„[…] bis jetzt sind sie nicht unverschämt.“

Der Kontakt mit alliierten Besatzungssoldaten wird häufig mit sexueller Gewalt gegen österreichische Frauen in Verbindung gebracht. Wie fanden solche Erfahrungen Eingang in das diaristische Schreiben von Frauen? – Ein Fallbeispiel aus Linz aus dem Jahr 1945

Im Alter von 73 Jahren begann Pia Seidensacher am Neujahrstag 1945 ihr Tagebuch „Das Jahr des Heiles 1945“ zu verfassen. Bis zum 31. Dezember 1945 hielt sie in einem kleinformatigen brauen Notizbüchlein auf beinahe 200 Seiten das Wetter, praktizierte katholische Riten und das Tagesgeschehen fest. Ein kurzer Quelleneinblick soll in diesem Beitrag zeigen, wie in den täglichen Einträgen der Kontakt mit amerikanischen und sowjetischen Soldaten und sexuelle Gewalterfahrungen einge- und beschrieben wurden.

Zur Schreiberin und ihrem Tagebuch

Pia Seidensacher (1872–1960) stammte ursprünglich aus Niedersachsen und lebte bis zum Ersten Weltkrieg mit ihrer Familie in Rijeka und Pula im heutigen Kroatien. Sie kam aus einer katholischen Adelsfamilie, hat in den 1890er-Jahren als Hofdame bei einer österreichischen Erzherzogin gearbeitet, und ihr verstorbener Ehemann Karl Seidensacher (1862–1938) ist Offizier bei der k. u. k. Marine gewesen. Ihre älteste Tochter Elisabeth Seidensacher (1901–1977) und eine ihrer Tanten waren Klosterschwestern in Linz und Tirol.

Pia Seidensacher auf einem Balkon sitzend mit Hund auf dem Schoß
Pia Seidensacher, Fotografie von 1944. SFN, NL 261 III.

Das Jahr 1945 erlebte Pia Seidensacher gemeinsam mit ihrer jüngsten Tochter Erika Seidensacher (1909–1988) und ihrer Hündin Daisy (gest. 1945) in einer Villa mit Garten im Stadtteil St. Magdalena in Linz, in der noch weitere Familien wohnhaft waren.

Das Tagebuch wurde als Teil des umfangreichen Nachlasses von Pia Seidensacher, ihrer Schwester, ihrer Tante und ihren drei Töchtern an die Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien übergeben. Der Bestand umfasst neben weiteren Tagebüchern unter anderem Korrespondenzen, Poesiealben, auto/biografische Aufzeichnungen, amtliche Dokumente, Erinnerungsalben, Fotografien und Zeichnungen.

Krieg und Gewalt als Thema in Tagebüchern von Frauen

Persönliche und gesellschaftliche Krisenzeiten sind häufig Anlass für auto/biografisches und diaristisches Schreiben beziehungsweise für dessen Intensivierung.[1] So stellte auch die Zeit des Zweiten Weltkrieges, wie bereits zuvor die des Ersten Weltkrieges, eine Konjunktur diaristischen Schreibens dar. Dies war der Fall sowohl auf Seiten der Ausgegrenzten und Verfolgten als auch auf Seiten jener, die während der NS-Zeit der sogenannten ‚deutschen Volksgemeinschaft‘ zugerechnet wurden.[2]

Schreiben im Krieg hatte in den 1940er-Jahren also bereits ‚Tradition‘. Zudem wurde es vom nationalsozialistischen Regime beispielsweise durch Schreibaufrufe und das Abdrucken von Tagebucheinträgen zu propagandistischen Zwecken gefördert.[3] Als Schreibmotivationen für ‚reichsdeutsche‘ Frauen werden unter anderem die Gewalterfahrungen der letzten Kriegsmonate, vor allem die Luftangriffe, sowie die Probleme und Einschränkungen der schriftlichen und telefonischen Kommunikation gesehen.[4] So notierte auch Pia Seidensacher in ihrem Tagebuch geschriebene Briefe und Telefonate, sowie Luftangriffe bzw. Alarme, ebenso wie deren Ausbleiben, beinahe täglich. Ob für Pia Seidensacher ebenfalls das Kriegsende Anlass war, Tagebuch zu schreiben, ist nicht bekannt. In ihrem Nachlass ist das Tagebuch aus 1945 die einzig aufbewahrte diaristische Aufzeichnung.

„Unser netter amerik. Freund vom Pfarrhof“[5]

Mit dem Ende des Krieges und der Ankunft der alliierten Soldaten war für die Bevölkerung in Österreich zunächst unklar, wie lange die Besatzung dauern und vor allem wie die Aufteilung der Zonen aussehen würde. Die daraus resultierende Verunsicherung zeigt sich auch in Pia Seidensachers Tagebuch, worin Berichte über Besatzungssoldaten bis zum Ende des Schreibzeitraums eine Konstante darstellten.

Die Schilderungen über die in St. Magdalena zunächst anwesenden amerikanischen Soldaten fielen dabei vor allem positiv aus. Hierbei waren für Pia und Erika Seidensacher wohl auch ihre Englischkenntnisse bei der Verständigung von Vorteil. Ihre Dolmetscherinnentätigkeiten, die wohl daraus resultierenden Treffen mit und Besuche von amerikanischen Soldaten in ihrem Haus werden zumeist in ähnlicher Weise wie die Kontakte mit Bekannten und Freund*innen beschrieben. So wurden Einzelne sogar als „Freund“ benannt – wie jener Soldat vom „Pfarrhof“.

aufgeschlagenes Tagebuch von Pia Seidensacher 1945

Pia Seidensacher, Tagebuch, 1. Jänner bis 31. Dezember 1945. SFN, NL 261 III.

Pia Seidensacher übernahm mit der Zeit sogar einige englische Ausdrücke in ihrem Schreiben.

 […] Meine „inside“ spann heute früh wieder, beruhigte sich aber G.s.D. tagsüber. nach der hl. Messe waren wir bei A., der nichts Neues wusste, aber rührenderweise fast 4 kg Zucker schenkte! Die Gerüchte bleiben bestehen, wechseln nur das Datum, Jetzt heißt es wieder, die Russen sollen am 10. kommen!! […] [6]

Der Abzug wurde teilweise als geradezu schmerzlich geschildert, wohl auch angesichts der Befürchtung einer sowjetischen Besatzung:

[…] Erika kam um ½ 8 heim, u. konstatierte zu ihrem großen Schmerz, daß die Amerikaner, daher auch unser Freund F., weg sind! Großer Kummer! [7]

„Die Russen sind ein schrecklicher Alpdruck“[8]

Die Befürchtungen, dass die sowjetische Besatzung vor allem Plünderungen und sexuelle Gewalttaten mit sich bringen würde, waren durch die nationalsozialistische Kriegspropaganda geprägt worden.[9] Es ist anzunehmen, dass diese Darstellungen Einfluss auf die Vorstellungen von Pia Seidensacher über die Soldaten bereits vor deren Ankunft in St. Magdalena hatten.

Anfang August 1945 wurde Linz in zwei Besatzungszonen unterteilt, wobei die nördlichen Stadtteile wie St. Magdalena in den sowjetischen Teil kamen.[10] Von diesem Zeitpunkt an berichtete Pia Seidensacher regelmäßig vom Verhalten der sowjetischen Besatzungssoldaten, ihre Wahrnehmungen davon und ihre Gedanken dazu.

1. [August] Mittwoch. Ein schlimmes Gefühl, den Russen ausgeliefert zu sein u. man weiß nicht, wie weit sie ihre Ansprüche noch steigern! Und ich fühle mich physisch den ganzen Aufregungen so gar nicht mehr gewachsen. Das Abgeschnittensein von der ganzen Familie ist so arg. [11]

Diese Schilderungen intensivierten sich insbesondere, als in Pia und Erika Seidensachers Wohnhaus sowjetische Soldaten einquartiert wurden.

Sexuelle Gewalt in den diaristischen Aufzeichnungen

[…] In der vorigen Nacht wieder Plünderungen u. 2 Mädeln vergew.!“ [12]

Der Kontakt der Zivilbevölkerung mit alliierten Besatzungssoldaten wird häufig mit sexueller Gewalt gegen österreichische Frauen in Verbindung gebracht, insbesondere – jedoch keinesfalls ausschließlich – in den sowjetischen Zonen in Österreich und Deutschland. Zumeist als kollektive Erfahrung – wohl auch aus erinnerungspolitischen Gründen – stilisiert, wurden diese Gewalterfahrungen dennoch von den betroffenen Frauen unterschiedlich erlebt und gedeutet. In der Forschung wurde die durch Besatzungssoldaten verübte sexuelle Gewalt als omnipräsent in der Erinnerung sowie in den diaristischen Aufzeichnungen aus der unmittelbaren Nachkriegszeit von Frauen vorgefunden.[13]

Pia Seidensacher berichtete in ihrem Tagebuch jedenfalls vereinzelt explizit von sexueller Gewalt, wobei die meist kurzen Bemerkungen über Erzählungen von anderen Frauen in die Beschreibungen weiterer Tagesvorkommnisse eingebettet wurden.

[…] Außer den gewöhnlichen Vorräten gab es Zwetschgen, Eier u. Butter. Alles vor Freude über den Ehering, den ich der armen Frau L. durch Erika hatte besorgen lassen. Sie begegneten der unglücklichen Frau R., die den grässlichen Überfall durch 3 Russen voll bestätigte. Ihre Auffassung des Ganzen ist heldenhaft und wunderbar und um solcher Seelen willen kann man auf Gottes Barmherzigkeit hoffen! […] [14]

Über ihre eigenen Erfahrungen bzw. Ängste schrieb Pia Seidensacher vor allem ab November 1945, als bei ihr sowjetische Soldaten untergebracht wurden. Hierbei stand die Sorge um ihre Tochter, jedoch auch jene um sich selbst, im Vordergrund.

18. Sonntag. 8 h hl. Messe u. Kom. Um 10 h großer Schrecken, da 2 Russen es durchsetzten herein zu kommen, u. das Rothe Zimmer nahmen. Um 4 h erschienen sie wieder und richteten sich wirklich ein. Glücklicherweise spricht einer gebrochen Deutsch, u. bis jetzt sind sie nicht unverschämt u. kommen auch nicht in unsere Zimmer, da sie mich als krank im Bett sahen, – ich hatte mich mit den Kleidern hinein gelegt, als sie das zweitemal kamen! Sie verlangten abends Thee, zu welchem Erika eingeladen u. bewirthet wurde, sie blieb aber nur kurz drüben, da wir uns doch fürchten. Möge Gott uns beschützen, – wir sind enttäuscht, daß unser Beten zum hl. Engel ergebnislos blieb. [15]

Weitere Vorkommnisse wurden nicht genauer beschrieben, sondern zumeist mit kurzen Bemerkungen, dass die Soldaten „anständig“ oder die Situation „unangenehm“ gewesen wären, festgehalten. Eingebettet wurden die Schilderungen jeweils in religiöse Sinnstiftungen.

„[…] aber sonst waren sie anständig.“[16]

Im Tagebuch von Pia Seidensacher sind die Anwesenheit der amerikanischen und sowjetischen Besatzungssoldaten in St. Magdalena, der Kontakt mit ihnen sowie die Angst vor ihnen durchgehend präsent. Die unterschiedlichen Arten des Aufeinandertreffens, die Kriegspropaganda, Pia Seidensachers politische und religiöse Einstellung, die Sprachbarriere und die Gewalterfahrungen führten zur geradezu gegensätzlichen Darstellung von amerikanischen und sowjetischen Besatzungssoldaten in den diaristischen Aufzeichnungen.

Der Kontakt mit den amerikanischen Soldaten fand durch Pia Seidensachers Sprachkenntnisse, die für Dolmetscherinnentätigkeiten genutzt wurden, zunächst auf einer vermutlich professionellen und mehr oder weniger freiwilligen Ebene statt. Dies führte wohl zur überwiegend positiven bis zu freundschaftlichen Wahrnehmung der Männer. Anders schreibt Pia Seidensacher bereits vor Beginn der Besatzung über die sowjetischen Soldaten. Die unfreiwillige Einquartierung in den eigenen Wohnraum verstärkte die Angst zudem. Diese ist auch trotz zeitweiser Annäherung mit den bei ihnen untergebrachten Männern bis zum Ende des Tagebuches Thema.

[…] Sie sind alle 3 keine Kommunisten und auch getauft. Erika musste wieder mit ihnen essen und dann sogar ein paar Schritte tanzen! Erhielt Wurst, Speck, Butter und Brot für die Reise und war sehr vergnügt. Gott gebe, dass es so bleibt und nichts Arges dahinter steckt. [17]

Sexuelle Gewalttaten werden in den Aufzeichnungen allein als von sowjetischen Soldaten verübt beschrieben – in Form von Erzählungen über andere Frauen. Die eigenen Erfahrungen bzw. der Tochter sind hingegen Schilderungen, die an den Erzähltopos des „Davonkommens“ erinnern, wie er aus auto/biografischen Erzählungen bekannt ist.[18]

Das Tagebuch von Pia Seidensacher ist ein Beispiel dafür, wie die vielschichtigen Kontakte zu Besatzungssoldaten und sexuelle Gewalterfahrungen in der unmittelbaren Nachkriegszeit in das diaristische Schreiben von Frauen Eingang fanden.

Pauline Bögner

Anmerkungen

[1] Siehe dazu auch den Radiobeitrag „Vom Ordnen der Gedanken. Warum Menschen ihren Alltag Tagebüchern anvertrauen“. Li Gerhalter im Gespräch mit Axel Rahmlow, Deutschlandfunk Kultur, Interview vom 08.05.2020, https://www.deutschlandfunkkultur.de/vom-ordnen-der-gedanken-warum-menschen-ihren-alltag.1008.de.html?dram:article_id=476315.

[2] Li Gerhalter, Christa Hämmerle, Tagebuch – Geschlecht – Genre im 19. und 20. Jahrhundert. In: Li Gerhalter, Christa Hämmerle (Hg.), Krieg – Politik – Schreiben. Tagebücher von Frauen (1918–1950) (Wien/Köln/Weimar 2015), 23–26.

[3] Ebd., 26–27. Janosch Steuwer, Ein Drittes Reich, wie ich es auffasse. Politik, Gesellschaft und privates Leben in Tagebüchern 1933–1939 (Göttingen 2017), 231–234; Veronika Siegmund, „Mobilmachung aller gestalterischer Kräfte…“. Die politische Instrumentalisierung des Tagebuchs in der Erweiterten Kinderlandverschickung (1940–1945). In: Zeitgeschichte, 47. Jg., Heft 3 (2020), 315–341.

[4] Susanne zur Nieden, Alltag im Ausnahmezustand. Frauentagebücher im zerstörten Deutschland 1943 bis 1945 (Berlin 1993), 73–75.

[5] Pia Seidensacher, Tagebuch, 19. Mai 1945, Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien, NL 261 III.

[6] Pia Seidensacher, Tagebuch, 8. Juli 1945, SFN, NL 261 III; die Namen von Dritten wurden anonymisiert.

[7] Pia Seidensacher, Tagebuch, 13. Juni 1945, SFN, NL 261 III.

[8] Pia Seidensacher, Tagebuch, 7. August 1945, SFN, NL 261 III.

[9] Barbara Stelzl-Marx, Freier und Befreier. Zum Beziehungsgeflecht zwischen sowjetischen Besatzungssoldaten und österreichischen Frauen. In: Stefan Karner, Barbara Stelzl-Marx (Hg.), Die Rote Armee in Österreich. Sowjetische Besatzung 1945–1955. Beiträge (Wien 2005), 421–448, 424–425; Atina Grossmann, A Question of Silence. The Rape of German Women by Occupation Soldiers. In: October, Vol. 72 (1995), 43–63, 50.

[10] Gabriella Hauch, Frauen.Leben.Linz. Eine Frauen- und Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert (Linz 2013), 575.

[11] Pia Seidensacher, Tagebuch, 1. August 1945, SFN, NL 261 III.

[12] Pia Seidensacher, Tagebuch, 5. August 1945, SFN, NL 261 III.

[13] Atina Grossmann, The „Big Rape“. Sex and Sexual Violence, War, and Occupation in Post-World War II Memory and Imagination. In: Elizabeth D. Heineman (Hg.), Sexual Violence in Conflict Zones (Philadelphia 2011), 137–151, 137–139. Zudem lässt sich in den letzten Jahren eine erneute Konjunktur im Interesse an historischen Forschungen zu sexueller Gewalt feststellen. Unter anderem leiteten Christa Hämmerle und Birgit Sauer im Sommersemester 2018 an der Universität Wien die Ringvorlesung „Sexuelle Gewalt – von der ‚Moderne‘ zur Gegenwart“, siehe https://ufind.univie.ac.at/de/course.html?lv=070076&semester=2018S.

[14] Pia Seidensacher, Tagebuch, 25. August 1945, SFN, NL 261 III; die Namen von Dritten wurden anonymisiert.

[15] Pia Seidensacher, Tagebuch, 18. November 1945, SFN, NL 261 III.

[16] Pia Seidensacher, Tagebuch, 24. November 1945, SFN, NL 261 III.

[17] Pia Seidensacher, Tagebuch, 25. November 1945, SFN, NL 261 III.

[18] Marianne Baumgartner, Das Kriegsende und die unmittelbare Nachkriegszeit in lebensgeschichtlichen Erzählungen von Frauen aus dem Mostviertel (Dipl.-Arb. Universität Wien 1992), 116.

Von |2020-12-15T22:25:38+02:0020. November 2020|QuellenArbeit|0 Kommentare

Pauline Bögner studiert Geschichte im Masterstudium, mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechtergeschichte an der Universität Wien und ist seit 2019 Vorstandsmitglied von fernetzt. Derzeit arbeitet sie als Studienassistentin in der Sammlung Frauennachlässe am Institut für Geschichte der Universität Wien und recherchiert für ihre Masterarbeit zu diaristischen Aufzeichnungen von Frauen um das Ende des Zweiten Weltkrieges in Österreich.

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