Sexualitaet Macht Tod-t - Vampir - Clemens Ruthner - 2002

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SEXUALITÄT MACHT TOD/T ·
Prolegomena zu einer Literaturgeschichte des Vampirismus
Dr. Clemens Ruthner (Autor) · Antwerpen / Wien 2002 ()

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Sprache: Deutsch · Version: v1.00 (Volltext)
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Dr. Clemens Ruthner: SEXUALITÄT MACHT TOD/T . In: eLib.at (Hrg.), 22. Juli 2019. URL: http://elib.at/
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Geschichte · Völkerkunde · Ethnologie · Mythologie · Fabelwesen
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Wir bedanken uns bei Clemens Ruthner für die Erlaubnis zur Veröffentlichung dieses Beitrags.

SEXUALITÄT MACHT TOD/T

Prolegomena zu einer Literaturgeschichte des Vampirismus

Dr. Clemens Ruthner
Antwerpen / Wien
2002
redigierter Auszug aus: Ruthner, Clemens: Am Rande (geschrieben). Kanon, Peripherie und die Intertextualität des Marginalen am Beispiel der (österreichischen) Phantastik im 20. Jh. Wien: Diss.[masch.] 2001. Eine Druckfassung dieser Arbeit erscheint 2002 bei Francke (Tübingen).
Erstveröffentlicht bei Kakanien.ac.at
PDF-Version des Beitrages auf Kakanien.ac.at


S'il y eût jamais au monde une histoire garantie et prouvée, c'est celle des vampires. Rien ne manque: rapports officiels, témoignages de personnes de qualité, de chirurgiens, de prêtres, de juges: l'évidence est complète. (Jean-Jacques Rousseau)


Die Kunst versieht nebenbei die Aufgabe, zu konserviren, auch wohl erloschene, verblichene Vorstellungen ein wenig wieder aufzufärben; sie flicht, wenn sie diese Aufgabe löst, ein

Band um verschiedene Zeitalter und macht deren Geister wiederkehren. Zwar ist es nur ein Scheinleben wie über Gräbern, welches hierdurch entsteht, oder wie die Wiederkehr geliebter Toten im Traume: aber wenigstens auf Augenblicke wird die alte Empfindung wieder rege und das Herz klopft nach einem sonst vergessenen Takte. (Friedrich Nietzsche: Menschliches Allzumenschliches I, § 147)


1. Untote Künste: die Masken des Anderen

Kunst fungiert seit jeher auch als »Todtenbeschwörerin« (F. Nietzsche). Dies gilt in verschärfter Form für das periodisch wiederauflebende Genre der Gespenstergeschichte, deren Phantome nicht nur das ›Kulturelle Gedächtnis‹ – buchstäblich – heimsuchen, sondern dieses sogar auf eine bestimmte Weise verkörpern; neben den luftigen Geistern der Verstorbenen sind es hier insbesondere die mit einem Leib ausgestatteten Vampire, die häufig mit einer rätselhaften Attraktivität, zugleich aber mit einer umso größeren Unseriosität begabt zu sein scheinen: Ausgeburten eines kulturgeschichtlich marginalisierten Irrationalismus aus (Süd-)Osteuropa, der (markt-)strategisch herbeizitiert wird.

So ist es auch kein Zufall, daß sich – bedauerlicherweise – v.a. obskure Privatgelehrte dieses Wesens angenommen haben. Unter ihnen findet sich etwa der britische ›Reverend‹ Montague Summers (1880-1947), ein okkultistischer Sachbuchautor, der gerne im katholischen Ornat posierte, ohne je die Weihen dafür empfangen zu haben, und der sich alle Mühe gab, in zwei Standardwerken zum Thema[1] den Vampir als de(kon)struktiven, anziehenden wie abstoßenden Grenzgänger mehr auratisch zu beschwören denn folkloristisch zu definieren:

Throughout the whole vast shadowy world of ghosts and demons is no figure so terrible, no figure so dreaded and abhorred, yet dight with such fearful fascination.[2]

Die Mittelposition, die der Vampir zwischen radikalen Gegensätzen einnimmt und dadurch aufhebt, ist eine Lagebestimmung, mit der sich der unechte Priester Summers offensichtlich selbst identifizieren konnte: Der Vampir sei per definitionem »neither ghost nor demon but yet who partakes the dark natures and possesses the mysterious and terrible qualities of both«[3]. Der Vampir ist ein Bewohner zweier Welten, und zwar nicht nur ein Grenzgänger zwischen der Zivilisation der Lebenden und dem Totenreich. Noch ein Gegensatz wird in dieser Figur aufgehoben: Der Vampir ist einerseits ein textuelles Wesen (»for he is a thing which belongs to no world at all«[4]); auf der anderen Seite wird jedoch immer wieder im Gegensatz zum traditionell immateriellen Gespenst seine verstörende Körperlichkeit behauptet – so auch bei Summers:

[he] has a body and it is his own body. He is neither dead nor alive; but living in death.

He is an abnormality; the androgyne [!] in the phantom world; [...]

The object of the vampire is to suck blood.[5]

Trotz der mangelhaften wissenschaftlichen Reputation ihres Urhebers ko(e)nnten sich auch die meisten ernstzunehmenden Forscher vor und nach Summers dieser Definition anschließen.[6] Norbert Borrmann, ein weiterer Nebenerwerbsvampirologe, hat zusätzlich darauf hingewiesen, daß – noch ehe er in die Belletristik gelangt – der Vampir in Narrativen der Folklore bereits (mindestens)

Merkmale aus fünf verschiedenen Kategorien magischer Glaubensvorstellungen in sich

vereint: Erstens die Wiedergänger; zweitens die alp-ähnlichen, nächtlich heimsuchenden Geister; drittens Wesen von der Art der blutsaugenden Stryx des Altertums; viertens Hexen aus slawischen und balkanischen Gebieten, die auch nach ihrem Tod noch Schaden anrichten und fünftens die Werwölfe [...].[7]

Es hat auch nicht an Versuchen gefehlt, den Vampirismus als Phantasma einer religionswis senschaftlichen oder sozialpsychologischen Erklärung zuzuführen: Wiederholt wurde anhand der Bibel (AT: Gen 9, 4; Dtn 12, 23; u.a.) auf die alte Vorstellung verwiesen, wonach das Blut der Sitz des Lebens sei.[8] Es ist also das, was den Toten fehlt, ihr Treibstoff gewissermaßen – wie sich anhand der berühmten Odyssee-Stelle zeigen läßt, wo die Geister der Abgeschiedenen mittels eines Tieropfers herbeizitiert werden können (XI. Buch, vv. 34-43). Wiederholt wurde aber auch der Parallelismus zwischen dem Säugen von Neugeborenen an der Mutterbrust und dem Blutsaugen der Vampire herausgearbeitet, m.a.W.: der oral-regressive bis sadistische Zug hinter dem untoten Treiben.[9]

Die europäische Literatur blickt inzwischen auf mehr als ein Viertel Jahrtausend Vampir- Einfälle zurück, und dies im doppelten Sinn des Wortes: 1998 war es genau 250 Jahre her, daß das erste bekanntgewordene Vampirgedicht der Literaturgeschichte publiziert wurde, Heinrich August Ossenfelders Mein liebes Mägdchen glaubet. 1997 indes waren gleich zwei einschlägige Jubiläen zu begehen; es jährte sich das Erscheinen von Goethes Schauerballade Die Braut von Korinth im Musenalmanach zum zweihundertsten und jenes von Bram Stokers berühmtem Vampirroman zum hundersten Mal, wobei Los Angeles zum Schauplatz der Dracula 97 wurde, eines schaurigen Kongresses von universitär gebildeten Vampirologen, aber auch verkleideten Fans, Goths und Laien.[10]

Der untote und meist nachtaktive Blutsauger, den wir uns gemeinhin unter dem vermutlich slawischen Lehnwort ›Vampir‹[11] vorstellen, ist denn auch nicht nur das Paradegespenst der Aufklärungsära[12], eine trivialisierte Schwundstufe des Numinosen in säkularisierten Zeiten; er scheint ebenso wie geschaffen für das Lebensgefühl der heutigen Milleniumsgeneration, wie z.B. die amerikanische Folkloristin Norine Dresser und der Psychotherapeut Daniel Lapin auf jenem kalifornischen Kongreß zu betonen nicht müde wurden. Es dürfte die Polyvalenz des in hundert Jahren kein einziges Mal vergriffenen Dracula-Romans u.a. einschlägiger Texte sein, die dem postmodernen Pluralismus besonders zusagt (und die eine veritable akademische Interpretationsindustrie[13] angekurbelt hat). Laut Dresser hat der Publikumserfolg des Vampirs seit der späteren Nachkriegszeit aber auch damit zu tun, daß der Vampir wie kein anderer die Leittugenden und -phantasmen einer amerikanisierten Zivilisation verkörpert – ewige Jugend und Erfolg, d.h. Macht, Durchsetzungsvermögen und sexappeal:

The three major attractions of the vampire are totally compatible with American ideals of power, sex, and immortality. [...] It appears that American vampires are perfectly suited to this culture. They reflect those values which many Americans hold dear. They like to succeed. They always get the girl.[14]

Mit der intensiven Rezeption von Stokers Dracula-Roman (1897) gelangte aber auch ein Stück beinahe vergessener (süd)osteuropäischer Kulturgeschichte zurück ins ›Kulturelle Gedächtnis‹ ‹‹ des Westens. Hierbei gilt es gemeinhin als das genuine Verdienst des anglo-irischen Autors, die Historie des grausamen Territorialfürsten Vlad Dracula (1431-76)[15] aus dem Gebiet des heutigen Rumänien literarisch mit dem Vampirglauben kontaminiert zu haben.[16] Bei dieser Übernahme wurden einmal mehr selbstgeschaffene und -stilisierte Kulturgrenzen in Europa gleichermaßen überschritten wie narrativinszeniert, nämlich jene zwischen einem ›abergläubischen‹ Osten und einem ›aufgeklärten‹ Westen.

Der Vampir ist auch bei Stoker schon der Außenseiter, der aus dem Jenseits – oder vielmehr: aus einem intermediären Zustand zwischen Leben und Tod – ersteht, Grenzgänger und Randfigur, wie geschaffen, um sich mit diversen Diskursen aufzuladen, die der Provokation eines ›Zentrums‹ dienen. Von seiner Herkunft aus alter Folklore haftet ihm etwas faszinierend wie abstoßend Archaisches an; im Gegensatz zu den kommunikativen Geistern des Spiritismus im 19. und 20. Jh. etwa, die sich auf Tonbänder und photographische Platten bannen lassen, muß der Vampir lange Zeit eines eigenen Spiegelbildes entbehren, bevor er als Kunstfigur zum Filmstar wurde. Als Signifika(n)t mit vager Referenz hält er im kulturellen Gedächtnis eine Leerstelle des Anderen, des Ir(r)-Rationalen frei, das jenseits kulturell definierter Grenzen liegt – Leerstellen, die in verschiedenen Diskursen unterschiedlich besetzt werden können.

Ehe es freilich soweit kommt, muß der Vampirismus mehrere Dimensionen einer kulturellen Aneignung erreicht haben: Er hat eine mythologisch-folklorische[17] (1), eine ›historische‹ [18] (2), eine literarische[19] bzw. filmische[20] (3) sowie schlußendlich eine populärkulturelle[21] Phase (4) durchlaufen, die die Phantasmen und die Phantastik kulturindustriell weiterverarbeitet hat und aus ihnen Sujets für Werbekampagnen ebenso generiert wie Identifikationsvorlagen für fandom. Der deutschen Sprache bzw. der deutschsprachigen Kultur kommt bei diesem jahrhundertelangen Prozeß – ähnlich wie im Fall Draculas – die Funktion einer heimlichen Initialzündung zu; dies hat v.a. mit den damaligen Herrschaftsverhältnissen zu tun, war doch Deutschland bzw. das Habsburger Reich gewissermaßen der hegemoniale Türhüter auf dem Weg von (Süd-)Ost-nach Westeuropa.


2. Austrian X-Files: die historischen Einnistungen des Vampirs im ›Kulturellen Gedächtnis‹ Europas

Die Stunde der Vampire läßt sich ziemlich genau datieren. Im Frühsommer 1725 und im Winter 1731/32 hatte der stellvertretende [österreichische] Militärkommandant von Serbien, Obrist Marquis Botta d’Adorno, sich mit äußerst merkwürdigen Erscheinungen in zwei Dörfern der erst wenige Jahre zuvor von Österreich okkupierten Provinz zu beschäftigen. Berichten der zur Untersuchung entsandten Feldärzte zufolge behaupteten die Dörfler, daß als »sogenan[n] Vampyrs« wiedergehende Tote »einige Personen durch ausßaugung des Bluts umbgebracht haben sollen« [sic]. Durch verdeckte und offene diplomatische Kanäle – Korrespondenzen und Zeitungen also – eilte diese Nachricht lauffeuerartig durch Europa, sie wurde von Gelehrten und [...] Akademien fast aller westlichen Länder diskutiert, begutachtet und vor allem in zahlreichen Traktaten etwa »über das Kauen und Schmatzen der Toten« publiziert. Innerhalb weniger Jahre wurde das serbische [?] Wort Vampir in alle westlichen Sprachen aufgenommen, die Vorstellung faszinierte später die Dichter der europäischen Romantik, die moderne Kulturindustrie zehrt bis heute von dem Motiv.[22]

Es bedurfte im 18. Jh. mehrerer spektakulärer Fälle in Südost- und Zentraleuropa, damit der wohl prominenteste Revenant der westlichen Kultur aus dem Gruftdunkel regionaler Folklore quasi ins Leselicht einer entstehenden bürgerlichen Öffentlichkeit treten konnte.

Blutsaugende dämonische Wesen gibt es zwar schon in der antiken Dämonologie[23] – die altgriechische Lamia bspw., die römischen Striges oder etwa Lilith, die erste Frau Adams in jüdischen Apokryphen zum Alten Testament; weitere (innereuropäische[24]) Korrespondenzen mit dem Vampirismus finden sich im Wiedergänger- und Nachzehrerglauben[25], wie er insbesondere zu Pestzeiten im Mittelalter und in der Frühneuzeit auftritt. Sensu stricto jedoch beginnt in Europa ein allgemeines Bewußtsein dessen, was ein ›Vampir‹ ist, erst in den Jahren um 1732, im Kontext von dokumentierten Vorkommnissen auf dem Balkan, wo sich Dorfbewohner von ihren toten Angehörigen heimgesucht und gefährdet fühlten; es handelt sich dabei um südsla wische Territorien, die nach den Türkenkriegen eine Zeitlang unter österreichischer Besatzung standen, genauer gesagt: um das Dorf Kisolova im slawonisch-bosnischen Grenzgebiet und das Dorf Medvegya/Metwett in Südserbien.[26]

Hier waren es zunächst die kaiserlichen Militärbehörden, die vor Ort eine erste fact-finding- Mission durchführten, als in den Dörfern Massenpanik, Grabschändungen und ein Bevölkerungsexodus als Folge von unerklärlichen Todesfällen die öffentliche Ordnung erschütterten. Die aus diesem Anlaß (und später) entstandenen amtlichen Berichte, die heute noch im Wiener Staatsarchivaufbewahrt werden, stellen gewissermaßen die ›X-Files‹ der Aufklärung dar;[27] sie verbreiteten sich v.a. durch Zeitschriften wie ein Lauffeuer in ganz Europa und wurden so zu einer Art »early ›media-event‹«, wie dies Paul Barber[28] treffend genannt hat. Häufig zitiert wurden und werden in diesem Zusammenhang v.a. die Protokolle der österreichischen Feldärzte Glaser und Flückinger über den wohl berühmtesten ›historischen‹ Fall von Vampirismus, der um 1727 seinen Lauf genommen hatte.[29]

Es begann damit, daß der zugereiste Heiduck[30] Arno(l)d Paole in Medvegia[31], einem Dorf südlich von Belgrad, klagte, daß er von einem türkischen Vampir verfolgt werde. Alle Abwehrmaßnahmen blieben erfolglos; der serbische Wehrbauer starb an den Folgen eines Arbeitsunfalls (Sturz vom Heuwagen) und begann nachher selbst seine Umgebung als Wiedergänger heimzusuchen. 40 Tage nach seinem Tod wurde sein Leichnam deshalb exhumiert und vor einer improvisierten Kremation gepfählt, »wobey er einen wohlvernehmlichen Gächzer gethan« (heutige Pathologen versichern uns, daß Leichengase für derartige Laute verantwortlich gewesen sein dürften). Bald jedoch waren weitere Opfer zu beklagen; Flückinger beschreibt in seinem denkwürdigen Bericht Visum et Repertum u.a. auch die vermeintlichen Todesursachen, die an Joh. Heinrich Füsslis berühmtes Gemälde Die Nachtmahr (1781) gemahnen – und tatsächlich besteht folkloristisch gesehen auch eine gewisse Verwandtschaft zwischen dem Vampirglauben, dem Glauben an teuflische Buhlgeister (incubi bzw. succubi)[32] sowie den Mahr-, Alp-, Trud- und Aufhockersagen, [33] wie wir sie aus dem alpinen Raum kennen:


Dabey meldet der Heyduck Jowiza, daß seine Schwieger-Tochter, Nahmens Stanoi[c]ka, vor 15 Tagen sich frisch und gesund schlaffen geleget, um Mitternacht aber ist sie mit einem entsetzlichen Geschrey, Furcht und Zittern aus dem Schlaff aufgefahren und geklaget, daß sie von einem vor 9 Wochen verstorbenen Heyducken Sohn [...] seye um den Hals gewürget worden, worauff sie einen grossen Schmertzen auf der Brust empfunden, und von Stund zu Stund sich schlechter befunden, biß sie endlich den dritten Tag gestorben.[34]

Als die alptraumartige Heimsuchung durch mutmaßliche Revenants nicht abriß und die Bevölkerung zunehmend beunruhigte, wurden am 7. Januar 1732 in Anwesenheit einer von Flückinger präsidierten Kommission (bestehend aus österreichischen Feldschern und Offizieren) etliche Tote – unter ihnen jene Stanoicka – exhumiert, wie dies schon Glaser getan hatte. Die Leichen befanden sich in einem ähnlich beunruhigenden Zustand wie jene des Heiducken Paole oder die des Peter Plagojevic [andere Schreibweise: Plogojowicz] in Kisolova 1725, welche bereits der Kameralprovisor Frombald in einem später veröffentlichten Brief an ein Wiener Verwaltungsorgan beschrieben hatte, dessen man sich jetzt wieder erinnerte:

der Cörper ausser den Nasen, welche etwas abgefallen, gantz frisch; Haar und Bart, ja auch die Nägel [...] an ihme gewachsen; die alte Haut [...] hat sich hinweg geschellet, und eine frische neue darunter hervor gethan; das Gesicht, Hände und s.v. Füsse, und der gantze Leib waren beschaffen, daß sie zu Lebzeiten nicht hätten vollkommener seyn können. In seinem Mund hab nicht ohne Erstaunen einiges frisches Blut erblickt, welches, der gemeinen Aussag nach, er von denen, durch ihme umgebrachte, gesogen.
[...] Nachdem [...] der Pövel aber mehr und mehr ergrimter als bestürtzter wurde, haben sie gesamte Unterthanen in schneller Eil einen Pfeil gespitzet, solchen, dem Todten-Cörper zu durchstechen, an das Hertz gesetztet, da dann bey solcher Durchstechung nicht nur allein häuffiges Blut, so gantz frisch, auch aus Ohren und Mund geflossen, sondern andere wilde [!] Zeichen[35] (welche [ich] wegen hohen Respect umgehe) vorbeygegangen; sie haben endlich oftermeldeten Cörper, in hoc casu gewöhnlichem Gebrauch nach, zu Aschen verbrennet.[36]

Die Diagnose ›Vampirismus‹ wie auch die zu treffenden therapeutischen – oder vielmehr: apotropäischen – Maßnahmen sind in den Fällen Plagojevic, Paole et al. die nämlichen: Pfählen und/oder Köpfen sowie die Kremation der verdächtigen Leichen. Überhaupt ist an Protokollen wie den genannten auffallend, wie sehr die Texte quasi einander ›infizieren‹ und sich solchermaßen sprunghaft vermehren (worin sie den ›gefährlichen Toten‹ gleichen, die sie beschreiben),

d.h. wie jegliche Realitätsprüfung abnimmt und durch intertextuelles Zitieren ersetzt wird.[37] Dies ist ein im Umgang mit sog. ›paranormalen Phänomenen‹ wie z.B. UFO-Sichtungen heute noch geläufiges Phänomen, und angesichts dessen ist auch die zu Aufklärungszeiten häufige Frage, was denn zuerst sei – Gespenst oder Gespenstergeschichte? – gar nicht so abwegig.[38]

Auf die beschriebene Weise entsteht jedenfalls historisch gesehen ein erstes verbindliches Motivtableau des Vampir(ismu)s in Europa, das über gelegentliche folkloristische Sichtungen und regionale Kuriosa hinaus eine gewisse – amtlich und publizistisch gefestigte – narrative Grundstruktur entwickelt hat. Denn ähnliche Fälle wie die zitierten häufen sich im 2. Drittel des 18. Jhs. insbesondere auf habsburgischen Territorien – nicht nur in jenen den Türken abgewonnenen südslawischen Gebieten, die 1718 nach dem Frieden von Passarowitz zeitweilig unter österreichische Verwaltung gekommen waren, sondern auch in anderen Grenzregionen des Reiches: im Banat, in Siebenbürgen sowie in Schlesien und Mähren.[39] Nachdem in letzterem Kronland einige der Magia posthuma verdächtige Leichname sogar auf Anordnung hoher kirchlicher Autoritäten aus Olmütz verbrannt worden waren, verfügte schließlich die Kaiserin Maria Theresia – nach Konsultation ihres berühmten Leibarztes Gerhard (Gérard) Van Swieten[40] – in einem Erlaß vom 1. März 1755,

daß künftig in derley Sachen von der Geistlichkeit ohne Concurenz des Politici nichts vorgenohmen, sondern allemahl, wann ein solcher Casus eines Gespenstes, Hexerey, Schatz-Graben, oder eines angeblich vom Teüffel Besessenen vorkommen sollte, derselbe der politischen Instanz soforth angezeiget, mithin von dieser mit Beyziehung eines vernünfftigen Physici die Sache untersuchet, und eingesehen werden solle, ob, und was für Betrug darunter verborgen, und wie sodann die Betrüger zu Bestraffen seyn werden.[41]


Damit schwinden bis 1770 tatsächlich die Zwischenfälle bzw. ihre Thematisierung; eine aufgeklärte Wissenschaft und Verwaltung haben mit Machtmitteln gewissermaßen einen Etappensieg gegen jene seltsame Allianz von Religion und ›Volksglauben‹ davongetragen und den Vampir wieder marginalisiert. Aus dieser sicheren Endlagerung heraus kann jener als quasi wegrationalisierte Randfigur später literarisch-innovativ wirksam werden und dem angenehmen Gruseln seiner Leser dienlich sein.

Ohne die vorzüglichen Studien von Gábor Klaniczay und Klaus Hamberger hier allzusehr paraphrasieren zu wollen, sei noch kurz darauf hingewiesen, daß die historischen Fälle von Vampirismus in Mittel- und Südosteuropa eine psychosoziale Struktur aufweisen, die an Fälle von ›Geisterbesessenheit‹ im heutigen Afrika erinnert, wo sich ein kollektiver Konflikt im Medium des Glaubens abbildet und Sündenböcke anbietet:[42] Beim Vampirismus sind dies – vergleichsweise harmlos – Leichname und nicht lebende Personen wie bei Pogromen oder auch beim Hexenwahn, den der Glaube an untote Blutsauger historisch gesehen abgelöst hat.[43]

Die Sozialgeschichte zeigt jedenfalls – v.a. auf dem Balkan – einen Hintergrund, der empfänglich für Massenhysterien scheint:[44] Die Nachkriegszeit nach den Feldzügen gegen die Türken bringt nicht nur eine schlechte Versorgungslage der Bevölkerung und Epidemien[45] mit sich, sondern ebenso einen gesellschaftlichen Umbruch nach dem Machtwechsel. Im Zuge der österreichischen Okkupation kommt es zur De-Islamisierung, zum schwelenden Religionsstreit zwischen katholischer und orthodoxer Kirche[46] sowie generell zu einer Art von Kulturkampf zwischen den ›befreiten‹ Südslawen und ihren neuen österreichischen ›Kolonisatoren‹[47]. Eine grosse Rolle dürfte bei den zitierten Vorfällen auch dem ›ethnographischen‹ Kontakt zwischen verschiedenen Sprachen respektive Volksgruppen zukommen, zwischen denen ein hegemonial inszeniertes Gefälle von ›Aufklärung‹, ›Zivilisation‹ o.ä. besteht. Der Vampirismus kommt also nicht allein aus einer diskursiven Randzone der Aufklärung, sondern seine Invasion erfolgt auch nicht von ungefähr von deren geographischer Peripherie, der Militärgrenze des ›christlichen Abendlandes‹.


Vampir-Folklore bzw. weitere ›historische‹ Fälle von Vampirismus sind wohlgemerkt bis ins 20. Jh. hinein in Österreich-Ungarn, auf dem Balkan, aber beispielsweise auch in Ostpreußen dokumentiert.[48] Montague Summers etwa erwähnt das Neue Wiener Journal vom 10. Juni 1909, wo sich in der Tat auf Seite 8 eine Meldung findet, die sich in ihrer pseudoliterarischen Skizzenhaftigkeit geradezu wie eine Kontrafaktur zu Stokers Dracula-Roman ausnimmt (der seit einem Jahr auch auf deutsch erhältlich war!);[49] hier ist es freilich die Dorfbevölkerung und kein angelsächsisches Expeditionskorps, das zum Sturm auf das Schloß des sinistren Grafen ansetzt: (Zerstörung eines Schlosses durch Aberglauben.) Wir erhalten aus Hermannstadt die Nachricht, daß das Schloß Bethenykörös einem seltsamen Aberglauben der walachischen Bevölkerung des Dorfes zum Opfer gefallen ist. Bethenykörös liegt in wildromantischer Gegend am Südosthang des Karpathengebirges und mag einst ein überaus festes Bollwerk gegen die Türken gewesen sein. Seit langen Jahren war es nicht mehr bewohnt und nur ein Kastellan hauste mit seiner Frau in einem Seitenflügel. In der Bevölkerung war eine Reihe von Geschichten über die Bewohner des Schlosses verbreitet, unter anderem glaubte man allgemein, der letzte Graf Bethenykörös sei als ›Vampir‹ gestorben. Als nun in den letzten Wochen zahlreiche Bauernkinder in Folge einer Seuche rasch nacheinander starben, behauptete das abergläubische Volk, der Graf habe sie ermordet, und beschloß, die Grabstätte des ›Vampirs‹ zu zerstören. Bei dieser Gelegenheit ist wahrscheinlich durch Unachtsamkeit Feuer ausgebrochen, dem der stattliche Bau bis auf die Grundmauern zum Opfer gefallen ist. Das Schloß soll zuletzt einem in Wien lebenden jungen Kavallerieoffizier, der es durch Erbschaft erwarb, gehört haben. [Orthographie und Layout wie i.O.]

Insgesamt ließe sich – grosso modo – behaupten, daß der Vampirismus als Narrativbzw. Motivkomplexvon Volksmythologien an die Bedingungder Erdbestattung[50] geknüpftistund nur in den Regionen Europasauftritt, die jemalsmitslawischer[51] Kultur in Berührung gekommen sind (auf diese Weise könnte man eine Art ›Vampir-Gürtel‹ zeichnen, der vom russischen Zarenreich in einem mehrfach geschwungenen Bogen bis nach Griechenland reicht). Eine umfassende Klärung der Ursachen dafür ist noch nicht erfolgt und muß auch hier aus Platzgründen unterbleiben: Denkbar wäre etwa, daß sich im Bereich der Ostkirche das ursprünglich antike Mythologem der dämonischen Nacht-Blutsauger/in (Lamia, Lilith u.a.) mit dem Wiedergängerglauben verband und durch die Orthodoxie dann weiterverbreitet wurde. Dagegen spricht allerdings, daß auch in nicht-orthodoxen slawischen Regionen wie etwa Istrien[52] und Polen vampirähnliche Vorstellungen dokumentiert sind; weiters wollen auch einige ähnliche Berichte über körperhafte Wiedergänger aus der nordischen Tradition[53] nicht so recht in das Bild vom ›slawischen‹ Blutsauger passen. Von ›Vampiren‹ im Wortsinn indes kann – wie bereits angedeutet – erst mit den Vorfällen auf dem Balkan im 18. Jh. gesprochen werden, zumal sich auch das slawische Lehnwort erst zu dieser Zeit im Deutschen und in den westeuropäischen Sprachen nachweisen läßt.[54] Denkbar wäre also auch, daß mit dem modischen Begriff einfach heterogene Phänomene aus den unterschiedlichen Regionen und Traditionen Europas nachträglich ›zusammengefaßt‹ worden sind.

Als dann ab 1725/32 in Europa eine intellektuelle Diskussion der bekanntgewordenen Vampirismus-Fälle entbrennt, sind es nach den kaiserlichen Militärärzten, Offizieren und Beamten nun auch hier allen voran Akademiker aus den intellektuellen Zentren des deutschsprachigen Raums (Wien, Leipzig, Jena und Halle), welche das Pro und Contra des sensationellen Lebens im Grabe abwägen.[55] Die Publikationen boomen: Den Anfang macht Michael Ranffts legendärer Traktat De masticatione mortuorum in tumulis (die lateinische EA von 1728 berücksichtigt bereits den Fall von Peter Plagojevic), und es folgen Joh. Christian Stocks Dissertatio Physica de Cadaveribus sanguisugis (Jena 1732), Gottlob Heinr. Vogts Kurtzes Bedencken von denen Acten mäßigen Relationen wegen derer Vampyren oder Menschen- u. Vieh-Aussaugern (Leipzig 1732), Joh. Christoph Harenbergs Vernünfftige und Christliche Gedancken über die Vampirs (Wolfenbüttel 1733), Joh. Heinr. Zopfs Dissertatio de Vampyris Serviensibus (Duisburg 1733), weiters – in Frankreich und Italien – die theologischen Schriften von Augustin Calmet (Dissertations sur les apparitions des esprits et sur les vampires ou revenans de Hongrie, de Moravie &c., frz. Einsiedeln 1749, dt. Augsburg 1752) sowie von Prospero Lambertini, dem späteren Papst Benedikt XIV. (De Servorum Dei Beatificatione/ De vanitate Vampyrorum, Rom 1743 bzw. 1752), schließlich die erwähnte Wiener Expertise Gerhard van Swietens u.v.a. So ist denn auch, wie Klaus Hamberger schreibt, der Vampyrus Serviensis gegen Ende der Fastenwochen des Jahres 1732 bereits ein geläufiger Begriff: Dem Besucher der Leipziger Oster[buch]messe bietet er sich im Titel populärer Dissertationen und aufgeklärter Kommentare an; die medizinische Theorie hat ihn als Thema von Pathologiesystemen etabliert, in deren Diskussion die vornehmsten philosophischen Kontroversen der letzten zwanzig Jahre ihren Widerhall finden; die gelehrten und curieusen Zeitschriften halten die Auseinandersetzung mit den serbischen Vampiren von Prag bis Den Haag im Gange; spezialisierte Buchhändler in Nürnberg und Leipzig reüssieren durch flexible Umstellung ihres Verkaufs auf eine plötzliche vampiristische Nachfrage; in den [...] Salons ist die Erwähnung des Vampirs das Bonmot der Damengespräche und die rhetorisierende Metapher der politischen Konversation.[56]

Nicht von ungefähr taucht der Vampir als historisches Gespenst in einer rationalistischen Epoche auf, wo die Unsterblichkeit der Seele nicht mehr selbstverständlich ist und man deren Beschaffenheit wissenschaftlich zu hinterfragen begonnen hat. Wie Paul Barber zudem gezeigt hat, wird diese Publikationsflut durch einen offenkundigen Mangel an thanatologischem Wissen über Verwesungsprozesse begünstigt;[57] so werden etwa die am Leichnam des Peter Plagojevic festgestellten Phänomene, die aus der Sicht der modernen Gerichtsmedizin charakteristisch sind für den postmortalen Zustand eines Körpers, damals irrtümlich für Zeichen übernatürlichen Lebens gehalten. Die heftige medizinisch-theologisch-philosophische Diskussion des Vampirismus wird also durch eine zeitgenössische Debatte über das Wesen des biologischen Todes befördert, wenn nicht induziert – wobei vor allem die Frage aufgeworfen wird, ob die Leiche eines Verstorbenen sofort völlig ohne Leben sei oder noch eine Zeit lang gewisse vitale Grundfunktionen aufrecht erhalte.[58]

Auffallend dabei ist, wie etliche Akademiker jener Zeit zunächst noch Theorien ausarbeiten, die eher auf eine mehr oder weniger vorsichtige Verifizierung der untoten Umtriebe denn auf deren offene Widerlegung hinauslaufen;[59] es wird – vor den Exzessen des Spiritismus um 1900 – eines der letzten spektakulären Rückzugsgefechte eines theologisch-mirakulösen bzw. naturmagischen Denkens in Europa sein, wo noch einmal versucht wird, die Naturwissenschaften in ein rest-transzendentes Weltbild zu integrieren, anstelle dieses durch jene zu desillusionieren.[60] Spätestens aber mit dem Bericht des Banater Regimentschirurgen Georg Tallar 1756 (publiziert in Wien 1784, im selben Jahr, als dort auch der sog. »Narrenturm« eröffnet wird) ist eine Debatte über ein mögliches Nachleben im Grabe mehr oder weniger abgeschlossen; der Vampirismus wird endgültig nicht mehr als Wiederkehr der Toten, sondern als eine febrile »Einbiltung « im Zuge einer infektiösen Erkrankung der Lebenden klassifiziert.[61]

Im skizzierten diskursgeschichtlichen Umfeld beginnt indes auch die Nutzbarmachung des untoten Blutsaugers als politische Metapher – dessen »Soziologisierung«[62], an der (wie noch zu zeigen sein wird) deutsche Traktate, Ideologien und Ideologen wesentlich, wenn auch tlw. sehr fragwürdig partizipiert haben. Ebenso ist das erste bekannt gewordene Vampirgedicht der Literaturgeschichte – wie bereits angedeutet – in deutscher Sprache erschienen: Heinrich August Ossenfelders Mein liebes Mägdchen glaubet aus dem Jahre 1748. In diesem singulären OEuvre geht es freilich nicht um die Heimsuchung eines Mädchens durch einen lebenden Toten, sondern durch die insistierende Sinnlichkeit ihres Verlobten; weitere literarische Texte wurden damals offenkundig nicht geschrieben.

So bleibt es denn auch ein auffälliges Faktum, wie indifferent die zeitgenössische Literatur unmittelbar nach 1732 dem Vampir gegenüber geblieben ist: Zu wenig dürfte sich der lebende Tote mit der damaligen Ästhetik schöner oder nützlicher Texte getroffen haben, als daß sich dieser Randgang literarisch gelohnt hätte. Es bedurfte offensichtlich erst der Etablierung eines Marktes für (phantastische) U-Literatur im späteren 18. Jh. sowie eines romantischen Zeitgeistes, um dem marginalisierten Vampirismus als Thema bzw. Motivkomplex eine steile Konjunktur in den europäischen Literaturen zu bescheren und ihn zu einem Medium einer gleichermassen verschleiernden wie aggressiven Thematisierung von Tabus zu machen.[63]


3. Literarhistorische Verzahnungen, vampyrische Intertextualität

In den Jahren um 1800 setzte nachgerade eine vampirische Wechselwirkung zwischen deutscher und englischer Poesie ein: 1773 erschien im Göttinger Musenalmanach auf das Jahr 1774 Gottfried August Bürgers gespenstische, wenngleich blut(sauger)lose Ballade vom (un)toten Soldaten und dessen Braut Lenore, welche dieser zu sich holt. Das Gedicht wurde ein folgenreicher Welterfolg und ist heute noch »wahrscheinlich das am häufigsten übersetzte deutsche Gedicht« in Großbritannien.[64]

So war es unter anderen auch Walter Scott, der es 1796 ins Englische übertrug, wo es allem Anschein nach Samuel T. Coleridge bei der Abfassung seiner vampirisch gefärbten Ballade Christabel (1797) beeinflußte. Im selben Jahr wandte sich auch Robert Southey mit seiner Verserzählung Thalaba the Destroyer dem Vampirglauben Südosteuropas zu. Das motivliche Rotationsprinzip ging aber noch weiter: Johann W. Goethe, der – ebenso nolens volens in der Bürger-Nachfolge – seine wirkungsträchtige Ballade Die Braut von Korinth (ebenfalls 1797) schrieb, inspirierte damit offensichtlich wiederum Lord Byron. Dieser las das deutsche Gedicht von der griechischen Vampirin im Herbst 1813 in der Übertragung von Madame De Staël (abgedruckt in ihrer einflußreichen Schrift De l’Allemagne[65]) und hörte im Juni 1815 Scott Christabel rezitieren; intertextuelle Reflexe darauf finden sich in diversen Werken von ihm wieder, so etwa im Epos The Giaour. A Fragment of a Tale von 1813.[66]

Ohne die folgende Analysen vorwegnehmen zu wollen, sei angedeutet, daß Goethes Braut von Korinth gewissermaßen eine Gelenkstelle in der deutschsprachigen Überlieferung des Vampirismus darstellt: Das untote Mädchen, das sich nächtlich seinem lebenden Ex-Bräutigam nähert, wird in seinem Intermediärzustand zwischen Leben und Tod zum literarischen Transportmittel, um verschiedene diskursive Positionen zu Religion und Sexualität mittels der Geschlechterdifferenz selbst aufeinanderprallen zu lassen und diesen Konflikt unter dem phantastischen Signum des Todes reißerisch und zugleich ambigue auszuschlachten. Auf diese Weise formt Goethe den Traditionsstrang der toten Braut bzw. der Totenbraut mit, der die Vorstellung einer über den Tod hinausreichenden Liebschaft romantisch fatal variiert – ein bis tief in die Lyrik des 19. Jhs. hinein wirksamer Motivkomplex, der sich etwa noch in Heines Gedicht Helena (in: Neue Gedichte [1852])[67] niederschlägt, wo es abschließend heißt: »die Toten sind unersättlich«.

Damit war das deutsch-westeuropäische Import/Export-Geschäft in Sachen Vampirismus und anderer balladesk-unheimlicher Stoffe aber noch keineswegs abgeschlossen. Im Juni 1816 kam es in Lord Byrons Villa Diodati am Genfer See zu einer der folgenreichsten ›Jam Sessions‹ der Literaturgeschichte. Anläßlich der gemeinsamen Lektüre von Christabel, Lenore und einer Anthologie deutscher Gespenstergeschichten in französischer Übersetzung (Fantasmagoriana, 1812) beschlossen die Anwesenden, selbst phantastische Texte zu verfassen: Das Ergebnis waren u.a. Mary Shelleys berühmter Roman Frankenstein, or the Modern Prometheus (1818) und die erste bekannte Vampirerzählung der europäischen Literatur, The Vampyre (Erstdruck 1819), verfaßt von Byrons italienischstämmigem Leibarzt und Sekretär Wiliam Polidori (1795-1821).[68] Der viel früher entstandene deutsche Roman Der Vampyr (3 Bde., Schneeberg 1801) von Ignaz Ferdinand Arnold (1774-1812) ist uns indes leider nicht erhalten geblieben, so daß wir über seinen Inhalt nur Mutmaßungen anstellen können.[69]

Geradezu typisch ist indes die ambivalente Haltung Goethes als Literaturkritiker; sie galt nicht nur der phantastischen Literatur im allgemeinen, sondern darin speziell den Vampiren. So pries er am 25. Februar 1820 die Erzählung Polidoris als »bestes Produkt« Byrons – dem man den Text zunächst fälschlicherweise zugeschrieben hatte.[70] Zehn Jahre später, diesmal in einer Wortspende an seinen Sekretär Eckermann, verglich der greise Geheimrat wiederum die Schwarze Romantik Europas mit »dem Zustande eines heftigen Fiebers« und kritisierte ihren kommerziellen Hang zu oberflächlichen Sensationen:

An die Stelle des schönen Inhalts griechischer Mythologie treten Teufel, Hexen und Vampyre, und die erhabenen Helden der Vorzeit müssen Gaunern und Galeerensklaven Platz machen. Dergleichen ist pikant! das wirkt! [...] In diesem Jagen nach äußeren Effektmitteln aber wird jedes tiefere Studium und jedes stufenweise gründliche Entwickeln des Talentes und Menschen von innen heraus ganz außer acht gelassen.[71]

Angesichts solcher Urteile der kulturellen Meinungsmacher nimmt es auch nicht wunder, daß der Vampir in der deutschsprachigen Literatur eher eine Randfigur geblieben ist. Er führt ein Untergrund- Dasein fernab der Verdikte literarischer Konsekrationsinstanzen. Nicht umsonst hat ihn das bürgerlich-materialistische 19. Jahrhundert nach einem Opern-Intermezzo (August H. Marschner, Der Vampyr, UA 1828, Libretto: Wilh. Aug. Wohlbrück nach Polidori) in die trash-Abteilung von Trivialliteratur und Unterhaltungstheater verbannt[72] – bis in die 1990er Jahre hinein, wo der polnisch-amerikanische Regisseur Roman Polanski seinen Filmerfolg Tanz der Vampire (1967) als subventioniertes Musical in Wien reinszeniert hat.

Auch die Germanistik hat im allgemeinen für den Vampir nie wirklich Verständnis aufgebracht. 1900, drei Jahre nach dem Erscheinen von Bram Stokers Roman (den er noch nicht kannte), schrieb etwa der Wiener Theaterwissenschaftler Stefan Hock (1877-1947) in seiner zum Klassiker gewordenen einschlägigen Dissertation: »Erst unsere Litteraturepoche, in vielen Punkten ein Abbild jener ersten romantischen Zeit, hat den Vampyr mit seiner blutigen Mystik wieder zum Gegenstand dichterischer Behandlung gemacht, ohne aber, wenigstens auf deutschem Boden, der Kunst dadurch Gewinn zu bringen.«[73]

Tatsächlich ist der Vampir in der deutschsprachigen Literatur nie so heimisch geworden wie etwa in der englischen, obwohl die deutsche Sprache bzw. deutschsprachige Wissenschaft und Publizistik als ›Transmitter‹ einen wesentlichen Beitrag zu seiner Popularisierung geleistet haben – und dies vom ersten Augenblick an, da der Vampir vom mythologisch-folkloristischen Kuriosum zum geschichtlichen Ereignis(-Narrativ) wird (s.o.). Zusätzlich dazu gäbe es in der deutschsprachigen Literatur aber auch eine ganze Reihe genuiner Vampirtexte, die bis dato – von der historischen Studie Hocks, die zwangsläufig im Jahr 1900 endet, und anderen partiellen Anläufen abgesehen – nie Gegenstand umfassender monographischer Bemühungen geworden sind; immer wieder schweift die Literaturwissenschaft ab zu den bekannteren Blutsaugern der englischen, französischen oder russischen Literatur.[74]

Aus Platzgründen muß hier z.B. eine Auseinandersetzung mit dem auch innerhalb der deutschsprachigen Phantastik modischen Vampirismus der Jahrhundertwende unterbleiben, die Besprechung etwa der virtuos antiquarischen Erzählungen von Karl Hans Strobl (Das Aderlaßmännchen, 1907; Das Grabmal am Père Lachaise, 1913), der eigentümlichen Erotik bei Toni Schwabe (Der Vampir, 1920) oder der literarhistorisch interessanten Fallstudie zum sog. ›psychischen‹[75] Vampirismus bei Georg von der Gabelentz (Das Rätsel Choriander, 1929).[76] Suspendiert werden muß auch eine Auseinandersetzung mit dem Vampirfilm,[77] der bei seinem Siegeszug durch das 20. Jh. – Klaus M. Schmidt zählt mehr als 650 Streifen[78] – auch deutschen Regisseuren wie Friedrich Wilhelm Murnau (Pseud. von F.W. Plumpe) oder Werner Herzog einiges verdankt.

Gerade in der letzten Zeit freilich scheint der untote Blutsauger im Rahmen eines allgemeinen postmodernistischen Mythen-Recyclings in der kanonisierten Literatur salonfähig geworden zu sein, mit Werken wie Elfriede Jelineks (geb. 1946) feministischem Drama Krankheit oder moderne Frauen (1987) oder Adolf Muschgs (geb. 1934) Erziehungsroman eines Vampirs mit dem Titel Das Licht und der Schlüssel (1984). Der Text Dracula Dracula (1966) des Büchner- Preisträgers H.C. Artmann (1921-2000) wiederum ist ein gutes Beispiel für eine spielerischmanieristische Auseinandersetzung mit den diversen Hammer-Films, die seit den späten 50er Jahren in großzügiger Interpretation von Stokers Roman entstanden sind. Ebensowenig zu vergessen wäre die Geschichte Der Bettler vor dem Café Hippodrom des gebürtigen Südtirolers Herbert Rosendorfer (geb. 1934), der den ehemals berühmten Graf Dracula als arbeitslosen rumänischen Zuwanderer in Deutschland zeigt – ein Problemfall auch in zahnmedizinischer Hinsicht. Es handelt sich angesichts des Datums der Erstveröffentlichung (1970) geradezu um einen visionären Text – stellt doch auch Stokers Held eine besondere Art von brain-drain vor, in dem aus der Sicht des späteren 20. Jhs. die europäische Großparanoia vor illegaler Immigration und dem Revanchismus der ehemals Beherrschten und Marginalisierten[79] Gestalt annimmt.[80]


4. Gewalt des Blutes: Politisierungen des Vampirs zwischen Voltaire, Marx und Himmler

Zu welchem rhetorischen, ideologischen, historischen Zweck wird nun der Vampir als literarische Figur – als Gestalt wie auch als Metapher – eingesetzt? Lassen sich darüber verbindliche Aussagen treffen? Bei einer literarhistorischen Betrachtung des aggressiven Narrativs vom untoten Blutsauger sticht nämlich seine außerordentliche »Polyvalenz«[81] ins Auge, die nicht nur Hans Richard Brittnacher aufgefallen ist:

Da Gewalttätigkeit und Blutdurst im Vampirmotiv buchstäblich aus dem Nichts kommen, dient sich seine literarische Adaption grundsätzlich jeder beliebigen Kritik an: Der Vampir erscheint mal als Sinnbild einer entmachteten und rachsüchtigen Aristokratie, mal als Symbol nymphomanischer Weiblichkeit, mal als das eines maßlosen Don- Juanismus, mal wird mit ihm der Stalinismus gebrandmarkt, mal das Franco-Regime, mal die Jesuiten, dann wieder sind es Bürokratie, venerische Krankheiten oder die Furcht vor neueren wissenschaftlichen Entdeckungen wie Hypnose und Magnetismus, die im Vampir ihr Bild gefunden haben. Eben diese Elastizität verbietet eine [...] simple Deutung.[82]

Voltaire (1694-1778) etwa nimmt den blutsaugenden Toten als Lemma in seinen Dictionnaire Philosophique (1764ff.) auf. Damit wird auch der französische Aufklärer selbst zum schlagenden Beweis des von ihm beobachteten Gesetzes, daß nach der »Verleumdung sich nichts so schnell«  verbreite »wie der Aberglaube, der Fanatismus, die Zauberei und die Geschichte von den Wiedergängern «[83]. Der Vampir hat damit gewissermaßen auch seine literarische reconquista aus der diskursiven Randposition heraus begonnen, in die er nach seiner wissenschaftlichen und publizistischen Verabschiedung geraten ist. Allerdings kommt Voltaire zu dem vielzitierten Schluß, daß von Vampiren lediglich auf dem Territorium der österreichischen Monarchie, nicht aber in London oder Paris die Rede sein könne:

Ich gestehe, daß es in diesen beiden Städten Börsenspekulanten, Händler, Geschäftsleute gibt, die eine Menge Blut aus dem Volk heraussaugen, aber diese Herren sind überhaupt nicht tot, allerdings ziemlich angefault. Diese wahren Sauger wohnen nicht auf Friedhöfen, sondern in wesentlich angenehmeren Palästen. [...] Die wirklichen Vampire sind die Mönche, die auf Kosten der Könige und des Volkes essen.[84]

Mit dieser Metaphorisierung des Vampirs hat die soziologische und politische Ausweitung des Begriffs begonnen, die ein dem »Ausbeuternaturell«[85] des Menschen entsprechendes »Vampirprinzip«[86] in und um ihn wirksam sieht. Voltaire ist freilich nicht der erste – und auch nicht der letzte –, der den Vampir auf diese Weise rekontextualisiert hat; schon die Vernünfftigen und Christlichen Gedancken über die Vampirs, die Johann Christoph Harenberg (1696-1774), der Rektor der Gandersheimer Stiftschule, 1733 angestellt hat, gehen in diese Richtung:

Es giebt sonst eine gute Anzahl lebendiger Vampirs in allen Ständen, für welche man sich am meisten zu hüten hat. Denn sie ziehen Guht, Muht und Bluht, entweder mit offenbahrer Gewalt, oder unter den Schein des Rechten an sich. Wenn die Welt von diesen Spitzbuben könnte gereiniget werden, stünde es viel besser um das menschliche Geschlechte. Wohl dem, der seinen Bissen [!] mit Recht besitzet und in der Furcht des Herrn genießt?[87]

Der Ärger über die Blutsauger ist hier nicht mehr so skeptisch wie die österreichische Bürokratie, wenn es um die Befreiung von solch vage benannten »Spitzbuben« geht; die Vampirmetaphorik zieht vielmehr den Wunsch nach Radikalkuren nach sich und suggeriert Extermination als Lösung – eingedenk der herkömmlichen Maßnahmen gegen Revenants in der Folklore, in welche die kaiserlichen Feldscher von 1725ff. noch zögernd einwilligten. Dies ist die gewalttätige Eigendynamik, welche die Vampirrhetorik sowohl in der Literatur als auch in der Politik bekommen wird, durch die angebliche Aggression, die von ihm ausgeht und auf ihn zurückwirken soll.

Am augenfälligsten ist dies dort, wo das Wort ›Vampir‹ bzw. sein weniger okkultes Synonym ›Blutsauger‹ für die Bezeichnung materieller Ausbeutung herhalten muß und dabei eine propagandistische, ja antisemitische Note bekommt. Es ist hier das Verdienst des Autorenduos Stefan Rohrbacher und Michael Schmidt, darauf hingewiesen zu haben, daß es derselbe Karl Alexander von Württemberg war, der nach seiner Zeit als Militärgouverneur in Serbien auf einer Kavaliertour 1732 die kuriose Nachricht vom Vampirismus an diversen deutschen Höfen verbreitete, der 1733 schließlich als Nachfolger seines Vaters auf dem schwäbischen Herzogthron den berühmt-berüchtigten Joseph Oppenheimer (»Jud Süß«) zu seinem Finanzberater bestellte. [88] Als dieser Exponent einer unzeitgemäßen jüdischen Spitzenkarriere dann 1737 einem von den württembergischen Ständen angezettelten Justizmord zum Opfer fiel, haftete ihm bereits die Beschimpfung als »schlimmster jüdischer Blutsauger« an;[89] dieser Vampirismusverdacht im übertragenen Sinne ist denn auch an ihm wie an vielen anderen jüdischen Wirtschaftstreibenden haften geblieben – über Wilhelm Hauffs spätromantische Erzählung (1827), Lion Feuchtwangers Roman (1925) und Veit Harlans NS-Verfilmung (1940) bis in die metaphorische Dämonologie von Joseph Goebbels’ Tagebücher hinein. Das monströs Andere einer ›christlichen‹ Vernunft und das ihr angeblich Fremde, der blutgierige Revenant und der ›geldgierige‹ Jude, sind so im ›Kulturellen Gedächtnis‹ Europas einmal mehr auf verhängnisvolle Weise eins geworden.

Diese Konnotation des Vampirs ist umso prekärer, als dieser sich in Voltaires Nachfolge auch im Deutschen alsprogressivemanzipatorische Metapher für soziale Unterdrückungund Ausbeutung etabliert hat, so etwa bei Georg Büchner (in Dantons Tod, 1835, Szene I/2) und bei Karl Marx[90]. Dessen Hauptwerk Das Kapital (erschienen 1867-94) zeigt nicht nur Kapitalisten, sondern schließlich das Kapital selbst als Vampir, der in den »Blutaussaugungsanstalten«[91] der Produktionsstätten in Tag- und Nachtschichten die Arbeiterklasse – Männer, Frauen, Kinder – heimsucht. In diesem Symbolismus wird das menschliche Gemeinwesen zur »Vampirgesellschaft «[92] und gewinnt auch die unbelebte kapitalistische Dingwelt mitsamt ihren ökonomischen Strukturen ein gespenstisch-animistisches Eigenleben, gegen das die Vampirmetapher genauso wie in den vorigen Beispielen implizit apotropäische Maßnahmen nahelegt, in einer Art von rhe torischer Mobilisierung durch das Unheimliche:

Kapital ist verstorbne Arbeit, die sich nur vampyrmäßig belebt durch die Einsaugung lebendiger Arbeit und um so mehr lebt, je mehr sie davon einsaugt.[93] Das konstante Kapital, die Produktionsmittel, sind, vom Standpunkt des Verwertungsprozesses betrachtet, nur da, um Arbeit und mit jedem Tropfen Arbeit ein proportionelles Quantum Mehrarbeit einzusaugen. [...] Die Verlängrung des Arbeitstags über die Grenzen des natürlichen Tags in die Nacht hinein wirkt nur als Palliativ, stillt nur annähernd den Vampyrdurst nach lebendigem Arbeitsblut. Arbeit während aller 24 Stunden des Tags anzueignen ist daher der immanente Trieb der kapitalistischen Produktion. Da dies aber physisch unmöglich, würden dieselben Arbeitskräfte Tag und Nacht fortwährend ausgesaugt, so bedarf es, zur Überwindung des physischen Hindernisses, der Abwechslung zwischen den bei Tag und Nacht verspeisten Arbeitskräften.[94]

Der Vampirismus als naives Erklärungsmodell eines regionalen Volksglaubens für epidemische Vorfälle (Serbien), später eine der polemischen Zielscheiben des aufklärerischen Kampfes gegen den ›Aberglauben‹ (Voltaire), geht somit in eine sozialkritische Metapher des 19. Jahrhunderts über, die sich in ihrer eindringlichen Simplizität freilich auch bedenklich auflädt. Statt der Dummheit des Volkes steht jetzt seine Unterdrückung durch politische und ökonomische Herrschaft im Brennpunkt, wenn der blutsaugende Revenant herbeizitiert wird; die Vampirmetapher suggeriertzudem die Unzeitgemäßheit dessolchermaßen denunzierten Phänomens, das in weiterer Folge so einfach wie gewaltsam zu überwinden wäre (Pfählung, Köpfen, Verbrennung – und/oder ›Aufklärung‹): So in etwa läßt sich eine häufige Positionierung des Vampirs – parallel zu seinem vielfältigen erotisch-sozialen Einsatz in der englischen, französischen und russischen Phantastik des 19. Jahrhunderts[95] – beschreiben, als schließlich Bram Stoker 1897 mit seinem Dracula-Roman das Wort ergreift.

Die geopolitische Folie dieses englischen Textes und seiner für vielerlei Nachfolgeprosa beispielhaften Reisebewegungen wurde bereits angedeutet: Zuerst ist es hier der junge Engländer Jonathan Harker, der geschäftlich zu Graf Dracula und dessen Schloß in Transsylvanien/Siebenbürgen aufbricht. Im Gegenzug wird damit quasi eine untote Invasion des Vampirs in England provoziert, welche u.a. die weiblichen Protagonisten Mina und Lucy gefährdet und letztere (als die ›sittlich instabilere‹ von beiden) tötet. Dracula wird von einer sich eilig konstituierenden Männerallianz, der neben Jonathan bspw. auch der holländische Universalgelehrte Abraham van Helsing angehört, abgewehrt und bis in seine Heimat zurück verfolgt, wo er schließlich mit einem Bowie-Messer ausgeschaltet – aber nicht gepfählt! – wird.

Wesentlich ist in diesem Zusammenhang auch das face-lifting, dem der Vampir bei seinem Wechsel von der Folklore in die Literatur unterzogen wird: Der bleiche und bisweilen melancholische Aristokrat von Polidori bis Stoker hat mit dem rot angelaufenen, aufgeblähten Bauernleichnam im Volksglauben der Slawen, Ungarn und Neugriechen im großen und ganzen nicht viel gemein; ja es verhält sich sogar so, daß die literarische Adaption die landläufigen Begriffe dessen, was einen Vampir ausmacht, verändert und seine folklorische Herkunft erheblich verdunkelt hat.[96] Vermittels dieser Umwertung habe – so H.R. Brittnacher – die bürgerliche Literatur des 19. Jahrhunderts nolens volens auch einem aristokratischen ancien régime ein nostalgisch bis aggressives »Denkmal«[97] errichtet; ähnliches schreibt Klaus R. Schmidt, der auch auf die ethnische Kodierung dieses Klassen-Feindbildes hingewiesen hat, die nachgerade die geopolitischen Konstellationen des Ersten Weltkriegs vorwegnehme:[98]

Im frühen 20. Jahrhundert bedrohte der böse, halborientalische [!] Osteuropäer Dracula das britische Reich der Reinheit. Dracula ist nicht nur der Antichrist, der Menschenblut schlürft, um sich zu regenerieren, während Christus sein Blut vergießt, um durch die Eucharistie die Menschheit zu retten, sondern Dracula ist auch der verachtete Klassenfeind, der den alteingesessenen Adel und die Großbourgeoisie repräsentiert. Er muß ausgerottet werden, um den sozialen Status der kleinbürgerlichen Emporkömmlinge zu festigen, einer Klasse, die durch den Kanzleiangestellten Jonathan Harker und die Schullehrerin Mina vertreten wird.

Ohne hier allzu sehr auf anglistische Fragestellungen eingehen zu können,[99] sei die wesentliche und folgenreiche Innovation von Stokers Dracula-Roman[100] nicht unterschlagen: Besteht doch die wahre Gefährdung durch den rumänischen Vampirgrafen nicht allein in der Usurpation einzelner Frauenkörper, sondern in der unheimlich effektiven Fortpflanzung der Untoten durch Biß. Aus indiviueller (krypto-)sexueller Belästigung und parasitärer Ausbeutung wird kollektive Gefährdung. Dies läßt befürchten, daß gemäß der Darwin’schen Lehre vom survival of the fittest die Vampirspezies eines Tages die Menschheit verdrängen wird – eine Horrorvision Stokers, die mit einem um 1900 vorherrschenden Kulturpessimismus und Sozialbiologismus korrespondiert, wie er etwa im deutschsprachigen Raum durch eine zeitgenössische Populär-Geschichtsphilosophie des ›Niedergangs‹ von unterschiedlichen Autoren wie Max Nordau, Houston Stewart Chaimberlain oder Oswald Spengler repräsentiert wird.

In Dracula wird auch immer wieder der multiethnische Aufbau Osteuropas und sein archaischer Flair geschildert, was einige Stoker-Forscher dazu brachte, in diesem innereuropäischen Exotismus, d.h. der Projektion eines politisch, ethnisch und religiös Anderen, die Angst des viktorianischen Großbritannien vor einer ›Gegeninvasion‹ der Kolonialisierten, Beherrschten, Fremden zu sehen.[101] Wesentlich ist indes, wie sehr diese kulturindustriell verwertete Randfiguration des Anderen, wie sie der Vampir verkörpert, sich so wie die anderen Monstren der Phantastikmitden perhorreszierten Facetten wissenschaftlicher Innovation anreichert – in diesem Falle mit Sozialdarwinismus und Eugenik. Susanne Pütz hat – wie noch zu demonstrieren sein wird – zu Recht geschrieben:

Die religiöse Komponente des Revenants [...], die in den Geschichten des 19. Jahrhunderts in vielerlei Hinsicht literarisch gestaltet worden war und während dieses Zeitraums eine maßgebliche Stellung innehatte, büßt ihre Bedeutsamkeit nach 1900 zunehmend ein. [...] Die erst in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts einsetzende Sensibilität für die wissenschaftliche Komponente des Sujets setzt sich dagegen nach 1900 verstärkt fort und bildet eine der am vielfältigsten gestalteten Dimensionen.[102]

Die vorher ebenso gezeigte sukzessive propagandistische Aufladung des Vampirs zum kollektiven Angst-und Feindbild leitet über zu einem deutschsprachigen Text, der zu den bekanntesten Produkten einer neuen deutschsprachigen Phantastik nach 1900 zählt und quasi umgekehrt vorgeht: Es ist der Roman Vampir (1921) des deutschen Autors Hanns Heinz Ewers (1871-1943), der die Motivik globaler Gefährdung in Anschluß an Stoker und Maupassant (Le Horla, 1886/87) weiterverarbeitet hat.[103] Im Zuge der Handlung, die in den USA zu Zeiten des Ersten Weltkriegs angesiedelt ist, muß sich Ewers’ Protagonist Frank Braun sukzessive als lebendiger Menschenvampir erkennen:[104] Nicht wie ein Untoter, sondern eher wie ein Drogenabhängiger benötigt dieser Anti-Held fremdes Blut, um sein psycho-physisches Gleichgewicht aufrecht zu erhalten.

Vampirismus resp. Blutfetischismus fungieren hier einerseits als Symbol für die blutleer gewordene, angesichts des Weltkriegs anachronistische, quasi untote Décadence-Kultur, der auch Ewers selbst mit seinen früheren Werken angehörte. Zum anderen wird das psychologisierte Syndrom auf den letzten Seiten des Romans didaktisch in einen ›therapeutischen‹, identifikatorischen Vampirismus umgewertet, wenn Frank Brauns Geliebte Lotte ihm seine Situation vor dem Hintergrund des zu Ende gegangenen Weltkriegs auseinandersetzt:

Sie sagte: »Der Blutwahn ist es. Irgendwo fings an, in einem Land oder in mehreren zu gleich. Sehr ansteckend ist es, reißt mit, was mit ihm in Berührung kommt. Blut wollen die Menschen, Blut! – Wie du! [...] Fieberkrank war die Menschheit – und Blut muß sie trinken, um gesund zu werden und jung! [...]«[105]

Ewers geht aber noch viel weiter, indem er das prinzipiell zeitkritische Motiv des »Blutwahns«  utopisch revanchistisch in eine nationale ›Wiederauferstehung‹ ummünzt:

»Zu Boden liegen wir«, sagte er. »Deutschland ist nicht mehr.« Da glänzten ihre Augen. »Es wird aufstehen vom Nichtsein, das Niedergebrochene!« flüsterte sie. »Man wacht über seinem Haupte am strahlenden Himmel! Es wird seine Feinde niederschlagen, wird triumphieren über alles, was gegen es steht – wie Horus, der Rächer seines Vaters. [...] – Alle Tage nun – heute und morgen und immer: Schwerttag, Kriegstag, Bluttag! [...]«[106]

Auf diese Weise verkommt eine an sich bemerkenswerte Innovation der Vampirgestalt – ihre sozialpsychologisch motivierte Menschwerdung – zu völkischer Kriegshetze.[107] So ist es auch nicht verwunderlich, daß jenes propagandistische Motivdes positivumgepolten ›deutschen Wiedergängers‹ auch zu Beginn der NS-Programmschrift Alfred Rosenbergs mit dem Titel Der Mythus des 20. Jahrhunderts wieder auftaucht:

Das Blut, welches starb, beginnt lebendig zu werden. In seinem mystischen Zeichen geht ein neuer Zellenbau der deutschen Volksseele vor sich. Gegenwart und Vergangenheit erscheinen plötzlich in einem neuen Licht und für die Zukunft ergibt sich eine neue Sendung.[108]

Heinrich Himmler schließlich greift am 7. September 1940 in einer Rede vor Angehörigen der Leibstandarte Adolf Hitler dieses Bild vom deutschen Vampir als Identifikationsfigur und – impliziten Gegenentwurf zum ›jüdischen Blutsauger‹? – auf: Der oberste SS-Führer möchte im Sinne des Menschenzüchtungs- und -vernichtungsprojekts des Nationalsozialismus »alles nordische Blut in der Welt an uns heranziehen, unseren Gegnern das Blut wegnehmen, es uns einfügen. «[109]

Rassenwahn, Eugenik[110] und Blutfaschismus gehen solchermaßen auch am Vampir nicht spurlos vorüber; sein Platz in der politischen Dämonologie des Nationalsozialismus (die im übrigen auch den ihm verwandten Werwolf positiv zum deutschen Guerillakämpfer nach 1945 umwertete) ist die vorläufige letzte Konsequenz einer Tradition, welche die dämonische Randfigur, die selbst kein Spiegelbild hat, der Widerspiegelung gesellschaftlicher Zustände dienstbar gemacht hat. Inwieweit dient sich der Vampir also einem politischen Extremismus an? Liegt es in seiner latent aggressiven Natur begründet, daß er polemisch ideologisiert wird? Dieser Frage und damit auch der dahinter liegenden diskursiven Mechanik respektive Funktion solcher Übernahmen aus Randgebieten der Kultur soll nun im weiteren anhand einer anderen radikalen Politisierung des Revenants aus dem (Süd-)Osten exemplifiziert werden: dem literarischen Vampir als Geschlechtsdämon, der damit seine Genealogie quasi mitzitiert – incubus und succubus, die teuflischen Buhlgeister des voraufklärerischen Christentums.


5. Vampire als Gender-Dämon: Alterität und Nekro-Romantik des Geschlechts

In der vampirischen Verschränkung von Begehren, Gewalt, ›Ansteckung‹ und Tod ist von jeher eine geschlechtliche Perspektivierung mit angelegt, die etwa auch anhand von Ewers’ VampirRoman[111] deutlich wird, wo eine ödipale Aggression gegen die ambivalente femme fatale Lotte Lewi als nationalistisches Bluttrinken von ihrer Mutterbrust dargestellt ist. Schon in einem Brief Clemens Brentanos aus dem Jahr 1802 an Caroline von Günderode hieß es:

[So] öfne alle Adern deines weisen Leibes, daß das heiße, schäumende Blut aus tausend wonnigen Springbrunnen sprizze, so will ich dich sehen, und trinken aus den Tausend Quellen, trinken biß ich berauscht bin und deinen Tod mit jauchzender Raserei beweinen kann [...]. [Es] ist zu viel, waß ich habe, drum beiße ich mir die Adern auf, und will es dir geben, aber du hättest es thun sollen, und saugen müßen. Oefne deine Adern nicht Günterrödchen, ich will dir sie aufbeisen.[112]

Hier wird der Topos vom Einswerden der Liebenden vampirisch uminterpretiert: Sie werden buchstäblich ein Fleisch, ein Blut, wobei sich der Wunsch nach aggressiver Penetration der Geliebten gleichsam in die phantasierte Reziprok-Bewegung der Körperentgrenzung – des Adern- Öffnens als Mutterquell für den regressiven Sauger – umsetzt (man muß hier an die sog. »Mädchen- Schneider« in Krafft-Ebings Psychopathia sexualis [1886] denken, die der begehrten Frau Schnittverletzungen zufügen, um zu sexueller Befriedigung zu kommen.[113]).

Abgesehen von diversen sexuellen Implikationen spielt denn auch Geschlecht – im Sinne von Gender – in der klassischen europäischen Vampirliteratur des 19. Jhs. bis hin zu Dracula eine wesentliche Rolle. Einer der ersten Interpreten im deutschsprachigen Raum, die zu dieser Einsicht gelangten, war der gelernte Literaturwissenschaftler Adolf Muschg, der seine Reflexionen in weiterer Folge zu einem eigenen Erziehungsroman eines Vampirs u.d.T. Das Licht und der Schlüssel (1984) verarbeitete, etwas plakativ zwar, aber durchaus mit ironischer Brechung.[114] In diesem metaliterarisch postmodernen Text, der deutlich entlang seiner Vorlage Dracula geschrieben wurde, interpretiert einer der Protagonisten, der Museumswärter Van Helsing (!), Stokers Klassiker wie folgt:

Wissen Sie, was drin steht, fragt der Junge. [...] Fünf Männer jagen zwei Frauen. Eine Frau wird zur Strecke gebracht, die andere verhaftet – verheiratet, wollte ich sagen. Diese fünf Männer kämpfen in verteilten Rollen. Vier geben sich als feine Leute aus, ein englischer Psychiater, ein englischer Advokat und ein amerikanischer Selfmademan. Für besondere Operationen ziehen sie einen holländischen Wundermann zu, Professor van Helsing. Der fünfte, genannte Dracula, spielt den bösen Feind, das teuflische Ungeheuer. Aber im Grunde genommen wollen sie alle dasselbe: die Frauen fertigmachen. Dracula mit offenen Karten, die Kavaliere unter dem Vorwand, sie vor ihm zu schützen. Das Buch schildert einen Zweifrontenkrieg gegen den wahren Feind, der zwei Brüste hat und einen Schoß: unkontrollierbar, unverzeihlich. Eine einzige Zangenbewegung gegen den verfluchten Sex.[115]

Daß bei der vampirischen Heimsuchung wesentlich ist, wer an wem saugt bzw. wer wen daran hindern möchte, wird schon anhand des anfangs erwähnten, formal holprigen Gedichtes Ossenfelders aus dem Jahr 1748 deutlich. Es spielt die vampirisch fordernde Sexualität eines männlichen lyrischen Ichs propagandistisch gegen die sittlichen Grundsätze des Mädchens und seiner Mutter aus; diese sollen als wahrer Aberglaube denunziert werden, indem sie der Text im quasikolonialen Vergleich mit dem unzivilisierten Fremden, den »Heyduckischen Völkern« an der Theiß, gleichsetzt. Unter dem Deckmantel einer aufklärerischen Kritik an der christlichen Moral geht es um die Verfügbarkeit und Indoktrinierbarkeit der jungen Frau. In der humoristisch-phantastischen Einkleidung in die Vampirmetapher wird die alkoholisierte Anwendung sexueller Gewalt dem offenkundig zögernden Mädchen gegenüber literarisierbar wie salonfähig:[116]


Mein liebes Mägdchen glaubet
Beständig steif und feste,
An die gegebnen Lehren
Der immer frommen Mutter;
Als Völker an der Theyse
An tödtliche Vampire
Heyduckisch feste glauben.
Nun warte nur Christianchen
Du willst mich gar nicht lieben;
Ich will mich an Dir rächen,
Und heute in Tockayer
Zu einen [sic] Vampir trinken.
[...]
Wenn ich dich werde küssen
Und als ein Vampir küssen:
Wann du dann recht erzitterst
Und matt in meine Arme,
Gleich einer Todten sinkest
Alsdenn will ich dich fragen,
Sind meine Lehren besser,
Als deiner guten Mutter ?


Auch Goethes Die Braut von Korinth[117] (1797) basiert auf dem ambivalenten Konfliktdreieck von Mädchen, Mann und Mutter, »der Hüterin der rechten Moral und der Ordnung im Hause« (hier erweitert um die kurz erwähnte Schwester, die das tote Mädchen bei der Hochzeit ersetzen soll); noch deutlicher als Ossenfelders Gelegenheitsgedicht setzt die Ballade im Stil einer Religionskritik an der gedachten Schnittstelle zwischen mehreren Kulturen an.

Die nekrophil erotische Geschichte vom griechischen Heiden, der im Haus seiner potentiellen (christlichen) Schwiegereltern erfahren muß, daß sein Braut tot ist, dann aber doch von ihr im Schlafgemach besucht – oder vielmehr: heimgesucht – wird, hat Goethe, wie bekannt ist, vom spätantiken griechischen Autor Phlegon (2. Jh. n.u.Z.) auf dem Umweg über Johannes Praetorius (wahrscheinl. nach der Bearbeitung in Anthropodemus plutonicus, Magdeburg 1666) übernommen.[118] Für viele Interpreten stellt der Text im Gesamtwerk des Weimarer Olympioniken quasi einen Störfall dar, entschuldbar oder ärgerlich, ein untoter Fremd-Körper, der sich mit der Übernahme der Blutsaugerin als literarischer Randfigur selbst marginalisiert hat.

Bereits die Zeitgenossen um 1800 streiten sich, wie dies »vampyrische[.] Gedicht« (Goethes Tagebuch vom 04. u. 05. Juni 1797) zu bewerten sei, mit dem sich der Autor seit langem schon getragen hat (cf. die Gespräche mit Eckermann v. 14.03.1830);[119] Herder etwa spottet in einem Brief an Knebel vom 05.08.1797 über den »Heidenjüngling«, der seine Braut, »eine kalte Leiche ohne Herz, zum warmen Leben priapisiret – das sind Heldenballaden!« Karl August Böttiger lobt »die große Gespensterromanze« (Goethe an Christiane Vulpius v. 06.06.1797), resümiert aber zugleich: »Während die eine Partei sie die ekelhafteste aller Bordellszenen nennt und die Entweihung des Christentums hoch aufnimmt, nennen andere sie das vollendetste aller kleinen Kunstwerke Goethes« (Böttiger an Matthison v. 18.10.97). Schiller wiederum, bei dem Goethe zur Zeit der Abfassung in Jena zu Gast war, schreibt am 12. Februar 1798 an Körner: »im Grunde wars nur ein Spaß von Göthe einmal etwas zu dichten, was ausser seiner Neigung und Natur liegt«.

Bei Goethe erscheint anders als bei Ossenfelder nicht der Mann, sondern die junge Frau nicht nur metaphorisch als Revenant. Allerdings tritt auch sie zunächst passiv, ja abwehrend auf gegenüber den Avancen ihres Verehrers, ist vorläufig also kein Aggressor im engeren Sinne. Auch hier führt letztlich das Drängen des Mannes, seine »Liebeswut« zur erotischen Eskalation. Diese »wärmt« indes nicht nur »ihr starres Blut«. Die Männerphantasie einer sexuellen ›Erwekkung‹ der Frau durch beharrliches Insistieren führt nicht nur zu gegenseitiger Erfüllung, zu »Wechselhauch« und »Liebesüberfluß«; die Erregung des Mädchens bedeutet auch seine vampirische Aktivierung und geht letztlich letal für beide aus. Goethes Geschichte von der untoten Griechin, die nächtens ihrem ehemaligen Bräutigam beiwohnt und dabei von ihrer Mutter gestört wird, kann kein happy ending finden: sie schließt mit dem prophezeiten Dahinsiechen des Jünglings und der Bitte des Mädchens um ihrer beider Einäscherung.

Es ist geradezu ein germanistisches Klischee geworden, in der Ballade die Darstellung »einer religionsgeschichtlichen Umbruchssituation«[120], »des Aufeinanderpralls von Heidentum und Christentum«[121] zu einer »Zeitwende«[122] zu sehen:[123] »In der Braut von Korinth wurden die antiken Götter gegen die Sinnenfeindlichkeit der neuen Lehre in Schutz genommen«, schreibt etwa Walter Hinck.[124] Diese Sexualität sei freilich auch in der Gesellschaft um 1800 nur »gespenstisch verfremdet«[125] – d.h. letztlich: unter dem Stigma des Todes – darstellbar; auch deshalb muß hier der Vampirismus und das in ihm aufbewahrte Nicht-Humane literarisch bemüht werden.

In der Braut von Korinth werden freilich auch Frauenrollen verhandelt, die Silvia Volckmann[126] durchaus stringent herausgearbeitet hat, nachdem sie von früheren Interpreten[127] in deren naivem Romantismus offenkundig übersehen wurden: Der Ambiguität der Vampirin, ihre (männlich perspektivierte) Zeichnung als Liebende und als mordender Geschlechtsdämon, entspricht auf der ideologischen Ebene einer über sie verhängten Doppelmoral: Ihre uneheliche ›Hingabe‹ an die Triebimpulse des Gastes ist eine heimliche Männerphantasie, verstößt aber offiziell gegen gesellschaftliche Normen (Religion, Ehe) und ist dem Mädchen daher nur zur Unzeit der Nacht, aus dem Un-Raum des Grabes heraus möglich. Das double bind der Protagonistin und die phantastische Ambivalenz des Textes korrespondieren miteinander.

Die Bestrebungen des Mädchens, den Wünschen des Mannes zu entsprechen und jenen ihrer Mutter nicht, werden nun insbesondere dann als ›tödlich‹ denunziert, wenn die Protagonistin – einmal auf den ›Blut‹-Geschmack gekommen – am Ende der Ballade droht, in Zukunft selbständig und aggressivdie (sexuelle) Initiative zu ergreifen: »Ist’s um den geschehn/, Muß nach andern gehen,/ Und das junge Volk erliegt der Wut.« Hier schwingt bereits die Angst Baudelaires128 vor der ›vampirisch‹ unmäßigen Lust der Frau mit, das ›Wehe, wenn sie losgelassen‹. Implizit gibt das nicht unfrivole Gedicht damit wieder der vordergründig kritisierten christlich- moralischen Position der Mutter recht. In einer Art vorauseilenden Gehorsams ist es ja auch die vampirische Braut selbst, die ihre eigene Verbrennung am Scheiterhaufen, dem traditionellen Ort des Hexentodes, fordert. Noch vor dem dafür geäußerten Vorwand – der postmortalen Vereinigung mit der Asche ihres Bräutigams – wird im Gedicht der wahre Grund dafür genannt: ihr künftiges Getrieben-Sein, d.h. die prospektive Ausweitung ihrer vampirisch-sexuellen Wünsche auf weitere junge Männer, vielleicht sogar Frauen – im Gedicht heißt es »das junge Volk« – zu verhindern. Die Kremation dient letztlich als letzte body control dem undurchschaubaren weiblichen Wunschkörper gegenüber, der hier aus einer ›fahrlässigen‹ männlichen Pygmalion- Phantasie entstanden ist.

Mit der Täter-Opfer-Relation des Bluttrinkens sind also häufig auch Geschlechterrollen gemeint. In der Nachfolge von Mario Praz hat die Forschungsliteratur darauf hingewiesen, daß in der 2. Hälfte des 19. Jhs. der Fokus zunehmend wieder vom männlichen auf den weiblichen Vampir verlegt wird[128] (mit Motivtableaus, die in ihren Grundzügen schon bei Goethe installiert sind). Dieser Paradigmenwechsel verläuft analog zur generellen Dämonisierung der Frau in den Künsten zwischen Romantik und Décadence.[129] Damit sind Frauenrollen nicht nur in Vampirgeschichten bis ins 20. Jh. hinein in die stereotype Dichotomie von blutrünstiger femme fatale (Täterin) und blasser femme fragile (Märtyrerin, Opfer) eingespannt, als Pole, zwischen denen sie oszillieren müssen. Der Vampir ist so auch vom Symbol des Fremden, des ›ethnisch‹ anderen (Süd-)Osteuropaszur Chiffre geschlechtlicher Alterität geworden, wenngleich seine ›ersteNatur‹ auch weiterhin unter seiner ›zweiten‹ gleichsam durchschimmert.

Komplementär zu jenen faszinierenden bis trivialen Feindbildern einer männlichen Literatur ab dem 19. Jh.[130] hat sich auch eine Literatur von Frauen in der zweiten Hälfte des 20. Jhs. verstärkt des Vampirs und insbesondere der Vampirin angenommen;[131] v.a. in den letzten 15 Jahren wurde das adaptierte Motivuntoter Blutsauger/innen der Hinterfragung von Geschlechterrollen bzw. einer – möglicherweise prekären – Identitätssuche dienstbar gemacht. Sabine Berthold meint dazu im Editorial zu ihrem Sammelband Rote Küsse aus dem Jahr 1990: »Vorgefundene Weiblichkeitsbilder werden umgedeutet in ein selbstbewußtes Konzept weiblicher Autonomie, Aggression und Sinnlichkeit. Wofür der Vampirismus ein ironisches Modell sein könnte.«[132] Petra Flocke schreibt etwas spezifischer: »Das Bild der Vampirin wird dann abgerufen, wenn weibliche, aktive Sexualität ein Skandalon ist, in Zeiten aufbrechender Geschlechterpolaritäten verliert es an schaurigem Potential [...][;] denn was durch Verschleierung subversivwurde, gewinnt durch Entschleierung an Deutlichkeit.«[133]

Diese Dialektik von Ver-und Enthüllung gehört zur Ästhetik des Randes[134], die auch im Vampirismus wirksam wird, der sich bevorzugt in Zonen diskursiver Verwerfung zeigt und sich dabei insbesondere an der Gender-Kategorie angereichert hat. Im 20. Jh. wird er schließlich metonymisch für ein erstrebenswertesoder ein erlittenesAußenseitertum eingesetzt: »Alsirreale Figur vermag die Vampirin sowohl den Ausschluß von Frauen zu demonstrieren als auch eine ersehnte Version von Weiblichkeit vorzuführen«;[135] »ein Substrat aus vornehmlich sexuellen Projektionen« bleibe er indes weiterhin,[136] schreibt Flocke treffend.

Alles in allem stellt sich angesichts von feministischen Unternehmungen wie der Anthologie Blaß sei mein Gesicht[137] oder Rote Küsse auch die Frage, ob das Feindbild Vampir, das der polemischen Denunziation diente, so leicht als Identifikationspotential nutzbar gemacht werden kann/soll. Trotz ihrer fast beliebigen Umwertbarkeit ist es die Maske des Todes, der Anti-Aufklärung, ihr fehlender Widerschein im Spiegel, der literarische Ritualmord und das Stigma des äusserst Irrealen, was diese Figur zu einer problematischen Projektionsfläche für Utopien macht. In diesem Punkt sind Elfriede Jelineks und Barbara Neuwirths Texte[138] in ihrer plot-Logik hellsichtiger als die so manch anderer AutorInnen.

Für sie alle gilt, was der Vampirautor Adolf Muschg als Literaturwissenschaftler gewissermaßen als das kathartische Moment des Revenants als Randfigur und sein literarisches Reproduktionsprinzip formuliert hat:

Trivial ist der Vampir nur als literarische Figur. Als reales Bedürfnis überwältigt er alle Hüter der Schwelle und holt sich im Dunkeln, was er braucht. Wir selbst wollen’s dann nicht gewesen sein. Dafür haben wir ja ihn: als blinden Fleck unserer Wahrnehmung.[139]


Endnoten

  1. Summers, Montague: The Vampire. Its Kith and Kin. London: Routledge & Keagan 1928; Repr. New York: Dorset 1991. Ders.: The Vampire in Europe. London: Kegan Paul 1929; Repr. New York: New Hyde Park 1961.
  2. Summers 1928/91, p. 1.
  3. Ibid.
  4. Ibid.
  5. Ibid., p. 6.
  6. Cf. etwa Schroeder, Aribert: Vampirismus. Seine Entwicklung vom Thema zum Motiv. Frankfurt/M.: Akad. Verlagsges. 1973 (Studienreihe Humanitas. Studien zur Anglistik), p. 7; Borrmann, Norbert: Vampirismus oder die Sehnsucht nach Unsterblichkeit. München: Diederichs 1998,p. 12.
  7. Borrmann 1998, p. 12. Zum Vampir in der südosteuropäischen Folklore cf. etwa Burkhart, Dagmar: Kulturraum Balkan. Studien zur Volkskunde und Literatur Südosteuropas. Berlin, Hamburg: Reimer 1989 (Lebensformen 5), pp. 65-108; Kreuter, Peter Mario: Der Vampirglaube in Südosteuropa. Berlin: Weidler 2001.
  8. Wegen der alleinigen Verfügungsgewalt Gottes über das Leben folgt daraus das Verbot des AT, Blut zu essen: »Die Lebenskraft des Fleisches sitzt nämlich im Blut« (Lev. 17, 11) – und weiter: »Deshalb habe ich zu den Israeliten gesagt: Niemand unter euch darf Blut genießen [...]« (13). In einem gewissen Widerspruch dazu – wenn auch auf die gleiche mythologische Auffassung zurückgehend – steht die christliche Eucharistie, die die Gläubigen zum Trinken des göttlichen Blutes auffordert, um dem Heiland ins »Reich seines Vaters« zu folgen. Cf. z.B. Mt 26, 27ff. et al.
  9. Cf. etwa Borrmann 1998, p. 9; Copjec, Joan: Vampires, Breast-Feading and Anxiety. In: October 58 (Herbst 1991), pp. 25-43; Lapin, Daniel: The Vampire, Dracula and Incest. The Vampire Myth, Bram Stoker’s ›Dracula‹ and Psychotherapy of Vampiric Sexual Abuse. San Francisco: Gargoyle 1995.
  10. Die Akten dieses Kongresses sind inzw. erschienen: Miller, Elizabeth (Hg.): Dracula – The Shade and the Shadow. Papers presented at ›Dracula 1997‹ at Los Angeles, August 1997. A Critical Anthology. Westcliff- on-Sea/GB: Desert Island Books 1997. Andere Jubiläumspubl.: Pozzuali, Alain: Guide de Centenaire: Dracula 1897-1997. Paris: Éd. Hermé 1996; Köppl, Rainer M. (Hg.): 100 Jahre Dracula. Wien et al.: Böhlau 1998 (Maske und Kothurn. Int. Beitr. zur Theaterwissenschaft 41/1-2).
  11. Zur Wortgeschichte cf. Burkhart 1989, p. 65ff.; Wilson, Katharina M.: The History of the Word ›Vampire‹. In: Journal of the History of Ideas (1985), pp. 577-583.
  12. Cf. Brittnacher, Hans Richard: Ästhetik des Horrors. Gespenster, Vampire, Monster, Teufel und künstliche Menschen in der phantastischen Literatur. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1994, p. 194.
  13. Cf. Gelder, Ken: Reading the Vampire. London, New York: Routledge 1994, p. 65.
  14. Dresser, Norine: American Vampires. Fans, Victims, and Practitioners. New York: Vintage 1989, p. 206.
  15. Zur Biographie des hist. Dracula cf. z.B. Märtin, Ralf-Peter: Dracula. Das Leben des Fürsten Vlad Tepes. Berlin: Wagenbach 1980, 1996, 2001; McNally, Raymond/ Florescu, Radu: Auf Draculas Spuren. Die Geschichte des Fürsten und der Vampire. Aus d. Amerik. v. Klaus D. Schmidt. Berlin: Ullstein 1996.
  16. Cf. Lottes, Wolfgang: Dracula & Co. Der Vampir in der englischen Literatur. In: Archiv für das Studium der Neueren Sprachen und Literaturen 220 (1983), pp. 285-299, hier p. 295.
  17. Cf. etwa Introvigne, Massimo: La stirpe di Dracula. Indagine sul vampirismo dall’antichità ai nostri giorni. Mailand: Mondadori 1997, pp. 13117; Lecouteux, Claude: Die Geschichte der Vampire. Metamorphose eines Mythos. Aus d. Frz. v. Harald Ehrhardt. Düsseldorf: Zürich: Artemis & Winkler 2001.
  18. Cf. Schroeder 1973; Introvigne 1997, pp. 90-109; Hamberger, Klaus: Mortuus non mordet. Dokumente zum Vampirismus 1689-1791. Wien: Turia & Kant 1992.
  19. Cf. Introvigne 1997, pp. 165-303; Hock, Stefan: Die Vampyrsagen und ihre Verwertung in der deutschen Litteratur. Berlin: A. Duncker 1900 (Forschungen zur neueren Litteraturgeschichte XVII); Sturm, Dieter/ Völker, Klaus: Historischer und literarischer Bericht. In: Dies. (Hg.): Von denen Vampiren und Menschensaugern. Dichtungen und Dokumente. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1994, pp. 505-581; Marigny, Jean: Le vampire dans la littérature anglo-saxonne. 2 Bde. Univ. Grenoble III: Thèse d'État 1983; Hamberger, Klaus: Über Vampirismus. Krankengeschichten und Deutungsmuster 1801-1899. Wien: Turia & Kant 1992; Pütz, Susanne: Vampire und ihre Opfer. Der Blutsauger als literarische Figur. Bielefeld: Aisthesis 1992.
  20. Cf. Introvigne 1997, p. 312ff.; Perthold, Sabine (Hg.): Rote Küsse. Frauen-Film-Schaubuch. Tübingen: konkursbuch Verl. C. Gehrke 1990; Prüßmann, Karsten: Die Dracula-Filme. Von F.W. Murnau bis F.F. Coppola. München: Heyne 1993; Dorn, Margit: Vampirfilme und ihre sozialen Funktionen. Ein Beitrag zur Genregeschichte. Frankfurt/M., Wien et al.: Peter Lang 1994.
  21. Cf. Dresser 1989; Introvigne 1997, pp. 400-434.
  22. Rohrbacher, Stefan/ Schmidt, Michael: Judenbilder. Kulturgeschichte antijüdischer Mythen und antisemitischer Vorurteile. Reinbek: Rowohlt 1991, p. 131.
  23. Cf. Frenschkowski, Marco: Älter als Dracula. Vampire in Mythologie und Folklore. In: Le Blanc, Thomas/ Ruthner, Clemens/ Twrsnick, Bettina (Hg.): Draculas Wiederkehr. Vampirismus in Geschichte und Kultur. Tagungsband 1997. Wetzlar: Phant. Bibl. 2002 (Schriftenreihe u. Materialien d. Phant. Bibl. 35).
  24. Auch in außereuropäischen Mythologien gibt es eine Reihe vampirähnlicher Wesen, die freilich in Hinblick auf eine belletristische Traditionsbildung eine geringere Rolle spielen als der Vampir der slaw. Regionen: so etwa die indischen Gandharven und die Pisâchas, die A.W. Schlegel beschreibt, cf. bei Sturm/ Völker 1968/94, p. 509; weiteres, mit Vorsicht zu geniessendes Material bei Summers 1928/91, pp. 217-270.
  25. Cf. Schürmann, Thomas: Nachzehrerglauben in Mitteleuropa. Marburg/ L.: Elwert 1990 (Schriftenreihe der Komm. für ostdeutsche Volkskunde 51); Bächtold-Stäubli, Hanns et al. (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bde. Berlin: de Gruyter 1927-1942, hier Bd. 4., p. 812ff. u. Bd. 9, p. 570ff.
  26. Das Dorf Kisolova liegt in der Nähe der Stadt Bosanska Gradiška (cf. Hamberger 1992 (Mortuus), p. 43); die Lagebestimmung im Falle von Medvegya/Metvett nimmt Hamberger 1992 (Mortuus), p. 46 (dem Dokumenten von Glaser folgend) als an der südlichen Morawa gelegen vor; dieser Ort ist 2000/2001 als Schauplatz von Gefechten zwischen dem jugoslawischen Militär und den albanischen Freischärlern der Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) wieder zu allgemeiner Bekanntheit gelangt.
  27. Die maßgebliche Edition der teilweise schwer zugänglichen Dokumente und Akten findet sich bei Hamberger 1992 (Mortuus) sowie bei Schroeder 1973.
  28. Barber, Paul: Vampires, Burial, and Death. Folklore and Reality. New Haven/Conn., London: Yale UP 1988, p. 5. – Cf. auch die Darstellung der Zeitschriftenberichte bei Schroeder 1973, pp. 70-114.
  29. Eine minutiösere Chronologie der Ereignisse von 1725-70, inklusive Vor-und Nachgeschichte mitsamt ihrem textuellem Niederschlag haben Schroeder 1973, pp. 37-114 u. Hamberger 1992 (Mortuus), pp. 7-41 erstellt. Bei Hamberger sind auch die Berichte von Glaser und Flückinger ausführlich transskribiert (pp. 46-54).
  30. Die Heiducken sind eine Art von leicht bewaffneter lokaler, im Grenzgebiet angesiedelter Landmiliz.
  31. Die Schreibweise des Ortsnamens findet sich bei Sturm/ Völker 1968/94, p. 451.
  32. Cf. Robbins, Russell Hope: The Encyclopedia of Witchcraft and Demonology. London: Nevill 1959, p. 254ff., p. 461ff., p. 490ff.
  33. Cf. Hock 1900, pp. 4ff.; Bächtold- Stäubli 1927ff. I, pp. 305ff. bzw. Bd. 5, pp. 1508ff. et al.; Robbins 1959, p. 355ff.; Sturm/ Völker 1968/94, p. 507ff.
  34. Zit. n. Sturm/ Völker 1968/94, p. 452f. [Rechtschr. wie i.O.].
  35. Gemeint ist eine Erektion.
  36. Zit. n. Hamberger 1992 (Mortuus), p. 44f. [Rechtschr. wie i.O.].
  37. So ist bspw. charakteristisch für diese Textsorte, daß die Protokollanten die Totenerscheinungen nur vom Hörensagen kennen und sich lediglich auf den für sie abnormalen Zustand von Leichnamen stützen können: Ein Vampir in actu ist meinen Recherchen zufolge in der europäischen Geschichte nie von einer glaubwürdigen Person gesichtet worden; zumeist handelt es sich um Erscheinungen im Traum. Auffallend ist auch, daß die Vampire der Folklore meist ihre nächsten Angehörigen attackieren.
  38. Aus der Aktenlage geht pikanterweise hervor, daß die »Servien Vampirs « streng genommen erst dann zum Verwaltungsvorgang, d.h. zum Gegenstand bürokratischer Aufmerksamkeit bei den zuständigen Stellen in Wien werden, als die Verfasser der ersten Berichte, die Mediziner Glaser u. Flückinger, um Spesenrückerstattung einkommen. – Cf. Schroeder 1973, p. 51ff.
  39. Cf. die Dok. bei Hamberger 1992 (Mortuus), p. 76ff. bzw. p. 87ff.
  40. Der geb. Niederländer (17001772), einer der Gründungsväter der Wiener Medizin und der österr. Nationalbibl., zeigt sich in seiner auf Französisch verfaßten Expertise, die später publiziert wird (Abhandlung des Daseyns der Gespenster, nebst einem Anhange vom Vampyrismus, Augsburg 1768) als aufgeklärter Vorreiter der These, daß es sich beim ›vampirischen‹ Massensterben um eine unbekannte epidemische Infektionskrankheit handle.
  41. Zit. n. Hamberger 1992 (Mortuus), p. 85f., hier p. 86.
  42. Cf. Lewis, Ioan M.: Schamanen, Hexer, Kannibalen. Die Realität des Religiösen. Frankfurt/M.: Athenäum 1989; allgemeiner zum sozialpsychologischen Prinzip des Sündenbocks als Opfer-Ersatz: Girard, René: Das Heilige und die Gewalt. Aus d. Frz. v. Eilsabeth Mainberger-Ruh. Frankfurt/ M.: Fischer 31999; zum Vampir als Sündenbock cf. Kreuter 2001.
  43. Cf. Klaniczay, Gábor: Der Niedergang der Hexen und der Aufstieg der Vampire im Habsburgerreich des 18. Jahrhunderts. In: Ders.: Heilige, Hexen, Vampire. Vom Nutzen des Übernatürlichen. Aus d. Engl. v. Hanni Ehlers u. Sylvia Höfer. Berlin: Wagenbach 1991 (Kl. kulturwiss. Bibl. 31), pp. 73-97, bes. p. 73ff.; Hamberger 1992 (Mortuus), p. 39f.
  44. Cf. etwa Klaniczay 1991, pp. 7397; Borrmann 1998, p. 48ff. – Auch die Ereignisse in Schlesien und Mähren sind im Kontext einer politisch/ militärisch bedingten Notlage, der Schlesischen Kriege, zu sehen.
  45. Die Infektionsthese spielt schon in der ztg. med. Diskussion eine gewisse Rolle. Erst jüngst wieder hat der Wiener Gerichtsmediziner Christian Reiter in einer TV-Sendung die Symptome der von ›Vampiren‹ heimgesuchten serbischen Dorfbewohner mit jenen des Milzbrandes (Anthrax) verglichen, einer ansteckenden Krankheit, die von verdorbenen Nahrungsmitteln bzw. Tierkadavern ihren Ausgang nimmt. Andere Mediziner sehen in den Fallbeschreibungen des Vampirismus das Krankheitsbild der Tollwut (Rabies) bzw. der Porphyrie erfüllt. – C f. den Artikel in der Tageszeitung Diario 16 v. 07.06.1992 über den spanischen Neurologen Juan Gómez Alonso; weiters Köppl 1998, pp. 147-153; Borrmann 1998,p. 106.
  46. Die orth. Kirche unterstützt insofern den Vampirglauben, als sie daran festhält, daß Exkommunizierte und Abtrünnige nach ihrem Tod (als ›negative Heilige‹) nicht verwesen würden; cf. Hamberger 1992 (Mortuus), p. 35.
  47. Die Historie Südosteuropas muß auch als Kulturgeschichte einer Kolonisierung durch Großmächte bzw. eines anschließenden Postkolonialismus geschrieben werden (cf. dazu Said, Edward W.: Orientalism. New York: Vintage 1979; Ders.: Culture and Imperialism. New York: Knopf 1993; Todorova, Maria: Imagining the Balkans. Oxford: Oxford UP 1997. Cf. auch http://www.kakanien.ac.at/ beitr/theorie/CRuthner1.
  48. Cf. Bischof, Ferdinand/ d'Elvert, Christian: Zur Geschichte des Glaubens an Zauberer, Hexen und Vampyre in Mähren und Schlesien. Brünn: R. Rohrer 1859; Mannhardt, (Johann) Wilhelm: Über Vampirismus. In: Zeitschr. für dt. Mythologie u. Sittenkunde 4 (1859), pp. 259-282; Svatek, J.: Culturhistorische Bilder aus Böhmen. Wien: Braumüller 1879; Krauss, Friedrich Salomon: Vampirglaube in Serbien und in Lithauen. In: Mittheilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien XVII (1887), p. 67f.; Thallóczy, Ludwig von: Beiträge zum Vampirglauben der Serben. In: Hermann, Anton (Hg.): Publ. d. ethnol. Mitteilungen aus Ungarn. Budapest 1888 III, pp. 17-20; Summer 1929/61; Steiner, Otto: Vampirleichen. Vampirprozesse in Preußen. Hamburg: Verl. f. kriminalist. Lit. 1959.
  49. Weitere Vampirfälle in Österreich- Ungarn aus den Jahren 1895 und 1912 bei Summers 1929/61, p. 163, p. 168ff. u. p. 173. (Der Verf. kann es hier freilich nicht lassen, die Wiedergabe zu literarisieren und als personalisierter Erzähler aufzutreten, ein im Umgang mit dem Vampirismus nicht seltenes Phänomen.)
  50. Borrmann 1998, p. 13.
  51. Cf. Krauss, Friedrich Salomon: Slavische Volksforschungen. Leipzig 1908, p. 124. Ähnliche Gedanken finden sich schon in der Christl. Mystik des Proto-Germanisten Joseph Görres (München, Regensburg: Manz 1840. 5 Bde. Hier Bd. 3, p. 288), wenngleich weniger kulturwissenschaftlich, sondern eher im Stil rassistischer Stereotypen aus einer ›Völkerpsychologie‹; der Verf. nennt den Vampirismus eine »Seuche, die, wie es scheint, epidemisch von Zeit zu Zeit wiederkehrend, mit dem Weichselzopf vorzüglich an den Stamm der Slaven sich knüpft, wie die Pest [!] an den der Türken« [Hervorh. i.O.]. Hier wird der Vampirismus einmal mehr aus einer ›westlichen‹ Sicht zum signifikanten, ethnisch kodierten Symptom aus dem ›unterentwkckelten‹ (Süd-)Osten Europas.
  52. Denkwürdig ist etwa der Bericht über ein »Todtengespenst/ so das Blut aussaugen soll« bei Valvasor, Johann Weichard Frhr. v.: Die Ehre des Hertzogthums Crain; das ist wahr [...] Beschaffenheit dieses [...] kayserlichen Erblandes. In Teutsch gebracht durch Erasmus Francisici. 4 Bde. Laibach: Endter, hier Bd. 2, p. 335. Hier ist auch die Rede davon, »daß solche umgehende Strigons ihnen/ bey nächtlicher weile/ ihre Weiber bekriechen/ und würcklich beschlaffen/ wiewol kein einiges Wort dabey reden.« 
  53. Unter diesen Geschichten findet sich etwa die von Asvitus und Asmundus in den Gesta Danorum des Mönchs Saxo Grammaticus (um 1177), die auch von Valvasor zitiert bzw. übersetzt wird (ibid., p. 338f.). Die meisten nordischen Wiedergänger trinken jedoch kein Blut. Cf. Mannhardt 1859a, p. 276ff.; Schroeder 1973, p. 22f.; Lecouteux, Claude: Geschichte der Gespenster und Wiedergänger im Mittelalter. Köln, Wien: Böhlau 1987.
  54. Cf. Wilson 1985; Burckhart 1989; Schroeder 1973, pp. 12-36.
  55. Cf. die Dok. u. Analysen zum ›historischen‹ Vampirismus bei: Schroeder 1973; Sturm/ Völker 1968/94; Hamberger 1992 (Mortuus);Ders.: Über Vampirismus. Krankengeschichten und Deutungsmuster 1801-1899. Wien: Turia & Kant 1992; Introvigne 1997.
  56. Hamberger 1992 (Mortuus), p. 7.
  57. Cf. Barber 1988, bes. p. 106ff.
  58. Cf. Ariès, Philippe: Geschichte des Todes. Aus d. Frz. v. Horst Henschen u. Una Pfau. München: dtv 1982, 51991, p. 453ff.; Hamberger 1992 (Mortuus), p. 22ff.; Borrmann 1998,p. 55ff.
  59. Pott, Martin: Aufklärung und Aberglaube. Die deutsche Frühaufklärung im Spiegel ihrer Aberglaubenskritik. Tübingen: Niemeyer 1992, p. 401.
  60. Eine letzte einflußreiche Anstrengung zu einer ›wissenschaftlichen‹ Theoriebildung über den Vampirismus – wo der ebenfalls aus dem18. Jh. stammende Magnetismus mitverarbeitet ist – stammt i.ü. aus der Christlichen Mystik (1836-1842) von Joseph Görres (1776-1848). Dieser versucht in Buch III (pp. 275-288), mit seiner These eine der wichtigsten Aporien der Vampirologie zu lösen – wie der Blutsauger sein Grab verlassen kann, auf dem zentnerschwere Erdmassen ruhen. Görres geht von einer geistig-hypnotischen Fernbeziehung (»Rapport«) des Untoten zu seinem Opfer aus und leitet damit über zu Theorien des ›psychischen Vampirismus‹: »Der Vampyr in seinem Grabe übt eine Wirkung auf die Lebenden aus, in Folge welcher, die von ihm Ergriffenen vampyrisirt, selber zu Vampyren werden. [...] Der Vampyr, also mit dem Vampyrisierten in Rapport, ruft in ihm den entgegengesetzten Zustand von dem seinigen hervor; wie der Magnet sich zunächst im Eisen den entgegengesetzen Pol erweckt [...]. [...] Das Ungleichartige, was der Vampyr saugt, kann nichts Anderes als der Nervengeist sein, dessen die in ihm überfließend vegetale [...] Lebenskraft bedarf [...] so hat, was einmal im Leben gewesen, [...], umso größere Sehnsucht, wieder ins verlassene Lebensreich zurückzukehren [...] dann tritt es zu dem Lebendigen in ein ähnliches Verhältniß, wie das, in dem die Magnetisirte zum Magnetisirenden steht. [...] Es nimmt wahrhaftes Leben von denen, derer es sich bemeistert, es in sich zu einem falschen umgestaltend, und gibt dafür den Tod [...]« Ibid. (Bd. 3), p. 285ff.
  61. Cf. Hamberger 1992(Mortuus), pp. 93-96, pp. 260-62.
  62. Borrmann 1998, pp. 13, 20.
  63. Ibid., p. 15.
  64. Cf. Jolles-Neugebauer, Evelyn: Ein Bestseller auf dem engl. Literaturmarkt: Bürgers (Wiedergänger-) Ballade ›Lenore‹ (1774). In: Rieuwert, Sigrid/ Stein, Helga (Hg.): Kulturelle Brücken. Gemeinsame Balladentradition. Hildesheim, Zürich, New York: Olms 2000, pp. 196-220, hier p. 196. Intertextuelle Echos von Bürgers Ballade lassen sich bis hin zu Stokers Dracula nachweisen, cf. Dickens, David B.: Bürger's Ballad ›Lenore‹. En Route to ›Dracula‹. In: Becker, Alienne R. (Hg.): Visions of the Fantastic. Proceedings of the 15th Int. Conference of the Fantastic in the Arts. New York, Westport: Greenwood Pr. 1996, pp. 131-138.
  65. Cf. Staël-Holstein, Anne L.G.: De l’Allemagne. 5 Bde. Hg. v. Simone Balayé. Bd. 2. Paris: Garnier- Flammarion 1967, p. 202ff.
  66. Cf. Franklin, Caroline: The Influence of Madame de Staël's Account of Goethe's ›Braut von Korinth‹ in ›De l'Allemagne‹ on the Heroine of Byron's ›Siege of Corinth‹. In: Notes and Queries 35 (1988), pp. 307-310; Frayling, Christopher: Vampyres. Lord Byron to Count Dracula. London et al.: Faber & Faber 1991, pp. 7-15,p. 37, p. 107; Pütz 1992, p. 25f.
  67. Wiederabg. bei Sturm/ Völker 1968/94, p. 37.
  68. Cf. Gelder 1994, pp. 26-34; Pütz 1992, p. 26f.
  69. Cf. den Lexikonart. v. Robert N. Bloch in: Rottensteiner, Franz (Hg.): Werkführer durch die utopisch-phantastische Literatur. Meitingen: Corian Wimmer 1989ff. [Loseblattsammlg].
  70. Goethe, Joh. Wolfgang: Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Hg. v. Ernst Beutler. Bd. 23. Zürich: Artemis 1948-1971, p. 70.
  71. Eckermann, Joh. Peter: Gespräche mit Goethe v. 14.03.1830. Zit. n. Goethe 1948-1971 (Bd. 24), p. 727.
  72. Cf. Hock 1900, pp. 96-132.
  73. Ibid., p. 133.
  74. Der Fokus auf den deutschsprachigen Raum verdankt sich keinerlei Sprachnationalismus des Verf.s, sondern soll lediglich die bisherigen Versäumnisse germ. Forschung gegenüber anderen Philologien wettzumachen helfen. Es wäre in diesem Zusammenhang auch hilfreich zu wissen, wie etwa die südslaw. Literaturen selbst auf das Motiv des Vampirismus reagiert haben – was sich aber leider der wissenschaftlichen Kompetenz des Verf.s entzieht.
  75. Unter ›psychischem Vampirismus‹ versteht man den Entzug von Lebensenergie durch nahestehende Personen (in Beziehungen bspw.), die dafür nicht unbedingt das Blut ihres Opfers trinken müssen.
  76. Ich hoffe, dies bald im Rahmen einer größeren Monographie nachholen zu können, die einen Gesamtüberblick über den Vampirismus in der dt. Lit. 1725/48-2000 geben soll.
  77. Cf. etwa Prüßmann 1993 u. Dorn 1994.
  78. Schmidt, Klaus M.: Dracula – Der Herrscher der Finsternis. Vom mittelalterlichen Mythos zum modernen Zelluloid-Nervenkitzel. In: Müller, Ulrich/ Wunderlich, Werner (Hg.): Dämonen Monster Fabelwesen. St. Gallen: UVK, Fachverl. f. Wiss. u. Studium 1999 (Mittelalter Mythen 2), pp. 185-204, hier p. 185. Cf. auch die Filmographie bei Sturm/ Völker 1968/94, pp. 597-604.
  79. Cf. Arata, Stephen: The Occidental Tourist. ›Dracula‹ and the Anxiety of Reverse Colonialisation. In: Victorian Studies 33 (1990), pp. 621-645.
  80. Cf. auch Freund, Winfried: Der entzauberte Vampir. Zur parodistischen Rezeption des Grafen Dracula bei H.C. Artmann und Herbert Rosendorfer. In: Köpf, Gerhard (Hg.): Rezeptionspragmatik. Beiträge zur Praxis des Lesens. München: Fink 1981, pp. 131-148.
  81. Pütz 1992, p. 148.
  82. Brittnacher 1994, p. 125.
  83. Zit. n. Sturm/ Völker 1968/94, pp. 483-489, hier p. 485.
  84. Ibid., p. 484 u. p. 488. Ähnlich formuliert dies Carl von Knoblauch zu Hatzbach (ganz offensichtlich unter dem Einfluß Voltaires) im Taschenbuch für Aufklärer und Nichtaufklärer auf das Jahr 1791 (wiedergg. bei Sturm/ Völker 1968/94, p. 489f.).
  85. Borrmann 1998, p. 13, p. 20.
  86. Ibid., p. 15.
  87. Zit. n. Hamberger 1992 (Mortuus), pp. 257-260, hier p. 260 [Rechtschr. wie i.O.].
  88. Rohrbacher/ Schmidt 1991,p. 132ff.
  89. Ibid.
  90. Cf. Baldick, Chris: In Frankenstein's Shadow. Myth, Monstrosity, and Nineteenth-century Writing. Oxford: Clarendon Pr., New York: Oxford UP 1987, pp. 121-140.
  91. Marx, Karl: Das Kapital. Kritik derpolitischen Ökonomie. Bd. 1. In: Marx/ Engels: Werke. Hg. v. Inst. f. Marxismus-Leninismus beim ZK d.SED. Bd. 23. Berlin: Dietz 1977, p. 493.
  92. Borrmann 1998, p. 20.
  93. Marx 1977, p. 247 [Abweichungen i.O.].
  94. Ibid., p. 271.
  95. Cf. Sturm/ Völker 1968/94, wo die wichtigsten einschlägigen Texte der Weltlit. abgedr. und komm. sind; zur deren Erotismus cf. Twitchell, James B.: The Living Dead. A Study of the Vampire in Romantic Literature. Durham/NC: Duke UP 1981; Bhalla 1990; Flocke, Petra: [Vampirinnen] »Ich schau in den Spiegel und sehe nichts«. Die kulturellen Inszenierungen der Vampirin. Tübingen: konkursbuchverl. Gehrke 1999; et al. – Im europäischen Vampirgenre des 19. Jhs. läßt sich so etwas wie eine stark verspätete Paralleaktion zum bürgerl. Trauerspiel der dt. Lit. sehen; hier wie dort kämpfen die Männer der Bourgeoisie um die Körper ihrer Töchter, Verlobten und Frauen, die von verbrecherischen adeligen Usurpatoren bedroht sind.
  96. Cf. Barber 1988, p. 2, p. 4, p. 41, p. 44.
  97. Brittnacher 1994, p. 175.
  98. Schmidt 1999, p. 193 – ein Beitrag, der ansonsten von Tippfehlern und inhaltl. Irrtümern strotzt.
  99. Ich verweise u.a. auf die vorzügl. krit. Studien von Miller, Elizabeth: Reflections on Dracula. Ten Essays. White Rock/Brit. Col.: Transylvania Pr. 1997; Dies.: Dracula – Sense & Nonsense. Westcliff-on-Sea/GB: Desert Island Books 2000.
  100. Zu den vielfältigen Interpretationen dieses Textes cf. die Forschungsberichte von: Leatherdale, Clive: Dracula – The Novel and the Legend. A Study of Bram Stoker's Gothic Masterpiece. Wellingborough: Aquarian Pr. 21986; Pütz 1992, pp. 31-76; Gelder 1994, pp. 65-85.
  101. Cf. etwa Arata 1990.
  102. Pütz 1992, p. 152f.
  103. Cf. auch Ruthner, Clemens: Unheimliche Wiederkehr. Interpretationen zu den gespenstischen Romanfiguren bei Ewers, Meyrink, Soyka, Spunda und Strobl. Meitingen: Corian 1993 (Studien zur phantastischen Literatur 10), pp. 26-63.
  104. Analog zu seinem Autor, der während des 1. Weltkrieges in den USA als Spion tätig gewesen sein dürfte und im Anschluß daran interniert wurde. Cf. Kugel, Wilfried: Alles schob man ihm zu, er war ... der Unverantwortliche. Das Leben des Hanns Heinz Ewers. Düsseldorf: Grupello 1992; Wikoff, Karin E.: H.H. Ewers ›The Vampire‹. Ithaca/NY: Master Thesis d. Cornell Univ. 1995.
  105. Ewers, Hanns Heinz: Vampir. Ein verwilderter Roman in Fetzen und Farben. München: G. Müller 1921, p. 476f.
  106. Ibid., p. 477f. [Hervorh. i.O.]
  107. Konsequenterweise wird Ewers später einen Horst Wessel-Roman verfassen, vielleicht auch, um sich vom Stigma des phantastischen Schmuddelautors reinzuwaschen und sich bei den Nazis weiter anzubiedern, cf. Kugel 1992.
  108. Rosenberg, Alfred: Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit. München: Hoheneichen 1935, p. 1.
  109. Zit. n. profil [Wien] 26 v. 23.06.1997, p. 48. In dieses Bild paßt, daß Adolf Hitler möglicherw. selbst als Soldat im Ersten Weltkrieg der Leser eines anderen Ewers-Romans gewesen sein dürfte: Alraune (1911) handelt von einer künstlich gezeugten [!] Frau, die gewisse vampirhafte Züge aufweist. Man darf hier spekulieren, inwieweit sich Phantastik als verfemte Literatur des Randes später als NS-Zwangsvorstellung einer ›Menschenzüchtung‹ im Projekt »Lebensborn« niedergeschlagen hat. Cf. dazu Ruthner 1993, p. 118f.
  110. Cf. dazu auch Weingart, Peter/ Kroll, Jürgen/ Bayertz, Kurt: Rasse, Blut und Gene. Geschichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1992.
  111. Cf. Ewers 1921, p. 330, p. 468.
  112. Brentano, Clemens: Sämtliche Werke und Briefe [Frankfurter Ausg.]. Hg. v. Jürgen Behrens et al. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1975ff., hier Bd. 29, p. 444 [Rechtschr. wie i.O.].
  113. Cf. Krafft-Ebing, Richard v.: Psychopathia sexualis. Mit besonderer Berücksichtigung der konträren Sexualempfindung. Eine medizinisch- gerichtliche Studie für Ärzte und Juristen. Hg. v. Alfred Fuchs. Mit Beitr. v. Georges Bataille, Paul Kruntorad et al. München: Matthes & Seitz 1984, p. 81ff.
  114. Cf. Claes, Oliver: Fremde, Vampire. Sexualität, Tod und Kunst bei Elfriede Jelinek und Adolf Muschg. Bielefeld: Aisthesis 1994, pp. 127-195.
  115. Muschg, Adolf: Das Licht und der Schlüssel. Erziehungsroman eines Vampirs. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1988, p. 290f.
  116. Zit. n. Sturm/ Völker 1968/94, p. 14.
  117. Zit. n. Sturm/ Völker 1968/94, pp. 15-20.
  118. Cf. dazu Witte, Bernd et al. (Hg.): Goethe-Handbuch in vier Bänden. Bd. 1: Gedichte. Hg. v. Regine Otto u. Bernd Witte. Stuttgart, Weimar: Metzler 1996, p. 288ff.; Schemme, Wolfgang: Goethe ›Die Braut von Korinth‹. Von der literarischen Dignität des Vampirs. In: Wirkendes Wort 36 (1986), pp. 335-345, hier p. 335f.
  119. Cf. Witte et al. 1996, p. 289. – Nach diesem Werk sind auch die folgenden Briefstellen zitiert. Die autoreflexiven Belege aus Goethes Tagebuch etc. folgen Steiger, Robert (Hg.): Goethes Leben von Tag zu Tag. Eine dokumentarische Chronik. Bd. 3: 1789-1798. Zürich, München: Artemis 1984, p. 587f.
  120. Hinck, Walter: Die deutsche Ballade von Bürger bis Brecht. Kritik und Versuch einer Neuorientierung. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 31978 (Kleine Vandenhoeck-Reihe 1273), p. 19.
  121. Weißert, Gottfried: Ballade. Stuttgart: Metzler 21993, p. 77.
  122. Müller-Seidel, Walter: [Goethes Ballade ›Die Braut von Korinth‹.] In: Hinck, Walter (Hg.): Geschichte im Gedicht. Protestlied, Bänkelsang, Ballade, Chronik. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1979, pp. 79-86, hier p. 81.
  123. Cf. Volckmann, Silvia: »Gierig saugt sie seines Mundes Flammen«. Anmerkungen zum Funktionswandel des weiblichen Vampirs in der Literatur des 19. Jhs. In: Gerger, Renate/ Stephan, Inge (Hg.): Weiblichkeit und Tod in der Literatur. Köln, Wien: Böhlau 1987, pp. 155-176, hier p. 159; Freund, Winfried: Die deutsche Ballade. Theorie, Analysen, Didaktik. Paderborn: Schöningh 1978, pp. 35-42; Schemme 1986; et al.
  124. Hinck 1968/78, p. 23.
  125. Freund 1978, p. 38.
  126. Cf. Volckmann 1987, p. 159ff. – Meine eigene Interpretation besteht im wesentlichen in einer Zuspitzung jener Volckmanns, mit der ich jedoch nicht übereinstimme, was das Ende der Ballade betrifft: Getrieben-Sein bedeutet hier nicht weibliche Selbstbestimmung, sondern propagandistisch die Gefahr der Aktivierung der Frau als sexuellem Wesen.
  127. So heißt es etwa bei Schemme 1986, p. 345 in einer Art und Weise, die den Mythen der Literatur eher unkritisch aufsitzt als sie zu analysieren: »So führt uns Goethe, indem er die Vampirmythe in seinen Dienst nimmt, zunächst ganz ins sensible [!], feingegliederte [!] Seelenleben eines Vampirmädchens hinein, um dem Leser den dunkel-dämonischen Zwang einer Liebe erfahrbar zu machen, die je mehr sie sich in der Provokation durch die Hingabe des Geliebten zur Leidenschaft verdichtet, notwendig und zwingend den Geliebten in dem Augenblick vernichten muß, in dem ihre Liebe in ihrer Eigengesetzlichkeit sich verwirklicht.« – Einmal mehr wird hier das imagologische Dasein der Frau als latenter Geschlechtsdämon perpetuiert und das gewalttätige Ende glorifiziert.
  128. Cf. Pütz 1992; 1992; Paulowitz, Brigitte: »Nippen nur darf ich an dir«. Vampirtexte der deutschsprachigen Literatur des 19. Jahrhunderts. Wien: Dipl.[masch.] 1997.
  129. Cf. Les Métamorphoses du vampire aus Fleurs du Mal [1861]. Cf. auch Volckmann 1987, p. 168ff.
  130. Cf. Praz, Mario: Liebe Tod und Teufel. Die schwarze Romantik. Aus d. Ital. v. Lisa Rüdiger. München: dtv 41994 [EA Florenz 1930], p. 91. Seite 15 13 | 04 | 2002
  131. Ausführlichere Analysen zum Komplex Vampirismus-Gender in der österr. Lit. nach 1945 bei Ruthner, Clemens: Dämon des Geschlechts. VampirInnen in der österreichischen Literatur nach 1945 (Bachmann, Artmann, Jelinek, Neuwirth et al.). In: Modern Austrian Literature [Riverside/ Cal.] 31/3-4 (1998), pp. 65-88; wiederabg. in: Knöfler, Markus/ Plener, Peter/ Zalán, Péter (Hg.): Die Lebenden und die Toten. Beiträge zur österreichischen Gegenwartsliteratur. Budapest: Germanist. Inst. d. ELTE 2000 (Budapester Beitr. z. Germanistik 35), pp. 183-203.
  132. Berthold 1990, p. 7.
  133. Flocke 1999, p. 161.
  134. Cf. Ruthner, Clemens: Am Rande. Kanon, Peripherie und die Intertextualität des Marginalen am Beispiel der österreichischen Phantastik im 20. Jahrhundert. Tübingen, Basel: Francke 2002, cap. I.
  135. Flocke 1999, p. 160.
  136. Ibid., p. 168.
  137. Neuwirth, Barbara (Hg.): Blaß sei mein Gesicht. Vampirgeschichten von Frauen. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1990.
  138. Jelinek, Elfriede: Krankheit oder Moderne Frauen. Hg. v. Regine Friedrich. In: Dies.: Theaterstücke. Reinbek: Rowohlt 1992, pp. 191-265; Neuwirth, Barbara: Eine von IHNEN. In: Neuwirth 1990, pp. 131-140. Zu diesen Texten cf. Claes 1994 u. Ruthner 1999/2000.
  139. Muschg, Adolf: Der Vampir als Versucher der Literaturwissenschaft. In: Groddeck, Wolfgang/ Stadler, Ulrich (Hg.): Physiognomie und Pathognomie. Zur literarischen Darstellung von Individualität. Festschrift f. Karl Pestalozzi zum 65. Geb. Berlin: De Gruyter 1994, p. 439.


Über den Autor

Mag. Dr. Clemens Ruthner, geb. 1964 in Wien, dort Studium der Germanistik, Philosophie und Publizistik, 1991-1993 österr. Auslandslektor an der Univ. Budapest (ELTE), seit 1993 Lektor für deutsche Sprache, deutschsprachige Literatur und Kultur an der Univ. Antwerpen (UFSIA und UIA), Literaturkritiker bei der Wiener Tageszeitung Der Standard sowie Geschäftsführer des 1999 an der Univ. Antwerpen eingerichteten österreichischen Studien- und Kulturzentrums OCTANT. Seit 2000 Mitarbeiter des Forschungsprojekts Herrschaft, ethnische Differenzierung und Literarizität in Österreich-Ungarn 1867-1918.

Kontakt: clemens.ruthner AT ua.ac.be


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