Schlagende Wetter (Marie Eugenie Delle Grazie)

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Marie Eugenie Delle Grazie


Schlagende Wetter

Drama in vier Akten


Zweite Auflage.

Leipzig Druck und Verlag von Breitkopf und Härtel 1900.


Deinem Andenken, theurer Vater,

weiht dieses Buch

Deine Tochter


Personen

Fritz Liebmann, Bergwerksbesitzer Baselli, Direktor \ -- In Diensten Liebmanns. Voltz, Ingenieur / Johann Gruber, ein alter, invalider Häuer. Marie Liebmann. \ --Enkelinnen Grubers. Annerl, ungefähr neun Jahre alt / Dutschka, der Obersteiger. Frommhold, Steiger Leni, seine Tochter. Franz \ --Söhne Frommholds, Bergknappen. Bertl / Georg Wirth, ein junger Häuer. Böllinger \ Ristl -- -- Doppelhäuer. Conrath / Agnes, Kindermädchen bei Liebmann. Ein Diener.

Der I. und III. Akt spielen in einem österreichischen Gebirgsdorfe, nächst dem Liebmannschen Bergwerk, der II. in Wien, im Hause Liebmanns, der IV. im Bergwerke selbst. Zeit 1880. Rechts und links vom Schauspieler.


Erster Akt

Scene: Die mehr lange als tiefe Stube des alten Gruber. Rechts vorn eine Thür, die über einige Stufen gleich ins Freie führt. Dahinter das Bett des alten Gruber. In der Mittelwand zwei Fenster, die, über die ansteigende Strasse hinweg, den Ausblick nach dem schroff und unmittelbar sich aufthürmenden Gebirge freilassen. Zwischen den Fenstern ein roh gezimmerter Eichentisch; knapp daran der Lehnstuhl des alten Gruber. In der linken Ecke vorn ein breiter, gelb=brauner Kachelofen. Die kleine Thür dahinter führt in die Küche. In dem Bettchen, das zwischen dieser Thür und dem zweiten, linken Fenster steht, liegt, halb angekleidet, aber noch blass und schmächtig, wie eine eben erst Genesene, die kleine Anna Gruber. Sie stützt das Köpfchen auf den rechten Arm und verfolgt mit sichtlichem Interesse die Bemühungen Lenis, eine alte Fetzenpuppe mit Zuhilfenahme neuer Lappen und Bändchen wieder aufzufrischen. Durch das geöffnete Fenster dringen zuweilen die spitzen Geigentöne und der Sonntagslärm aus einer nahe gelegenen Bergmannsschenke.


Leni
(hat ihre Arbeit vollendet und hebt sich mit raschem Ruck von ihrem Stuhl am Kopfende des Bettes, wobei sie die Puppe lachend der kleinen Anna entgegenhält).
Gelt? Grad wie neu schaut s wieder her, die Gredl!
Annerl (bewundernd.)
Was du aber auch Alls kannst, Leni!
Leni
(legt dem Kind die Puppe in den Arm).
Na, schau nur dazu, dass d wieder gsund wirst, und grösser, dann triffsts vielleicht grad a so!
Annerl
(noch immer die Puppe bestaunend).
Und lauter Fetzen - meiner Seel!
Leni (neckend).
Was die wieder plauscht! So ein kleins Dirndl wie du, das hat ja gar ka Seel!
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Annerl
(hat sich mit einem Ruck im Bett aufgesetzt, überzeugt).
Wär nit übel! Und noch eine unsterbliche dazu!
Leni.
Wer sagt denn das?
Annerl.
Der Herr Katechet!
Leni.
Ja - dann!!
Annerl (mit kindlichem Triumph).
Gelt? (den Rock der Puppe zurechtzupfend, aber sichtlich in Gedanken mit etwas Anderem beschäftigt) Und die Seel ghört dem Himmelvattern, hat er gsagt - und wenn Eins stirbt
Leni
(indem sie ihr mit der Handfläche scherzend über das Gesicht fährt).
Ah - was nit gar! Da hats noch ein Weilerl für dich, bis - dahin!
Annerl (nachdenklich).
Meinst? Aber weisst, wie ich so krank da glegen bin im Winter; und so viel husten hab müssen ... und oft dannach Alls so still war um mich ... der Grossvatter ist doch wieder eingnickt, und nur der Mond hat von die Berg so traurig runtergshaut -
Leni.
Na ja, das thut er schon lang, du dumms Dirndl!
Annerl.
Da hab ich halt denkt - (stockt, da sie Lenis, nur mit Mühe zurückgehaltene Heiterkeit sieht).
Leni (belustigt).
Was denn?
Annerl (misstrauisch).
Du lachst mich doch wieder aus -!
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Leni (betheuernd).
Meiner Seel, nein! Sags nur, Annerl!
Annerl
(hat die Puppe zur Seite gelegt; mit dem Ausdruck ernsten Kummers im Antlitz).
Wenns wirklich so ist, wie der Herr Katechet sagt, hab ich denkt -
Leni (nickt).
Ja freilich!
Annerl.
Und Jeds von uns kommt, wies gstorbn ist, gleich vor den Himmelvatter -
Leni (eifrig).
Ganz gwiss!
Annerl
(mit einem leisen Seufzer).
Da, hab ich denkt, werd ich schnell laufen müssen, wenn ich zur rechten Zeit auch wieder bei meiner Leich sein soll!
Leni (lachend).
O Gott, o Gott ... o Gott, o Gott!
Annerl (gekränkt).
Jetzt lachst erst recht!
Leni.
Ja wie denn nit, Annerl? Vor lauter Freud halt! Denn jetzt weiss ich, dass d erst recht lang leben wirst!
Annerl (ernst).
Meinst?
Leni.
Freilich! Denns Sterben, weisst, das will auch glernt sein! Und solang du nit besser laufn kannst ... und mit deiner Seel noch so weng anzufangen weisst ... das wirst einsehn, nit? (Annerl hat die Hände gefaltet, und nickt, wie überzeugt, vor sich hin. Kleine Pause. Aus der Schenke die ersten Takte eines Walzers.) Und jetzt soll die Gredl tanzen! Hörst? Den blauen Donauwalzer spielen s beim Hengelmüller! (Schwenkt, leise mitsummend, die Puppe im Kreise. Pause.)
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Annerl (plötzlich).
Du - Leni ...! Warum bist denn du nimmer drüben, wenn s zum tanz aufspielen?
Leni
(lässt die Puppe aufs Bett fallen).
Warum? (Sie stockt eine Weile; dann, indem sie sich die Haare aus der Stirn streicht.) Ja, schau, Annerl ... Wenn ich drübn wär, da könnt ich ja nit bei dir sein, gelt? (Sie hat wieder ihren früheren Platz eingenommen.)
Annerl
(schlingt den Arm um den Hals des Mädchens).
Du bist meine liebe, liebe Leni!
Leni.
Und du mein neunmal gscheutes Annerl!
Annerl
(an ihrem Ohr, leise, gleichsam noch zögernd).
Du - Leni!
Leni.
Ja?
Annerl.
Ich möcht dir was sagn!
Leni.
Was iss denn?
Annerl
(zieht unter dem, zur Seite geschobenen Federbett plötzlich eine mittelgrosse Puppe in eleganter Toilette hervor, die sie dem Mädchen freudestrahlend entgegenhält).
Da schau her!
Leni.
Du lieber Gott! Ordentlich derschrocken bin ich! Die schöne Gredl! Na, da muss man schon Dockn sagn, so nobel schauts her! Ja - wie bist denn zu der auf einmal kommen?!
Annerl.
Gelt? Und echte Haar hat s! Schau! Und weisse Unterröck! Und wirkliche Füss, mit Schnürstieferln!
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Leni.
Frei nit zum Glauben! Aber wo hast denn die auf einmal her?
Annerl.
Aus Wien ... von meiner ... (sie stockt plötzlich). Von der Gnädigenfrau!
Leni.
Und dein Grossvatter - was hat denn der dazu gsagt?
Annerl.
Ja weisst: erst hat er mir s nit geben wolln, und die Schachtel, in der s der Postbot bracht hat, die hat er auf d Seitn gräumt! Da hab ichs aber schon gsehn ghabt; und weil mich gar so dannach verlangt hat, hab ichs behalten dürfen!
Leni.
Und seither gfallt s dem Gruber-Grossvatter doch auch, gelt?
Annerl (kleinlaut).
Ich glaub nit!
Leni.
Und drum versteckst die Docken? Armer Hascher!
Annerl
(senkt, eine Weile schweigend, immer tiefer das Köpfchen. Dann, von einem plötzlichen Schluchzen geschüttelt).
Du - Leni ... was hat denn meine Schwe - Schwester - was hat denn die Gnädigefrau gethan, dass der Grossvatter so bös wird, so oft s was schickt?
(Lautes Pochen an der Aussenthür, das von dem, tröstend über das Kind sich beugenden Mädchen überhört wird. Nach einer Weile öffnet sich die Thür; der junge Häuer Georg Wirth erscheint in ihrem Rahmen, blickt eine Weile in der Stube herum, als suche er nach Jemandem, und tritt dann, wie zögernd, über die Schwelle.)
Georg.
Schön guten Abend!
Leni
(mit einem Ruck herumfahrend, befangen).
Jesus ... der Georg!
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Georg.
Grüss Gott, Leni! (Noch immer mit den Blicken herumsuchend.) Ich wollt nur schaun, ob ... Ist der Gruber-Vatter vielleicht in der Küch?
Leni.
Fort ist er; um Vogelfutter!
Georg.
Da kann er bald wieder daheim sein, denk ich!?
Leni.
Wenn du vielleicht ein bisserl warten willst, Georg? (Sie rückt ihm den Stuhl ans Fenster auf dem sie früher gesessen.)
Georg
(ist ans Fenster getreten, an dem er, hinausblickend, stehen bleibt).
Dank schön; ich bin nit müd!
Leni.
Heiss ists schon, gelt?
Georg.
Ja ... ein so schöns Frühjahr denk ich schon lang nimmer!
Leni.
Und lustig gehts her beim Hengelmüller!
Georg.
Ja ... s ist ihnen schon lang kein Wetter drein gfahrn!
Leni (bekreuzt sich).
Jesus, Georg - verschreis nit!
Georg.
Mein Gott - nein! Ich war ja auch einmal lustig, da drübn ... und Andre auch, die jetzt nimmer tanzen! Und wenn was über arme Leut kommen soll - das schreit unsereiner nit herunter - das kommt schon von selber; dafür wird gsorgt!
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Annerl
(die schon vollkommen getröstet, zwischen ihren Puppen im Bett gradauf sitzt).
Du - Georg!
Georg
(mit merklich weicher Stimme).
Was ist denn, Annerl?
Annerl (wichtig).
Die Leni - tanzt auch nimmer!
Georg
(den Blick unverwandt auf die Kleine geheftet, verloren).
So - so!
Leni (verlegen-rasch).
Nur heut nit ... aber wenn unser Annerl wieder ganz gsund ist, dann tanzen wir zwei miteinander! Gelt, Annerl?
Georg
(streicht der Kleinen zärtlich über das Haar).
Grad nur weniger blass sollt s sein - und die Handerln nit gar so schmal ... aber das wird Alls gut werdn, Annerl, wenn du nur wieder an die Sonn kommst!
Annerl
(die ihm mit naiver Freude die Puppe entgegenhält).
Meinst werdn die Leut schaun, wenn s die Docken sehn?
Georg
(schon bereit, nach der Puppe zu langen, erst erstaunt, dann allmählich begreifend, während sein Arm ruckweise niedersinkt).
Aber die ist ja ...! Von wo ... wer ...hm -
Annerl.
Nit war? Schön ists! Und von unserer Marie ists!
Georg
(wie verloren, unwillkürlich).
Von unserer - Marie.
Leni (mit Nachdruck).
Von der Gnädigenfrau halt!
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Georg (rasch).
Freilich, von der Gnädigenfrau!
Annerl
(indem sie die Puppe mit beiden Händen von sich hält, ganz im Anblick derselben versunken).
Schauts ich mein, unsre Marie kann sich jetzt grad so anlegen, wie die Docken: alleweil seidne Kleider - und Schnürstieferl - und lange, farbige Maschen, wohin sies grad gfrent! Und die schönen weissen Händ! Nit so grob, und immer aufgsprungen, wie der Leni ihre!
Georg
(der den Blick nicht von der Kleinen lässt, vor sich hinnickend).
Ja ... Ja!
Leni (weich).
Wie meinst, Georg?
Georg.
Ich mein - (mit einem wehen Lächeln) - dass die Fetzengredl jetzt bald ganz vergessen sein wird!
(Kehrt sich plötzlich dem Fenster zu, wo er, mit den Fingern an den Scheiben trommelnd, eine ganze Weile schweigend stehn bleibt. Das Kind spielt weiter.)
Leni
(die von rückwärts leise an den Burschen herangetreten ist).
Schau, Georg, wärs nit am End doch besser, wenn du dann und wann auch zum Hengelmüller nübergingst? Grad nur auf ein Weilerl ... wenn dir schwer ist ums Herz - was ja ein Jeden gschehn kann, - oder wenns d was nit los wirst? ... Schau, die Musik, die lustigen Leut, ein guts Glaserl Wein, und ein Bursch, so jung und frisch wie du, - die ghören noch lang zueinander!
Georg
(mit rascher Wendung und einem fast feindseligen Blick über das Mädchen).
Das heisst ... du meinst, ich soll mit aus der Art schlagn, weil ich schon einmal zum Glumpert ghör; und solls so machen wie d andern armen Teufeln auch: wenn denen was Schlimms passiert, dersausen s ihren Schmerz im Wein - und wenns der
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nimmer thut, im Schnaps. Und wenn s ein Dirndl gern ghabt habn, und das Dirndl nimmt ein Andern, weil er s zur Gnädigen machen kann, und gwanden wie eine Docken - dann sollen s halt flink die Nächste nehmen, und lustig weitertanzen?! Als ob ein armer Teufel bei so einm Tanz nit auch sein Herz unter die Füss krieget! (Hat seine Kappe vom Tisch genommen und mitten in die Stube geschleudert.)
Leni
(hebt die Kappe auf, und legt sie ruhig auf ihren Platz zurück).
Damit, Georg, zwingst das Leben nit: das bleibt wies ist.
Annerl
(die während der erregten letzten Worte Georgs unwillkürlich eingehalten im Spiel, verbirgt, mit einem ängstlichen Blick nach der Thüre, plötzlich ihre Puppe).
Der Grossvatter!
(Der alte Gruber, ein hagerer, etwa zweiundsiebzigjähriger Greis, ist langsam eingetreten. Er hat ein fahlgelbes, knochiges Antlitz, das, bartlos, durch die dichtbuschigen, weissen Augenbrauen und das herbgschnittene Profil mit dem spitz vorspringenden Kinn einen energischen Ausdruck erhält. Da er in Folge eines Unfalles steifhalsig ist, und mit vornübergebeugtem Oberkörper geht, haben seine dunklen, tief in den Höhlen liegenden Augen im Emporblick etwas düster Lauerndes, - ein Eindruck, den der harte Zug um den schmallippigen, wie in gewohnten Trotz zusammengepressten Mund noch erhöht. Die Stimme des Alten ist dumpf; sein Gang der langsam=stapfende des alten Bergmannes, der viele Leitern hinauf= und hinabgeklommen; er lächelt nie. Selbst seine Versuche, hie und da mit den Andern fröhlich zu sein, haben etwas Gezwungenes. Bei seinem Eintritt gewinnt man die Überzeugung, dass er mit dem ersten Blick die ganze Situation überschaut und begriffen, aber sich eben darum nichts merken lässt. Er hält in der rechten Hand einen rohen, derb zugeschnittenen Knotenstock, in der Linken ein mit Vogelfutter dichtgefülltes und festzusammengeknotetes, blaues Sacktuch.)
Gruber.
Die Leni und der Georg - schau, schau! Auch Zwei, die ich schon lang nimmer beisammen gsehn hab! (Er stellt den Stock hinter die Thüre und tritt dann an den Tisch, wo er das Tuch mit dem Vogelfutter langsam aufzuknoten beginnt).
Annerl.
Habts auch Veigerln und ein Faltrian für mich Grossvatter?
Gruber (kurz).
Stell dich nit so ... Du weisst dir was Bessres zum Spielen!
Leni (vorwurfsvoll).
Na aber, Gruber-Grossvatter! Sie ist ja auch ein Vogerl, und ein kranks noch dazu!
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Gruber (grollend).
Aber in Gedanken ausfliegn ausm Nest - das trifft s auch schon! (Er vertheilt das Vogelfutter zwischen die Stäbe der drei, auf dem linken Fensterbrette stehenden Käfige.)
Leni.
Du mein Gott! Ein bissel was Glanzigs freut d Raben und Staarln auch!
Annerl
(die mit gesenktem Köpfschen zugehört, holt mit einem raschen Griff die Puppe wieder unter dem Federbett hervor).
Und jetzt erst recht!
Gruber
(noch bei den Käfigen beschäftigt).
Da schau her, Leni! Meinst die Viecherln könnten mich so treuherzig anschaun, oder gar s Futter nehmen aus meiner Hand, wenn ich kurz zuvor Eins von ihnen derwürgt hätt - oder derschlagen - oder sonstwie gmartert?
Leni (unbefangen).
Gwiss nit, Gruber-Vatter!
Gruber.
Aber die Menschen treffens! Und um so viel sind s dümmer oder schlechter ... hast mich verstanden jetzt?
Georg (vom Fenster her).
Das lassts einmal sein, Gruber-Vatter! Die Leni hat Recht: Das ewige Bereden machts auch nit besser; und heut oder morgen ... Blut ist kein Wasser - findts euch doch wieder zusamm mit der Marie!
Gruber (mit funkelndem Blick).
So -? Meinst -? Na, weisst was Georg? Rat gegen Rat! Dann nimm du zerst die Leni, und führ s wieder einmal zum Hengelmüller nüber auf ein Tanzerl! Die hats schon lang verdient um dich! Kann sein, dass ich dann auf die herrschaftliche Küch Appetitt krieg, und beim "gnädigen Herrn" vergess,
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dass sein Vatter mein Sohn und mich und zehn Andere von uns in den unterwaschnen Liborischacht commandirt hat, und dass von den Zwölfen, die nuntergstiegen sind, nur ein Einziger mehr rauskommen ist, und derselbe jetzt den steifen Hals und den krummen Buckel des alten Gruber z tragen hat...und noch ein Binkerl dazu! Was d aber vom Blut sagst, - das Sprüchl trifft längst nimmer zu - wenigstens bei den Grubern nit! Die machen ihren Brautsprung auch über einen toten Vattern weg! (Jedes folgende Wort mit einem Faustschlag auf die Tischplatte beleitend.) So - ists - kommen - -ja!!
(Pause; dann)
Leni
(schlicht, mit über der Schürze gefalteten Händen).
Mein Gott ... das Glück war z gross - und die Versuchung stark! Wenn man ein arms Mädel ist ... und das muss man dem jungen Gnädigen Herrn lassen: ein schöner Mann ist er!
Gruber (gehässig).
O - wie denn nit? Schön sind die alle! Sie waschen sich nit umsonst in Millch und Blut!
Leni.
Und sein Wort hat er auch ghalten! Denn verblendt war die Marie schon, und ein Andrer hätt sich das zu Nutz gmacht. Er aber hat s gheiratt!
Gruber
(ist dicht an das Mädchen herangetreten).
Jetzt werd ich dir was sagn! Wenn er s nit gheiratt hätt, sondern - - na, du verstehst mich - (indem er mit dem Sacktuch, wie um den Rest der Erde zu entfernen, in die Luft schlägt) - lebet er nit mehr! Aber den Gedanken, selbst wenn ern ghabt hätt - wird er bald aufgebn habn! Auf den Weg war s Madl nit z kriegn - und von einm Liebmann schon zaller letzt! Denn solang als s denkt, hat s den Nam z Haus läuten ghört - und s gebrannte Kind fürchtts Feuer, sagt man...Warum er s aber gheiratt hat - das weisst du noch lang nit!
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Leni.
Du mein Gott, Gruber=Vatter! Zerst hat er s halt gern ghabt! Und nachher hat er vielleicht das gut machen wolln, was sein Vatter am ihrigen verschuldt hat!
Gruber (schroff).
So - ? Dessentwegen meinst? Und dafür sollt der alte Gruber wohl noch hintnach "Küss d Hand" sagen? Arm gnug wär er ja ... aber er ist noch lang it dumm gnug dazu! Also will ich dir sagn, warum er s gheiratt hat! Dass mein Sohn und ihr Vatter endlich ganz aus der Welt kommt! Die Seel hat ihm ja das Gebälk im Liborischacht schon längst ausblasen ... aber irgendwo hat er doch noch glebt - (schlägt mit der geballten Rechten ans Herz) - da!! Und das hat den seinen Herrn zruckghalten; das hat ihn nit ans Ziel kommen lassen - und drum hat er mein Sohn - auf noble Weis - noch einmal totschlagen wollen - ebenda! Und das nennen s dann oberndrein - wohlthun! (Eilt an dem Mädchen vorüber in die Küche, deren Thür er dröhnend hinter sich zuschlägt.)
(Pause; dann)
Leni (mit einem Seufzer).
Harb ist er heut wieder, der Grossvatter ... harb!
Georg (düster).
Halt so, wie ihm selber gschehn ist; und uns Allen gschieht, nit mehr!
Leni
(ist ans Bett der Kleinen getreten; indem sie ihr über das Köpfchen fährt).
Na - mir thut nur das Dirndl da leid ... so kleine Vögerln schlagt ma nit mit Knütteln tot!
Annerl
(das Ärmchen um den Hals des Mädchens schlingend, ängstlich).
Gehst schon fort, Leni? Bleib noch ein bissel ... ich fürcht mich so!
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Leni.
Ich muss halt, Annerl - weisst?! Aber schau, ich sag dir was : Kehr; dich an d Wand, und schlaf ... dannach hörst nix!
Annerl
(die sich in den kissen, die Puppe ans Herz drückend, hoch aufrichtet.)
Na -! Und jetzt erst recht nit!
Leni
(ist zu Georg getreten, dem sie die Hand reicht).
Also - bhüet Gott, Georg! Und wegn mein Rat früher bist mir nit bös, gelt?
Georg.
Dir - bös! Wie wär denn das möglich, Leni? (indem er sich langsam mit der Hand über Stirn und Augen fährt.) Überhaupt - oft ists mir, als wär noch ein Andrer totgschlagen wordn bei der Gschicht ... und ich selbst lebet nimmer ... (seine Stimme versagt).
Leni.
Aber - Georg!
Georg.
Lass -lass! Und - (er schüttelt ihre Hand) - Adjes! (Das Mädchen ab. Georg hat den Stuhl vom Bett ans Fenster gerückt, und sich niedergelassen. Volle Beleuchtung vor Sonnenuntergang. Von drüben die Musik. Annerl sitzt, das Ärmchen um die Puppe geschlungen, den Blick der weitgeöffneten Augen starr auf Georg, noch immer hoch aufgerichtet im Bett.)
Gruber (aus der Küche zurück).
Die Leni schon fort?
Georg.
Im Augenblick.
Gruber
(ist an Georg herangetreten).
Das Mädl, Georg, das Mädl! Allweil ein lacheten Mund, wenn auch oft die Thränen daneben laufen! Und rührsam, und brav ... Und das treuherzige Gschau! Ich wüsst nit, was mit mir und der Kleinen da gschehn wär im Winter, wenns keine Leni 'geben hätt!
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Annerl.
Und allweil redt s nur Guts von unsrer Marie; drum hab ich s so gern!
Gruber.
Du sie still; dich hat Niemand gfragt!
Annerl
(den Kopf halb unter das Federbett steckend).
Aber wahr ists! (Sid kehrt sich, nach einem triumphirenden Blick sammt der Puppe der Wand zu, wo sie, wie schlafend, liegen bleibt.)
Gruber.
Die Georg ... die nähm ich, wenn ich du wär!
Georg.
Ich nehm keine mehr, Gruber-Vatter! Das wissts so gut, als ich! Damit ists aus...warum also immer anfangn davon?
Gruber.
Warum? Das kann ich dir schon sagen, wenns sein muss! Weil ichs nit immer wieder erleben mag, dass die armen Teufeln weinen müssen, wenn die Reichen Hochzeit machen! Und bei dir und der Leni schon gar nit! Sie hat dich gern - das weiss ich! Und wenn sie dir auch nit so gfallt als unsre - als die - hm...als du meinst, dass es sein könnt, oder sollt, - das gibt sich gar bald in einer gutn Eh...denn da hört sichs Gfalln auf, wenigstens für uns arme Leut! Da heissts Gaul neben Gaul sein ... immer brav Schritt halten - und Fest anziehn, wenns Andere nimmer kann, dass die Peitschen nit gar zu hart niedersaust. Und zum Schluss: so stehn bleiben können, wie ich, wenn der Kamarad niederfallt, - und grad nur ein Wieherer machen - nit mehr! Denn was unsereins sich sein muss und sein kann - das wissen die, was die Peitschen habn, doch nie...Und so ein Kamarad wär die Leni!
Georg.
Ja aber grad dafür ist mir die Leni zu gut! Denn wenns mit dem Gfalln auch nit aufangt, so muss mit der Lieb doch aufhörn bei so einem Gspann; das möcht s aber bei mir nie derlebn! Und drum ists besser, ich bleib wie ich bin!
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Gruber.
Das meinst! Und wühlst dich immer tiefer in dein Herzleid und dein Grimm ... und nebstbei die harte Arbeit ... (lässt die Hand auf die Schulter des Burschen fallen). Denkst denn gar nit an dein jungs Leben, Georg?!
Georg (bitter).
An mein Leben? Nein! Wem zur Freud leb ich denn? Nit einmal mir selber; so wenig, als unsereins sich selber ghört! Haben unsre Mütter uns nit schon im Schooss unter die Erd tragen? Waren wir nit schon im Taglohn, noch eh wir gwusst habn, was Leben heisst? Wo sollt denn da die Freud herkommen? Nur einmal - ein arms, einzigs mal, hab ichs z wissen gmeint! Aber da hat sich dieselbe starke Hand ausgstreckt, die uns schon im Mutterleib niederduckt, und hat deutt: "Weg davon - auch das ghört mir!" - s wird schon so sein müssen...
Gruber
(mit einem mühsamen Versuch, sich aufzurichten).
Das sag nit Georg! Das - nit! Das ist nur, solang als d dran glaubst!
Georg (düster).
Was hilfts, wenn man doch so thun muss...
Gruber.
Als wenn du dran glaubest -? Nein! Und weil dus schon beredst: das ist das Einzige, was ich an dir auszustellen hab-! Ich - an deiner Stell - wär längst nimmer da!
Georg.
Vielleicht - - (mit allmählich stockender Stimme) - einmall - aber...jetzt?! Wo ich sie noch übrall zu hören mein...und in dem Kind da... (mit einem unterdrückten Schrei) Können, Gruber-Vatter - können!
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Gruber.
Dafür bist ein Mann!
Georg.
Aber wenn ich nur das Kind da aufschau, bin ichs nimmer!
Gruber.
Also willst weiterarbeiten da? Für den, der dir soviel gnommen hat?
Georg (gequält).
Erinnerts mich nit dran!
Gruber.
Jeder Schritt, den du auf sein Boden machst, muss die ja wehthun! Und unten - in der Grubn...
Georg (schwer aufathmend).
Ja ... da liegt er ganz auf mir!
Gruber.
Und nimmt dir den Athem, gelt? Das kenn ich! Wer sein Blut da Unten glassen hat, und sein Liebstes ... aber drum eben! Du sollst fort, Georg, du wenigstens ... (da der Bursch ihn plötzlich starr anblickt) Ich weiss, was d jetzt sagen willst, Georg! Warum ich dann dablieben bin - damals - wie s mein Sohn tot, und mich selbst als Krüppl rauf gfördert haben beim "Glück auf". Kannst auch wissen! Weil ich zwei kleine Mäuler zfüttern ghabt hab: die da - und - die Andre - die ich nit gern nenn ... Und weil ich ein elendiger Krüppl bin, der nur mehr in d letzte Grubn einfahrn kann! Ists aber einmal so weit, dann bringst auch das Gnadenbrot hinunter! Leicht sind mir die Bissen drum auch nit gworden - und wenn ich gwusst hätt, dass Eine von den zwein einmal dem Herrn vom Liborischacht aus der Hand frisst, dann wollt ich jetzt, ich wär dazumal lieber betteln gangen mit ihnen! Aber - du! Jung, stark, - gsund ... schäm dich, dass d noch arbeiten magst für - den!
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Georg (mit erstickter Stimme).
Ich bin halt auch als Krüppel raufkommen, Gruber-Vatter! Und ein hungrigs Herz - (mit einem heissen Blick das schlafende Kind und die ganze Stube umfangend) - will auch sein Gnadenbrot habn!
(Der Steiger Frommhold, Lenis Vater, ist rasch und erregt eingetreten. Er wirft seine Kappe auf den nächsten Stuhl, wischt mit der Hand den Schweiss von Stirn und Schläfen, und bleibt, wie nach Athem und Worten ringend, eine Weile regungslos stehen.)
Gruber. (betreten).
Aber - aber ... Frommhold! Solltst du auch einmal - z lustig gwesen sein?
Frommhold
(noch immer keuchend, mit heiserer Stimme).
Lustig - ja ... ! Die Sach wär grad dannach! (mit einer Geberde, als schüttle er Etwas von sich) Aber ich glaubs noch nit!
Gruber.
Was glaubst nit?
Frommhold
(noch immer wie von einer einzigen Empfindung besessen).
Wenn ich nur dran denk, laufts mir über den Rücken...und ich bin doch auch kein alts Weib!
Georg
(ist aufgestanden und tritt auf ihn zu).
So red doch...red!
Frommhold (mit einem unsichern Blick).
Im Josephs-Schacht...soll die Arbeit wieder aufgnommen werdn!
Gruber und Georg (zugleich).
Unmöglich!!
Frommhold.
Na, trunken hab ich mix...dafür kennts mich!
Gruber (rasch).
Von wem hasts?
Frommhold.
Vom alten Duschka!
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Georg.
Vom Obersteiger!!
Gruber.
Und der?
Frommhold.
Von der Martha, die beim Werksdirektor im Dienst ist... (hartnäckig) Aber ich glaubs noch nit.
Gruber (bedeutungsvoll).
Hast auch fünf Kinder!
Frommhold.
Und ein lahms Weib! Und wenns wahr ist, dass s schon übermorgen einfahrn wollen - (stockt).
Gruber.
Dann bist du an der Schicht?
Frommhold
(mit einem verzerrten Lächeln).
Und meine Söhn! Aber ich glaubs noch nit!
Gruber
(langsam, indem er vor sich hinnickt).
Ich habs auch nit glaubt - damals!
Georg.
Und die Andern...wissen dies auch schon?
Frommhold
(mit einer hilflosen Bewegung der Arme).
Die tanzen ja noch...! Die ganze Knappschaft...beim Hengelmüller drüben!
Georg.
Wenn die Martha doch schlecht verstanden hätt?
Frommhold.
Beim Tisch ists gsprochen worden - sagt s...Ein Brief wär kommen, vom gnädigen Herrn, dass er grosse Lieferungen übernommen hätt, und darum mehr Kohlen gfördert werdn müssten, -- auch aus dem Josephsschacht...und rasch!
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Georg
(langsam, gleichsam überlegend).
Wenns nur das ist! Davon hat der Herr Direktor schon vor acht Tagen gsprochen - mit dem Inschänör - in der Zech... "Was möglich ist, wird gschehn", hat er gsagt...aber vom Josephsschacht ist kein Wörtl gfalln!
Frommhold.
Wohl - wohl! Aber inzwischen muss Jemand den jungen Herrn auf den Josephsschacht aufmerksam gmacht haben - hinterm Rücken vom Direktor!
Gruber (rasch).
Nur der Inschänör!
Frommhold.
Gwiss! Weiss ja ein Jeds, wie die Zwei miteinander stehn! (achselzuckend) Aber was hilfts, das zu wissen? Hinunter müssen wir!
Gruber (knirschend).
Hundsfott, elendiger! Schon einmal hat ers so gmacht - damals - im Liborischacht - und s hat Blut kostt und Tote...und jetzt kommt er gar mit dem Josephsschacht!
Georg.
Weil er halt selbst Direktor werdn möcht!
Frommhold
(wischt sich dem Schweiss von der Stirne).
Ich glaubs noch immer nit!
Gruber (verbissen).
Und der junge - "Herr - " Wird sich das grad so gern sagen lassen, wie damals der Alte! Denn wos noch mehr zu holen gibt, da sind s allweil hinterher, wenn s auch blutige Finger dabei kriegen! Aber für die gibts ja Wasser - und goldene Ring - und wenns sein muss, auch Gebetbüchl!
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Frommhold
(ist an dan geöffnete Fenster links getreten, zu dem er, die Arme verschränkend, den Kopf nach linke geneigt, wie beobachtend, hinausspäht. Mit einem tiefen Seufzer).
Ja - ja!
(Pause).
Gruber.
Nachher...Was wollts also machen, wenns so weit kommt? (Da Frommhold nur die Achseln zuckt und schweigt.) Doch nit einfahrn, wie wir damals?
Georg
(mit einer Bewegung des Kopfes nach dem noch immer starr zum Fenster hinausspähenden Frommhold).
Ganz weg ist er!
Gruber.
Ich glaubs...aber - - (inden er dicht an den Steiger herantritt) Frommhold!
Frommhold (zusammenfahrend).
Ja -?!
Gruber.
Ich will nur so viel gsagt habn: du bist mein Mann nimmer, wenn du nur mit einem Gedanken die Kamraden dort nunterführst!
Frommhold (düster).
Ich müsst ja auch mein Franz nunterführn, und mein Bertl; da könnts euch denken, wie...(bricht, den Kopf wieder der Strasse zuwendend, plötzlich ab).
Gruber.
Warum stellst dich dann so her? Und redst nix, und dentst nix?
Frommhold.
Weil ich halt auf den Dutschka pass!
Georg.
Will er herkommen?
Frommhold.
Ja, gradenwegs, vom Direktor - (mühsam) - wenns Ernst wird!
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Gruber.
Ist er drüben?
Frommhold (gedrückt).
Ja...noch immer!
Georg.
Kein guts Zeichen! Wenn nichts dran wär, hätt ihn der Herr Direktor lachend heimgschickt!
Frommhold.
Wer weiss, ob er zu Haus ist, der Herr Direktor!
Gruber (bestimmt).
Den ganzen Nachmittag! Sie haben Gäst!
Frommhold (hartnäckig).
Da wird er den Dutschka vielleicht warten lassen!
Gruber.
In so einer Sach? Das glaubst doch selbst nit, Frommhold!
Frommhold (mit einer gequälten Geberde).
Mein Gott, man sagt sich allerhand vor, eh mans letzte glaubt!
Gruber (aufstampfend).
Das heisst also, du fahrst richtig schon ein, in Gedanken? Da wird die Knappschaft auch noch ein Wörtl redn, und deine eignen Söhn mit! Seit wir so dumm waren, unser Leben und unsre Kinder in den Liborischacht nunterzuführen, - seitdem sind wieder acht Jahr vergangen, und viel hat sich gändert seitdem! Jetzt lauft unsereins nimmer aufs Commando in den Tod - auch wenn der "gnädige Herr" dabei steht, und mit die Füss stampft! Jetzt wissen wir, dass auch der ärmste Teufel ein Eigenthum hat: sein Recht und seinen Willen - und dass alle Macht und alles Gold der Erd über die zwei nit nüberkommen - wenn wir nur recht zusammenhalten! Und wer das mitgmacht hat, was mir gschehn ist, der sagt: "Gott seis
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Dank, dass es endlich so weit kommen ist! Aber dir stecken noch die alten Commandoruf im Leib - ja! Den Jungen nimmer, zum Glück! Und die werdn Schlägl und Keilhau niederlegen und striken!
Frommhold (zusammenfahrend).
Der Dutschka!!
Gruber (rasch).
Kommt er her?
Georg
(der hinter Frommhold ans Fenster getreten ist).
Grad geht er naus beim Direktor!
Gruber (ungeduldig).
Kommt er her?
Frommhold
Das lasst sich noch nit sagn; er muss erst überm Steig sein!
Georg (bestimmt).
Er kommt!
Frommhold.
Jesus...Nein - doch nit! Nach rechts biegt er ab! (Athmet lang und tief auf.) Also wars nur ein Gred!
Georg (schüttelt den Kopf).
Ich weiss nit...einen Augenblick wars, als wenn er rüber wollt! Und ganz genau hab ichs gsehn...Wenn ers doch vielleicht erst der Knappschaft saget?
Frommhold (ärgerlich).
Dann spieleten s grad ein neuen Walzer auf!
Gruber.
Wirklich? (Er ist zu den Beiden ans Fenster getreten, wo nun alle Drei, Kopf an Kopf, eine Weile lautlos, der mit voller Kraft einsetzenden Musik lauschen. Auch Annerl hat sich, in jedem Arm eine Puppe, wie die Andern lauschend, in ihrem Bettchen wieder aufgesetzt.)
Gruber
(der zuerst vom Fenster wegtritt, auf- und abgehend, während Frommhold und Georg, mit halber Wendung ihm zugekehrt, noch stehen bleiben.)
Ja...! Und weils für diesmal vorüber gangen ist, kann mans ja ruhig bereden, wies eigentlich steht mit dem Josephsschacht!
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Schon zu meiner Zeit - und das ist lang her - haben s ihn nie anders, als den "Giftschacht" gnennt. Denn mit der Ventilation waren s damals noch nit so gschickt wie jetzt, und so wie unsrer nur ein paar, und oft nur ein Weilerl unter waren - gleich hats schlechte Wetter geben, und die Lampen sind uns - wie oft - grad auf ainmal ausgangen! Die Bergmaurer und Grubenzimmrer aber waren immer ganz damisch, wenn s ausgfahren sind, und wollten Allerlei gsehn und ghört habn: blaue Flammen zwischen den Gsteinspalten - und ein ewigs Knistern...dann wieder ein ganz unheimlichen Ton, der sich anghört hat, als wenn viele, viele Stimmen in weiter Fern durcheinander singeten. Und da draus haben s dann allerhand Gschichten gmacht, und haben gsagt, das wären die ruhlosen Seelen von all denen, die irgend ein Unglück bergfertig gmacht hätt, - und die rufeten jetzt nach neuen Kamraden...Ich hab nit viel hinghorcht auf das Gred - aber wahr bleibt, dass dann endlich doch der Liborischacht eingstürzt ist, und mein Sohn und noch zehn Andre und ich selbst - bergfertig waren!
Frommhold.
Ja, ja...Ich war damals Häuer, und weisss noch genau! Aber das im Liborischacht hat ja das Wasser than, und nit der feurige Schwadn!
Gruber.
Wasser oder feuriger Schwadn - da unten ist Alls einig gegen die Menschen und ihren Hochmut, und ihre Ungerechtigkeit! Das ist heiliger Grund...Boden, der da war, wies noch keine Menschen geben hat! Das hab ich vor langer Zeit einmal von einem gelehrten Herrn ghört, den ich rumgführt hab in der Gruben, und seitdem weiss ich, warum der Boden den menschlichen Fuss nit vertragt! Zwei Jahr nach dem Liborischacht aber haben die schlagenden Wetter im Barbaraschacht ihre Opfer gholt - und nach der Läng hat Schacht um Schacht auf der ganzen Strecken vermauert werden müssen...Das wissts ja!
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Frommhold
Wohl...wohl! Und ich glaub, da unten brennts noch!
Gruber.
Also...und seither ist auch im Josephsschacht nit mehr garbeitt worden, denn der liegt grad überm Barbaraschacht! Erst wärs Niemandem eingfallen, sich zu weigern, dort einzufahren, s ist ja früher auch gschehn...aber seitdem...
Frommhold (nachdenklich).
Wohl, wohl! Niemand weiss, wies kommen ist - aber hinein möcht Keiner mehr!
Annerl
(die regungslos zugehört, macht eine plötzliche Bewegung).
Grossvatter! Zu spielen haben s aufghört!
Gruber.
Wird halt s Stück zu End sein!
Annerl.
Nein, mitten drin, - ich hab aufpasst
(Dumpfe Pause; Frommhold und Georg beugen sich weit aus dem Fenster, zu dem, aus derselben Richtung wie früher die Musik, nun ein lautes Gewirr zorniger Stimmen hereinschlägt. In der Mitte der Stub, leise vor sich hinnickend, der alte Gruber.)
Georg (erregt).
Erst ists wahr!! Die ganze Knappschaft ist auf...Ordentlich schwarz kommts beim Hengelmüller raus...und der Dutschka ist mitten unter ihnen!
Frommhold
(auf- und abeilend, fassungslos).
O Gott -! O Gott!
Gruber.
Kommt er her?
Georg
(beugt sich ganz hinaus).
Ich weiss noch nit... (plötzlich laut) Ja - gradenwegs! Und ein ganzer Trupp mit ihm! Da sind s schon! (man sieht
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die Bergleute, die sich dem alten Dutschka angeschlossen, und nun von diesem scheinbar geführt werden an den Fenstern draussen vorüberziehen. Dutschka, ein hagerer Sechziger, tritt zuerst ein. Er hat etwas über Mittelgrösse, ist bartlos und blass. Seine Bewegungen sind, selbst wenn er lebhafter wird, gelasses fast vornehm. Er spricht mit gedämpfter Stimme, und ein eigenthümlich resignirtes ächeln begleitet Alles, was er sagt. Während über sein ganzes Wesen eine unendlich Ruhe und Schlichtheit gebreitet erscheint, frappirt der Ausdruck seiner, träumerisch in sich gekehrten, fast durchsichtig-hellen Augen, und seine Aussprache, die gewählter und reiner ist, als die der anderen Bergleute. Hinter ihm drängen die Übrigen herein; Franz und Bertl Frommhold, zwanzig und vierundzwanzig Jahre alt; Böllinger, Conrath und Ristl, ältere, schon ergraute Häuer, zwischen vierzig und fünfzig, sowie mehrere, noch ganz junge Bursche. Sie Alle kommen, wie sie vom Tanz oder Trunk fortgestürmt, mit gerötheten Wangen, schiefgerückten Kappen und scheinbar athemlos. Die jungen Knappen tragen kleine Blumensträusschen in den Knopflöchern ihrer Blousen.)
Dutschka
(ist auf Frommhold zugetreten.)
Also - es ist wahr! Der Herr Direktor selbst hat mir den Brief vorgelesen...vorgestern hat er ihn bekommen - und Dienstag soll angefahren werden!
Bertel Frommhold.
Da fahrt die Direktion allein an!
Franzl.
Nit einmal...! Nur der Inschänör!
(Höhnisches Gelächter und Beifallsgemurmel.)
Frommhold
(zwischen seine Söhne tretend).
Ihr seids still; lassts erst die Alten zu Wort kommen!
Böllinger.
Lass ihn nur Frommhold, wir denken grad so! Recht hat der Franz, ganz Recht!
Conrath.
Freilich! Weshalb denn erst ein Wörtl verlieren -? Gstrikt wirds!
Gruber (mit Triumph).
Hab ichs gsagt?
Frommhold (dringend).
So red doch Dutschka!
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Dutschka.
Mit dem Striken, meint der Herr Direktor, soll die Knappschaft diesmal nicht zu schnell sein! Denn im Josephschacht selbst wär trotz allen Geredes bis dato noch nichts Schlimmes geschehen, und deshalb hätt die Knappschaft nicht einmal das Recht, Anfahrt und Abbau zu verweigern...
Gruber.
Genau dasselbe ist uns vor dem Liborischacht gsagt wordn!
Franz Frommhold (bitter).
Ich glaubs! Wenns auf die ankäm, die s Gsetz machen, die liessen unserein überhaupt kein anderes Recht, als das zu sterben!
Frommhold (streng).
Franz!
Franz.
Na Vater...in dem Punkt, da geb ich nimmer nach, das wissts!
Frommhold.
Und du sollst wissen, dass d eine lahme Mutter daheim hast, und noch drei Gschwister, und dass, was du redst, drum nit für dich allein gsprochen ist!
Böllinger.
Na, weisst Frommhold, ich hab auch Weib und Kind daheim, aber bevor ich ein Krüppl aus mir machen lass, geh ich lieber...eben drum!
Georg.
Das wird Jeder sagen!
Frommhold
(reibt sich nervös die Stirne).
Aber eigentlich ists ja wahr, dass das Ganze nur ein Gred ist! Grad hats der Dutschka gsagt, und was der sagt, meint er auch!
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Dutschka (ruhig, aber bestimmt).
Was ich euch gsagt hab, war die Meinung des Herrn Direktors!
Frommhold (stockend).
Also - du selbst glaubst - doch -
Dutschka (achselzuckend).
Wir kennen ja Alle die Josephsgruben!
Gruber
(ergreift die Hand Dutschkas und schüttelt sie).
Brave Haut! Noch immer der Dutschka, der mich damals aus dem Liborischacht tragen hat, ob auch rechts und links von ihm Alles zusamm gfalln ist!
Dutschka (einfach).
Du hättsts ja auch gethan, Gruber, an meiner Stell!
Gruber
Wer weiss, Dutschka, wer weiss - - !
Dutschka (ablenkend).
Etwas aber, meint der Herr Direktor, liess sich allerdings gegen den Abbau im Josephsschacht einwenden: dass er seit sechs Jahren nicht mehr im Betrieb ist! Und deshalb müsst vor Allem für gute Wetterführung gesorgt werdn, und die Zimmrer hätten die ganze Streck erst auf ihre Sicherheit zu befahren! Und weils der Herr Direktor für seine Pflicht hält, dem gnädigen Herrn das Alles selbst zu sagen, will er noch heute Abends nach Wien reisen!
Franz Frommhold.
Das hätt er früher thun solln; eh der Inschänör dort war!
Dutschka (fest).
Ein Ehrenmann kommt immer zu spät, wenn er mit einem Schuft zugleich laufen muss!
Gruber.
Also - was wollts nachher thun?
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Böllinger (energisch).
Bei dem bleibn, was der Frommhold Franzl zerst gsagt hat! (Dumpfes, beifälliges Gemurmel, aus dem die lauter gesprochenen Worte - "Freilich - ", "gwiss -", "striken -" deutlich herauszuhören sind.)
Frommhold.
Das, was mein Franz gsagt hat, hat er deswegen noch lang nit than! Und wenns so ist, wie der Herr Direktor meint, kann noch Alles gut werden! Glaubst nit auch, Dutschka?
Dutschka
(schweigt eine ganz Weile; dann, laut).
Auf jeden Fall wird es gut sein, wenn der Herr Direktor noch vor seiner Abreise erfährt, was die Knappschaft vorhat, dfalls doch der Befehl zum Anfahrn ergehn sollt!
Gruber (nickend).
O, der Dutschka - der Dutschka! Der kann halt nit lügen! Durch und durch kennt er seine Leut!
Dutschka
(mit einem verlorenen Blick).
Hilft auch nichts, Gruber! Was kommen muss, das kommt! s ist so wie bei einem Gewitter: die Fenster kannst schliessen - aber der Regen thut dir so nichts, und der dir ankann - der Blitz - der geht auch durch die geschlossenen Fenster! Komm, Frommhold, wir müssen zum Direktor! (Inden er den Übrigen zunickt.) Glück auf! (Geht mit Frommhold zuerst ab; ihnen schliessen sich zunächst die, an der Thüre stehenden jungen Häuer an, dann die älteren, zuletzt Böllinger und Ristl.)
Böllinger (im Abgehen).
Wahr ists ... vor ein Weilerl noch waren wir so lustig, und Keins hätt was Schlimmes denkt...
Ristl.
(mit einem tiefen Seufzer).
Weil halt arme Leut sich nit freun dürfen! (Ab.)
(Georg ist an das geöffnete Fenster links getreten, an dem die jungen Häuer in der Richtung des Wirthshauses vorüberziehn.)
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Franz Frommhold (ruft herein).
Kommst nach, Georg?
Georg.
Wollts noch berathen?
Franz.
Ja! (Eilt fort.)
Georg.
Dann komm ich! (Tritt an den Tisch und nimmt seine Kappe.)
Gruber
(tritt auf ihn zu, heimlich).
Du - Georg ... hast dir heut den Dutschka angschaut?
Georg.
Ja! Und ich wollt, ich könnt auch einmal so dastehn, wenn ich weisse Haar hab: immer seine Pflicht gethan, und doch ein guter Kamarad gwesen!
Gruber.
Das ist gwiss - ja! Aber seine Augen mein ich ... seine Augen...Ist dir gar nichts aufgfallen?
Georg.
Warum? (macht einen plötzlichen Schritt zurück) Ja - so!
Gruber (noch leiser).
Der hat wieder was gsehn, in der Gruben! Dem geht was vor ... und drum weiss er schon jetzt, was gschehn wird!
Georg.
Das - glaubts wirklich, Gruber-Vatter?
Gruber.
Hast du noch nie was gsehn in der Teuf?
Georg.
Da müsst ich lügen! Das heisst ... Man muss halt nit Alls gleich so auslegen!
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Gruber.
Dann kannst auch nit reden drüber! Aber vom Dutschka ists gwiss!
Georg.
Dass er was sieht -?
Gruber.
So oft was gschehn soll ... ja! Ich weisss von ihm selber! Sonst redt er nit gern davon ... und seit dem Barbaraschacht schon gar nit ... aber damals - -
(Draussen ist es allmählich ganz still geworden. Es beginnt zu dunkeln. Eine Grille zirpt - setzt aus - zirpt weiter.)
Annerl
(vom Bett her, wo sie noch immer aufrechtsitzt).
Grossvatter - Georg! Kommts zu mir her! Ich fürcht mich so!
Georg (tritt ans Bett).
Aber Annerl - vor was denn? Wir sind ja nit in der Grubn!?
Annerl
(legt sich mit geschlossenen Augen in seinen Arm zurück).
Ich weiss nit ... mich schauert halt ...
Georg
(streicht ihr mit der Hand langsam über Stirn und Wangen.)
Soll ich s Fenster zumachen, Annerl?
Annerl
Nein, dann fürcht ich mich erst recht und verlier den Athem!
Gruber (ist auch hinzugetreten).
Na, sei gscheit!
Annerl
(wieder mit gross und weit geöffneten Augen).
Wenn ich nur die Berg nimmer sehn müsst ... und die vielen Leut, die hinuntermüssen! (Nach einer Pause zögernd beklommen.) Musst - musst du auch in den Josephsschacht, Georg?
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Georg
(drückt sie leise an sich).
Also - das wars!? Nein, Annerl, wenigstens nit gleich!
Annerl
(die Hände faltend, innig).
Gott sei Dank!
Georg.
Und jetzt legst dich zurück, und bleibst schön ruhig, gelt? (Er lässt ihr Köpfchen auf die Polster gleiten, indem er sich Gruber zuwendet.) Aber - was mir grad noch einfallt, vor ich geh, und weils gut ist, Alls zu thun, um was Schlimms zu verhüten ... (seine Kappe zwischen den Händen hin und her drehend) Wie wärs, wenn Jemand an die Gnädigefrau schrieb, und ihr Alls vorstellet: wies ist - und kommen könnt -? Wenn vielleicht - Ihrs über euch brächtt Gruber-Vatter?
Gruber
(schweigt eine ganze Weile; dann tritt er zum Ofen, von dessen Platte er einen Postcarton herablangt und öffnet).
Da schau her, Georg! Das ist der Carton, in dem s die Docken dort gschickt hat ... und da drin - (er sucht eine Weile zwischen dem knisternden Seidenpapier des Cartons herum) - da drin liegt noch der Brief, den s dazu gschriebn hat, und den ich glesen hab, weil er offen war! Also...ich hab noch Niemandem davon gsprochen, und hätt dich am liebsten ganz damit verschont - aber jetzt - musst es wissen - - (er faltet den Brief auseinander) da drin steht, dass sie seit sechs Wochen Mutter ist, von einem Knaben...Weisst, was das heisst? (Indem er den Brief zerknüllt und wieder in den Carton zurückwirft.) Dass wir s jetzt ganz verloren haben!
Georg
(athmet schwer und tief auf; dann leiser).
Da könnts euch täuschen, Gruber-Vatter! So was macht weich!
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Gruber.
Glaubst? Nein, sag ich dir, so was macht hart - wenigstens die Reichen! Denn für die ists ein neus Recht: ein Recht mehr auf den Schweiss und das Blut und das Leben von all den armen Teufeln, die sich ihnen verkauft haben - und verkaufen müssen! (zwischen den Zähnen) Immer mehr wird s haben wolln für ihre Brut - immer mehr - und so nach und nach werden s das bisserl Glück und Gsundheit von all den armen Leuten und Waserln aufbrauchn, die da umeinander krabbeln! Das ist ihr Recht - verstehst mich? Das Recht, soviele Hundert verderben zu dürfen, um ein Einzigs froh und reich und glücklich zu machen! Der Marie hätt ich vielleicht noch gschriebn ... der Mutter vom jungen, "gnädigen Herrn" - nie!
Georg.
Ihr könntt euch täuschen, Gruber-Vatter! Wie ich die Marie kenn -
Gruber (hart).
Hat s dich fürs Geld weggworfen, ja...! Und jetzt - werden s halt den Taufschmans hereinbringen wolln ... so ists!
Georg.
In Gottes Namen ... s war gut gmeint!
Gruber.
Gehst?
Georg.
Ja, zu den Kamraden, sie wollen noch Rat halten!
Gruber.
Bis vor die Thür geh ich mit; der Käfig mitm Staarl hängt noch draussen! (Ab mit Georg durch die Thüre links.)
Annerl
(hat sich, den Beiden nachlauschend, in ihrem Bettchen aufgesetzt. Sowie der alte Gruber die Thüre hinter sich gesclossen, schlüpft sie ganz heraus, und tastet sich, noch unsicher im Gehen, mit der Rechten längs der Wand und des Fensterbrettes bis zu dem Tisch, auf dem der alte Gruber den offenen Carton mit dem Brief stehen liess. Dort angekommen, beginnt sie in dem Carton herumzusuchen, wobei sie die Puppe, die sie bis jetzt im linken Arm gehalten, auf die Tischplatte legt. Sowie sie den Brief gefunden, knüllt sie ihn vorsichtig auf, und streicht ihn mit beiden Händchen auf den Tischplatte zurecht. Innig).
Der Brief! Von unserer Marie!
(Sie lässt die Puppe liegen und tastet sich bis zu dem offenen Fenster, wo sie, mit dem Zeigefinger die Zeilen entlangfahrend, zu lesen beginnt. In diesem Augenblick werden die stapfenden Schritten des alten Gruber hörbar. Das Kind lässt den Brief schnell in der Tasche verschwinden, wird aber von dem Alten, der seinen Käfig sorgfältig vor sich her trägt, noch am Fenster überrascht.)
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Gruber (unwirsch).
Annerl - was machst denn du da? Und am offnen Fenster obendrein! Dass d einm du auch noch giften musst! Jetzt schau aber, dass d ins ssett kommst! (Es ist ganz dunkel geworden. Die Glocken beginnen das Ave zu läuten.)
Annerl (verwirrt).
Ich - ich hab halt -
Gruber.
Was hast?
Annerl
(die mit der Rechten noch immer ihre Tasche zuhält).
Ave läuten s ... (rasch) - beten hab ich wolln!
Gruber
(der sie an der Hand zum Bett führt).
Ausserm Bett? Das kannst drin grad so gut!
Annerl
(entzieht ihm ihre Hand und legt sie wieder an die Tasche).
Na...ich bin schon gsund! (Sinkt knapp vor ihrem Bett ins Knie und bekreuzt sich.)
Gruber (brummig).
Meintwegen ... Dann aber rasch!
Annerl (mit gefalteten Händen).
Der Engel des Herrn brachte Maria die Botschaft; und sie empfing von dem heiligen Geist ...
(Gruber hat ein Lämpchen von der Ofenplatte genommen, das er anzündet und langsam zum Tisch trägt. Wie er es niederstellt, geräth ihm die, von Annerl vergessene Puppe in die Hände. Er hebt sie langsam gegen das Licht, wobei er sie mit einer höhnisch bitteren Grimmasse erst stumm nach allen Seiten dreht.)
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Annerl (betend).
Gegrüsset seist du Maria - du bist voll der Gnaden - der Herr ist mit dir - du bist gebenedeit unter den Weibern ... (sie schrickt plötzlich zusammen, und blickt nach dem Tisch).
Gruber
(hat erst leise, dann allmählich lauter zu sprechen begonnen).
Verhungern müssen unsre Kinder, dass s ihre Brut so gwanden können ... s Blut von ihrm Vattern hat fliessen müssen für den sein Geld - und sie - kauft Docken dafür -
Annerl
(ist mit einem Sprung an seiner Seite; ändstlich).
Grossvatter - Grossvatter - was wollts mit der Docken -?
Gruber
(ohne sie zu beachten).
Und schickt mir s ins Haus; in dselbe Stubn, wo er glegen ist, den blutigen Faum vorm Mund - mit den Augen, die zum Himmel gschrien habn noch als a toter - (er hebt die Puppe hoch empor).
Annerl
(schluchzend hinauflangend, soweit sie kann).
Grossvatter - Grossvatter - Ihr werdts doch meiner Docken nix thun?
Gruber.
Und die Brut, die ihm das anthan hat, - die Brut hilft sein eigenes Kind jetzt vermehrn ... (Indem er den Kopf der Puppe dreimal hart an die Tischkante schlägt.) Da - da - da ! (Wirft sie über den Kopf der Kleinen hinweg ins Zimmer.) - Da hast s, die Docken von der "Gnädigen-Frau" -!
Annerl
(mit einem durchdringenden Schrei).
Grossvat...! (Sie stürzt der Puppe nach, die sie aufheben will).
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Gruber (hat sie gepackt).
Da bleibst, - sag ich! Liegen lasst s! (Die Armenseelenglocke hat eingesetzt.) Hörst? Für d armen Seeln läuten s! Dieselbe Glockn hat angschlagn, wie s dein Vattern reinbracht haben...Da ist er glegn - als Leich - und in dem Bett dort du, noch in d Windeln, denn dein Mutter war nit lang vorher gangen! Du - Anna! (Mit erhobenem Arm, drohend.) Solang die Glock dort noch a Stimm hat, solang darfst mir nix anrührn, was von denen kommt! Hast mich verstanden? - (Indem er sich zu ihr hinabbeugt, weicher.) Und jetzt lass uns beten - (die Hände faltend) - für dein Vattern - und die Andern, die s bracht haben mit ihm! - (Betend.) Herr gib ihnen die ewige Ruh...und das ewige Licht leucht ihnen - -
Annerl
(unter heftigem Schluchzen, wobei sie langsam ins Knie und dann vornüberfällt).
Lass - sie - ruhen - in Frieden...
Gruber
(indem er sich zu ihr hinabbeugt, um sie aufzuheben).
Amen!
(Die Glocke läutet fort. - Vorhang.)


Zweiter Akt

Scene: Gemach im Liebmannschen Hause. In der Mitte der Hinterwand ein tiefer Erker, mit Treppe und Ballustrade. Im Erker Tischchen und zwei hohe Lehnstühle. Vor den Fenstern reicher Palmen- und Blattplanzenschmuck. Zu beiden Seiten des Erkers je ein, bis an die Decke reichender Pfeilerspiegel. Links vorne, um ein zierliches Tischchen, Sopha und Fautenils aus FraiseSeidendamast. Daneben, in der Mitte der Wand, Doppelthür nach dem Vorsaal. In der rechten Ecke, zwischen dem Fenster und einer zweiten, nach den Wohnräumen führenden Thür, ein Klavier. Ganz im Vordergrund, schräg gegen die Mitte des Gemaches und die rechte Thür gestellt, reiches, orientalisches Ruhebett. Zu Häupten des Ruhebettes eine Ständerlampe. - Später Nachmittag. Frau Marie Liebmann sitzt, mit einer Häckelarbeit beschäftigt, im Erker. Sie trägt ein einfaches, bis ans den Hals schliessendes Hauskleid, mit weissem Umlegefragen und Stulpen. Schlanke, biegsame Gestalt. Das reiche dunkelblonde Haar ist in zwei schweren Zöpfen hinaufgenommen, und zu Gesicht gesteckt. - Schlichte, natürlich-anmutige Erscheinung. Nichtsdestoweniger verraten ihre Bewegungen eine gewisse Gebundenheit. Ihre Stimme klingt gedämpft, fast schüchtern; sie hält, wenn sie spricht, oft ein, tastet gleichsam noch nach dem, zu ihrem Milien gestimmten Ton. In Augenblicken der Erregung aber bricht ihre Ursprünglichkeit fömlich ausathmend durch. Fritz Liebmann, der zeitunglesend in einem Streckfautenil gesessen, erhebt sich plötzlich, und beginnt, die Cigarre zwischen den Fingern, mit unruhigen Schritten auf- und abzuwandeln, wobei er oft stehn bleibt, mit der Linken erregt die Haare zurückstreicht, und im Ganzen den Eindruck eines, in geschäftliche Calcüls verlorenen Mannes macht. Elegante, fast stutzerhafte Kleidung. Feine, aber energische Züge, in welche ein nervöses Zucken um Lippen und Augen viel Unruhe bringt, und den Eindruck eines, von der Willkür seiner Stimmungen abhängigen, durchaus unbestimmbaren Charakters hervorruft.
Marie
(lässt die Hände mit der Arbeit in den Schooss sinken, und betrachtet ihn eine Weile aufmerksam; dann, mit schüchternem Hüsteln.)
Willst was, Fritz?
Liebmann
(macht eine ungeduldige Bewegung mit dem Kopf und geht weiter.)
Marie (leiser).
Ich mein halt nur -
41
Liebmann (ungehalten.)
Aber -!
Marie
Mein Gott, ich wollt ja nur...(beugt sich, den Kopf tief herabneigend, wieder über ihre Arbeit.)
Liebmann
(ist an das Ruhebett getreten, wo er, das rechte Knie hinaufziehend, die Linke wie nachsinnend an die Stirn gelegt, stehen bleibt. Murmelnd).
Also: wären circa tausend Waggons Kohle...und wenn die rasch geliefert werden sollen - die Ostrauer Gewerke feiern, wegen des Strikes...die Kladuoer stehn unter Wasser...(laut) Könnte sich gar nicht besser treffen! Kommt Alles wieder und zu Gute! (Zu dem Tisch vor dem Sopha eilend, wo er die Zeitung niedergelegt.) Aber rasch liefern...rrasch!!? (Nach einem Blick in das Blatt, mit befriedigtem Nicken.) Stimmt! (Mit rascher Wendung gegen den Erker.) Na also - was wolltest du?
Marie
(ohne den Kopf zu heben, mit einem Zittern in der Stimme).
Nichts -!
Liebmann
Schon wieder beleidigt? (Nimmt mit einem Schritt beide Erkerstufen.) Geh - geh - geh! (Nimmt ihr Haupt zwischen die Hände, und beugt es langsam zurück.)
Marie (schlicht).
Beleidigt? Nein! Auf das pass ich nit auf... Dazu bin ich viel zu wenig vornehm... Mir wird halt nur immer so bang, wenn ich diech so sehn muss...
Liebmann.
So - wie?
Marie.
Mein Gott: so unruhig und abgehetzt, den ganzen lieben Tag!
Liebmann (nervös).
Unruhig...abgehetzt! Ja, was glaubst du denn? Was du meine Unruhe nennst, ist eben meine Arbeit! Oder solltest du dir wirklich keine andre denken können, als die, welche die zwei Fäuste des nächstbesten dummen Kerls auch leisten können?
42
Marie
(macht eine plötzliche Bewegung, als wollte sie aufstehen; beherrscht sich aber, und bückt sich bloss nach dem hierbei zu Boden gefallenen Garnknäuel).
Ich hab halt keine andre gsehn - von früh auf!
Liebmann
(versteht, streicht mit der Hand über ihren Scheitel).
Na, so war das wieder nicht gemeint, Schatz!
Marie.
Ich weiss - aber -
Liebmann.
Was "aber"?
Marie
(hat die Arbeit vor sich hin, auf den Tisch, und die gefalteten Hände darauf gelegt; mit starr in die Ferne gerichtetem Blick und tiefer Wehmut im Ton).
Es ist doch traurig, dass jeds Wort, das bessre Leut redn, für unserein zur Peitschen wird!
Liebmann.
Und das sagt die Mutter meines Kindes!
Marie (einfach).
Eine Bessre hätt dir auch eins gschenkt!
Liebmann (macht eine Bewegung).
Eine Bessre! Na, ich muss schon sagen... Aber schau, bemüh dich doch, auch mich zu verstehn! Was ich gesagt, war doch wahrhaftig harmlos genug, und nicht mehr, als eine Entschuldigung! Du sprichst immer von meiner Unruhe! Also muss ich glauben, dass sie dir peinlich ist, wie? Da wollt ich dir zeigen, dass sie eben mit zu meiner Thätigkeit gehört! Glaubst du denn, dass unser Besitz, das Alles, was du jetzt hier siehst und als dein Eigen betrachten kannst, wirklich nur so - über Nacht - zusammengekommen? Dass keine Anstrengungen und Aufregungen nöthig waren? Keine Calcüls, keine - Opfer?
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Marie
(schrickt mit einem scheuen Blick über die, sie umgebende Pracht plötzlich in sich zusammen).
Nein...das könnt ich doch zuletzt glaubn...
Liebmann
(stutzt, fährt sich ein paarmal verlegen durch die Haare, und tritt dann an das Erkerfenster. Mit abgewandtem Antlitz und der Hast des Unbehagens).
Ich wollt nur sagen...es genügt nicht, dass man da und dort Etwas besitzt, womit sich einige hundert Hände beschäftigen! Das ist wohl die gewöhnliche Form der Arbeit, aber auch ihre bedeutungsloseste! Ich selbst muss dabei betheiligt sein! Der ganze Mensch, mit meinem besten Wollen und Können! Und so seinfühlig muss ich sein für Alles, was meine Interessen berührt, wie eine Spinne in ihrem Netz! Du magst dran tippen, wo du willst, sie wird gleich wissen, ob sie Etwas zu erwarten hat, oder woher ihr Etwas droht! Das macht freilich nervös und ruhlos - aber - (achselzuckend) - nur so entsteht die Blüte der Arbeit, der Reichthum!
Marie
(die, das Haupt auf die Rechte gestützt, wie in tiefen Gedanken dagesessen, unwillkürlich laut).
Ja - ja!
Liebmann
(mit rascher Wendung nach ihr hin).
Wie meinst du?
Marie
(fährt wie erwachend auf).
Ich?
Liebmann.
Ja, an was dachtest du denn?
Marie.
Weiss Gott...aber - (indem sie sich mit der Hand langsam über Stirn und Augen fährt) - ich glaub gar, an die grosse Kreuzspinnerin, zwischen unserm Spalier daheim!
Liebmann.
So, so...na, dann weisst du ja, wie ichs gemeint!
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Marie
(beginnt mit der Häckelnadel ein Muster auszuzählen).
O - nit deshalb...! Es war nur so seltsam...Alles ringsum: die Hecken, die Grashalm, selbst das Netz war immer ganz schwarz und russig vom Kohlenstand...aber die grosse Spinnerin nie; die ist ganz rund und sauber mitten drin gsessen! Wie s das nur angstellt hat? Ich haboft drüber nachdenken müssen!
Liebmann
(hat den Arm um ihren Nacken gelegt, scherzend).
Warst halt schon damals meine kleine, liebe, gescheite Marie! Aber weisst du was Schatz? Ich denke, du hast es jetzt gar nicht mehr nöthig, dich um Kohle und Kohlenstand zu bekümmern! Nicht einmal in Gedanken! Kannst das getrost mir überlassen! Ich will für dich und unsern Bubi lauter Diamanten drans machen, ja?
Marie
(schüttelt langsam den Kopf).
Für mich - Diamanten!!
Liebmann
(zupft sie zärtlich am Ohrläppchen).
Na, was denn! Wenn mein dummes Frauchen die Bontons auch lieber im Etui lässt, als in den Ohren - glaubst du vielleicht, ich weiss nicht mehr, welche Freude du darüber gehabt? Der Kuss allein, den ich dafür bekommen -
Marie.
Ach Fritz, sei mir nit bös - aber das Alles war mir noch so neu damals...Ich hab denkt - (legt die Hand an die Stirne) - ja, wie sag ichs denn gleich? Wenn ich das Alles nur in der Hand hab, oder an mir - (stockend aber fest) - dann - ghörts auch zu mir -
Liebmann.
Nun, etwas nicht?!
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Marie
(mit einem tiefen Athemzug).
Nein! Sei nit bös, Fritz, aber s ish doch so! Wie ein unvernünftigs Kind hab ich die Hand nach all den schönen Sachen gstreckt, und zuletzt doch nur Angst davor kriegt, als hätt ich was Unrechts ‚than, was Fremdes gnommen! Und da drüber komm ich nit weg...das druckt mich -!
Liebmann (ungeduldig).
Na hör einmal!
Marie.
Ich sags ja - du musst Geduld mit mir haben! Es ist ja auch schon besser geworden seit - seit wir den Bubi habn, und ich mein - wenn er nur erst plauschen kann, und "Mutterl" zu mir sagen - (indem sie den Kopf zurücklegt und die Hände im Schooss faltet mit Andacht und überzeugter Innigkeit) - dann wirds vielleicht noch ganz gut!
Liebmann (bitter).
So?! Und einstweilen gehst du im Hause deines Mannes herum, wie im Nächstbesten Hôtel? Na, ich weiss, ich hab gewiss auch meine Fehler, aber den Vorwurf, denk ich, wirst du mir doch nicht machen wollen, dass ich dich nur mit einem einzigen Wort jemals erinnert -
Marie (rasch).
Nein Fritz - gwiss nit! Und wenn, so doch nit absichtlich! s ist in mir selbst; ich kann halt nit recht heimisch werdn...Und die vielen schönen Sachen um mich ... mein Gott, sie gfalln mir ja, aber sie thun mir auch weh! Sie lassen michs spüren, dass ich da nur so - so reingweht bin... s ist, als wenn ich auf dem Klavier dort spieln wollt: grad nur angrührt hab ichs einmal, und wie ein Schrei ists rausgfahren! Und so ists auch mit dem, was du oft redst: kein Gedanken hast an was Böses, und doch spür ich jeds Wort wie ein hartes Bett...Und dann...(sie stockt plötzlich und gräbt die Zähne in die Lippe).
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Liebmann
(nimmt sie in dei Armen, gerührt).
Was "dann"? Sags nur Schatz, vielleicht wird dir leichter -
Marie
(hat das Kaupt an seine Schulter gelehnt, leise schluchzend).
Ja...dann kommts oft so fremd, so grauslich über mich...so, als wenn doch nur du schuld waärst, dass mir das älles so weh thut - und dann ist mir, als müsst ich dir etwas recht, recht - Hartes - sagn...
Liebmann
(streicht ihr die Haare aus der Stirne, scherzend).
Wie jetzt - was?
Marie (schüchtern).
Bist mir - bös?
Liebmann
(mit einem langen Kuss, überlegen).
Kind! (hat seinen Arm in ihren geschoben und führt sie über die Erkertreppe in den Saal hinab; im selben Augenblick, durch die Thüre links, ein Diener.) Was gibts?
Diener
(der auf silberner Tasse eine Karte überreicht).
Herr Direktor Baselli lässt bitten -
Liebmann
Baselli -? Jetzt?! Ja, der kommt mir ja wie gerufen! Wartet er im Comptoir unten?
Diener.
Nein, bitte, der Herr Direktor sind gleich heraufgekommen!
Liebmann. (stutzt).
So -?! Na, dann lassen Sie ihn auch gleich hier eintreten...du erlaubst doch, Marie?
Marie
(mit aufleuchtendem Blick).
O - ich freu mich!
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Diener
(die Thür öffnend).
Bitte! (ab.)
(Baselli, ein hoher, schlanker Fünfziger, ist rasch und mit einer gewissen Entschlossenheit eingetreten. Er ist noch im Reiseanzug und trägt in der Linken eine schmale, längliche Ledermappe mit Schriftstücken. Gewinnende Erscheinung, mit seinem italienischen Profil schwarzem, kurzgeschnittenen, um das Kinn ausrasirten Backenbart, und leicht ergrautem, seitwärts in die Schläfen gestrichenen Haupthaar. Vor den Augen goldene Brillen, die er, wenn er lebhafter wird, oder ihn Etwas in Erstaunen setzt, erregt in die Höhe schiebt. Seine Stimme hat einen sonoren Klang, der Blick der kurzsichtigen Augen ist durchdringend und festhaltend. Der warme, echte Ton des Mannes, der mit seiner ganzen Persönlichkeit für das eintritt, was er als recht erkannt hat, macht seine Rede unerschrocken und lebendig. Marie ist ihm gleich bei seinem Eintritt lebhaft und mit unverhohlener Freude entgegengeschritten, Liebmann einen Schritt weiter zurückgetreten.)
Baselli (unmittelbar).
O - Gnädigefrau! Wie ich mich freue! Und so gar nicht verändert haben Sie sich...noch immer das liebe Lachen um die Lippen, ja, das schon die kleine Marie so hübsch gemacht...aber...(indem er ihre Hand küsst) Da hab ich mich wieder einmal gründlich vergessen, vor lauter Freude, ja...freilich wenn man Jemand von kleinauf kennt! (Indem er Liebmann die Hand reicht.) Ich muss auch für meine Reisetoilette um Entschuldigung bitten, Herr Liebmann, aber - (die Brille rückend) - die Sache hatte eben Eile, ja...
Liebmann.
Dann müssen sie hier umsomehr zu Ruhe kommen! Bitte Platz zu nehmen...hierher vielleicht? (Er deutet auf ein Fantenil rechts vom Sopha und lässt sich zugleich nachlässig auf das Streckfantenil fallen.)
Marie
(angeregt, wie Jemand, der Nachrichten erwartet, um die er sich nicht selbst zu fragen traut.)
Und daheim...? Bei Ihnen ist doch Alles gesund, Herr Direktor!?
Baselli.
Gott seis gedankt, ja! Meine Jüngste - (lächelnd) - fängt gerade zu plauschen an, und wenn ich ihr Andienz geben wollte, brächt ich sie den ganzen Tag nicht mehr von den Knien herunter...!
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Marie.
Wundert mich gar nit! Sind Ihnen ja die fremden Kinder auch alle zuglaufen, daneim! Und wir erst! Weil S gar so gut warn, und für Jeds ein liebs Wort ghabt habn!
Baselli.
So ein alter Papa halt...ja, ja!
Liebmann.
So setz dich doch, Marie!
Marie
(nimmt auf dem Sopha Platz).
Mein Gott, man vergisst doch auf Alles, wenn...(mit gewaltsamen Ansatz) Ich weiss halt so gar nichts von daheim!
Baselli
(hat, sich vornüberneigend, ihre Hand ergriffen, die er lebhaft schüttelt).
Gnädigefrau dürfen vollkommen beruhigt sein - mein Wort darauf! Das Annerl war wohl etwas leidend, hm - während des Winters - aber jetzt - Alles wieder wohlauf!
Marie (wie befreit).
Das ist doch Etwas! Da wirds Einem dann nit gar so schwer, sich an dem zu freun, was man selbst hat!
Liebmann.
Das kannst du jederzeit ruhig, mein Kind! Ich hatte immer, auch für deine Familie, nur das Beste im Sinn - aber - (achselzuckend) der Starrsinn deines Grossvaters ist eben nicht zu brechen! Der hat sein Vergnügen daran, auch meine besten Absichten zu vereiteln! Nun, wir werden ja gleich hören... (zu Baselli) Haben Sie Herrn Gruber meinen Antrag wiederholt?
Baselli
(rückt die Brille, unbehaglich).
Ja, aber...mein Gott! Endlich und schliesslich...(mit einem gewaltsamen Ruck beider Arme, als würfe er Etwas von sich) - es war ja doch vorauszusehen!
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Liebmann.
Dass er wieder ablehnen werde?
Baselli.
Ja!
Liebmann.
Nun, Sie scheinen ihn sehr gut zu kennen, Herr Direktor!
Baselli
(mit einem Blick auf Marie, welche, die Hände kramphaft ineinandergeschlungen, regungslos dasitzt.)
Natürlich! Herr Gruber hat unter mir allein fast zwanzig Jahre gedient, und war jederzeit einer meiner verlässlichsten Arbeiter! (Warm.) Dass Zeugnis muss ihm Jeder ausstellen—es ist eben die Wahrheit, nicht mehr! Wenn man aber Jemanden eine solange Zeit durch, Tag um Tag mit der gleichen Gewissenhaftigkeit in einem Joch gehn sieht, das doch wahrhaftig kein leichtes ist—
Liebmann
(hat die Hand auf den Arm Bassellis gelegt, zurückweisend).
Sie schweifen zu weit ab, lieer Baselli! Ich meinte nicht den Arbeiter, sondern den Menschen Gruber. -
Baselli (unwillkürlich).
Ich ja auch!
Liebmann
(indem er sich in seinem Fautenil zurücklehnt, schroff).
So!!
Baselli
(mit einem Versuch, sich zu verbessern).
Das heisst—ich wollte sagen...(bricht, wie unwillig über sich selbst, plötzlich ab; mit derselben, gleichsam befreienden Armbewegung, wie früher) Mein Gott, es gibt eben Conflicte, deren letzte Instanz nie die Vernunft, sondern immer die Empfindung sein wird!
Liebmann (schneidend).
Meinen Sie? Nun, ich weiss nicht, wo Sie, lieber Baselli, die Grenzen Ihrer Verpflichtungen abstecken, - die meinen haben hier entschieden ein Ende erreicht! Solche Erwägungen überlass ich den Arbeiterbildungsvereinen und den Romanciers! Meine Frau aber muss nun natürlich Alles erfahren! Es handelt sich nämlich um einen Antrag, den ich dem alten Grub - den ich deinem Grossvater durch Herrn Baselli stellen liess - deine kleine Schwester -
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Baselli (rasch einfallend).
Wenn Herr Liebmann vielleicht doch die Sache auf sich beruhen liessen? Es ist noch nicht so lange her, dass die Gnädigefrau selbst sehr leidend war...und die Kleine - wie gesagt - hm...(indem er seiner Brille einen energischen Ruck gibt) - Der Kleinen geht es ja wieder entschieden besser!
Marie (begreift, erschüttert).
Mein Annerl...mein liebs...kleins! Also so ists gstanden? Und das hast mir verschweigen können, Fritz?
Liebmann.
Du hörst ja, sie ist wieder wohlauf...ganz wohlauf...Und damals, unmittelbar nach Fritzchens Geburt, konnt ich dir doch nicht auch damit kommen! (mit ärgerlicher Kopfbewegung) Überhaupt...
Marie
(hat den Arm des Direktors ergriffen).
Also sie ist gsund...ganz gsund? Von Ihnen möckt ichs wissen, Herr von Baselli!
Baselli.
Wenigstens auf dem Weg der Genesung! Und so weit, dass der Arzt alle Hoffnung gibt. Das hat mir Ihr Grossvater persönlich gesagt!
Marie (gequält).
Ja aber - der Grossvatter?! Was ist denn mit ihm? Was hat er wieder - -
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Liebmann.
Das ists eben, was ich sagen wollte, Kind! Als ich von der Krankheit deiner Schwester hörte, dacht ich gleich an die dumpfe, ungesunde Wohnung dort -
Marie (gepresst).
Ungsund - ja, das ists! Und feucht - besonders im Frühling, wenns Grundwasser aufsteigt...
Liebmann.
Nicht wahr?
Marie
(indem sie seine Hand ergreift)
Also hast dran denkt? Das war lieb von dir!
Liebmann.
Mein Gott, schon zum zweitenmal! Und deshalb liess ich deinem Grossvater eine schöne Wohnung im gewerkschaftlichen Hause selbst anbieten, mit Holzdeputat und Licht - aber...(zum Direktor) - Nun, Sie können ihr ja seine Antwort sagen, Herr Baselli!
Baselli.
Seine...ja...hm! Der Herr Grossvater meinte also, was ihm von rechtswegen zukäme, hätte er, und Wohlthaten nehme er nicht an!
Liebmann
(mit einem bitteren Lachen).
Nun also, sag selbst - -!
Marie
(lässt seine Hand aus der ihren gleiten; mit einem grossen, fremden Blick über ihre ganze Umgebung, kopfschüttelnd).
Und ich - bin da!
(pause; der Direktor hat, wie um einen peinlichen Eindruck zu verwischen, seine Mappe ergriffen, und einzelne Schriftstücke herausgenommen und auf den Tisch gelegt.)
Liebmann
(der seine regungslos dasitzende Frau eine ganze Weile finster betrachtet, springt plötzlich auf; mit gewaltsam hervorbrechendem, nervösem Ungestüm).
Aber ich werde diesem Trotz endlich den rechten Namen geben: Bosheit ists, ja, und weiter nichts! Die brechnende,
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insame Bosheit eines, durch den Socialismus corrumpirten Arbeiters! (Auf eine Bewegung Basellis.) Sie sagen mir nichts - gar nichts, mein lieber Baselli! Ich bin sehr wohl unterrichtet, über alle Vorgänge dort, auch - ohne Sie! Was er durch seine Bosheiten erreichen will? Das wär doch leicht zu durchschaun, dächt ich! - Die Arbeiter mir noch gehässiger, noch abgeneigter machen, als dies ohnehin der Fall ist! Denn die werden nicht von meinen guten Absichten sprechen...die sehn nur die Missachtung, mit der der Grossvater meiner einenen Frau mir begegnet, und ziehn daraus ihre Schlüsse, auch für ihr eigenes Vorgenen! Ich will ja gar nicht leugnen, dass er in unseren Diensten einen grossen - (mit einem Blick nach seiner Frau) - einen - einen unersetzlichen Verlust erlitten! Aber solche Unglücksfälle sind beim Bergbau leider Gottes keine Seltenheit! Wiederholen sich jedes Jahr - da oder dort - und werden, so traurig es ist, endlich doch wieder vergessen... Der aber lässt seinen armen Toten gar nicht zur Ruhe kommen! Der möchte ihn am liebsten ausgraben und sich dazustellen, und jedem Vorübergehenden sagen: ”So ists gekommen, und die Liebmanns haben die Schuld! - Es ist ja nicht unmöglich, dass mein verstorbener Vater damals etwas - etwas allzuscharf dreingegangen! Aber ist das meine Schuld? Soll ich das immer und immer wieder entgelten?
Marie(vor sich hin).
Gott - Gott...!
Liebmann.
Ja, es thut mir gewiss sehr leid, mein liebes Kind - aber das Alles musste einmal zur Aussprache kommen...so oder so! Wenn ich immer nur schwiege...und den Alten - und deinen Grossvater seine Märtyrerrolle weiterspielen liesse...wer weiss, was dir selbst vielleicht noch zuletz für Gedanken kämen... Und das ists! Das will er - der...!! Mir das Feuer auch unter das eigene Dach legen! Er kanns ja
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...er steht mir ja, leider Gottes, nahe! Und da denkt er denn - (faustschüttelnd) - wart, Kapitalist, nun sollst du uns spüren! (Lässt die Faust niederfallen.) Und ich spür ihn! (Beginnt mit grossen Schritten im Zimmer auf- und abzueilen.)
Baselli
(inden er sich an Marie wendet, die mit weit geöffneten Augen starr vor sich hinblickt, gedämpft und bewegt).
Ich weiss nicht...aber wenn gnädige Frau meinen - ich könnte ja später noch einmal kommen! Meine Sache hat wohl Eile, ja...aber wie die Dinge sich nun einmal gewendet - (mit warmer Herzlichkeit und einem Blick tiefster Theilnahme). - Wenn ich nur einen Ausweg sähe! Sie wissen nicht, wie gern ich Ihnen helfen möchte!
Marie (tonlos).
Das - kann Niemand mehr, Herr von Baselli! Nit einmal unser Herrgott, denn wider dem sein Willn - (sie schauert zusammen) - hab ichs ja than! (Mit einem fremden Blick um sich.) Ich habs schon lang gspürt - o ja - trotz Allem! Aber seit heute - seit heute - (legt die Stirn in die aufgestützte Rechte, vor sich hinnickend) - weiss ichs!
Liebmann
(ist, vom anderen Ende des Zimmers her, wieder an den Tisch geschritten, wo er, in den Papieren Basellis herumwühlend, stehen bleibt.)
Sie haben hier Berrechnungen, wie ich sehe - und die Lieferscheine...(indem er sein Fautenil heranrückt und wieder Platz nimmt) Auch gut! Gehn wir zum Geschäftlichen über, das gibt Ruhe! (Da seine Frau mit einem eingenthümlichen Blick nach ihm den Kopf hebt.) Wenigstens in diesem Augenblick...Vor Allem aber - (indem er die Papiere wieder zur Seite schiebt, mit einem suchenden Blick über den Tisch und die nächst Umgebung) - Wo ist denn jetzt nur-
Baselli.
Was suchen Herr Liebmann?
Liebmann
(der mit nervöser Hast noch immer die Papiere durcheinanderschiebt).
Die heutige Zeitung...(interessiert) - so hilf mir doch, Marie!
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Marie.
Ja - ich weiss wirklich nit...vielleicht liegt sie im Erker; ich will schauen! (Erhebt sich.)
Liebmann (ärgerlich)
Im Erker! Was dir nicht einfällt! Hier sah ich sie ja noch, als wir Platz nahmen, - zusamengefaltet, wie ich sie aus der Hand gelegt! (Indem er eine auffallend lange, und dicht beschriebene Liste zurückschiebt, und die Zeitung darunter hervorziegt.) - Nun, hab ich Recht?
Marie (herb)
O -! Man möcht glauben, du hättst auch keinen Augenblick deine Ruh verloren!
Liebmann
(hat das Blatt bereits entfaltet, eifrig).
Also, lieber Baselli, sehn Sie einmal...diese Lieferung, die da ausgeschrieben ist...colossal, wie? Und weder Ostrau noch Kladno können in Concurrenz treten...(auf das Blatt klopfend) Um die bewerben wir uns aber gleich!
Baselli
(hat das Blatt genommen; nach einem flüchtigen Blick).
Ja - in der That, die wäre lohnend - (legt die Zeitung auf den Tisch zurück).
Liebmann (lebhaft).
Wäre? Wird, sag ich Ihnen! Die haben wir schon, und nur wir!
Baselli.
Nein, Herr Liebmann, leider! Und selbst wenn wir sie auf dem Papier stehn hätten...darum bin ich ja da -
Liebmann (konsternirt).
Darum...? Ich versteh nicht -
Baselli.
Wenn Herr Liebmann erlauben wollten - (indem er unter der Zeitung dasselbe lang und schmal zusammengefaltete Bogenconvolut hervorziegt, welches dieselbe früher verdeckt) Ja - hier -! (Reicht Liebmann den Bogen.)
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Liebmann.
Was ists damit?
Baselli.
Die Namensliste der Belegschaft - -
Liebmann.
Gut, gut...wenn es Ihnen vielleicht an den nöthigen Leuten fehlt, dann -
Baselli (fest).
An allen, Herr Liebmann, ...sowie der Befehl zur Anfahrt in die Josephsgrube ergeht!
Liebmann (aufspringend).
Was - wollen Sie damit sagen?
Baselli (achselzuckend).
Das nicht einmal die zuletzt abgeschlossene Lieferung effectuirt werden kann, weil der grösste und tüchtigste Theil der Knappschaft die Anfahrt in die Josephsgrube verweigert! Und was den Rest betrifft -
Liebmann (heiser).
Namen! Die Namen will ich wissen!
Baselli
(ist gleichfalls aufgestanden; indem er hinter Liebmann tritt, und mit dem linken Zeigefinger den Bogen entlang fährt, den Jener mit erregt zitternden Händer festhält).
Ich habe mir erlaubt, das Zahlenverhältnis in der Liste selbst kenntlich zu machen! Auf die, welche ich mit einem Sternchen bezeichnet, können wir - vielleicht - noch rechnen; das sind die Schwankenden...
Liebmann
(der in fiebernder Hast Blatt um Blatt wendet).
Und die machen -? Beiläufig -?!
Baselli.
Kaum zweit Zehntel der Belegschaft, und - unsre Ältesten!
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Liebmann
(schleudert die Liste auf den Tisch).
Lächerlich! (Nach einer Pause bitter.) Das wäre also -
Baselli (entschieden).
Der Ausstand - ja!
Liebmann.
Und gerade jetzt! Jetzt - ah! (aufstampfend.) Canaillen!
(Pause.)
Marie
(die ihn während der ganzen Scene mit Baselli nicht aus den Augen gelassen, plötzlich mit schneidender, gleichsam fremder Stimme).
Kennst du die Josephsgrubn, Fritz?
Liebmann (ärgerlich)
Aber, ich bitte dich...!
Marie.
Ich mein nur...sie ghört ja dir - hat immer auch ghört; und um das, was sein Eigenthum ist, schaut man sich doch um sonst -
Liebmann (kurz)
Was willst du damit sagen?
Marie.
Ich wollt dich fragen, ob du nur einmal, ob du nur ein einzigs Viertelstünderl in der Josephsgruben garbeitt hast?
Liebmann.
Das fehlte gerade noch, wahrhaftig! So ein socialistischer Picknick zwischen Kapital und Arbeit - unter der Erde - das reine goldene Zeitalter! Nein, meine Liebe, thut mir leid,...aber dafür hab ich eben die Leute, die ich bezahle, -ja!
Marie.
Ganz recht! Aber du kannst sie doch immer nur für ihre Arbeit bezahlen -
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Liebmann (hämisch).
Natürlich nicht für ihre Liebe - weiss Gott! Um das Brot, das man denen gibt, kauft man sich ja heitzutage nur den Hass -
Marie
(hebt das Haupt; indem sie ihm lang und fest ins Auge blickt).
Ja! Und weisst warum? Weil nix so bitter schmeckt, als das Stückerl Brot, das immer nur der Verdienst "runterschneidt, nie die Lieb! Bei mir daheim ists lang "gessen worden, drum weiss ichs!
Liebmann
(hat die Hände auf dem Rücken verschränkt; mit ruhelosem Spiel der Finger und nervösem Auftippen der rechten Fussspitze.)
Es scheint - es scheint! Wenigstens hast du dich auch für mein Haus damit verproviantirt!
Marie (ruhig).
Was ich gsagt hab, war nit bös gmeint - und dass dus anders spürst, als ich wolln hab, ist nit meine Schuld -
Liebmann.
Wahrscheinlich die meine!
Marie
(die seinen Blick unerschrocken erwidert).
Das - muss dir dein Gwissen sagen! Und weil ich dich in deine guten Stundn gsehn hab, und weiss, dass d ein Herz hast, drum sag ich dir: in d Josephsgrubn, wie s jetzt sind, darfst keine Seel commandiren! Und du zuletzt! Du, der nit einmal wüsst, wohin er die Leut schick!
Liebmann (verbissen).
Natürlich nur in den Tod, wie? Der echte Kapitalist, Construction Gruber!
Marie.
Lass den alten Mann aus dem Spiel...s ist nit gut, an den Liborischacht zu denken, wenn von der Josephsgruben gredt wird! Und falls er auch dächt oder gsagt hätt, was du meinst - diesmal wär er im Recht! Was weisst denn du von der Josephsgrubn? Du siegst ja dein Eigethum (mit der Geberde des Geldzählens) - immer nur von der Seitn, wos die Sonn aufscheint! Ist dir aber die andre zu finster, dann muss sie den armen Teufeln, die nichts dort zu riechen kriegen als ihren Schweiss und ein Stückel sauers Brot, dreimal zu schwarz sein, ums Leben dafür zu lassen!
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Liebmann.
Dein Grossvater hat dich nicht schlecht unterrichtet - aber das, - wollen wir für später lassen...Vorerst möcht ich dich nur bitten, mir die Gefahren zu nennen, durch welche sich die Josephsgrube so ganz besonders auszeichnen soll! Denn so viel ich weiss, gab es während der ganzen Zeit ihres Betriebes auch nicht ein Malheur!
Marie.
Ja muss es denn immer so weit kommen? Ich kann dir ja auch nit mehr sagen, als die sechshundert Häuer, die ihr Gezäh niederlegen und nit anfahrn wollen!
Liebmann.
Gut! (Indem er sich an Baselli wendet). Dann ersuch ich Sie, lieber Baselli, um Ihr Urtheil darüber! Aber - bitte nicht zu vergessen - ihr fachmännisches Urtheil! (Lässt sich wieder in seinen Lehnstuhl fallen, ungeduldig) Also - bitte! Ohne alle Umschweise! Die Gründe!!
Baselli.
Die wurden ja, so viel ich weiss, Herrn Liebmann bereits von anderer Seite intimirt!
Liebmann.
Gewiss! Herr Ingenieur Voltz hat in seinem Brief auch darauf Bezug genommen! Natürlich nur nebenbei! Denn auch der humanste Fachmann wird sich doch nie dazu hergeben, ein altes Weibergeschwätz wissenschaftlich zu beleuchten! Geschweige denn, als berechtigten Grund für einen Strike gelten zu lassen! Weil wir jetzt aber trotz alledem vor diesem Resultat stehn, muss ich doch annehmen, dass sich inzwischen irgend etwas Anderes ereignet -? Seis was es sei - aber doch Etwas, das der Weigerung der Leute einen vernünftigen Grund an die Hand gibt!
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Baselli
(mit einem energischen Ruck an der Brille und streng aufleuchtendem Blick).
Nein, Herr Liebmann! Denn dieses - "Andre” - wollen ja die leute durch ihren Ausstand eben verhindern!
Liebmann (barsch)
Dass die Gespenster singen, und die Berge über den Haufen fallen - oder was? Ich habe Sie um ihr Urtheil als Fachmann gebeten, vergessen Sie nicht!
Baselli (mit Nachruck).
Gewiss! Und als solcher trau ich mir sehr wohl auch das Gerede, das wie ein Altweibergeschwätz der Furcht aussieht, auf eine - eine Formel zu bringen, ja! Das Volk erlebt gewiss weniger mit dem Intellect, als mit seinem Instinkt! Der aber ist immer gesund, der erhält es, wie das Thier, in beständiger, feinster Witterung mit der Natur, gegen die es, soweit es arbeiten muss, auszieht - tagtäglich - im Kampf um sein Stückchen Brot! Und weil das, in unserem Betriebe, ein Kampf ist, dem Generationen zum Opfer gefallen - ein Kampf mit der grausamsten, unberechenbarsten Feindin - sozusagen in ihrem eigenen Schooss - deshalb bekommen diese Leute mit der Zeit eine so seine Witterung für alle Listen und Tücken ihrer Feindin, ja! Deshalb schwört der Bergmann auf das, was er ein "Wetterzeichen” nennt! Deshalb gilt ihm irgend ein Geräusch und das Flackern seiner Lampe mehr, als die tadelloseste Function des besten Ventilators und Regulators! Das Blut, die Angst dieser Armen, die beständig auf dem "Habt-Acht” -Standpunkt der Todesgefahr stehn, sind Instrumente so lebediger und
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empfindlicher Art, dass kein wissenschaftlicher Apparat dagegen aufkommt!
Liebmann (gereizt und verächtlich).
Das ist eine Vorlesung, aber kein Urtheil!
Baselli (energisch).
Sie entschuldigen, Herr Liebmann, das ist mehr als beides - es ist eine Erfahrung - ja!
Liebmann.
Ihre Erfahrung?
Baselli.
Meine und die der Leute! Ob sie diese Empfindungen dann in abergläubische Vorstellungen kleiden, und mit den Sinnen gestalten, was sie durch die Sinne empfangen - das bleibt schliesslich schon Alles eins! Genug, dass es eine Erfahrung ist, die sie mit ihrem Blut bezahlen müssen!
Liebmann
(erhebt sich; mit mühsamer Beherrschung, stossweise).
Schon recht...ich - dank Ihnen! Ich - wollte nur noch Sie - ja Sie hören, um zu wissen, wie gut ich auch in dieser Beziehung - versorgt bin! Mit welchem Zug fahren Sie zurück?
Baselli.
Mit dem nächsten! Aber -
Liebmann.
Und der geht?
Baselli.
Um acht Uhr Abends!
Liebmann
(hat seine Uhr gezogen).
Also in - in einer Stunde! Gut! Ich werde mit Ihnen fahren! (Mit einem Blick auf seine Frau.) Habe nur Einiges noch zu ordnen hier! Wenn Sie Ihre Rechnungen enstweilen unten abgeben wollen - ich komme gleich nach!
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Baselli. (ruhig).
Wie Sie wünschen! (Bringt seine Mappe in Ordnung, worauf er, mit einer tiefen Verbeugung, vor Marie tritt.) Gnädige Frau!
Marie (athmet tief auf).
Ich - ich - dank Ihnen, Herr von Baselli!
(Baselli nach rechts ab. Marie macht, as ihrem Manne vorübergehend, einige Schritte nach der Thüre links).
Liebmann
(tritt ihr in den Weg).
Wohin willst du?
Marie.
Schaun, dass deine Sachen gepackt sind, wenn du fort musst!
Liebmann.
Das hat keine Eile, die können mir auch nachgeschickt werdn, wenn ich länger bleiben sollte...(hart) Übrigens hoff ich bald fertig zu werden!
Marie
(mit einem Blick an ihm hinunter).
So...!? (Wieder vorwärts gehend.)...Und dann möcht ich auch nach dem Kind schaun -
Liebmann (ausbrechend).
Wirklich? Ah, bemüh dich doch nicht mehr, bitte...das Kind eines solchen Leuteschinders, wie ich es bin! Selbst ein künftiger Kapitalist...das muss einer Gruber doch gründlich zuwider sein! Derselben Gruber, die meinem Untergebenen - nota bene in meiner Gegenwart - soeben für die Beleidigungen gedankt, die er mir ins Gesicht geschleudert -
Marie.
Beleidigungen? Die reine Wahrheit war jeds Wort, das er gsagt hat! Nit mehr - nit weniger...
Liebmann
(hat ihren Arm gepackt).
Wirklich? Und das ist deine Meinung? Noch immer?
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Marie
(die seinem Blick fest und unerschrocken Stand hält).
Ja! Denn das spür ich - bis in das Herz, unter dem dein Kind glegen ist!
Liebmann
Und für die Beleidigung, die du mir selbst zugefügt, für die hast du gar keine Empfindung übrig? Du lebst also wirklich wie eine Fremde in meinem Haus - was sag ich, wie eine Feindin? Konntest hier aus- und eingehn - die ganze Zeit - mit mir leben - die Mutter meines Kindes werden - und hast doch immer diese heimlichen, gehässigen Gedanken mit dir herumgetragen --? (Indem er sie am Arm hin- und herschüttelt.) Du...Du?!
Marie
(entringt sich ihm und richtet sich hoch auf).
Lass mich...lass mich! Du darfst nit glaubn dass d auch an mir Alles - "kauft hast!
Liebmann
(ist zwei Schritte zurückgetreten, langsam).
Nein...in der That - ich sehs...! (Während er sie höhnisch misst.) Die Grubers - die verkaufen höchstens - sich - ihren Hass, den behalten sie!
Marie.
Wenn du damit sagn willst, dass ich deinem Geld nachglaufen bin, dann schäm dich! Der Stein liegt auf der Strassn, für jedn armen Teufel! Meine eigenen Leut habn mir ihn nachgworfen...aber ich hab halt denkt: "In Gottes Namen -" und hab nit weiter darauf gachtt! Glaubst - der Weg zu dir war so leicht? Wär er nur über dein Geld "gangen, ich hätt mein toten Vatter daneben gsehn, und wär schon am Anfang stehn "bliebn! Um bis daher zu kommen, und das anzuhören, was du mir jetzt gsagt hast, - dazu hat mir die Lieb die Augen verbindn müssen!
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Liebmann (auf- und abgehend).
Nun, ich muss sagen...dann hast du merkwürdig rasch wieder sehen gelernt! Eine Frau, die ihren Mann liebt, die theilt doch auch seine Interessen - sonst! Die fühlt sich Eins mit ihm! Du hast aber, seit du über meine Schwelle getreten, noch keinen Augenblick vergessen, woher du gekommen!
Marie (dumpf).
Ich hab mich redlich gmüht - weiss Gott! (Stockend.) Und - und glaubst, es hat mir nit g schmeichelt, dass dasselbe Geld, das uns daheim immer dedruckt und gmartert hat, auf einmal - (die Hände faltend) - so vor mir gstanden ist? Man müsst kein armer Teufel sein, und nie gspürt habn, wie stark s Geld ist, wenn Einem das nit wohlthun sollt...Aber dann! (Sie krampft die Hände ineinander mit einem verzweifelten Blick um sich.) Mein Gott...Ich kann doch nit Alles auf einmal von mir werfen, wie ein Gwand! Das hat man erlebt...das hat Einem das Herz schwer gmacht, so viele Jahr—
Liebmann
(bleibt vor ihr stehen).
Natürlich...und darum lässt man es gerade denjenigen entgelten, der (mit den Fingern schnippend) - auch nicht so viel dazu beigetragen!
Marie.
Dich? Nein Fritz...so weh als d mir auch than hast, heut - da ist Gott mein Zeuge! Du darfst nur nit zu viel verlangen von mir!
Liebmann.
Das heisst - so beiläufig - ich soll Socialist werden, wie dein Grossvater, nicht? Mein Recht an den Nagel hängen, und dem alten Gruber meine Leichenrede überlassen?
Marie.
Der alte Mann hat nie nach einem Namen gsucht für das, was er ist! Dazu hat er viel zu wenig Zeit ghabt...aber
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das, was ihm anthan wordn ist, das kann ihm freilich selbst unser Herrgott nit von der Seel wischen - und darum braucht er kein Namen dafür...
Liebmann.
Was also sind sonst deine - deine Wünsche?
Marie.
Das brauchst nit so höhnisch zu sagen! Ich kann ja nix dafür, dass mir s Geld noch weh thut, wenns auch jetzt - mir ghört! Wenn ich nit wüsst, wohers kommt...wenn ich die Plag nit gsehn hätt, und das Elend der Leut, und ihre Angst, die Tag für Tag beim Tod um das Stückerl Brot bettelt! Wenn ich - (aufschreiend) mein Vatter vergessen könnt - und wie er daglegen ist!
Liebmann (wütend)
Siehst du - siehst du...wie auch du jeden Stein aufhebst von diesem Weg, und mir nicht eine Bitterkeit schenkst! (Beginnt wieder auf- und abzueilen.)
Marie (tonlos).
Sie liegn für uns Alle zwei da - die Stein - und unser Herrgott selbst zwingt uns, sie aufzuheben...(mit weitem starren Blick vor sich hin) Seit heute - weiss ichs ...aber - (bitter) - ich habs ja so wolln!
Liebmann (zwischen den Zähnen).
Immer besser...immer - besser!
Marie (wie vor sich hin).
Und drum werd ichs auch ertragen können!
Liebmann
(mit einem bitteren Lachen).
Ja...nicht wahr? Denn du - du bist ja im Vorhinein überzeugt, dass ichs an Zumutungen dieser Art nicht fehlen lassen werde!
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Marie.
Das nit Fritz, - weiss Gott! Aber...schau...(mit angst und schmerzdurchschüttelter Stimme) Mein Gott - ich - ich kann halt nit drin sitzen, in dem grossen Netz, -- von dem du früher gsprochen hast - und ruhig zuschaun, wie die Fäden angezogen werden, wenn sich was Lebendigs drin verfangt...(händeringend) Ich - kann nit...ich kann nit...s ist ja mein Vatter auch einmal - drin gwesn!
Liebmann
(ist rasch und heftig auf sie zugetreten, heifer).
Was - meinst du - damit?
Marie (leise aber fest).
Die Josephsgrubn!
Liebmann.
Ich hätte nicht zu fragen brauchen - aber ich wollt es nur hören...von meinem eigenen Weib hören, dass es mich für einen - einen Mörder hält, ja! Es könnten mir zwar - (mit einem unschönen, hämischen Lächeln) - noch allerhand andre Gedanken auch kommen, über eine so plötzlich erwachte, so empfindliche Gewissenhaftigkeit...denn selbst wenn Etwas geschähe, von deinen Angehörigen muss ja keines mehr hinunter! Ich könnte also annehmen, dass dir noch um Jemand Anderen bangt - um Jemand, der dir vielleicht lieber ist, als wir Alle miteinander -
Marie (hochaufgerichtet).
Fritz - versündig dich nit!
Liebmann (mit Genugthuung).
Siehst du, wie rasch wir uns verstehn? Aber ich will keinen Namen genannt haben! Du sollst ihn, wenn er in deinen Gedanken lebt, auch da drin behalten - ganz allein! Nur das Eine sag ich dir: hinunter - hinunter muss auch Er, wie Alle Andern! Denn meine Leute, die Leute die ich bezahle, dorthin zu schicken, wo ihr Platz ist, das ist mein Recht! Dafür hab ich sie gedungen - und sie sich dingen lassen! Und von diesem Recht weich ich nicht einen Schritt ab, nein! Weder dem Aberglauben, noch dem Ungehorsam zulieb, oder - (mit einem Blick an ihr hinunter) - oder etwas Schmählicherem!
Marie.
Wenn du damit sagen willst...Gott - Gott!
Liebmann.
Vielleicht die Wahrheit! Du liebst sie ja so!
Marie
(ist ganz dicht an ihn herangetreten.)
Ja! Aber das ist eine, der ich nit auszuweichen brauch - ich nit! Die ghört ganz dir - dir und deinm Geld, das auch an mir am liebsten Alles schmutzig machen möcht!
Liebmann.
Sei ganz beruhigt...dein Geweissen, wenn es das ist - das zum mindesten will ich dir rein erhalten...ganz rein...und meines dazu, ja! Denn wenn sich auch diesmal etwas Lebendiges verfangen sollte in dem Netz - so werd ich mit dabei sein! Nicht um das Netz zusammenzuziehn - verstehst du mich? Nicht als Mörder - sondern mitten drin - in der Josephsgrube - wie die Andern! Und - um zu wissen, wohin ich meine Leute schick!
Marie
Fritz - um Gottes willen - das thust nit...das - nit!
Liebmann.
Ich hab nur deine eigenen Worte wiederholt, und thu ichs, so wars dein Rat! (Der Eiener ist von rechts eingetreten.) - Was wollen Sie?
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Diener.
Bitte, der Herr Direktor lässt sagen, es wär jetzt an der Zeit...wenn der Gnädigeherr aber vielleicht doch später fahren wollten - um zwölf Uhr geht auch noch ein Zug!
Liebmann.
Ich komme sogleich, sagen Sie das dem Direktor! (Diener ab.)
Marie
(da Liebmann hinter dem Diener der Thüre zuelit, ausser sich).
Bei unserm Kind...bei Allem, was dir heilig ist, Fritz!
Liebmann (unter der Thür).
Nur dein - Gewissen! (Eilt, die Thür hart zuwerfend, hinaus)
Marie
(bleibt, die bittend gefalteten Hände an die Lippen pressend, den Blick starr auf die Thüre gerichtet, eine ganze Weile stehen; dann, indem sie die, noch immer gefalteten Hände wie gebrochen herabfallen lässt).
Ja! (Pause; endlich, mit vornübersinkendem Kopf) So hats kommen - müssen! (Die Thüre hinter ihr, links, wird leise geöffnet; auf ihrer Schwelle erscheint, mit lächelndem Antlitz und wichtiger Miene, Agnes, das Kindsmädchen.)
Marie
(die schleppenden Schrittes und ganz in sich verloren einem Stuhl zuwankt, ohne die Eintretende zu bemerken).
So hats kommen - müssen!
Agnes
(die eine Weile unschlüssig auf der Schwelle gestanden, mit gedämpter Stimme, wobei sie die Hand an den Mund legt).
Gnädigefrau - schnell!!
Marie (ist zurückgefahren)
Ja -!?
Agnes
(die Hände zusammenschlagend, wichtig).
Nein, der Bubi...wie lieb der schlaft! Aber schnell, bitt schön, schnell! Sonst dreht ers Köpferl derweil -
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Marie
(indem sie sich langsam abkehrt, gequält).
Ich - mag nicht - jetzt! Ich - kann nit!
Agnes
(stutzt; dann, nähertretend).
Ja um Gottes Willn...der Gnädigen ist ja schlecht! So blass! Und wies die Gnädigefrau schüttelt - am ganzen Leib! Wie damals - nach der Geburt...Soll ich - (hält ein; das Rollen eines fortfahrenden Wagens wird hörbar). Und grad fahrt der Wagen fort mit dem Herrn!
Marie
(mit zweit raschen Schritten gegen das Fenster, händeringend).
Jesus -!
Agnes (ist vorausgelaufen).
Ja - s ist unser Wagn! Dort biegt er ums Eck!
Marie
(hat sich, beide Hände an die Schläfen fressend, bis an das Ruhebett geschleppt, auf das sie, wie gebrochen, hinsinkt).
Alle Berg können nit so schwer sein!
Agnes
(ist vom Fenster herbeigeeilt).
So ists recht, Gnä Frau, ja! Ein bisserl niederlegn! ...aber auch die Füss hinauf -(hilft) - so! Wirds jetzt leichter?
Marie (tonlos).
Ich - glaub...
Agnes.
s war ja damals auch gleich vorüber, nit wahr? (lächelnd) Schad nur, dass den Bubi nit sehn können! Und erst der Gnä Herr! Wie der sich gfreut hätt!
(Pause; dann)
Marie
(das Antlitz mit den Händen verhüllend, langsam).
Wie - schlaft er also - der - Bubi?
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Agnes.
Den Mund hat er ein bisserl verzogen (nachahmend) so! Als wenn ihm was nit recht wär...So ein kleiner, junger Herr halt! Und auf der Stirn - grad überm Raserl - da hat er eine Falten stehn...ich habs noch nie gsehn - erst heut...aber die macht ihn so streng, als wenn er was gefehln wollt...rein zum Lachen ists! Am herzigsten aber ist das Fäusterl, das er macht! Mit der rechten Hand - so! Ich habs aufbringen wolln - keine Möglichkeit! Er hätt mein Finger auch gleich festghalten, der kleine Kerl der! - Und die Ähnlichkeit mit unserm Herrn! Die sit mir noch nie so aufgfallen, wie heut!
Marie (gedrückt).
Ja - ja!
Agnes.
Nit wahr? Grad so ernst...na, dem wirds gut gehn, in der Welt! Der wird sich einmal nix nehmen lassen! Nit so viel...und nachgebn - nachgebn wird er schon gar nit!
Marie
(hat sich mit einem Ruck aufgesetzt; mit weit geöffneten Augen).
Schrecklich -! (Beide Hände an die Schläfen pressend.) Schrecklich...
Agnes (besorgt).
Kommts wieder?
Marie
(hat sich mit geschlossenen Augen wieder zurückgelehnt).
Nein...lass... (Pause; dann gezwungen) Du - du hast die Kinder recht gern, scheints!?
Agnes.
Weil ichs gwohnt bin, ja! Wir warn unser sieben daheim...eins immer kleiner wie s andere...und keine Mutter! Wenn ich an das Gschrei nur denk, den ganzen, lieben Tag...den Lärm! Und bis die sechs gwaschen und
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kämmt warn! Solang der Vatter verdient hat, ists na joch anggangen, und wenigstens Brot war gnug da zum Essen...Aber später dann - wie s ihn heimbracht habn aus der Fabrik - als Krüppel! Und ich für alles Andre auch hab aufkommen müssen! Und doch ist mir nicht Eins von den Sechsen zuviel gwordn...o nein!
Marie
(hat auffahrend, den Arm des Mädchens ergriffen).
Deinen Vatter - haben s auch - so - bracht?!
Agnes.
Wies halt schon geht, in einer Fabrik, Gnädigefrau, und zwischen Reichen und Armen! Aber das hätt nit gschehn müssen - weiss Gott!
Marie.
Nit wahr, Agnes? Nit wahr? Und wenns gschehn ist, man vergissts nit...kanns nit vergessen! So ein Blut - das wascht kein Mensch weg - und doch wirds so leicht vergossen...(Indem sie, die Hände an die Scläfen pressend, mit grossen schritten auf- und abzueilen beginnt.) - Immer wieder...Immer wieder!
Agnes.
Ich hätt vielleicht nit sprechen solln davon...jetzt! Aber weil ich schon angfangen hab...Mein Vatter hat doch auch ein bisserl Schuld dran, dass es soweit kommen ist! Er war Werkmeister dazumal, und soweit ganz zufrieden! Aber wenn er gmeint hat, dass eine neue Maschin nötig wär, oder sonst was - da hats immer erst einen Kampf gsetzt mit dem Herrn - denn der hat Alls besser wissen wolln, und vom Geldhergeben war er schon gar kein Freund! Und harte Köpf haben s Beide ghabt, und den dummen Stolz: der Eine auf sein Recht, und der Andre auf seine Armut!
Marie
(ist vor ihr stehen geblieben, rasch).
Und dann? Wie ists - gschehn?!
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Agnes.
Ja, durch eine neue Maschin halt! Eh s der Herr kauft hat, haben s richtig wieder einen Verdruss ghabt miteinander! Der Vatter ist ganz bleich heimkommen, und wie ich ihn gfragt hab, hat er gmeint: "Von mir aus kann von heut an Alles schief gehn, dort! Ich - sag nit so viel mehr!" - Richtig! Wie s die neue Maschin aufstellen, gleich sieht er, wos fehlt! "Die Transmission greift viel zu tief!" hat er zu mir gsagt. "Aber ich werd mir den Mund nit wieder verbrennen! O nein! Unsereinem macht das nichts...wir habn das gleich weg! Bückn uns halt ein bisserl tiefer beim Durchschlupfn! Aber der Herr...lang wie er ist...und kurzsichtig...der darf nit dort hinkommen! Und wenn er zornig ist, schon gar nit - denn dann vergisst er auf Alls...auch aufs Bücken!"
Marie (athemlos).
Und dann - ists doch dein Vattern gschehn?
Agnes (schaudernd).
Nein, zuerst dem Herrn! Den hats ja ganz zerrissen! Aber der Vatter war grad in der Näh - und wie er das gsehn hat...und sich erinnert, dass er nur zu redn‚ braucht hätt...nur ein Augenblick früher - nur ein kleins arms Wörtl - da hat er Alls auf einmal vergessen, - auch auf sich, und ist selber dreingsprungen! Aber helfen hat er doch nimmer können; s hat nur sein eignen Arm auch noch mitgnommen! Und so wars für alle Zwei zu spät! Und Jeder hat gleich viel Schuld ghabt!
Marie (gedehnt).
Je-der?
Agnes.
Ja, Gnä Frau! s ist mein eigener Vatter - aber was wahr ist, bleibt wahr! Unser Herrgott lasst Viels angehn, rein nur, weils die Menschen so wolln! Was hätts denn mein Vatter kostt, das Wörtl zu sagen? Oder den Andern - nit
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immer so aufzufahrn? Sie warn ja Beide nur Menschen, - keiner mehr als der Andre! Die Gfahr, und s Kreuz, und s Rasse in d Augn, die sind ja für uns Alle da! Aber das wolln die Reichen nit einsehn...und die Armen auch nit...und wenn s selbst ein einzigs Wörtl von dem Alln erlösen könnt! Das Geld, und der Hunger und der Stolz, die habn zu viel aufbaut zwischen ihnen, und so kommen s nie dazu, das Wörtl auszusprechen! Nit einmal im Tod - denn da hört sichs Redn von selbst auf!


Marie
(indem sie den rechten Arm langsam erhebt und die Hand vor die Stirn legt, wie erwachend).
Aber ich - ich kanns ja noch! (Eilt zur Thüre rechts hinaus.)
Agnes (die ihr nacheilt, betroffen).
Gnädigefrau -?!
(Vorhang.)


Dritter Akt

Scene: Die Grubersche Wohnstube aus dem ersten Akt. In dem Bette links, blass, mit eingefallenen Wangen, das gelöste Blondhaar in wirren Strähnen auf den Kissen ausgebreitet, Annerl. Sie ist bis an den Hals zugedeckt, und liegt mit geschlossenen Augen, apathisch, anscheinend schlafend da. Die Fenster sind von Aussen und Innen geschlossen, die Vogelkäfige mit Tüchern verhüllt. In dem Lehnstuhl vor dem Bett der alte Gruber. Er sitzt in sich zusammengekrochen, mit kummervollem Antlitz und auf den Knien gefalteten Händen da, den Blick unverwandt auf die Kleine gerichtet - Später Nachmittag. Eine ganze Weile ist nichts, als der Pendelschlag der alten Schwarzwälder hinter der Thür hörbar; dann
Gruber
(indem er sich vorwärts neigt, mit verhaltener Zärtlichkeit).
Annerl ! (Keine Antwort; lauter) Annerl --! (Da die Kranke noch immer schweigt, erhebt er sich und tritt an das Bett.) Annerl, mein Kind!
Annerl (zusammenschreckend).
Ja?
Gruber.
Was meinst, wenn dir der Grossvatter heut Beigerln holet, und ein Faltrian?
Annerl (apathisch)
Wenns - wollts...
Gruber
(beugt sich, die Hand auf ihre Stirn legend, über sie)
Wie gehts dir denn jetzt? Sags dem Grossvatter, --ja?
Annerl
(mit Mühe und aneinanderschlagenden Zähnen)
Mich - friert - halt...
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Gruber.
Dein Köpferl ist aber heiss -
Annerl
(mit einer Bewegung des Hauptes, als wär ihr die darauf ruhende Hand lästig).
Und allweil...träumt mir...
Gruber.
Auch jetzt?
Annerl.
Ja!
Gruber.
Geh...jetzt redst doch mit mir! Gelt? - Da kannst ja nit träumen!
Annerl
(nach einer Pause, sich besinnend).
Nein...aber die vieln Gsichter - - die sein allweil - da...und auch - die Berg! (Lässt das Köpfchen wieder zur Seite fallen.)
Gruber
(hat sich wieder aufgerichtet; mit einem tiefen Seufzer, kopfschüttelnd).
Hm - hm! (Da von Aussen an die Thür gepocht wird, mit jäher Wendung, einen Schritt nach vorwärts). Herein!
Dutschka (ist hastig eingetreten).
Glück auf!
Gruber
(mit einer bezeichnenden Bewegung nach dem Bett, bitter.)
Ja - bei mir ists wieder einmal daheim - s Glück!!
Dutschka
(mit gedämpfter Stimme).
s ist ihr doch schon besser gegangen - nicht?
Gruber.
Dem Ansehn nach - ja! Und der Doctor hats ja auch glaubt! Aber seit vorgestern...(zögernd, als müsse er Etwas, das sich ihm unwillkürlich auf die Lippen drängt, gewaltsam unterdrücken) In der Nacht hats angfangt, - und seitdem liegt s wieder da...ganz wie im Winter...so blass...und schmachtig! Und der Hustn, wenn der kommt - der beutelt s nur so! (kopfschüttelnd) Grad wie ihr Mutter...grad wie ihr Mutter!
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Dutschka
Und der Doctor? Was sagt denn der?
Gruber
(fährt sich, als suche er Etwas hinwegzuwischen, langsam über Stirn und Augen).
Verkühlt hätt sie sich wieder - meint er! Es - (indem er sich abkehrt) - es könnt ja sein!
Dutschka
Meinst nicht?
Gruber (gedrückt, unsicher).
s Fenster war vielleicht zu lang offen - wie Ihr da wart, Alle! Und dann...(mit derselben Bewegung der Hand über Stirn und Augen) Ja das ist wahr - dann ist s ausm Bett gstiegen, während ich draussen gredt hab mitm Georg! Grad nur ein Weilerl wars, aber -
Dutschka (nickend).
Ist genug...freilich!
Gruber (rasch)
Nit wahr - du, du meinsts auch? Denn sonst weisst...(ist wieder vor das Bett getreten) wenn ich vielleicht glauben musst...
Dutschka
Was?
Gruber
(schweigt eine Weile; dann, indem er sich abkehrt, düster).
Ich sag dir nur soviel, Dutschka: sei froh, dass d Niemanden hast - und allein bist...ja!
Dutschka
Glaubst, Gruber?
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Gruber (überzeugt).
Ja, sag ich dir! Blumen und Kinder sind mix für arme Leut! Die brauchn Sonn...viel Sonn; denn wenn ihre Zeit da ist, wolln s blühn oder lachen! Jetzt schau dich aber um - da bei mir zum Beispiel! Wen hätt denn da s Lachen greut? Oder s Blühn? Nit einmal meine Blumen! Die falln ja auch immer ab, weil s zu wenig Sonn habn; grad nur Abends, das Bisserl! Und gar die Kleinekinder-Sonn - s Glück! Die kann man ja nit nur so fangn, mit seine zwei armen Händ! Davon kriegst ja nie mehr, als unser Herrgott will, und die Andern dir lassn...(mit einem düstern Blick nach der Kranken). Na, und so welkt halt die auch ab!
Dutschka.
Das - musst nicht glaubn, Gruber! (Nach einer Weile; leiser.) Frielich, hart wärs...s ist deine Letzte! (Indem er an ihn herantritt und die Hand auf eine Schulter legt.) Schau, wenn du vielleicht doch die andre Wohnung gnommen hättst! Das - war gut gmeint vom Herrn!
Gruber (herb)
Gut gmeint, ja! Weil er sich halt schamt! (Vor sich hinnickend.) Die Meinung kenn ich; die habn alle reichen Leut; wenn s der Zufall mit unsereinm verbandelt! Wärs die rechte gute Meinung gwesen, hätt er schon selbst zu mir gfunden; oder schreibn können, nit mich immer durch den Direktor drangsalirn lassen! Er hat mir nix mehr zu befehln - Gott seis dankt; und wenn er was will, kann er da reinkommen - da, wo der Vatter von seinm Weib verendt ist, - und mirs selber sagn, ja!
Dutschka
Dass er heut früh gekommen ist, wirst wissen?
Gruber (kurz)
Ja!
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Dutschka
(nach einer Weile)
Nach dir hat er auch schon gfragt!
Gruber (ablehnend).
Dank schön!
Dutschka.
Ich war dabei...wies der Kleinen geht? Und ob du zuhaus wärst! Drum bin ich hereinkommen! Wer weiss? Vielleicht tragt er dir doch selbst die Wohnung an!
Gruber.
Schau mir ins Gsicht, Dutschka! Glaubst wirklich dass, er nur dessentwegn da ist?
Dutschka (ehelich).
Wie könnt ich denn das? Warum er da ist - das wissen wir ja Alle...auch wenn er gar nichts gesagt hätt! Er meint halt - (achselzuckend) es muss sein!
Gruber.
Und die Knappschaft?
Dutschka
Um die hat er sich noch gar nicht gekümmert!
Gruber.
Also will ers bis zur Anfahrt kommen lassen?
Dutschka.
So viel ich weiss - ja!
Gruber.
Das heisst, du und der Steiger, ihr habt schon den Befehl, die Leut in die Josephsgrubn zu führen?
Dutschka
(mit gesenktem Haupt).
Sie mussn ja nicht gehn!...
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Gruber
(tritt ganz dicht an Dutschka heran; indem er ihn fest ins Auge fasst, mit gedämpfter Stimme.)
Aber sie werdn gehn! Und was s dann gwusst hast, und immer, ehs was - geben hat!
Dutschka
(prallt einen Schritt zurück; dann, die Hand vor die Augen legend).
Das - ist meine Sach, Gruber...ich trag schwer gnug dran...darfst mirs glaubn!
Gruber.
Ich hab dirs auch nit vorrücken wolln!
Dutschka (achselzuckend, schwer).
Kann ja unser Herrgott selbst nichts dran ändern!
(Schweigen, dann)
Gruber
(mit einem unwillkürlichen Schauder).
Das - muss fürchterlich sein, Dutschka!
Dutschka (ergeben).
Man ertragts halt...der Mensch kann so viel...Und dann - s ist doch nicht immer so kommen, wies mir vorgegangen ist!
Gruber
Oft gnug, sollt ich meinen!
Annerl
(hat sich mit weitgeöffneten, fieberglühenden Augen plötzlich in ihrem Bettchen aufgesetzt.)
Grossvatter - Grossvatter - wer steht dort?
Gruber.
Wo?
Annerl
(den Blick erstarrend auf Dutschka gerichtet).
Dort!
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Dutschka.
Ich bins Annerl - der Dutschka! (zu Gruber) Soll ich zu ihr gehn?
Gruber
(der in abergläubischer Angst beide Arme wie schützend um das Kind breitet, heftig).
Nein, Dutschka - du - nicht! Geh - geh!


Dutschka (aufseufzend).
Bhüt Gott! (ab).
Gruber
(streicht mit der Rechten langsam über das Köpfchen des Kindes. Beruhigend).
Schau Annerl - das war ja der Dutschka! Der alte Dutschka - weisst? Der dich so gern hat, und dir immer die ersten Erdbeeren bringt und die versteinerten Schnecken aus der Teuf...den kennst ja doch gelt?
Annerl
(langsam zurücksinkend, somnolent).
Ja...aber jetzt soll mei Dockn tanzen! Beim Hengelmuller - drübn - spielen s...
Gruber
(schlägt sich verzweifelt vor die Stirn).
s ist doch so...s ist doch so! Das - hab ich nit thun solln! Drum hat s keine Ruh...(Indem er vor dem Bett ins Knie sinkt, und zärtlich über die Hände der Kleinen fährt.) Annerl...wenn du - wenn du vielleicht dein schöne Dockn wieder habn willst? Die schöne, weisst, mit dem seidnen Kleid und den Schnürstieferln -(seine Stimme bricht ) - sags dem Grossvater! Sags ihm - ja? Und wenn ich Tag und Nacht gehn muss, ganz dieselbe sollst habn...ganz dieselbe!
Annerl
(hat ihm die rechte Hand entzogen und, eine Weile damit in der Luft herumtastend, zuletzt auf sein Haupt sinken lassen. Mit einem überlegenen Lächeln)
Aber gehts - mein Dockn! Wissts das nit? Die hat ja unser liebe Frau gholt!
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Gruber
(ist, ausser sich, aufgesprungen; indem er sie an den Schultern packt, und gewaltsam aufrüttelt).
Annerl! Annerl - mein Letzts!
Annerl
(kommt zu sich, schlägt die Augen auf; wie sie reden will, packt sie ein fürchterlicher, krampfartiger Hustenanfall, nach dem sie, ganz erschöpft, aus den Armen des Grossvaters in die Kissen zurücksinkt).
Gruber.
Ist dir jetzt - leichter?
Annerl (noch keuchend).
So weh thut mir halt Alles!
Gruber.
Wenn nur die Leni schon da wär - mit dem Brustthee...und der neun Medicin! Die wirst brav nehmen, gelt?
Annerl
(in ihre frühere Apathie versinkend).
Ja...aber jetzt - will ich - schlafen!
Gruber (kopfschüttelnd).
Immer schlafen...immer...grad wie ihr Mutter!
(Kurzes, energisches Pochen an der Aussenthür, im selben Augenblick, da Gruber sich wendet, ist)
Liebmann
(bereits eingetreten. Mit einem erzwungenen Lächeln, aber sicher).
Guten Abend, lieber Gruber!
Gruber
(ohne sich zu bewegen).
Gut - gutn Abend!
Liebmann
(ist auf den Tisch zugeschritten, wo er Hut und Stock niederlegt).
Sie sind vielleicht etwas erstaunt, mich hier zu sehn, wie?
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Gruber
(hat die Hände auf den Rücken gelegt, ruhig).
Durchaus nit! s ist ja Ihr Grund und Boden!
Liebmann
(ist ihm einen Schritt entgegengetreten).
Wenn Sie damit vielleicht andeuten wollen, dass mir im entgegengesetzten fall ihre Thür verschlossen bliebe, -
Gruber (rauh)
Ich hab nix gsagt!
Liebmann.
Aber Sie denken sichs -
Gruber.
Darüber bin ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig! So ein armer Teufel wie ich, der hat nur ein Quartier, aus dem er nit nausgschmissen werdn kann - sein Kopf und seine Gedanken! Da drin aber ist er der Herr...und bleibts! Und dass mir allerhand Gedanken kommen müssn, wenn ich ein Liebmann in der Stubn seh, das werdn S einsehn!
Liebmann (lächelnd).
Sie haben da so Ihre - Ihre fixen Ideen, mein lieber Gruber, und das sind allerdings auch Quartiere, wo jeder sein eigener Herr ist! Jedenfalls bin nicht ich der Feindselige hier! Das allein wollt ich feststellen!
Gruber (bitter).
Wüssts auch nit, was Sie für ein Grund hätten! Aus der Stubn habn die Liebmanns doch Alles gholt: was wolln habn - und braucht habn...Tote und Lebendige! Fehlet nix, als dass Ein noch verfolgeten dafür!
Liebmann.
Nun, für die Gründe, die allenfalls auch ich haben könnte, liesse sich Manches vorbringen, mein lieber Gruber - Manches!
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(Achselzuckend). Aber da nun einmal Ihre Enkeltochter meine Frau ist, die ich liebe...und somit auch Sie und die Kleine dort mir nahestehn -
Gruber (rasch)
Ein Wort nur -! Hat - hat sie Ihnen gschickt?
Liebmann.
Nein!
Gruber
(die Recht nach ihm streckend).
Sehn S! Die kennt mich besser!
Liebmann.
Aber ihr zulieb bin ich hergekommen! Und deshalb, denk ich, könnten auch Sie ihr Etwas zuliebe thun!
Gruber (starr).
Sie ist ja ohne mich auch auskommen bisher!
Liebmann
(mit einer ärgerlichen Kopfbewegung).
Aber begreifen Sie doch! Das ists ja eben, was sie drückt! Dieses Auskommen müssen ohne Alle, die man sonst doch lieb hat! So spricht sie jeden Tag von ihrer Schwester; weiss, dass sie krank ist; könnte helfen und - darf nicht...bloss weil Sie es nicht wollen! Wenn Sie damit uns einen Possen zu spielen meinen - in Gottes Namen! Und wenn es Ihnen eine Freude macht, gesteh ich Ihnen sogar, dass wir das wirklich so empfinden...ja! Aber nun - die Kranke! (Indem er ganz dicht an ihn herantritt.) Sehn Sie wirklich nicht ein, dass Sie der selbst an wehesten damit thun? Ihr geradezu ein Unrecht zufügen? Das ist ja fast so, als wenn man einem Hungrigen das Stückchen Brot, das ein Anderer ihm gibt, vor dem Mund wegreissen möchte! Arme Kleine...sie liegt ja noch immer! (Macht einen Schritt auf das Bett zu.).
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Gruber
(vertritt ihm den Weg)
Jetzt schlaft s!
Liebmann.
So? (Mit gedämpfter Stimme.) Das hätten Sie mir aber früher sagen sollen, lieber Gruber! Nun haben wir sie vielleicht doch gestört mit unserem lauten Sprechen!
Gruber
(schweigt und blickt ihn eine ganze Weile durchdringend an; dann, mit noch tiefer herabgeneigtem Haupt und wie in einem Kampfe mit sich selbst, stossweise).
Ein Arzt - hätt s ja, und s wird doch nit besser! (Mit einem gewaltsamen Ruck.) Wie - wie meinen S denn, dass ihr gholfen werdn könnt?
Liebmann.
Sehn Sie...das nenn ich endlich vernünftig redn! Also...soviel ich durch Herrn Baselli weiss, hat der Arzt eine Veranlagung zur Schwindsucht constatirt - nicht?
Gruber
(mit schlaff herabgesunkenen Armen, dumpf).
Ihr Mutter - ist dran zu Grund gangen!
Liebmann.
Deshalb brauchn wir noch nicht zu verzweifeln! So ein Kind...im Frühling des Lebens! Das hat Kräfte, mein lieber Gruber!
Gruber
(zögernd aber weicher)
Wolln -wolln S nit ein bisserl Platz nehmen?
Liebmann
Danke! (Lässt sich auf dem, vor dem rechten Fenster stehenden Stuhl nieder.) Und Sie?
Gruber
Ich - ich steh lieber! (Tritt an den Tisch, wo er unmittelbar vor Liebmann stehen bleibt.)
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Liebmann.
Zunächst also mussen wir die Kleine an eine andre Luft bringen, wie eine kranke Blume, ja! Nach dem Süden - Italien - an die Mittelmeerküste oder sonst wohin! Da hätte sie Sonne, den ganzen lieben Tag; eine herrliche, ihr durchaus neue Umgebung; Anregungen aller Art - denken Sie nur, was das allein ausmacht, für so ein Kind!
Gruber (bitter).
Ja, ja...s Paradies! Das hat unser Herrgott auch nur den armen Leuten weggnommen!
Liebmann.
Nein, sag ich Ihnen! Das kann sie haben! Jeden Augenblick! Ich will ja meine Frau selbst nächstens forschicken! Die Arme...ist noch so angegriffen - von der Geburt und all dem Übrigen! Nehmne Sie endlich Vernunft an, lieber Gruber! Lassen Sie die Kleine mit ihr gehn! (Hat während des letzt Worte beide Hände auf die Schultern Grubers gelegt.)
Gruber
(der sich ihm mit einem Ruck entzieht, wie gepeinigt).
Ich habs gwusst, dass mir s Geld auch s Letzte nehmen wird. Aber wenns sein muss...und ihr helfen kann - will ich nix dawider habn...(Mit einem Blick nach dem Bette rechts.) Ihr - ihr Vatter hätt das - auch zugeben!
Liebmann (mit Aplomb.)
Gott seis gedankt! (Nach einer Weile, da Gruber noch immer schweigend, und vor sich hinbrütend dasteht.) Nun aber - Sie, mein lieber Gruber!
Gruber
(der ihn, noch immer von seinen eigenen Gedanken ganz benommen, zerstreut anblickt).
Wie meinen S?
Liebmann.
Lassen Sie doch auch sich Ihre letzten Tage gemächlicher machen!
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Gruber.
Mir? Von - Ihnen? Nein!
Liebmann.
Ganz der alte wieder, ganz! Und man sollte doch meinen...
Gruber.
Ich brauch gar nix für meine Person...gar nix! Ist noch das zu viel, was ich hab!
Liebmann.
Weil Sies von mir haben? Sagen Sies doch!
Gruber (herb).
Sie wissens ja!
Liebmann (eindringlich)
Auch Ihrer Enkeltochter nicht zulieb - Ihrer Marie? Nicht unserm Kleinen zulieb, der doch auch einmal Grossvater zu Ihnen sagen wird?
Gruber
(mit aufblitzendem Aug und einem Blick von unten herauf).
Solang ich leb - nit!
Liebmann.
Also selbst dieses unschuldige Kind hassen Sie - bloss weil es mein Kind ist?
Gruber.
Das Kind hat nit sein solln -!
Liebmann (ärgerlich).
Komisch!!
Gruber
(mit einem Schritt auf ihn zu, entschieden).
Ja, nit sein solln...das sag ich! s krampft mir s Herz zusammen, aber ich kann nit anders! Was bei Ihnen daheim Brauch ist und Ordnung, weiss ich nit! So ein armer Teufel
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wie ich, der hat nur ein Gwand und ein Gwissen, und damit muss er auskommen! Sie brauchen Ihnen ja nit zu kümmern um das, was ich mein oder denk...gwiss nit! Aber dass Sie mit sammt der Marie das Kind anlügn müssen, wenns einmal nach dem Vatter seiner Mutter fragt - das weiss ich schon jetzt!
Liebmann
(mit ausweichendem Blick und nervösem Spiel der Finger an seiner Uhrkette).
Da irren Sie aber wieder einmal gründlich, mein lieber Gruber!
Gruber
(mit verhaltenem Hohn).
Also wollen S ihm die Wahrheit sagn...die volle Wahrheit?
Liebmann.
Warum nicht?
Gruber.
Ihrem eigenen Kind sagen - (kophschüttelnd, als könne ers nicht fassen) Nein!
Liebmann
(mit herablassender Ruhe).
Sprechen Sie diese Wahrheit nur immerhin aus, lieber Gruber! Ich glaub, es ist nichts dabei, was ich zu scheuen hätte!
Gruber
(ist, beide Fäuste ballend, unwillkürlich einen Schritt zurückgetreten. Mit einem, die ganze Gestalt Liebmanns umklammernden Blick).
So! Auch nit, dass der Enkel von dem Toten denselben Nam tragt, wie sein - Mörder?
Liebmann
(ist emporgefahren, bezwingt sich aber, und steht, die Finger an der Urkette, wieder ruhig da. Mit erkünstelter Nonchalance).
Diese Lesart gehört Ihrem Hass, mein lieber Gruber! Ist eine der fixen Ideen, auf die Sie sich so viel einbilden, und hat als solche weder mit mir, noch mit meinem Kinde etwas zu thun.
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Gruber (hänisch).
Aha!
Liebmann.
Gewiss! Die Empfindungen Ihrer Enkeltochter zum Mindesten, sind ganz andere! Denn sonst - (achselzuckend) - könnte dies Kind eben nicht da sein! Das - werden Sie mir zugeben, denk ich! Und was jenen Unglücksfall selbst betrifft, und das Thatsächliche daran...mein Gott! Wir alle haben es ja bedauert - von Herzen bedauert - und mein verstorbener Vater vielleicht am meisten -
Gruber (dumpf)
Wies z spät war...ja! Aber vorher! Da ist er - (mit den Fingern schnippend) nit so viel abgwichen von seinm Recht! Hinunter haben s müssen! Bis er seine Opfer ghabt hat - der... (hält, die geballte Rechte an sich ziehend, mit einem Blick nach der schlummernden Kranken plötlzlich ein).
Liebmann (stirnrunzelnd).
Er ist nun auch - tot...Vergessen Sie nicht!
Gruber
(mit mürrischer Genugthuung).
Auch tot - ja!!
Liebmann.
Und er hat, so viel ich mich erinnere, Alles gethan, Sie zu versöhenen!
Gruber
(mit einem kurzen, plötzlichen Lachen, händereibend).
Alles versucht, wollen S sagen...Alles versucht! Aber s ist ihm nit glungen!
Liebmann.
Ihr Schmerz war noch zu gross, damals...Das kann ich verstehn! Aber seitdem -
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Gruber
(ohne auf ihn zu hören, mit stierem Blick vor sich hin, wie von einer einzigen Vorstellung besessen).
Nein - nit glungen ists ihm! Und das - das freut mich noch heut! Alles hat er kaufen können sonst - was sein Herz begehrt hat! Das ganze Elend da...jeds arms Madl, das ihm gfalln hat - selbst das Leben von seine Leut, nur um sein Willn durchzusetzen - natürlich! Wozu hätt man denn sonst - s Geld! Aber den alten Gruber, den hat er nit kriegt! Der war nit zum derkaufen - so arm und hässlich und bucklet als er ist! Und das hat ihn greizt - immer mehr...Das hat ihm zuletzt schon weh than; da dran hat er nit lebn und nit sterbn können! Denn was war hernach sein ganzes Geld noch wert, wenn er nit einmal den armen, atlen, buckleten Gruber dafür kriegt hat? Arm ist er gwordn an mir - und klein - ja! Denn inwendig hat er sich denkt: ja ist denn das, was ich than hab, wirklich so fürchterlich, dass der arme alte Hund nix übrigs von mir nehmen mag? O na! Nit einmal um das, was mein Recht war, hab ich mich buckt! Denn wie ers mit dem Aushungern versuchen wollt, und dem Direktor ein paar mal die lumpigen Gulden nit in Rechnung gstellt hat, die er mir doch schuldig war - nit einmal da ist ihm der alte Gruber kommen...! Na - hehehe...nit einmal da!
Liebmann
(mit Zeichen der Ungeduld).
So lassen Sie sichs also in Gottes Namen daran genug sein! Und glauben Sie auch, dass mein Vater in Ihrer Schuld stand, - irgendwie - nun liegen ja die Dinge wieder ganz anders! Nehmen Sie also, was ich Ihnen biete...(Indem er dicht an ihn herantritt, und wieder beide Hände auf seine Schultern legt.) Von ganzem Herzen biete! In der besten Absicht!
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Gruber
(der ihn, ohne sich zu rühren, mit halbgeschlossenen Augen anblinzt).
Ich - brauch nix - aber wenn ich Ihnen sonst einen Gfalln erweisen könnt...für das, was der Kleinen thun wolln...
Liebmann
(lebhaft und wie erlöst).
Ja! Sie können mir einen erweisen, mein lieber Gruber, weiss Gott!
Gruber (mit Nachdruck).
Was ich halt kann!
Liebmann
Die reine Spielerei für Sie - die reine Spielerei! Sie wissen ja, ich hab jetzt diese Geschichte mit der - mit der Josephsgrube, da! Die Leute wollen mir nicht hinein...haben gar keine vernünftigen Gründe für ihre Weigerung - aber sie wollen einfach nicht! Meine Steiger sollen jetzt - um sechs Uhr - den Befehl zur Anfahrt geben - bezweifeln aber alle, dass die Knappschaft Folge leisten wird! Wenn es nun dahin käme -verstehn Sie mich...? Die Leute hier herum halten ja so viel von Ihnen - wollten - wollten nicht Sie es versuchen, ihnen Vernunft beizubringen in diesem Fall? Sie kennen ja die Josephsgrube...haben selbst darin gearbeitet...und, wie gesagt, Ihre Kameraden achten Sie! Ich weiss es! Also - wollen Sie? (Da Gruber noch immer schweigt.) Sehn Sie, ich hab mich geschäftlich fürchterlich engagirt; enorme Lieferungen übernommen, die jetzt eben auf dem Papier stehn und effectuirt werden müssen...ich hab keinen andern Ausweg!
Gruber
(ist langsam zurückgetreten; fassungslos).
Und damit - kommen S mir?
Liebmann (nervös)
Ja, um Gotteswillen, was finden Sie denn nun wieder darin?
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Gruber (erregt).
Was ich da drin find? Und das fragen S noch? Alles, was mich unglücklich gmacht hat...den Liborischacht und Ihnern Vatter - nit mehr und nit weniger!
Liebmann (ärgerlich).
Ich hab Sie für vernünftiger gehalten!
Gruber
Dank schön! Aber in dem Fall werden S mich immer gleich dumm finden! Ich bin nur ein ermer Teufel, - aber ein alten Liebmann mach ich Ihnen da nit - ich nit! Das müssen S schon selbst versuchen!
Liebmann (auffahrend).
Vergessen Sie sich nicht!
Gruber (höhnisch)
Das habn Sie!
Liebmann
(immer heftiger).
Ich war gedudig genug, glaub ich, aber gewisse Dinge hör ich nicht länger an - verstehn Sie mich?
Gruber
(mit zusammengekniffenen Augen; hämisch).
Und ob S geduldig warn! Ganz wie der alte Liebmann! Der hat sich auch nit aus der Fassung bringn lassen! Wenn er nur sein Geld verdient hat!
Liebmann (wütend).
Schweigen Sie! Ich hab Ihnen schon gesagt, dass ich diese Verunglimpfungen meines Vaters nicht länger anhöre!
Gruber (gehässig).
O, Sie habn noch mehr anghört, früher...solang S Ihnen noch was ghofft habn von mir...und ganz still
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waren S dabei; mäuserlstill! Ich hab mich so gwundert- aber - (mit ätzendem Hohn in Blick und Geberde) ich hab halt denkt, Sie thuns der Kranken dort zu lieb!
Liebmann (aufstampfend).
Schweigen Sie, sag ich noch einmal! Sie stehn auf meinem Grund und Boden! Vergessen Sie das nicht - (drohend) sonst...so ein alter Nichtsthuer wie Sie, der von anderer Leute Gnaden lebt -
(Annerl, die gleich zu Beginn des Wortwechsels erwacht, hat sich, den Blick der fieberglastenden Augen mit dem Ausdruck starrer Furcht auf Liebmann geheftet, in ihrem Bettchen aufgerichtet.)
Gruber.
Schau - also das wissen S auch auf einmal? Fehlt nix, als dass mich und die totkranke Kleine noch vor die Thür setzen! Aber, sehn S, solang wart ich Ihnen gar nit; dafür bin ich der alte Gruber! Ich hab wohl einmal denkt, ich hätt auch ein kleins Recht da; wenistens auf die Stubn...denn auf dem Bett dort ist mein Sohn gstorbn, für s Liebmannsche Geld! Und wie s ihn reintragen habn, ist von der Thür bis zum bett sein Blut gflossn - über denselben Grund und Bodn...Aber um das kümmern sich die Liebmanns nit; dafür - bezahlen sie ihre Leut! Vierzig Jahr hab ich selbst herinnen ghaust, und wenn ich mir den Schweiss nit runtergwaschen hätt, der mir für s Liebmannsche Geld tagtäglich über s Gesicht glaufn ist, - ein ganzer Bach müsst über den Grund und Bodn fliessn! Aber ich frag nit darnach...ich geh! Und verflucht soll ich sein, wenn mich nur eine Nacht noch auf dem Grund und Godn findt! Der ghört Ihnen - ganz Ihnen - mit Allem, was drauf gsündigt habn!
Annerl
(die Ärmchen nach ihm streckend, mit angstzerrissener Stimme).
Grossvatter - Grossvatter - wohin gehts?
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Gruber
(ist ans Bett getreten, beruhigend.)
Nur bis nach Kirschdorf, weisst, wo ich her bin! Dort meld ich uns an, fur s Armelenthaus...In der Früh bin ich wieder zurück, und hol dich!
Annerl
(hat die Hände gefaltet; mit herabsinkendem Köpfchen).
Fürs -Armelenthaus!
Gruber
(hat die Hand auf ihren Kopf gelegt, weich aber entschlossen).
Brauchst dich nit zu ängsten deswegen, Annerl! s sind schon bessre Leut neinkommen, als wir! Und über das Platzerl, das d dort finden wirst, ist wenigstens noch kein Blut gflossn...geht nur unser Herrgott drüber hin - der war auch ein armer Mann! (Indem er ihr über Stirn, Mund und Brust das Kreuz zeichnet.) So, und jetzt lieg recht still - die Leni muss gleich da sein! (Er geht zuerst nach der linken Ecke, wo er vom Haken Hut und Stock herablangt, und darauf der Thüre zu.)
Liebmann
(vertritt ihm den Weg; ausser sich).
Sie wollen mir doch nicht das auch noch anthun?
Gruber (den Stock erhebend).
Platz da...sonst! (Da Liebmann entsetzt zurückweicht). Vor der Thür draussn fangt mein Recht an - verstanden? Da ist - Herrgottsgrund...Geben S Acht, dass mir dort nit begegnen - (Rasch zur Thüre hinaus, die er hinter sich offen lässt. Man siegt ihn schon um die Biegung eines, rechts ansteigenden, in s Gebirge führenden Pfades verschwinden, während Liebmann noch starr und regungslos vor der geöffneten Thüre steht. Wie Liebmann zurücktreten will, werden vor dem Hause wirre Stimmen, und das Geräusch vieler und hastiger Schritte laut. Man sieht an den geschlossenen Fenstern einen Trupp Bergleute vorübereilen, der um die Ecke schwenkt, und im nächsten Augenblick in die Stube bricht.
Baselli und Ingenieur Boltz sind zuerst eingetreten; beide in bergmännischer Adjustirung. Unmittelbar hinter ihnen Dutschka, Frommhold und Georg, die von einer ganzen Schaar nachdrängender, junger Häuer, darunter Bertl und Franz Böllinger und Ristl auf der Schwelle stehen bleiben. Liebmann, der bis an den Tisch zurückgewichen ist, steht, Hut und Stock in der Hand, bleich aber gefasst da. Georg ist augenblicklich zu Annerl getreten, die sich, mit vornübergeneigtem Köpfchen, zitternd und wie Schutz suchend, an seine Brust lehnt.)
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Baselli
(hat sich, wie um die Nachdrängenden abzuwehren, zurückgewandt).
Nun ists aber genug...mehr lass ich nicht herein! Ihr müsst Rücksicht nehmen; es ist ein Schwerkrankes da!
Böllinger.
(von der Thüre her, ungehalten).
Immer Rücksicht...freilich! Dazu habn wir jetzt keine Zeit!
Ristl
(nach Böllinger).
Wir habn auch nur ein Lebn!
Stimme
(von draussen).
Recht hat er!
Liebmann
(ist vorgetreten; barsch).
Was soll das?
Baselli
(achselzuckend).
Was vorauszusehen war, Herr Liebmann! Die Nachschicht für die Josephsgrube will nicht anfahren!
Liebmann.
Will nicht! Das wäre ja das Neueste! Und was daran vorauszusehen war, will mir schon gar nicht einleuchten! Das müssen Sie mir erst deutlich machen, mein lieber Baselli!
Baselli
(consternirt).
Ich dächte...Herr Liebmann wissen doch -
Liebmann
(hartnäckig).
Gar nichts weiss ich...denn was ich thatsächlich weiss, reicht nicht im Entferntesten für die Entschuldigung eines solchen - solchen Ungehorsams! Will die Knappschaft mir Gehorsam und Arbeit kündigen - gut! Dann hat sie aber auch triftige
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Gründe vorzubringen! Verstanden? Triftige Gründe! Ein Altes-Weibergeschwätz kann ich als solche nicht gelten lassen! Striken sie aber ohne Kündigung, dann werd ich mein Recht schon zu finden wissen! Wir haben, Gott seis gedankt, noch Gesetzte, die beide Theile verpflichten!
Franz Frommhold.
Und den Schiessprügl dazu! Nit wahr?
Frommhold.
Franz!!
Franz.
Nein Vatter...da lassts mich ganz aus dem Spiel! Auf dem Grund und Boden kämpft Jeder für sein Leben! Und Ihr habt mirs auch nit gschenkt, dass der Nächstbeste kommt und mirs abhandelt!
Liebmann
(zu Baselli)
Sie haben ja eine recht nette Disciplin da, wie ich sehe! (Indem er sich an Voltz kehrt, dem er die Hand drückt.) Ich dank Ihnen, Herr Voltz! Sie hatten Recht - in Allem!
Voltz
(mit einer Verbeugung, händereibung).
Nur meine Plicht erfüllt, Herr Liebmann! Nur meine Pflicht!
Baselli
(energisch).
Die hab ich auch erfüllt, - jederzeit - Gott seis gedankt! (Mit einem Seitenblick auf Voltz.) Und zum Unterschied von anderen Leuten immer auf geraden Wegen, ja...aber -
Liebmann.
Jeder Weg, der zu mir führt, ist ein gerader! Dafür bin ich der Herr...Vergessen Sie das nicht, mein lieber Baselli!
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Baselli
Durchaus nicht, Herr Liebman! Aber Ihre Bemerkung, und der Dank, den Sie Herrn Voltz eben in meiner Gegenwart ausgesprochen, zwingen mich, Sie um eine Aufklärung zu bitten -
Liebmann
(ungeduldig einfallend).
Aufklärung - worüber?
Baselli.
Wie Sie sich die Möglichkeit eines ferneren Dienstverhältnisses zwischen uns Beiden vorstellen?
Liebmann
(brüsk).
Für eine solche Afuklärung ist hier weder die Zeit noch der Ort!
Baselli
(ruhig aber entschieden).
Dann will mir scheinenl, dass dies auch für Ihren Tadel nicht der richtige Platz war!
Liebmann.
So? Meinen Sie? Nun, ich finde, - (mit einer bezeichnenden Geberde auf die erregten Arbeiter ) dass dieser Anblick Ihre moralische Hilflosigkeit den Leuten gegnüber geradezu illustrirt! Das ist ja ein wahres Chaos! Und weil es ihnen über den Kopf wachsen droht, rennen Sie mir damit die Thüre ein? Das ist - einfach!
Franz Frommhold.
Wir habn den Herrn Direktor nit braucht, um herzufinden...der Weg war auch ein grader!
Liebmann
Schweigen Sie! Ich hab Sie nicht gefragt!
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Franz.
Wär nit schlect! Jeder Mörder wird anghört, vor er hingrichtt wird, und wir sollten nit einmal reden dürfen um unser Leben? Solln nur einfach - nuntergehn? Die Zeiten sind vorüber!
Böllinger.
Bravo, Franz!
Frommhold.
(ausser sich).
Gott - Gott!
Liebmann
(ist auf Franz zugetreten).
Wie heissen Sie?
Franz
(Aug in Aug mit Liebmann, fest).
Franz Frommhold!
Liebmann
(mit einer Wendung nach dem alten Frommhold).
Das ist Ihr Sohn?
Frommhold (einknickend).
Der eine, ja...aber (wischt sich den Schweiss von Stirn und Schläfen) wenn der Gnädigeherr mir erlaubn wollt, ein Wörtl für ihn einzulegn? Ich dien schon vierzig Jahr hier...zur vollsten Zufriedenheit - immer -
Liebmann.
Dann ist Ihr Sohn Ihnen nicht nachgerathen!
Frommhold.
Er ist halt noch so jung, mein Gott! Da nimmt mans noch nit so gnau...und wirst die Wort um sich wie die Stein! Aber - aber er meints nit so - gwiss nit!
Böllinger.
Schäm Dich, Frommhold!
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Franz
(ruhig aber fest).
Nur so mein ichs...nit anders! Das weiss der Vatter am besten!
Liebmann
(ist, beide Hände in den Taschen, in nachlässig-herausfordernder Haltung ganz dicht an Franz herangetreten).
Nun, Sie...weil Sie schon so gut schrein können...Und sich so geflissentlich als Wortführer melden! Bleiben wir dabei! Sie werden ja wissen, wer und wie viele von Ihren Kameraden hinter Ihnen stehen! Beiläufig dieselbe Meinung haben! Da können Sie mir ja gleich im Namen Aller Ihre Gründe sagen - (da ein, bis vor die Thür sich fortpflanzendes Murmeln durch die Reihen der Arbeiter läuft, mit einer ironischen Wendung an dieselben) Nicht?
(Pause; dann)
Ristl
(der sich mit seinen Hintermännern unterdess berathen).
Na...dazu ist der Franz zu jung und zu gach!
Liebmann
(hat seine Uhr gezogen; ; geschäftsmässig).
Ja - aber wir haben keine Zeit zu verlieren! Ich muss wissen, wie ich dran bin, um auch meine Vorkehrungen treffen zu können! Also, wer soll mir Ihre Gründe vortragen?
(Kurze Pause; dann)
Alle
(durcheinander aber einmüthig).
Der Dutschka!!
Liebmann
(mit einem Lächeln unverkennbarer Befriedigung).
Das ist allerdings ein kleiner Unterschied...also, Dutschka!
Dutschka
(der seit seinem Eintritt regunglos dagestanden, und vor sich hingebrütet, bei der Wahl seiner Kameraden aber, wie von einem electrischen Schlag getroffen, zusammengrfahren ist, tritt langsam vor. Er scheint noch blässer als sonst und befindet sich in einem Zustand, der halb Verwirrung, halb Aufregung, die ganze Seelenqual eines Mannes erkennen lässt, der sich zwischen seine wache Pflicht und die dumpfen Geheimnisse der eigenen Natur
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gestellt fühlt. Sein Blick ist bald unsicher, bald starr ins Leere gerichtet. Vor jedem Satz nimmt er, durch tiefes Athemholen, einen gleichsam erzwungenen Anlauf. Einiges spricht er mit überstürzter Hast, Anderes unzusammenhängend, wie in sich versinkend).
Zu Befehl, Herr Liebmann!
Liebmann (freundlich).
Sie werden ja gehört haben...Die Knappschaft wünscht, mir durch Sie die Gründe ihrer Weigerung bekannt zu geben!
Dutschka
(der sich, wie mechaisch, den Gurt zurechtrückt).
Durch mich...ja...(verstummt wieder).
Liebmann.
Also...Sie kennen die Leute; stehn seit vierzig Jahren in unseren Diensten! Das gibt auch mir Vertrauen. Sprechen Sie...!
Dutschka.
Ja! (Indem er sich mit der Hand langsam über Stirn und Augen fährt.) Das ist so...(Verstummt wieder, wobei ihm die Hand wie bebrochen herabfällt.)
Böllinger
(mit einer Bewegung des Kopfes nach Dutschka, zu Ristl, der, ebenfalls aufmerksam geworden, langsam vortritt).
Schau doch...schau! (Die Arbeiter beginnen untereinander zu flüstern.)
Liebmann
(mit Zeichen der Ungeduld).
Nun?! Sie waren ja soeben in der Zeche; haben Alles mit angehört! Reden Sie nur!
Dutschka
(tief aufathmend, und für den Augenblick ganz sachlich, aber mit forcirter Hast).
Zu dienen, Herr Liebmann! Die Leute verweigern einmüthig Anfahrt und Abbau in der Josephsgrube...einmüthig! In der Grube selbst ist wohl noch nie Etwas geschehn; aber vor dem Unglück im Libori- und Barbaraschact will man gerade
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immer in der Josephsgrube besondere Anzeichen gemerkt haben...Niemand weiss, wie das zusammenhängt - aber - es ist Thatsache!
Liebmann
(mit einem gezwungenen Lachen).
Thatsache ist, dass mein Vater, um die abergläubische Angst der Leute zu schonen, den Betrieb damals eingestellt hat! Aus keinem andern Grund! Und dass ich ebenso energisch gesonnen bin, ihn dort wieder aufzunehmen! Weil eben Alles seine Zeit hat...und...überhaupt...Sie sind ja doch Männer! Wo fehlts also?
Dutschka
(steht wieder regungslos und in sich versunken da).
Ristl (kopfschüttelnd).
Der Dutschka - der Dutschka!! Ganz weg ist er!
Baselli
(der Dutschka eine ganze Weile beobachtet).
Herr Dutschka hat damit sozusagen nur die Stimmung der Knappschaft wiedergegeben! Aber er kennt auch ihre Gründe -
Liebmann.
Stimmung - Stimmung! Ich bitte Sie! Mit Stimmungen gewinnt man keine Kohle, - noch lässt sich Jemand die Vernunft dafür abkaufen! (nervös) Die Gründe endlich - die Gründe...
Baselli
(mit energischem Anruf).
Dutschka! So reden Sie!
Dutschka
(emporfahrend, monoton).
Ja...und dann meinen Alle - auch der Herr Direktor - dass eben die lange Einstellung des Betriebes verschiedene Reparaturen nothwendig gemacht -
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Voltz (wichtig).
Das war ein Grund!
Dutschka
(der, ohne auf Voltz zu hören, weiterspricht).
Und dass die ganze Strecke erst auf ihre Sicherheit befahren werden müsste -
Liebmann
(indem er sich zu Voltz kehrt, befremdet).
Sie sagten mir doch heute früh, dass dies bereits gestern geschehen sei -?
Voltz.
Gewiss! Und weil ich voraussah, welches Gewicht die Knappschaft gerade auf die Aussage Dutschkas legen werde, nahm ich den Obersteiger mit den Bergmaurern und Grubenzimmerern zugleich hinab! Die könnens bezeugen - jeden Augenblick! (Zu Dutschka, ärgerlich.) Träumen Sie, oder haben Sie wieder Ihren - Ihren Bergnebel?
Böllinger (dumpf).
Wie damals...vorm Liborischacht - ja!
Liebmann (zugleich)
Also, die Strecke wurde befahren, gut! Haben sich irgendwelche Schäden gefunden?
Voltz (eifrig)
Lappalien, die an Ort und Stelle gleich ausgebessert wurden! Auch die Ventilation functionirt noch ganz prächtig!
Baselli (wie nebenbei)
Altes System -
Voltz.
Mein Gott, wenn man auch das erst neu anlegen müsste, könnten Sie Ihre Lieferungen noch lange nicht effectuiren! Der Martha- und Karlschacht sind auch nicht besser versorgt, und seit Jahrzehnten in Betrieb!
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Liebmann.
Gut (Indem er sich zu Dutschka kehrt, laut und eindringlich.) Und Sie Dutschka, Sie haben auch Alles in Ordnung gefunden?
Dutschka
(schweigt eine ganze Weile; dann mit einer hilflosen Geberde und gleichsam erstarrendem Gesichtsausdruck.)
Alles - ja...(In die Reihen der Arbeiter zurücktretend, kopfschüttelnd und wie für sich.) Al-les!
Liebmann
(kehrt sich an die Arbeiter).
Die Strecke ist also bereits befahren worden; und Herr Ingenieur Voltz, die Grubenzimmerer und der Obersteiger sind ganz heil heraufgekommen! Es bleibt mir also nichts übrig, als Sie Alle an Ihre Pflicht zu erinnern!
Böllinger.
Ich geh nit -!
Franz Frommhold
(mit einem Blick auf Dutschka).
Und jetzt schon gar nit!
Liebmann (energisch).
Sie an Ihre Pflicht zu erinnern; mit Androhung sofortiger Entlassung, falls Sie sich noch länger weigern!
Böllinger
(kehrt sich der Thüre zu).
Meintwegn! Ich fahr nit ein -
Frommhold
(da sein Sohn Miene macht, dem Böllinger zu folgen).
Und an deine Mutter - an deine klein Gschwister denkst gar nit? Ruiniren willst uns - Alle? Ich hab weisse Haar und geh nunter... Der Inschänör war unten und der Dutschka - und stehn da...(Er sucht ihn am Arme zurückzuhalten).
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Franz
(entreisst sich ihm.)
Aber ich bitt Euch, Vater! Das bissel Hin- und Herfahrn von denen! Lassts erst so und so viele in dem Giftschacht vor Ort sein; und arbeiten - und die Fördermaschin so oft auf und abgehn -! (zu seinem jüngeren Bruder) Komm, Bertl, komm!
Bertl
(unentschlossen)
Kommts auch, Vater?
Frommhold
(gequält).
Aber du weisst doch - die Mutter!! Wenn ich nur ein Tag den Schlägl niederleg, habts alle miteinander kein Brot mehr! Und die theure Medicin, die d Mutter braucht...wenn s die nit hat, schreit s ja gleich vor Schmerz, und hat keine Ruh Tag und Nacht...ich kann s doch nit umkommen lassn! Ich - (fährt sich verzweifelnd an den Kopf), - ich hör s ja ordentlich!!
Bertl
(resignirt)
Das ist wahr -! Der Vater hat Recht...
Franz.
Aber wir bhalten doch Alle unsre zwei Händ - können wo Anders hin!
Frommhold.
Wo Anders - ich bitt dich...wo Anders! Als wenn unsereiner nit überall um das Stückerl Brot erst betteln müsst! Und habts ja sonst auch nichts glernt!
Böllinger
(schon unter der Thür).
Na, kommst, Franz?
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Ristl
(von dem Streit zwischen Frommhold und seinem Sohn etwas kleinlaut).
Ein Bisserl könntst dirs doch auch überlegen, Böllinger...hast selbst vier Kleine daheim!
Böllinger.
Eben drum! Die brauchen mich! Willst du vielleicht umwerfn...? Im letzten Augenblick -!
Ristl
(düster).
Mein Gott...bei mir daheim ists ja fast so, wie beim Frommhold -
Liebmann
(der unterdess mit Voltz angelegentlich gesprochen, laut).
Und Sie geben mir volle Sicherheit?
Voltz.
Ich selbst geh ja hinunter, Herr Liebmann! Und ihr grossmütiger Entschluss - Sie werden es sehn, - der reisst auch die Andern mit! Es kommt ja nur auf das eine Mal an...das Andre thut dann die Gewohnheit!
Liebmann
(entschlossen).
Also! Dutschka - Frommhold - und wer sonst noch mit will...Sie begleiten mich zur Zeche! Meine Arbeiter sollen sehen, dass ich nicht mehr von Ihnen verlange, als ich selbst zu leisten im Stand bin...Ich fahr mit an!
Frommhold
(stürzt seinem, an Böllingers Seite abgehenden Sohn nach).
Böllinger...Franz! Kommt zurück!
Ristl.
Fort sind s...Vielleicht hören sies noch auf der Zech, von den Andern, und thun doch mit! Den jetzt - jetzt werfn Alle um!
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Frommhold.
Hol du s Bertl, schnell!
Dutschka
(hat die Hand auf seinem Arm gelegt, leiser).
Lass s Frommhold...ruf s nit zurück -
Frommhold
(betreten).
Meinst?
Dutschka
(hat sich schon den Andern zugekehrt).
Also vorwärts, wer will!
(Ab mit Bertl, Ristl und Frommhold, denen sich die Meisten der vor der Thüre Stehenden anschliessen).
Liebmann
(mit Baselli und Voltz schon im Hinausgehen begriffen, gewahrt den, noch immer mit der Kranken beschäftigten Georg. Er zuckt zusammen, beherrscht sich aber, und tritt ruhig an ihn heran).
Nun, und Sie, Wirth?
Georg
(mit einem eigenen Lächeln).
Ich bleib hier!
Liebmann.
So - bleiben hier? Ich will Sie nur noch einmal erinnern, dass ich jede Weigerung diesmal mit der Entlassung beantworte. Undwiderruflich! (Da Georg ihn noch immer lächelnd und schweigend anblickt.) Nun?
Georg
(achelzuckend)
Das ist schlimm für die Kameraden!
Liebmann
Nun - und Ihnen? Ihnen macht das nichts?
Voltz.
Ich dächte wohl auch, Sie hätten Vernünftigeres zu thun, als hier die Wartefrau zu machen!
105
Georg
(mit einem verhaltenen Lächeln).
Die Herren meinen mirs wirklich gut - sehr gut! Aber die Schicht ist jetzt gar nicht an mir! Ich bin grad erst aus dem Marthaschacht herauf!
Liebmann
(zuckt zusammen; mit einem langen, gleichsam verweileden Blick über ihn hin).
So -? Dann thun Sie immerhin ein gutes Werk hier...(Hastig und wie aus eigensten Gedanken heraus zu Voltz.) Also...Sie garantiren vollste Sicherheit?
Voltz (geschmeidig).
Aber Herr Liebmann - dem Chef!
(Liebmann mit Baselli und Voltz ab.)
Annerl
(die bisher regungslos, das Köpfchen mit geschlossenen Augen an die Brust Georgs gedrückt, im Bette aufrechtgesessen, leise).
Sind s fort, Georg?
Georg.
Ja, Annerl, Gott seis dankt - Alle...! (Mit dem Versuch, ihr Köpfchen emporzuheben.) Armer Hascher...das wirst gspürt habn!
Annerl
(presst, widerstrebend, das Köpfchen noch fester an seine Brust).
Mit...lass!
Georg.
Aber Annerl, bin ja nur ich da...magst mich auch nit sehn? Wie sagst? (Da er einen neuen Versuch macht, ihr Köpfchen emporzuheben, plötzlich mit zurückzuckenden Händen.) Ja...was ist denn das - du...du weinst ja, Annerl?
Annerl
(mit wild hervorbrechendem Geschluchz, unter dem sich ihr ganzer Körper förmlich windet).
O Gott - o Gott...Er hat ja den Grossvatter so heruntergsetzt! So derbärmlich hat er uns gmacht, - dass wir in - ins Armenleuthaus müssen!
106
Georg.
Annerl - um Gotteswilln - bist denn auch bei dir?
Annerl
(unter fortwährendem Geschluchz, in das sich, erst stossweise, dann anhaltend, ein krampfartiger, immer heftiger werdender Hustenanfall mengt).
Der Grossvatter - ist doch schon fort - nach Kirchdorf...und ich - soll morgen nach - hat er - hat er gsagt...Aber ich geh nit - dorthin...ich - scham mich - ich...lieber - (Sie wirft, wie mit einem Erstickungsanfall ringend, hilflos beide Arme um sich.)
Georg
(der das, von dem Anfall hin- und hergeworfene Kind mit beiden Armen umfängt, in besinnungsloser Angst).
Annerl-! Sie wird doch nit...? Und Niemand da!
Annerl
(die nach dem Anfall eine Weile wie leblos in seinen Armen gelegen, plötzlich mit gross und weit geöffneten Augen).
So...jetzt ist mir leichter...
Georg
(der sie aus den Armen langsam auf die Kissen gleiten lässt, besorgt).
Ist dir wirklich leichter?
Annerl.
Ja...nur - (tastet wie suchend mit den Händen herum).
Georg
Was suchst denn Annerl, sags -?
Annerl.
Mein Tüchel - (mit erstickter Stimme) - ich -
Georg
(hat ihr sein eigenes Tuch in die Hand gegeben).
Da!
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Annerl
(presst das Tuch eine ganze Weile an die Lippen; dann, indem sie es, tiefaufathmend, zur Seite fallen lässt und sich in den Kissen zurectlegt).
Viel leichter ist mir! Weisst - ich mein - jetzt werd ich bald ganz gsund!
Georg.
Meinst? (Indem er das Tuch an sich nimmt, plötzlich mit fassungslosem Entsetzen.) Heilige Mutter Anna - das ist ja - -
Annerl
(hat das Köpfchen nach der Wand gekehrt, mit einem leisen Lächeln).
Grad nur ein bisserl schlafn muss ich noch...
Georg
(ist, das nun ganz entfaltete, blutgetränkte Tuch mit beiden Händen vor sich haltend, wie vernichtet in den Stuhl am Fenster gesunken).
Das ist ja - -!
(Draussen beginnen die Abendglocken zu läuten. Langsam einfallende Dämmerung. Während Georg, noch immer regungslos, dasitzt, sieht man durch das rechte Fenster Leni rasch über die Bergstrasse herablaufen.)
Leni
(hat, etwas rasch, die Thüre geöffnet, die sie aber, mit einem Blick auf das schlafende Kind, vorsichtig-lautlos ins Schloss gleiten lässt. Indem sie auf den Fussspitzen bis ans Bett schleicht, mit gedämpter Stimme und noch athemlos).
Gott seis dankt, dass wenigstens du da bist! Schlaft s?
Georg
(noch immer fassungslos).
Ich trau mir ja gar nit hizuschaun...Schlaft s oder -? (Indem er ihr das Tuch zeigt.) Da!
Leni
(die mit zitternden Händen die mitgebrachten Medicamente - ein Päckchen Thee und ein Trophfenglas mit einer dunklen Flüssigkeit - noch fester an sich drückt).
Jesus Maria - Blut! Das hat sie von sich gebn?
Georg.
Grad, ja! Und der Hustn dabei! Ich hab glaubt, sie geht mir untern Händen weg!
108
Leni
(stellt die Medicamente auf den Tisch; mit zitternder Stimme).
Dann ists aus - wirsts sehn! s war mit ihrer Mutter selig grad a so! (überwältigt.) Mein Annerl - mein liabs - guats...(Schlägt, weinend, die Schürze vors Gesicht.)
Georg
(hat sich erhoben; mit einem düsteren Blick nach dem Kind).
Wenn s geht - nachher bin auch ich - dagwesen!...denn sonst...(zwischen den Zähmen). Ich wüsst nit, was ich dem thun könnt!
Leni.
Meinst nit, s wär so auch kämma -? Freilich, arg schlimm muss er da ghaust habn! Sonst hätts den altn Mann nit a naustriebn!
Georg.
Hast ihn gsehn?
Leni.
Unterwegs, ja; da hat er mir Alls derzählt! Ich komm ja grad von Kirchdorf; aber bis der hinfindt, wirds Mitternacht!
Georg.
Und derweil...! (Indem er tief aufathmet.) Schau, Leni, - Alls hab ich ruhig hingnommen bis heut...weil halt der Andre reich ist, und der Herr! s Herz hats mir abdruckt, wenn ich nur denkt hab an ihn; abers war doch schon ruhiger in mir! Und wenn ich daher kommen bin, und die Kleine gsehn hab - du weisst ja, wem s gleich schaut - nachher war ich fast schon zfriedn! Aber seit ich ihn wieder gsehn hab - und bei der Schinderarbeit dazu!
Leni (erstaunt).
Also warst mit dabei? Ich hab gmeint, der Gruber-Vatter wär mit ihm allein gwest...Gsagt hat ers wenigstens!
109
Georg.
Das schon! Aber jetzt...ebenda, wie er die Kamaradn nunterglockt hat! Na, wenn was gschieht - (mit einem bösen Lachen) wenigstens ist er dabei, diesmal! Unds fangt ihn so gut, wie die Andern! Um das war er dummer, als der alte Liebmann!
Leni (ausser sich).
Was d sagst! Doch sein s nunter? Da ist ja a der Vatter mit - und der Franz - und der Bertl! (Ringt die Hände.) O Gott, o Gott...! O Gott, o Gott...!
Georg.
Der Franz nit! Der und der Böllinger, die haben ihm bis zuletzt die Höll heiss gmacht, dann sind s fort - ausgstandn! (Gepresst, mit einem bösen Blick vor sich hin, wobei er unwillkürlich die Hände ballt.) Na, ich wollt nur... (Schrickt plötzlich in sich zusammen; unwillkürlich.) Gott verzeih mir d Sünd!
Leni.
Jesus, Georg, berufs nit! Denk - die vieln armen Leut, die mit dabei sind! Und wenn n Vatter und n Bertl was gschehet...heiliger Gott - die Mutter ginget ja nach im Augenblick...im Augenblick...!
Georg.
Wenn ihr nur der Franz nix sagt!?
Leni.
Der weiss schon, dass ers nit därf! So gscheit warn mir gleich! Nit einmal beredt ists worden vor ihr! Die hat ja kan Ahnung von der ganzen Sach!
Georg.
Na, dann sag ich halt auch: In Gotts Namen! s muss ja nix gschehn! Der Inschänör kann Recht bhalten - sein Sach versteht er sonst...aber - (wie von einer, immer wiederkehrenden
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Vorstellung besessen) Diesmal hätts den Liebmann...diesmal hätts ihn! Schad!
(Pause; dann)
Leni
(die sich, wie erwachend vor die Stirn schlägt).
Gott, ich steh da...und mein Annerl muss doch ihrn Thee habn, wenn s wieder aufkommen soll...(Tritt an den Tisch, und nimmt das Päckchen mit dem Thee an sich.) Ja, und dass ich nit vergess...(auf das Fläschchen mit den Tropfen weisend) Von den Tropfen da kriegt s fünf in ein Löffel Wasser - wenn s munter wird! Holz werd ich auch erst klein machn müssn...so ein arms, einschichtigs Mannsbild wie der Gruber-Vatter, hat ja nix beisammen! Und du brauchst ein Licht; finster wirds auch schon...(aufseufzend) Du liabe Zeit!
Georg (düster)
Lass! Der Kleinen könnts wehs thun, und ich - ich brauch kein Licht...so wies ist, ists mir grad recht! Wenn mir jetzt Eins ins Gsicht leuchtet - ich mein, ich müsst mich schämen heut! Aber s ist einmal so...ich kriegs nit los...(Fährt sich mit beiden Händen an den Kopf.) Alls kommt zurück - Alls -!
(In die, bisher dunkle Stube, fällt, von rechts oben, der Schein des, über die Berge heraufziegenden Vollmondes. Er fällt zuerst auf den Tisch, an dem Leni steht, gleitet von da in die Mitte der Stube, und huscht zuletzt, in einem blassen Streifen, über das Bett der Kleinen, deren Antlitz sich bleich aber scharf von den dunklen Zeugkissen abhebt.)
Leni
(die sich schon abgekehrt hat, um nach der Küche zu gehen).
Wie du willst, Georg, aber - (indem sie plötzlich an ihn herantritt, und mit der Linken nach dem Fenster weist) - schau, da schickt dir unser Herrgott selbst ein Licht, - und eins, vor dem sich Neamd zu schämen braucht! Meinst nit, s stehn jetzt auf dera Welt noch viele Leut wie du, und schaun da nauf, und spüren leicht dasselbe, was du dir nit z denken traust, wenn nit was Schlimmers? Dafür sein wir ja Menschen! Aber ob Einer jetzt wehthan hat, oder ob ihm weh gschehn ist, das Licht
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da drobn bhaltt Alls für sich, Und will nix als leuchten! Meinst nit, dass das auch an Antwort is und a Trost? Und dass s uns auf seine Weis halt sagn will: "Schauts, ich siach ja das Alls zusammen - und fall doch nit vom Himmel - und thua doch mei Pflicht - machts mirs nach, ös armen Hascher...ös! (Sie hat die letzten Worte wie aus einer innersten Erfahrung und Bewegung heraus mit zitternder Stimme gesprochen, worauf sie rasch, und ohne sich umzuwenden, zur Thür links hinauseilt.)
Georg
(der ihr mit herabhängenden Armen eine ganze Weile nachblickt).
Ja du - du kannsts! Aber ich! Nit einmal das könnt ich jetzt...ich bin ja - wie ein Verfluchter bin ich heut wieder! (Er lässt sich, mit dem Rücken gegen die Thür, in den Lehnstuhl vor dem Bett niederfallen, wo er, das Antlitz in den Händen vergraben, sitzen bleibt. - Kleine Pause. - Plötzlich fährt)
Annerl
(die bisher regungslos und anscheinend ruhig geschlummert, in die Höhe. Sie setzt sich in ihrem Bette gradauf und starrt eine ganze Weile mit weitgeöffneten Augen um sich. Dann, mit ängstlicher Hast).
Georg!!
Georg (aufblickend).
Jesus - Annerl - wachst wieder?
Annerl.
Was mir jetzt - träumt hat!
Georg
(ist aufgestanden; beruhigend).
Geh, geh, was wirds denn sein? Sag lieber, wies dir geht, ja? (Nach einer Weile, da die Kleine schweigt.) Die Leni ist auch schon da...soll ich s rufen?
Annerl (wie überlegend).
Ja -! (Da er sich entfernen will, plötzlich, in hervorbrechender Angst.) Nein - bleib da! Bleib da! Ich - fürcht mich so!
Georg.
Aber Annerl, wär nit aus! Bist doch ein so gscheits Mädl sonst!
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Annerl (keuchend).
Ordentlich - eng - wird mir - Alls!
Georg.
Mach ich halt s Licht an, weisst...dass d wieder Alls siehst, wie dus gwohnt bist - und gern hast - ja? (Zündet die, von Leni auf dem Tisch bereitgestellte Lampe an.) So, und da ist die neue Medicin...(Füllt einen Löffel mit Wasser und zählt langsam die Tropfen hinein.) Die wirst jetzt brav nehmen, gelt? Dass der Grossvatter eine Freud hat, wenn er heimkommt!
Annerl
(die anfangs gezaudert, mit lebhaftem Nicken).
Der Grossvatter - ja! (Schlürft rasch den Löffel aus.)
Georg
(da die Kleine, wie er ihr den Löffel abnimmt, scheu um sich blickt).
Was schaust denn so Annerl, sag?
Annerl
(mit einem furchtsamen Blick nach dem Fenster, rasch).
Und die Vorhäng - zieh auch zsamm!
Georg (unwillkürlich).
Und schaut der Mond so schön rein! Grad überm Gamsstein steht er! Der ist ganz blau davon...Magsts nit sehn?
Annerl
(das Gesicht in beiden Händen vergraben, entsetzt).
Mach zu - mach zu!
Georg
(während er die weissen Leinenvorhänge zuzieht).
Und hastn doch immer so gern ghabt den Berg, nit?
Annerl
(zieht langsam die Hände vom Gesicht, scheu).
Weisst - mir hat so teuflisch träumt davon!
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Georg
(hat sich wieder ans Bett gesetzt).
Vom Gamsstein? Geh, lasss sein! Der kann dir ja nix thun! Nit einmal rührn kann er sich!
Annerl
(die noch immer scheu zur Seite blickt, leise und stockend).
Grad so hab ich ihn gsehn...im Traum! So blau - und so hell - (sie schüttelt sich) - ordentlich kalt ist mir wordn davon! Und wie ich so hingschaut hab, - hat er auf einmal ein Gsicht kriegt - so alt und so...(die Schultern emporziehend, unbehaglich) ich weiss nit...(wie in plötzlicher Association, laut) Ja - grad wie dem alten Dutschka sein Gsicht wars! Und da herinn warn viele beisammen - viele! Alle, die ich halt kenn! Aber die habn das nit gsehn...und wie ichs ihnen sagen wollt, hab ich nit redn können! s war, als wenn mir Eins die Stimm festhaltet...Und auf einmal - (mühsam, und schon gegen die nahende Athemnot ankämpfend) hat der Berg - zu gehn angfangt! Grad auf uns zu - ist er kommen! Und die - habens noch immer nit gsehn! Ich wollt - davonlaufn...aber - da ist er schon - auf uns - gle...(Sie beginnt, beide Arme um sich werfend, wieder kramphaft nach Athem zu ringen.)
Georg (stützt sie).
Um Gotteswilln - -
Annerl
(sinkt wieder zurück, matt).
Ich kann schon wieder...
Georg (kopfschüttelnd).
Nit so viel redn sollst...das ists...! Wenn die Leni nur schon den Thee fertig hätt - (Da die Kleine sich plötzlich wieder gerade aufsetzt.) Spürsts wieder?
Annerl
(mit hoch emporgezogenen Schultern).
So bang ist mir halt!
114
Georg.
Wenn nur der Hustn nit wieder kommt -??
Annerl
(das Federbett von sich werfend, mit mühsamem Gekeuch).
Und so - heiss!! (Sie bleibt, das Köpfchen mit beiden Armen stützend, in sich zusammengekauert, sitzen.)
Georg
(der sie eine Weile besorgt und unruhig beobachtet, wendet sich nach der, in die Küche führenden Thür).
Ich will doch schaun, ob - (Im selben Augenblick wird die, von der Strasse hereinführende Thür leise geöffnet. Auf der Schwelle erscheint, in dunklen Reisekleidern, nur ein Täschchen am Gürtel, Marie Liebmann. Sie drückt mit der Linken langsam die Klinke ins Schloss, während sie, die Rechte unwillkürlich gegen die Brust pressend, mit einem einzigen Blick Georg und die Kleine umfängt.)
Annerl
(die erst mit weitgeöffneten Augen, starr und scheu wie nach einer Erscheinung auf die Eintretende blickt, noch unsicher).
Georg - da kommt - das ist ja...(Plötzlich die Arme von sich streckend, mit einem einzigen Schrei.) Marie!!
Marie
(ist, mit weitgeöffneten Armen, an dem, erschreckt sich zurückwendenden Georg vorüber, direkt auf das Krankenlager zugestürzt, vor dem sie ins Knie sinkt. Ausser sich).
Annerl - Schwesterl...! (Hat beide Arme um die Kleine geworfen; indem sie Annerl kosend hin- und herwiegt.) O du mein - Kind du! (Sie halten sich, in lautloser Seligkeit, eine ganze Weile umschlungen.)
(Pause.)
Marie
(erhebt sich endlich aus ihrer knienden Stellung; mit einem verwirrten Blick auf den, noch immer regungslos dastehenden Georg, unsicher).
Ich - dank Ihnen - Georg! Es ist schön, dass Sie - (mit einer unwillkürlichen Geberde der Rechten, als wolle sie ihm dieselbe entgegenstrecken) - dass Sie - - da sind! (Sie lässt, wie von einer plötzlichen Bewegung überwältigt, Kopf und Hand zugleich herabsinken.)
Georg
(der, mit ganzer Seele in ihrem Anblick versunken, dagestanden, wie ein Erwachender).
Ja - ich...(Ermannt sich plötzlich, tritt an das Bett und rückt ihr den Lehnstuhl zurecht.) Hier ist ein Stuhl! Die Gnädige Frau wird müd sein!
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Marie
(die einen langen, innigen Blick über die ganze Stube gehn lässt, mit verhaltener Seligkeit).
Aber gar nit...gar nichts spür ich! (Beide Hände ans Herz pressend.) Weil ich nur wieder da bin!
Annerl
(langsam in die Kissen zurücksinkend).
Bist gern wieder - da, Marie?
Marie
(hat beide Händchen der Kleinen ergriffen und ihren Kopf darauf gelegt).
O Gott...o Gott...!
Annerl
(zuckt plötzlich zusammen; dann, indem sie den Kopf müsam emporhebt, zart und leise).
Du - du weinst ja, Marie!
Marie
(unter leisem Schluchzen, stossweise).
Weil ich dich halt wieder hab, Annerl!
(Pause; dann)
Annerl
(mit geschlossenen Augen, wie verzückt).
Das -! Wenn das der Grossvatter sehn könnt!
(Sinkt wieder in die Kissen zurück.)
Marie (emporfahrend).
Ja, wo ist er denn, der Grossvatter? Er war doch sonst um die Zeit schon immer daheim...(Wendet sich mit einem forschenden Blick an Georg.) Drum bin ich ja auch gleich herkommen!
Georg
(ist, wie ausweichend, ans Fussende des Bettes getreten; zögernd).
Da war die Gnädigefrau noch gar nit auf der Direktion?
Marie (unbefangen).
Keine Spur! Grad bin ich ankommen! Der Stationsvorstand wollt noch um ein Wagn hereinschicken, aber ich bin
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lieber gangen...Es hat mich ja nimmer glitten! Ordentlich gjagt hats mich herein...dass ich nur nichts versäum! Ich wollt ja doch vorher mit dem Grossvatter redn! Und dann erst auf die Direktion gehn, zu meinem - (indem sie sich unwillkürlich abwendet) - meinem - Mann!
Georg.
Und der Herr Liebmann weiss -?
Marie.
Gar nichts weiss er! Von selbst bin ich kommen - ganz von selbst! Das Herz war mir so voll! Ich hab ja gar nimmer gwusst, wohin ich ghör! Grad, als wenn ich kein Dach über mir hätt! Und dabei immer die Angst, dass ich noch zurechtkomm, dass es nit gschieht!
Annerl
(die Hände der Schwester streichelnd, die sie noch immer festhält, matt).
Unsere - Marie!
Marie
Weisst nit, Annerl, wo der Grossvatter ist? (Da die Kleine schweigt, dringend, und wie von einer Ahnung beschlichen). Ist er - ist er vielleicht gar selbst auf der Direktion? (Unruhig.) Dann müsst ich gleich hin - weisst? Aber gleich! (Da die Kleine einen Versuch macht, sich an ihren Armen aufzurichten, wobei sie dieselben fester umklammert.) Gott, wie deine Handerln brennen! Und - (indem sie das Köpfchen der Kleinen, zurücktretend, gegen das Licht kehrt) - Ja, was ist denn das? Du - du bist ja grad weiss im Gsicht...oder - (tritt rasch an den Tisch und nimmt den Schirm von der Lampe; dann, die Hände zusammenschlagend, mit einem entsetzten Blick über die schattenhafte, ganz zusammengebrochene Gestalt der Kleinen) Heiliger Gott...Annerl! Was ist denn mir dir gschehn?
Georg (gepresst.)
Ja, sie ist wol recht - recht krank!
117
Marie
(mit herabsinkenden Armen, fassungslos).
Und der Direktor hat mir doch gsagt, es ging besser! Kein Mensch hat mich was wissn lassn...Niemand!
Georg.
Es war schon besser...Aber seit vorgestern ist der Hustn wieder da. Ganz wie im Winter!
Marie (stutzt).
Und da geht der Grossvatter nur so - nur so fort? Das kann ja nit sein!
Georg (ausweichend).
Sie war nie allein...gelt, Annerl?!
Marie
(beide Ärmchen der Kleinen emporhebend, die sie, in überquellender Zärtlichkeit, unter leisem Schluchzen abwechselnd küsst).
Die Armerln! So mager... So wachsern! Wie hat denn das gschehn können? s ist doch nit so lang her, dass ich fort bin von zu Haus! Und sie war doch gsund damals...ganz gsund! (Geräth immer mehr ausser sich.) Da ist was dahinter! Da wird mir was verschwiegn...das halt ich ja nimmer aus - (wie von einem plötzlichen Entschluss gepackt) Nein, nein! Jetzt muss er her! (Eilt mit raschen Schritten der Ausgangsthür zu.)
Annerl
(die schon eine ganze Weile, keuchend und mühsam, gegen einen neuen Anfall gekämpft, mit ersticktem Aufschrei).
Ma - rie!
Marie
(in der Mitte des Zimmers stehen bleibend).
Ich komm gleich zurück, Annerl! Nur meinen Mann hol ich, weisst? Der soll dir-
Annerl
(mit aller Gewalt gegen die sich steigernde Athemnot ankämpfend, und ausser sich vor Angst).
Nein! Nit - nit! Er - war ja - schon - da! (Neuer, andauernder Anfall, wobei sie die Schultern hochzieht, mit den Händen um sich wirft, die Brust bald hervorstreckt, bald krampfhaft einzieht).
118
Marie
(stürzt ans Bett zurück).
Annerl!
Georg
(eilt zur Küchenthür; hinausrufend).
Mach schnell, Leni!
Annerl
(ist, mit geschlossenen Augen und ganz erschöpft, in die Arme der Schwester zurückgesunken, wo sie, leise röchelnd, eine Weile unbewegt liegen bleibt. Plötzlich, mit starr auf Marie gerichtetem Blick und langsam erlöschender Stimme).
Wirst - wirst uns denn noch - anschaun mögn - wenn wir im - Armenleuthaus sein?
Marie
(macht einen verzweifelten Versuch, sie gewaltsam aufzurütteln).
Annerl - was redtst denn? So komm doch zu dir!
Georg
(der knapp neben Marie getreten ist, und keinen Blick von dem Kind lässt, finster).
Die Wahrheit redt s...und ich mein - (die Stimme versagt ihm) sie stirbt auch dran!
Annerl
(noch immer mit weit und starr geöffneten Augen).
Weisst - ich...mir wird so...und dann ist noch meine Dockn da - und dein Brief! Den hab ich - hab ich...(mit einem letzten Versuch, sich aufzurichten) aufgho-ben - -
(Fällt, mit einem unarticulirten Laut, schwer und zuckend in die Arme Maries zurück. Zu gleicher Zeit bricht ein dicker Strom dunkelroten Blutes aus ihrem Mund hervor, der über ihr Kinn und das Federbett langsam auf die Hände der sie von rückwärts umklammernden Schwester niederfliesst. - Sie streckt sich.)
Marie
(die wie besinnungslos auf den Blutstrom starrt, ohne sich zu bewegen).
Da kommt ja - Blut! Das ist ja ihre - Seel - die da fortgeht! (Pause; dann, indem sie sich plötzlich über die Tote wirft, mit wildem, gellendem Aufschrei) Annerl!!
Georg
(ist zu Häupten der Toten getreten).
Auch - die! (Indem er ihr die Augen zudrückt, mit versagender Stimme.) Bhüt dich Gott, Annerl!
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Marie
(richtet sich langsam empor; mit dem Ausdruck starrer, thränenloser Verzweiflung).
Aus ists - ja! s war halt wieder - (mit einem verzerrten Lächeln) ein Liebmann bei uns! Und wenn sie gar nichts gsagt hätt - das Blut da hätt mirs verrathen müssn...(mit einer Kopfbewegung nach dem anderen Bett hinüberdeutend) s ist ja von dort auch einmal so nuntergflossn... Die sorgn schon dafür, dass man ihre Weg nit vergisst...(Schlägt sich mit der Hand vor die Stirne.) Und während das gschehn ist, bin ich mitgangen! Denselben Weg! Hab mir s Herz ersticken lassn, von dem sein Geld! Von dem verfluchten - Geld! Ja ist denn Niemand da, der mir ins Gsicht spuckt?!
(Wirft sich, am ganzen Leib von einem krampfhaften Schluchzen erschüttert, kopfüber auf die Tote.)
Georg
(macht unwillkürlich eine Bewegung, als wolle er sie emporheben, tritt aber gleich darauf noch weiter zurück).
Ich mein...die Gnädigefrau thut sich selber zu hart! s wär auch so gschehn...nur nit so früh halt, vielleicht...
Marie
(ist emporgefahren; mit bittend gefalteten Händen).
Wenn du - wenn du mich jemals gern ghabt hast, Georg, dann sagst mir, was er da than hat! Denn sonst...ich könnt ja nimmer...
Georg
(mit einem, ihre ganze Gestalt umfangenden Blick, heiser).
Ich wollt, ich wüsst mehr - jetzt! (mit Bezug) Aber ich bin halt auch diesmal - zu spät kommen! (Nach einer Weile.) Wahr ist, dass s einen Streit ghabt habn miteinander...und dass der Gruber-Vatter drauf nach Kirchdorf ist, um sich und die Kleine fürs Armenhaus zu melden!
Marie
(schlägt die Hände vors Antlitz).
Für s - Armenjaus! Und - ich! Mir ist ja, als müsst ich in die Erd sinken! Und das hat sie anhörn müssn - eh s nüber ist! Und wer weiss, was s noch mitgnommen hat!
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Georg
(mit einem Blick auf die Tote vor sich hinnickend).
War halt ein arms Kind! Hat sich schämen müssen und weinen...bis zuletzt!
Marie.
Das ertrag ich ja nicht! Dafür soll er mir Red stehn...gleich...gleich! Und wenn ich mein eignes Kind lassen müsst! Und du - und Sie gehn mit, Georg! Von Ihnen soll er hören, was er than hat! Das wird er spürn! Das soll seine Straf sein - o Gott, - was sag ich? s ist ja noch nit die Hälfte gnug!
Georg (finster).
Wer weiss, ob ihn unser Herrgott nit eher findt!
Marie.
Wie?
Georg.
Er ist ja unten!
Marie (athemlos).
Wo?
Georg.
Mit den Andern...in der Josephsgrubn!
Marie
(mit gerade herabfallenden Armen, wie erstarrend).
Dann - war ja Alles umsonst!
(Pause; dann)
Georg
(mit plötzlich aufquellender Bitterkeit und einem herben Blick über Marie).
Aber das - Geld dann!
Marie
(mit einem Schrei).
Georg! Du - du schneidst mir ja s Herz voneinander! Du zertrittst mich ja ganz mit dem Wort! Hast noch nit gnug, dass d mich so vor dir stehn siehst? So armselig...so verflucht...
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so ohne Heimat - jetzt und für alle Zeit? Willst noch mehr? Gut! Hast ja ein Recht drauf...sollst es haben! (Indem sie sich langsam um sich selbst dreht, mit einem grossen Blick über die ganze Stube, die Tote, und Georg hinweg.) Ja - wahr ists! Da hätt ich bleibn solln...Beim Grossvater....bei ihr...und bei- (mit gefalteten Händen und einer Bewegung, als fürchte sie umzusinken) dir, Georg!
Georg
(der die, wie ohnmächtig Schwankende in seinen Armen auffängt, mit verhaltenem Jubel).
Marie! Unsere - Marie! (Im selben Augenblick ein heftiger, von einem dumpfen, unterirdischen Getöse begleiteter Erdstoss. Das Crucifix über dem Bett der Kleinen fällt von der Wand, die Fenster klirren. Aus der Küche ein Schrei Lenis. Georg und Marie fahren auseinander.)
Marie
(wie besinnungslos).
Das - war - ja -?
(Georg hat das Fenster weit aufgerissen. Man hört, über die Strasse herüber, die wirren Schreckensrufe der, aus ihren Häusern herausstürzenden Bergleute und das Gejammer der Weiber. Lichter flammen im Dunkeln auf und verschwinden wieder. Immer mehr Menschen erfüllen die Strasse und eilen einem, nach links zu denkenden, gemeinsamen Ziele zu.)
Leni (aus der Küche herein).
Jesus - Maria...der Vatter...mein Bruder!
(Sie stürzt, ohne nach rechts oder links zu schauen, händeringend durchs Zimmer und von da auf die Strasse hinaus. Die hinter ihr ins Schloss fallende Thür wird im nächsten Augenblick von.)
Böllinger
(aufgerissen, der, ohne einzutreten, hineinruft).
Schlagwetter! Kamraden raus!
Marie
(die die ganze Zeit wie gelähmt gestanden, kehrt sich mit flehend gefalteten Händen an Georg).
Wenns noch...wenns noch eine Hilf gibt, Georg, dann hilf!
Georg
(blickt sie, die Arme verschränkt, eine Weile stumm an; dann, ruhig nach seiner Kappe langend).
Warum nit? Wenn er auch raufkommen sollt - herobn hats ihm ja doch Alls zerschlagn!
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Franz Frommhold
(am Fenster vorbeieilend).
Kamraden raus!
Georg
Ich komm! (Ab.)
(Der Vorhang fällt.)


Vierter Akt

Die Scene zeigt einen, höhlenartig nach rückwärts verlaufenden Verhau, der, als Förstenbau von unten nach oben betrieben, mit dem eigentlichen Schacht und der Strecke durch Fahrten (starke Leitern) verbunden ist, die man aus der Teufe (Versenkung) über den Verhau hinaus sich fortsetzen sieht. Von rechts nach links und schräg gegen den Hintergrund verlaufend, ziegt sich wie ein mächtiger Halbbogen "das Hangende", so dass der eigentliche Abbau wie durch einen Alkoven sichtbar ist. Die letzten Sprossen der, aus der Tiefe heraufleitenden Fahrten führen unmittelbar auf eine, von der Gesteinmasse gebildete, natürliche Empore, von der man, wie erwähnt, rechts und links wieder zwei andere Fahrten nach dem nächst höheren Abbau emporstreben sieht. Auf der Empore selbst, ein schrägwinklig eingerammtes Brett, das den Bergleuten als Sitz bei der "Vor Ort"-Arbeit gedient. Ebenda wirr, und wie von Entflohenen weg- und durcheinander geworfen, das Gezäh: Fäustel, einfache und doppelte Keilhauen, sowie die, zur Grubenförderung verwendeten Körbe, deren einer, sammt seinem Inhalte über den Haufen geworfen daliegt. Liebmann in bergmännischer Kleidung. Später Georg.
Liebmann
(knapp am Rand der Empore, von wo aus er seine Sicherheitslampe wie ein Signal bald nach aufwärts, bald nach abwärts schwingt, wobei er abwechselnd hinab- und hinauf- lauscht).
Hilfe...Hil - fe -!! (Horcht wieder. Dann am rand niederkauernd, und mit heiserer Stimme in die tiefe hinab.) Kein Mann da? (nach einer Weile) Alles still...nur das Echo! (Springt auf, wischt sich den Schweiss von der Stirne, besieht sein Tuch.) Und überall dieses tote, trostlose Schwarz! Ah! (Er lässt die Lampe am Rand der Empore stehen und beginnt mit kurzen, raschen Schritten auf- und abzueilen. Bleibt wieder stehen, athmet lang und tief auf.) Einstweilen, freilich, ists ja genug, dass ich noch da bin! Grauenhaft...grau - en - haft war das ja! (Pause.) Aber ich hab doch die Fördermaschine gehn gehört? Ganz laut, fast nahe! (Beugt sich wieder hinab.) Da -? (die Arme schüttelnd) Endlich! (Schwingt aufs Reue die Lampe.) Hilfe! Hieher; Hilfe!
124
(Man hört über die, in die Teufe führende Leiter schwere, gleichsam zögernde Schritte heraufstapfen. Ein schwacher Lichtschein fällt vorauf. Dann)
Georg
(noch unsichtbar, mit heiserer, fast fremder Stimme).
Kamerad da?
Liebmann.
Hier, ja! Nur schneller, schneller!
Georg
(bereits über dem Rand des Berhaues sichtbar, wirft den Schein seiner Lampe auf den Rufenden. Liebmann, der ihm entgegenleuchtet, erkennt ihn, und prallt zurück. Längere Pause, während welcher sich beide stumm und regungslos messen. Endlich)
Liebmann.
Sie!
Georg
(ganz heraufsteigend).
Ja, Herr Liebmann...(auf die Empore tretend) ich!
Liebmann
(mit unsicherer Stimme).
Und die - und die - Anderen?
Georg
(hat seine Geleuchte auf das eingerammte Brett gestellt; während er sich Liebmann zukehrt und die Arme verschränkt, mit einem langen, durchdringenden Blick).
Die mit mir angfahrn sind, meinen S?
Liebmann
(beugt sich, hebt seine Lampe empor, stellt sie neben die Georgs. Mit gemachter Geschäftigkeit).
Zur Rettung, natürlich!
Georg
(immer mit derselben eisernen Ruhe).
Die sind Alle wieder über Tag; weil doch nichts mehr zu retten ist!
Liebmann
(starrt ihn eine Weile an, als verstünde er nicht. Dann, ausbrechend).
Zu - rück? Ja, sind die Leute so feig, oder - oder sind sie toll geworden? Und wer sagt Ihnen denn, dass Niemand mehr zu retten ist? Dass sich nicht noch Jemand irgendwohin geflüchtet hat, wie - wie ich? Oder halb betäubt auf der Strecke liegt, und nicht weiter kann?
Georg
(mit einem langen, gleichsam geniessenden Blick über Liebmann).
Der ist eben jetzt auch verloren!
Liebmann.
Was wollen Sie damit sagen?
Georg
(bewegungslos).
Was -?
Liebmann
(immer erregter).
So reden Sie doch, um Gotteswillen! Oder nein, noch besser: Führen Sie mich hinab, hören Sie? Zur Fahrkunst! Dort werd ich das Signal geben, dass man Andre hinablässt...ja! Die weniger feig sind!
Georg
(mit einem Lächeln).
Weniger feig!
Liebmann.
Also kommen Sie, kommen Sie!
Georg
(ohne sich zu rühren).
Das ist so, Herr Liebmann! Bevor ich selbst ins Feuer lauf, wart ich lieber, bis es mich einholt...(mit der Hand über die Stirne streichend, dumpf). Wenns schon sein muss!
Liebmann.
Herrgott! Wer will Sie denn ins Feuer schicken? Zur Fahrkunst hab ich doch gesagt!
Georg
(fest und wie abschliessend).
Die wird Niemanden mehr fördern...nit zu Tag und nit in die Teuf. Weder Sie, noch mich, noch sonst Einen!
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Liebmann
(förmlich starr).
Nicht zu Tag und -? (zornig) Ja, sind Sie denn auch bei Sinnen, Wirth?
Georg
(von einem plötzlichen Wutanfall geschüttelt).
Und weil s schon aus is...und in der ganzn Grubn auch für Ihnen nit mehr Platz, als S zum Hinlegn brauchn werdn...drum sag ich jetzt: Hörn S zum Schrein auf, verstanden?
(Er ist, die Arme mit den geballten Fäusten dicht an den Leib gepresst, während der letzten Worte knapp und wie drohend an Liebmann herangetreten).
Liebmann
(der ihn, totenbleich und wie gebannt angestarrt, taumelt förmlich zurück. Mit aneinanderschlagenden Zähnen).
Sie - Sie werden mich doch nicht -
Georg
(ohne den Blick von ihm zu lassen, hämisch).
Was werd ich?
Liebmann
(hat instinctiv eine, der am Boden liegenden Keilhauen an sich gerissen).
O ich...ich - weiss schon!
Georg
(versteht; mit unendlicher Verachtung in Ton und Geberde).
So, das meinen S? Ja, ja, das is immer Euer letzte Auskunst; drobn wenigstens! No, s läg noch gnug von dem Zeug da, auch für mich! (das ganze Gezäh über die Fahrt hinab in die Tiefe schlendernd) Aber - das brauchts jetzt nit mehr! Das kann i mir dersparn! Und das, was habn, können S bhalten, und - (während er sich den Schweiss von der Stirne wischt) Mit einm Wort: die ganze Gezeugstrecken brennt; und so sein mr halt alle Zwei gliefert!
Liebmann
(lässt die Keilhaue fallen; vernichtet).
Herr - gott! (nach einer Pause, mit hörbarem Gekeuche) Aber Sie...
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Sie sind doch heruntergekommen! Da müssen wir - müssen wir ja auch wieder zurückkönnen!
Georg.
runterkommen, ja! Aber wissen S, wie? Vor uns hats schon brennt; grad, dass d Förderung noch frei war! Aber das habn doch Alle gsehn, dass der Rauch und die Flammen d Wetter wieder schlecht machen, und z letzt entzünden müssen! Drum sein s ja wieder zrück! Grad nur ich und der Frommhold Franzl habn noch s Letzte gwagt. Er wegn seine Leut, und ich wegn n Kameraden, und weil ichs, - weil ichs versprochen hab. Wer weiss, obs nit doch glungen wär...aber auf einmal machts ein Kracher hinter uns, und wie ich zrückschau, is der Frommhold verschwundn, und Alls ein Rauch und eine Flammen, der ganze Förderschacht! Grad soviel Zeit hab ich noch ghabt, mich inn Marthaschacht neinzutappen und mei Lampen auszlöschen. Denn dort hab ich ja garbeitt bis heut, und da greift Unsereins d Fahrten auch im Finstern! Und so bin ich halt wieder weiter - bald krochen, bald grutscht, bald gstiegn, bis ich da war, und wieder bessre Wetter gspürt hab, und mi traut, wieder ‚s Geleucht zu nehmen! (mit einem düsteren Blick in die Flamme seiner Lampe) Aber was nützts? Grad nur, dass ma das Weilerl länger lebt!
Liebmann
(der ihn während der ganzen Erzählung bald entsetzt, bald ungläubig angestarrt, mit neu erwachendem Misstrauen).
Ich kann es nicht glauben! Sie - Sie lügen, Wirth! Sie wollen mich nur zurückhalten, solang es noch Zeit ist! Mich verderben...geben Sie Raum, dass ich hinunter kann!
Georg
(tritt zur Seite, achselzuckend).
Sie wern schon wieder raufkommen!
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Liebmann
(hat den Fuss auf die erste Sprosse der Leiter gesetzt. Mit einem Blick voll wahnwitziger Angst).
Sagen Sies doch, dass Sie - dass Sie lügen!
Georg
(lacht heiser auf; während er mit dem Ärmel über seine schweissbenetzte, russige Stirne fährt).
Mit dem Gsicht? Mit den Brandwundn aufn Händen? Schämen S Ihnen!
Liebmann
(noch immer auf der Leiter, mit einem verzweifelten Blick nach Oben und Unten).
Aber es muss doch einen Ausweg geben für uns, da oder dort! Wir können ja nicht so - so zu Grunde gehen! So ausgebrannt werden, wie das nächstbeste Ungeziefer!
Georg
(während er sich resignirt auf das Brett wirft, bitter).
Das is was Gwöhnlichs, da Untn! Und s war nit immer s Unziefer, das ausbrennt is, oder dersäuft, oder sonst wie gmartert!
Liebmann.
Aber Sie kennen sich aus hier! Denken Sie also wenigstens nach. Sie haben ja auch ein Leben zu verlieren!
Georg
(finster).
Das muss Unsereins sich jedn Tag vorsagn - und drum verliert ma nit d Hälfte so viel, als d andern Leut, wenns dann einmal wirklich so kommt!
Liebmann
(ist wieder auf die Empore zurückgetreten. Er stellt sein Geleuchte neben das Georgs, und beginnt wieder ratlos hin- und herzueilen. Plötzlich beide Hände vors Antlitz schlagend).
Wenn Sie gesehn hätten, was ich gesehen habe!
Georg.
Meinen S die, die S nuntergführt habn? Na, sehr nah können S nit gwesen sein dabei, sonst lebeten S nimmer!
129
Liebmann.
Dann wärs es wenigstens vorüber!
Georg.
Das glaub i selber, dass S weniger vorsichtig gwesen wärn, wenn S das vorausgsehn hätten, was jetzt kommt! So ein ehrenvolln Bergmannstod, für dens dann immer die schönn Gräber oben gibt, und d Musi, und n Bergknappenconduct, und d gfühlvolle Leichenred von n Werksdirektor oder Bürgermeister - und s "letzte Glückauf -".
Liebmann
(wie gefoltert).
Herr - gott! Übrigens...Sie haben Recht! Ich bin jetzt auch in Ihrer Gewalt! Also thun Sie sich endlich genug!
Georg.
Da müsst i erst a Herr sein, wenn mi dös gfreun thät! (Nach einer Pause.) Aber wenn S schon so gut Acht geben habn - was seind S denn dann nit gleich bis zur Fördermaschin glaufen, wie der Inschänör, und erst da rauf? Jetzt wärn S doch wenigstens oben, wie der Voltz - wenn S Ihnen auch verstecken müsseten, wie der!
Liebmann
(mit erstickter Sitmme).
Wir sind Alle nur Tiere, in einem solchen Augenblick; arme, verängstigte! Und wusst ich denn wohin?
Georg.
Ja, ja, das sein d Leut, die von n Häusern lebn, die s nit baut und nie gsehn habn! Da kann s schon gschehn alle heilige Zeit, dass sich einmal einer selbst drin fangt! Na, na, schaun S nit erst nauf...das is a Förstenbau! Von da bis über Tag iss gar weit! Da gibts kein Ausweg mehr. s Mächtige und s Hangende - das möcht zusamm so beiläufig der halberte Berg sein!
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Liebmann
(mit der Keilhane in genseenen Absätzen und mit voller Wucht an das Gestein pochend).
Aber - wenn wir - uns - melden?
Georg.
Wer soll denn das hörn? Und wenn der Voltz auch nit auf alln Vieren rauskrabelt und angspuckt wordn wär...wenn s noch ein Los auf ihn hättn, die Kamraden, und sie fangeten auch stantepete mitn Bohrn und Sprengen an - bis s auf uns kämen! Hören Ss?
(Aus der Teufe wird plötzlich ein heftiges Gezisch und Gebrodel hörbar. Zugleich schlägt ein metallisch-brenzlicher Geruch herauf.)
Liebmann
(hat entsetzt sein Antlitz verhüllt).
Georg
(nach einer dumpfen Pause, während welcher er hinabgehorcht).
Das warn die Bleirohr, von der Wasserhaltung! Die schmölzen jetzt ab!
Liebmann.
Ist das - ist das nahe?
Georg
(finster)
s is nit gut, Alls zwissen!
Liebmann
(Ist schwer auf den Sitz neben Georg niedergefallen).
Wenn es nur schon zu Ende wäre!
Georg
(hat sich erhoben, und steht mit verschränkten Armen, den Blick auf den in sich zusammengekrochenen Liebmann geheftet, eine ganze Weile regungslos da. Endlich, langsam vor sich hinnickend).
Ja...ja!!
Liebmann
(schrickt plötzlich zusammen; sieht das Nicken Georgs, und dass er aufgestanden ist. Mit gebrochener Stimme, aber gewaltsamer Selbstbeherrschung).
Es ist nur, weil man...weil man so warten muss darauf! (da Georg stumm bleibt) Sie sind aufgestanden, Wirth? Nun
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ja, ich kann mir, - kann mir vorstellen, was Sie jetzt denken von mir! Und dass Sie nicht sitzten mögen neben dem, der Ihre Kameraden -
Georg.
An n Baselli und n Dutschka hab i denkt! (schweigt wieder, nur seine Brust geht krampfhaft auf und nieder. Mit plötzlichem Ausbruch) Um die Zwei könnt i - könnt i heuln! Oder Ihnen derwürgen, ja...wenn wir nit allein da wärn!
Liebmann.
Der Voltz allein trägt die Schuld!
Georg.
Wem sein Vertraunsmann war denn das?
Liebmann
(athmet schwer auf).
Ja -! Aber gerade deshalb müssen Sie jetzt Alles wissen! Wie es geschehn ist...und dass ich trotz alledem in der Josephsgrube war, wenn ich auch noch da bin!
Georg.
Dass s einmal so kommen wird, habn Alle gwusst, und nit seit heut erst! Aber dass s so schnell gschehn is -?
Liebmann.
Nur anhören sollen Sie mich! Denn mir ist ja so -! Als wenn ich nicht sterben könnte; nicht einmal hier, bevor nicht wenigstens eine Seele weiss, dass ich nicht ganz so schwarz bin! (presst die Hände an die Stirne, wie grübelnd). Das ist keine Eitelkeit mehr, glaub ich! Denn Sie können es nicht weiter sagen, und die oben -. Die werden ja doch das Schlimmste glauben! Aber ich - kann nicht anders. Ich - muss! Ver - verstehen Sie mich, Wirth?
Georg
(streicht sich erst schweigend über die Stirne. Dann, mit merklich weicherer Stimme, wobei er unwillkürlich näher tritt).
Zum erstenmal, Herr Liebmann!
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Liebmann
(mit einem toten Lächeln).
Sie sagen noch Herr zu mir? Jetzt, wo wir beide bald -?
Georg
(leiser).
Ich glaub, ich habs noch nie so leicht gsagt!
Liebmann.
Weil ich jetzt gerade so elend bin, wie Sie, nicht wahr? Da klingt es fast wie ein Spass...oder noch schlimmer...Ja, ja, ich begreife, dass Ihnen das wohlthut!
Georg.
Dessentwegen meinen S? Dann verstehn Sie mich nit! Weil Ss bereun, und Ihnen noch schämen können. Nur deswegn...(während er sich wieder neben ihm niederlässt) Hernach, wie is also gschehn?
Liebmann.
Ja, das war so...als wir herunterkamen, wollte mich der Voltz gleich wieder weg haben; denn er meinte, das Beispiel hätt ich ja gegeben, und das Übrige wäre seine Sache. Aber ich wollte ja den Leuten nicht bloss einen Erust zeigen, sondern auch meinen - meinen guten Glauben. Und so blieb ich Unten. Während der ersten Schichtstunden ging Alles gut. Aber dann merkte man doch, dass die Luft schlechter wurde...so, ich weiss nicht -.
Georg
(mit einem forschenden Blick nach der Tiefe des Verhaus).
Wir werdenn bald gnug zspüren kriegen!
Liebmann
(gepresst und leise).
Was - schaun Sie so, Wirth?
Georg.
Sehn S den seinen, bläulichen Dunst da Oben? Nein, nit dort...da, ganz Obn, in der Förstenaushohlung? Das is der Schleier der heiligen Barbara!
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Liebmann.
Der Schleier -?
Georg.
No, s Grubengas, das aus der Teuf raufsteigt, immer mehr...immer dichter. Wir nennens halt so!
Liebmann
(hat beide Hände vors Antlitz gelegt; dumpf).
Gott - Gott!
Georg
(nach einer Weile).
Und wie wars weiter?
Liebmann.
Ja, Sie...Sie haben Recht! So vergisst man wenigstens! (Will weitersprechen, blickt aber, wie unter einem stärkeren Zwang immer wieder empor; schüttelt den Kopf, macht eine qualvoll-ratlose Bewegung mit beiden Armen, schweigt.)
Georg
(absichtlich lauter).
Und was hat denn der Voltz dazu gsagt? (Da Liebmann noch immer schweigt, wie aufrüttelnd.) Herr Liebmann!
Liebmann
(fährt sich langsam über die Augen; dann, mit gewaltsamer Selbstbeherrschung).
Ja! Weil der - weil der so gar nichts dergleichen that, machte ich ihn selbst darauf aufmerksam. Aber da lachte er nur, und meinte, ich hätte eben eine andere Lunge als die Häuer. Die wären ausgepicht; und solang nicht so und soviel Percent Grubengas in der Luft seien, könnten die noch immer athmen. (Wieder emporschauend, mit merklich schwererem Athemholen.) Ja!
Georg.
Und der Baselli?
Liebmann
Der schwieg, und stand mitten unter den Häuern. Bis es auch für ihn - (seine Stimme versagt).
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Georg.
Wenn S auf den ghört hätten! (nach einer Weile) Und zletzt?
Liebmann
(hat wieder emporgeblickt; zusammenfahrend).
Weil aber die Luft doch immer schlechter wurde - zusehends, frug ich den Voltz, ob es nicht Zeit wäre, die Leute - Leute abzucommandiren? Da nahm er meinen Arm, und führte mich aus dem Verhau heraus, auf die - ja, auf die Gezeugstrecke, und ging hin und her mit mir wie mit Jemandem, der sich doch nur umsonst fürchtet. "Aber die - aber die Lampen, Herr Voltz?" sagte ich.
Georg
(der während der Erzählung Liebmanns keinen Blick von der Höhe des Verhaus gewendet, ruhig).
Und - er?
Liebmann.
"Die brennen ja noch ganz klar!" gab er drauf zur Antwort. "Und wenn sich die schlechten Wetter dran entzünden?" frag ich noch einmal. "Denn ich, wissen Sie, ich möchte doch lieber ganz sicher gehn!" "Können Sie auch, sagt er, können Sie auch! Wir haben ja die Davyschen Sicherheitslampen!" Und fängt an, das System zu erklären, ein Langes und Breites, und lacht dazu...(Springt plötzlich auf und greift sich mit beiden Händen an den Kopf.) Und im selben Augenblick -!
Georg
(nach einer längeren Pause).
Entzünden sich doch die Wetter im Verhau, nit wahr?
Liebmann
Nur einen Schlag hat es gemacht hinter mir - aber der...Um nichts in der Welt mehr hätt ich zurückschauen können!
Georg.
Ja, ja! War ein sehr gscheiter Herr, der Voltz! Hat immer grechnet und grechnet...und Alls besser gwusst, und für
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Alls einn Grund angebn können und ein Ursach...(nach einer Pause, mit hartem Auflachen) Grad nur, dassn der Tod zum Narrn ghalten hat!
(Aus der Tiefe in rascher Aufeinanderfolge das schmetternde Aufschlagen mehrerer, mitsamt den Ketten herabstürzender, eiserner Förderschalen.)
Liebmann
Hören Sie...hören Sie?!
Georg.
Das warn die Förderkörb, vom Radgöpl...die sein jetzt in die Teuf gfallen!
Liebmann
(mit hörbar aneinanderschlagenden Zähnen).
Wie das - wie das wüten muss da Unten! (starrt wieder empor) Und hier -
Georg
(schraubt langsam erst seine Lampe, dann die Liebmanns herab; leiser, aber ruhig).
Ja...beim Athmen spürt mans auch schon!
Liebmann.
Sie drehn die - Lampen ab? Also ist es - ist es schon so weit?
Georg.
Kann sein, wir lebn länger um die kleine Vorsicht!
Liebmann
(in einem plötzlichen Paroxismus von Todesangst).
Aber ich will nicht, hören Sie? Ich - ich kann nicht mehr! Ich bin ja schon ganz zu Ende mit meiner Kraft! So sitzen und warten müssen auf das Fürchterliche; und es immer näher kommen sehen und hören wie ein Ungeheuer - (seine Haare raufend) und nicht auskönnen! Nein! (Im Dunkeln um sich tastend.) Da - da ist eine - eine Haue, Wirth -. Nehmen Sie die, so, und - und schlagen Sie zu! Wohin Sie treffen, nur schnell, ich - bitte Sie darum! Es ist ja so dunkel jetzt hier, da wagt mans leichter...und Sie haben mich ja immer gehasst -
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Georg.
Dunkel ists, ja -. So dunkel, wies einmal in meiner Seel war, wenn auch d Sonn dazu gscheint hat, und d Kinder glacht habn, und Alls blüaht hat Oben und sich gfreut! Und a Nacht hats geben, a Nacht...Sie wissen, dwelche, denn für Ihnen wars die schönste - da hätt ich Ihnen am liebsten so vor mir gsehn, wie S jetzt dastehn, und mit einm Hieb rausgholt aus Ihnern Glück! Und noch heut Abends, wie S fort sein mitn Kamraden...(Hält ein, streicht sich langsam über die Stirne; mit leisem, fast verwundertem Kopfschütteln.) Aber dös is ja jetzt Alls ganz anders! Fast so, als wenns ein Andrer gwesen wär, der mir dös anthan hat...und wie S jetzt dastehn, derbarmen S mir!
Liebmann
(mit einem irren Blick ringsum).
Nicht wahr? So - so eingefangen von dem, was doch mein Eigentum ist! So übertölpelt von diesem toten, tauben Schlund, der mir bis heute nur Geld heraufgespien, und immer wieder Geld! Der mich immer weiter gelockt hat, immer tiefer...und auf einmal fällt er zu hinter mir wie eine Falle; einfach zu! Und Alles, was ich besessen habe, wird ein Brand...ein einziger, fürchterlicher, der gerade mich einholt...(mit plötzlicher, wahnsinniger Lache) Aber das ist ja fast zum - lachen! Geradezu unmöglich ist das ja! Ich - ich träume wol -. (Hat, wie nach Luft ringend, seinen Hemdtragen abgelöst, und keuchend von sich geworfen.)
Georg.
Nein, Herr Liebmann, s is Wahrheit! Aber so eine, an der Einm die Augen aufgehn, plötzlich - und hernach weh thun davon! Was da Untn gschehn is - kann sein, s gschieht in nit allzlanger Zeit auch Obn - wenn einmal s Tote soviel Macht gwonnen hat über die Lebenden, dass s nimmer aus noch ein wissen aus dem Schlund von Sünd und Schand, der ihnen
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s Geld rausgspien hat, und immer wieder nur s Geld! Und dann wird eine grosse Thür zufalln, und viel Irrtum in Brand aufgehn - so schwarz und hart wie die Flötz da! Warum soll ich Ihnen zsamschlagn? Dös kommt ja Alls so natürli, so von - selber: da kann ich mit dem Beil auch noch das bisserl Hass neinwerfen!
(Ein fahl-blauer Lichtschein zuckt aus der Tiefe empor. Zugleich wird das Gesause der sich nähernden Flammen hörbar - wirr, aber fast melodisch, wie der ferne Gesang vieler, vieler Stimmen.)
Liebmann
(hat aufgehorcht).
Hören Sie? (mit weitgeöffneten Augen, erregt, wie im Paroxismus einer letzten Hoffnung) Aber das - sind ja - Menschen! Das - das kann ja gar nicht so weit sein!
Georg.
Die Flammen seins!
Liebmann.
Die so - singen?
Georg.
Und s Grubengas, ja! Unsre Leut sagen, es wärn die Seeln von die bergfertigen Kamraden, und die rufeten nachn Nächsten -. Aber das wern Sie natürlich nit glauben!
Liebmann.
Dort Oben hab ich gelacht darüber. Aber - worüber lacht man nicht, solang Einem die Sonne scheint? (Da Georg seine Kappe abnimmt.) Wird Ihnen auch so - so heiss auf einmal?
Georg
(ausweichend).
Nit deswegen -.
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Liebmann.
Sie grüssen also Ihre - Ihre Toten?
Georg
(hat auch die Hände gefaltet; schlicht).
Iss was s is - s ist die Erlösung!
Liebmann
(schweigt eine Weile, dann, mit einem plötzlichen Schrei).
Und mein Weib...mein Kind!
Georg.
Ihr Kind wird das verspieln und verschlafn! Und die Marie...(zögert eine Weile; dann, ruckweise, gleichsam schonend) Herr Liebmann... s könnt leicht sein, Sie finden eine Andre wenn S naufkämen, als die, die S zrückglassen habn!
Liebmann.
Was - wissen Sie?
Georg.
Die liegt jetzt über der Leich von ihrer Schwester, und verflucht, was than hat!
Liebmann
(macht erst krampfhafte Bewegung mit beiden Armen; dann, mit gewaltsamer Beherrschung).
Ich - dank Ihnen, Wirth! Sie - Sie haben mir das Sterben leicht gemacht! Sie freilich - sind noch jung -
Georg.
Wer immer nur s Alter zfürchten hat, hat ka Jugend zu verlieren!
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Liebmann
(mit sichtlich erschwerter Athmung).
Wie die Luft plötzlich - drückt! Es ist ja, als - wäre keine - da mehr! Und dieses Flimmern...(taumelt, tastet um sich gleitet nieder) Fast wie in der Josephs...(plötzlich) Luft!! (tiefes, röchelndes Ziehen)
Georg
(beugt sich, selbst schon betäubt, über ihn).
Den hats schon gworfn! (auf das Brett sinkend, während er beide Hände vors Antlitz legt) Gehn mr halt, in Gottes Namen!
(Eine riesige Flamme zuckt empor. Man hört einen Augenblick das Prasseln der von ihr ergriffenen Leitersprossen - im nächsten explodirt mit donnerndem Gekrach das in dem Verhau angesammelte Kohlengas. Während Rauch und heller Flammenschein die Scene verhüllt, sinkt rasch
der Vorhang.)
Fin.


HILF MIT !!!
Typewriter Mac.png
Eigene Texte hochladen

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