pontus die Griechen sich nur spaerlich angesiedelt hatten, so war die grosse, aus dieser Kueste vorspringende Halbinsel, der Taurische Chersonesos, die heutige Krim, seit langem zum grossen Teil in ihren Haenden. Getrennt durch die Gebirge, welche die Taurier innehatten, waren die beiden Mittelpunkte der griechischen Niederlassung auf ihr am westlichen Ende die dorische freie Stadt Herakleia oder Chersonesos (Sevastopol), am oestlichen das Fuerstenrum von Pantikapaeon oder Bosporus (Kertsch). Koenig Mithradates hatte auf der Hoehe seiner Macht beide vereinigt und hier sich ein zweites Nordreich gegruendet, das dann nach dem Zusammenbruch seiner Herrschaft als einziger Ueberrest derselben seinem Sohn und Moerder Pharnakes verblieb. Als dieser waehrend des Krieges zwischen Caesar und Pompeius versuchte, die vaeterliche Herrschaft in Kleinasien wieder zu gewinnen, hatte Caesar ihn besiegt und ihn auch des Bosporanischen Reiches verlustig erklaert. In diesem hatte inzwischen der von Pharnakes daselbst zurueckgelassene Statthalter Asandros dem Koenig den Gehorsam aufgekuendigt, in der Hoffnung, durch diesen Caesar erwiesenen Dienst selbst das Koenigtum zu erlangen. Als Pharnakes nach der Niederlage in sein Bosporanisches Reich zurueckkam, bemaechtigte er zwar zunaechst sich wieder seiner Hauptstadt, unterlag aber schliesslich und fiel tapfer fechtend in der letzten Schlacht, als Soldat wenigstens seinem Vater nicht ungleich. Um die Nachfolge stritten Asandros, der tatsaechlich Herr des Landes war, und Mithradates von Pergamon, ein tuechtiger Offizier Caesars, den dieser mit dem bosporanischen Fuerstenrum belehnt hatte; beide suchten zugleich Anlehnung an die bisher im Bosporus herrschende Dynastie und den grossen Mithradates, indem Asandros sich mit der Tochter des Pharnakes, Dynamis, vermaehlte, Mithradates, einem pergamenischen Buergerhaus entsprossen, ein Bastardsohn des grossen Mithradates Eupator zu sein behauptete, sei es nun, dass dieses Gerede die Auswahl bestimmte, sei es, dass es zur Rechtfertigung der Auswahl in Umlauf gesetzt ward. Da Caesar selbst zunaechst durch wichtigere Aufgaben in Anspruch genommen war, so entschieden zwischen dem legitimen und dem illegitimen Caesarianer die Waffen, und zwar wieder zu Gunsten des letzteren; Mithradates fiel im Gefecht und Asandros blieb Herr im Bosporus. Er vermied es anfaenglich, ohne Zweifel, weil ihm die Bestaetigung des Lehnsherrn fehlte, sich den Koenigsnamen beizulegen, und begnuegte sich mit dem auch von den aelteren Fuersten von Pantikapaeon gefuehrten Archontentitel; aber bald, wahrscheinlich noch von Caesar selbst, erwirkte er die Bestaetigung seiner Herrschaft und den koeniglichen Titel ^64. Bei seinem Tode (737/38 17/16) hinterliess er sein Reich der Gemahlin Dynamis. So stark war immer noch die Macht der Erbfolge und des Mithradatischen Namens, dass sowohl ein gewisser Scribonianus, der zunaechst Asandros' Stelle einzunehmen versuchte, wie nach ihm der Koenig Polemon von Pontus, dem Augustus das Bosporanische Reich zusprach, mit der Uebernahme der Herrschaft ein Ehebuendnis mit der Dynamis verbanden; ueberdies behauptete jener, selber ein Enkel des Mithradates zu sein, waehrend Koenig Polemon bald nach dem Tode der Dynamis eine Enkelin des Antonius und somit eine Verwandte des Kaiserhauses heiratete. Nach seinem fruehen Tode - er fiel im Kampfe gegen die Aspurgianer an der asiatischen Kueste - folgten seine unmuendigen Kinder ihm nicht und auch seinem gleichnamigen Enkel, den Kaiser Gaius trotz seines Knabenalters im Jahre 38 in die beiden Fuerstenroemer seines Vaters wieder einsetzte, blieb das bosporanische nicht lange. An seiner Stelle berief Kaiser Claudius einen wirklichen oder angeblichen Nachkommen des Mithradates Eupator, und diesem Hause ist, wie es scheint, das Fuerstenrum von da an verblieben ^65.


^64 Da Asandros sein Archontat wahrscheinlich schon von seinem Abfall von Pharnakes, also vom Sommer des Jahres 707 (47) gezaehlt hat und bereits im vierten Jahre seiner Regierung den Koenigstitel annimmt, so kann dieses Jahr fueglich auf Herbst 709/710 (45/44) gesetzt werden, die Bestaetigung also von Caesar erfolgt sein. Antonius kann sie nicht wohl erteilt haben, da er erst Ende 712 (42) nach Asien kam; noch weniger ist an Augustus zu denken, den Pseudo- Lukianos (macrob. 15) nennt, Vater und Sohn verwechselnd. ^65 Mithradates den Claudius im Jahre 41 zum Koenig des Bosporus machte, fuehrte sein Geschlecht auf Eupator zurueck (Dio 60, 8; Tac. ann. 12, 18) und ihm folgte sein Bruder Kotys (Tac. a. a. O.). Ihr Vater heisst Aspurgos (CIG II, p. 95), braucht aber darum kein Aspurgianer (Strab. 11, 2, 19, p. 415) gewesen zu sein. Von einem spaeteren Dynastiewechsel wird nicht berichtet; Koenig Eupator in Pius Zeit (Lukian. Alex. 57; vita Pii 9) weist auf das gleiche Haus. Wahrscheinlich haben uebrigens diese spaeteren bosporanischen Koenige so wie die uns nicht einmal dem Namen nach bekannten naechsten Nachfolger Polemons auch zu den Polemoniden in verwandtschaftlichen Beziehungen gestanden, wie denn der erste Polemon selbst eine Enkelin des Eupator zur Frau gehabt hatte. Die thrakischen Koenigsnamen, wie Kotys und Rhaskuporis, die in dem bosporanischen Koenigshaus gewoehnlich sind, knuepfen wohl an den Schwiegersohn des Polemon, den thrakischen Koenig Kotys, an. Die Benennung Sauromates, welche seit dem Ende des 1. Jahrhunderts haeufig auftritt, ist ohne Zweifel durch Verschwaegerung mit sarmatischen Fuerstenhaeusern aufgekommen, beweist aber natuerlich nicht, dass ihre Traeger selber Sarmaten waren. Wenn Zosimos (hist. 1, 31) den nach Erloeschendes alten Koenigsgeschlechts zur Regierung gelangten geringen und unwuerdigen Fuersten die Schuld daran zuschreibt, dass die Goten unter Valerian auf bosporanischen Schiffen ihre Piratenzuege ausfuehren konnten, so mag das seine Richtigkeit haben und zunaechst Phareanses gemeint sein, von dem es Muenzen aus den Jahren 254 und 255 gibt. Aber auch diese sind mit dem Bildnis des roemischen Kaisers bezeichnet, und spaeter finden sich wieder die alten Geschlechtsnamen (alle bosporanischen Koenige sind Tiberii Iulii) und die alten Beinamen wie Sauromates und Rhaskuporis. Im ganzen genommen sind die alten Traditionen wie die roemische Schutzherrschaft auch damals hier noch festgehalten worden.


Waehrend im roemischen Staat sonst das Klientelfuerstentum nach dem Ausgang der ersten Dynastie schwindet und seit Traianus das Prinzip des unmittelbaren Regiments im ganzen Umfang des Roemischen Reiches durchgefuehrt ist, bestand das bosporanische Koenigtum unter roemischer Oberherrschaft bis in das vierte Jahrhundert hinein. Erst nachdem der Schwerpunkt des Reiches nach Konstantinopel verlegt war, ging dieser Staat in das Hauptreich auf ^66, um dann bald von diesem aufgegeben und, wenigstens zum groesseren Teil, die Beute der Hunnen zu werden ^67. Indes ist der Bosporus der Sache nach mehr eine Stadt als ein Koenigreich gewesen und geblieben und hat mehr Aehnlichkeit mit den Stadtbezirken von Tyra und Olbia als mit den Koenigreichen Kappadokien und Numidien. Auch hier haben die Roemer nur die hellenische Stadt Pantikapaeon geschuetzt und Grenzerweiterung und Unterwerfung des Binnenlandes so wenig erstrebt wie in Tyra und Olbia. Zu dem Gebiet des Fuersten von Pantikapaeon gehoerten zwar die griechischen Ansiedlungen von Theudosia auf der Halbinsel selbst und Phanagoria (Taman) auf der gegenueberliegenden asiatischen Kueste, aber Chersonesos nicht ^68 oder nur etwa wie Athen zum Sprengel des Statthalters von Achaia. Die Stadt hatte von den Roemern die Autonomie erhalten und sah in dem Fuersten den naechsten Beschuetzer, nicht den Landesherrn; sie hat auch in der Kaiserzeit als freie Stadt niemals weder mit Koenigs- noch mit Kaiserstempeln gepraegt. Auf dem Kontinent stand nicht einmal die Stadt, welche die Griechen Tanais nennen, ein lebhaftes Emporium an der Muendung des Don, aber schwerlich eine griechische Gruendung, dauernd unter der Botmaessigkeit der roemischen Lehnsfuersten ^69. Von den mehr oder minder barbarischen Staemmen auf der Halbinsel selbst und an der europaeischen und asiatischen Kueste suedlich vom Tanais befanden sich wohl nur die naechsten in festem Abhaengigkeitsverhaeltnis ^70.


^66 Die letzte bosporanische Muenze ist vom Jahre 631 der Archaemenidenaera, 335 n. Chr.; sicher haengt dies zusammen mit der eben in dieses Jahr fallenden Einsetzung des Neffen Konstantins L, Hanniballianus, zum "Koenig", obwohl dies Koenigtum hauptsaechlich das oestliche Kleinasien umfasste und zur Residenz Caesa rea in Kappadokien hatte. Nachdem in der blutigen Katastrophe nach Konstantins Tode dieser Koenig und sein Koenigtum zugrunde gegangen war, steht der Bosporus unmittelbar unter Konstantinopel. ^67 Noch im Jahre 366 war der Bosporus in roemischem Besitz (Amm. 26, 10, 6); bald nachher muessen die Griechen am Nordufer des Schwarzen Meeres sich selbst ueberlassen worden sein, bis dann Justinian die Halbinsel wieder besetzte (Prok. Goth. 4, 5). In der Zwischenzeit ging Pantikapaeon in den Hunnenstuermen zugrunde. ^68 Die Muenzen der Stadt Chersonesos aus der Kaiserzeit haben die Aufschrift CHerson/e/soy eleytheras, einmal sogar basileyo?s/e/s, und weder Koenigs- noch Kaisernamen oder Kopf (A. v. Sauet in Zeitschrift fuer Numismatik 1, 1874, S. 27; 4, 1877, S. 273). Die Unabhaengigkeit der Stadt dokumentiert sich auch darin, dass sie nicht minder als die Koenige des Bosporus in Gold muenzt. Da die Aera der Stadt richtig auf das Jahr 36 v. Chr. bestimmt scheint (CIG 8621), in welchem ihr, vermutlich von Antonius, die Freiheit verliehen ward, so ist die vom Jahre 109 datierte Goldmuenze der "regierenden Stadt" im Jahre 75 n. Chr. geschlagen. ^69 Nach Strabons Darstellung (11, 2, 11, p. 495) stehen die Herren von Tanais selbstaendig neben denen von Pantikapaeon und haengen die Staemme suedlich vom Don bald von diesen, bald von jenen ab; wenn er hinzufuegt, dass manche der pantikapaeischen Fuersten bis zum Tanais geboten, und namentlich die letzten, Pharnakes, Asandros, Polemon, so scheint dies mehr Ausnahme als Regel. In der Anm. 70 angefuehrten Inschrift stehen die Tanaiten unter den untertaenigen Staemmen und eine Reihe von tanaitischen Inschriften bestaetigen dies fuer die Zeit von Marcus bis Gordian; aber die Ell/e/nes kai Tanaeitai neben den archantes Tanaeit/o/n und den oefter genannten Ell/e/narchai bestaetigen, dass die Stadt auch damals eine nicht griechische blieb. ^70 In der einzigen lebendigen Erzaehlung aus der bosporanischen Geschichte, die wir besitzen, der des Tacitus (arm. 12, 15-21) von den beiden rivalisierenden Bruedern Mithradates und Kotys, stehen die benachbarten Staemme, die Dandariden Shaker, Aorser unter eigenen, von dem roemischen Fuersten von Pantikapaeon nicht rechtlich abhaengigen Herren. In der Titulatur pflegen die aelteren pantikapaeischen Fuersten sich Archonten des Bosporus, das heisst von Pantikapaeon, und von Theudosia und Koenige der Sinder und saemtlicher Maiter und anderer nicht griechischer Voelkerschaften zu nennen. Ebenso nennt die meines Wissens unter den Koenigsinschriften der roemischen Epoche aelteste den Aspurgos, Sohn des Asandrochos (Stephani, Comptes rendus de la commission pour 1866, S. 128) basile?onta pantos Bosporoy. THeodosi/e/s kai Sind/o/n kai Mait/o/n kai Toret/o/n PS/e/s/o/n te kai Tanaeit/o/n. TH/e/ostasanta Sk?thas kai Tayro?s. Auf den Umfang des Gebietes wird aus der vereinfachten Titulatur kein Schluss gezogen werden duerfen. In den Inschriften der spaeteren Zeit findet sich einmal unter Traian die wohl adulatorische Titulatur basile?s basile/o/n megas to? pantos Bosporoy(CIG 2123). Die Muenzen kennen ueberhaupt von Asandros an keinen Titel als basile?s, waehrend doch Pharnakes sich basile?s basile/o/n megas nennt. Ohne Zweifel ist dies Einwirkung der roemischen Suzeraenitaet, mit der sich ein ueber andere Fuersten gesetzter Lehnsfuerst nicht recht vertrug.


Das Gebiet von Pantikapaeon war zu ausgedehnt und besonders fuer den kaufmaennischen Verkehr zu wichtig, um, wie Olbia und Tyra, der Verwaltung wechselnder Gemeindebeamten und eines weit entfernten Statthalters ueberlassen zu werden; deshalb wurde es erblichen Fuersten anvertraut, was weiter sich dadurch empfahl, dass es nicht geraten scheinen mochte, die mit dieser Landschaft verknuepften Verhaeltnisse zu den Umwohnern unmittelbar auf das Reich zu uebertragen. Als Griechenfuersten haben die des bosporanischen Hauses, trotz ihres achaemenidischen Stammbaumes und ihrer achaemenidischen Jahreszaehlung, sich durchaus empfunden und ihren Ursprung, nach gut hellenischer Art, auf Herakles und die Eumolpiden zurueckgefuehrt. Die Abhaengigkeit dieser Griechen von Rom, der koeniglichen in Pantikapaeon wie der republikanischen in Chersonesos, war durch die Natur der Dinge gegeben, und nie haben sie daran gedacht, gegen den schuetzenden Arm des Reiches sich aufzulehnen; wenn einmal unter Kaiser Claudius die roemischen Truppen gegen einen unbotmaessigen Fuersten des Bosporus marschieren mussten ^71, so hat dagegen diese Landschaft selbst in der entsetzlichen Verwirrung in der Mitte des 3. Jahrhunderts, welche vorzugsweise sie traf, von dem Reich, auch von dem zerfallenden, niemals gelassen ^72. Die wohlhabenden Kaufstaedte, inmitten eines barbarischen Voelkergewoges militaerischen Schutzes dauernd beduerftig, hielten an Rom wie die Vorposten an dem Hauptheer. Die Besatzung ist wohl hauptsaechlich in dem Lande selbst aufgestellt worden, und sie zu schaffen und zu fuehren, war ohne Zweifel die Hauptaufgabe des Koenigs des Bosporus. Die Muenzen, welche wegen der Investitur eines solchen geschlagen wurden, zeigen wohl den kurulischen Sessel und die sonstigen bei solcher Belehnung ueblichen Ehrengeschenke, aber daneben auch Schild, Helm, Degen, Streitaxt und das Schlachtross; es war kein Friedensamt, das dieser Fuerst ueberkam. Auch blieb der erste derselben, den Augustus bestellte, im Kampf mit den Barbaren, und von seinen Nachfolgern stritt zum Beispiel Koenig Sauromates, des Rhoemetalkes Sohn, in den ersten Jahren des Severus mit den Sirakern und den Skythen - vielleicht nicht ganz ohne Grund hat er seine Muenzen mit den Taten des Herakles bezeichnet. Auch zur See hatte er taetig zu sein, vor allem das auf dem Schwarzen Meer nie aufhoerende Piratenwesen niederzuhalten: jenem Sauromates wird gleichfalls nachgeruehmt, dass er die Taurier zur Ordnung gebracht und die Piraterie gebaendigt habe. Indes lagen auf der Halbinsel auch roemische Truppen, vielleicht eine Abteilung der pontischen Flotte, sicher ein Detachement der moesischen Armee; bei geringer Zahl zeigte doch ihre Anwesenheit den Barbaren, dass der gefuerchtete Legionaer auch hinter diesen Griechen stand. Noch in anderer Weise schuetzte sie das Reich; wenigstens in spaeterer Zeit sind den Fuersten des Bosporus regelmaessig Geldsummen aus der Reichskasse gezahlt worden, deren sie auch insofern bedurften, als das Abkaufen der feindlichen Einfaelle durch stehende Jahrgelder hier, in dem nicht unmittelbaren Reichslande, wahrscheinlich noch frueher stehend geworden ist als anderswo ^73.


^71 Es war dies der im Jahre 41 von Claudius eingesetzte Koenig Mithradates, welcher einige Jahre spaeter abgesetzt und durch seinen Bruder Kotys ersetzt ward; er lebte nachher in Rom und kam in den Wirren des Vierkaiserjahres um (Plut. Galba 13 u. 15). Indes wird weder aus den Andeutungen bei Tacitus (ann. 12, 15; vgl. Plin. nat. 6, 5, 17) noch aus dem (durch Verwechslung der beiden Mithradates von Bosporus und von Iberien verwirrten) Bericht bei Petrus Patricius (fr. 3) der Sachverhalt deutlich. Die chersonesitischen Maerchen bei dem spaeten Constantinus Porphyrogenitus (de adm. imp. c. 53) kommen natuerlich nicht in Betracht. Der boese bosporanische Koenig Sauromates Kriskonoroy (nicht R/e/skoporoy) yios der mit den Sarmaten gegen Kaiser Diocletianus und Constantius sowie gegen das reichstreue Cherson Krieg fuehrt, ist offenbar hervorgegangen aus einer Verwirrung des bosporanischen Koenigs- und des Volksnamens und geradeso historisch wie die Variation auf die Geschichte von David und Goliath, die Erlegung des gewaltigen Koenigs der Bosporaner Sauromates durch den kleinen Chersonesiten Pharnakos. Die Koenigsnamen allein, zum Beispiel ausser den genannten der nach dem Erloeschen des Geschlechts der Sauromaten eintretende Asandros, genuegen. Die staedtischen Privilegien und die Oertlichkeiten der Stadt, zu deren Erklaerung diese Mirabilien erfunden sind, verdienen allerdings Beachtung. ^72 Es gibt keine bosporanischen Gold- oder Pseudogoldmuenzen ohne den roemischen Kaiserkopf, und es ist dies immer der des vom roemischen Senat anerkannten Herrschers. Dass in den Jahren 263 und 265, wo im Reiche sonst nach Valerians Gefangennehmung Gallienus offiziell als Alleinherrscher galt, hier zwei Koepfe auf den Muenzen erscheinen, ist vielleicht nur Unkunde; doch mag der Bosporus damals unter den vielen Praetendenten eine andere Wahl getroffen haben. Die Namen werden in dieser Zeit nicht beigesetzt und die Bildnisse sind nicht sicher zu unterscheiden. ^73 Dies wird man dem Skythen Toxaris in dem unter den lukianischen stehenden Dialog (c. 44) glauben duerfen; im uebrigen erzaehlt er nicht bloss m?thois omoia, sondern eben einen Mythos, dessen Koenige Leukanor und Eubiotos die Muenzen begreiflicherweise nicht kennen.


Dass die Zentralisierung des Regiments auch diesem Fuersten gegenueber zur Anwendung kam und er nicht viel anders zu dem roemischen Caesar stand wie der Buergermeister von Athen, tritt vielfach hervor; Erwaehnung verdient, dass Koenig Asandros und die Koenigin Dynamis Goldmuenzen mit ihrem Namen und ihrem Bildnis schlugen, dagegen dem Koenig Polemon und seinen naechsten Nachfolgern wohl die Goldpraegung blieb, da dieses Gebiet sowie die anwohnenden Barbaren seit langem ausschliesslich an Goldcourant gewoehnt waren, aber sie veranlasst wurden, ihre Goldstuecke mit dem Namen und dem Bilde des regierenden Kaisers zu versehen. Ebenfalls seit Polemon ist der Fuerst dieses Landes zugleich der Oberpriester auf Lebenszeit des Kaisers und des kaiserlichen Hauses. Im uebrigen behielten die Verwaltung und das Hofwesen die unter Mithradates eingefuehrten Formen nach dem Muster des persischen Grosskoenigtums, obwohl der Geheimschreiber (archigrammate?s) und der Oberkammerdiener (archikoit/o/neit/e/s) des Hofes von Pantikapaeon zu den vornehmen Hofbeamten der Grosskoenige sich verhielten wie der Roemerfeind Mithradates Eupator zu seinem Nachkommen Tiberius Iulius Eupator, der wegen seines Anrechts an die bosporanische Krone in Rom vor Kaiser Pius Recht nahm. Wertvoll blieb dieses nordische Griechenland fuer das Reich wegen der Handelsbeziehungen. Wenn auch dieselben in dieser Epoche wohl weniger bedeuteten als in aelterer Zeit ^74, so ist doch der Kaufmannsverkehr sehr rege geblieben. In der augustischen Zeit brachten die Staemme der Steppe Sklaven ^75 und Felle, die Kaufleute der Zivilisation Bekleidungsstuecke, Wein und andere Luxusartikel nach Tanais; in noch hoeherem Masse war Phanagoria die Niederlage fuer den Export der Einheimischen, Pantikapaeon fuer den Import der Griechen. Jene Wirren im Bosporus in der claudischen Zeit waren fuer die Kaufleute von Byzanz ein schwerer Schlag. Dass die Goten ihre Piratenfahrten im dritten Jahrhundert damit begannen, die bosporanischen Reeder zu unfreiwilliger Hilfeleistung zu pressen, wurde schon erwaehnt. Wohl infolge dieses, den barbarischen Nachbarn selbst unentbehrlichen Verkehrs haben die Buerger von Chersonesos noch nach dem Wegziehen der roemischen Besatzungen sich behauptet und konnten spaeterhin, als in justinianischer Zeit die Macht des Reiches sich auch nach dieser Richtung hin noch einmal geltend machte, als Griechen in das griechische Reich zuruecktreten.


^74 In Betreff der Getreideausfuhr verdient die Notiz in dem Bericht des Plautius Beachtung. ^75 Auch aus dem Erbieten, einer von den roemischen Truppen bedraengten Ortschaft der Siraker (am Asowschen Meer) 10000 Sklaven zu liefern (Tac. ann. 12, 17), wird auf einen lebhaften Sklavenimport aus diesen Gegenden geschlossen werden duerfen.


8. Kapitel Kleinasien Die grosse Halbinsel, welche die drei Meere, das Schwarze, das Aegaeische und Mittellaendische, an drei Seiten bespuelen, und die gegen Osten mit dem eigentlichen asiatischen Kontinent zusammenhaengt, wird, insoweit sie zum Grenzgebiet des Reiches gehoert, in dem naechsten, das Euphratgebiet und die roemisch-parthischen Beziehungen behandelnden Abschnitt betrachtet werden. Hier sollen die Friedensverhaeltnisse namentlich der westlichen Landschaften unter dem Kaiserregiment dargelegt werden. Die urspruengliche oder doch vorgriechische Bevoelkerung dieser weiten Strecke hat sich vielerorts in bedeutendem Umfang bis in die Kaiserzeit hinein behauptet. Dem frueher eroerterten thrakischen Stamme hat sicher der groesste Teil von Bithynien gehoert; Phrygien, Lydien, Kilikien, Kappadokien zeigen sehr mannigfaltige und schwer zu loesende Ueberreste aelterer Sprachepochen, die vielfach in die roemische Zeit hinabreichen; fremdartige Goetter-, Menschen- und Ortsnamen begegnen ueberall. Aber so weit unser Blick reicht, dem freilich das tiefere Eindringen hier selten gewaehrt ist, erscheinen diese Elemente nur weichend und schwindend, wesentlich als Negation der Zivilisation oder, was hier damit uns wenigstens zusammenzufallen duenkt, der Hellenisierung. Es wird am geeigneten Platz auf einzelne Gruppen dieser Kategorie zurueckzukommen sein; fuer die geschichtliche Entwicklung Kleinasiens in der Kaiserzeit gibt es daselbst nur zwei aktive Nationalitaeten, die beiden zuletzt eingewanderten, in den Anfaengen der geschichtlichen Zeit die Hellenen und waehrend der Wirren der Diadochenzeit die Kelten. Die Geschichte der kleinasiatischen Hellenen, soweit sie ein Teil der roemischen ist, ist frueher dargelegt worden. In der fernen Zeit, wo die Kuesten des Mittelmeers zuerst befahren und besiedelt wurden und die Welt anfing unter die vorgeschrittenen Nationen auf Kosten der zurueckgebliebenen aufgeteilt zu werden, hatte die Hochflut der hellenischen Auswanderung sich zwar ueber alle Ufer des Mittellaendischen Meeres, aber doch nirgend hin, selbst nicht nach Italien und Sizilien in so breitem Strom ergossen wie ueber das Inselreiche Aegaeische Meer und die nahe, hafenreiche, liebliche Kueste Vorderasiens. Die vorderasiatischen Griechen hatten dann selbst vor allen uebrigen sich taetig an der weiteren Welteroberung beteiligt, von Miletos aus die Kuesten des Schwarzen Meeres, von Phokaea und Knidos aus die der Westsee besiedeln helfen. In Asien ergriff die hellenische Zivilisation wohl die Bewohner des Binnenlandes, die Myser, Lydier, Karer, Lykier, und selbst die persische Grossmacht blieb von ihr nicht unberuehrt. Aber die Hellenen selber besassen nichts als den Kuestensaum, hoechstens mit Einschluss des unteren Laufs der groesseren Fluesse, und die Inseln. Kontinentale Eroberung und eigene Landmacht vermochten sie hier gegenueber den maechtigen einheimischen Fuersten nicht zu gewinnen; auch lud das hochgelegene und grossenteils wenig kulturfaehige Binnenland Kleinasiens nicht so wie die Kuesten zur Ansiedelung ein, und die Verbindungen dieser mit dem Innern sind schwierig. Wesentlich in Folge dessen brachten es die asiatischen Hellenen noch weniger als die europaeischen zur inneren Einigung und zur eigenen Grossmacht und lernten frueh die Fuegsamkeit gegenueber den Herren des Kontinents. Der national hellenische Gedanke kam ihnen erst von Athen; sie wurden dessen Bundesgenossen nur nach dem Siege und blieben es nicht in der Stunde der Gefahr. Was Athen diesen Schutzbefohlenen der Nation hatte leisten wollen und nicht hatte leisten koennen, das vollbrachte Alexander; Hellas musste er besiegen, Kleinasien sah in dem Eroberer nur den Befreier. Alexanders Sieg sicherte in der Tat nicht bloss das asiatische Hellenentum, sondern oeffnete ihm eine weite, fast ungemessene Zukunft; die Besiedelung des Kontinents, welche im Gegensatz der bloss litoralen dieses zweite Stadium der hellenischen Welteroberung bezeichnet, ergriff auch Kleinasien in bedeutendem Umfang. Doch von den Knotenpunkten der neuen Staatenbildung kam keiner nach den alten Griechenstaedten der Kueste ^1. Die neue Zeit forderte wie ueberhaupt neue Gestaltung, so vor allem auch neue Staedte, zugleich griechische Koenigsresidenzen und Mittelpunkte bisher ungriechischer und dem Griechentum zuzufuehrender Bevoelkerungen. Die grosse staatliche Entwicklung bewegt sich um die Staedte koeniglicher Gruendung und koeniglichen Namens, Thessalonike, Antiocheia, Alexandreia. Mit ihren Herren hatten die Roemer zu ringen; den Besitz Kleinasiens gewannen sie fast durchaus, wie man von Verwandten oder Freunden ein Landgut erwirbt, durch Vermaechtnis im Testament; und wie schwer auf den also gewonnenen Landschaften zeitweise das roemische Regiment gelastet hat, der Stachel der Fremdherrschaft trat hier nicht hinzu. Eine nationale Opposition hat wohl der Achaemenide Mithradates den Roemern in Kleinasien entgegengestellt und das roemische Missregiment die Hellenen in seine Arme getrieben; aber diese selbst haben nie etwas Aehnliches unternommen. Darum ist von diesem grossen, reichen, wichtigen Besitz in politischer Hinsicht wenig zu berichten; um so weniger, als in betreff der nationalen Beziehungen der Hellenen ueberhaupt zu den Roemern das in dem vorhergehenden Abschnitt Bemerkte wesentlich auch fuer die kleinasiatischen Geltung hat.


^1 Haette der Staat des Lysimachos Bestand gehabt, so waere es wohl anders gekommen. Seine Gruendungen Alexandreia in der Troas und Lysimacheia, Ephesos- Arsinoe, verstaerkt durch die Uebersiedelung der Bewohner von Kolophon und Lebedos, liegen in der bezeichneten Richtung.


Die roemische Verwaltung Kleinasiens wurde nie in systematischer Weise geordnet, sondern die einzelnen Gebiete so, wie sie zum Reich kamen, ohne wesentliche Veraenderung der Grenzen als roemische Verwaltungsbezirke eingerichtet. Die Staaten, welche Koenig Attalos III. von Pergamon den Roemern vermacht hatte, bilden die Provinz Asia; die ebenfalls durch Erbgang ihnen zugefallenen des Koenigs Nikomedes die Provinz Bithynien; das dem Mithradates Eupator abgenommene Gebiet die mit Bithynien vereinigte Provinz Pontus. Kreta wurde bei Gelegenheit des grossen Piratenkrieges von den Roemern besetzt; Kyrene, das gleich hier mit erwaehnt werden mag, nach dem letzten Willen seines Herrschers von ihnen uebernommen. Derselbe Rechtstitel gab der Republik die Insel Kypros; hinzu kam hier die notwendige Unterdrueckung der Piraterie. Diese hatte auch zu der Bildung der Statthalterschaft Kilikien den Grund gelegt; vollstaendig kam das Land an Rom durch Pompeius mit Syrien zugleich, und beide sind waehrend des ersten Jahrhunderts gemeinschaftlich verwaltet worden. All dieser Laenderbesitz war bereits von der Republik erworben. In der Kaiserzeit traten eine Anzahl Gebiete hinzu, welche frueher nur mittelbar zum Reich gehoert hatten: im Jahre 729 (25) das Koenigreich Galatien, mit welchem ein Teil Phrygiens, Lykaonien, Pisidien, Pamphylien vereinigt worden war; im Jahre 747 (7) die Herrschaft des Koenigs Deiotarus, Kastors Sohn, welche Gangra in Paphlagonien und wahrscheinlich auch Amaseia und andere benachbarte Orte umfasste; im Jahre 17 n. Chr. das Koenigreich Kappadokien; im Jahre 43 das Gebiet der Konfoederation der lykischen Staedte; im Jahre 63 das nordoestliche Kleinasien vom Tal des Iris bis zur armenischen Grenze; Klein-Armenien und einige kleinere Fuerstentuemer in Kilikien wahrscheinlich durch Vespasian. Damit war die unmittelbare Reichsverwaltung in ganz Kleinasien durchgefuehrt. Lehnsfuerstentuemer blieben nur der taurische Bosporus, von. dem schon die Rede war, und Gross-Armenien, von dem der naechste Abschnitt handeln wird. Als bei dem Eintreten des Kaiserregiments die administrative Scheidung zwischen ihm und dem des Reichsrats getroffen ward, kam das gesamte kleinasiatische Gebiet, so weit es damals unmittelbar unter dem Reiche stand, an den letzteren; die Insel Kypros, die anfangs unter kaiserliche Verwaltung gelangt war, ging ebenfalls wenige Jahre spaeter an den Senat ueber. So entstanden hier die vier senatorischen Statthalterschaften Asia, Bithynia und Pontus, Kypros, Kreta und Kyrene. Unter kaiserlicher Verwaltung stand anfangs nur Kilikien als Teil der syrischen Provinz. Aber die spaeter in unmittelbare Reichsverwaltung gelangten Gebiete wurden hier wie im ganzen Reich unter kaiserliche Statthalter gelegt; so ward noch unter Augustus aus den binnenlaendischen Landschaften des Galatischen Reiches die Provinz Galatien gebildet und die Kuestenlandschaft Pamphylien einem anderen Statthalter ueberwiesen, welchem letzteren unter Claudius weiter Lykien unterstellt ward. Ferner ward Kappadokien kaiserliche Statthalterschaft unter Tiberius. Auch blieb natuerlich Kilikien, als es eigene Statthalter erhielt, unter kaiserlicher Verwaltung. Abgesehen davon, dass Hadrian die wichtige Provinz Bithynien und Pontus gegen die unbedeutende lykisch-pamphylische eintauschte, blieb diese Ordnung in Kraft, bis gegen das Ende des 3. Jahrhunderts die senatorische Mitverwaltung ueberhaupt bis auf geringe Ueberreste beseitigt ward. Die Grenze ward in der ersten Kaiserzeit durchaus durch die Lehnsfuerstentuemer gebildet; nach deren Einziehung beruehrte die Reichsgrenze, von Kyrene abgesehen, unter allen diesen Verwaltungsbezirken nur der kappadokische, insofern diesem damals auch die nordoestliche Grenzlandschaft bis hinauf nach Trapezunt zugeteilt war ^2; und auch diese Statthalterschaft grenzte nicht mit dem eigentlichen Ausland, sondern im Norden mit den abhaengigen Voelkerschaften am Phasis, weiterhin mit dem von Rechts wegen und einigermassen auch tatsaechlich zum Reiche gehoerigen Lehnskoenigtum Armenien.


^2 Nirgends haben die Grenzen der Lehnstaaten und selbst der Provinzen mehr gewechselt als im nordoestlichen Kleinasien. Die unmittelbare Reichsverwaltung trat hier fuer die Landschaften des Koenigs Polemon, wozu Zela, Neocaesarea, Trapezus gehoerten, im Jahre 63 ein, fuer Klein-Armenien, wir wissen nicht genau wann, wahrscheinlich im Anfang der Regierung Vespasians. Der letzte Lehnskoenig von Klein-Armenien, dessen gedacht wird, ist der Herodeer Aristobulos (Tac. ann. 13, 7; 14, 26; Ios. ant. Iud. 20, 8, 4), der es noch im Jahre 60 besass; im Jahre 75 war die Landschaft roemisch (CIL III, 306), und wahrscheinlich hat die eine der seit Vespasian in Kappadokien garnisonierenden Legionen von Anfang an in dem klein-armenischen Satala gestanden. Vespasian hat die genannten Landschaften so wie Galatien und Kappadokien zu einer grossen Statthalterschaft vereinigt. Am Ende der Domitianischen Regierung finden wir Galatien und Kappadokien getrennt und die nordoestlichen Provinzen zu Galatien gelegt. Unter Traian ist zuerst wiederum der ganze Bezirk in einer Hand, spaeterhin (Eph. epigr. V, n. 1345) in der Weise geteilt, dass die nordoestliche Kueste zu Kappadokien gehoert. Dabei ist es wenigstens insoweit geblieben, dass Trapezunt, und also auch Klein-Armenien, fortan bestaendig unter diesem Statthalter gestanden hat. Also hatte, von einer kurzen Unterbrechung unter Domitian abgesehen, der Legat von Galatien nichts mit der Grenzverteidigung zu tun und ist diese, wie es auch in der Sache liegt, stets mit dem Kommando Kappadokiens und seiner Legionen vereinigt gewesen.


Um von den Zustaenden und der Entwicklung Kleinasiens in den drei ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung eine Vorstellung zu gewinnen, soweit dies bei einem aus unserer unmittelbaren geschichtlichen Ueberlieferung gaenzlich ausfallenden Lande moeglich ist, wird bei dem konservativen Charakter des roemischen Provinzialregiments an die aelteren Gebietsteilungen und die Vorgeschichte der einzelnen Landschaften anzuknuepfen sein. Die Provinz Asia ist das alte Reich der Attaliden, Vorderasien bis noerdlich zur bithynischen, suedlich zur lykischen Grenze; die anfangs davon abgetrennten oestlichen Striche, das grosse Phrygien, waren schon in republikanischer Zeit wieder dazu geschlagen worden, und die Provinz reichte seitdem bis an die Landschaft der Galater und die pisidischen Gebirge. Auch Rhodus und die uebrigen kleineren Inseln des Aegaeischen Meeres gehoerten zu diesem Sprengel. Die urspruengliche hellenische Ansiedlung hatte ausser den Inseln und der eigentlichen Kueste auch die unteren Taeler der groesseren Fluesse besetzt; Magnesia am Sipylos im Hermostal, das andere Magnesia und Tralleis im Tal des Maeandros waren schon vor Alexander als griechische Staedte gegruendet oder doch griechische Staedte geworden; die Karer, Lyder, Myser wurden frueh wenigstens zu Halbhellenen. Die eintretende Griechenherrschaft fand in den Kuestenlandschaften nicht viel zu tun; Smyrna, das vor Jahrhunderten von den Barbaren des Binnenlandes zerstoert worden war, erhob sich damals aus seinen Truemmern, um rasch wieder einer der ersten Sterne des glaenzenden kleinasiatischen Staedteringes zu werden; und wenn der Wiederaufbau von Ilion an dem Grabhuegel Hektors mehr ein Werk der Pietaet als der Politik war, so war die Anlage von Alexandreia an der Kueste der Troas von bleibender Bedeutung. Pergamon im Tal des Ka‹kos bluehte auf als Residenz der Attaliden. In dem grossen Werk der Hellenisierung des Binnenlandes dieser Provinz wetteiferten, Alexanders Intentionen entsprechend, alle hellenischen Regierungen, Lysimachos, die Seleukiden, die Attaliden. Die einzelnen Gruendungen sind aus unserer Ueberlieferung noch mehr verschwunden als die Kriegslaeufte der gleichen Epoche; wir sind hauptsaechlich angewiesen auf die Namen und die Beinamen der Staedte; aber auch diese genuegen, um die allgemeinen Umrisse dieser Jahrhunderte hindurch sich fortsetzenden und dennoch homogenen und zielbewussten Taetigkeit zu erkennen. Eine Reihe binnenlaendischer Ortschaften, Stratonikeia in Karien, Peltae, Blaundos, Dokimeion, Kadoi in Phrygien, die Mysomakedonier im Bezirk von Ephesos, Thyateira, Hyrkania, Nakrasa im Hermosgebiet, die Askylaken im Bezirk von Adramytion werden in Urkunden oder sonstigen glaubwuerdigen Zeugnissen als Makedonierstaedte bezeichnet; und diese Erwaehnungen sind so zufaelliger Art und die Ortschaften teilweise so unbedeutend, dass die gleiche Bezeichnung sicher auf eine grosse Anzahl anderer Niederlassungen in dieser Gegend sich erstreckt hat und wir schliessen duerfen auf eine ausgedehnte, wahrscheinlich mit dem Schutz Vorderasiens gegen die Galater und Pisidier zusammenhaengende Ansiedlung griechischer Soldaten in den bezeichneten Gegenden. Wenn ferner die Muenzen der ansehnlichen phrygischen Stadt Synnada mit ihrem Stadtnamen den der Ioner und der Dorer sowie den des gemeinen Zeus (Ze?s pand/e/mos) verbinden, so muss einer der Alexandriden die Griechen insgemein aufgefordert haben, hier sich niederzulassen; und auch dies beschraenkte sich gewiss nicht auf diese einzelne Stadt. Die zahlreichen Staedte hauptsaechlich des Binnenlandes, deren Namen auf die Koenigshaeuser der Seleukiden oder der Attaliden zurueckgehen oder die sonst griechisch benannt sind, sollen hier nicht aufgefuehrt werden; es befinden sich namentlich unter den sicher von den Seleukiden gegruendeten oder reorganisierten Staedten mehrere der in spaeterer Zeit bluehendsten und gesittetsten des Binnenlandes, zum Beispiel im suedlichen Phrygien Laodikeia und vor allem Apameia, das alte Kelaenae an der grossen Heerstrasse von der Westkueste Kleinasiens zum mittleren Euphrat, schon in persischer Zeit das Entrepot fuer diesen Verkehr und unter Augustus nach Ephesos die bedeutendste Stadt der Provinz Asia. Wenn auch nicht jede Beilegung eines griechischen Namens mit Ansiedlung griechischer Kolonisten verbunden gewesen sein wird, so werden wir doch einen betraechtlichen Teil dieser Ortschaften den griechischen Pflanzstaedten beizaehlen duerfen. Aber auch die staedtischen Ansiedlungen nichtgriechischen Ursprungs, die die Alexandriden vorfanden, lenkten von selber in die Bahnen der Hellenisierung ein, wie denn die Residenz des persischen Statthalters, Sardes, noch von Alexander selbst als griechisches Gemeinwesen geordnet ward. Diese staedtische Entwicklung war vollzogen, als die Roemer die Herrschaft ueber Vorderasien antraten; sie selber haben sie nicht in intensiver Weise gefoerdert. Dass eine grosse Anzahl der Stadtgemeinden in der oestlichen Haelfte der Provinz ihre Jahre von dem der Stadt 670 (84) zaehlen, kommt daher, dass damals nach Beendigung des Mithradatischen Krieges diese Bezirke durch Sulla unter unmittelbar roemische Verwaltung kamen; Stadtrecht haben diese Ortschaften nicht erst damals erhalten. Augustus hat die Stadt Parium am Hellespont und die schon erwaehnte Alexandreia in Troas mit Veteranen seiner Armee besetzt und beiden die Rechte der roemischen Buergergemeinden beigelegt; letztere ist seitdem in dem griechischen Asien eine italische Insel gewesen wie Korinth in Griechenland und Berylos in Syrien. Aber dies war nichts als Soldatenversorgung; von eigentlicher Staedtegruendung in der roemischen Provinz Asien unter den Kaisern ist wenig die Rede. Unter den nicht zahlreichen nach Kaisern benannten Staedten daselbst ist vielleicht nur von Sebaste und Tiberiopolis, beide in Phrygien, und von Hadrianoi an der bithynischen Grenze kein aelterer Stadtname nachzuweisen. Hier, in der Berglandschaft zwischen dem Ida und dem Olymp, hauste Kleon in der Triumviralzeit, ein gewisser Tilliboros unter Hadrian, beide halb Raeuberhauptleute, halb Volksfuersten, von denen jener selbst in der Politik eine Rolle gespielt hat; in dieser Freistatt der Verbrecher war die Gruendung einer geordneten Stadtgemeinde durch Hadrian allerdings eine Wohltat. Sonst blieb in dieser Provinz, mit ihren fuenfhundert Stadtgemeinden der staedtereichsten des ganzen Staates, in dieser Hinsicht wohl nicht mehr viel zu stiften uebrig, hoechstens etwa zu teilen, das heisst die faktisch zu einer Stadtgemeinde sich entwickelnden Flecken aus dem frueheren Gemeindeverbande zu loesen und selbstaendig zu machen, wie wir einen Fall der Art in Phrygien unter Konstantin I. nachweisen koennen. Aber von der eigentlichen Hellenisierung waren die abgelegenen Gebiete noch weit entfernt, als das roemische Regiment begann; insbesondere in Phrygien behauptete sich die vielleicht der armenischen gleichartige Landessprache. Wenn aus dem Fehlen griechischer Muenzen und griechischer Inschriften nicht mit Sicherheit auf das Fehlen der Hellenisierung geschlossen werden darf ^3, so weist doch die Tatsache, dass die phrygischen Muenzen fast durchaus der roemischen Kaiserzeit, die phrygischen Inschriften der grossen Mehrzahl nach der spaeteren Kaiserzeit angehoeren, darauf hin, dass in die entlegenen und der Zivilisation schwer zugaenglichen Gegenden der Provinz Asia die hellenische Gesittung soweit ueberhaupt, ueberwiegend erst unter den Kaisern den Weg fand. Zu unmittelbarem Eingreifen der Reichsverwaltung bot dieser im Stillen sich vollziehende Prozess wenig Gelegenheit und Spuren solchen Eingreifens vermoegen wir nicht nachzuweisen. Freilich war Asia eine senatorische Provinz, und dass dem Senatsregiment jede Initiative abging, mag auch hier in Betracht kommen.


^3 Die staedtische Muenzpraegung und die Inschriftsetzung stehen unter so vielfachen Bedingungen, dass das Fehlen oder auch die Fuelle der einen wie der andern nicht ohne weiteres zu Rueckschluessen auf die Abwesenheit oder die Intensitaet einer bestimmten Zivilisationsphase berechtigen. Fuer Kleinasien insbesondere ist zu beachten, dass es das gelobte Land der munizipalen Eitelkeit ist und unsere Denkmaeler, auch die Muenzen, zum weitaus groessten Teil dadurch hervorgerufen sind, dass die Regierung der roemischen Kaiser dieser freien Lauf liess.


Syrien und mehr noch Aegypten gehen auf in ihren Metropolen; die Provinz Asien und Kleinasien ueberhaupt hat keine einzelne Stadt aufzuweisen gleich Antiocheia und Alexandreia, sondern sein Gedeihen ruht auf den zahlreichen Mittelstaedten. Die Einteilung der Staedte in drei Klassen, welche sich unterscheiden im Stimmrecht auf dem Landtag, in der Repartition der von der ganzen Provinz aufzubringenden Leistungen, selbst in der Zahl der anzustellenden Stadtaerzte und staedtischen Lehrer ^4, ist vorzugsweise diesen Landschaften eigen. Auch die staedtischen Rivalitaeten, die in Kleinasien so energisch und zum Teil so kindisch, gelegentlich auch so gehaessig hervortreten, wie zum Beispiel der Krieg zwischen Severus und Niger in Bithynien eigentlich ein Krieg der beiden rivalisierenden Kapitalen Nikomedeia und Nikaea war, gehoeren zum Wesen zwar der hellenischen Politien ueberhaupt, insbesondere aber der kleinasiatischen. Des Wetteifers um die Kaisertempel werden wir weiterhin gedenken; in aehnlicher Weise war die Rangfolge der staedtischen Deputationen bei den gemeinschaftlichen Festen in Kleinasien eine Lebensfrage - Magnesia am Maeander nennt sich auf den Muenzen die "siebente Stadt von Asia" - und vor allem der erste Platz war ein so begehrter, dass die Regierung schliesslich sich dazu verstand, mehrere erste Staedte zuzulassen. Aehnlich ging es mit der Metropolenbezeichnung. Die eigentliche Metropole der Provinz war Pergamon, die Residenz der Attaliden und der Sitz des Landtags. Aber Ephesos, die faktische Hauptstadt der Provinz, wo der Statthalter verpflichtet war, sein Amt anzutreten, und das auch dieses "Landungsrechts" auf seinen Muenzen sich beruehmt, Smyrna, mit dem ephesischen Nachbar in steter Rivalitaet und dem legitimen Erstenrecht der Ephesier zum Trotz auf den Muenzen sich nennend "die erste an Groesse und Schoenheit", das uralte Sardeis, Kyzikos und andere mehr strebten nach dem gleichen Ehrenrechte. Mit diesen ihren Quengeleien, wegen deren regelmaessig der Senat und der Kaiser angegangen wurden, den "griechischen Dummheiten", wie man in Rom zu sagen pflegte, waren die Kleinasiaten der stehende Verdruss und das stehende Gespoett der vornehmen Roemer ^5.


^4 "Die Verordnung", sagt der Jurist Modestinus, der sie referiert (dig. 27, 1, 6, 3), "interessiert alle Provinzen, obwohl sie an die Asiaten gerichtet ist." Auch passt sie in der Tat nur da, wo es Staedteklassen gibt, und der Jurist fuegt eine Anweisung hinzu, wie sie auf anders geordnete Provinzen anzuwenden sei. Was der Biograph des Pius (c. 11) ueber die von Pius den Rhetoren gewaehrten Auszeichnungen und Gehalte berichtet, hat mit dieser Verfuegung nichts zu schaffen. ^5 Vortrefflich setzt Dion von Prusa in seinen Ansprachen an die Buerger von Nikomedeia und von Tarsos auseinander, dass kein gebildeter Mann fuer sich solche leere Bezeichnungen haben moechte und die Titelsucht fuer die Staedte geradezu unbegreiflich sei; wie es das Zeichen der richtigen Kleinstaedterei sei, sich solche Rangbescheinigungen ausstellen zu lassen; wie der schlechte Statthalter durch diesen Staedtehader sich immer decke, da Nikaea und Nikomedeia nie unter sich zusammenhielten. "Die Roemer gehen mit euch um wie mit Kindern, denen man geringes Spielzeug schenkt; Misshandlungen nehmt ihr hin, um Namen zu bekommen; sie nennen eure Stadt die erste, um sie als die letzte zu behandeln. Den Roemern seid ihr damit zum Gelaechter geworden und sie nennen das 'griechische Dummheiten' (Ell/e/nika amart/e/mata)."


Nicht auf der gleichen Hoehe wie das Attalidenreich befand sich Bithynien. Die aeltere griechische Kolonisierung hatte sich hier lediglich auf die Kueste beschraenkt. In der hellenistischen Epoche hatten anfangs die makedonischen Herrscher, spaeter die voellig deren Wege wandelnde einheimische Dynastie neben der im Ganzen wohl auf Umnennung hinauslaufenden Einrichtung der Kuestenorte einigermassen auch das Binnenland erschlossen, namentlich durch die beiden gluecklich gediehenen Anlagen von Nikaea (Isnik) und Prusa am Olymp (Brussa); von der ersteren wird hervorgehoben, dass die ersten Ansiedler von guter makedonischer und hellenischer Herkunft gewesen seien. Aber in der Intensitaet der Hellenisierung stand das Reich des Nikomedes weit zurueck hinter dem des Buergerfuersten von Pergamon; insonderheit das oestliche Binnenland kann vor Augustus nur wenig besiedelt gewesen sein. Dies ward in der Kaiserzeit anders. In augustischer Zeit baute ein gluecklicher Raeuberhauptmann, der sich zur Ordnung bekehrte, an der galatischen Grenze die gaenzlich herabgekommene Ortschaft Gordiu Kome unter dem Namen Iuliopolis wieder auf; in derselben Gegend sind die Staedte Bithynion-Claudiopolis und Krateia-Flaviopolis wahrscheinlich im Laufe des ersten Jahrhunderts zu griechischem Stadtrecht gelangt. Ueberhaupt hat in Bithynien der Hellenismus unter der Kaiserzeit einen maechtigen Aufschwung genommen, und der derbe thrakische Schlag der Eingeborenen gab ihm eine gute Grundlage. Dass unter den in grosser Anzahl bekannten Schriftsteinen dieser Provinz nicht mehr als vier der vorroemischen Zeit angehoeren, wird nicht allein daraus erklaert werden koennen, dass die staedtische Ambition erst unter den Kaisern grossgezogen worden ist. In der Literatur der Kaiserzeit gehoeren eine Anzahl der besten und von der wuchernden Rhetorik am wenigsten erfassten Schriftsteller, wie der Philosoph Dion von Prusa, die Historiker Memnon von Herakleia, Arrhianos aus Nikomedeia, Cassius Dion von Nikaea, nach Bithynien. Die oestliche Haelfte der Suedkueste des Schwarzen Meeres, die roemische Provinz Pontus, hat zur Grundlage denjenigen Teil des Reiches Mithradats, den Pompeius sofort nach dem Siege in unmittelbaren Besitz nahm. Die zahlreichen kleinen Fuerstentuemer, welche im paphlagonischen Binnenland und oestlich davon bis zur armenischen Grenze Pompeius gleichzeitig vergab, wurden nach kuerzerem oder laengerem Bestand bei ihrer Einziehung teils derselben Provinz zugelegt, teils zu Galatien oder Kappadokien geschlagen. Das ehemalige Reich des Mithradates war sowohl von dem aelteren wie von dem juengeren Hellenismus bei weitem weniger als die westlichen Landschaften beruehrt worden. Als die Roemer dieses Gebiet mittelbar oder unmittelbar in Besitz nahmen, gab es griechisch geordnete Staedte dort strenggenommen nicht; Amaseia, die alte Residenz der pontischen Achaemeniden und immer ihre Grabstadt, war dies nicht; die beiden alten griechischen Kuestenstaedte Amisos und das einst ueber das Schwarze Meer gebietende Sinope waren koenigliche Residenzen geworden, und auch den wenigen von Mithradates angelegten Ortschaften, zum Beispiel Eupatoria, wird schwerlich griechische Politie gegeben worden sein. Hier aber war, wie schon frueher ausgefuehrt ward, die roemische Eroberung zugleich die Hellenisierung; Pompeius organisierte die Provinz in der Weise, dass er die elf Hauptortschaften derselben zu Staedten machte und unter sie das Gebiet verteilte. Allerdings aehnelten diese kuenstlich geschaffenen Staedte mit ihren ungeheuren Bezirken - der von Sinope hatte an der Kueste eine Ausdehnung von sechzehn deutschen Meilen und grenzte am Halys mit dem amisenischen - mehr den keltischen Gauen als den eigentlich hellenischen und italischen Stadtgemeinden. Aber es wurden doch damals Sinope und Amisos in ihre alte Stellung wieder eingesetzt und andere Staedte im Binnenland, wie Pompeiopolis, Nikopolis, Megalopolis, das spaetere Sebasteia, ins Leben gerufen. Sinope erhielt durch den Diktator Caesar das Recht der roemischen Kolonie und ohne Zweifel auch italische Ansiedler. Wichtiger fuer die roemische Verwaltung ward Trapezus, eine alte Kolonie von Sinope; die Stadt, die im Jahre 63 zur Provinz Kappadokien geschlagen ward, war wie der Standort der roemischen Pontusflotte so auch gewissermassen die Operationsbasis fuer das Truppenkorps dieser Provinz, das einzige in ganz Kleinasien. Das binnenlaendische Kappadokien war seit der Einrichtung der Provinzen Pontus und Syrien in roemischer Gewalt; ueber die Einziehung desselben im Anfang der Regierung des Tiberius, welche zunaechst veranlasst ward durch den Versuch Armeniens, sich der roemischen Lehnsherrschaft zu entwinden, wird in dem folgenden Abschnitt zu berichten sein. Der Hof und was unmittelbar damit zusammenhing, hatte sich hellenisiert, etwa so, wie die deutschen Hoefe des 18. Jahrhunderts sich dem franzoesischen Wesen zuwandten. Die Hauptstadt Caesarea, das alte Mazaka, gleich dem phrygischen Apameia eine Zwischenstelle des grossen Verkehrs zwischen den Haefen der Westkueste und den Euphratlaendern und in roemischer Zeit wie noch heute eine der bluehendsten Handelsstaedte Kleinasiens, war auf Pompeius' Veranlassung nach dem Mithradatischen Kriege nicht bloss wieder aufgebaut, sondern wahrscheinlich damals auch mit Stadtrecht nach griechischer Art ausgestattet worden. Kappadokien selbst war im Anfang der Kaiserzeit schwerlich mehr griechisch als Brandenburg und Pommern unter Friedrich dem Grossen franzoesisch. Als das Land roemisch ward, zerfiel es nach den Angaben des gleichzeitigen Strabon nicht in Stadtbezirke, sondern in zehn Aemter, von denen nur zwei Staedte hatten, die schon genannte Hauptstadt und Tyana; und diese Ordnung ist hier im Grossen und Ganzen so wenig veraendert worden wie in Aegypten, wenn auch einzelne Ortschaften spaeterhin griechisches Stadtrecht empfingen, zum Beispiel Kaiser Marcus aus dem kappadokischen Dorf, in dem seine Gemahlin gestorben war, die Stadt Faustinopolis machte. Griechisch freilich sprachen die Kappadokier jetzt; aber die Studierenden aus Kappadokien hatten auswaerts viel zu leiden wegen ihres groben Akzents und ihrer Fehler in Aussprache und Betonung, und wenn sie attisch reden lernten, fanden die Landsleute ihre Sprache affektiert ^6. Erst in der christlichen Zeit gaben die Studiengenossen des Kaisers Julian, Gregorios von Nazianzos und Basilios von Caesarea, dem kappadokischen Namen einen besseren Klang.


^6 Pausanias aus Caesarea rueckt bei Philostratos (vit. soph. 2, 13) dem Herodes Attikos seine Fehler vor: pacheia t/e/ gl/o/tt/e/ ka'i /o/s Kappadokais x?n/e/thes, xygkro?/o/n men ta s?mph/o/na i/o/n stoichei/o/n, systell/o/n de ta m/e/kynomena kai m/e/k?n/o/n ta brachea. Vita Apoll. 1, 7: /e/ gl/o/tta Attik/o/s eichen, oyd' ap/e/chth/e/ t/e/n ph/o/n/e/n ypo to? ethnoys.


Die lykischen Staedte in ihrem abgeschlossenen Berglande oeffneten ihre Kueste der griechischen Ansiedlung nicht, aber schlossen sich darum doch nicht gegen den hellenischen Einfluss ab. Lykien ist die einzige kleinasiatische Landschaft, in welcher die fruehe Zivilisierung die Landessprache nicht beseitigt hat, und welche, fast wie die Roemer, in griechisches Wesen einging, ohne sich aeusserlich zu hellenisieren. Es bezeichnet ihre Stellung, dass die lykische Konfoederation als solche dem attischen Seebund sich angeschlossen und an die athenische Vormacht ihren Tribut entrichtet hat. Die Lykier haben nicht bloss ihre Kunst nach hellenischen Mustern geuebt, sondern wohl auch ihre politische Ordnung frueh in gleicher Weise geregelt. Die Umwandlung des einst Rhodos untertaenigen, aber nach dem Dritten Makedonischen Krieg unabhaengig gewordenen Staedtebundes in eine roemische Provinz, welche wegen des endlosen Haders unter den Verbuendeten von Kaiser Claudius verfuegt ward, wird das Vordringen des Hellenismus gefoerdert haben; im Verlauf der Kaiserzeit sind dann die Lykier vollstaendig zu Griechen geworden. Die pamphylischen Kuestenstaedte, wie Aspendos und Perge, griechische Gruendungen der aeltesten Zeit, spaeter sich selbst ueberlassen und unter guenstigen Verhaeltnissen gedeihlich entwickelt, hatten das aelteste Hellenentum in einer Weise sei es konserviert, sei es aus sich heraus eigenartig gestaltet, dass die Pamphylier nicht viel weniger als die benachbarten Lykier in Sprache und Schrift als selbstaendige Nation gelten konnten. Als dann Asien den Hellenen gewonnen ward, fanden sie allmaehlich den Rueckweg wie in die gemeine griechische Zivilisation so auch in die allgemeine politische Ordnung. Die Herren in dieser Gegend wie an der benachbarten kilikischen Kueste waren in hellenistischer Zeit teils die Aegypter, deren Koenigshaus verschiedenen Ortschaften in Pamphylien und Kilikien den Namen gegeben hat, teils die Seleukiden, nach denen die bedeutendste Stadt Westkilikiens Seleukeia am Kalykadnos heisst, teils die Pergamener, von deren Herrschaft Attaleia (Adalia) in Pamphylien zeugt. Dagegen hatten die Voelkerschaften in den Gebirgen Pisidiens, Isauriens und Westkilikiens bis auf den Beginn der Kaiserzeit ihre Unabhaengigkeit der Sache nach behauptet. Hier ruhten die Fehden nie. Nicht bloss zu Lande hatten die zivilisierten Regierungen stets mit den Pisidiern und ihren Genossen zu schaffen, sondern es betrieben dieselben namentlich von dem westlichen Kilikien aus, wo die Gebirge unmittelbar an das Meer treten, noch eifriger als den Landraub das Gewerbe der Piraterie. Als bei dem Verfall der aegyptischen Seemacht die Suedkueste Kleinasiens voellig zur Freistatt der Seeraeuber ward, traten die Roemer ein und richteten die Provinz Kilikien, welche die pamphylische Kueste mit umfasste oder doch umfassen sollte, der Unterdrueckung des Seeraubs wegen ein. Aber was sie taten, zeigte mehr, was haette geschehen sollen, als dass wirklich etwas erreicht ward; die Intervention erfolgte zu spaet und zu unstetig. Wenn auch einmal ein Schlag gegen die Korsaren gefuehrt ward und roemische Truppen selbst in die isaurischen Gebirge eindrangen und tief im Binnenland die Piratenburgen brachen, zu rechter dauernder Festsetzung in diesen von ihr widerwillig annektierten Distrikten kam die roemische Republik nicht. Hier blieb dem Kaisertum noch alles zu tun uebrig. Antonius, wie er den Orient uebernahm, beauftragte einen tuechtigen galatischen Offizier, den Amyntas, mit der Unterwerfung der widerspenstigen pisidischen Landschaft ^7, und als dieser sich bewaehrte ^8, machte er denselben zum Koenig von Galatien, der militaerisch bestgeordneten und schlagfertigsten Landschaft Kleinasiens, und erstreckte zugleich sein Regiment von da bis zur Suedkueste, also auf Lykaonien, Pisidien, Isaurien, Pamphylien und Westkilikien, waehrend die zivilisierte Osthaelfte Kilikiens bei Syrien blieb. Auch als Augustus nach der Aktischen Schlacht die Herrschaft im Orient antrat, liess er den keltischen Fuersten in seiner Stellung. Derselbe machte auch wesentliche Fortschritte sowohl in der Unterdrueckung der schlimmen, in den Schlupfwinkeln des westlichen Kilikiens hausenden Korsaren wie auch in der Ausrottung der Landraeuber, toetete einen der schlimmsten dieser Raubherren, den Herrn von Derbe und Laranda im suedlichen Lykaonien, Antipatros, baute in Isauria sich seine Residenz und schlug die Pisidier nicht bloss hinaus aus dem angrenzenden phrygischen Gebiet, sondern fiel in ihr eigenes Land ein und nahm im Herzen desselben Kremna. Aber nach einigen Jahren (729 25) verlor er das Leben auf einem Zug gegen einen der westkilikischen Staemme, die Homonadenser; nachdem er die meisten Ortschaften genommen hatte und ihr Fuerst gefallen war, kam er um durch einen von dessen Gattin gegen ihn gerichteten Anschlag. Nach dieser Katastrophe uebernahm Augustus selbst das schwere Geschaeft der Pazifikation des inneren Kleinasiens. Wenn er dabei, wie schon bemerkt ward, das kleine pamphylische Kuestenland einem eigenen Statthalter zuwies und es von Galatien trennte, so ist dies offenbar deswegen geschehen, weil das zwischen der Kueste und der galatisch-lykaonischen Steppe liegende Gebirgsland so wenig botmaessig war, dass die Verwaltung des Kuestengebiets nicht fueglich von Galatien aus gefuehrt werden konnte. Roemische Truppen wurden nach Galatien nicht gelegt; doch wird das Aufgebot der kriegerischen Galater mehr zu bedeuten gehabt haben als bei den meisten Provinzialen. Auch hatten, da das westliche Kilikien damals unter Kappadokien gelegt ward, die Truppen dieses Lehnsfuersten sich an der Arbeit zu beteiligen. Die Zuechtigung zunaechst der Homonadenser fuehrte die syrische Armee aus; der Statthalter Publius Sulpicius Quirinius rueckte einige Jahre spaeter in ihr Gebiet, schnitt ihnen die Zufuhr ab und zwang sie, sich in Masse zu unterwerfen, worauf sie in die umliegenden Ortschaften verteilt und ihr ehemaliges Gebiet wuest gelegt wurde. Aehnliche Zuechtigungen erfuhren in den Jahren 36 und 52 die Kliten, ein anderer, in dem westlichen Kilikien naeher an der Kueste sitzender Stamm; da sie dem von Rom ihnen gesetzten Lehnsfuersten den Gehorsam verweigerten und das Land wie die See brandschatzten, und da die sogenannten Landesherren mit ihnen nicht fertig werden konnten, kamen beide Male die Reichstruppen aus Syrien herbei, um sie zu unterwerfen. Diese Nachrichten haben sich zufaellig erhalten; sicher sind zahlreiche aehnliche Vorgaenge verschollen.


^7 Amyntas wurde noch im Jahre 715, bevor Antonius nach Asien zurueckging ueber die Pisidier gesetzt (App. civ. 5, 75), ohne Zweifel weil diese wieder einmal einen ihrer Raubzuege unternommen hatten. Daraus, dass er dort zuerst herrschte, erklaert es sich auch, dass er sich in Isaura seine Residenz baute (Strab. 12, 6, 3, p. 569). Galatien kam zunaechst an die Erben des Deiotarus (Dio 48, 33). Erst im Jahre 718 erhielt Amyntas Galatien, Lykaonien und Pamphylien (Dio 49, 32). ^8 Dass dies die Ursache war, weshalb diese Gegenden nicht unter roemische Statthalter gelegt wurden, sagt Strabon (14, 5, 5 p. 671), der nach Zeit und Ort diesen Verhaeltnissen nahestand, ausdruecklich: edokei pros apan to toio?to (fuer die Unterdrueckung der Raeuber und der Piraten) basileyesthai mallon to?s topoys /e/ thpo tois R/o/maiois /e/gemosin einai tois epi tas kriseis pempomenois, oi m/e/t' aei pareinai emellon (wegen der Bereisung der conventus) m/e/te meth' oplon (die allerdings dem spaeteren Legaten von Galatien fehlten).


Aber auch im Wege der Besiedelung griff Augustus die Pazifikation dieser Landschaft an. Die hellenistischen Regierungen hatten dieselbe sozusagen isoliert, nicht bloss an der Kueste ueberall Fuss behalten oder gefasst, sondern auch im Nordwesten eine Reihe von Staedten gegruendet, an der phrygischen Grenze Apollonia angeblich von Alexander selbst angelegt, Seleukeia Siderus und Antiocheia, beide aus der Seleukidenzeit, ferner in Lykaonien Laodikeia Katakekaumene und die wohl auch in der gleichen Zeit entstandene Hauptstadt dieser Landschaft Ikonion. Aber in dem eigentlichen Bergland findet sich keine Spur hellenistischer Niederlassung; und noch weniger hat der roemische Senat sich an diese schwierige Aufgabe gemacht. Augustus tat es; hier, und nur hier im ganzen griechischen Osten, begegnet eine Reihe von Kolonien roemischer Veteranen, offenbar bestimmt, dieses Gebiet der friedlichen Ansiedlung zu erobern. Von den eben genannten aelteren Ansiedlungen wurde Antiocheia mit Veteranen belegt und roemisch reorganisiert, neu angelegt in Lykaonien Parlais und Lystra, in Pisidien selbst das schon genannte Kremna so wie weiter suedlich Olbasa und Komama. Die spaeteren Regierungen setzten die begonnene Arbeit nicht mit gleicher Energie fort; doch wurde unter Claudius das eiserne Seleukeia Pisidiens zum claudischen gemacht, ferner im westkilikischen Binnenland Claudiopolis und nicht weit davon, vielleicht gleichzeitig, Germanicopolis ins Leben gerufen, auch Ikonion, in Augustus' Zeit ein kleiner Ort, zu bedeutender Entwicklung gebracht. Die neu gegruendeten Staedte blieben freilich unbedeutend, schraenkten aber doch den Spielraum der freien Gebirgsbewohner in namhafter Weise ein, und der Landfriede muss endlich auch hier seinen Einzug gehalten haben. Sowohl die Ebene und die Bergterrassen Pamphyliens wie die Bergstaedte Pisidiens selbst, zum Beispiel Selge und Sagalassos, waren waehrend der Kaiserzeit gut bevoelkert und das Gebiet sorgfaeltig angebaut; die Reste maechtiger Wasserleitungen und auffallend grosser Theater, saemtlich Anlagen aus der roemischen Kaiserzeit, zeigen zwar nur handwerksmaessige Technik, aber Spuren eines reich entwickelten friedlichen Gedeihens. Ganz freilich ward die Regierung des Raubwesens in diesen Landschaften niemals Herr, und wenn in der frueheren Kaiserzeit die Heimsuchungen sich in maessigen Grenzen hielten, traten die Banden hier in den Wirren des dritten Jahrhunderts abermals als kriegfuehrende Macht auf. Sie gehen jetzt unter dem Namen der Isaurer und haben ihren hauptsaechlichen Sitz in den Gebirgen Kilikiens, von wo aus sie Land und Meer brandschatzen. Erwaehnt werden sie zuerst unter Severus Alexander. Dass sie unter Gallienus ihren Raeuberhauptmann zum Kaiser ausgerufen haben, wird eine Fabel sein; aber allerdings wurde unter Kaiser Probus ein solcher namens Lydios, der lange Zeit Lykien und Pamphylien gepluendert hatte, in der roemischen Kolonie Kremna, die er besetzt hatte, nach langer hartnaeckiger Belagerung durch eine roemische Armee bezwungen. In spaeterer Zeit finden wir um ihr Gebiet einen Militaerkordon gezogen und einen eigenen kommandierenden General fuer die Isaurer bestellt. Ihre wilde Tapferkeit hat sogar denen von ihnen, welche bei dem byzantinischen Hof Dienste nehmen mochten, eine Zeitlang eine Stellung daselbst verschafft, wie die Makedonier sie am Hofe der Ptolemaeer besessen hatten; ja einer aus ihrer Mitte, Zenon, ist als Kaiser von Byzanz gestorben ^9.


^9 In der grossen unbenannten Ruinenstaette von Saradschik im oberen Limyrostal im oestlichen Lykien (vgl. C. Ritter, Erdkunde. Bd. 19, Berlin 1859, S. 1172) steht ein bedeutender tempelfoermiger Grabbau, sicher nicht aelter als das 3. Jahrhundert n. Chr., an welchem in Relief zerstueckelte Menschenteile, Koepfe, Arme, Beine als Embleme angebracht sind; man moechte meinen, als Wappen eines zivilisierten Raeuberhauptmanns (Mitteilung von Benndorf).


Die Landschaft Galatien endlich, in ferner Zeit die Hauptstaette der orientalischen Herrschaft ueber Vorderasien und in den beruehmten Felsskulpturen des heutigen Boghazkoei, einst der Koenigstadt Pteria, die Erinnerungen einer fast verschollenen Herrlichkeit bewahrend, war im Lauf der Jahrhunderte in Sprache und Sitte eine keltische Insel inmitten der Fluten der Ostvoelker geworden und ist dies in der inneren Organisation auch in der Kaiserzeit geblieben. Die drei keltischen Voelkerschaften, welche bei der grossen Wanderung der Nation um die Zeit des Krieges zwischen Pyrrhos und den Roemern in das innere Kleinasien gelangt waren und hier, wie im Mittelalter die Franken im Orient, zu einem festgegliederten Soldatenstaat sich zusammengeschlossen und nach laengerem Schweifen dies- und jenseits des Halys ihre definitiven Sitze genommen hatten, hatten laengst die Zeiten hinter sich, wo sie von dort aus Kleinasien brandschatzten und mit den Koenigen von Asia und Pergamon im Kampfe lagen, falls sie nicht als Soeldner ihnen dienten; auch sie waren an der Uebermacht der Roemer zerschellt und ihnen in Asien nicht minder botmaessig geworden wie ihre Landsleute im Potal und an der Rhone und Seine. Aber trotz ihres mehrhundertjaehrigen Verweilens in Kleinasien trennte immer noch eine tiefe Kluft diese Okzidentalen von den Asiaten. Es war nicht bloss, dass sie ihre Landessprache und ihre Volksart festhielten, dass immer noch die drei Gaue jeder von seinen vier Erbfuersten regiert wurden und die von allen gemeinschaftlich beschickte Bundesversammlung in dem heiligen Eichenhain als hoechste Behoerde dem galatischen Lande vorstand, auch nicht, dass die ungebaendigte Roheit wie die kriegerische Tuechtigkeit sie von den Nachbarn zum Nachteil wie zum Vorteil unterschied; dergleichen Gegensaetze zwischen Kultur und Barbarei gab es in Kleinasien auch sonst, und die oberflaechliche und aeusserliche Hellenisierung, wie die Nachbarschaft, die Handelsbeziehungen, der von den Einwanderern uebernommene phrygische Kultus, das Soeldnertum sie im Gefolge hatten, wird in Galatien nicht viel spaeter eingetreten sein als zum Beispiel in dem benachbarten Kappadokien. Der Gegensatz ist anderer Art: die keltische und die hellenische Invasion haben in Kleinasien konkurriert, und zu dem nationalen Gegensatz ist der Stachel der rivalisierenden Eroberung hinzugetreten. Scharf trat dies zutage in der Mithradatischen Krise: dem Mordbefehl des Mithradates gegen die Italiker ging zur Seite die Niedermetzelung des gesamten galatischen Adels und dementsprechend haben in den Kriegen gegen den orientalischen Befreier der Hellenen die Roemer keinen treueren Bundesgenossen gehabt als die Galater Kleinasiens. Darum war der Erfolg der Roemer auch der ihrige und gab der Sieg ihnen in den Angelegenheiten Kleinasiens eine Zeitlang eine fuehrende Stellung. Das alte Vierfuerstentum wurde, es scheint durch Pompeius, abgeschafft. Einer der neuen Gaufuersten, der in den Mithradatischen Kriegen sich am meisten bewaehrt hatte, Deiotarus, brachte ausser seinem eigenen Gebiete Klein-Armenien und andere Stuecke des ehemaligen Mithradatischen Reiches an sich und ward auch den uebrigen galatischen Fuersten ein unbequemer Nachbar und der maechtigste unter den kleinasiatischen Dynasten. Nach dem Siege Caesars, dem er feindlich gegenuebergestanden hatte und den er auch durch die gegen Pharnakes geleistete Hilfe nicht fuer sich zu gewinnen vermochte, wurden ihm die mit oder ohne Einwilligung der roemischen Regierung gewonnenen Besitzungen groesstenteils wieder entzogen; der Caesarianer Mithradates von Pergamon, welcher von muetterlicher Seite dem galatischen Koenigshaus entsprossen war, erhielt das meiste von dem, was Deiotarus verlor und wurde ihm sogar in Galatien selbst an die Seite gestellt. Aber nachdem dieser kurz darauf im Taurischen Chersones sein Ende gefunden hatte und auch Caesar selbst nicht lange nachher ermordet worden war, setzte Deiotarus sich ungeheissen wieder in den Besitz des Verlorenen, und da er der jedesmal im Orient vorherrschenden roemischen Partei sich ebenso zu fuegen verstand, wie sie rechtzeitig zu wechseln, starb er hochbejahrt im Jahre 714 (40) als Herr von ganz Galatien. Seine Nachkommen wurden mit einer kleinen Herrschaft in Paphlagonien abgefunden; sein Reich, noch erweitert gegen Sueden hin durch Lykaonien und alles Land bis zur pamphylischen Kueste, kam, wie schon gesagt ward, im Jahre 718 (36) durch Antonius an Amyntas, welcher schon in Deiotarus' letzten Jahren als dessen Sekretaer und Feldherr das Regiment gefuehrt zu haben scheint und als solcher vor der Schlacht von Philippi den Uebergang von den republikanischen Feldherrn zu den Triumvirn bewirkt hatte. Seine weiteren Schicksale sind schon erzaehlt. An Klugheit und Tapferkeit seinem Vorgaenger ebenbuertig, diente er erst dem Antonius, dann dem Augustus als hauptsaechliches Werkzeug fuer die Pazifikation des noch nicht untertaenigen kleinasiatischen Gebiets, bis er hier im Jahre 729 (25) seinen Tod fand. Mit ihm endigte das galatische Koenigtum und verwandelte sich dasselbe in die roemische Provinz Galatien. Gallograeker heissen die Bewohner desselben bei den Roemern schon in der letzten Zeit der Republik; sie sind, fuegt Livius hinzu, ein Mischvolk, wie sie heissen, und aus der Art geschlagen. Auch musste ein guter Teil derselben von den aelteren phrygischen Bewohnern dieser Landschaften abstammen. Mehr noch faellt ins Gewicht, dass die eifrige Goetterverehrung in Galatien und das dortige Priestertum mit den sakralen Institutionen der europaeischen Kelten nichts gemein hat; nicht bloss die Grosse Mutter, deren heiliges Symbol die Roemer der hannibalischen Zeit von den Tolistobogern erbaten und empfingen, ist phrygischer Art, sondern auch deren Priester gehoerten zum Teil wenigstens dem galatischen Adel an. Dennoch war noch in der roemischen Provinz in Galatien die innere Ordnung ueberwiegend die keltische. Dass noch unter Pius in Galatien die dem hellenischen Recht fremde strenge vaeterliche Gewalt bestand, ist ein Beweis dafuer aus dem Kreise des Privatrechts. Auch in den oeffentlichen Verhaeltnissen gab es in dieser Landschaft immer noch nur die drei alten Gemeinden der Tektosagen, der Tolistoboger, der Trokmer, die wohl ihren Namen die der drei Hauptoerter Ankyra, Pessinus und Tauion beisetzen, aber wesentlich doch nichts sind als die wohlbekannten gallischen Gaue, die des Hauptorts ja auch nicht entbehren. Wenn bei den Kelten Asiens die Auffassung der Gemeinde als Stadt frueher als bei den europaeischen das Uebergewicht gewinnt ^10 und der Name Ankyra rascher den der Tektosagen verdraengt als in Europa der Name Burdigala den der Bituriger, dort Ankyra sogar als Vorort der gesamten Landschaft sich die "Mutterstadt" (m/e/tropolis) nennt, so zeigt dies allerdings, wie das ja auch nicht anders sein konnte, die Einwirkung der griechischen Nachbarschaft und den beginnenden Assimilationsprozess, dessen einzelne Phasen zu verfolgen die uns gebliebene oberflaechliche Kunde nicht gestattet. Die keltischen Namen halten sich bis in die Zeit des Tiberius, nachher erscheinen sie nur vereinzelt in den vornehmen Haeusern. Dass die Roemer seit Einrichtung der Provinz wie in Gallien nur die lateinische, so in Galatien neben dieser nur die griechische Sprache im Geschaeftsverkehr zuliessen, versteht sich von selbst. Wie es frueher damit gehalten ward, wissen wir nicht, da vorroemische Schriftmaeler in dieser Landschaft ueberhaupt nicht begegnen. Als Umgangssprache hat die keltische sich auch in Asien mit Zaehigkeit behauptet ^11; doch gewann allmaehlich das Griechische die Oberhand. Im vierten Jahrhundert war Ankyra eines der Hauptzentren der griechischen Bildung; "die kleinen Staedte in dem griechischen Galatien", sagt der bei Vortraegen fuer das gebildete Publikum grau gewordene Literat Themistios, "koennen sich ja freilich mit Antiocheia nicht messen; aber die Leute eignen die Bildung sich eifriger an als die richtigen Hellenen, und wo sich der Philosophenmantel zeigt, haengen sie an ihm wie das Eisen am Magnet." Dennoch mag bis in eben diese Zeit, namentlich jenseits des Halys bei den offenbar viel spaeter hellenisierten Trokmern ^12, sich in den niederen Kreisen die Volkssprache gehalten haben. Es ist schon erwaehnt worden, dass nach dem Zeugnis des vielgewanderten Kirchenvaters Hieronymus noch am Ende des 4. Jahrhunderts der asiatische Galater die gleiche, wenn auch verdorbene Sprache redete, welche damals in Trier gesprochen ward. Dass als Soldaten die Galater, wenn sie auch mit den Okzidentalen keinen Vergleich aushielten, doch weit brauchbarer waren als die griechischen Asiaten, dafuer zeugt sowohl die Legion, welche Koenig Deiotarus aus seinen Untertanen nach roemischem Muster aufgestellt hatte und die Augustus mit dem Reiche uebernahm und in die roemische Armee unter dem bisherigen Namen einreihte, wie auch dass bei der orientalischen Rekrutierung der Kaiserzeit die Galater ebenso vorzugsweise herangezogen wurden wie im Okzident die Bataver ^13.


^10 Das beruehmte Verzeichnis der der Gemeinde Ankyra gemachten Leistungen aus Tiberius' Zeit (CIG 4039) bezeichnet die galatischen Gemeinden gewoehnlich mit ethnos, zuweilen mit polis. Spaeter verschwindet jene Benennung; aber in der vollen Titulatur, zum Beispiel der Inschrift CIG 4011 aus dem zweiten Jahrhundert, fuehrt Ankyra immer noch den Volksnamen: /e/ m/e/tropolis t/e/s Galatias Sebast/e/ Tekt/o/sag/o/n Agkyra. ^11 Nach Pausanias (10, 36, 1) heisst bei den Galatai yper PHrygias ph/o/n/e/ t/e/ epich/o/ri/o/ spisin die Scharlachbeere ?s; und Lukian (Alex. 51) berichtet von den Verlegenheiten des wahrsagenden Paphlagoniers, wenn ihm Syristi /e/ Keltisti Fragen vorgelegt wurden und nicht gleich dieser Sprache kundige Leute zur Hand waren. ^12 Wenn in dem Anm. 10 erwaehnten Verzeichnis aus Tiberius' Zeit die Spenden nur selten drei Voelkern, meist zwei Voelkern oder zwei Staedten gegeben werden, so sind, wie G. Perrot (Exploration archeologique de la Galane et de la Bithynie. Paris 1862, S. 83) richtig bemerkt, die letzteren Ankyra und Pessinus und steht bei den Spenden hinter ihnen Tauion der Trokmer zurueck. Vielleicht gab es damals bei diesen noch keine Ortschaft, die als Stadt gelten konnte. ^13 Auch Cicero (Att. 6, S, 3) schreibt von seiner Armee in Kilikien: exercitum infirmum habebam, auxilia sane bona, sed ea Galatarum, Pisidarum, Lyciorum: haec enim sunt nostra robora.


Den aussereuropaeischen Hellenen gehoeren ferner noch die beiden grossen Eilande des oestlichen Mittelmeers Kreta und Kypros an sowie die zahlreichen des Inselmeers zwischen Griechenland und Kleinasien; auch die kyrenaeische Pentapolis an der gegenueberliegenden afrikanischen Kueste ist durch die umliegende Wueste von dem Binnenlande so geschieden, dass sie jenen griechischen Inseln einigermassen gleichgestellt werden kann. Indes der allgemeinen geschichtlichen Auffassung fuegen diese Elemente der ungeheuren, unter dem Szepter der Kaiser vereinigten Laendermasse wesentlich neue Zuege nicht hinzu. Die kleineren Inseln, frueher und vollstaendiger hellenisiert als der Kontinent, gehoeren ihrem Wesen nach mehr zum europaeischen Griechenland als zum kleinasiatischen Kolonialgebiet; wie denn des hellenischen Musterstaats Rhodos bei jenem schon mehrfach gedacht worden ist. In dieser Epoche werden die Inseln hauptsaechlich genannt, insofern es in der Kaiserzeit ueblich ward, Maenner aus den besseren Staenden zur Strafe nach denselben zu verbannen. Man waehlte, wo der Fall besonders schwer war, die Klippen wie Gyaros und Donussa; aber auch Andros, Kythnos, Amorgos, einst bluehende Zentren griechischer Kultur, waren jetzt Strafplaetze, waehrend in Lesbos und Samos nicht selten vornehme Roemer und selbst Glieder des kaiserlichen Hauses freiwillig laengeren Aufenthalt nahmen. Kreta und Kypros, deren alter Hellenismus unter der persischen Herrschaft oder auch in voelliger Isolierung die Fuehlung mit der Heimat verloren hatte, ordneten sich, Kypros als Dependenz Aegyptens, die kretischen Staedte autonom, in der hellenistischen und spaeter in der roemischen Epoche nach den allgemeinen Formen der griechischen Politie. In den kyrenaeischen Staedten ueberwog das System der Lagiden; wir finden in ihnen nicht bloss, wie in den eigentlich griechischen, die hellenischen Buerger und Metoeken, sondern es stehen neben beiden, wie in Alexandreia die Aegypter, die "Bauern", das heisst die eingeborenen Afrikaner, und unter den Metoeken bilden, wie ebenfalls in Alexandreia, die Juden eine zahlreiche und privilegierte Klasse. Den Griechen insgemein hat auch das roemische Kaiserregiment niemals eine Vertretung gewaehrt. Die augustische Amphiktyonie beschraenkte sich, wie wir sahen, auf die Hellenen in Achaia, Epirus und Makedonien. Wenn die hadrianischen Panhellenen in Athen sich als die Vertretung der saemtlichen Hellenen gerierten, so haben sie doch in die uebrigen griechischen Provinzen nur insofern uebergegriffen, als sie einzelnen Staedten in Asia sozusagen das Ehren- Hellenentum dekretierten; und dass sie dies taten, zeigt erst recht, dass die auswaertigen Griechengemeinden in jene Panhellenen keineswegs einbegriffen sind. Wenn in Kleinasien von Vertretung oder Vertretern der Hellenen die Rede ist, so ist damit in den vollstaendig hellenisch geordneten Provinzen Asia und Bithynia der Landtag und der Landtagsvorsteher dieser Provinzen gemeint, insofern diese aus den Deputierten der zu einer jeden derselben gehoerigen Staedte hervorgehen und diese saemtlich griechische Politien sind ^14; oder es werden in der nichtgriechischen Provinz Galatien die neben dem galatischen Landtag stehenden Vertreter der in Galatien verweilenden Griechen als Griechenvorsteher bezeichnet ^15.


^14 Beschluesse der epi t/e/s Asias Ell/e/nes CIA 3487, 3957; ein Lykier geehrt ypo to? koino? t/o/n epi t/e/s Asias Ell/e/n/o/n kai ypo t/o/n en Pamphylia pole/o/n O. Benndorf, Reisen in Lykien und Karien. Wien 1884. Bd. 1, S. 122; Schreiben an die Hellenen in Asia CIG 3832, 3833; /o/ andres Ell/e/nes, in der Anrede an den Landtag von Pergamon (Aristeid. or. p. 517). Ein arxas to? koino? t/o/n en Bithynia Ell/e/n/o/n Perrot, Exploration, S. 32; Schreiben des Kaisers Alexander an dasselbe (dig. 49, 1, 25). Dio 51, 20: tois xenois, Ell/e/nas sphas epikalesas, eayt/o/ tina, tois men Asianois en Pergam/o/, tois de Bithynois en Nikomedeia temenisai epetrepse. ^15 Ausser den Galatarchen (Marquardt, Staatsverwaltung. Bd. 1, S. 515) begegnen uns in Galatien noch unter Hadrian Helladarchen (BCH 7, 1883, S. 18), welche hier nur gefasst werden koennen wie die Hellenarchen in Tanais.


Der staedtischen Konfoederation hatte die roemische Regierung in Kleinasien keine Veranlassung, besondere Hindernisse entgegenzustellen. In roemischer wie in vorroemischer Zeit haben neun Staedte der Troas gemeinschaftlich religioese Verrichtungen vollzogen und gemeinschaftliche Feste gefeiert ^16. Die Landtage der verschiedenen kleinasiatischen Provinzen, welche hier wie in dem gesamten Reich als feste Einrichtung von Augustus ins Leben gerufen sein werden, sind von denen der uebrigen Provinzen an sich nicht verschieden. Doch hat diese Institution sich hier in eigenartiger Weise entwickelt oder vielmehr denaturiert. Mit dem naechsten Zweck dieser Jahresversammlungen der staedtischen Deputierten einer jeden Provinz ^17, die Wuensche derselben dem Statthalter oder der Regierung zur Kenntnis zu bringen und ueberhaupt als Organ dieser Provinz zu dienen, verband sich hier zuerst die jaehrliche Festfeier fuer den regierenden Kaiser und das Kaisertum ueberhaupt: Augustus gestattete im Jahre 725 (29) den Landtagen von Asia und Bithynien an ihren Versammlungsorten Pergamon und Nikomedeia, ihm Tempel zu errichten und goettliche Ehre zu erweisen. Diese neue Einrichtung dehnte sich bald auf das ganze Reich aus, und die Verschmelzung der sakralen Institution mit der administrativen wurde ein leitender Gedanke der provinzialen Organisation der Kaiserzeit. Aber in Priester- und Festpomp und staedtischen Rivalitaeten hat diese Einrichtung doch nirgends sich so entwickelt wie in der Provinz Asia und analog in den uebrigen kleinasiatischen Provinzen und nirgends also neben und ueber die munizipale sich eine provinziale Ambition mehr noch der Staedte als der Individuen gestellt, wie sie in Kleinasien das gesamte oeffentliche Leben beherrscht. Der von Jahr zu Jahr in der Provinz bestellte Hohepriester (archiere?s) des neuen Tempels ist nicht bloss der vornehmste Wuerdentraeger der Provinz, sondern es wird auch in der ganzen Provinz das Jahr nach ihm bezeichnet ^18. Das Fest- und Spielwesen nach dem Muster der olympischen Feier, welches bei den Hellenen allen, wie wir sahen, mehr und mehr um sich griff, knuepfte in Kleinasien ueberwiegend an die Feste und Spiele des provinzialen Kaiserkultus an. Die Leitung derselben fiel dem Landtagspraesidenten, in Asia dem Asiarchen, in Bithynien dem Bithyniarchen und so weiter zu, und nicht minder trug er hauptsaechlich die Kosten des Jahrfestes, obwohl ein Teil derselben, wie die uebrigen dieses so glaenzenden wie loyalen Gottesdienstes, durch freiwillige Gaben und Stiftungen gedeckt oder auch auf die einzelnen Staedte repartiert wurden. Daher waren diese Praesidenturen nur reichen Leuten zugaenglich; die Wohlhabenheit der Stadt Tralleis wird dadurch bezeichnet, dass an Asiarchen - der Titel blieb auch nach Ablauf des Amtsjahrs - es nie daselbst fehle, die Geltung des Apostels Paulus in Ephesos durch seine Verbindung mit verschiedenen dortigen Asiarchen. Trotz der Kosten war dies eine viel umworbene Ehrenstellung, nicht wegen der daran geknuepften Privilegien, zum Beispiel der Befreiung von der Vormundschaft, sondern wegen ihres aeusseren Glanzes; der festliche Einzug in die Stadt, im Purpurgewand und den Kranz auf dem Haupt, unter Vortritt der das Rauchfass schwingenden Prozessionsknaben, war im Horizont der Kleinasiaten, was bei den Hellenen der Oelzweig von Olympia. Mehrfach ruehmt sich dieser oder jener vornehme Asiate, nicht bloss selber Asiarch gewesen zu sein, sondern auch von Asiarchen abzustammen. Wenn sich dieser Kultus anfaenglich auf die Provinzialhauptstaedte beschraenkte, so sprengte die munizipale Ambition, die namentlich in der Provinz Asia unglaubliche Verhaeltnisse annahm, sehr bald diese Schranken. Hier wurde schon im Jahre 23 dem damals regierenden Kaiser Tiberius sowie seiner Mutter und dem Senat ein zweiter Tempel von der Provinz dekretiert und nach langem Hader der Staedte durch Beschluss des Senats in Smyrna errichtet. Die anderen groesseren Staedte folgten bei spaeteren Gelegenheiten nach ^19. Hatte bis dahin die Provinz wie nur einen Tempel, so auch nur einen Vorsteher und einen Oberpriester gehabt, so mussten jetzt nicht bloss so viele Oberpriester bestellt werden, als es Provinzialtempel gab, sondern es wurden auch, da die Leitung des Tempelfestes und die Ausrichtung der Spiele nicht dem Oberpriester, sondern dem Landesvorsteher zustand und es den rivalisierenden Grossstaedten hauptsaechlich um die Feste und Spiele zu tun war, saemtlichen Oberpriestern zugleich der Titel und das Recht der Vorsteherschaft gegeben, so dass wenigstens in Asia die Asiarchie und das Oberpriestertum der Provinzialtempel zusammenfielen ^20. Damit traten der Landtag und die buergerlichen Geschaefte, von welchen die Institution ihren Ausgang genommen hatte, in den Hintergrund; der Asiarch war bald nichts mehr als der Ausrichter eines an die goettliche Verehrung der gewesenen und des gegenwaertigen Kaisers angeknuepften Volksfestes, weshalb dann auch die Gemahlin desselben, die Asiarchin, sich an der Feier beteiligen durfte und eifrig beteiligte.


^16 Das synedrion t/o/n ennea d/e/m/o/n (H. Schliemann, Troja. Leipzig 1883, S. 256) nennt sich anderswo Ilieis kai poleis ai koinono?sai t/e/s thysias kai toi ag/o/nos kai t/e/s paneg?re/o/s (daselbst, S. 254). Ein anderes Dokument desselben Bundes aus der Zeit des Antigonos bei J. G. Droysen, Geschichte des Hellenismus. 2. Aufl. Gotha 1877. Bd. 2, S. 382ff. Ebenso werden andere koina zu fassen sein, die auf einen engeren Kreis als die Provinz sich beziehen, wie das alte der dreizehn ionischen Staedte, das der Lesbier (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 516), das der Phrygier auf den Muenzen von Apameia. Ihre magistratischen Praesidenten haben auch diese gehabt, wie denn kuerzlich sich ein Lesbiarch gefunden hat (Marquardt, a. a.O.) und ebenso die moesischen Hellenen unter einem Pontarchen standen. Doch ist es nicht unwahrscheinlich, dass, wo der Archontat genannt wird, der Bund mehr ist als eine blosse Festgenossenschaft; die Lesbier sowohl wie die moesischen Fuenfstaedte moegen einen besonderen Landtag gehabt haben, dem diese Beamten vorstanden. Dagegen ist das koinon to? Yrgaleoy pedioy (W. M. Ramsay, Cities and bishoprics of Phrygia. Oxford 1895, S. 10), das neben mehreren d/e/moi steht, eine des Stadtrechts entbehrende Quasi-Gemeinde. ^17 Am deutlichsten tritt die Zusammensetzung der kleinasiatischen Landtage hervor in Strabons (14, 3, 3 p. 664) Bericht ueber die Lykiarchie und bei Aristeides' (or. 26 p. 344) Erzaehlung seiner Wahl zu einem der asiatischen Provinzialpriestertuemer. ^18 Beispiele fuer Asia: CIG 3487; fuer Lykien: Benndorf, Reisen, Bd. 1, S. 71. Die lykische Bundesversammlung aber bezeichnet die Jahre nicht nach dem Archiereus, sondern nach dem Lykiarchen. ^19 Tac. ann. 4, 15 u. 55. Die Stadt, welche einen von dem Landtag der Provinz (dem koinon t/e/s Asias usw.) gewidmeten Tempel besitzt, fahrt deswegen das Ehrenpraedikat der den (Kaiser-) Tempel huetenden" (ne/o/koros); und wenn eine deren mehrere aufzuweisen hat, wird die Zahl beigesetzt. Man kann an diesem Institut deutlich erkennen, wie der Kaiserkultus seine volle Ausbildung in Kleinasien erhalten hat. Der Sache nach ist das Neokorat allgemein, auf jede Gottheit und jede Stadt anwendbar; titular, als Ehrenbeiname der Stadt, begegnet es mit verschwindenden Ausnahmen allein in dem kleinasiatischen Kaiserkultus - nur einige griechische Staedte der Nachbarprovinzen, wie Tripolis in Syrien, Thessalonike in Makedonien haben darin mitgemacht. ^20 So wenig die urspruengliche Verschiedenheit der Landtagspraesidentur und des provinzialen Oberpriestertums fuer den Kaiserkultus in Zweifel gezogen werden kann, so tritt doch nicht bloss bei jener der in Hellas, von wo die Organisation der koina ueberhaupt ausgeht, noch deutlich erkennbare magistratische Charakter des Vorstehers in Kleinasien voellig zurueck, sondern es scheint hier in der Tat da, wo das koinon mehrere sakrale Mittelpunkte hat, der Asiarch/e/s und der archiere?s t/e/s Asias sich verschmolzen zu haben. Die das buergerliche Amt scharf akzentuierende Titulatur strat/e/gos fuehrt der Praesident des koinon in Kleinasien nie, auch arxas to? koino? (Anm. 14) oder to? ethnoys (CIG 4380 k4 p. 1168) ist selten; die Komposita Asiarch/e/s, Lykiarch/e/s, analog dem Elladarch/e/s von Achaia, sind schon zu Strabons Zeit die gebraeuchliche Bezeichnung. Dass in den kleineren Provinzen, wie Galatien und Lykien der Archon und der Archiereus der Provinz getrennt geblieben sind, ist gewiss. Aber in Asien ist das Vorhandensein von Asiarchen fuer Ephesos und Smyrna inschriftlich festgestellt (Marquardt, Staatsverwaltung, Bd. 1, S. 514), waehrend es doch nach dem Wesen der Institution nur einen Asiarchen fuer die ganze Provinz geben konnte. Auch ist hier die Agonothesie des Archiereus beglaubigt (Galenus zum Hippokrates, usu. part. 18, 2 p. 567 Kuehn: par' /e/min en Pergam/o/ t/o/n archiere/o/n tas kaloymenas monomachias epitelo?nt/o/n), waehrend eben sie das Wesen des Asiarchats ist. Allem Anschein nach haben die Rivalitaeten der Staedte hier dahin gefuehrt, dass, nachdem es mehrere von der Provinz gewidmete Kaisertempel in verschiedenen Staedten gab, die Agonothesie dem effektiven Landtagspraesidenten genommen und dafuer dem Oberpriester jedes Tempels der titulare Asiarchat und die Agonothesie uebertragen ward. Dann erklaert sich auf den Muenzen der dreizehn ionischen Staedte (Mionnet, Bd. 3, 61, 1) der Asiarch/e/s kai archiere?s ig' pole/o/n und kann auf ephesischen Inschriften derselbe Ti. Iulius Reginus bald Asiarch/e/s b' na/o/n t/o/n en Ephes/o/ (Wood, Inscriptions from the great theatre, n. 18), bald archiere?s b' na/o/n t/o/n en Ephes/o/ (daselbst, n. 8, 14, aehnlich 9) genannt werden. Nur auf diese Weise sind auch die Institutionen des vierten Jahrhunderts zu begreifen. Hier erscheint in jeder Provinz ein Oberpriester, in Asia mit dem Titel des Asiarchen, in Syrien mit dem des Syriarchen und so weiter. Wenn die Verschmelzung des Archon und des Archiereus in der Provinz Asia schon frueher begonnen hatte, so lag nichts naeher, als sie jetzt bei der Verkleinerung der Provinzen aeberall in dieser Weise zu kombinieren.


Auch eine praktische und in Kleinasien durch das hohe Ansehen dieser Institution gesteigerte Bedeutung mag das provinziale Oberpriestertum fuer den Kaiserkultus gehabt haben durch die damit verknuepfte religioese Oberaufsicht. Nachdem der Landtag den Kaiserkultus einmal beschlossen und die Regierung eingewilligt hatte, folgten selbstverstaendlich die staedtischen Vertretungen nach; in Asia hatten bereits unter Augustus wenigstens alle Vororte der Gerichtssprengel ihr Caesareum und ihr Kaiserfest ^21. Recht und Pflicht des Oberpriesters war es, in seinem Sprengel die Ausfuehrung dieser provinzialen und munizipalen Dekrete und die Uebung des Kultus zu ueberwachen; was dies zu bedeuten hatte, erlaeutert die Tatsache, dass der freien Stadt Kyzikos in Asia unter Tiberius die Autonomie unter anderem auch darum aberkannt ward, weil sie den dekretierten Bau des Tempels des Gottes Augustus hatte liegenlassen - vielleicht eben, weil sie als freie Stadt nicht unter dem Landtag stand. Wahrscheinlich hat sogar diese Oberaufsicht, obwohl sie zunaechst dem Kaiserkultus galt, sich auf die Religionsangelegenheiten ueberhaupt erstreckt ^22. Als dann der alte und der neue Glaube im Reiche um die Herrschaft zu ringen begannen, ist deren Gegensatz wohl zunaechst durch das provinziale Oberpriestertum zum Konflikt geworden. Diese aus den vornehmen Provinzialen von dem Landtag der Provinz bestellten Priester waren durch ihre Traditionen wie durch ihre Amtspflichten weit mehr als die Reichsbeamten berufen und geneigt, auf Vernachlaessigung des anerkannten Gottesdienstes zu achten und, wo Abmahnung nicht half, da sie selber eine Strafgewalt nicht hatten, die nach buergerlichem Recht strafbare Handlung bei den Orts- oder den Reichsbehoerden zur Anzeige zu bringen und den weltlichen Arm zu Hilfe zu rufen, vor allem den Christen gegenueber die Forderungen des Kaiserkultus geltend zu machen. In der spaeteren Zeit schreiben die altglaeubigen Regenten diesen Oberpriestern sogar ausdruecklich vor, selbst und durch die ihnen unterstellten staedtischen Priester die Kontraventionen gegen die bestehende Glaubensordnung zu ahnden und weisen denselben genau die Rolle zu, welche unter den Kaisern des neuen Glaubens der Metropolit und seine staedtischen Bischoefe einnehmen ^23. Wahrscheinlich hat hier nicht die heidnische Ordnung die christlichen Institutionen kopiert, sondern umgekehrt die siegende christliche Kirche ihr hierarchisches Ruestzeug dem feindlichen Arsenal entnommen. Alles dies galt, wie bemerkt, fuer das ganze Reich; aber die sehr praktischen Konsequenzen der provinzialen Regulierung des Kaiserkultus, die religioese Aufsichtfuehrung und die Verfolgung der Andersglaeubigen, sind vorzugsweise in Kleinasien gezogen worden.


^21 CIG 3902b. ^22 Dion von Prusa (or. 35 p. 66 R.) nennt die Asiarchen und die analogen Archonten (ihre Agonothesie bezeichnet er deutlich, und auf sie fuehren auch die verdorbenen Worte to?s epon?moys t/o/n d?o /e/peir/o/n t/e/s esperas ol/e/s, wofuer wohl zu schreiben ist t/e/s eteras ol/e/s) to?s apant/o/n archontas t/o/n iere/o/n. Es fehlt bekanntlich bei der Bezeichnung der Provinzialpriester fast stehend die ausdrueckliche Beziehung auf den Kaiserkult; wenn sie in ihren Sprengeln die Rolle spielen sollten wie der Pontifex maximus in Rom, so hatte das seinen guten Grund. ^23 Maximinus stellte zu diesem Zweck dem Oberpriester der einzelnen Provinz militaerische Hilfe zur Verfuegung (Eus. hist. eccl. 8, 14, 9); und der beruehmte Brief Julians (epist. 49; vgl. epist. 63) an den damaligen Galatarchen gibt ein deutliches Bild der Obliegenheiten desselben. Er soll das ganze Religionswesen der Provinz beaufsichtigen; dem Statthalter gegenueber seine Selbstaendigkeit wahren, nicht bei ihm antichambrieren, ihm nicht gestatten mit militaerischer Eskorte im Tempel aufzutreten, ihn nicht vor, sondern in dem Tempel empfangen, innerhalb dessen er der Herr und der Statthalter Privatmann ist; von den Unterstuetzungen, die die Regierung fuer die Provinz ausgeworfen hat (30000 Scheffel Getreide und 60000 Sextarien Wein) den fuenften Teil an die in die Klientel der heidnischen Priester tretenden Armen spenden, das Uebrige sonst zu mildtaetigen Zwecken verwenden; in jeder Stadt der Provinz womoeglich mit Beihilfe der Privaten Verpflegungshaeuser (xenodocheia) nicht bloss fuer Heiden, sondern fuer jedermann ins Leben rufen und den Christen nicht ferner das Monopol der guten Werke gestatten; die saemtlichen Priester der Provinz durch Beispiel und Ermahnung ueberhaupt zum gottesfuerchtigen Wandel und zur Vermeidung des Besuchs der Theater und der Schenken anhalten und insbesondere zum fleissigen Besuch der Tempel mit ihrer Familie und ihrem Gesinde oder, wenn sie nicht zu bessern sind, sie absetzen. Es ist ein Hirtenbrief in bester Form, nur mit veraenderter Adresse und mit Zitaten aus Homer statt aus der Bibel. So deutlich diese Anordnungen den Stempel des bereits zusammenbrechenden Heidentums an sich tragen und so gewiss sie in dieser Ausdehnung der frueheren Epoche fremd sind, so erscheint doch das Fundament, die allgemeine Oberaufsicht des Oberpriesters der Provinz ueber das Kultwesen, keineswegs als eine neue Einrichtung.


Neben dem Kaiserkultus fand auch die eigentliche Gottesverehrung in Kleinasien in bevorzugter Weise ihre Statt und namentlich alle ihre Auswuechse eine Freistatt. Das Unwesen der Asyle und der Wunderkuren hatte ganz besonders hier seinen Sitz. Unter Tiberius wurde die Beschraenkung der ersteren vom roemischen Senat angeordnet; der Heilgott Asklepios tat nirgends mehr und groessere Wunder als in seiner vielgeliebten Stadt Pergamon, die ihn geradezu als Zeus Asklepios verehrte und ihre Bluete in der Kaiserzeit zum guten Teil ihm verdankte. Die wirksamsten Wundertaeter der Kaiserzeit, der spaeter kanonisierte Kappadokier Apollonios von Tyana, sowie der paphlagonische Drachenmann Alexandros von Abonuteichos sind Kleinasiaten. Wenn das allgemeine Verbot der Assoziationen, wie wir sehen werden, in Kleinasien mit besonderer Strenge durchgefuehrt ward, so wird die Ursache wohl hauptsaechlich in den religioesen Verhaeltnissen zu suchen sein, die den Missbrauch solcher Vereinigungen dort besonders nahelegten. Die oeffentliche Sicherheit ruhte im wesentlichen auf dem Lande selbst. In der frueheren Kaiserzeit stand, abgesehen von dem das oestliche Kilikien einschliessenden syrischen Kommando, in ganz Kleinasien nur ein Detachement von 5000 Mann Auxiliartruppen, die in der Provinz Galatien garnisonierten ^24, nebst einer Flotte von 40 Schiffen; es war dies Kommando bestimmt, teils die unruhigen Pisidier niederzuhalten, teils die nordoestliche Reichsgrenze zu decken und die Kueste des Schwarzen Meeres bis zur Krim unter Aufsicht zu halten. Vespasian brachte diese Truppe auf den Stand eines Armeekorps von zwei Legionen und legte deren Staebe in die Provinz Kappadokien an den oberen Euphrat. Ausser diesen fuer die Grenzhut bestimmten Mannschaften gab es damals namhafte Garnisonen in Vorderasien nicht; in der kaiserlichen Provinz Lykien und Pamphylien zum Beispiel stand eine einzige Kohorte von 500 Mann, in den senatorischen Provinzen hoechstens einzelne aus der kaiserlichen Garde oder aus den benachbarten Kaiserprovinzen zu speziellen Zwecken abkommandierte Soldaten ^25. Wenn dies einerseits fuer den inneren Frieden dieser Provinzen auf das nachdruecklichste zeugt und den ungeheuren Abstand der kleinasiatischen Buergerschaften von den ewig unruhigen Hauptstaedten Syriens und Aegyptens deutlich vor Augen fuehrt, so erklaert es andererseits die schon in anderer Verbindung hervorgehobene Stabilitaet des Raeuberwesens in dem durchaus gebirgigen und im Innern zum Teil oeden Lande, namentlich an der mysisch-bithynischen Grenze und in den Bergtaelern Pisidiens und Isauriens. Eigentliche Buergerwehren gab es in Kleinasien nicht. Trotz des Florierens der Turnanstalten fuer Knaben, Juenglinge und Maenner blieben die Hellenen dieser Zeit in Asia so unkriegerisch wie in Europa ^26. Man beschraenkte sich darauf, fuer die Aufrechterhaltung der oeffentlichen Sicherheit staedtische Eirenarchen, Friedensmeister, zu kreieren und ihnen eine Anzahl zum Teil berittener staedtischer Gendarmen zur Verfuegung zu stellen, gedungene Mannschaften von geringem Ansehen, welche aber doch brauchbar gewesen sein muessen, da Kaiser Marcus es nicht verschmaehte, bei dem bitteren Mangel an gedienten Leuten waehrend des Markomannenkrieges diese kleinasiatischen Stadtsoldaten in die Reichstruppen einzureihen ^27.


^24 Diese Truppe kann nach der Stellung bei Josephus (bel. Iud. 2,16, 4) zwischen den nicht mit Garnison belegten Provinzen Asia und Kappadokien nur auf Galatien bezogen werden. Natuerlich gab sie auch die Detachements, welche in den abhaengigen Gebieten am Kaukasus standen, damals -unter Nero- wie es scheint, auch die auf dem Bosporus selbst stehenden, wobei freilich auch das moesische Korps beteiligt war. ^25 Praetorianer stationaribus Ephesi: Eph. epigr. IV, n. 70. Ein Soldat in statione Nicomedensi: Plin. ep. ad Trai. 74. Ein Legionarcenturio in Byzantium: daselbst 77, 78. ^26 In dem kleinasiatischen Munizipalwesen kommt alles vor, nur nicht das Waffenwesen. Der smyrnaeische strat/e/gos epi t/o/n opl/o/n ist natuerlich eine Reminiszenz so gut wie der Kultus des Herakles oploph?lax (CIG 3162). ^27 Der Eirenarch von Smyrna sendet, um den Polykarpos zu verhaften, diese Gendarmen aus: ex/e/lth/o/n diogmitai kai ippeis meta t/o/n syn/e/th/o/n aytois opl/o/n, /o/s epi l/e/st/e/n trechontes (Acta mart., S. 39). Dass sie nicht die eigentliche soldatische Ruestung hatten, wird auch sonst bemerkt (Amm. 27, 9, 6: adbibitis semiermibus quibusdam - gegen die Isaurer - quos diogmitas appellaut). Von ihrer Verwendung im Markomannenkrieg berichtet der Biograph des Marcus c. 26: armavit et diogmitas und die Inschrift von Aezani in Phrygien CIG 3031 a 8 = Lebas-Waddington 992: parasch/o/n t/o/ kyr/o/ Kaisari s?mmachon di/o/gmeit/e/n par' eayto?.


Die Justizpflege sowohl der staedtischen Behoerden wie der Statthalter liess auch in dieser Epoche vieles zu wuenschen uebrig; doch bezeichnet das Eintreten der Kaiserherrschaft darin eine Wendung zum Besseren. Das Eingreifen der Reichsgewalt hatte unter der Republik sich auf die strafrechtliche Kontrolle der Reichsbeamten beschraenkt und diese besonders in spaeterer Zeit schwaechlich und parteiisch geuebt oder vielmehr nicht geuebt. Jetzt wurden nicht bloss in Rom die Zuegel schaerfer angezogen, indem die strenge Beaufsichtigung der eigenen Beamten von dem einheitlichen Militaerregiment unzertrennlich war und auch der Reichssenat zu schaerferer Ueberwachung der Amtspflege seiner Mandatare veranlasst wurde, sondern es wurde jetzt moeglich, die Missgriffe der Provinzialgerichte im Wege der neu eingefuehrten Appellation zu beseitigen oder auch, wo unparteiisches Gericht in der Provinz nicht erwartet werden konnte, den Prozess nach Rom vor das Kaisergericht zu ziehen ^28. Beides kam auch den senatorischen Provinzen zugute und ist allem Anschein nach ueberwiegend als Wohltat empfunden worden.


^28 In Knidos (BCH 7, 1883, S. 62) hatten im Jahre 741/42 (13/12) einige, wie es scheint, angesehene Buerger das Haus eines ihnen persoenlich Verfeindeten drei Naechte hindurch gestuermt; bei der Abwehr hatte einer der Sklaven des belagerten Hauses durch ein aus dem Fenster geworfenes Gefaess den einen der Angreifer getoetet. Die Besitzer des belagerten Hauses wurden darauf des Totschlags angeklagt, perhorreszierten aber, da sie die oeffentliche Meinung gegen sich hatten, das staedtische Gericht und verlangten die Entscheidung durch den Spruch des Kaisers Augustus. Dieser liess die Sache durch einen Kommissar untersuchen und sprach die Angeklagten frei, wovon er die Behoerde in Knidos in Kenntnis setzte mit der Bemerkung, dass sie die Angelegenheit nicht unparteiisch behandelt haetten, und sie anwies, sich nach seinem Spruche zu verhalten. Das ist allerdings, da Knidos eine freie Stadt war, ein Eingreifen in deren souveraene Rechte, wie auch in Athen Appellation an den Kaiser und sogar an den Prokonsul in hadrianischer Zeit statthaft war. Aber wer die Justizverhaeltnisse einer Griechenstadt dieser Epoche und dieser Stellung erwaegt, wird nicht zweifeln, dass durch derartiges Eingreifen wohl mancher ungerechte Spruch veranlasst, aber viel haeufiger ein solcher verhindert ward.


Wie bei den Hellenen Europas, so ist in Kleinasien die roemische Provinz wesentlich ein Komplex staedtischer Gemeinden. Wie in Hellas werden auch hier die ueberkommenen Formen der demokratischen Politie im allgemeinen festgehalten, die Beamten zum Beispiel auch ferner von den Buergerschaften gewaehlt, ueberall aber der bestimmende Einfluss in die Haende der Begueterten gelegt und dem Belieben der Menge so wie dem ernstlichen politischen Ehrgeiz kein Spielraum gestattet. Unter den Beschraenkungen der munizipalen Autonomie ist den kleinasiatischen Staedten eigentuemlich, dass den schon erwaehnten Eirenarchen, den staedtischen Polizeimeister, spaeterhin der Statthalter aus einer von dem Rat der Stadt aufgestellten Liste von zehn Personen ernannte. Die Regierungskuratel der staedtischen Finanzverwaltung, die kaiserliche Bestellung eines nicht der Stadt selbst angehoerigen Vermoegenspflegers (curator rei publicae, logist/e/s), dessen Konsens die staedtischen Behoerden bei wichtigeren Vermoegenshandlungen einzuholen haben, ist niemals allgemein, sondern nach Beduerfnis fuer diese oder jene Stadt angeordnet worden, in Kleinasien aber entsprechend der Bedeutung seiner staedtischen Entwicklung besonders frueh, das heisst seit dem Anfang des 2. Jahrhunderts, und besonders umfassend eingetreten. Wenigstens im 3. Jahrhundert mussten auch hier wie anderswo sonstige wichtige Beschluesse der Gemeindeverwaltung dem Statthalter zur Bestaetigung unterbreitet werden. Uniformierung der Gemeindeverfassung hat die roemische Regierung nirgends und am wenigsten in den hellenischen Landschaften durchgefuehrt; auch in Kleinasien herrschte darin grosse Mannigfaltigkeit und vermutlich vielfach das Belieben der einzelnen Buergerschaften, obwohl fuer die derselben Provinz angehoerigen Gemeinden das eine jede Provinz organisierende Gesetz allgemeine Normen vorschrieb. Was der Art von Institutionen als in Kleinasien verbreitet und vorherrschend diesem Landesteil eigentuemlich angesehen werden kann, traegt keinen politischen Charakter, sondern ist nur etwa fuer die sozialen Verhaeltnisse bezeichnend, wie die ueber ganz Kleinasien verbreiteten Verbaende teils der aelteren, teils der juengeren Buerger, die Gerusia und die Neoi, Ressourcen fuer die beiden Altersklassen mit entsprechenden Turnplaetzen und Festen ^29. Autonome Gemeinden gab es in Kleinasien von Haus aus bei weitem weniger als in dem eigentlichen Hellas, und namentlich die bedeutendsten kleinasiatischen Staedte haben diese zweifelhafte Auszeichnung niemals gehabt oder doch frueh verloren, wie Kyzikos unter Tiberius, Samos durch Vespasian. Kleinasien war eben altes Untertanengebiet und unter den persischen wie unter den hellenischen Herrschern an monarchische Ordnung gewoehnt; weniger als in Hellas fuehrte hier unnuetzes Erinnern und unklares Hoffen hinaus ueber den beschraenkten munizipalen Horizont der Gegenwart, und nicht vieles der Art stoerte den friedlichen Genuss des unter den bestehenden Verhaeltnissen moeglichen Lebensglueckes.


^29 Die in kleinasiatischen Inschriften oft erwaehnte Gerusia hat mit der von Lysimachos in Ephesos getroffenen gleichnamigen politischen Einrichtung (Strab. 14, 1, 21 p. 640; Wood, Ephesus. Inscriptions from the temple of Diana, n. 19) nichts weiter gemein; den Charakter derselben in roemischer Zeit bezeichnet teils Vitruvius (2, 8, 10): Croesi (damum) Sardiani civibus ad requiescendum aetatis otio seniorum collegio gerusiam dedicaverunt, teils die in der lykischen Stadt Sidyma kuerzlich gefundene Inschrift (Benndorf, Reisen, Bd. 1, S. 71), wonach Rat und Volk beschliessen, wie das Gesetz es fordert, eine Gerusia einzurichten und in diese 50 Buleuten und 50 andere Buerger einzuwaehlen, welche dann einen Gymnasiarchen der neuen Gerusia bestellen. Dieser auch sonst begegnende Gymnasiarch sowie der Hymnode der Gerusia (Menadier, Qua condicione Ephesii usi sint, p. 51) sind unter den uns bekannten Aemtern dieser Koerperschaft die einzigen fuer ihre Beschaffenheit charakteristischen. Analog, aber weniger angesehen, sind die Kollegien der neoi die auch ihre eigenen Gymnasiarchen haben. Zu den beiden Aufsehern der Turnplaetze fuer die erwachsenen Buerger machen den Gegensatz die Gymnasiarchen der Epheben (Menadier, p. 91). Gemeinschaftliche Mahlzeiten und Feste (auf die der Hymnode sich bezieht) fehlten natuerlich namentlich bei der Gerusia nicht. Sie ist keine Armenversorgung, aber auch kein der munizipalen Aristokratie reserviertes Kollegium charakteristisch fuer die Weise des buergerlichen Verkehrs der Griechen, bei welchen der Turnplatz etwa ist, was in unseren kleinen Staedten die Buergercasinos.


Solchen Lebensglueckes gab es in Kleinasien unter dem roemischen Kaiserregiment die Fuelle. "Keine Provinz von allen", sagt ein in Smyrna unter den Antoninen lebender Schriftsteller, "hat so viele Staedte aufzuweisen wie die unsrige und keine solche wie unsere groessten. Ihr kommen zugute die reizende Gegend, die Gunst des Klimas, die mannigfaltigen Produkte, die Lage im Mittelpunkt des Reiches, ein Kranz ringsum befriedeter Voelker, die gute Ordnung, die Seltenheit der Verbrechen, die milde Behandlung der Sklaven, die Ruecksicht und das Wohlwollen der Herrscher." Asia hiess, wie schon gesagt ward, die Provinz der fuenfhundert Staedte, und wenn das wasserlose, zum Teil nur zur Weide geeignete Binnenland Phrygiens, Lykaoniens, Galatiens, Kappadokiens auch in jener Zeit nur duenn bevoelkert war, stand die uebrige Kueste hinter Asia nicht weit zurueck. Die dauernde Bluete der kulturfaehigen Landschaften Kleinasiens erstreckt sich nicht bloss auf die Staedte glaenzenden Namens, wie Ephesos, Smyrna, Laodikeia, Apameia; wo immer ein von der Verwuestung der anderthalb Jahrtausende, die uns von jener Zeit trennen, vergessener Winkel des Landes sich der Forschung erschliesst, da ist das erste und das maechtigste Gefuehl das Entsetzen, fast moechte man sagen die Scham ueber den Kontrast der elenden und jammervollen Gegenwart mit dem Glueck und dem Glanz der vergangenen Roemerzeit. Auf einer abgelegenen Bergspitze unweit der lykischen Kueste, da, wo nach der griechischen Fabel die Chimaera hauste, lag das alte Kragos, wahrscheinlich nur aus Balken und Lehmziegeln gebaut und darum spurlos verschwunden bis auf die zyklopische Festungsmauer am Fuss des Huegels. Unter der Kuppe breitet ein anmutiges fruchtbares Tal sich aus, mit frischer Alpenluft und suedlicher Vegetation, umgeben von Wald- und wildreichen Bergen. Als unter Kaiser Claudius Lykien Provinz ward, verlegte die roemische Regierung die Bergstadt, das "gruene Kragos" des Horaz, in diese Ebene; auf dem Marktplatz der neuen Stadt Sidyma stehen noch die Reste des viersaeuligen, dem Kaiser damals gewidmeten Tempels und einer stattlichen Saeulenhalle, welche ein von dort gebuertiger, als Arzt zu Vermoegen gelangter Buerger in seiner Vaterstadt baute. Statuen der Kaiser und verdienter Mitbuerger schmueckten den Markt; es gab in der Stadt einen Tempel ihrer Schutzgoetter, der Artetuis und des Apollon, Baeder, Turnanstalten (gymnasia) fuer die aeltere wie fuer die juengere Buergerschaft; von den Toren zogen sich an der Hauptstrasse, die steil am Gebirge hinab nach dem Hafen Kalabatia fuehrte, zu beiden Seiten Reihen hin von steinernen Grabmonumenten, stattlicher und kostbarer als die Pompeiis und grossenteils noch aufrecht, waehrend die vermutlich wie die der Altstadt aus vergaenglichem Material gebauten Haeuser verschwunden sind. Auf den Stand und die Art der einstmaligen Bewohner gestattet einen Schluss ein kuerzlich dort aufgefundener, wahrscheinlich unter Commodus gefasster Gemeindebeschluss ueber die Konstituierung der Ressource fuer die aelteren Buerger; dieselbe wurde zusammengesetzt aus hundert zur Haelfte dem Stadtrat, zur Haelfte der uebrigen Buergerschaft entnommenen Mitgliedern, darunter nicht mehr als drei Freigelassene und ein Bastardkind, alle uebrigen in rechter Ehe erzeugt und zum Teil nachweislich alten und wohlhabenden Buergerhaeusern angehoerig. Einzelne dieser Familien sind zum roemischen Buergerrecht gelangt, eine sogar in den Reichssenat. Aber auch im Ausland blieb dieses senatorische Haus sowohl wie verschiedene aus Sidyma gebuertige auswaerts und selbst am kaiserlichen Hof beschaeftigte Aerzte der Heimat eingedenk, und mehrere derselben haben ihr Leben daselbst beschlossen; einer dieser angesehenen Stadtbuerger hat in einem nicht gerade vortrefflichen, aber sehr gelehrten und sehr patriotischen Elaborat die Legenden der Stadt und die sie betreffenden Weissagungen zusammengefasst und diese Memorabilien oeffentlich aufstellen lassen. Dies Kragos-Sidyma stimmte auf dem Landtag der kleinen lykischen Provinz nicht unter den Staedten erster Klasse, war ohne Theater, ohne Ehrentitel und ohne jene allgemeinen Feste, die in der damaligen Welt die Grossstadt bezeichnen, auch nach der Auffassung der Alten eine kleine Provinzialstadt und durchaus eine Schoepfung der roemischen Kaiserzeit. Aber im ganzen Vilajet Aidin ist heute kein Binnenort, der fuer zivilisierte Existenz auch nur entfernt diesem Bergstaedtchen, wie es war, an die Seite gestellt werden koennte. Was in diesem abgeschiedenen Fleck noch heute leben dig vor Augen steht, das ist in einer ungezaehlten Menge anderer Staedte unter der verwuestenden Menschenhand bis auf geringe Reste oder auch spurlos verschwunden. Einen gewissen Ueberblick dieser Fuelle gewaehrt die den Staedten in Kupfer freigegebene Muenzpraegung der Kaiserzeit: keine Provinz kann in der Zahl der Muenzstaetten und der Mannigfaltigkeit der Darstellungen sich auch nur von weitem mit Asia messen. Freilich fehlt diesem Aufgehen aller Interessen in der heimatlichen Kleinstadt die Kehrseite so wenig in Kleinasien wie bei den europaeischen Griechen. Was ueber deren Gemeindeverwaltung gesagt ist, gilt in der Hauptsache auch hier. Der staedtischen Finanzwirtschaft, die sich ohne rechte Kontrolle weiss, fehlt Stetigkeit und Sparsamkeit und oft selbst die Ehrlichkeit; bei den Bauten werden bald die Kraefte der Stadt ueberschritten, bald auch das Noetigste unterlassen; die kleineren Buerger gewoehnen sich an die Spenden der Stadtkasse oder der vermoegenden Leute, an das freie Oel in den Baedern, an Buergerschmaeuse und Volksbelustigungen aus fremder Tasche, die guten Haeuser an die Klientel der Menge mit ihren demuetigen Huldigungen, ihren Bettelintrigen, ihren Spaltungen; Rivalitaeten bestehen wie zwischen Stadt und Stadt, so in jeder Stadt zwischen den einzelnen Kreisen und den einzelnen Haeusern; die Bildung von Armenvereinen und von freiwilligen Feuerwehren, wie sie im Okzident ueberall bestanden, wagt die Regierung in Kleinasien nicht einzufuehren, weil das Faktionswesen hier sich jeder Assoziation sofort bemaechtigt. Der stille See wird leicht zum Sumpf, und das Fehlen des grossen Wellenschlags der allgemeinen Interessen ist auch in Kleinasien deutlich zu spueren. Kleinasien, insbesondere Vorderasien, war eines der reichsten Gebiete des grossen Roemerstaats. Wohl hatte das Missregiment der Republik, die dadurch hervorgerufenen Katastrophen der mithradatischen Zeit, dann das Piratenunwesen, endlich die vieljaehrigen Buergerkriege, welche finanziell wenige Provinzen so schwer betroffen hatten wie diese, die Vermoegensverhaeltnisse der Gemeinden und der Einzelnen daselbst so vollstaendig zerruettet, dass Augustus zu dem aeussersten Mittel der Niederschlagung aller Schuldforderungen griff; auch machten mit Ausnahme der Rhodier alle Asiaten von diesem gefaehrlichen Heilmittel Gebrauch. Aber das wiedereintretende Friedensregiment glich vieles aus. Nicht ueberall - die Inseln des Aegaeischen Meers zum Beispiel haben sich nie seitdem wieder erholt -, aber in den meisten Orten waren, schon als Augustus starb, die Wunden wie die Heilmittel vergessen, und in diesem Zustand blieb das Land drei Jahrhunderte bis auf die Epoche der Gotenkriege. Die Summen, zu welchen die Staedte Kleinasiens angesetzt waren und die sie selbst, allerdings unter Kontrolle des Statthalters, zu repartieren und aufzubringen hatten, bildeten eine der bedeutendsten Einnahmequellen der Reichskasse. Wie die Steuerlast sich zu der Leistungsfaehigkeit der Besteuerten verhielt, vermoegen wir nicht zu konstatieren; eigentliche dauernde Ueberbuerdung aber vertraegt sich nicht mit den Zustaenden, in denen wir das Land bis gegen die Mitte des 3. Jahrhunderts finden. Mehr vielleicht noch die Schlaffheit des Regiments als absichtliche Schonung mag die fiskalische Beschraenkung des Verkehrs und die nicht bloss fuer den Besteuerten unbequeme Anziehung der Steuerschraube in Schranken gehalten haben. Bei grossen Kalamitaeten, namentlich bei den Erdbeben, welche unter Tiberius zwoelf bluehende Staedte Asias, vor allem Sardes, unter Pius eine Anzahl karischer und lykischer und die Inseln Kos und Rhodos entsetzlich heimsuchten, trat die Privat- und vor allem die Reichshilfe mit grossartiger Freigebigkeit ein und spendete den Kleinasiaten den vollen Segen des Grossstaats, die Samtverbuergung aller fuer alle. Der Wegebau, den die Roemer bei der ersten Einrichtung der Provinz Asia durch Manius Aquillius in Angriff genommen hatten, ist in der Kaiserzeit in Kleinasien nur da ernstlich gefoerdert worden, wo groessere Besatzungen standen, namentlich in Kappadokien und dem benachbarten Galatien, seit Vespasian am mittleren Euphrat Legionslager eingerichtet hatte ^30. In den uebrigen Provinzen ist dafuer nicht viel geschehen, zum Teil ohne Zweifel in Folge der Schlaffheit des senatorischen Regiments; wo immer hier Wege von Staatswegen gebaut wurden, geschah es auf kaiserliche Anordnung ^31.


^30 Die Meilensteine beginnen hier mit Vespasian (CIL III, 306) und sind seitdem zahlreich namentlich von Domitian bis auf Hadrian. ^31 Am deutlichsten zeigen dies die in der Senatsprovinz Bithynien unter Nero und Vespasian durch den kaiserlichen Prokurator ausgefuehrten Wegebauten (CIL III, 346; Eph. epigr. V, n. 96). Aber auch bei den Wegebauten in den senatorischen Provinzen Asia und Kypros wird der Senat nie genannt, und es wird dafuer dasselbe angenommen werden duerfen. Im dritten Jahrhundert ist hier wie ueberall der Bau auch der Reichsstrassen auf die Kommunen uebergegangen (Smyrna: CIL III, 471; Thyateira: BCH 1, 1877, S. 101; Paphos: CIL III, 218).


Diese Bluete Kleinasiens ist nicht das Werk einer Regierung von ueberlegener Einsicht und energischer Tatkraft. Die politischen Einrichtungen, die gewerblichen und kommerziellen Anregungen, die literarische und kuenstlerische Initiative gehoeren in Kleinasien durchaus den alten Freistaedten oder den Attaliden. Was die roemische Regierung dem Lande gegeben hat, war wesentlich der dauernde Friedensstand und die Duldung des Wohlstandes im Innern, die Abwesenheit derjenigen Regierungsweisheit, die jedes gesunde Paar Arme und jedes ersparte Geldstueck betrachtet als ihren unmittelbaren Zwecken von Rechts wegen verfallen - negative Tugenden keineswegs hervorragender Persoenlichkeiten, aber oftmals dem gemeinen Gedeihen erspriesslicher als die Grosstaten der selbstgesetzten Vormuender der Menschheit. Der Wohlstand Kleinasiens beruhte in schoenem Gleichgewicht ebenso auf der Bodenkultur wie auf der Industrie und dem Handel. Die Gunst der Natur ist insbesondere den Kuestenlandschaften in reichstem Masse zuteil geworden, und vielfach zeigt es sich, mit wie emsigem Fleiss auch unter schwierigeren Verhaeltnis sen, zum Beispiel in dem felsigen Tal des Eurymedon in Pamphylien von den Buergern von Selge, jedes irgend brauchbare Bodenstueck ausgenutzt ward. Die Erzeugnisse der kleinasiatischen Industrie sind zu zahlreich und zu mannigfaltig, um bei den einzelnen zu verweilen ^32; erwaehnt mag werden, dass die ungeheuren Triften des Binnenlandes mit ihren Schaf- und Ziegenherden Kleinasien zum Hauptland der Wollindustrie und der Weberei ueberhaupt gemacht haben - es genuegt zu erinnern an die milesische und die galatische, das ist die Angorawolle, die attalischen Goldstickereien, die nach nervischer, das heisst flandrischer Art in den Fabriken des phrygischen Laodikeia gefertigten Tuche. Dass in Ephesos fast ein Aufstand ausgebrochen waere, weil die Goldschmiede von dem neuen Christenglauben Beschaedigung ihres Absatzes von Heiligenbildern befuerchteten, ist bekannt. In Philadelpheia, einer bedeutenden Stadt Lydiens, kennen wir von den sieben Quartieren die Namen zweier: es sind die der Wollenweber und der Schuster. Wahrscheinlich tritt hier zu Tage, was bei den uebrigen Staedten unter aelteren und vornehmeren Namen sich versteckt, dass die bedeutenderen Staedte Asias durchgaengig nicht bloss eine Menge Handwerker, sondern auch eine zahlreiche Fabrikbevoelkerung in sich schlossen. Der Geld- und Handelsverkehr ruhte in Kleinasien hauptsaechlich auf der eigenen Produktion. Der grosse auslaendische Import und Export Syriens und Aegyptens war hier in der Hauptsache ausgeschlossen, wenn auch aus den oestlichen Laendern mancherlei Artikel, zum Beispiel durch die galatischen Haendler eine betraechtliche Zahl von Sklaven nach Kleinasien eingefuehrt wurden ^33. Aber wenn die roemischen Kaufleute hier, wie es scheint, in jeder grossen und kleinen Stadt, selbst in Orten wie Ilion und Assos in Mysien, Prymnessos und Traianopolis in Phrygien, in solcher Zahl zu finden waren, dass ihre Vereine neben der Stadtbuergerschaft bei oeffentlichen Akten sich zu beteiligen pflegen; wenn in Hierapolis im phrygischen Binnenland ein Fabrikant (ergast/e/s) auf sein Grab schreiben liess, dass er zweiundsiebzigmal in seinem Leben um Kap Malea nach Italien gefahren sei, und ein roemischer Dichter den Kaufmann der Hauptstadt schildert, welcher nach dem Hafen eilt, um den Geschaeftsfreund aus dem nicht weit von Hierapolis entfernten Kibyra nicht in die Haende von Konkurrenten fallen zu lassen, so oeffnet sich damit ein Einblick in ein reges gewerbliches und kaufmaennisches Treiben nicht bloss in den Hoefen. Von dem stetigen Verkehr mit Italien zeugt auch die Sprache; unter den in Kleinasien gangbar gewordenen lateinischen Woertern ruehren nicht wenige aus solchem Verkehr her, wie denn in Ephesos sogar die Gilde der Wollenweber sich lateinisch benennt ^34. Lehrer aller Art und Aerzte kamen nach Italien und den uebrigen Laendern lateinischer Zunge vorzugsweise von hier und gewannen nicht bloss oftmals bedeutendes Vermoegen, sondern brachten dies auch in ihre Heimat zurueck; unter denen, welchen die Staedte Kleinasiens Bauwerke oder Stiftungen verdanken, nehmen die reich gewordenen Aerzte ^35 und Literaten einen hervorragenden Platz ein. Endlich die Auswanderung der grossen Familien nach Italien hat Kleinasien weniger und spaeter betroffen als den Okzident; aus Vienna und Narbo siedelte man leichter nach der Hauptstadt des Reiches ueber als aus den griechischen Staedten, und auch die Regierung war in frueherer Zeit nicht eben geneigt, die vornehmen Munizipalen Kleinasiens an den Hof zu ziehen und sie in die roemische Aristokratie einzufuehren.


^32 Die Christen des Kuestenstaedtchens Korykos im Rauhen Kilikien pflegten, gegen den allgemeinen Gebrauch, ihren Grabschriften regelmaessig den Stand beizusetzen. Auf den dort von Langlois und neuerdings von Duchesne (BCH 7,1883, S. 230f.) aufgenommenen Grabschriften finden sich ein Schreiber (notarios), ein Weinhaendler (oinemporos) zwei PHlhaendler (eleop/o/l/e/s) ein Gemuesehaendler (lachanop/o/l/e/s), ein Fruchthaendler (op/o/rop/o/l/e/s), zwei Kraemer (kap/e/los), fuenf Goldschmiede (ayrarios dreimal, chrysochoos zweimal), wovon einer auch Presbyter ist, vier Kupferschmiede (chalkotypos einmal, chalke?s dreimal), zwei Instrumentenmacher (armenoraphos), fuenf Toepfer (kerame?s), von denen einer als Arbeitgeber (ergodot/e/s) bezeichnet wird, ein anderer zugleich Presbyter ist ein Kleiderhaendler (imatiop/o/l/e/s) zwei Leinwandhaendler (linop/o/l/e/s)drei Weber (othoniakos), ein Wollarbeiter (ereoyrgos), zwei Schuster (kaligarios, kaltarios), ein Kuerschner (inioraphos, wohl fuer /e/nioraphos, pellio), ein Schiffer (na?kl/e/ros), eine Hebamme (iatrin/e/); ferner ein Gesamtgrab der hochansehnlichen Geldwechsler (s?sstema t/o/n eygenestat/o/n trapezit/o/n). So sah es daselbst im 5. und 6. Jahrhundert aus. ^33 Dieser fuer das 4. Jahrhundert bezeugte Verkehr (Amm. 22, 7 8; Claudianus in Eutr. 1, 59) ist ohne Zweifel aelter. Anderer Art ist es, dass, wie Philostratos (Vita Apoll. 8, 7, 12) angibt, die nicht griechischen Bewohner von Phrygien ihre Kinder an die Sklavenhaendler verkauften. ^34 Synergasia t/o/n lanari/o/n (Wood, Ephesus. City, n. 4). Auch auf den Inschriften von Korykos (Anm. 32) sind lateinische Handwerkerbenennungen haeufig. Die Stufe heisst grados den phrygischen Inschriften CIG 3900, 39021. ^35 Einer von diesen ist Xenophon, des Herakleitos Sohn, von Kos, bekannt aus Tacitus (ann. 12, 61. 67) und Plinius (nat. 29,1, 7) und einer Reihe von Denkmaelern seiner Heimat (BCH 5, 1881, S. 468). Als Leibarzt (archiatros, welcher Titel hier zuerst begegnet) des Kaisers Claudius gewann er solchen Einfluss, dass er mit seiner aerztlichen Taetigkeit die einflussreiche Stellung des kaiserlichen Kabinettssekretaer fuer die griechische Korrespondenz verband (epi t/o/n Ell/e/nikan apokrimat/o/n vgl. Suidas unter Dion?sios Alexandreys) und nicht bloss fuer seinen Bruder und Oheim das roemische Buergerrecht und Offiziersteilen von Ritterrang und fuer sich ausser dem Ritterpferd und dem Offiziersrang noch die Dekoration des Goldkranzes und des Speers bei dem britannischen Triumph erwirkte, sondern auch fuer seine Heimat die Steuerfreiheit. Sein Grabmal steht auf der Insel, und seine dankbaren Landsleute setzten ihm und den Seinigen Statuen und schlugen zu seinem Gedaechtnis Muenzen mit seinem Bildnis. Er ist es, der den todkranken Claudius durch weitere Vergiftung umgebracht haben soll und demgemaess, als ihm wie seinem Nachfolger gleich wert, auf seinen Denkmaelern nicht bloss wie ueblich "Kaiserfreund" (philosebastos) heisst, sondern speziell Freund des Claudius (philokla?dios) und des Nero (philoner/o/n, dies nach sicherer Restitution). Sein Bruder, dem er in dieser Stellung folgte, bezog ein Gehalt von 500000 Sesterzen (100000 Mark), versicherte aber dem Kaiser, dass er nur ihm zuliebe die Stellung angenommen haette, da seine Stadtpraxis ihm 100000 Sesterzen mehr eingetragen habe. Trotz der enormen Summen, die die Brueder ausser fuer Kos namentlich fuer Neapel aufgewendet hatten, hinterliessen sie ein Vermoegen von 30 Mill. Sesterzen (6«  Mill. Mark).


Wenn wir absehen von der wunderbaren Fruehbluete, in welcher das ionische Epos und die aeolische Lyrik, die Anfaenge der Geschichtschreibung und der Philosophie, der Plastik und der Malerei an diesen Gestaden keimten, so war in der Wissenschaft wie in der Kunstuebung die grosse Zeit Kleinasiens die der Attaliden, welche die Erinnerung jener noch groesseren Epoche treulich pflegte. Wenn Smyrna seinem Buerger Homeros goettliche Verehrung erwies, auch Muenzen auf ihn schlug und nach ihm nannte, so drueckt sich darin die Empfindung aus, die ganz Ionien und ganz Kleinasien beherrschte, dass die goettliche Kunst ueberhaupt in Hellas und im Besonderen in Ionien auf die Erde niedergestiegen sei. Wie frueh und in welchem Umfang fuer den Elementarunterricht in diesen Gegenden oeffentlich gesorgt worden ist, veranschaulicht ein denselben betreffender Beschluss der Stadt Teos ^36 in Lydien. Danach soll, nachdem die Kapitalschenkung eines reichen Buergers die Stadt dazu instand gesetzt hat, in Zukunft neben dem Turninspektor (gymnasiarch/e/s) weiter das Ehrenamt eines Schulinspektors (paidonomos) eingerichtet werden. Ferner sollen mit Besoldung angestellt werden drei Schreiblehrer mit Gehalten, je nach den drei Klassen, von 600, 550 und 500 Drachmen, damit im Schreiben saemtliche freie Knaben und Maedchen unterwiesen werden koennen; ebenfalls zwei Turnmeister mit je 500 Drachmen Gehalt, ein Musiklehrer mit Gehalt von 700 Drachmen, welcher die Knaben der beiden letzten Schuljahre und die aus der Schule entlassenen Juenglinge im Lautenschlagen und Zitherspielen unterweist, ein Fechtlehrer mit 300 und ein Lehrer fuer Bogenschiessen und Speerwerfen mit 250 Drachmen Besoldung. Die Schreib- und der Musiklehrer sollen jaehrlich im Rathaus ein oeffentliches Examen der Schueler abhalten. Das ist das Kleinasien der Attalidenzeit; aber die roemische Republik hat deren Arbeit nicht fortgesetzt. Sie liess ihre Siege ueber die Galater nicht durch den Meissel verewigen, und die pergamenische Bibliothek kam kurz vor der Aktfischen Schlacht nach Alexandreia; viele der besten Keime sind in der Verwuestung der Mithradatischen und der Buergerkriege zugrunde gegangen. Erst in der Kaiserzeit regenerierte sich mit dem Wohlstande Kleinasiens wenigstens aeusserlich die Pflege der Kunst und vor allem der Literatur. Einen eigentlichen Primat, wie ihn als Universitaetsstadt Athen besass, im Kreise der wissenschaftlichen Forschung Alexandreia, fuer Schauspiel und Ballett die leichtfertige Hauptstadt Syriens, kann keine der zahlreichen Staedte Kleinasiens nach irgendeiner Richtung hin in Anspruch nehmen; aber die allgemeine Bildung ist wahrscheinlich nirgends weiter verbreitet und eingreifender gewesen. Den Lehrern und den Aerzten Befreiung von den mit Kosten verbundenen staedtischen Aemtern und Auftraegen zu gewaehren, muss in Asia frueh ueblich geworden sein; an diese Provinz ist der Erlass des Kaisers Pius gerichtet, welcher, um der fuer die staedtischen Finanzen offenbar sehr beschwerlichen Exemtion Schranken zu setzen, Maximalzahlen dafuer vorschreibt, zum Beispiel den Staedten erster Klasse gestattet, bis zu zehn Aerzten, fuenf Lehrmeistern der Rhetorik und fuenf der Grammatik diese Immunitaet zu gewaehren. Dass in dem Literatentum der Kaiserzeit Kleinasien in erster Reihe steht, beruht auf dem Rhetoren- oder, nach dem spaeterhin ueblichen Ausdruck, dem Sophistenwesen der Epoche, das wir Neueren uns nicht leicht vergegenwaertigen. An die Stelle der Schriftstellerei, die ziemlich aufgehoert hat, etwas zu bedeuten, ist der oeffentliche Vortrag getreten, von der Art etwa unserer heutigen Universitaets- und akademischen Reden, ewig sich neu erzeugend und nur ausnahmsweise gelagert, einmal gehoert und beklatscht und dann auf immer vergessen. Den Inhalt gibt haeufig die Gelegenheit, der Geburtstag des Kaisers, die Ankunft des Statthalters, jedes oeffentliche oder private analoge Ereignis; noch haeufiger wird ohne jede Veranlassung ins Blaue hinein ueber alles geredet, was nicht praktisch und nicht lehrhaft ist. Politische Rede gibt es fuer diese Zeit ueberhaupt nicht, nicht einmal im roemischen Senat. Die Gerichtsrede ist den Griechen nicht mehr der Zielpunkt der Redekunst, sondern steht neben der Rede um der Rede willen als vernachlaessigte und plebejische Schwester, zu der sich ein Meister jener gelegentlich einmal herablaesst. Der Poesie, der Philosophie, der Geschichte wird entnommen, was sich gemeinplaetzig behandeln laesst, waehrend sie alle selbst ueberhaupt wenig und am wenigsten in Kleinasien gepflegt und noch weniger geachtet neben der reinen Wortkunst und von ihr durchseucht verkuemmern. Die grosse Vergangenheit der Nation betrachten diese Redner sozusagen als ihr Sondergut; sie verehren und behandeln den Homer einigermassen wie die Rabbiner die Buecher Moses, und auch in der Religion befleissigen sie sich eifrigster Orthodoxie. Getragen werden diese Vortraege durch alle erlaubten und unerlaubten Hilfsmittel des Theaters, die Kunst der Gestikulation und der Modulation der Stimme, die Pracht des Rednerkostuems, die Kunstgriffe des Virtuosentums, das Faktionswesen, die Konkurrenz, die Claque. Dem grenzenlosen Selbstgefuehl dieser Wortkuenstler entspricht die lebhafte Teilnahme des Publikums, welche derjenigen fuer die Rennpferde nur wenig nachsteht, und der voellig nach Theaterart dieser Teilnahme gegebene Ausdruck; und die Stetigkeit, womit dergleichen Exhibitionen in den groesseren Orten den Gebildeten vorgefuehrt werden, fuegt sie, ebenfalls wie das Theater, ueberall in die staedtischen Lebensgewohnheiten ein. Wenn vielleicht an den Eindruck, welchen in unseren bewegtesten Grossstaedten die obligaten Reden ihrer gelehrten Koerperschaften hervorrufen, sich dies untergegangene Phaenomen fuer unser Verstaendnis einigermassen anknuepfen laesst, so fehlt doch in den heutigen Verhaeltnissen ganz, was in der alten Welt weit die Hauptsache war: das didaktische Moment und die Verknuepfung des zwecklosen oeffentlichen Vortrags mit dem hoeheren Jugendunterricht. Wenn dieser heute, wie man sagt, den Knaben der gebildeten Klasse zum Professor der Philologie erzieht, so erzog er ihn damals zum Professor der Eloquenz, und zwar dieser Eloquenz. Denn die Schulung lief mehr und mehr darauf hinaus, dem Knaben die Fertigkeit beizubringen, ebensolche Vortraege, wie sie eben geschildert wurden, selber, womoeglich in beiden Sprachen, zu halten, und wer mit Nutzen den Kursus absolviert hatte, beklatschte in den analogen Leistungen die Erinnerung an die eigene Schulzeit. Diese Produktion umspannt zwar den Orient wie den Okzident; aber Kleinasien steht voran und gibt den Ton an. Als in der augustischen Zeit die Schulrhetorik in dem lateinischen Jugendunterricht der Hauptstadt Fuss fasste, waren die Haupttraeger neben Italienern und Spaniern zwei Kleinasiaten, Arellius Fuscus und Cestius Pius. Ebendaselbst, wo die ernsthafte Gerichtsrede sich in der besseren Kaiserzeit neben diesem Parasiten behauptete, weist ein geistvoller Advokat der flavischen Zeit auf die ungeheure Kluft hin, welche den Niketes von Smyrna und die andern in Ephesos und Mytilene beklatschten Redeschulmeister von Aeschines und Demosthenes trennt. Bei weitem die meisten und namhaftesten der gefeierten Rhetoren dieser Art sind von der Kueste Vorderasiens. Wie sehr fuer die Finanzen der kleinasiatischen Staedte die Schulmeisterlieferung fuer das ganze Reich ins Gewicht fiel, ist schon bemerkt worden. Im Laufe der Kaiserzeit steigt die Zahl und die Geltung dieser Sophisten bestaendig, und mehr und mehr gewinnen sie Boden auch im Okzident. Die Ursache davon liegt zum Teil wohl in der veraenderten Haltung der Regierung, die im zweiten Jahrhundert, insbesondere seit der nicht so sehr hellenisierenden als uebel kosmopolitisierenden hadrianischen Epoche, sich weniger ablehnend gegen das griechische und das orientalische Wesen verhielt als im ersten; hauptsaechlich aber in der immer zunehmenden Verallgemeinerung der hoeheren Bildung und der rasch sich vermehrenden Zahl der Anstalten fuer den hoeheren Jugendunterricht. Es gehoert also die Sophistik allerdings besonders nach Kleinasien und besonders in das Kleinasien des zweiten und dritten Jahrhunderts; nur darf in diesem Literatenprimat keine spezielle Eigentuemlichkeit dieser Griechen und dieser Epoche oder gar eine nationale Besonderheit gefunden werden. Die Sophistik sieht sich ueberall gleich, in Smyrna und Athen wie in Rom und Karthago; die Eloquenzmeister wurden verschickt wie die Lampenformen und das Fabrikat ueberall in gleicher Weise, nach Verlangen griechisch oder lateinisch, hergestellt, die Fabrikation dem Bedarf entsprechend gesteigert. Aber freilich lieferten diejenigen griechischen Landschaften, die an Wohlstand und Bildung voranstanden, diesen Exportartikel in bester Qualitaet und in groesster Quantitaet; von Kleinasien gilt dies fuer die Zeiten Sullas und Ciceros nicht minder wie fuer die Hadrians und der Antonine.


^36 Die Urkunde steht bei Dittenberger, SIG n. 349. Attalos II. machte eine aehnliche Stiftung in Delphi (BCH 5, 1881, S. 157).


Indes ist auch hier nicht alles Schatten. Eben diese Landschaften besitzen zwar nicht unter den professionellen Sophisten, aber doch unter den Literaten anderer Richtung, die auch noch dort verhaeltnismaessig zahlreich sich finden, die besten Vertreter des Hellenismus, welche diese Epoche ueberhaupt aufweist, den Lehrer der Philosophie, Dion von Prusa, in Bithynien unter Vespasian und Traian und den Mediziner Galenos aus Pergamon, kaiserlicher Leibarzt am Hofe des Marcus und des Severus. Bei Galenos erfreut namentlich die feine Weise des Welt- und des Hofmanns in Verbindung mit einer allgemeinen literarischen und philosophischen Bildung, wie sie bei den Aerzten dieser Zeit ueberhaupt haeufig hervortritt ^37. An Reinheit der Gesinnung und Klarheit ueber die Lage der Dinge gibt der Bithyner Dion dem Gelehrten von Chaeroneia nichts nach, an Gestaltungskraft, an Feinheit und Schlagfertigkeit der Rede, an ernstem Sinn bei leichter Form, an praktischer Energie ist er ihm ueberlegen. Die besten seiner Schriften, die Phantasien von dem idealen Hellenen vor der Erfindung der Stadt und des Geldes, die Ansprache an die Rhodier, die einzigen uebriggebliebenen Vertreter des echten Hellenismus, die Schilderung der Hellenen seiner Zeit in der Verlassenheit von Olbia wie in der Ueppigkeit von Nikomedeia und von Tarsos, die Mahnungen an den Einzelnen zu ernster Lebensfuehrung und an alle zu eintraechtigem Zusammenhalten sind das beste Zeugnis dafuer, dass auch von dem kleinasiatischen Hellenismus der Kaiserzeit das Wort des Dichters gilt: untergehend sogar ist's immer dieselbige Sonne.


^37 Ein Arzt aus Smyrna, Hermogenes, des Charidemos Sohn (CIG 3311), schrieb nicht bloss 77 Baende medizinischen Inhalts, sondern daneben, wie sein Grabstein berichtet, historische Schriften: ueber Smyrna, ueber Homers Vaterland, ueber Homers Weisheit, ueber die Staedtegruendungen in Asia, in Europa, auf den Inseln, Itinerarien von Asien und von Europa, ueber Kriegslisten, chronologische Tabellen ueber die Geschichte Roms und Smyrnas. Ein kaiserlicher Leibarzt Menekrates (CIG 6607), dessen Herkunft nicht angegeben wird, begruendete, wie seine roemischen Verehrer ihm bescheinigen, die neue logische und zugleich empirische Medizin (idias logik/e/s enargo?s iatrik/e/s ktist/e/s) in seinen auf 156 Baende sich belaufenden Schriften.


9. Kapitel Die Euphratgrenze und die Parther Der einzige Grossstaat, mit welchem das Roemische Reich grenzte, war das Reich von Iran ^1, ruhend auf derjenigen Nationalitaet, die im Altertum wie heutzutage am bekanntesten ist unter dem Namen der Perser, staatlich zusammengefasst durch das altpersische Koenigsgeschlecht der Achaemeniden und seinen ersten Grosskoenig Kyros, religioes geeinigt durch den Glauben des Ahura Mazda und des Mithra. Keines der alten Kulturvoelker hat das Problem der nationalen Einigung gleich frueh und gleich vollstaendig geloest. Suedlich reichten die iranischen Staemme bis an den Indischen Ozean, noerdlich bis zum Kaspischen Meer; nordoestlich war die innerasiatische Steppe der stete Kampfplatz der sesshaften Perser und der nomadischen Staemme Turans. Oestlich schieden maechtige Grenzgebirge sie von den Indern. Im westlichen Asien trafen frueh drei grosse Nationen jede ihrerseits vordraengend auf einander: die von Europa aus auf die kleinasiatische Kueste uebergreifenden Hellenen, die von Arabien und Syrien aus in noerdlicher und nordoestlicher Richtung vorschreitenden und das Euphrattal wesentlich ausfuellenden aramaeischen Voelkerschaften, endlich die nicht bloss bis zum Tigris wohnenden, sondern selbst nach Armenien und Kappadokien vorgedrungenen Staemme von Iran, waehrend andersartige Urbewohner dieser weitgedehnten Landschaften unter diesen Vormaechten erlagen und verschwanden. Ueber dieses weite Stammgebiet ging in der Epoche der Achaemeniden, dem Hoehepunkt der Herrlichkeit Irans, die iranische Herrschaft nach allen Seiten, insbesondere aber nach Westen weit hinaus. Abgesehen von den Zeiten, wo Turan ueber Iran die Oberhand gewann und die Seldschuken und Mongolen den Persern geboten, ist eigentliche Fremdherrschaft ueber den Kern der iranischen Staemme nur zweimal gekommen, durch den grossen Alexander und seine naechsten Nachfolger und durch die arabischen Kalifen, und beide Male nur auf verhaeltnismaessig kurze Zeit; die oestlichen Landschaften, in jenem Fall die Parther, in diesem die Bewohner des alten Baktrien warfen nicht bloss bald das Joch des Auslaenders wieder ab, sondern verdraengten ihn auch aus dem stammverwandten Westen.


^1 Die Vorstellung, dass das Roemer- und das Partherreich zwei nebeneinander stehende Grossstaaten sind und zwar die einzigen, die es gibt, beherrscht den ganzen roemischen Orient, namentlich die Grenzprovinzen. Greifbar tritt sie uns in der Johanneischen Apokalypse entgegen, in dem Nebeneinanderstellen wie des Reiters auf dem weissen Ross mit dem Bogen und des auf dem roten mit dem Schwert (6 2 3), so der Megistanen und der Chiliarchen (6, 15 vgl. 18, 23; 19, 18). Auch die Schlusskatastrophe ist gedacht als Ueberwaeltigung der Roemer durch die den Kaiser Nero zurueckfuehrenden Parther (c. 9,14;16,12) und Armageddon, was immer damit gemeint sein mag, als der Sammelplatz der Orientalen zu dem Gesamtangriff auf den Okzident. Allerdings deutet der im Roemischen Reich schreibende Verfasser diese wenig patriotischen Hoffnungen mehr an, als er sie ausspricht.


Das durch die Parther regenerierte Perserreich fanden die Roemer vor, als sie in der letzten Zeit der Republik in Folge der Besetzung Syriens in unmittelbare Beruehrung mit Iran traten. Wir haben dieses Staats schon mehrfach frueherhin zu gedenken gehabt; hier ist der Ort, das Wenige zusammenzufassen, was ueber die Eigentuemlichkeit des auch fuer die Geschicke des Nachbarstaats so vielfach ausschlaggebenden Reiches sich erkennen laesst. Allerdings hat auf die meisten Fragen, die der Geschichtsforscher hier zu stellen hat, die Ueberlieferung keine Antwort. Die Okzidentalen geben ueber die inneren Verhaeltnisse ihrer parthischen Nachbarn und Feinde nur gelegentliche, in der Vereinzelung leicht irrefuehrende Notizen; und wenn die Orientalen es ueberhaupt kaum verstanden haben, die geschichtliche Ueberlieferung zu fixieren und zu bewahren, so gilt dies doppelt von der Arsakidenzeit, da diese den spaeteren Iranern mit der vorhergehenden Fremdherrschaft der Seleukiden zusammen als unberechtigte Usurpation zwischen der alt- und der neupersischen Herrschaftsperiode, den Achaemeniden und den Sassaniden gegolten hat; dies halbe Jahrtausend wird sozusagen aus der Geschichte Irans herauskorrigiert ^2 und ist wie nicht vorhanden.


^2 Dies gilt sogar einigermassen fuer die Chronologie. Die offizielle Historiographie der Sassaniden reduziert den Zeitraum zwischen dem letzten Dareios und dem ersten Sassaniden von 558 auf 266 Jahre (Tabari, Geschichte der Perser und Araber. Hrsg. v. Th. Noeldeke. Leiden 1879, S. 1).


Der Standpunkt, den die Hofhistoriographen der Sassanidendynastie damit einnahmen, ist mehr der legitimistisch-dynastische des persischen Adels als derjenige der iranischen Nationalitaet. Freilich bezeichnen die Schriftsteller der ersten Kaiserzeit die Sprache der Parther, deren Heimat etwa dem heutigen Chorasan entspricht, als mitten inne stehend zwischen der medischen und der skythischen, das heisst als einen unreinen iranischen Dialekt; dem entsprechend galten sie als Einwanderer aus dem Land der Skythen und in diesem Sinne wird ihr Name auf fluechtige Leute gedeutet und der Gruender der Dynastie Arsakes zwar von einigen fuer einen Baktrer, von andern dagegen fuer einen Skythen von der Maeotis erklaert. Dass ihre Fuersten nicht in Seleukeia am Tigris ihre Residenz nahmen, sondern in der unmittelbaren Naehe bei Ktesiphon ihr Winterlager aufschlugen, wird darauf zurueckgefuehrt, dass sie die reiche Kaufstadt nicht mit skythischen Truppen haetten belegen wollen. Vieles in der Weise und den Ordnungen der Parther entfernt sich von der iranischen Sitte und erinnert an nomadische Lebensgewohnheiten: zu Pferde handeln und essen sie, und nie geht der freie Mann zu Fuss. Es laesst sich wohl nicht bezweifeln, dass die Parther, deren Namen allein von allen Staemmen dieser Gegend die heiligen Buecher der Perser nicht nennen, dem eigentlichen Iran fern stehen, in welchem die Achaemeniden und die Magier zu Hause sind. Der Gegensatz dieses Iran gegen das aus einem unzivilisierten und halb fremdartigen Distrikt herstammende Herrschergeschlecht und dessen naechstes Gefolge, dieser Gegensatz, den die roemischen Schriftsteller nicht ungern von den persischen Nachbarn uebernahmen, hat allerdings die ganze Arsakidenherrschaft hindurch bestanden und gegaert, bis er schliesslich ihren Sturz herbeifuehrte. Darum aber darf die Herrschaft der Arsakiden noch nicht als Fremdherrschaft gefasst werden. Dem parthischen Stamm und der parthischen Landschaft wurden keine Vorrechte eingeraeumt. Als Residenz der Arsakiden wird zwar auch die parthische Stadt Hekatompylos genannt; aber hauptsaechlich verweilten sie im Sommer in Ekbatana (Ramadan) oder auch in Rhagae gleich den Achaemeniden, im Winter, wie bemerkt, in der Lagerstadt Ktesiphon oder auch in Babylon an der aeussersten westlichen Grenze des Reiches. Das Erbbegraebnis in der Partherstadt Nisaea blieb; aber spaeter diente dafuer haeufiger Arbela in Assyrien. Die arme und ferne parthische Heimatlandschaft war fuer die ueppige Hofhaltung und die wichtigen Beziehungen zu dem Westen, besonders der spaeteren Arsakiden, in keiner Weise geeignet. Das Hauptland blieb auch jetzt Medien, eben wie unter den Achaemeniden. Mochten immer die Arsakiden skythischer Herkunft sein, mehr als auf das, was sie waren, kam darauf an, was sie sein wollten; und sie selber betrachteten und gaben sich durchaus als die Nachfolger des Kyros und des Dareios. Wie die sieben persischen Stammfuersten den falschen Achaemeniden beseitigt und durch die Erhebung des Dareios die legitime Herrschaft wiederhergestellt hatten, so mussten andere sieben die makedonische Fremdherrschaft gestuerzt und den Koenig Arsakes auf den Thron gesetzt haben. Mit dieser patriotischen Fiktion wird weiter zusammenhaengen, dass dem ersten Arsakes statt der skythischen die baktrische Heimat beigelegt ward. Die Tracht und die Etikette am Hof der Arsakiden war die des persischen; nachdem Koenig Mithradates I. seine Herrschaft bis zum Indus und Tigris ausgedehnt hatte, vertauschte die Dynastie den einfachen Koenigstitel mit dem des Koenigs der Koenige, wie ihn die Achaemeniden gefuehrt hatten, und die spitze skythische Kappe mit der hohen perlengeschmueckten Tiara; auf den Muenzen fuehrt der Koenig den Bogen wie Dareios. Auch die mit den Arsakiden in das Land gekommene, ohne Zweifel vielfach mit der alteinheimischen gemischte Aristokratie nahm persische Sitte und Tracht, meistens auch persische Namen an; von dem Partherheer, das mit Crassus stritt, heisst es, dass die Soldaten noch das struppige Haar nach skythischer Weise trugen, der Feldherr aber nach medischer Art mit in der Mitte gescheiteltem Haar und geschminktem Gesicht erschien. Die staatliche Ordnung, wie sie durch den ersten Mithradates festgestellt wurde, ist dementsprechend wesentlich diejenige der Achaemeniden. Das Geschlecht des Begruenders der Dynastie ist mit allem Glanz und mit aller Weihe angestammter und goettlich verordneter Herrschaft umkleidet: sein Name uebertraegt sich von Rechts wegen auf jeden seiner Nachfolger, und es wird ihm goettliche Ehre erwiesen; seine Nachfolger heissen darum auch Gottessoehne ^3 und ausserdem "Brueder des Sonnengottes und der Mondgoettin", wie noch heute der Schah von Persien die Sonne im Titel fuehrt; das Blut eines Gliedes des Koenigsgeschlechts auch nur durch Zufall zu vergiessen, ist ein Sakrilegium - alles Ordnungen, die mit wenigen Abminderungen bei den roemischen Caesaren wiederkehren und vielleicht zum Teil von diesen der aelteren Grossherrschaft entlehnt sind.


^3 Die Unterkoenige der Persis heissen in der Titulatur stehend "Zag Alohin" (wenigstens sollen die aramaeischen Zeichen diesen vermutlich in der Aussprache persisch ausgedrueckten Worten entsprechen), Gottes Sohn (Mordtmann, Zeitschrift fuer Numismatik 4, 1877, S. 155 f.), und dem entspricht auf den griechischen Muenzen der Grosskoenige die Titulatur theopat/o/r. Auch die Bezeichnung "Gott" findet sich, wie bei den Seleukiden und den Sassaniden. Warum den Arsakiden ein Doppeldiadem beigelegt wird (Herodian 6, 2, 1), ist nicht aufgeklaert.


Obwohl die koenigliche Wuerde also fest an das Geschlecht geknuepft ist, besteht dennoch eine gewisse Koenigswahl. Da der neue Herrscher sowohl dem Kollegium der "Verwandten des koeniglichen Hauses" wie dem Priesterrat angehoeren muss, um den Thron besteigen zu koennen, so wird ein Akt stattgefunden haben, wodurch vermutlich eben diese Kollegien selbst den neuen Herrscher anerkannten ^4. Unter den "Verwandten" sind wohl nicht bloss die Arsakiden selbst zu verstehen, sondern die "sieben Haeuser" der Achaemenidenordnung, Fuerstengeschlechter, welchen nach dieser die Ebenbuertigkeit und der freie Eintritt bei dem Grosskoenig zukommt und die auch unter den Arsakiden aehnliche Privilegien gehabt haben werden ^5. Diese Geschlechter waren zugleich Inhaber von erblichen Kronaemtern ^6; die Suren zum Beispiel - der Name ist wie der Name Arsakes zugleich Personen- und Amtbezeichnung -, das zweite Geschlecht nach dem Koenigshaus, setzten als Kronmeister jedesmal dem neuen Arsakes die Tiara aufs Haupt. Aber wie die Arsakiden selbst der parthischen Provinz angehoerten, so waren die Suren in Sakastane (Sedjistan) zu Hause und vielleicht Saker, also Skythen; ebenso stammten die Karen aus dem westlichen Medien, waehrend die hoechste Aristokratie unter den Achaemeniden rein persisch war.


^4 T/o/n Parthyai/o/n synedrion ph/e/sin (Poseid/o/nios) einai, sagt Strabon (11, 9, 3 p. 515), ditton, to men syggen/o/n, to de soph/o/n kai mag/o/n, ex /o/n amphoin to?s basileis kathistasthai (kathist/e/sin die Handschrift). Iust. 42, 4,1: Mithridates rex Parthorum . . . propter crudelitatem a senatu Parthico regno pellitur. ^5 In Aegypten, dessen Hofzeremoniell, wie wohl das der saemtlichen Staaten der Diadochen auf das von Alexander angeordnete und insofern auf das des Persischen Reiches zurueckgeht, scheint der gleiche Titel auch persoenlich verliehen worden zu sein (Franz, CIG III S. 270). Dass bei den Arsakiden das gleiche vorkam ist moeglich. Bei den griechisch redenden Untertanen des Arsakidenstaats scheint die Benennung megistanes, in dem urspruenglichen strengeren Gebrauch die Glieder der sieben Haeuser zu bezeichnen; es ist beachtenswert, dass megistanes und satrapae zusammengestellt werden (Sen. epist. 21; Ios. ant. Iud. 11, 3, 2; 20, 2, 3). Dass bei Hoftrauer der Perserkoenig die Megistanen nicht zur Tafel zieht (Suet. Gai. 5), legt die Vermutung nahe, dass sie das Vorrecht hatten, mit ihm zu speisen. Auch der Titel t/o/n pr/o/t/o/n phil/o/n findet sich bei den Arsakiden aehnlich wie am aegyptischen und am pontischen Hofe (BCH 7, 1883, S. 349). ^6 Ein koeniglicher Mundschenk der zugleich Feldherr ist, wird genannt bei Josephus (ant. Iud. 14, 13, 7 = bel. Iud. 1, 13, 1). Aehnliche Hofaemter kommen in den Diadochenstaaten haeufig vor.


Die Verwaltung liegt in den Haenden der Unterkoenige oder der Satrapen; nach den roemischen Geographen der vespasianischen Zeit besteht der Staat der Parther aus achtzehn "Koenigreichen". Einige dieser Satrapien sind Sekundogenituren des Herrscherhauses; insbesondere scheinen die beiden nordwestlichen Provinzen, das atropatenische Medien (Aserbeidschan) und, sofern es in der Gewalt der Parther stand, Armenien, den dem zeitigen Herrscher naechststehenden Prinzen zur Verwaltung uebertragen worden zu sein ^7. Im uebrigen ragen unter den Satrapen hervor der Koenig der Landschaft Elymais oder von Susa, dem eine besondere Macht- und Ausnahmestellung eingeraeumt war, demnaechst derjenige der Persis, des Stammlandes der Achaemeniden. Die wenn nicht ausschliessliche, so doch ueberwiegende und den Titel bedingende Verwaltungsform war im Partherreich, anders als in dem der Caesaren, das Lehnskoenigtum, so dass die Satrapen nach Erbrecht eintraten, aber der grossherrlichen Bestaetigung unterlagen ^8. Allem Anschein nach hat sich dies nach unten hin fortgesetzt, so dass kleinere Dynasten und Stammhaeupter zu dem Unterkoenig in demselben Verhaeltnis standen, wie dieser zu dem Grosskoenig ^9. Somit war das Grosskoenigtum der Parther aeusserst beschraenkt zu Gunsten der hohen Aristokratie durch die ihm anhaftende Gliederung der erblichen Landesverwaltung. Dazu passt recht wohl, dass die Masse der Bevoelkerung aus halb oder ganz unfreien Leuten bestand ^10 und Freilassung nicht statthaft war. In dem Heer, das gegen Antonius focht, sollen unter 50000 nur 400 Freie gewesen sein. Der vornehmste unter den Vasallen des Orodes, welcher als Feldherr desselben den Crassus schlug, zog ins Feld mit einem Harem von 200 Weibern und einer von 1000 Lastkamelen getragenen Bagage; er selber stellte 10000 Reiter zum Heer aus seinen Klienten und Sklaven. Ein stehendes Heer haben die Parther niemals gehabt, sondern zu allen Zeiten blieb hier die Kriegfuehrung angewiesen auf das Aufgebot der Lehnsfuersten und der ihnen untergeordneten Lehnstraeger sowie der grossen Masse der Unfreien, ueber welche diese geboten.


^7 Tac. ann. 15, 2 u. 31. Wenn nach der Vorrede des Agathangelos (p. 109 Langlois) zur Zeit der Arsakiden der aelteste und tuechtigste Prinz die Landesherrschaft fuehrte, die drei ihm naechststehenden aber Koenige der Armenier, der Inder und der Massageten waren, so liegt hier vielleicht dieselbe Ordnung zu Grunde. Dass das parthisch-indische Reich, wenn es mit dem Hauptland verbunden war, ebenfalls als Sekundogenitur galt, ist sehr wahrscheinlich. ^8 Diese meint wohl Justinus (41, 2, 2): proximus maiestati regum praepositorum ordo est; ex hoc duces in bello, ex hoc in pace rectores habent. Den einheimischen Namen bewahrt die Glosse bei Hesychios: bistax o basile?s para Persais. Wenn bei Amm. 23, 6,14 die Vorsteher der persischen regiones vitaxae (schr. vistaxae), id est magistri equitum et reges et satrapae heissen, so hat er ungeschickt Persisches auf ganz Innerasien bezogen (vgl. Hermes 16, 1881, S. 613); uebrigens kann die Bezeichnung "Reiterfuehrer" fuer diese Unterkoenige darauf gehen, dass sie, wie die roemischen Statthalter, die hoechste Zivil- und die hoechste Militaergewalt in sich vereinigten und die Armee der Parther ueberwiegend aus Reiterei bestand. ^9 Das lehrt die einem Gotarzes in der Inschrift von Kermanschahaen in Kurdistan (CIG 4674) beigelegte Titulatur satrap/e/s t/o/n satrap/o/n. Dem Arsakidenkoenig dieses Namens kann sie als solchem nicht beigelegt werden; wohl aber mag, wie Olshausen (Monatsbericht der Berliner Akademie 1878, S. 179) vermutet, damit diejenige Stellung bezeichnet werden, die ihm nach seinem Verzicht auf das Grosskoenigtum (Tac. ann. 11, 9) zukam. ^10 Noch spaeter heisst eine Reitertruppe im parthischen Heer die "der Freien" Ios. ant. Iud. 14, 13, 5 = bel. Iud. 1, 13, 3).


Allerdings fehlte das staedtische Element in der politischen Ordnung des Partherreichs nicht ganz. Zwar die aus der eigenen Entwicklung des Ostens hervorgegangenen groesseren Ortschaften sind keine staedtischen Gemeinwesen, wie denn selbst die parthische Residenz Ktesiphon im Gegensatz zu der benachbarten griechischen Gruendung Seleukeia ein Flecken genannt wird; sie hatten keine eigenen Vorsteher und keinen Gemeinderat, und die Verwaltung lag hier wie in den Landbezirken ausschliesslich bei den koeniglichen Beamten. Aber von den Gruendungen der griechischen Herrscher war ein freilich verhaeltnismaessig geringer Teil unter parthische Herrschaft gekommen. In den ihrer Nationalitaet nach aramaeischen Provinzen Mesopotamien und Babylonien hatte das griechische Staedtewesen unter Alexander und seinen Nachfolgern festen Fuss gefasst. Mesopotamien war mit griechischen Gemeinwesen bedeckt, und in Babylonien war die Nachfolgerin des alten Babylon, die Vorlaeuferin Bagdads, eine Zeit lang die Residenz der griechischen Koenige Asiens, Seleukeia am Tigris, durch ihre guenstige Handelslage und ihre Fabriken emporgeblueht zu der ersten Kaufstadt ausserhalb der roemischen Grenzen, angeblich von mehr als einer halben Million Einwohner. Ihre freie hellenische Ordnung, auf der ohne Zweifel ihr Gedeihen vor allem beruhte, wurde im eigenen Interesse auch von den parthischen Herrschern nicht angetastet, und die Stadt bewahrte sich nicht bloss ihren Stadtrat von 300 erwaehlten Mitgliedern, sondern auch griechische Sprache und griechische Sitte mitten im ungriechischen Osten. Freilich bildeten in diesen Staedten die Hellenen nur das herrschende Element; neben ihnen lebten zahlreiche Syrer, und als dritter Bestandteil gesellten sich dazu die nicht viel weniger zahlreichen Juden, so dass die Bevoelkerung dieser Griechenstaedte des Partherreichs, aehnlich wie die von Alexandreia, sich aus drei gesondert nebeneinander stehenden Nationalitaeten zusammensetzte. Zwischen diesen kam es, eben wie in Alexandreia, nicht selten zu Konflikten, wie zum Beispiel zur Zeit der Regierung des Gaius unter den Augen der parthischen Regierung die drei Nationen miteinander handgemein und schliesslich die Juden aus den groesseren Staedten ausgetrieben wurden. Insofern ist das Parthische Reich zu dem Roemischen das rechte Gegenstueck. Wie in diesem das orientalische Unterkoenigtum ausnahmsweise vorkommt, so in jenem die griechische Stadt; dem allgemeinen orientalisch-aristokratischen Charakter des Partherregiments tun die griechischen Kaufstaedte an der Westgrenze so wenig Eintrag wie die Lehnskoenigtuemer Kappadokien und Armenien dem staedtisch gegliederten Roemerstaat. Waehrend in dem Staat der Caesaren das roemisch-griechische staedtische Gemeinwesen weiter und weiter um sich greift und allmaehlich zur allgemeinen Verwaltungsform wird, so reisst die Staedtegruendung, das rechte Merkzeichen der hellenisch-roemischen Zivilisation, welche die griechischen Kaufstaedte und die Militaerkolonien Roms ebenso umspannt wie die grossartigen Ansiedlungen Alexanders und der Alexandriden, mit dem Eintreten des Partherregiments im Osten ploetzlich ab, und auch die bestehenden Griechenstaedte des Partherreichs verkuemmern im weiteren Lauf der Entwicklung. Dort wie hier draengt die Regel mehr und mehr die Ausnahmen zurueck. Irans Religion, mit ihrer dem Monotheismus sich naehernden Verehrung des "hoechsten der Goetter, der Himmel und Erde und die Menschen und fuer diese alles Gute geschaffen hat", mit ihrer Bildlosigkeit und Geistigkeit, mit ihrer strengen Sittlichkeit und Wahrhaftigkeit, ihrer Hinwirkung auf praktische Taetigkeit und energische Lebensfuehrung, hat die Gemueter ihrer Bekenner in ganz anderer und tieferer Weise gepackt, als die Religionen des Okzidents es je vermochten, und wenn vor der entwickelten Zivilisation weder Zeus noch Jupiter standgehalten haben, ist der Glaube bei den Parsen ewig jung geblieben, bis er einem anderen Evangelium, dem der Bekenner des Mohammed erlag oder doch vor ihm nach Indien entwich. Wie sich der alte Mazda-Glaube, zu dem die Achaemeniden sich bekannten und dessen Entstehung in die vorgeschichtliche Zeit faellt, zu demjenigen verhielt, den als Lehre des weisen Zarathustra die wahrscheinlich unter den spaeteren Achaemeniden entstandenen heiligen Buecher der Perser, das Awesta, verkuenden, ist nicht unsere Aufgabe darzustellen; fuer die Epoche, wo der Okzident mit dem Orient in Beruehrung steht, kommt nur die spaetere Religionsform in Betracht, wie sie, entstanden vielleicht im Osten Irans, in Baktrien, insbesondere vom Westen her, von Medien aus dem Okzident gegenuebertrat und in ihn eindrang. Enger aber als selbst bei den Kelten sind in Iran die nationale Religion und der nationale Staat miteinander verwachsen. Es ist schon hervorgehoben worden, dass das legitime Koenigtum im Iran zugleich eine religioese Institution, der oberste Herrscher des Landes als durch die oberste Landesgottheit besonders zum Regiment berufen und selbst gewissermassen goettlich gedacht wird. Auf den Muenzen nationalen Gepraeges erscheint regelmaessig der grosse Feueraltar und ueber ihm schwebend der gefluegelte Gott Ahura Mazda, neben ihm in kleinerer Gestalt und in betender Stellung der Koenig und dem Koenig gegenueber das Reichsbanner. Dem entsprechend geht auch die Uebermacht des Adels im Partherreich Hand in Hand mit der privilegierten Stellung des Klerus. Die Priester dieser Religion, die Magier, erscheinen schon in den Urkunden der Achaemeniden und in den Erzaehlungen Herodots und haben, wahrscheinlich mit Recht, den Okzidentalen immer als national persische Institution gegolten. Das Priestertum ist erblich und wenigstens in Medien, vermutlich auch in anderen Landschaften, galt die Gesamtheit der Priester, etwa wie die Leviten in dem spaeteren Israel, als ein besonderer Volksteil. Auch unter der Herrschaft der Griechen haben die alte Religion des Staates und das nationale Priestertum ihren Platz behauptet. Als der erste Seleukos die neue Hauptstadt seines Reiches, das schon erwaehnte Seleukeia gruenden wollte, liess er die Magier Tag und Stunde dafuer bestimmen, und erst nachdem diese Perser, nicht gern, das verlangte Horoskop gestellt hatten, vollzogen ihrer Anweisung gemaess der Koenig und sein Heer die feierliche Grundsteinlegung der neuen Griechenstadt. Also auch ihm standen beratend die Priester des Ahura Mazda zur Seite und sie, nicht die des hellenischen Olymp, wurden bei den oeffentlichen Angelegenheiten insoweit befragt, als diese goettliche Dinge betrafen. Selbstverstaendlich gilt dies um so mehr von den Arsakiden. Dass bei der Koenigswahl neben dem Adelsrat der der Priester mitwirkte, wurde schon bemerkt. Koenig Tiridates von Armenien, aus dem Haus der Arsakiden, kam nach Rom unter Geleit eines Gefolges von Magiern, und nach deren Vorschrift reiste und speiste er, auch in Gemeinschaft mit dem Kaiser Nero, der gern sich von den fremden Weisen ihre Lehre verkuenden und die Geister beschwoeren liess. Daraus folgt allerdings noch nicht, dass der Priesterstand als solcher auf die Fuehrung des Staats wesentlich bestimmend eingewirkt hat; aber keineswegs ist der Mazda- Glaube erst durch die Sassaniden wiederhergestellt worden; vielmehr ist bei allem Wechsel der Dynastien und bei aller eigenen Entwicklung die Landesreligion im Iran in ihren Grundzuegen die gleiche geblieben. Die Landessprache im Partherreich ist die einheimische Irans. Keine Spur fuehrt darauf, dass unter den Arsakiden jemals eine Fremdsprache in oeffentlichem Gebrauch gewesen ist. Vielmehr ist es der iranische Landesdialekt Babyloniens und die diesem eigentuemliche Schrift, wie beide vor und in der Arsakidenzeit unter dem Einfluss von Sprache und Schrift der aramaeischen Nachbarn sich entwickelten, welche mit der Benennung Pahlavi, das heisst Parthava, belegt und damit bezeichnet werden als die des Reiches der Parther. Auch das Griechische ist in demselben nicht Reichssprache geworden. Keiner der Herrscher fuehrt auch nur als zweiten Namen einen griechischen; und haetten die Arsakiden diese Sprache zu der ihrigen gemacht, so wuerden uns griechische Inschriften in ihrem Reiche nicht fehlen. Allerdings zeigen ihre Muenzen bis auf die Zeit des Claudius ausschliesslich ^11 und auch spaeter ueberwiegend griechische Aufschrift, wie sie auch keine Spur der Landesreligion aufweisen und im Fuss sich der oertlichen Praegung der roemischen Ostprovinzen anschliessen, ebenso die Jahrteilung so wie die Jahrzaehlung so beibehalten haben, wie sie unter den Seleukiden geregelt worden waren. Aber es wird dies vielmehr dahin aufzufassen sein, dass die Grosskoenige selber ueberhaupt nicht praegten ^12 und diese Muenzen, die ja wesentlich fuer den Verkehr mit den westlichen Nachbarn dienten, von den griechischen Staedten des Reiches auf den Namen des Landesherrn geschlagen worden sind. Die Bezeichnung des Koenigs auf diesen Muenzen als "Griechenfreund" (philell/e/n), die schon frueh begegnet ^13 und seit Mithradates I., das heisst seit der Ausdehnung des Staates bis an den Tigris, stehend wird, hat einen Sinn nur, wenn auf diesen Muenzen die parthische Griechenstadt redet. Vermutlich war der griechischen Sprache im Partherreich neben der persischen eine aehnliche sekundaere Stellung im oeffentlichen Gebrauch eingeraeumt, wie sie sie im Roemerstaat neben der lateinischen besass. Das allmaehliche Schwinden des Griechentums unter der parthischen Herrschaft laesst sich auf diesen staedtischen Muenzen deutlich verfolgen, sowohl in dem Auftreten der einheimischen Sprache neben und statt der griechischen wie auch in der mehr und mehr hervortretenden Sprachzerruettung ^14.


^11 Die aelteste bekannte Muenze mit Pahlavischrift ist zu Claudius' Zeit unter Volagasos I. geschlagen; sie ist zweisprachig und gibt dem Koenig griechisch den vollen Titel, aber nur den Namen Arsakes, iranisch bloss den einheimischen Individualnamen abgekuerzt (Vol.). ^12 Gewoehnlich beschraenkt man dies auf die Grosssilbermuenze und betrachtet das Kleinsilber und das meiste Kupfer als koenigliche Praegung. Indes damit wird dem Grosskoenig eine seltsame sekundaere Rolle in der Praegung zugeteilt. Richtiger wird wohl jene Praegung aufgefasst als ueberwiegend fuer das Ausland, diese als ueberwiegend fuer den inneren Verkehr bestimmt; die zwischen beiden Gattungen bestehenden Verschiedenheiten erklaeren sich auf diese Weise auch. ^13 Der erste Herrscher, der sie fuehrt, ist Phraapates um 188 v. Chr. (P. Gardner, Parthian coinage, S. 27). ^14 So steht auf den Muenzen des Gotarzes (unter Claudius): G/o/terz/e/s basile?s basile/o/n yos kekaloymenos Artabanoy. Auf den spaeteren ist die griechische Aufschrift oft ganz unverstaendlich.


Dem Umfang nach stand das Reich der Arsakiden weit zurueck nicht bloss hinter dem Weltstaat der Achaemeniden, sondern auch hinter dem ihrer unmittelbaren Vorgaenger, dem Seleukidenstaat. Von dessen urspruenglichem Gebiet besassen sie nur die groessere oestliche Haelfte; nach der Schlacht, in welcher Koenig Antiochos Sidetes, ein Zeitgenosse der Gracchen, gegen die Parther fiel, haben die syrischen Koenige nicht wieder ernstlich versucht, ihre Herrschaft jenseits des Euphrat geltend zu machen; aber das Land diesseits des Euphrat blieb den Okzidentalen. Von dem Persischen Meerbusen waren beide Kuesten, auch die arabische, im Besitz der Parther, die Schiffahrt auf demselben also vollstaendig in ihrer Gewalt; die uebrige arabische Halbinsel gehorchte weder den Parthern noch den ueber Aegypten gebietenden Roemern. Das Ringen der Nationen um den Besitz des Industals und der westlich und oestlich angrenzenden Landschaften zu schildern, soweit die gaenzlich zerrissene Ueberlieferung ueberhaupt eine Schilderung zulaesst, ist die Aufgabe unserer Darstellung nicht; aber die Hauptzuege dieses Kampfes, welcher dem um das Euphrattal gefuehrten stetig zur Seite geht, duerfen auch in diesem Zusammenhang um so weniger fehlen, als unsere Ueberlieferung uns nicht gestattet, die Verhaeltnisse Irans nach Osten in ihrem Eingreifen in die westlichen Beziehungen im einzelnen zu verfolgen und es daher notwendig erscheint, wenigstens die Grundlinien derselben uns zu vergegenwaertigen. Bald nach dem Tode des grossen Alexander wurde durch das Abkommen seines Marschalls und Teilerben Seleukos mit dem Gruender des Inderreiches, Tschandragupta oder griechisch Sandrakottos, die Grenze zwischen Iran und Indien gezogen. Danach herrschte der letztere nicht bloss ueber das Gangestal in seiner ganzen Ausdehnung und das gesamte noerdliche Vorderindien, sondern im Gebiet des Indus wenigstens ueber einen Teil des Hochtals des heutigen Kabul, ferner ueber Arachosien oder Afghanistan, vermutlich auch ueber das wueste und wasserarme Gedrosien, das heutige Belutschistan, sowie ueber das Delta und die Muendungen des Indus; die in Stein gehauenen Urkunden, durch welche Tschandraguptas Enkel, der glaeubige Buddhaverehrer Asoka, das allgemeine Sittengesetz seinen Untertanen einschaerfte, sind wie in diesem ganzen weit ausgedehnten Gebiet, so namentlich noch in der Gegend von Peschawar gefunden worden ^15. Der Hindukusch, der Parapanisos der Alten, und dessen Fortsetzung nach Osten und Westen schieden also mit ihrer gewaltigen, nur von wenigen Paessen durchsetzten Kette Iran und Indien. Aber langen Bestand hat dies Abkommen nicht gehabt.


^15 Waehrend das Reich des Dareios, seinen Inschriften zufolge, die Gadara (die Gandara der Inder, Gandarai der Griechen, am Kabulfluss) und die Hindu (die Indusanwohner) in sich schliesst, werden die ersteren in einer der Inschriften des Asoka unter seinen Untertanen aufgefuehrt, und ein Exemplar seines grossen Edikts hat sich in Kapurdi Giri oder vielmehr in Schahbaz Garhi (Yusufzai- Distrikt) gefunden, nahezu sechs deutsche Meilen nordwestlich von der Muendung des Kabulflusses in den Indus bei Atak. Der Sitz der Regierung dieser nordwestlichen Provinzen von Asokas Reich war (nach der Inschrift CI Indicar. I p. 91) Takkhasi-la, Taxila der Griechen, etwa neun deutsche Meilen OSO von Atak, der Regierungssitz fuer die suedwestlichen Landschaften Udjdjeni (Ox/e/n/e/). Der oestliche Teil des Kabultals gehoerte also auf jeden Fall zu Asokas Reich. Dass der Khaiberpass die Grenze gebildet habe, ist nicht geradezu unmoeglich; wahrscheinlich aber gehoerte das ganze Kabultal zu Indien und machte die Grenze suedlich von Kabul die scharfe Linie der Sulaiman-Kette und weiter suedwestlich der Bolanpass. Von dem spaeteren indoskythischen Koenig Huvischka (Ooerke der Muenzen), der an der Yamuna in Mathura residiert zu haben scheint, hat sich eine Inschrift bei Wardak, nicht weit noerdlich von Kabul, gefunden (nach Mitteilungen Oldenbergs).


In der frueheren Diadochenzeit brachten die griechischen Herrscher des Reiches von Baktra, das von dem Seleukidenstaat geloest einen maechtigen Aufschwung nahm, das Grenzgebirge ueberschreitend einen grossen Teil des Industals in ihre Gewalt und setzten vielleicht noch weiter hinein in Vorderindien sich fest, so dass das Schwergewicht dieses Reiches sich aus dem westlichen Iran nach dem oestlichen Indien verschob und der Hellenismus dem Indertum wich. Die Koenige dieses Reiches heissen indische und fuehren spaeterhin ungriechische Namen; auf den Muenzen erscheint neben und statt der griechischen die einheimisch indische Sprache und Schrift, aehnlich wie in der parthisch-persischen Praegung neben dem Griechischen das Pahlavi emporkommt. Es trat dann eine Nation mehr in den Kampf ein: die Skythen oder, wie sie in Iran und in Indien heissen, die Saker brachen aus ihren Stammsitzen am Jaxartes ueber das Gebirge nach Sueden vor. Die baktrische Landschaft kam wenigstens grossenteils in ihre Gewalt, und etwa im letzten Jahrhundert der roemischen Republik muessen sie sich in dem heutigen Afghanistan und Belutschistan festgesetzt haben. Darum heisst in der fruehen Kaiserzeit die Kueste zu beiden Seiten der Indusmuendung um Minnagara Skythien und fuehrt im Binnenlande die westlich von Kandahar gelegene Landschaft der Dranger spaeter den Namen "Sakerland", Sakastane, das heutige Sedjistan. Diese Einwanderung der Skythen in die Landschaften des baktro-indischen Reiches hat dasselbe wohl eingeschraenkt und geschaedigt, etwa wie die ersten Wanderungen der Germanen das roemische, aber es nicht zerstoert; noch unter Vespasian hat ein wahrscheinlich selbstaendiger baktrischer Staat bestanden ^16.


^16 Der Anm. 18 genannte aegyptische Kaufmann gedenkt c. 47 "des streitbaren Volks der Baktrianer, die ihren eigenen Koenig haben". Damals also war Baktrien von dem unter parthischen Fuersten stehenden Indusreich getrennt. Auch Strabon (11, 11, 1 p. 516) behandelt das baktrisch-indische Reich als der Vergangenheit angehoerig.


Unter den Juliern und den Claudiern scheinen dann an der Indusmuendung die Parther die Vormacht gewesen zu sein. Ein zuverlaessiger Berichterstatter aus augustischer Zeit fuehrt eben jenes Sakastane unter den parthischen Provinzen auf und nennt den Koenig der Saker-Skythen einen Unterkoenig der Arsakiden; als letzte parthische Provinz gegen Osten bezeichnet er Arachosien mit der Hauptstadt Alexandropolis, wahrscheinlich Kandahar. Ja, bald darauf, in vespasianischer Zeit, herrschen in Minnagara parthische Fuersten. Indes war dies fuer das Reich am Indusstrom mehr ein Wechsel der Dynastie als eine eigentliche Annexion an den Staat von Ktesiphon. Der Partherfuerst Gondopharos, den die christliche Legende mit dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, verknuepft ^17, hat allerdings von Minnagara aus bis nach Peschawar und Kabul hinauf geherrscht; aber diese Herrscher gebrauchen, wie ihre Vorherrscher im indischen Reich, neben der griechischen die indische Sprache und nennen sich Grosskoenige wie diejenigen von Ktesiphon; sie scheinen mit den Arsakiden darum nicht weniger rivalisiert zu haben, weil sie demselben Fuerstengeschlecht angehoerten ^18.


^17 Wahrscheinlich ist er der Kaspar - in aelterer Tradition Gathaspar -, der unter den heiligen drei Koenigen aus dem Morgenland auftritt (Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162). ^18 Das bestimmteste Zeugnis der Partherherrschaft in diesen Gegenden findet sich in der unter Vespasian von einem aegyptischen Kaufmann aufgesetzten Kuestenbeschreibung des Roten Meeres c. 38: "Hinter der Indusmuendung im Binnenland liegt die Hauptstadt von Skythien Minnagara; beherrscht aber wird diese von den Parthern, die bestaendig einander verjagen (ypo Parth/o/n synech/o/s all/e/loys endi/o/kont/o/n). Dasselbe wird in etwas verwirrter Weise c. 41 wiederholt; es kann hier scheinen, als laege Minnagara in Indien selbst oberhalb Barygaza, und schon Ptolemaeos ist dadurch irregefuehrt worden; aber gewisshat der Schreiber, der ueber das Binnenland nur von Hoerensagen spricht, nur sagen wollen, dass eine grosse Stadt Minnagara im Binnenland nicht fern von Barygaza liege und von da viel Baumwolle nach Barygaza gefuehrt werde. Auch koennen die nach demselben Gewaehrsmann in Minnagara zahlreich begegnenden Spuren Alexanders nur am Indus, nicht in Gudjarat sich gefunden haben. Die Lage Minnagaras am unteren Indus, unweit Haiderabad, und die Existenz einer parthischen Herrschaft daselbst unter Vespasian erscheint hierdurch gesichert. Damit werden verbunden werden duerfen die Muenzen des Koenigs Gondopharos oder Hyndopherres, welcher in einer sehr alten christlichen Legende von dem Apostel der Parther und der Inder, dem heiligen Thomas, zum Christentum bekehrt wird und in der Tat der ersten roemischen Kaiserzeit anzugehoeren scheint (Sallet, Zeitschrift fuer Numismatik 6, 1879, S. 355; Gutschmid, Rheinisches Museum N. F. 19, 1861, S. 162); seines Brudersohns Abdagases (Sauet, a. a. O., S. 365), welcher mit dem parthischen Fuersten dieses Namens bei Tacitus (ann. 6, 36) identisch sein kann, auf jeden Fall einen parthischen Namen traegt, endlich des Koenigs Sanabaros, der kurz nach Hyndopherres regiert haben muss, vielleicht sein Nachfolger gewesen ist. Dazu gehoeren noch eine Anzahl anderer mit parthischen Namen, Arsakes, Pakoros, Vonones, bezeichneten Muenzen. Diese Praegung stellt sich entschieden zu der der Arsakiden (Sallet, a. a. O., S. 277); die Silberstuecke des Gondopharos und des Sanabaros - von den uebrigen gibt es fast nur Kupfer -entsprechen genau den Arsakidendrachmen. Allem Anschein nach gehoeren diese den Partherfuersten von Minnagara; dass neben der griechischen hier indische Aufschrift erscheint, wie bei den spaeten Arsakiden Pahlavischrift, passt dazu. Aber es sind dies nicht Muenzen von Satrapen, sondern, wie dies auch der Aegypter andeutet, mit den ktesiphontischen rivalisierender Grosskoenige; Hyndopherres nennt sich in sehr verdorbenem Griechisch basile?s basile/o/n megas aytokr und in gutem Indisch "Maharadja Radjadi Radja". Wenn, wie dies nicht unwahrscheinlich ist, in dem Mambaros oder Akabaros, den der Periplus c. 41. 52 als Herrscher der Kueste von Barygaza nennt, der Sanabaros der Muenzen steckt, so gehoert dieser in die Zeit Neros oder Vespasians und herrschte nicht bloss an der Indusmuendung, sondern auch ueber Gudjarat. Wenn ferner eine unweit Peschawar gefundene Inschrift mit Recht auf den Koenig Gondopharos bezogen wird, so muss dessen Herrschaft bis dort hinauf, wahrscheinlich bis nach Kabul hin sich erstreckt haben. Dass Corbulo im Jahre 60 die Gesandtschaft der von den Parthern abgefallenen Hyrkaner, damit sie von jenen nicht aufgegriffen wuerden, an die Kueste des Roten Meeres schickte, von wo sie, ohne parthisches Gebiet zu betreten, die Heimat erreichen konnten (Tac. 15, 25), spricht dafuer, dass das Industal damals dem Herrscher von Ktesiphon nicht botmaessig war.


Auf diese parthische Dynastie folgt dann in dem indischen Reich nach kurzer Zwischenzeit die in der indischen Ueberlieferung als die der Saker oder die des Koenigs Kanerku oder Kanischka bezeichnete, welche mit dem Jahre 78 n. Chr. beginnt und wenigstens bis in das dritte Jahrhundert bestanden hat ^19. Sie gehoeren zu den Skythen, deren Einwanderung frueher erwaehnt ward, und auf ihren Muenzen tritt an die Stelle der indischen die skythische Sprache ^20. So haben im Indusgebiet nach den Indern und den Hellenen in den ersten drei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung Parther und Skythen das Regiment gefuehrt. Aber auch unter den auslaendischen Dynastien hat dort dennoch eine national-indische Staatenbildung sich vollzogen und behauptet und der parthisch-persischen Machtentwicklung im Osten eine nicht minder dauernde Schranke entgegengestellt wie der Roemerstaat im Westen.


^19 Dass das Grosskoenigtum der Arsakiden von Minnagara nicht viel ueber die neronische Zeit hinaus bestanden hat, ist nach den Muenzen wahrscheinlich. Was fuer Herrscher auf sie gefolgt sind, ist fraglich. Die baktrisch-indischen Herrscher griechischen Namens gehoeren ueberwiegend, vielleicht saemtlich der voraugustischen Epoche an; auch manche einheimischen Namens, zum Beispiel Maues und Azes, fallen nach Sprache und Schrift (zum Beispiel der Form des m S2) vor diese Zeit. Dagegen sind die Muenzen der Koenige Kozulokadphises und Ooemokadphises und diejenigen der Sakerkoenige, des Kanerku und seiner Nachfolger, welche alle namentlich durch den bis dahin in der indischen Praegung nicht begegnenden Goldstater vom Gewicht des roemischen Aureus sich deutlich als einheitliche Praegung charakterisieren, allem Anschein nach spaeter als Gondopharos und Sanabaros. Sie zeigen, wie der Staat des Industals sich in immer steigendem Mass im Gegensatz gegen die Hellenen wie gegen die Iranier national- indisch gestaltet hat. Die Regierung dieser Kadphises wird also zwischen die indo-parthischen Herrscher und die Dynastie der Saker fallen welche letztere mit dem Jahre 78 n. Chr. beginnt (Oldenberg in Sallets Zeitschrift fuer Numismatik 8, 1881, S. 292). In dem Schatz von Peschawar gefundene Muenzen dieser Sakerkoenige nennen merkwuerdigerweise griechische Goetter in verstuemmelter Form /E/rakilo, Sarapo, neben dem nationalen Boydo. Die spaetesten ihrer Muenzen zeigen den Einfluss der aeltesten Sassanidenpraegung und duerften der zweiten Haelfte des dritten Jahrhunderts angehoeren (Sallet, Zeitschrift fuer Numismatik 6, 1879, S. 225). ^20 Die indo-griechischen und die indo-parthischen Herrscher, ebenso die Kadphises bedienen sich auf ihren Muenzen in grossem Umfang neben der griechischen der einheimischen indischen Sprache und Schrift; die Sakerkoenige dagegen haben niemals indische Sprache und indisches Alphabet gebraucht, sondern verwenden ausschliesslich die griechischen Buchstaben, und die nicht griechischen Aufschriften ihrer Muenzen sind ohne Zweifel skythisch. So steht auf Kanerkus Goldstuecken bald basile?s basile/o/n Kan/e/rkoy, bald rao nanorao kan/e/rki korano wo die ersten beiden Woerter eine skythisierte Form des indischen Rbdjbdi Rbdja sein werden, die beiden folgenden den Eigen- und den Stammnamen (Guschana) des Koenigs enthalten (Oldenberg, a. a. O., S. 294). Also waren diese Saker in anderem Sinne Fremdherrscher in Indien als die baktrischen Hellenen und die Parther. Doch sind die unter ihnen in Indien gesetzten Inschriften nicht skythisch, sondern indisch.


Gegen Norden und Nordosten grenzte Iran mit Turan. Wie das westliche und suedliche Ufer des Kaspischen Meeres und die oberen Taeler des Oxos und Jaxartes der Zivilisation eine geeignete Staette bieten, so gehoert die Steppe um den Aralsee und das dahinter sich ausbreitende weite Flachland von Rechts wegen den schweifenden Leuten. Es sind unter diesen Nomaden wohl einzelne den Iraniern verwandte Voelkerschaften gewesen; aber auch diese haben keinen Teil an der iranischen Zivilisation, und es ist das bestimmende Moment fuer die geschichtliche Stellung Irans, dass es die Vormauer der Kulturvoelker bildet gegen diejenigen Horden, die als Skythen, Saken, Hunnen, Mongolen, Tuerken keine andere weltgeschichtliche Bestimmung zu haben scheinen als die der Kulturvernichtung. Baktra, das grosse Bollwerk Irans gegen Turan, hat in der nachalexandrischen Epoche unter seinen griechischen Herrschern laengere Zeit dieser Abwehr genuegt; aber es ist schon erwaehnt worden, dass es spaeterhin zwar nicht unterging, aber das Vordringen der Skythen nach Sueden nicht laenger zu hindern vermochte. Mit dem Rueckgang der baktrischen Macht ging die gleiche Aufgabe ueber auf die Arsakiden. Wie weit dieselben ihr entsprochen haben, ist schwierig zu sagen. In der ersten Kaiserzeit scheinen die Grosskoenige von Ktesiphon, wie suedlich vom Hindukusch so auch in den noerdlichen Landschaften, die Skythen zurueckgedraengt oder sich botmaessig gemacht zu haben; einen Teil des baktrischen Gebiets haben sie ihnen wieder entrissen. Aber welche und ob ueberhaupt dauernde Grenzen hier sich feststellten, ist zweifelhaft. Der Kriege der Parther und der Skythen wird oft gedacht. Die letzteren, hier zunaechst die Umwohner des Aralsees, die Vorfahren der heutigen Turkmenen, sind regelmaessig die Angreifenden, indem sie teils zu Wasser ueber das Kaspische Meer in die Taeler des Kyros und des Araxes einfallen, teils von ihrer Steppe aus die reichen Fluren Hyrkaniens und die fruchtbare Oase der Margiana (Merw) ausrauben. Die Grenzgebiete verstanden sich dazu, die willkuerliche Brandschatzung mit Tributen abzukaufen, welche regelmaessig in festen Terminen eingefordert wurden, wie heute die Beduinen Syriens von den Bauern daselbst die Kubba erheben. Das parthische Regiment also vermochte wenigstens in der frueheren Kaiserzeit so wenig wie das heutige tuerkische, hier dem friedlichen Untertan die Fruechte seiner Arbeit zu sichern und einen dauernden Friedensstand an der Grenze herzustellen. Auch fuer die Reichsgewalt selbst blieben diese Grenzwirren eine offene Wunde; oftmals haben sie in die Sukzessionskriege der Arsakiden so wie in ihre Streitigkeiten mit Rom eingegriffen. Wie das Verhaeltnis der Parther zu den Roemern sich gestaltet und die Grenzen der beiden Grossmaechte sich festgestellt hatten, ist seinerzeit dargelegt worden. Waehrend die Armenier mit den Parthern rivalisiert hatten und das Koenigtum am Araxes sich anschickte, in Vorderasien die Grosskoenigsrolle zu spielen, hatten die Parther im allgemeinen freundliche Beziehungen zu den Roemern unterhalten als den Feinden ihrer Feinde. Aber nach der Niederwerfung des Mithradates und des Tigranes hatten die Roemer, namentlich durch die von Pompeius getroffenen Organisationen, eine Stellung genommen, die mit ernstlichem und dauerndem Frieden zwischen den beiden Staaten sich schwer vertrug. Im Sueden stand Syrien jetzt unter unmittelbarer roemischer Herrschaft, und die roemischen Legionen hielten Wacht an dem Saume der grossen Wueste, die das Kuestenland vom Euphrattal scheidet. Im Norden waren Kappadokien und Armenien roemische Lehnsfuerstentuemer. Die nordwaerts an Armenien grenzenden Voelkerschaften, die Kolcher, Iberer, Albaner, waren damit notwendig dem parthischen Einfluss entzogen und, wenigstens nach roemischer Auffassung, ebenfalls roemische Lehnsstaaten. Das suedoestlich an Armenien angrenzende, durch den Araxes von ihm getrennte Klein-Medien oder Atropatene (Aserbeidschan) hatte schon den Seleukiden gegenueber unter seiner alteinheimischen Dynastie seine Nationalitaet behauptet und sogar sich selbstaendig gemacht; unter den Arsakiden erscheint der Koenig dieser Landschaft je nach Umstaenden als Lehnstraeger der Parther oder als unabhaengig von diesen durch Anlehnung an die Roemer. Somit reichte der bestimmende Einfluss Roms bis zum Kaukasus und zum westlichen Ufer des Kaspischen Meeres. Es lag hierin ein Uebergreifen ueber die durch die nationalen Verhaeltnisse angezeigten Grenzen. Das hellenische Volkstum hatte wohl an der Suedkueste des Schwarzen Meeres und im Binnenland in Kappadokien und Kommagene so weit Fuss gefasst, dass hier die roemische Vormacht an ihm einen Rueckhalt fand; aber Armenien ist auch unter der langjaehrigen roemischen Herrschaft immer ein ungriechisches Land geblieben, durch die Gemeinschaft der Sprache und des Glaubens, die zahlreichen Zwischenheiraten der Vornehmen, die gleiche Kleidung und gleiche Bewaffnung ^21 an den Partherstaat mit unzerreissbaren Banden geknuepft. Die roemische Aushebung und die roemische Besteuerung sind nie auf Armenien erstreckt worden; hoechstens bestritt das Land die Aufstellung und die Unterhaltung der eigenen Truppen und die Verpflegung der daselbst liegenden roemischen. Die armenischen Kaufleute vermittelten den Warentausch ueber den Kaukasus mit Skythien, ueber das Kaspische Meer mit Ostasien und China, den Tigris hinab mit Babylonien und Indien, nach Westen hin mit Kappadokien; nichts haette naeher gelegen, als das politisch abhaengige Land in das roemische Steuer- und Zollgebiet einzuschliessen; dennoch ist nie dazu geschritten worden. Die Inkongruenz der nationalen und der politischen Zugehoerigkeit Armeniens bildet ein wesentliches Moment in dem durch die ganze Kaiserzeit sich hinziehenden Konflikt mit dem oestlichen Nachbarn. Man erkannte es wohl auf roemischer Seite, dass die Annektierung jenseits des Euphrat ein Uebergriff in das Stammgebiet der orientalischen Nationalitaet und fuer Rom kein eigentlicher Machtzuwachs war. Der Grund aber oder wenn man will die Entschuldigung dafuer, dass diese Uebergriffe dennoch sich fortsetzten, liegt darin, dass das Nebeneinanderstehen gleichberechtigter Grossstaaten mit dem Wesen der roemischen, man darf vielleicht sagen mit der Politik des Altertums ueberhaupt unvereinbar ist. Das roemische Reich kennt als Grenze genaugenommen nur das Meer oder das wehrlose Landgebiet. Dem schwaecheren, aber doch wehrhaften Staatswesen der Parther goennten die Roemer die Machtstellung nicht und nahmen ihm, worauf diese wieder nicht verzichten konnten; und darum ist das Verhaeltnis zwischen Rom und Iran durch die ganze Kaiserzeit eine nur durch Waffenstillstaende unterbrochene ewige Fehde um das linke Ufer des Euphrat.


^21 Arrian, der als Statthalter von Kappadokien selbst ueber die Armenier das Kommando gefuehrt hatte (Alan. 29), nennt in der Taktik Armenier und Parther immer zusammen (4, 3; 44, 1 wegen der schweren Reiterei, der gepanzerten kontophoroi und der leichten Reiterei, der akrobolistai oder ippotoxotai; 35, 7 wegen der Pluderhosen), und wo er von Hadrians Einfuehrung der barbarischen Kavallerie in das roemische Heer spricht, fuehrt er die berittenen Schuetzen zurueck auf das Muster "der Parther oder Armenier" (44, 1).


In den von Lucullus und Pompeius mit den Parthern abgeschlossenen Vertraegen war die Euphratgrenze anerkannt, also Mesopotamien ihnen zugestanden worden. Aber dies hinderte die Roemer nicht, die Herrscher von Edessa in ihre Klientel aufzunehmen und, wie es scheint durch Erstreckung der Grenzen Armeniens gegen Sueden, einen grossen Teil des noerdlichen Mesopotamien wenigstens fuer ihre mittelbare Herrschaft in Anspruch zu nehmen. Deswegen hatte nach einigem Zaudern die parthische Regierung den Krieg gegen die Roemer in der Form begonnen, dass sie ihn den Armeniern erklaerte. Die Antwort darauf war der Feldzug des Crassus und nach der Niederlage bei Karrhae die Zurueckfuehrung Armeniens unter parthische Gewalt; man kann hinzusetzen: die Wiederaufnahme der Ansprueche auf die westliche Haelfte des Seleukidenstaats, deren Durchfuehrung freilich damals misslang. Waehrend des ganzen zwanzigjaehrigen Buergerkriegs, in dem die roemische Republik zugrunde ging und schliesslich der Prinzipat sich feststellte, dauerte der Kriegsstand zwischen Roemern und Parthern, und nicht selten griffen beide Kaempfe ineinander ein. Pompeius hatte vor der Entscheidungsschlacht versucht, den Koenig Orodes als Verbuendeten zu gewinnen; aber als dieser die Abtretung Syriens forderte, vermochte er es nicht ueber sich, die durch ihn selbst roemisch gewordene Provinz auszuliefern. Nach der Katastrophe hatte er dennoch sich dazu entschlossen; aber Zufaelligkeiten lenkten seine Flucht statt nach Syrien vielmehr nach Aegypten, wo er dann sein Ende fand. Die Parther schienen im Begriff, abermals in Syrien einzubrechen; und die spaeteren Fuehrer der Republikaner verschmaehten den Beistand der Landesfeinde nicht. Noch bei Caesars Lebzeiten hatte Caecilius Bassus, als er die Fahne des Aufstands in Syrien erhob, sofort die Parther herbeigerufen. Sie waren diesem Ruf auch gefolgt; des Orodes Sohn Pakoros hatte den Statthalter Caesars geschlagen und die von ihm in Apameia belagerte Truppe des Bassus befreit (709 45). Sowohl aus diesem Grunde, wie um fuer Karrhae Revanche zu nehmen, hatte Caesar beschlossen, im naechsten Fruehling persoenlich nach Syrien und ueber den Euphrat zu gehen; aber die Ausfuehrung dieses Planes verhinderte sein Tod. Als dann Cassius in Syrien ruestete, knuepfte er auch mit dem Partherkoenig an, und in der Entscheidungsschlacht bei Philippi (712 42) haben parthische berittene Schuetzen mit fuer die Freiheit Roms gestritten. Da die Republikaner unterlagen, verhielt der Grosskoenig zunaechst sich ruhig, und auch Antonius hatte wohl die Absicht, des Diktators Plaene auszufuehren, aber zunaechst mit der Ordnung des Orients genug zu tun. Der Zusammenstoss konnte nicht ausbleiben; der Angreifende war diesmal der Partherkoenig. Als im Jahre 713 (41) Caesar der Sohn in Italien mit den Feldherren und der Gemahlin des Antonius schlug und dieser in Aegypten bei der Koenigin Kleopatra untaetig verweilte, entsprach Orodes dem Draengen eines bei ihm im Exil lebenden Roemers, des Quintus Labienus, und sandte diesen, einen Sohn des erbitterten Gegners des Diktators Titus Labienus und ehemaligen Offizier im Heere des Brutus, sowie (713 41) seinen Sohn Pakoros mit einer starken Armee ueber die Grenze. Der Statthalter Syriens, Decidius Saxa, unterlag dem unvermuteten Angriff; die roemischen Besatzungen, grossenteils gebildet aus alten Soldaten der republikanischen Armee, stellten sich unter den Befehl ihres frueheren Offiziers; Apameia und Antiocheia, ueberhaupt alle Staedte Syriens mit Ausnahme der ohne Flotte nicht zu bezwingenden Inselstadt Tyros, unterwarfen sich; auf der Flucht nach Kilikien gab sich Saxa, um nicht gefangen zu werden, selber den Tod. Nach der Einnahme Syriens wandte sich Pakoros gegen Palaestina, Labienus nach der Provinz Asia; auch hier unterwarfen sich weithin die Staedte oder wurden mit Gewalt bezwungen, mit Ausnahme des karischen Stratonikeia. Antonius, durch die italischen Verwicklungen in Anspruch genommen, sandte seinen Statthaltern keinen Sukkurs, und fast zwei Jahre (Ende 713 bis Fruehjahr 715 41- 39) geboten in Syrien und einem grossen Teil Kleinasiens die parthischen Feldherren und der republikanische Imperator Labienus -der Parthiker, wie er mit schamloser Ironie sich nannte, nicht der Roemer, der die Parther, sondern der Roemer, der mit den Parthern die Seinigen ueberwand. Erst nachdem der drohende Bruch zwischen den beiden Machthabern abgewandt war, sandte Antonius ein neues Heer unter Fuehrung des Publius Ventidius Bassus, dem er das Kommando in den Provinzen Asia und Syrien uebergab. Der tuechtige Feldherr traf in Asia den Labienus allein mit seinen roemischen Truppen und schlug ihn rasch aus der Provinz hinaus. An der Scheide von Asia und Kilikien, in den Paessen des Taurus, wollte eine Abteilung der Parther die fliehenden Verbuendeten aufnehmen; aber auch sie wurden geschlagen, bevor sie sich mit Labienus vereinigen konnten, und darauf dieser auf der Flucht in Kilikien aufgegriffen und getoetet. Mit gleichem Glueck erstritt Ventidius die Paesse des Amanos an der Grenze von Kilikien und Syrien; hier fiel Pharnapates, der beste der parthischen Generale (715 39). Damit war Syrien vom Feinde befreit. Allerdings ueberschritt im Jahre darauf Pakoros noch einmal den Euphrat, aber nur um in einem entscheidenden Treffen bei Gindaros nordoestlich von Antiocheia (9. Juni 716 38) mit dem groessten Teil seines Heeres den Untergang zu finden. Es war ein Sieg, der den Tag bei Karrhae einigermassen aufwog und von dauernder Wirkung: auf lange hinaus haben die Parther nicht wieder ihre Truppen am roemischen Ufer des Euphrat gezeigt. Wenn es im Interesse Roms lag, die Eroberungen gegen Osten auszudehnen und die Erbschaft des grossen Alexander hier in ihrem vollen Umfang anzutreten, so lagen dafuer die Verhaeltnisse nie guenstiger als im Jahre 716 (38). Die Beziehungen der Zweiherrscher zueinander hatten zur rechten Zeit dafuer sich neu befestigt, und auch Caesar wuenschte damals wahrscheinlich aufrichtig eine ernstliche und glueckliche Kriegfuehrung seines Herrschaftsgenossen und neuen Schwagers. Die Katastrophe von Gindaros hatte bei den Parthern eine schwere dynastische Krise hervorgerufen. Koenig Orodes legte, tief erschuettert durch den Tod seines aeltesten und tuechtigsten Sohnes, das Regiment zu Gunsten seines zweitgeborenen, Phraates, nieder. Dieser fuehrte, um sich den Thron besser zu sichern, ein Regiment des Schreckens, dem seine zahlreichen Brueder und der alte Vater selbst so wie eine Anzahl der hohen Adligen des Reiches zum Opfer fielen; andere derselben traten aus und suchten Schutz bei den Roemern, unter ihnen der maechtige und angesehene Monaeses. Nie hat Rom im Orient ein Heer von gleicher Zahl und Tuechtigkeit gehabt wie in dieser Zeit: Antonius vermochte nicht weniger als sechzehn Legionen, gegen 70000 Mann roemischer Infanterie, gegen 40000 der Hilfsvoelker, 10000 spanische und gallische, 6000 armenische Reiter ueber den Euphrat zu fuehren; wenigstens die Haelfte derselben waren altgediente, aus dem Westen herangefuehrte Truppen, alle bereit, ihrem geliebten und verehrten Fuehrer, dem Sieger von Philippi, wo immer hin zu folgen und die glaenzenden Siege, die nicht durch, aber fuer ihn ueber die Parther bereits erfochten waren, unter seiner eigenen Fuehrung mit noch groesseren Erfolgen zu kroenen. In der Tat fasste Antonius die Aufrichtung eines asiatischen Grosskoenigtums nach dem Muster Alexanders ins Auge. Wie Crassus vor seinem Einruecken verkuendigt hatte, dass er die roemische Herrschaft bis nach Baktrien und Indien ausdehnen werde, so nannte Antonius den ersten Sohn, den die aegyptische Koenigin ihm gebar, mit dem Namen Alexanders. Er scheint geradezu beabsichtigt zu haben, einerseits mit Ausschluss der vollstaendig hellenisierten Provinzen Bithynien und Asia das gesamte Reichsgebiet im Osten, so weit es nicht schon unter abhaengigen Kleinfuersten stand, in diese Form zu bringen, andererseits alle einstmals von den Okzidentalen besetzten Landschaften des Ostens in Form von Satrapien sich untertaenig zu machen. Von dem oestlichen Kleinasien wurde der groesste Teil und der militaerische Primat dem streitbarsten der dortigen Fuersten, dem Galater Amyntas, zugewiesen. Neben dem galatischen standen die Fuersten von Paphlagonien, die von Galatien verdraengten Nachkommen des Delotarus; Polemon, der neue Fuerst im Pontos und der Gemahl der Enkelin des Antonius Pythodoris; ferner wie bisher die Koenige von Kappadokien und Kommagene. Einen grossen Teil Kilikiens und Syriens sowie Kypros und Kyrene vereinigte Antonius mit dem aegyptischen Staat, dem er also fast die Grenzen wiedergab, wie sie unter den Ptolemaeern gewesen waren, und wie er die Buhle Caesars, die Koenigin Kleopatra, zu der seinigen oder vielmehr zu seiner Gattin gemacht hatte, so erhielt ihr Bastard von Caesar, Caesarion, schon frueher anerkannt als Mitherrscher in Aegypten ^22, die Anwartschaft auf das alte Ptolemaeerreich, die auf Syrien ihr Bastard von Antonius, Ptolemaeos Philadelphos. Einem anderen Sohn, den sie dem Antonius geboren hatte, dem schon erwaehnten Alexander, ward fuer jetzt Armenien zugeteilt als Abschlagzahlung auf die ihm weiter zugedachte Herrschaft des Ostens. Mit diesem nach orientalischer Art geordneten Grosskoenigtum ^23 dachte er den Prinzipat ueber den Okzident zu vereinigen. Er selbst hat nicht den Koenigsnamen angenommen, vielmehr seinen Landsleuten und den Soldaten gegenueber nur diejenigen Titel gefuehrt, die auch Caesar zukamen. Aber auf Reichsmuenzen mit lateinischer Aufschrift heisst Kleopatra Koenigin der Koenige, ihre Soehne von Antonius wenigstens Koenige; den Kopf seines aeltesten Sohnes zeigen die Muenzen neben dem des Vaters, als verstaende die Erblichkeit sich von selbst; die Ehe und die Erbfolge der echten und der Bastardkinder wird von ihm behandelt, wie es bei den Grosskoenigen des Ostens Gebrauch ist oder, wie er selbst sagte, mit der goettlichen Freiheit seines Ahnherrn Herakles ^24; jenen Alexander und dessen Zwillingsschwester Kleopatra nannte er den ersteren Helios, die letztere Selene nach dem Muster eben dieser Grosskoenige, und wie einst der Perserkoenig dem fluechtigen Themistokles eine Anzahl asiatischer Staedte, so schenkte er dem zu ihm uebergetretenen Parther Monaeses drei Staedte Syriens. Auch in Alexander gingen der Koenig der Makedonier und der Koenig der Koenige des Ostens einigermassen nebeneinander her, und auch ihm war fuer das Lagerzelt von Gaugamela das Brautbett in Susa der Lohn; aber seine roemische Kopie zeigt in ihrer Genauigkeit ein starkes Element der Karikatur.


^22 Als Mitherrscher Aegyptens ist der Bastard Caesars Ptolemaios o kai Kaisar theos philopat/o/r philom/e/t/o/r, wie seine Koenigsbenennung lautet (CIG 4717), eingetreten in dem aegyptischen Jahr 29. Aug. 711/12, wie die Jahresrechnung ausweist (Westher Bullettino dell' Instituto 1866, S. 199; Krall, Wiener Studien 5, S. 313). Da er an den Platz des Gatten und Bruders seiner Mutter Ptolemaeos des Juengeren tritt, so wird dessen Beseitigung durch Kleopatra, deren naehere Umstaende nicht bekannt sind, eben damals erfolgt sein und den Anlass gegeben haben, ihn als Koenig von Aegypten zu proklamieren. Auch Dio (47, 31) setzt seine Ernennung in den Sommer des Jahres 712 vor die Schlacht von Philippi. Dieselbe ist also nicht Antonius' Werk, sondern von den beiden Herrschern gemeinschaftlich genehmigt zu einer Zeit, wo ihnen daran gelegen sein musste, der Koenigin von Aegypten, die allerdings von Anfang an auf ihrer Seite gestanden hatte, entgegenzukommen. ^23 Das meint Augustus, wenn er sagt, dass er die grossenteils unter Koenige verteilten Provinzen des Orients wieder zum Reiche gebracht habe (Mop. Ancyr. 5, 41: provincias omnis, quae trans Hadrianum mare vergunt ad orientem, Cyrenasque, iam ex parte magna regibus eas possidentibus . . . reciperavi). ^24 Die Dezenz, die fuer Augustus ebenso charakteristisch ist wie fuer seinen Kollegen das Gegenteil, verleugnet sich auch hier nicht. Nicht bloss wurde in Betreff Caesarions die Vaterschaft, die der Diktator selbst so gut wie anerkannt hatte, spaeterhin offiziell verleugnet; auch die Kinder des Antonius von der Kleopatra, wo freilich nichts zu verleugnen war, sind wohl als Glieder des kaiserlichen Hauses betrachtet, aber nie foermlich als Kinder des Antonius anerkannt worden. Im Gegenteil heisst der Sohn der Tochter des Antonius von Kleopatra, der spaetere Koenig von Mauretanien Ptolemaeos in der athenischen Inschrift CIA III, 555 Enkel des Ptolemaeos; denn Ptolemaioy ekgonos kann in diesem Zusammenhang nicht wohl anders gefasst werden. Man erfand in Rom diesen muetterlichen Grossvater, um den wirklichen offiziell verschweigen zu koennen. Wer es vorzieht, was O. Hirschfeld vorschlaegt, ekgonos als Urenkel zu nehmen und auf den muetterlichen Urgrossvater zu beziehen, kommt zu demselben Resultat; denn dann ist der Grossvater uebergangen, weil die Mutter im Rechtssinne vaterlos war. Ob die Fiktion, die mir wahrscheinlicher ist, so weit ging, einen bestimmten Ptolemaeos zu bezeichnen, etwa dem im Jahre 712 gestorbenen letzten Lagiden das Leben zu verlaengern, oder ob man sich begnuegte, im allgemeinen den Vater zu fingieren, ist nicht zu entscheiden. Aber auch darin hielt man die Fiktion fest, dass der Sohn der Tochter des Antonius den Namen des fiktiven Grossvaters erhielt. Dass dabei der Herkunft von den Lagiden vor derjenigen von Massinissa der Vorzug gegeben ward, mag wohl mehr durch die Ruecksicht auf das kaiserliche Haus herbeigefuehrt sein, welches das Bastardkind als zugehoerig behandelte, als durch die hellenischen Neigungen des Vaters.


Ob Antonius gleich bei der Uebernahme des Regiments im Osten seine Stellung in dieser Weise aufgefasst, ist nicht zu entscheiden; vermutlich ist die Schaffung eines neuen orientalischen Grosskoenigtums in Verbindung mit dem okzidentalischen Prinzipat allmaehlich in ihm gereift und der Gedanke erst voellig zu Ende gedacht worden, nachdem er im Jahre 717 (37) bei seiner Rueckkehr aus Italien nach Asien abermals das Verhaeltnis mit der letzten Koenigin des Lagidenhauses angeknuepft hatte, um es nicht wieder zu zerreissen. Aber sein Naturell war solchem Unterfangen nicht gewachsen. Eine jener militaerischen Kapazitaeten, die dem Feind gegenueber und besonders in schwieriger Lage besonnen und kuehn zu schlagen wissen, fehlte ihm der staatsmaennische Wille, das sichere Erfassen und entschlossene Verfolgen des politischen Ziels. Haette der Diktator Caesar ihm die Unterwerfung des Ostens zur Aufgabe gestellt, so wuerde er sie wohl geloest haben; zum Herrscher taugte der Marschall nicht. Nach der Vertreibung der Parther aus Syrien verstrichen fast zwei Jahre (Sommer 716 bis Sommer 718 38-36), ohne dass irgendein Schritt zum Ziele getan ward. Antonius selbst, auch darin untergeordnet, dass er seinen Generalen bedeutende Erfolge ungern goennte, hatte den Besieger des Labienus und des Pakoros, den tuechtigen Ventidius sofort nach diesem letzten Erfolg entfernt und selbst den Oberbefehl uebernommen, um die armselige Ehre der Einnahme Samosatas, der Hauptstadt des kleinen syrischen Dependenzstaats Kommagene, zu verfolgen und zu verfehlen; aergerlich darueber verliess er den Osten, um in Italien mit seinem Schwager ueber die kuenftige Ordnung zu verhandeln oder mit seiner jungen Gattin Octavia sich des Lebens zu freuen. Seine Statthalter im Osten waren nicht untaetig. Publius Canidius Crassus ging von Armenien aus gegen den Kaukasus vor und unterwarf daselbst den Koenig der Iberer, Pharnabazos, und den der Albaner, Zober. Gaius Sossius nahm in Syrien die letzte noch zu den Parthern haltende Stadt Arados; er stellte ferner in Judaea die Herrschaft des Herodes wieder her und liess den von den Parthern eingesetzten Thronpraetendenten, den Hasmonaeer Antigonos, hinrichten. Die Konsequenzen des Sieges auf roemischem Gebiet wurden also gezogen und bis zum Kaspischen Meer und der syrischen Wueste die roemische Herrschaft zur Anerkennung gebracht. Aber die Kriegfuehrung gegen die Parther zu beginnen, hatte sich Antonius selbst vorbehalten, und er kam nicht. Als er endlich im Jahre 718 (36) sich nicht Octavias, sondern Kleopatras Armen entwand und die Heersaeulen in Marsch setzte, war bereits ein guter Teil der geeigneten Jahreszeit verstrichen. Noch viel auffallender als die Saeumnis ist die Richtung, welche Antonius waehlte. Frueher und spaeter haben alle Angriffskriege der Roemer gegen die Parther den Weg auf Ktesiphon eingeschlagen, die Hauptstadt des Reiches und zugleich an dessen Westgrenze gelegen, also fuer die am Euphrat oder am Tigris hinabmarschierenden Heere das natuerliche und naechste Operationsziel. Auch Antonius konnte, nachdem er durch das noerdliche Mesopotamien ungefaehr auf dem Wege, den Alexander beschritten hatte, an den Tigris gelangt war, am Fluss hinab auf Ktesiphon und Seleukeia vorruecken. Aber statt dessen ging er vielmehr in noerdlicher Richtung zunaechst nach Armenien und von da, wo er seine gesamten Streitkraefte vereinigte und namentlich durch die armenische Reiterei sich verstaerkte, in die Hochebene von Media Atropatene (Aserbeidschan). Der verbuendete Koenig von Armenien mag diesen Feldzugsplan wohl empfohlen haben, da die armenischen Herrscher zu allen Zeiten nach dem Besitz dieses Nachbarlandes strebten und Koenig Artavazdes von Armenien hoffen mochte, den gleichnamigen Satrapen von Atropatene jetzt zu bewaeltigen und dessen Gebiet zu dem seinigen zu fuegen. Aber Antonius selbst ist durch solche Ruecksichten unmoeglich bestimmt worden. Eher mochte er meinen, von Atropatene aus in das Herz des feindlichen Landes vordringen zu koennen und die alten persischen Residenzen Ekbatana und Rhagae als Marschziel betrachten. Aber wenn er dies plante, handelte er ohne Kenntnis des schwierigen Terrains und unterschaetzte durchaus die Widerstandskraft des Gegners, wobei die kurze fuer Operationen in diesem Gebirgsland verfuegbare Zeit und der spaete Beginn des Feldzugs schwer in die Waagschale fielen. Da ein geschickter und erfahrener Offizier, wie Antonius war, sich darueber schwerlich hat taeuschen koennen, so haben wahrscheinlich besondere politische Erwaegungen hier eingewirkt. Phraates' Herrschaft wankte, wie gesagt ward; Monaeses, von dessen Treue Antonius sich versichert hielt und den er vielleicht an Phraates' Stelle zu setzen hoffte, war dem Wunsche des Partherkoenigs gemaess in sein Vaterland zurueckgekehrt ^25; Antonius scheint auf eine Schilderhebung desselben gegen Phraates gezaehlt und in Erwartung dieses Buergerkrieges seine Armee in die inneren parthischen Provinzen gefuehrt zu haben. Es waere wohl moeglich gewesen, in dem befreundeten Armenien den Erfolg dieses Anschlags abzuwarten, und wenn danach weitere Operationen erforderlich waren, im folgenden Jahre wenigstens ueber die volle Sommerzeit zu verfuegen; aber dies Zuwarten missfiel dem hastigen Feldherrn. In Atropatene traf er nicht bloss auf den hartnaeckigen Widerstand des maechtigen und halb unabhaengigen Unterkoenigs, der in seiner Hauptstadt Praaspa oder Phraarta (suedlich vom Urmia-See, vermutlich am oberen Lauf des Djaghatu) entschlossen die Belagerung aushielt, sondern der feindliche Angriff brachte auch den Parthern, wie es scheint, den inneren Frieden. Phraates fuehrte ein stattliches Heer zum Entsatz der angegriffenen Stadt heran. Antonius hatte einen grossen Belagerungspark mitgefuehrt, aber ungeduldig vorwaerts eilend diesen in der Obhut von zwei Legionen unter dem Legaten Oppius Stauanus zurueckgelassen. So kam er seinerseits mit der Belagerung nicht vorwaerts; Koenig Phraates aber sandte unter eben jenem Monaeses seine Reitermassen in den Ruecken der Feinde gegen das muehsam nachrueckende Korps des Stauanus. Die Parther hieben die Deckungsmannschaft nieder, darunter den Feldherrn selbst, nahmen den Rest gefangen und vernichteten den gesamten Park von 300 Wagen. Damit war der Feldzug verloren. Der Armenier, an dem Erfolge des Feldzugs verzweifelnd, nahm seine Leute zusammen und ging heim. Antonius gab nicht sofort die Belagerung auf und schlug sogar das koenigliche Heer in offener Feldschlacht, aber die flinken Reiter entrannen ohne wesentlichen Verlust und es war ein Sieg ohne Wirkung. Ein Versuch, von dem Koenig wenigstens die Rueckgabe der alten und der neu verlorenen Adler zu erlangen und also wenn nicht mit Vorteil, doch mit Ehren Frieden zu schliessen, schlug fehl; so leichten Kaufs gab der Parther den sicheren Erfolg nicht aus der Hand. Er versicherte nur den Abgesandten des Antonius, dass, wenn die Roemer die Belagerung aufheben wuerden, er sie auf der Heimkehr nicht belaestigen werde. Diese weder ehrenvolle noch zuverlaessige feindliche Zusage wird Antonius schwerlich zum Aufbruch bestimmt haben. Es lag nahe, in Feindesland Winterquartier zu nehmen, zumal da die parthischen Truppen dauernden Kriegsdienst nicht kannten und voraussichtlich beim Einbrechen des Winters die meisten Mannschaften heimgegangen sein wuerden. Aber es fehlte ein fester Stuetzpunkt, und die Zufuhr in dem ausgesogenen Land war nicht gesichert, vor allen Dingen Antonius selbst einer solchen zaehen Kriegfuehrung nicht faehig. Also gab er die Maschinen preis, die die Belagerten sofort verbrannten und trat den schweren Rueckweg an, entweder zu frueh oder zu spaet. Fuenfzehn Tagemaersche (300 roemische Meilen) durch feindliches Land trennten das Heer von dem Araxes, dem Grenzfluss Armeniens, wohin trotz der zweideutigen Haltung des Herrschers allein der Rueckzug gerichtet werden konnte. Ein feindliches Heer von 40000 Berittenen gab trotz der gegebenen Zusage den Abziehenden das Geleit, und mit dem Abmarsch der Armenier hatten die Roemer den besten Teil ihrer Reiterei verloren. Die Lebensmittel und die Zugtiere waren knapp, die Jahreszeit weit vorgerueckt. Aber Antonius fand in der gefaehrlichen Lage seine Kraft und seine Kriegskunst wieder, einigermassen auch sein Kriegsglueck; er hatte gewaehlt, und der Feldherr wie die Truppen loesten die Aufgabe in ruehmlicher Weise. Haetten sie nicht einen ehemaligen Soldaten des Crassus bei sich gehabt, der, zum Parther geworden, Weg und Steg auf das genaueste kannte und sie statt durch die Ebene, auf der sie gekommen waren, auf Gebirgswegen zurueckfuehrte, die den Reiterangriffen weniger ausgesetzt waren - wie es scheint ueber die Berge um Tabriz -, so wuerde das Heer schwerlich an das Ziel gelangt sein; und haette nicht Monaeses, in seiner Art dem Antonius die Dankesschuld abtragend, ihn rechtzeitig von den falschen Zusicherungen und den hinterlistigen Anschlaegen seiner Landsleute in Kenntnis gesetzt, so waeren die Roemer wohl in einen der Hinterhalte gefallen, die ihnen mehrfach gelegt wurden. Antonius' Soldatennatur trat in diesen schweren Tagen oftmals glaenzend hervor, in seiner geschickten Benutzung jedes guenstigen Moments, in seiner Strenge gegen die Feigen, in seiner Macht ueber die Soldatengemueter, in seiner treuen Fuersorge fuer die Verwundeten und die Kranken. Dennoch war die Rettung fast ein Wunder; schon hatte Antonius einen treuen Leibdiener angewiesen, im aeussersten Fall ihn nicht lebend in die Haende der Feinde fallen zu lassen. Unter stetigen Angriffen des tueckischen Feindes, in winterlich kalter Witterung, bald ohne genuegende Nahrung und oft ohne Wasser erreichten sie in siebenundzwanzig Tagen die schuetzende Grenze, wo der Feind von ihnen abliess. Der Verlust war ungeheuer; man rechnete auf jene siebenundzwanzig Tage achtzehn groessere Treffen, und in einem einzigen derselben zaehlten die Roemer 3000 Tote und 5000 Verwundete. Es waren eben die Besten und Bravsten, die die stetigen Nachhuts- und Flankengefechte hinrafften. Das ganze Gepaeck, ein Drittel des Trosses, ein Viertel der Armee, 20000 Fusssoldaten und 4000 Reiter waren auf diesem medischen Feldzug zugrunde gegangen, zum grossen Teil nicht durch das Schwert, sondern durch Hunger und Seuchen. Auch am Araxes waren die Leiden der ungluecklichen Truppen noch nicht zu Ende. Artavazdes nahm sie als Freund auf und hatte auch keine andere Wahl; es waere wohl moeglich gewesen, hier zu ueberwintern. Aber die Ungeduld des Antonius litt dies nicht; der Marsch ging weiter, und bei der immer rauher werdenden Jahreszeit und dem Gesundheitszustand der Soldaten kostete dieser letzte Abschnitt der Expedition vom Araxes bis nach Antiocheia, obwohl kein Feind ihn behinderte, noch weitere 8000 Mann. Wohl ist dieser Feldzug ein letztes Aufleuchten dessen, was in Antonius' Charakter brav und tuechtig war, aber politisch seine Katastrophe, um so mehr, als gleichzeitig Caesar durch die glueckliche Beendigung des sizilischen Krieges die Herrschaft im Okzident und das Vertrauen Italiens fuer jetzt und alle Zukunft gewann.


^25 Es ist an sich glaublich dass Antonius dem Phraates so lange wie moeglich die bevorstehende Invasion verbarg und darum bei Ruecksendung des Monaeses sich bereit erklaerte, auf Grund der Rueckgabe der verlorenen Feldzeichen Frieden zu schliessen (Plut. Ant. 37; Dio 49, 24; Florus 2, 20 [4, 101). Aber er wusste vermutlich, dass dies Anerbieten nicht wuerde angenommen werden, und ernst kann es ihm mit diesen Antraegen auf keinen Fall gewesen sein; ohne Zweifel wollte er den Krieg und den Sturz des Phraates.


Die Verantwortung fuer den Misserfolg, den zu verleugnen er vergeblich versuchte, warf Antonius auf die abhaengigen Koenige von Kappadokien und Armenien, auf den letzteren insofern mit Recht, als dessen vorzeitiger Abmarsch von Praaspa die Gefahren und die Verluste des Rueckzugs wesentlich gesteigert hatte. Aber fuer den Feldzugsplan trug nicht er die Verantwortung, sondern Antonius ^26; und das Fehlschlagen der auf Monaeses gesetzten Hoffnungen, die Katastrophe des Stauanus, das Scheitern der Belagerung von Praaspa sind nicht durch den Armenier herbeigefuehrt worden. Die Unterwerfung des Ostens gab Antonius nicht auf, sondern brach im naechsten Jahre (719 35) abermals aus Aegypten auf. Die Verhaeltnisse lagen auch jetzt noch verhaeltnismaessig guenstig. Mit dem medischen Koenig Artavazdes wurde ein Freundschaftsbuendnis angeknuepft; derselbe war nicht bloss mit dem parthischen Oberherrn in Streit geraten, sondern grollte auch vor allem dem armenischen Nachbarn und durfte bei der wohlbekannten Erbitterung des Antonius gegen diesen darauf rechnen, an dem Feind seines Feindes eine Stuetze zu finden. Alles kam an auf das feste Einvernehmen der beiden Machthaber, des sieggekroenten Herrn des Westens und des geschlagenen Herrschers im Osten; und auf die Kunde hin, dass Antonius die Fortfuehrung des Krieges beabsichtige, begab sich seine rechtmaessige Gattin, die Schwester Caesars, von Italien nach dem Osten, um ihm neue Mannschaften zuzufuehren und das Verhaeltnis zu ihr und zu dem Bruder neu zu befestigen. Wenn Octavia gross genug dachte, trotz des Verhaeltnisses mit der aegyptischen Koenigin dem Gatten die Hand zur Versoehnung zu bieten, so muss auch Caesar, wie dies weiter die eben jetzt erfolgende Eroeffnung des Krieges an der italischen Nordostgrenze bestaetigt, damals noch bereit gewesen sein, das bestehende Verhaeltnis aufrechtzuerhalten. Beide Geschwister ordneten ihre persoenlichen Interessen denen des Gemeinwesens in hochherziger Weise unter. Aber wie laut das Interesse wie die Ehre dafuer sprachen, die hingereichte Hand anzunehmen, Antonius konnte es nicht ueber sich gewinnen, das Verhaeltnis zu der Aegypterin zu loesen; er wies die Gattin zurueck, und dies war zugleich der Bruch mit deren Bruder, und, wie man hinzusetzen kann, der Verzicht auf die Fortfuehrung des Krieges gegen die Parther. Nun musste, ehe daran gedacht werden konnte, die Herrschaftsfrage zwischen Antonius und Caesar erledigt werden. Antonius ging denn auch sofort aus Syrien nach Aegypten zurueck und unternahm in den folgenden Jahren nichts weiteres zur Ausfuehrung seiner orientalischen Eroberungsplaene; nur strafte er die, denen er die Schuld des Misserfolgs beimass. Den Koenig von Kappadokien, Ariarathes, liess er hinrichten ^27 und gab das Koenigreich einem illegitimen Verwandten desselben, dem Archelaos. Das gleiche Schicksal war dem Armenier zugedacht. Wenn Antonius, wie er sagte, zur Fortfuehrung des Krieges im Jahre 720 (34) in Armenien erschien, so hatte dies nur den Zweck, die Person des Koenigs, der sich geweigert hatte, nach Aegypten zu gehen, in die Gewalt zu bekommen: Dieser Akt der Rache wurde auf nichtswuerdige Weise im Wege der Ueberlistung ausgefuehrt und in nicht minder nichtswuerdiger Weise durch eine in Alexandreia aufgefuehrte Karikatur des kapitolinischen Triumphs gefeiert. Damals wurde der zum Herrn des Ostens bestimmte Sohn des Antonius, wie frueher angegeben ward, als Koenig von Armenien eingesetzt und mit der Tochter des neuen Bundesgenossen, des Koenigs von Medien, vermaehlt, waehrend der aelteste Sohn des gefangenen und einige Zeit spaeter auf Geheiss der Kleopatra hingerichteten Koenigs von Armenien, Artaxes, den die Armenier anstatt des Vaters zum Koenig ausgerufen hatten, landfluechtig zu den Parthern ging. Armenia und Media Atropatene waren hiermit in Antonius' Gewalt oder ihm verbuendet; die Fortfuehrung des parthischen Krieges wurde wohl angekuendigt, blieb aber verschoben bis nach der Ueberwindung des westlichen Rivalen. Phraates seinerseits ging gegen Medien vor, anfangs ohne Erfolg, da die in Armenien stehenden roemischen Truppen den Medern Beistand leisteten; aber als im Verlauf der Ruestungen gegen Caesar Antonius seine Mannschaften von dort abrief, gewannen die Parther die Oberhand, ueberwanden die Meder und setzten in Medien so wie auch in Armenien den Koenig Artaxes ein, der, um die Hinrichtung des Vaters zu vergelten, saemtliche im Lande zerstreute Roemer greifen und toeten liess. Dass Phraates die grosse Fehde zwischen Antonius und Caesar, waehrend sie vorbereitet und ausgefochten ward, nicht voller ausnutzte, wurde wahrscheinlich wieder einmal durch die im eigenen Lande ausbrechenden Unruhen verhindert. Diese endigten damit, dass er ausgetrieben ward und zu den Skythen des Ostens ging; an seiner Stelle wurde Tiridates als Grosskoenig ausgerufen. Als die entscheidende Seeschlacht an der Kueste von Epirus geschlagen ward und dann in Aegypten die Katastrophe des Antonius sich vollzog, sass in Ktesiphon dieser neue Grosskoenig auf dem schwankenden Thron und schickten an der entgegengesetzten Reichsgrenze die Scharen Turans sich an, den frueheren Herrscher wieder an seine Stelle zu setzen, was ihnen bald darauf auch gelang.


^26 Was darueber Strabon (11, 13, 4 p. 524) offenbar nach der von Antonius' Waffengefaehrten Dellius und vermutlich auf dessen Geheiss aufgesetzten Darstellung dieses Krieges (vgl. das. 11, 13 3; Dio 49, 39) berichtet, ist ein recht klaeglicher Rechtfertigungsversuch des geschlagenen Generals. Wenn Antonius nicht den naechsten Weg nach Ktesiphon einschlug, so kann dafuer der Koenig Artavasdes nicht als falscher Wegweiser in Anspruch genommen werden; es war eine militaerische und wohl mehr noch eine politische Verrechnung des obersten Feldherrn. ^27 Die Tatsache der Absetzung und der Hinrichtung und die Zeit bezeugen Dio (49, 32) und Valerius Maximus (9, 15 ext. 2); die Ursache oder der Vorwand wird mit dem Armenischen Krieg zusammenhaengen.


Der kluge und klare Mann, dem die Liquidation der Unternehmungen des Antonius und die Feststellung des Verhaeltnisses der beiden Reichsteile zufiel, bedurfte ebensosehr der Maessigung wie der Energie. Es wuerde der schwerste Fehler gewesen sein, in Antonius' Gedanken eingehend den Orient oder auch nur im Orient weiter zu erobern. Augustus erkannte dies; seine militaerischen Ordnungen zeigen deutlich, dass er zwar den Besitz der syrischen Kueste wie den der aegyptischen als ein unentbehrliches Komplement fuer das Reich des Mittelmeers betrachtete, aber auf binnenlaendischen Besitz daselbst keinen Wert legte. Indes Armenien war nun einmal seit einem Menschenalter roemisch und konnte, nach Lage der Verhaeltnisse, nur roemisch oder parthisch sein; die Landschaft war durch ihre Lage militaerisch fuer jede der Grossmaechte ein Ausfallstor in das Gebiet der anderen. Augustus dachte auch nicht daran, auf Armenien zu verzichten und es den Parthern zu ueberlassen; und wie die Dinge lagen, durfte er schwerlich daran denken. Wenn aber Armenien festgehalten ward, konnte man dabei nicht stehenbleiben; die oertlichen Verhaeltnisse noetigten die Roemer, weiter das Stromgebiet des Kyros, die Landschaften der Iberer an seinem oberen, der Albaner an seinem unteren Lauf, das heisst, die als Reiter wie zu Fuss kampftuechtigen Bewohner des heutigen Georgien und Schirwan, unter ihren massgebenden Einfluss zu bringen, das parthische Machtgebiet nicht noerdlich vom Araxes ueber Atropatene hinaus sich erstrecken zu lassen. Schon die Expedition des Pompeius hatte gezeigt, dass die Festsetzung in Armenien die Roemer notwendig einerseits bis an den Kaukasus, andrerseits bis an das Westufer des Kaspischen Meeres fuehrte. Die Ansaetze waren ueberall da. Antonius' Legaten hatten mit den Iberern und den Albanern gefochten. Polemon, von Augustus in seiner Stellung bestaetigt, herrschte nicht bloss ueber die Kueste von Pharnakeia bis Trapezunt, sondern auch ueber das Gebiet der Kolcher an der Phasismuendung. Zu dieser allgemeinen Sachlage kamen die besonderen Verhaeltnisse des Augenblicks, welche es dem neuen Alleinherrscher Roms in dringendster Weise nahelegten, das Schwert den Orientalen gegenueber nicht bloss zu zeigen, sondern auch zu ziehen. Dass Koenig Artaxes, wie einst Mithradates, saemtliche Roemer innerhalb seiner Grenzen umzubringen befohlen hatte, konnte nicht unvergolten bleiben. Auch der landfluechtige Koenig von Medien hatte Hilfe jetzt bei Augustus gesucht, wie er sie sonst bei Antonius gesucht haben wuerde. Der Buerger- und Praetendentenkrieg im Parthischen Reiche erleichterte nicht bloss den Angriff, sondern der vertriebene Herrscher Tiridates suchte gleichfalls Schutz bei Augustus und erklaerte sich bereit, als roemischer Vasall das Reich von Augustus zu Lehen zu nehmen. Die Rueckgabe der bei den Niederlagen des Crassus und der Antonianer in die Gewalt der Parther geratenen Roemer und der verlorenen Adler mochte an sich dem Herrscher der Kriegfuehrung nicht wert erscheinen; fallen lassen konnte der Wiederhersteller des roemischen Staates diese militaerische und politische Ehrenfrage nicht. Mit diesen Tatsachen musste der roemische Staatsmann rechnen; bei der Stellung, die Augustus im Orient nahm, war die Politik der Aktion ueberhaupt und durch die vorhergegangenen Misserfolge doppelt geboten. Ohne Zweifel war es wuenschenswert, die Ordnung der Dinge in Rom bald vorzunehmen; aber eine zwingende Noetigung, dies sofort zu tun, bestand fuer den unbestrittenen Alleinherrscher nicht. Er befand sich nach den entscheidenden Schlaegen von Aktion und Alexandreia an Ort und Stelle und an der Spitze eines starken und siegreichen Heeres; was einmal geschehen musste, geschah am besten gleich. Ein Herrscher vom Schlage Caesars waere schwerlich nach Rom zurueckgegangen, ohne in Armenien die Schutzherrschaft hergestellt, die roemische Suprematie bis zum Kaukasus und zum Kaspischen Meere zur Anerkennung gebracht und mit dem Parther abgerechnet zu haben. Ein Herrscher von Umsicht und Tatkraft haette die Grenzverteidigung im Osten gleich jetzt geordnet, wie die Verhaeltnisse es erforderten; es war von vornherein klar, dass die vier syrischen Legionen von zusammen 40000 Mann nicht genuegten, um die Interessen Roms zugleich am Euphrat, am Araxes und am Kyros zu wahren und dass die Milizen der abhaengigen Koenigreiche den Mangel der Reichstruppen nur verdeckten, nicht deckten. Armenien hielt durch politische und nationale Sympathie mehr zu den Parthern als zu den Roemern; die Koenige von Kommagene, Kappadokien, Galatien, Pontus neigten wohl umgekehrt mehr nach der roemischen Seite, aber sie waren unzuverlaessig und schwach. Auch die masshaltende Politik bedurfte zu ihrer Begruendung eines energischen Schwertschlags, zu ihrer Aufrechthaltung des nahen Arms einer ueberlegenen roemischen Militaermacht. Augustus hat weder geschlagen noch geschirmt; gewiss nicht, weil er ueber die Sachlage sich taeuschte, sondern weil es in seiner Art lag, das als notwendig Erkannte zoegernd und schwaechlich durchzufuehren und die Ruecksichten der inneren Politik auf das Verhaeltnis zum Ausland mehr als billig einwirken zu lassen. Das Unzulaengliche des Grenzschutzes durch die kleinasiatischen Klientelstaaten hat er wohl eingesehen; es gehoert in diesen Zusammenhang, dass er schon im Jahre 729 (25), nach dem Tode des Koenigs Amyntas, des Herrn im ganzen innern Kleinasien, diesem keinen Nachfolger gab, sondern das Land einem kaiserlichen Legaten unterstellte. Vermutlich sollten auch die benachbarten bedeutenderen Klientelstaaten, namentlich Kappadokien, in gleicher Weise nach dem Ableben der derzeitigen Inhaber in kaiserliche Statthalterschaften verwandelt werden. Dies war ein Fortschritt, insofern die Milizen dieser Landschaften damit der Reichsarmee inkorporiert und unter roemische Offiziere gestellt wurden; einen ernstlichen Druck auf die unsicheren Grenzlandschaften oder gar auf den benachbarten Grossstaat konnten diese Truppen nicht ausueben, wenn sie auch jetzt zu denen des Reiches zaehlten. Aber alle diese Erwaegungen wurden ueberwogen durch die Ruecksicht auf die Herabdrueckung der Ziffer des stehenden Heeres und der Ausgabe fuer das Heerwesen auf das moeglichst niedrige Mass. Ebenso ungenuegend waren den augenblicklichen Verhaeltnissen gegenueber die auf der Heimkehr von Alexandreia von Augustus getroffenen Massregeln. Er gab dem vertriebenen Koenig der Meder die Herrschaft von Klein-Armenien und dem parthischen Praetendenten Tiridates ein Asyl in Syrien, um durch jenen den in offener Feindseligkeit gegen Rom verharrenden Koenig Artaxes in Schach zu halten, durch diesen auf den Koenig Phraates zu druecken. Die mit diesem wegen der Rueckgabe der parthischen Siegestrophaeen angeknuepften Verhandlungen zogen sich ergebnislos hin, obwohl Phraates im Jahre 731 (23), um die Entlassung eines zufaellig in die Gewalt der Roemer geratenen Sohnes zu erlangen, die Rueckgabe zugesichert hatte. Erst als Augustus im Jahre 734 (20) sich persoenlich nach Syrien begab und Ernst zeigte, fuegten sich die Orientalen. In Armenien, wo eine maechtige Partei sich gegen den Koenig Artaxes erhoben hatte, warfen sich die Insurgenten den Roemern in die Arme und erbaten fuer des Artaxes juengeren, am kaiserlichen Hof erzogenen und in Rom lebenden Bruder Tigranes die kaiserliche Belehnung. Als des Kaisers Stiefsohn Tiberius Claudius Nero, damals ein 22jaehriger Juengling, mit Heeresmacht in Armenien einrueckte, wurde Koenig Artaxes von seinen eigenen Verwandten ermordet, und Tigranes empfing die koenigliche Tiara aus der Hand des kaiserlichen Vertreters, wie sie fuenfzig Jahre frueher sein gleichnamiger Grossvater von Pompeius empfangen hatte. Atropatene wurde wieder von Armenien getrennt und kam unter die Herrschaft eines ebenfalls in Rom erzogenen Herrschers, des Ariobarzanes, Sohnes des frueher erwaehnten Artavazdes; doch scheint dieser das Land nicht als roemisches, sondern als parthisches Lehnsreich erhalten zu haben. Ueber die Ordnung der Dinge in den Fuerstentuemern am Kaukasus erfahren wir nichts; aber da sie spaeter unter die roemischen Klientelstaaten gerechnet werden, so hat wahrscheinlich damals auch hier der roemische Einfluss obgesiegt. Selbst Koenig Phraates, jetzt vor die Wahl gestellt, sein Wort einzuloesen oder zu schlagen, entschloss sich schweren Herzens zu der die nationalen Gefuehle der Seinen empfindlich verletzenden Herausgabe der wenigen noch lebenden roemischen Kriegsgefangenen und der gewonnenen Feldzeichen. Unendlicher Jubel begruesste diesen, von dem Fuersten des Friedens errungenen unblutigen Sieg. Auch bestand nach demselben mit dem Partherkoenig laengere Zeit ein freundschaftliches Verhaeltnis, wie denn die unmittelbaren Interessen der beiden Grossstaaten sich wenig stiessen. In Armenien dagegen hatte die roemische Lehnsherrschaft, die nur auf sich selbst ruhte, der nationalen Opposition gegenueber einen schweren Stand. Nach dem fruehen Tode des Koenigs Tigranes schlugen dessen Kinder oder die unter ihrem Namen regierenden Staatsleiter sich selber zu dieser. Gegen sie wurde von den Roemerfreunden ein anderer Herrscher, Artavazdes, aufgestellt; aber er vermochte nicht gegen die staerkere Gegenpartei durchzudringen. Diese armenischen Wirren stoerten auch das Verhaeltnis zu den Parthern; es lag in der Sache, dass die antiroemisch gesinnten Armenier sich auf diese zu stuetzen suchten, und auch die Arsakiden konnten nicht vergessen, dass Armenien frueher eine parthische Sekundogenitur gewesen war. Unblutige Siege sind oft schwaechliche und gefaehrliche. Es kam so weit, dass die roemische Regierung im Jahre 748 (6) demselben Tiberius, der vierzehn Jahre zuvor den Tigranes als Lehnskoenig von Armenien eingesetzt hatte, den Auftrag erteilte, abermals mit Heeresmacht dort einzuruecken und die Verhaeltnisse noetigenfalls mit Waffengewalt zu ordnen. Aber das Zerwuerfnis in der kaiserlichen Familie, welches die Unterwerfung der Germanen unterbrochen hatte, griff auch hier ein und hatte die gleiche ueble Wirkung. Tiberius lehnte den Auftrag des Stiefvaters ab, und in Ermangelung eines geeigneten prinzlichen Feldherrn sah die roemische Regierung einige Jahre hindurch wohl oder uebel dem Schalten der antiroemischen Partei in Armenien unter Parthisches Schutz untaetig zu. Endlich im Jahre 753 (1) wurde dem aelteren Adoptivsohn des Kaisers, dem zwanzigjaehrigen Gaius Caesar, nicht bloss derselbe Auftrag erteilt, sondern es sollte, wie der Vater hoffte, die Unterwerfung Armeniens der Anfang groesserer Dinge sein, der Orientfeldzug des zwanzigjaehrigen Kronprinzen man moechte fast sagen die Alexanderfahrt fortsetzen. Vom Kaiser beauftragte oder dem Hofe nahestehende Literaten, der Geograph Isidoros, selber an der Euphratmuendung zu Hause, und der Vertreter der griechischen Gelehrsamkeit unter den Fuerstlichkeiten des Augustischen Kreises, Koenig Juba von Mauretanien, widmeten, jener seine im Orient selbst eingezogenen Erkundigungen, dieser literarische Kollektaneen ueber Arabien, dem jungen Prinzen, der vor Begierde zu brennen schien, mit der Eroberung Arabiens, ueber welche Alexander weggestorben war, einen vor laengerer Zeit dort eingetretenen Misserfolg des Augustfischen Regiments glaenzend zu begleichen. Zunaechst fuer Armenien war diese Sendung ebenso von Erfolg wie die des Tiberius. Der roemische Kronprinz und der parthische Grosskoenig Phraatakes trafen persoenlich auf einer Insel des Euphrat zusammen; die Parther gaben wieder einmal Armenien auf und die nahegerueckte Gefahr eines parthischen Krieges ward abgewandt, das gestoerte Einvernehmen wenigstens aeusserlich wiederhergestellt. Den Armeniern setzte Gaius den Ariobarzanes, einen Prinzen aus dem medischen Fuerstenhause, zum Koenig, und die Oberherrschaft Roms wurde abermals befestigt. Indes fuegten die antiroemisch gesinnten Armenier sich nicht ohne Widerstand; es kam nicht bloss zum Einruecken der Legionen, sondern auch zum Schlagen. Vor den Mauern des armenischen Kastells Artageira empfing der junge Kronprinz von einem parthischen Offizier durch tueckische List die Wunde (2 n. Chr.), an der er nach monatelangem Siechen hinstarb. Die Verschlingung der Reichs- und der dynastischen Politik bestrafte sich aufs neue. Der Tod eines jungen Mannes aenderte den Gang der grossen Politik; die so zuversichtlich dem Publikum angekuendigte arabische Expedition fiel weg, nachdem ihr Gelingen dem Sohn des Kaisers nicht mehr den Weg zur Nachfolge ebnen konnte. Auch an weitere Unternehmungen am Euphrat wurde nicht mehr gedacht; das Naechste, die Besetzung Armeniens und die Wiederherstellung der Beziehungen zu den Parthern war erreicht, wie truebe Schatten auch durch den Tod des Kronprinzen auf diesen Erfolg fielen. Bestand hatte derselbe so wenig wie der der glaenzenderen Expedition des Jahres 734 (20). Die von Rom eingesetzten Herrscher Armeniens wurden bald von denen der Gegenpartei unter versteckter oder offener Beteiligung der Parther bedraengt oder verdraengt. Als der in Rom erzogene parthische Prinz Vonones auf den erledigten parthischen Thron berufen ward, hofften die Roemer an ihm eine Stuetze zu finden; allein eben deswegen musste er bald ihn raeumen, und an seine Stelle kam Koenig Artabanos von Medien, ein muetterlicherseits den Arsakiden entsprossener, aber dem skythischen Volke der Daker angehoeriger und in einheimischer Sitte aufgewachsener tatkraeftiger Mann (um 10 n. Chr.). Vonones ward damals von den Armeniern als Herrscher aufgenommen und damit diese unter roemischem Einfluss gehalten. Aber um so weniger konnte Artabanos seinen verdraengten Nebenbuhler als Nachbarfuersten dulden; die roemische Regierung haette, um den fuer seine Stellung in jeder Hinsicht ungeeigneten Mann zu halten, Waffengewalt gegen die Parther wie gegen seine eigenen Untertanen anwenden muessen. Tiberius, der inzwischen zur Regierung gekommen war, liess nicht sofort einruecken, und fuer den Augenblick siegte in Armenien die antiroemische Partei; aber es war nicht seine Absicht, auf das wichtige Grenzland zu verzichten. Im Gegenteil wurde die wahrscheinlich laengst beschlossene Einziehung des Koenigreichs Kappadokien im Jahre 17 zur Ausfuehrung gebracht: der alte Archelaos, der dort seit dem Jahre 718 (36) den Thron einnahm, ward nach Rom berufen und ihm hier angekuendigt, dass er aufgehoert habe zu regieren. Ebenso kam das kleine, aber wegen der Euphratuebergaenge wichtige Koenigreich Kommagene damals unter unmittelbare kaiserliche Verwaltung. Damit war die unmittelbare Reichsgrenze bis an den mittleren Euphrat vorgeschoben. Zugleich ging der Kronprinz Germanicus, der soeben am Rhein mit grosser Auszeichnung kommandiert hatte, mit ausgedehnter Machtvollkommenheit nach dem Osten, um die neue Provinz Kappadokien zu ordnen und das gesunkene Ansehen der Reichsgewalt wiederherzustellen. Auch diese Sendung kam bald und leicht zum Ziel. Germanicus, obwohl von dem Statthalter Syriens, Gnaeus Piso, nicht mit derjenigen Truppenmacht unterstuetzt, die er fordern durfte und gefordert hatte, ging nichtsdestoweniger nach Armenien und brachte durch das blosse Gewicht seiner Persoenlichkeit und seiner Stellung das Land zum Gehorsam zurueck. Den unfaehigen Vonones liess er fallen und setzte den Armeniern, den Wuenschen der roemisch gesinnten Vornehmen entsprechend, zum Herrscher einen Sohn jenes Polemon, den Antonius zum Koenig im Pontus gemacht hatte, den Zenon oder, wie er als Koenig von Armenien heisst, Artaxias; dieser war einerseits dem kaiserlichen Hause verbunden durch seine Mutter, die Koenigin Pythodoris, eine Enkelin des Triumvirn Antonius, andererseits nach Landesart erzogen, ein tuechtiger Waidmann und bei dem Gelag ein tapferer Zecher. Auch der Grosskoenig Artabanos kam dem roemischen Prinzen in freundschaftlicher Weise entgegen und bat nur um Entfernung seines Vorgaengers Vonones aus Syrien, um den zwischen diesem und den unzufriedenen Parthern sich anspinnenden Zettelungen zu steuern. Da Germanicus dieser Bitte entsprach und den unbequemen Fluechtling nach Kilikien schickte, wo er bald darauf bei einem Fluchtversuch umkam, stellten zwischen den beiden Grossstaaten die besten Beziehungen sich her. Artabanos wuenschte sogar, mit Germanicus am Euphrat persoenlich zusammenzukommen, wie dies auch Phraatakes und Gaius getan hatten; dies aber lehnte Germanicus ab, wohl mit Ruecksicht auf Tiberius' leicht erregten Argwohn. Freilich fiel auf diese orientalische Expedition derselbe truebe Schatten wie auf die letztvorhergehende; auch von dieser kam der Kronprinz des Roemischen Reiches nicht lebend heim. Eine Zeitlang taten die getroffenen Einrichtungen ihren Dienst. So lange Tiberius mit sicherer Hand die Herrschaft fuehrte und so lange Koenig Artaxias von Armenien lebte, blieb im Orient Ruhe; aber in den letzten Jahren des alten Kaisers, als derselbe von seiner einsamen Insel aus die Dinge gehen liess und vor jedem Eingreifen zurueckscheute, und insbesondere nach dem Tode des Artaxias (um 34) begann das alte Spiel abermals. Koenig Artabanos, gehoben durch sein langes und glueckliches Regiment und durch vielfache, gegen die Grenzvoelker Irans erstrittene Erfolge und ueberzeugt, dass der alte Kaiser keine Neigung haben werde, einen schweren Krieg im Orient zu beginnen, bewog die Armenier, seinen eigenen aeltesten Sohn, den Arsakes, zum Herrscher auszurufen, das heisst die roemische Oberherrlichkeit mit der parthischen zu vertauschen. Ja er schien es geradezu auf den Krieg mit Rom anzulegen; er forderte die Verlassenschaft seines in Kilikien umgekommenen Vorgaengers und Rivalen Vonones von der roemischen Regierung, und seine Schreiben an diese sprachen ebenso unverhuellt aus, dass der Orient den Orientalen gehoere, wie sie die Greuel am kaiserlichen Hofe, die man in Rom sich nur im vertrautesten Kreise zuzufluestern wagte, bei ihrem rechten Namen nannten. Er soll sogar einen Versuch gemacht haben, sich in Besitz von Kappadokien zu setzen. Aber indem alten Loewen hatte er sich verrechnet. Tiberius war auch auf Capreae nicht bloss den Hofleuten furchtbar und nicht der Mann, sich und in sich Rom ungestraft verhoehnen zu lassen. Er sandte den Lucius Vitellius, den Vater des spaetem Kaisers, einen entschlossenen Offizier und geschickten Diplomaten, nach dem Orient mit aehnlicher Machtvollkommenheit, wie sie frueher Gaius Caesar und Germanicus gehabt hatten, und mit dem Auftrag, noetigenfalls die syrischen Legionen ueber den Euphrat zu fuehren. Zugleich wandte er das oft erprobte Mittel an, den Herrschern des Ostens durch Insurrektionen und Praetendenten in ihrem eigenen Lande zu schaffen zu machen. Dem Partherprinzen, den die armenischen Nationalen zum Herrscher ausgerufen hatten, stellte er einen Fuersten aus dem Koenigshaus der Iberer entgegen, den Mithradates, des Ibererkoenigs Pharasmanes Bruder, und wies diesen sowie den Fuersten der Albaner an, den roemischen Praetendenten fuer Armenien mit Heeresmacht zu unterstuetzen. Von den streitbaren und fuer jeden Werber leicht zugaenglichen transkaukasischen Sarmaten wurden grosse Scharen mit roemischem Golde fuer den Einfall in Armenien gedungen. Es gelang auch dem roemischen Praetendenten, seinen Nebenbuhler durch bestochene Hofleute zu vergiften und sich des Landes und der Hauptstadt Artaxata zu bemaechtigen. Artabanos sandte an des Ermordeten Stelle einen anderen Sohn, Orodes, nach Armenien und versuchte auch seinerseits transkaukasische Hilfstruppen zu beschaffen; aber nur wenige kamen nach Armenien durch, und die parthischen Reiterscharen waren der guten Infanterie der Kaukasusvoelker und den gefuerchteten sarmatischen berittenen Schuetzen nicht gewachsen. Orodes wurde in harter Feldschlacht ueberwunden und selbst im Zweikampf mit seinem Rivalen schwer verwundet. Da brach Artabanos selber nach Armenien auf. Nun aber setzte auch Vitellius die syrischen Legionen in Bewegung, um den Euphrat zu ueberschreiten und in Mesopotamien einzufallen; und dies brachte die lange gaerende Insurrektion im Partherreiche zum Ausbruch. Das energische und mit den Erfolgen selbst immer schroffere Auftreten des skythischen Herrschers hatte viele Personen und Interessen verletzt, insbesondere die mesopotamischen Griechen und die maechtige Stadtgemeinde von Seleukeia, welcher er ihre nach griechischer Art demokratische Gemeindeverfassung genommen hatte, ihm abwendig gemacht. Das roemische Gold naehrte die sich vorbereitende Bewegung. Unzufriedene Adlige hatten schon frueher sich mit der roemischen Regierung in Verbindung gesetzt und einen echten Arsakiden von dieser erbeten. Tiberius hatte des Phraates einzigen ueberlebenden, dem Vater gleichnamigen Sohn und, nachdem der alte roemisch gewoehnte Mann den Anstrengungen noch in Syrien erlegen war, an dessen Stelle einen ebenfalls in Rom lebenden Enkel des Phraates namens Tiridates geschickt. Der parthische Fuerst Sinnakes, der Fuehrer dieser Zettelungen, kuendigte jetzt dem Skythen den Gehorsam und pflanzte das Banner der Arsakiden auf. Vitellius ueberschritt mit den Legionen den Euphrat und in seinem Gefolge der neue Grosskoenig von roemischen Gnaden. Der parthische Statthalter von Mesopotamien, Ornospades, der einst als Verbannter unter Tiberius den pannonischen Krieg mitgemacht hatte, stellte sich und seine Truppen sofort dem neuen Herrn zur Verfuegung des Sinnakes Vater Abdagaeses lieferte den Reichsschatz aus; in kuerzester Zeit sah sich Artabanos von dem ganzen Lande verlassen und gezwungen, in seine skythische Heimat zu fluechten, wo er als unsteter Mann in den Waeldern herumirrte und mit seinem Bogen sich das Leben fristete, waehrend dem Tiridates von den nach parthischer Staatsordnung zur Kroenung des Herrschers berufenen Fuersten in Ktesiphon feierlich die Tiara aufs Haupt gesetzt ward. Indes die Herrschaft des von dem Reichsfeind geschickten neuen Grosskoenigs waehrte nicht lange. Das Regiment, welches weniger er fuehrte, ein junger unerfahrener und untuechtiger Mann, als die ihn zum Koenig gemacht hatten, vornehmlich Abdagaeses, rief bald Opposition hervor. Einige der vornehmsten Satrapen waren schon bei der Kroenungsfeier ausgeblieben und zogen den vertriebenen Herrscher wieder aus der Verbannung hervor; mit ihrem Beistand und den von seinen skythischen Landsleuten gestellten Mannschaften kehrte Artabanos zurueck, und schon im folgenden Jahre (36) war das ganze Reich mit Ausnahme von Seleukeia wieder in seiner Gewalt, Tiridates ein fluechtiger Mann und genoetigt, bei seinen roemischen Beschuetzern die Zuflucht zu heischen, die ihm nicht versagt werden konnte. Vitellius fuehrte die Legionen abermals an den Euphrat; aber da der Grosskoenig persoenlich erschien und sich zu allem Verlangten bereit erklaerte, falls die roemische Regierung von Tiridates abstehe, war der Friede bald geschlossen. Artabanos erkannte nicht bloss den Mithradates als Koenig von Armenien an, sondern brachte auch dem Bildnis des roemischen Kaisers die Huldigung dar, die von den Lehnsmannen gefordert zu werden pflegte, und stellte seinen Sohn Dareios den Roemern als Geisel. Darueber war der alte Kaiser gestorben; aber diesen so unblutigen wie vollstaendigen Sieg seiner Politik ueber die Auflehnung des Orients hat er noch erlebt. Was die Klugheit des Greises erreicht hatte, verdarb sofort der Unverstand des Nachfolgers. Abgesehen davon, dass er verstaendige Einrichtungen des Tiberius rueckgaengig machte, zum Beispiel das eingezogene Koenigreich Kommagene wiederherstellte, goennte sein toerichter Neid dem toten Kaiser den erreichten Erfolg nicht; den tuechtigen Statthalter von Syrien wie den neuen Koenig von Armenien lud er zur Verantwortung nach Rom vor, setzte den letzteren ab und schickte ihn, nachdem er ihn eine Zeitlang gefangen gehalten hatte, ins Exil. Selbstverstaendlich griff die parthische Regierung zu und nahm das herrenlose Armenien wiederum in Besitz ^28. Claudius hatte, als er im Jahre 41 zur Regierung kam, die getane Arbeit von neuem zu beginnen. Er verfuhr nach dem Beispiel des Tiberius. Mithradates, aus dem Exil zurueckgerufen, wurde wieder eingesetzt und angewiesen, mit Hilfe seines Bruders sich Armeniens zu bemaechtigen. Der damals zwischen den drei Soehnen des Koenigs Artabanos III. gefuehrte Bruderkrieg im Partherreich ebnete den Roemern den Weg. Nach der Ermordung des aeltesten Sohnes stritten Jahre lang Gotarzes und Vardanes um den Thron; Seleukeia, das schon dem Vater den Gehorsam aufgekuendigt hatte, trotzte sieben Jahre hindurch ihm und nachher den Soehnen; die Voelker Turans griffen wie immer auch in diesen Hader der Fuersten Irans ein. Mithradates vermochte mit Hilfe der Truppen seines Bruders und der Garnisonen der benachbarten roemischen Provinzen die parthisch Gesinnten in Armenien zu ueberwaeltigen und sich wieder zum Herrn daselbst zu machen ^29; das Land erhielt roemische Besatzung. Nachdem Vardanes sich mit dem Bruder verglichen und endlich Seleukeia wieder eingenommen hatte, machte er Miene, in Armenien einzuruecken; aber die drohende Haltung des roemischen Legaten von Syrien hielt ihn ab und sehr bald brach der Bruder den Vergleich und begann der Buergerkrieg aufs neue. Nicht einmal die Ermordung des tapferen und im Kampf mit den Voelkern Turans siegreichen Vardanes setzte demselben ein Ziel; die Gegenpartei wendete sich nun nach Rom und erbat sich von der dortigen Regierung den dort lebenden Sohn des Vonones, den Prinzen Meherdates, welcher dann auch vom Kaiser Claudius vor dem versammelten Senat den Seinigen zur Verfuegung gestellt und nach Syrien entlassen ward mit der Ermahnung, sein neues Reich gut und gerecht zu verwalten und der roemischen Schutzfreundschaft eingedenk zu bleiben (Jahr 49). Er kam nicht in die Lage, von diesen Ermahnungen Anwendung zu machen. Die roemischen Legionen, die ihm bis zum Euphrat das Geleit gaben, uebergaben ihn dort denen, die ihn gerufen hatten, dem Haupt des maechtigen Fuerstengeschlechts der Karen und den Koenigen Abgaros von Edessa und Izates von Adiabene. Der unerfahrene und unkriegerische Juengling war der Aufgabe so wenig gewachsen wie alle anderen von den Roemern aufgestellten parthischen Herrscher; eine Anzahl seiner namhaftesten Anhaenger verliessen ihn, so wie sie ihn kennenlernten und gingen zu Gotarzes; in der entscheidenden Schlacht gab der Fall des tapferen Karen den Ausschlag. Meherdates wurde gefangen und nicht einmal hingerichtet, sondern nur nach orientalischer Sitte durch Verstuemmelung der Ohren regierungsunfaehig gemacht.


^28 Der Bericht ueber die Besitzergreifung Armeniens fehlt, aber die Tatsache geht aus Tac. ann. 11, 9 deutlich hervor. Wahrscheinlich gehoert hierher, was Josephus (bel. Iud. 20 3, 3) von der Absicht des Nachfolgers des Artabanos erzaehlt, gegen die Roemer Krieg zu fuehren wovon der Satrap von Adiabene, Izates, ihn vergebens abmahnt. Josephus nennt diesen Nachfolger wohl irrig Bardanes. Artabanos' III. unmittelbarer Nachfolger war nach Tac. ann. 11, 8 sein gleichnamiger Sohn, den nebst seinem Sohn dann Gotarzes aus dem Wege raeumte; und dieser Artabanos IV. wird hier gemeint sein. ^29 Die Meldung des Petrus Patricius (fr. 3 Muell.), dass der Koenig Mithradates von Iberien den Abfall von Rom geplant, aber, um den Schein der Treue zu wahren, seinen Bruder Kotys an Claudius gesandt habe und dann, da dieser dem Kaiser von jenen Umtrieben Anzeige gemacht, abgesetzt und durch den Bruder ersetzt worden sei vertraegt sich nicht mit der gesicherten Tatsache, dass in Iberien wenigstens vom Jahr 35 (Tac. ann. 6, 32) bis zum Jahr 60 (Tac. ann. 14, 26) Pharasmanes, im Jahre 75 dessen Sohn Mithradates (CIL III, 6052) geherrscht hat. Ohne Zweifel hat Petrus den Mithradates von Iberien und den gleichnamigen Koenig des Bosporus zusammengeworfen und liegt hier die Erzaehlung zu Grunde, welche Tacitus (ann. 12, 18) voraussetzt.


Trotz dieser Niederlage der roemischen Politik im Partherreich blieb Armenien den Roemern, solange der schwache Gotarzes ueber die Parther herrschte. Aber sowie eine kraeftigere Hand die Zuegel der Herrschaft fasste und die inneren Kaempfe ruhten, ward auch der Kampf um jenes Land wieder aufgenommen. Koenig Vologasos, der nach dem Tode des Gotarzes und dem kurzen Regiment Vonones' II, diesem seinem Vater im Jahre 51 sukzedierte ^30, bestieg den Thron ausnahmsweise in vollem Einverstaendnis mit seinen beiden Bruedern Pakoros und Tiridates. Er war ein faehiger und umsichtiger Regent - auch als Staedtegruender finden wir ihn und mit Erfolg bemueht, den Handel von Palmyra nach seiner Stadt Vologasias am unteren Euphrat zu lenken -, raschen und extremen Entschluessen abgeneigt und bemueht, mit dem maechtigen Nachbarn womoeglich Frieden zu halten. Aber die Rueckgewinnung Armeniens war der leitende politische Gedanke der Dynastie und auch er bereit, jede Gelegenheit zu seiner Verwirklichung zu benutzen. Diese Gelegenheit schien jetzt sich zu bieten. Der armenische Hof war der Schauplatz einer der entsetzlichsten Familientragoedien geworden, die die Geschichte verzeichnet. Der alte Koenig der Iberer, Pharasmanes, unternahm es, seinen Bruder, den Koenig von Armenien Mithradates, vom Thron zu stossen und seinen eigenen Sohn Rhadamistos an dessen Stelle zu setzen. Unter dem Vorwande eines Zerwuerfnisses mit dem Vater erschien Rhadamistos bei seinem Oheim und Schwiegervater und knuepfte mit angesehenen Armeniern Verhandlungen in jenem Sinne an. Nachdem er sich eines Anhangs versichert hatte, ueberzog Pharasmanes im Jahre 52 unter nichtigen Vorwaenden den Bruder mit Krieg und brachte auch das Land in seine oder vielmehr seines Sohnes Gewalt. Mithradates stellte sich unter den Schutz der roemischen Besatzung des Kastells Gorneae ^31. Diese anzugreifen wagte Rhadamistos nicht; aber der Kommandant Caelius Pollio war als nichtswuerdig und feil bekannt. Der unter ihm den Befehl fuehrende Centurio begab sich zu Pharasmanes, um ihn zur Zurueckrufung seiner Truppen zu bestimmen, was dieser wohl versprach, aber nicht hielt. Waehrend der Abwesenheit des Zweitkommandierenden noetigte Pollio den Koenig, der wohl ahnte, was ihm bevorstand, durch die Drohung, ihn im Stiche zu lassen, sich dem Rhadamistos in die Haende zu liefern. Von diesem wurde er umgebracht, mit ihm seine Gattin, des Rhadamistos' Schwester und die Kinder derselben, weil sie im Anblick der Leichen ihrer Eltern in Jammergeschrei ausbrachen. Auf diese Weise gelangte Rhadamistos zur Herrschaft von Armenien. Die roemische Regierung durfte weder solchen, von ihren Offizieren mitverschuldeten Greueln zusehen noch dulden, dass einer ihrer Lehnstraeger den andern mit Krieg ueberzog. Nichtsdestoweniger erkannte der Statthalter von Kappadokien, Iulius Paelignus, den neuen Koenig von Armenien an. Auch im Rat des Statthalters von Syrien, Ummidius Quadratus, ueberwog die Meinung, dass es den Roemern gleichgueltig sein koenne, ob der Oheim oder der Neffe ueber Armenien herrsche; der nach Armenien mit einer Legion gesendete Legat erhielt nur den Auftrag, den Status quo bis auf weiteres aufrecht zu halten. Da hielt der Partherkoenig, in der Voraussetzung, dass die roemische Regierung sich nicht beeifern werde, fuer den Koenig Rhadamistos einzutreten, den Moment fuer geeignet, seine alten Ansprueche auf Armenien wieder aufzunehmen. Er belehnte mit Armenien seinen Bruder Tiridates, und die einrueckenden parthischen Truppen bemaechtigten sich fast ohne Schwertstreich der beiden Hauptstaedte Tigranokerta und Artaxata und des ganzen Landes. Als Rhadamistos einen Versuch machte, den Preis seiner Bluttaten festzuhalten, schlugen die Armenier selbst ihn zum Lande hinaus. Die roemische Besatzung scheint nach der Uebergabe von Gorneae Armenien verlassen zu haben; die aus Syrien in Marsch gesetzte Legion zog der Statthalter zurueck, um nicht mit den Parthern in Konflikt zu geraten.


^30 Wenn die Muenzen, die freilich meistens nur nach der Bildnisaehnlichkeit sich scheiden lassen, richtig attributiert sind, so reichen die des Gotarzes bis Sel. 362 Daesius = n. Chr. 51, Juni und beginnen die des Volagasos (von Vonones II. kennen wir keine) mit Sel. 362 Gorpiaeus = n. Chr. 51, September (Gardner, Parthian coinage, S. 50, 51), was mit Tacitus (ann. 12, 14, 44) uebereinstimmt. ^31 Gorneae, bei den Armeniern Garhni, wie die Ruine (nahe, oestlich von Eriwan) noch jetzt genannt wird. Kiepert.


Als diese Kunde nach Rom kam (Ende 54), war Kaiser Claudius eben gestorben und regierten fuer den jungen siebzehnjaehrigen Nachfolger tatsaechlich die Minister Burrus und Seneca. Das Vorgehen des Vologasos konnte nur mit der Kriegserklaerung beantwortet werden. In der Tat sandte die roemische Regierung nach Kappadokien, das sonst Statthalterschaft zweiten Ranges und nicht mit Legionen belegt war, ausnahmsweise den konsularischen Legaten Gnaeus Domitius Corbulo. Er war als Schwager des Kaisers Gaius rasch vorwaerts gekommen, dann unter Claudius im Jahre 47 Legat von Untergermanien gewesen und galt seitdem als einer der damals nicht zahlreichen tuechtigen, die vielfach verfallene Disziplin energisch handhabenden Heerfuehrer, selbst eine herkulische Gestalt, jeder Strapaze gewachsen und nicht bloss dem Feind, sondern auch seinen eigenen Soldaten gegenueber von ruecksichtslosem Mut. Es schien ein Zeichen des Besserwerdens der Dinge, dass die Neronische Regierung das erste von ihr zu besetzende wichtige Kommando an ihn vergab. Der unfaehige syrische Legat von Syrien, Quadratus, wurde nicht abgerufen, aber angewiesen, zwei von seinen vier Legionen dem Statthalter der Nachbarprovinz zur Verfuegung zu stellen. Die Legionen alle wurden an den Euphrat herangezogen und die sofortige Schlagung der Bruecken ueber den Fluss angeordnet. Die beiden westlich zunaechst an Armenien grenzenden Landschaften Klein-Armenien und Sophene wurden zwei zuverlaessigen syrischen Fuersten, dem Aristobulos aus einem Seitenzweig des herodischen Hauses und dem Sohaemos aus der Herrscherfamilie von Hemesa zugeteilt und beide unter Corbulos Befehle gestellt. Der Koenig des damals noch uebrigen Restes des Judenstaats Agrippa und der Koenig von Kommagene Antiochos erhielten ebenfalls Marschbefehl. Indes zunaechst kam es nicht zum Schlagen. Die Ursache lag zum Teil in dem Zustand der syrischen Legionen; es war ein schlimmes Armutszeugnis fuer die bisherige Verwaltung, dass Corbulo die ihm ueberwiesenen Truppen geradezu als unbrauchbar bezeichnen musste. Die in den griechischen Provinzen ausgehobenen und garnisonierenden Legionen waren immer geringer gewesen als die okzidentalischen; jetzt hatte die entnervende Gewalt des Orients bei dem langen Friedensstand und der schlaffen Heereszucht dieselben voellig demoralisiert. Die Soldaten hielten mehr in den Staedten sich auf als in den Lagern; nicht wenige derselben waren des Waffentragens entwoehnt und wussten nichts von Lagerschlagen und Wachdienst; die Regimenter waren lange nicht ergaenzt und enthielten zahlreiche alte unbrauchbare Leute; Corbulo hatte zunaechst eine grosse Anzahl von Soldaten zu entlassen und in noch viel groesserer Zahl Rekruten auszuheben und auszubilden. Der Wechsel der bequemen Winterquartiere am Orontes mit denen in den rauben armenischen Bergen, die ploetzliche Einfuehrung unerbittlich strenger Lagerzucht fuehrte vielfach Erkrankungen herbei und veranlasste zahlreiche Desertionen. Trotz allem dem sah sich der Feldherr, als es Ernst ward, genoetigt, um Zusendung einer der besseren Legionen des Okzidents zu bitten. Unter diesen Umstaenden beeilte er sich nicht, seine Soldaten an den Feind zu bringen; indes waren doch dabei ueberwiegend politische Ruecksichten massgebend. Waere es die Absicht der roemischen Regierung gewesen, den parthischen Herrscher sofort aus Armenien zu vertreiben, und zwar nicht den Rhadamistos, mit dessen Blutschuld die Roemer keine Veranlassung hatten, sich zu beflecken, aber irgendeinen anderen Fuersten ihrer Wahl an dessen Stelle zu setzen, so haetten dazu die Streitkraefte Corbulos wohl sofort ausgereicht, da Koenig Vologasos, wieder einmal durch innere Unruhen abgezogen, seine Truppen aus Armenien weggefuehrt hatte. Aber dies lag nicht im Plane der Roemer; man wollte dort vielmehr das Regiment des Tiridates sich gefallen lassen und ihn nur zur Anerkennung der roemischen Oberherrlichkeit bestimmen und noetigenfalls zwingen; nur zu diesem Zweck sollten aeussersten Falls die Legionen marschieren. Es kam dies der Sache nach der Abtretung Armeniens an die Parther sehr nahe. Was fuer diese sprach und was sie verhinderte, ist frueher entwickelt worden. Wurde jetzt Armenien als parthische Sekundogenitur geordnet, so war die Anerkennung des roemischen Lehnsrechts wenig mehr als eine Formalitaet, genau genommen nichts als eine Deckung der militaerischen und politischen Ehre. Also hat die Regierung der frueheren neronischen Zeit, der notorisch an Einsicht und Energie wenige gleich kamen, beabsichtigt, sich Armeniens in schicklicher Weise zu entledigen; und es kann das nicht verwundern. Man schoepfte hier in der Tat in das Sieb. Der Besitz Armeniens war wohl im Jahre 20 v. Chr. durch Tiberius, dann durch Gaius im Jahre 2, durch Germanicus im Jahre 18, durch Vitellius im Jahre 36 im Lande selbst wie bei den Parthern zur Geltung und Anerkennung gebracht worden. Aber eben diese regelmaessig sich wiederholenden und regelmaessig von Erfolg gekroenten und doch niemals zu dauernder Wirkung gelangenden ausserordentlichen Expeditionen gaben den Parthern recht, wenn sie in den Verhandlungen unter Nero behaupteten, dass die roemische Oberherrschaft ueber Armenien ein leerer Name, das Land nun einmal parthisch sei und sein wolle. Zur Geltendmachung der roemischen Obergewalt bedurfte es immer wenn nicht der Kriegfuehrung, doch der Kriegdrohung, und die dadurch bedingte stetige Reibung machte den dauernden Friedensstand zwischen den beiden benachbarten Grossmaechten unmoeglich. Die Roemer hatten, wenn sie folgerichtig verfuhren, nur die Wahl, Armenien und das linke Euphratufer ueberhaupt entweder durch Beseitigung der bloss mittelbaren Herrschaft effektiv in ihre Gewalt zu bringen oder es soweit den Parthern zu ueberlassen, als dies mit dem obersten Grundsatz des roemischen Regiments, keine gleichberechtigte Grenzmacht anzuerkennen, sich vertrug. Augustus und die bisherigen Regenten hatten die erstere Alternative entschieden abgelehnt, und sie haetten also den zweiten Weg einschlagen sollen; aber auch diesen abzulehnen, hatten sie wenigstens versucht und das parthische Koenigshaus von der Herrschaft ueber Armenien ausschliessen wollen, ohne es zu koennen. Dies muessen die leitenden Staatsmaenner der frueheren neronischen Zeit als einen Fehler betrachtet haben, da sie Armenien den Arsakiden ueberliessen und sich auf das denkbar geringste Mass von Rechten daran beschraenkten. Wenn die Gefahren und die Nachteile, welche das Festhalten dieser nur aeusserlich dem Reich anhaftenden Landschaft dem Staate brachte, gegen diejenigen abgewogen wurden, welche die Partherherrschaft ueber Armenien fuer die Roemer nach sich zog, so konnte, zumal bei der geringen Offensivkraft des Parthischen Reiches, die Entscheidung wohl in dem letzteren Sinne gefunden werden: Unter allen Umstaenden aber war diese Politik konsequent und suchte das auch von Augustus verfolgte Ziel in klarerer und verstaendigerer Weise zu erreichen. Von diesem Standpunkt aus versteht man, weshalb Corbulo und Quadratus, statt den Euphrat zu ueberschreiten, mit Vologasos Verhandlungen anknuepften und nicht minder, dass dieser, ohne Zweifel von den wirklichen Absichten der Roemer unterrichtet, sich dazu verstand, in aehnlicher Weise wie sein Vorgaenger den Roemern sich zu beugen und ihnen als Friedenspfand eine Anzahl dem koeniglichen Hause nahestehender Geiseln zu ueberliefern. Die stillschweigend vereinbarte Gegenleistung dafuer war die Duldung der Herrschaft des Tiridates ueber Armenien und die Nichtaufstellung eines roemischen Praetendenten. So gingen einige Jahre in faktischem Friedensstand hin. Aber da Vologasos und Tiridates sich nicht dazu verstanden, um die Belehnung des letzteren mit Armenien bei der roemischen Regierung einzukommen ^32, ergriff Corbulo im Jahre 58 gegen Tiridates die Offensive. Eben die Politik des Zurueckweichens und Nachgehens bedurfte, wenn sie bei Freund und Feind nicht als Schwaeche erscheinen sollte, der Folie, also entweder der foermlichen und feierlichen Anerkennung der roemischen Obergewalt oder besser noch des mit den Waffen gewonnenen Sieges.


^32 Noch nach dem Angriff beschwerte Tiridates sich, cur datis nuper obsidibus redintegrataque amicitia . . . vetere Armeniae possessione depelleretur, und Corbulo stellte ihm, falls er sich bittweise an den Kaiser wende, ein regnum stabile in Aussicht (Tac. ann. 12 37). Auch anderswo wird als der eigentliche Kriegsgrund die Weigerung des Lehnseides bezeichnet (Tac. ann. 12, 34).


Im Sommer des Jahres 58 fuehrte Corbulo eine leidlich schlagfaehige Armee von mindestens 30000 Mann ueber den Euphrat. Die Reorganisation und die Abhaertung der Truppen wurde durch die Kampagne selbst vollendet und das erste Winterquartier auf armenischem Boden genommen. Im Fruehjahr 59 ^33 begann er den Vormarsch in der Richtung auf Artaxata. Zugleich brachen in Armenien von Norden her die Iberer ein, deren Koenig Pharasmanes, um seine eigenen Frevel zu bedecken, seinen Sohn Rhadamistos hatte hinrichten lassen und nun weiter bemueht war, durch gute Dienste seine Verschuldung in Vergessenheit zu bringen; nicht minder ihre nordwestlichen Nachbarn, die tapferen Moscher, von Sueden Koenig Antiochos von Kommagene. Koenig Vologasos war durch den Aufstand der Hyrkaner an der entgegengesetzten Seite des Reiches festgehalten und konnte oder wollte in den Kampf nicht unmittelbar eingreifen. Tiridates leistete mutigen Widerstand; aber er vermochte nichts gegen die erdrueckende Uebermacht. Vergeblich versuchte er sich auf die Verbindungslinien der Roemer zu werfen, die ihre Beduerfnisse ueber das Schwarze Meer und den Hafen von Trapezus bezogen. Die Burgen Armeniens fielen unter den Angriffen der stuermenden Roemer, und die Besatzungen wurden bis auf den letzten Mann niedergemacht. In einer Feldschlacht unter den Mauern von Artaxata geschlagen, gab Tiridates den ungleichen Kampf auf und ging zu den Parthern. Artaxata ergab sich und hier, im Herzen von Armenien, ueberwinterte das roemische Heer. Im Fruehjahr 60 brach Corbulo von dort auf, nachdem er die Stadt niedergebrannt hatte, und marschierte quer durch das Land auf dessen zweite Hauptstadt Tigranokerta oberhalb Nisibis im Tigrisgebiet. Der Schrecken ueber die Zerstoerung Artaxatas ging ihm voraus; ernstlicher Widerstand wurde nirgends geleistet; auch Tigranokerta oeffnete dem Sieger freiwillig die Tore, der hier in wohlberechneter Weise die Gnade walten liess. Tiridates machte noch einen Versuch, zurueckzukehren und den Kampf wieder aufzunehmen, wurde aber ohne besondere Anstrengung abgewiesen. Am Ausgang des Sommers 60 war ganz Armenien unterworfen und stand zur Verfuegung der roemischen Regierung.


^33 Der Bericht bei Tacitus (ann. 13, 34-41) umfasst ohne Zweifel die Kampagnen der Jahre 58 und 59, da Tacitus unter dem Jahr 59 von dem armenischen Feldzug schweigt, unter dem Jahr 60 aber (ann. 14, 23) unmittelbar an 13, 41 anknuepft und offenbar nur einen einzigen Feldzug schildert, ueberhaupt, wo er in dieser Weise zusammenfasst, in der Regel antizipiert. Dass der Krieg nicht erst 59 angefangen haben kann, bestaetigt weiter die Tatsache, dass Corbulo die Sonnenfinsternis vom 30. April 59 auf armenischem Boden beobachtete (Plin. nat. 2, 70, 180); waere er erst 59 eingerueckt, so konnte er so frueh im Jahre kaum die feindliche Grenze ueberschritten haben. Einen Jahreinschnitt zeigt die Erzaehlung des Tacitus (ann. 13, 34-41) an sich nicht, wohl aber laesst sie bei seiner Art zu berichten die Moeglichkeit zu dass das erste Jahr mit dem Ueberschreiten des Euphrat und der Festsetzung in Armenien verging, also der c. 35 erwaehnte Winter der des Jahres 58/59 ist, zumal da bei der Beschaffenheit des Heeres eine derartige Kriegseinleitung wohl am Platze und bei dem kurzen armenischen Sommer es militaerisch zweckmaessig war, den Einmarsch und die eigentliche Kriegfuehrung also zu trennen.


Es ist begreiflich, dass man in Rom jetzt von Tiridates absah. Der Prinz Tigranes, ein Urenkel von vaeterlicher Seite Herodes' des Grossen, von muetterlicher des Koenigs Archelaos von Kappadokien, auch dem alten armenischen Koenigshause von weiblicher Seite verwandt und ein Neffe eines der ephemeren Herrscher Armeniens aus den letzten Jahren des Augustus, in Rom erzogen und durchaus ein Werkzeug der roemischen Regierung, wurde jetzt (60) von Nero mit dem Koenigreich Armenien belehnt und auf des Kaisers Befehl von Corbulo in die Herrschaft eingesetzt. Im Lande blieb roemische Besatzung, 1000 Legionarier und drei- bis viertausend Reiter und Infanterie der Auxilien. Ein Teil der Grenzlandschaften ward von Armenien abgetrennt und verteilt unter die benachbarten Koenige Polemon von Pontus und Trapezus, Aristobulos von Klein- Armenien, Pharasmanes von Iberien und Antiochos von Kommagene. Dagegen rueckte der neue Herr von Armenien, natuerlich mit Einwilligung der Roemer, in die angrenzende parthische Provinz Adiabene ein, schlug den dortigen Statthalter Monobazos und schien auch diese Landschaft vom parthischen Staat abreissen zu wollen. Diese Wendung der Dinge noetigte die parthische Regierung, aus ihrer Passivitaet herauszutreten; es handelte sich nun nicht mehr um die Wiedergewinnung Armeniens, sondern um die Integritaet des Parthischen Reiches. Die lange drohende Kollision zwischen den beiden Grossstaaten schien unvermeidlich. Vologasos bestaetigte in einer Versammlung der Grossen des Reiches den Tiridates wiederholt als Koenig von Armenien und sandte mit ihm den Feldherrn Monaeses gegen den roemischen Usurpator des Landes, der in Tigranokerta, welches die roemischen Truppen besetzt hielten, von den Parthern belagert ward. Vologasos selbst zog die parthische Hauptmacht in Mesopotamien zusammen und bedrohte (Anfang 61) Syrien. Corbulo, der nach Quadratus' Tode zur Zeit in Kappadokien wie in Syrien das Kommando fuehrte, aber von der Regierung die Ernennung eines anderen Statthalters fuer Kappadokien und Armenien erbeten hatte, sandte vorlaeufig zwei Legionen nach Armenien, um Tigranes Beistand zu leisten, waehrend er selbst an den Euphrat rueckte, um den Partherkoenig zu empfangen. Indes es kam wieder nicht zum Schlagen, sondern zum Vertrag. Vologasos, wohl wissend, wie gefaehrlich das beginnende Spiel sei, erklaerte sich jetzt bereit, auf die vor dem Ausbruch des armenischen Krieges von den Roemern vergeblich angebotenen Bedingungen einzugehen und die Belehnung des Bruders durch den roemischen Kaiser zu gestatten. Corbulo ging auf den Vorschlag ein. Er liess den Tigranes fallen, zog die roemischen Truppen aus Armenien zurueck und liess es geschehen, dass Tiridates daselbst sich festsetzte, waehrend die parthischen Hilfstruppen ebenfalls abzogen; dagegen schickte Vologasos eine Gesandtschaft an die roemische Regierung und erklaerte die Bereitwilligkeit seines Bruders, das Land von Rom zu Lehen zu nehmen. Diese Massnahmen Corbulos waren bedenklicher Art ^34 und fuehrten zu einer ueblen Verwicklung. Der roemische Feldherr mag wohl mehr noch als die Staatsmaenner in Rom von der Nutzlosigkeit des Festhaltens von Armenien durchdrungen gewesen sein; aber nachdem die roemische Regierung den Tigranes als Koenig von Armenien eingesetzt hatte, durfte er nicht von sich aus auf die frueher gestellten Bedingungen zurueckgreifen, am wenigsten seine eigenen Eroberungen preisgeben und die roemischen Truppen aus Armenien zurueckziehen. Er war dazu um so weniger berechtigt, als er Kappadokien und Armenien nur interimistisch verwaltete und selbst der Regierung erklaert hatte, dass er nicht imstande sei, zugleich dort und in Syrien das Kommando zu fuehren; woraufhin der Konsular Lucius Caesennius Paetus zum Statthalter von Kappadokien ernannt und auch dorthin bereits unterwegs war. Der Verdacht ist kaum abzuweisen, dass Corbulo diesem die Ehre der schliesslichen Unterwerfung Armeniens nicht goennte und durch den faktischen Friedensschluss mit den Parthern vor seinem Eintreffen ein Definitivum herzustellen wuenschte. Die roemische Regierung lehnte denn auch die Antraege des Vologasos ab und bestand auf der Festhaltung Armeniens, das, wie der neue, im Laufe des Sommers 61 in Kappadokien eingetroffene Statthalter erklaerte, sogar in unmittelbare roemische Verwaltung genommen werden sollte. Ob die roemische Regierung in der Tat sich entschlossen hatte, so weit zu gehen, ist nicht auszumachen; aber es lag dies allerdings in der Konsequenz ihrer Politik. Die Einsetzung eines von Rom abhaengigen Koenigs war nur die Verlaengerung des bisherigen unhaltbaren Zustandes; wer die Abtretung Armeniens an die Parther nicht wollte, musste die Umwandlung des Koenigreichs in eine roemische Provinz ins Auge fassen. Der Krieg hatte also seinen Fortgang; es wurde darum auch eine der moesischen Legionen dem kappadokischen Heer zugesandt. Als Paetus eintraf, lagerten die beiden von Corbulo ihm zugewiesenen Legionen diesseits des Euphrat in Kappadokien; Armenien war geraeumt und musste wieder erobert werden. Paetus ging sofort an das Werk, ueberschritt bei Melitene (Malatia) den Euphrat, rueckte in Armenien ein und bezwang die naechsten Burgen an der Grenze. Indes die vorgerueckte Jahreszeit noetigte ihn bald, die Operationen einzustellen und auf die beabsichtigte Wiederbesetzung Tigranokertas fuer dies Jahr zu verzichten; doch nahm er, um im naechsten Fruehjahr den Marsch sogleich wieder aufzunehmen, nach Corbulos Beispiel die Winterquartiere in Feindesland bei Rhandeia, an einem Nebenfluss des Euphrat, dem Arsanias, unweit des heutigen Charput, waehrend der Tross und die Weiber und Kinder unweit davon in dem festen Kastell Arsamosata untergebracht wurden. Aber er hatte die Schwierigkeit des Unternehmens unterschaetzt. Die eine und die beste seiner Legionen, die moesische, war noch auf dem Marsch und ueberwinterte diesseits des Euphrat im pontischen Gebiet; die beiden anderen waren nicht diejenigen, welche Corbulo kriegen und siegen gelehrt hatte, sondern die frueheren syrischen des Quadratus, unvollzaehlig und ohne durchgreifende Reorganisation kaum brauchbar. Dabei stand er nicht wie Corbulo den Armeniern allein, sondern der Hauptmasse der Parther gegenueber; Vologasos hatte, als es mit dem Kriege Ernst ward, den Kern seiner Truppen aus Mesopotamien nach Armenien gefuehrt und den strategischen Vorteil, dass er die inneren und kuerzeren Linien beherrschte, verstaendig zur Geltung gebracht. Corbulo haette, zumal da er den Euphrat ueberbrueckt und am anderen Ufer Brueckenkoepfe angelegt hatte, diesen Abmarsch durch einen rechtzeitigen Einfall in Mesopotamien wenigstens erschweren oder doch wettmachen koennen; aber er ruehrte sich nicht aus seinen Stellungen und ueberliess es Paetus, sich der Gesamtmacht der Feinde zu erwehren, wie er konnte. Dieser war weder selber Militaer noch bereit, militaerischen Rat anzunehmen und zu befolgen, nicht einmal ein Mann von entschlossenem Charakter, uebermuetig und ruhmredig im Anlauf, verzagt und kleinmuetig gegenueber dem Misserfolg. Also kam, was kommen musste. Im Fruehling 62 griff nicht Paetus an, sondern Vologasos; die vorgeschobenen Truppen, welche den Parthern den Weg verlegen sollten, wurden von der Uebermacht erdrueckt; der Angriff verwandelte sich rasch in eine Belagerung der roemischen weit auseinandergezogenen Stellungen in dem Winterlager und dem Kastell. Die Legionen konnten weder vorwaerts noch zurueck; die Soldaten desertierten massenweise; die einzige Hoffnung ruhte auf Corbulos fern im noerdlichen Syrien, ohne Zweifel bei Zeugma, untaetig lagernden Legionen. In die Schuld der Katastrophe teilten sich beide Generale, Corbulo wegen des verspaeteten Aufbruchs zur Hilfe ^35, obwohl er dann, als er den ganzen Umfang der Gefahr erkannte, den Marsch nach Moeglichkeit beschleunigte, Paetus, weil er den kuehnen Entschluss, lieber unterzugehen als zu kapitulieren, nicht zu fassen vermochte und damit die nahe Rettung verscherzte; noch drei Tage laenger und die 5000 Mann, welche Corbulo heranfuehrte, haetten die ersehnte Hilfe gebracht. Die Bedingungen der Kapitulation waren freier Abzug fuer die Roemer und Raeumung Armeniens unter Auslieferung aller von ihnen besetzten Kastelle und aller in ihren Haenden befindlichen Vorraete, deren die Parther dringend benoetigt waren. Dagegen erklaerte Vologasos sich bereit, trotz dieses militaerischen Erfolges Armenien als roemisches Lehen fuer den Bruder von der kaiserlichen Regierung zu erbitten und deswegen Gesandte an Nero zu senden ^36. Die Maessigung des Siegers kann darauf beruhen, dass er von Corbulos Annaehern bessere Kunde hatte als die eingeschlossene Armee; aber wahrscheinlicher lag dem vorsichtigen Mann gar nichts daran, die Katastrophe des Crassus zu erneuern und wiederum roemische Adler nach Ktesiphon zu bringen. Die Niederlage einer roemischen Armee, das wusste er, war nicht die Ueberwaeltigung Roms und die reale Konzession, welche in der Anerkennung des Tiridates lag, ward durch die Nachgiebigkeit in der Form nicht allzu teuer erkauft.


^34 Aus der Darstellung des Tacitus (ann. 15, 6) sieht die Parteilichkeit und die Verlegenheit deutlich heraus. Die Auslieferung Armeniens an Tiridates auszusprechen, wagt er nicht und laesst sie den Leser nur schliessen. ^35 Das sagt Tacitus selbst (arm. 15, 10): nec a Corbulone properatum, quo gliscentibus periculis etiam subsidii laus augeretur, in naiver Unbefangenheit ueber den schweren Tadel, den dieses Lob in sich traegt. Wie parteiisch der ganze, auf Corbulos Depeschen beruhende Bericht gehalten ist, beweist unter anderem, dass dem Paetus in einem Atem die ungenuegende Verproviantierung des Lagers (15, 8) und die Uebergabe desselben trotz reichlicher Vorraete (15 16) zum Vorwurf gemacht und die letztere Tatsache daraus geschlossen wird, dass die abziehenden Roemer die nach der Kapitulation den Parthern auszuliefernden Vorraete lieber zerstoerten. Wie die Erbitterung gegen Tiberius in der Schoenfaerberei des Germanicus, so hat die gegen Nero in der des Corbulo ihren Ausdruck gefunden. ^36 Corbulos Angabe, dass Paetus in Gegenwart seiner Soldaten und der parthischen Abgesandten sich eidlich verpflichtet habe, bis zum Eintreffen der Antwort Neros keine Truppen nach Armenien zu schicken, erklaert Tacitus (ann. 15, 16) fuer unglaubwuerdig; der Sachlage entspricht sie, und es ist auch nicht dagegen gehandelt worden.


Die roemische Regierung lehnte das Anerbieten des Partherkoenigs abermals ab und befahl die Fortsetzung des Krieges. Sie konnte nicht wohl anders; war die Anerkennung des Tiridates vor dem Wiederbeginn des Krieges bedenklich und nach der parthischen Kriegserklaerung kaum annehmbar, so erschien sie jetzt, als Konsequenz der Kapitulation von Rhandeia, geradezu als deren Ratifikation. Von Rom aus wurde die Wiederaufnahme des Kampfes gegen die Parther in energischer Weise betrieben. Paetus wurde abberufen; Corbulo, in dem die durch die schimpfliche Kapitulation erregte oeffentliche Meinung nur den Besieger Armeniens sah und den auch die, welche die Sachlage genau kannten und scharf beurteilten, nicht umhin konnten, als den faehigsten und fuer diesen Krieg einzig geeigneten Feldherrn zu bezeichnen, uebernahm wieder die Statthalterschaft von Kappadokien, aber zugleich das Kommando ueber saemtliche fuer diesen Feldzug verwendbare Truppen, welche noch weiter durch eine siebente, aus Pannonien herbeigerufene Legion verstaerkt wurden; demnach wurde alle Statthalter und Fuersten des Orients angewiesen, in militaerischen Angelegenheiten seinen Anordnungen Folge zu leisten, so dass seine Amtsgewalt derjenigen, welche den Kronprinzen Gaius und Germanicus fuer ihre Sendungen in den Orient beigelegt worden war, ziemlich gleichkam. Wenn diese Massregeln eine ernste Reparation der roemischen Waffenehre herbeifuehren sollten, so verfehlten sie ihren Zweck. Wie Corbulo die Sachlage ansah, zeigte schon das Abkommen, das er nicht lange nach der Katastrophe von Rhandeia mit dem Partherkoenig traf: dieser zog die parthischen Besatzungen aus Armenien zurueck, die Roemer raeumten die auf mesopotamischem Gebiet zum Schutz der Bruecken angelegten Kastelle. Fuer die roemische Offensive waren die parthischen Besatzungen in Armenien ebenso gleichgueltig wie die Euphratbruecken wichtig; sollte dagegen Tiridates als roemischer Lehnskoenig in Armenien anerkannt werden, so waren allerdings die letzteren ueberfluessig und parthische Besatzungen in Armenien unmoeglich. Im naechsten Fruehjahr 63 schritt Corbulo allerdings zu der ihm anbefohlenen Offensive und fuehrte die vier besten seiner Legionen bei Melitene ueber den Euphrat gegen die in der Gegend von Arsamosata stehende parthisch-armenische Hauptmacht. Aber aus dem Schlagen ward nicht viel; nur einige Schloesser armenischer, antiroemisch gesinnter Adliger wurden zerstoert. Dagegen fuehrte auch diese Begegnung zum Vertragen. Corbulo nahm die frueher von seiner Regierung zurueckgewiesenen parthischen Antraege an und zwar, wie der weitere Verlauf der Dinge zeigte, in dem Sinne, dass Armenien ein fuer allemal eine parthische Sekundogenitur ward und die roemische Regierung, wenigstens nach dem Geiste des Abkommens, darauf einging, diese Krone in Zukunft nur an einen Arsakiden zu verleihen. Hinzugefuegt wurde nur, dass Tiridates sich verpflichten solle, in Rhandeia, eben da, wo die Kapitulation geschlossen worden war, oeffentlich unter den Augen der beiden Armeen das koenigliche Diadem vom Haupte zu nehmen und es vor dem Bildnis des Kaisers niederzulegen, gelobend, es nicht wieder aufzusetzen, bevor er es aus seiner Hand und zwar in Rom selbst empfangen haben werde. So geschah es (63). Durch diese Demuetigung wurde daran nichts geaendert, dass der roemische Feldherr, statt den ihm aufgetragenen Krieg zu fuehren, auf die von seiner Regierung verworfenen Bedingungen Frieden schloss ^37. Aber die frueher leitenden Staatsmaenner waren inzwischen gestorben oder zurueckgetreten und das persoenliche Regiment des Kaisers dafuer installiert, und auf das Publikum und vor allem auf den Kaiser persoenlich verfehlte der feierliche Akt in Rhandeia und das in Aussicht gestellte Schaugepraenge der Belehnung des parthischen Fuersten mit der Krone von Armenien in der Reichshauptstadt seine Wirkung nicht. Der Friede wurde ratifiziert und erfuellt. Im Jahre 66 erschien der parthische Fuerst versprochenermassen in Rom, geleitet von 3000 parthischen Reitern, als Geiseln die Kinder der drei Brueder so wie die des Monobazos von Adiabene heranfuehrend. Er begruesste kniefaellig seinen auf dem Markte der Hauptstadt auf dem Kaiserstuhl sitzenden Lehnsherrn und hier knuepfte dieser ihm vor allem Volke die koenigliche Binde um die Stirn.


^37 Da nach Tacitus (ann. 15, 25; vgl. Dio 62, 22) Nero die Gesandten des Vologasos wohlwollend entliess und die Moeglichkeit einer Verstaendigung, wenn Tiridates persoenlich erscheine, durchblicken liess, so kann Corbulo in diesem Fall nach seinen Instruktionen gehandelt haben; aber eher moechte dies zu den im Interesse Corbulos hinzugesetzten Wendungen gehoeren. Dass bei dem Prozess, der diesem einige Jahre nachher gemacht ward, diese Vorgaenge zur Sprache gekommen sind, ist wahrscheinlich nach der Notiz, dass einer der Offiziere von der armenischen Kampagne sein Anklaeger wurde. Die Identitaet des Kohortenpraefekten Arrius Varus bei Tacitus (ann. 13, 9) und des Primipilen (hist. 3, 6) ist mit Unrecht bestritten worden; vgl. zu CIL V, 867.


Die von beiden Seiten zurueckhaltende, man moechte sagen friedliche Fuehrung des letzten, nominell zehnjaehrigen Krieges und der entsprechende Abschluss desselben durch den faktischen Uebergang Armeniens an die Parther unter Schonung der Suszeptibilitaeten des maechtigeren Westreiches trug gute Frucht. Armenien war unter der nationalen von den Roemern anerkannten Dynastie mehr von ihnen abhaengig als frueher unter den dem Lande aufgedrungenen Herrschern. Wenigstens in der zunaechst an den Euphrat grenzenden Landschaft Sophene blieb roemische Besatzung ^38. Fuer die Wiederherstellung von Artaxata wurde die Erlaubnis des Kaisers erbeten und gewaehrt, und der Bau von Kaiser Nero mit Geld und Arbeitern gefoerdert. Zwischen den beiden maechtigen Staaten, die der Euphrat voneinander schied, hat zu keiner Zeit ein gleich gutes Verhaeltnis bestanden wie nach dem Abschluss des Vertrages von Rhandeia in den letzten Jahren Neros und weiter unter den drei Herrschern des Flavischen Hauses. Noch andere Umstaende trugen dazu bei. Die transkaukasischen Voelkermassen, vielleicht gelockt durch ihre Beteiligung an den letzten Kriegen, waehrend welcher sie als Soeldner teils der Iberer, teils der Parther den Weg nach Armenien gefunden hatten, fingen damals an, vor allem die westlichen parthischen Provinzen, aber zugleich die oestlichen des Roemischen Reiches zu bedrohen. Wahrscheinlich um ihnen zu wehren, wurde unmittelbar nach dem Armenischen Kriege im Jahre 63 die Einziehung des sogenannten Pontischen Koenigreichs verfuegt, das heisst der Suedostecke der Kueste des Schwarzen Meeres mit der Stadt Trapezus und dem Phasisgebiet. Die grosse orientalische Expedition, welche Kaiser Nero eben anzutreten im Begriff war, als ihn die Katastrophe ereilte (68), und fuer welche er bereits die Kerntruppen des Westens teils nach Aegypten, teils an die Donau in Marsch gesetzt hatte, sollte freilich auch nach anderen Seiten hin die Reichsgrenze vorschieben ^39; aber der eigentliche Zielpunkt waren die Kaukasuspaesse oberhalb Tiflis und die am Nordabhang ansaessigen skythischen Staemme, zunaechst die Alanen ^40. Eben diese berannten einerseits Armenien, andererseits Medien. Jene Neronische Expedition richtete sich so wenig gegen die Parther, dass sie vielmehr aufgefasst werden konnte als diesen zur Hilfe unternommen; den wilden Horden des Nordens gegenueber war fuer die beiden Kulturstaaten des Westens und des Ostens gemeinsame Abwehr allerdings angezeigt. Vologasos lehnte freilich die freundschaftliche Aufforderung seines roemischen Kollegen, ihn ebenso wie der Bruder in Rom zu besuchen, in gleicher Freundschaftlichkeit ab, da ihn keineswegs geluestete, auch seinerseits als Lehnstraeger des roemischen Herrschers auf dem roemischen Markt zu figurieren; aber er erklaerte sich bereit, dem Kaiser sich vorzustellen, wenn dieser im Orient eintreffen werde, und nicht die Roemer, aber wohl die Orientalen haben Nero aufrichtig betrauert. Koenig Vologasos richtete an den Senat offiziell das Ersuchen, Neros Gedaechtnis in Ehren zu halten, und als spaeterhin ein Pseudo- Nero auftrat, fand er vor allem im Partherstaat Sympathien.


^38 In Ziata (Charput) haben sich zwei Inschriften eines Kastells gefunden, welches eine der von Corbulo ueber den Euphrat gefuehrten Legionen, die 3. Gallica, dort auf Corbulos Geheiss im Jahre 64 anlegte (Eph. epigr. V, p. 25). ^39 Nero beabsichtigte inter reliqua bella auch einen aethiopischen (Plin. nat. 6, 29, 182, vgl. 184). Darauf beziehen sich die Truppensendungen nach Alexandreia (Tac. hist. 1, 31, 70). ^40 Als Zielpunkt der Expedition bezeichnen sowohl Tacitus (hist. 1, 6) wie Sueton (Nero 19) die kaspischen Tore, d. h. den Kaukasuspass zwischen Tiflis und Wladi-Kawkas bei Darial, welchen nach der Sage Alexander mit eisernen Pforten schloss (Plin. nat. 6, 11, 30; Ios. bel. Iud. 7, 7, 4; Prok. Pers. 1, 10). Sowohl nach dieser Lokalitaet wie nach der ganzen Anlage der Expedition kann dieselbe unmoeglich gegen die Albaner am westlichen Ufer des Kaspischen Meeres sich gerichtet haben; hier sowohl wie an einer anderen Stelle (arm. 2, 68: ad Armenios, inde Albanos Heniochosque) koennen nur die Alanen gemeint sein, die bei Josephus a. a. O. und sonst eben an dieser Stelle erscheinen und oefter mit den kaukasischen Albanern verwechselt worden sind. Verwirrt ist freilich auch der Bericht des Josephus. Wenn hier die Alanen mit Genehmigung des Koenigs der Hyrkaner durch die kaspischen Tore in Medien und dann in Armenien einfallen, so hat der Schreiber an das andere kaspische Tor oestlich von Rhagae gedacht; aber dies wird sein Versehen sein, da der letztere im Herzen des Parthischen Reichs gelegene Pass unmoeglich das Ziel der Neronischen Expedition gewesen sein kann und die Alanen nicht am oestlichen Ufer des Kaspischen Meeres, sondern nordwaerts vom Kaukasus sassen. Dieser Expedition wegen wurde die beste der roemischen Legionen, die 14., aus Britannien abgerufen, die freilich nur bis Pannonien kam (Tac. hist. 2, 11, vgl. 27. 66), und eine neue Legion, die 1. italische, von Nero gebildet (Suet. Nero 19). Man sieht daraus, in welchem Rahmen sie entworfen war.


Indes war es dem Parther nicht so sehr um die Freundschaft Neros zu tun als um die des roemischen Staates. Nicht bloss enthielt er sich waehrend der Krisen des Vierkaiserjahres jedes Uebergriffes ^41, sondern er bot Vespasian, den wahrscheinlichen Ausgang des schwebenden Entscheidungskampfes richtig schaetzend, noch in Alexandreia 40000 berittene Schuetzen zum Kampfe gegen Vitellius an, was natuerlich dankend abgelehnt ward. Vor allem aber fuegte er sich ohne weiteres den Anordnungen, welche die neue Regierung fuer den Schutz der Ostgrenze traf. Vespasian hatte selbst als Statthalter von Judaea die Unzulaenglichkeit der dort staendig verwendeten Streitkraefte kennengelernt; und als er diese Statthalterschaft mit der Kaisergewalt vertauschte, wurde nicht nur Kommagene wieder nach dem Vorgang des Tiberius aus einem Koenigreich eine Provinz, sondern es ward auch die Zahl der staendigen Legionen im roemischen Asien von vier auf sieben erhoeht, auf welche Zahl sie voruebergehend fuer den Parthischen und wieder fuer den Juedischen Krieg gebracht worden waren. Waehrend ferner es bis dahin in Asien nur ein einziges groesseres Militaerkommando, das des Statthalters von Syrien, gegeben hatte, wurden jetzt drei derartige Oberbefehlshaberstellen daselbst eingerichtet. Syrien, zu dem Kommagene hinzutrat, behielt wie bisher vier Legionen; die beiden bisher nur mit Truppen zweiter Ordnung besetzten Provinzen Palaestina und Kappadokien wurden die erste mit einer, die zweite mit zwei Legionen belegt ^42, Armenien blieb roemisches Lehnsfuerstentum im Besitz der Arsakiden; aber unter Vespasian stand roemische Besatzung jenseits der armenischen Grenze in dem iberischen Kastell Harmozika bei Tiflis ^43, und danach muss in dieser Zeit auch Armenien militaerisch in roemischer Gewalt gewesen sein. Alle diese Massregeln, so wenig sie auch nur eine Kriegsdrohung enthielten, richteten die Spitze gegen den oestlichen Nachbarn. Dennoch war Vologasos nach dem Fall Jerusalems der erste, der dem roemischen Kronprinzen seinen Glueckwunsch zu der Befestigung der roemischen Herrschaft in Syrien darbrachte, und die Einrichtung der Legionslager in Kommagene, Kappadokien und Klein-Armenien nahm er ohne Widerrede hin. Ja er regte sogar bei Vespasian jene transkaukasische Expedition wieder an und erbat die Sendung einer roemischen Armee gegen die Alanen unter Fuehrung eines der kaiserlichen Prinzen; obwohl Vespasian auf diesen weitaussehenden Plan nicht einging, so kann doch jene roemische Truppe in der Gegend von Tiflis kaum zu anderem Zweck hingeschickt worden sein als zur Sperrung des Kaukasuspasses und vertrat insofern dort auch die Interessen der Parther. Trotz der Verstaerkung der militaerischen Stellung Roms am Euphrat oder auch vielleicht infolge derselben - denn dem Nachbarn Respekt einzufloessen, ist auch ein Mittel, den Frieden zu erhalten - blieb der Friedensstand waehrend der gesamten Herrschaft der Flavier wesentlich ungestoert. Wenn, wie das zumal bei dem steten Wechsel der parthischen Dynasten nicht befremden kann, ab und zu Kollisionen eintraten und selbst Kriegswolken sich zeigten, so verschwanden sie wieder ebenso rasch ^44. Das Auftreten eines falschen Nero in den letzten Jahren Vespasians - es ist derjenige, der zu der Offenbarung Johannis den Anstoss gegeben hat - haette fast zu einer solchen Kollision gefuehrt. Der Praetendent, in Wirklichkeit ein gewisser Terentius Maximus aus Kleinasien, aber in Antlitz und Stimme und Kuensten dem Saengerkaiser taeuschend aehnlich, fand nicht bloss Zulauf in dem roemischen Gebiet am Euphrat, sondern auch Unterstuetzung bei den Parthern. Bei diesen scheinen damals, wie so oft, mehrere Herrscher miteinander im Kampfe gelegen und der eine von ihnen, Artabanos, weil Kaiser Titus sich gegen ihn erklaerte, die Sache des roemischen Praetendenten aufgenommen zu haben. Indes es hatte dies keine Folgen; vielmehr lieferte bald darauf die parthische Regierung den Praetendenten an Kaiser Domitianus aus ^45. Der fuer beide Teile vorteilhafte Handelsverkehr von Syrien nach dem unteren Euphrat, wo eben damals Koenig Vologasos nicht weit von Ktesiphon das neue Emporium Vologasias oder Vologasokerta ins Leben rief, wird das seinige dazu beigetragen haben, den Friedensstand zu foerdern.


^41 In welchem Zusammenhang er dem Vespasian den Kaisertitel verweigerte (Dio 66, 11), erhellt nicht; moeglicherweise unmittelbar nach dessen Schilderhebung, bevor er erkannt hatte, dass die Flavianer die staerkeren seien. Seine Verwendung fuer die Fuersten von Kommagene (Ios. bel. Iud. 7, 7, 3) war von Erfolg, also rein persoenlich, keineswegs ein Protest gegen die Umwandlung des Koenigreichs in eine Provinz. ^42 Die vier syrischen Legionen sind die 3. Gallica, die 6. ferrata (beide bisher in Syrien), die 4. Scythica (bisher in Moesien, aber bereits am Parthischen wie am Juedischen Kriege beteiligt) und die 16. Flavia (neu). Die eine Legion von Palaestina ist die 10. fretensis (bisher in Syrien). Die zwei von Kappadokien sind die 12. fulminata (bisher in Syriern von Titus nach Melitene gelegt. Ios. bel. Iud. 7, 1, 3) und die 15. Apollinaris (bisher in Pannonien, aber gleich der 4. Scythica am Parthischen wie am Juedischen Kriege beteiligt). Die Garnisonen wurden also so wenig wie moeglich gewechselt, nur zwei der schon frueher nach Syrien gerufenen Legionen dort fest stationiert und eine neu eingerichtete dorthin gelegt. Nach dem juedischen Kriege unter Hadrian wurde die 6. ferrata von Syrien nach Palaestina geschickt. ^43 In diese Zeit (vgl. CIL V, 6988) faellt auch wohl die kappadokische Statthalterschaft des C. Rutilius Gallicus, von der es heisst (Star. silv. 1, 4, 78): hunc . . . timuit . . . Armenia et patiens Latii iam pontis Araxes, vermutlich mit Beziehung auf einen von dieser roemischen Besatzung ausgefuehrten Brueckenbau. Dass Gallicus unter Corbulo gedient hat, ist bei dem Stillschweigen des Tacitus nicht wahrscheinlich. ^44 Dass, waehrend M. Ulpius Traianus, der Vater des Kaisers, Statthalter von Syrien war, unter Vespasian im Jahre 75 Krieg am Euphrat auszubrechen drohte, sagt Plinius in seiner Lobrede auf den Sohn c. 14, wahrscheinlich mit starker Uebertreibung; die Ursache ist unbekannt. ^45 Es gibt datierte und mit den Individualnamen der Koenige versehene Muenzen von (V)ologasos aus den Jahren 389 und 390 = 77-78; von Pakoros aus den Jahren 389-394 = 77-82 (und wieder 404-407 = 92-95); von Artabanos aus dem Jahr 392 = 80/81. Die entsprechenden geschichtlichen Daten sind, bis auf die Artabanos und Titus verknuepfende Notiz bei Zonaras (11, 18; vgl. Suet. Nero 57; Tac. hist. 1, 2), verschollen, aber die Muenzen deuten auf eine Epoche rascher Thronwechsel und, wie es scheint, simultaner Praegung streitender Praetendenten.


Zu einem Konflikt kam es unter Traianus. In den frueheren Jahren seiner Regierung hatte er in den oestlichen Verhaeltnissen nichts Wesentliches geaendert, abgesehen von der Verwandlung der an der Grenze der syrischen Wueste bis dahin bestehenden beiden Klientelstaaten, des nabataeischen von Petra und des juedischen von Caesarea Paneas, in unmittelbar roemische Verwaltungsbezirke (106). Die Beziehungen zu dem damaligen Herrscher des Partherreiches, dem Koenig Pakoros, waren nicht die freundlichsten ^46, aber erst unter dessen Bruder und Nachfolger Chosroes kam es zum Bruch, und zwar wiederum ueber Armenien. Die Schuld davon trugen die Parther. Indem Traianus den erledigten armenischen Koenigsthron dem Sohn des Pakaros, Axidares, verlieh, hielt er sich innerhalb der Grenzen seines Rechts; aber Koenig Chosroes bezeichnete diese Persoenlichkeit als unfaehig zu regieren und setzte eigenmaechtig einen anderen Sohn des Pakoros, den Parthomasiris, an dessen Stelle zum Koenig ein ^47. Die Antwort darauf war die roemische Kriegserklaerung. Gegen Ausgang des Jahres 114 ^48 verliess Traianus die Hauptstadt, um sich an die Spitze der roemischen Truppen des Ostens zu stellen, die allerdings wieder in dem tiefsten Verfall sich befanden, aber von dem Kaiser schleunigst reorganisiert und ausserdem durch bessere, aus Pannonien herbeigezogene Legionen verstaerkt wurden ^49. In Athen trafen ihn Gesandte des Partherkoenigs; aber sie hatten nichts zu bieten als die Anzeige, dass Parthomasiris bereit sei, Armenien als roemisches Lehen entgegenzunehmen, und wurden abgewiesen. Der Krieg begann. In den ersten Gefechten am Euphrat zogen die Roemer den kuerzeren ^50, aber als der alte schlagfertige und sieggewohnte Kaiser im Fruehjahr des Jahres 115 selbst sich an die Spitze der Truppen stellte, unterwarfen sich ihm die Orientalen fast ohne Gegenwehr. Es kam hinzu, dass bei den Parthern wieder einmal der Buergerkrieg im Gange und gegen Chosroes ein Praetendent Manisaros aufgetreten war. Von Antiocheia aus marschierte der Kaiser an den Euphrat und weiter nordwaerts bis zu dem noerdlichsten Legionslager Satala in Klein-Armenien, von wo aus er in Armenien einrueckte und die Richtung auf Artaxata nahm. Unterwegs in Elegeia erschien Parthomasiris und nahm das Diadem vom Haupte, in der Hoffnung, durch diese Demuetigung, wie einst Tiridates, die Belehnung zu erwirken. Allein Traianus war entschlossen, auch diesen Lehnsstaat zur Provinz zu machen und ueberhaupt die oestliche Reichsgrenze zu verlegen. Dies erklaerte er dem Partherfuersten vor dem versammelten Heer und wies ihn an, mit seinem Gefolge sofort das Lager und das Reich zu raeumen; es kam darueber zu einem Auflauf, bei welchem der Praetendent das Leben verlor. Armenien ergab sich in sein Schicksal und wurde roemische Statthalterschaft. Auch die Fuersten der Kaukasusvoelker, der Albaner, der Iberer, weiter gegen das Schwarze Meer der Apsiler, der Kolcher, der Heniocher, der Lazen und anderer mehr, selbst die der transkaukasischen Sarmaten wurden in dem Lehnsverhaeltnis bestaetigt oder jetzt demselben unterworfen. Traianus rueckte darauf in das Gebiet der Parther ein und besetzte Mesopotamien. Auch hier fuegte sich alles ohne Schwertstreich; Batnae, Nisibis, Singara kamen in die Gewalt der Roemer; in Edessa nahm der Kaiser nicht bloss die Unterwerfung des Landesherrn Abgaros entgegen, sondern auch die der uebrigen Dynasten, und gleich Armenien wurde Mesopotamien roemische Provinz. Die Winterquartiere nahm Traianus abermals in Antiocheia, wo ein gewaltiges Erdbeben mehr Opfer forderte als der Feldzug des Sommers. Im naechsten Fruehjahr (116) ging Traian, "der Parthersieger", wie der Senat ihn jetzt begruesste, von Nisibis aus ueber den Tigris und besetzte, nicht ohne bei dem Uebergang und nachher Widerstand zu finden, die Landschaft Adiabene; dies wurde die dr