„Wie Frauenbewegung geschrieben [wurde]“. Erinnerungspraxis im Wiederaufbau nach 1945

Die feministische Geschichtsproduktion war und ist Teil von Aushandlungsprozessen. Der Beitrag skizziert exemplarisch die Erinnerungspraxis Dr. Dorothee von Velsens (1883-1970) im „Münchner Verein für Fraueninteressen“ nach 1945. Der Fokus liegt auf der bewegungseigenen, in diesem Fall liberal-bürgerlich geprägten Traditionsstiftung im Zuge frauenorganisatorischer Wiederaufbaumaßnahmen.

Die Reflexion von Produktion/sbedingungen ist feministischer Geschichtsschreibung inhärent. Zuletzt initiierten Sylvia Schraut und Angelika Schaser entscheidende Impulse, den forschenden Blick stärker auf die Tradierung bewegungseigener Narrative zu werfen;[1] der neueste diesbezügliche, sehr empfehlenswerte Beitrag stammt von Johanna Gehmacher (Part 1/Part 2).

Heute erinnert ein Straßenname in ihrem Wohnort Ried/Kochel am See an Dr. Dorothee von Velsen.
Mein ausdrücklicher Dank für das Zusenden dieses Fotos geht an Bianca Walther ©, die sich auf Twitter und in ihrem Podcast namens „Frauen von damals. Der Podcast“ der Sichtbarkeit von Frauengeschichte/n widmet. Bild bearbeitet durch Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel (AddF).

Mein Text fokussiert die Erinnerungspraxis der liberalen Demokratin Dr. Dorothee von Velsen (1883-1970) im Rahmen der organisatorischen Wiederaufbaumaßnahmen des „Münchner Verein für Fraueninteressen“ zwischen 1945 bis ca. 1960. Damit beleuchte ich jene Jahre, die bis heute im traditionellen Wellennarrativ zu Frauenbewegungsgeschichte/n marginalisiert sind – mit Ute Gerhards Worten die Zeit der Frauenbewegungs-Flaute.

Doch bringt das feministische historische Interesse auch aus biografisch forschender Perspektive – um in der Bildsprache zu bleiben – wieder Wind in diese Phase. Einmal mehr verweist die Geschichtsproduktion somit auf Gehmachers Befund der historischen Wandelbarkeit von „Frauenbewegung“ samt „produktive[r] Unschärfen“[2] des Begriffs.

„Traditionsbruch“: Alte und Neue Frauenbewegung/en?

Ich versuche mich im Folgenden in thesenhaften Erklärungsansätzen für den erzählten „Traditionsbruch“[3] von Alten zu Neuen Frauenbewegungen, der m.E. auch in Zusammenhang mit der Erinnerungspraxis stand. Das titelgebende Zitat[4] ist zugegebenermaßen viel zu groß für die exemplarische Skizze. Dementsprechend frage ich weitaus kleiner: Wie wurde „deutsche Frauenbewegung“ seitens von Velsen und dem „Münchner Verein für Fraueninteressen“ im Wiederaufbau nach 1945 tradiert?

Von Velsen in der bürgerlichen Frauenbewegung: Rechtskämpfe als Frauen

Dorothee von Velsen fand in Berlin im Jahr 1909 mit Mitte Zwanzig über die zunehmend professionalisierte Fürsorgearbeit zur Frauenbewegung. Sie blieb, aus wohlhabender preußischer Beamtenfamilie stammend, zeitlebens den liberal geprägten Frauenverbänden loyal: Ab 1923 war sie Vorsitzende des „Allgemeinen Deutschen Frauenvereins (ADF)/Deutscher Staatsbürgerinnenverband“ und leitete dessen Selbstauflösung 1933. Auch war sie langjährige Geschäftsführerin der Dachorganisation „Bund Deutscher Frauenvereine“ (BDF). Nach 1945 initiierte sie maßgeblich den organisatorischen Wiederaufbau mit.

Die überregionalen Zusammenschlüsse implementierten bis zur nationalsozialistischen Bewegungszäsur nachhaltige Gesellschaftsreformen samt frauenpolitischer Erfolge: Die (weißen) gebildeten und meist wohlhabenden Wortführerinnen des bürgerlichen, nationalloyalen deutschen Frauenbewegungsflügels kämpften angesichts patriarchaler Gesetzgebung für eine gleichwertige Besserstellung von Frauen als Frauen (das kleine Binnen-i begreife ich als selbstbeschreibenden Quellenterminus).

Erinnerungen an das erfolgreiche Früher um 1900

Auch der „Münchner Verein für Fraueninteressen“, der dieses Jahr sein 125jähriges Bestehen feiert, war dem obengenannten BDF angeschlossen. Im Gegensatz zu den Dachverbänden blieb der Münchner Verein trotz großer Bedrängnis – da als „nicht existenzberechtigt“[5] klassifiziert – während des Nationalsozialismus bestehen; allerdings stockte auch sein Vereinsleben ab 1938.

Nach 1945 nahmen die Münchner Vereinsfrauen ihre von früher gewohnte Arbeit wieder auf; unter ihnen nun auch die weithin vernetzte Wahlbayerin von Velsen. Ziel war die Reorganisation nach traditionellem Vorbild. Dabei galt den Frauenrechtlerinnen die Frauenbewegungsgeschichte als „wichtig zur Orientierung der jüngeren Generation“.[6] In den Worten von Velsens hieß es:

„[Die Alten] verstehen das Heute aus dem Gestern und suchen es dem Morgen dienstbar zu machen.“[7]

Das Frauen-Wir der wenigen ca. 1880/1890 geborenen Vereinsfrauen rekurrierte auf das einer älteren Generation, die wegweisend wie werbend ihre Ideen an jüngere Frauen zu vererben suchten.

Welches Früher?

Erinnerungswürdig waren für von Velsen und die Münchner Vorstandsfrauen Aktivistinnen, deren feministische Stoßrichtung, Habitus und politische Gleichberechtigungsideen sie teilten. Sie erzählten dankbar wie würdigend von einstigen Frauenbewegungserfolgen, zu denen sie nationale Frauenleistungen im Aufbau sozialstaatlicher Fürsorge sowie demokratische Errungenschaften zählten.

Unter den Erinnerten waren bspw. die beiden epochemachenden Vereinsvorsitzenden Ika Freudenberg (1858-1912), aka die „Mutter der bayerischen Frauenbewegung“[8], und ihre Nachfolgerin Luise Kiesselbach (1863-1929), die erste Armenfürsorgerin Bayerns und namhafte Sozialpolitikerin während der Weimarer Republik.

Kollektives Gedächtnis: Formate und Adressat*innenkreise

Die Vorstandsfrauen des „Münchner Verein für Fraueninteressen“ erzählten ihre Frauenbewegungsgeschichte in vielfältigen Formaten.[9] Sie bespielten sowohl das auf ca. 80 Jahre Dauer veranschlagte, mündlich überlieferte „kommunikative Gedächtnis“, auf Vortragsveranstaltungen, Teenachmittagen oder mit Beiträgen im Bayerischen Frauenfunk. Auch speisten sie das nachhaltigere, institutionalisierte „kulturelle Gedächtnis“ in Form von Monografien wie der Autobiografie von Velsens aus dem Jahr 1956.[10]

Ihre Erinnerungspraxis adressierte vornehmlich bürgerliche Ehefrauen und Mütter. Zugleich bewiesen sie der amerikanischen Besatzung sowie der bayerischen Kommunalpolitik ihre demokratische Gesinnung. Die Machthaber griffen gerne auf die kostenfreie Expertise der Frauen zurück: Der Münchner Verein wurde reeducation-Ansprechpartner, stellte Entlastungszeuginnen für Spruchkammerverfahren und Flüchtlingsversorgung sowie regelmäßige von Dorothee von Velsen geleitete Demokratieschulungskurse für Frauen.[11]

Wiederaufbau von Vergessenem

Stempel des „Verein für Fraueninteressen“, Ortsgruppe Landau Pf., um 1900. Quelle: AddF, Signatur NL-P-14; 3, Fotograf: Horst Ziegenfusz für: Historisches Museum Frankfurt ©, CC BY-SA 4.0. Veröffentlicht in: Dorothee Linnemann (Hg.): Damenwahl! 100 Jahre Frauenwahlrecht. Begleitbuch zur Ausstellung, Frankfurt am Main 2018, S. 60.

Die frauenbewegte Erinnerungspraxis war in eine hochkomplexe Nachkriegszeit eingebunden, die hier lediglich angedeutet werden kann. Sowohl die demokratischen Organisationsstrukturen, i.e. Wahlverfahren und Gründung von thematisch arbeitenden Ausschüssen, als auch die inhaltliche Stoßrichtung, i.e. soziales Engagement und explizit überparteiliche, politisch-demokratische „Erziehung“ von Frauen prägten die Agenda.

Dabei zielten die erfahrenen Frauenrechtlerinnen auf Vernetzung von Gleichgesinnten. Mit Erfolg! Nach kurzer Zeit gründeten sie die heutigen außerparlamentarischen Frauenpolitverbände, den westlichen „Deutschen Frauenring“ (1949)[12] und den „Deutschen Frauenrat“ (1951)[13]. In Bayern übernahm der „Münchner Verein für Fraueninteressen“, einstiger „Mutterverein“ der bayerischen Frauenbewegung um 1900,[14] nach 1945 eine tragende Verbandsrolle – in einem keineswegs reibungsfreien Entscheidungsprozess.

Hegemoniale Ansprüche bewegter Frauen im Kalten Krieg

Dass die Traditionsstiftung von „Frauenbewegung“ regierungsnaher und demnach christlich-liberaldemokratisch orientiert sein sollte, zeigte sich auf der Gründungsveranstaltung des Deutschen Frauenrings in Bad Pyrmont 1949. Dr. von Velsen, Vertreterin des „Münchner Verein für Fraueninteressen“, setzte unter korrekter Einhaltung der demokratischen Verfahren den Führungsanspruch ihres Vereins auf bayerischer Landesringebene erfolgreich durch: Ihre sozialdemokratische Konkurrenz, der von Else Reventlow (1897-1984) geleitete „Süddeutschen Frauenarbeitskreis“, musste sich dem Mehrheitsbeschluss beugen.[15]

Neben dieser Ausgrenzung linksgerichteter Frauenbewegungsflügel in der Frauenringvorstandsarbeit war auch die Erzählung über einst „Radikale“ wie die Vereinsmitbegründerin Anita Augspurg (1857-1943) marginalisiert. Der antikommunistische Duktus von Velsens und ihrer Mitstreiterinnen im sich sukzessiv zuspitzenden Kalten Krieg[16] erwies sich als hilfreich für den institutionellen Wiederaufbau unter christlich-liberaldemokratischen Vorzeichen. Die Erinnerungen des „Münchner Vereins für Fraueninteressen“ bündeln sich zu einem geschlossenen roten Faden bürgerlich liberaler Traditionsstiftung.[17]

Eine Bewegung ohne Nachwuchs?

Institutionell erfolgreich blieb der ersehnte Bewegungsnachwuchs jedoch aus. Weder traditionelles Programm noch Organisation verfügten über ausreichend Mobilisierungskraft. Auf Ablehnung dürfte zudem die bis 1944 fortgesetzte Herausgabe des Zentralorgans „Die Frau“ durch die einflussreiche Gertrud Bäumer (1873-1954) gestoßen sein. Die Causa Bäumer, i.e. ihr ambivalentes Verhalten unter nationalsozialistischer Herrschaft[18], deren Komplexität auch für nach 1945 eine eigene Geschichte erfordert, stellte im beginnenden Kalten Krieg einen vulnerablen Punkt für die westorientierten Frauenbewegungsorganisationen dar.[19]

Ambivalente Erfolge

Erst die Ausrufung einer Neuen Frauenbewegung mit augenscheinlich neuen Themen mobilisierte ab ca. 1968 junge Feminist*innen. Die hegemonial tradierte Frauenbewegungsgeschichte der zwei Nachkriegsdekaden vermittelte den selbsternannten Neuen den Eindruck, ohne potenzielle role models bei Null starten zu müssen und damit ohne eigene Geschichte mit der überlieferten Tradition zu brechen.

Auch heute, nach 40 Jahren institutionalisierter und zunehmend pluralisierter Frauen*- und Geschlechtergeschichte, ist die Geschichte von Frauen* und ihr Ringen um Gleichberechtigung marginalisiert. Damals wie heute ging und geht es in der feministischen Geschichtsproduktion also auch darum, dass trans/nationale, vielfältige Frauenbewegungsgeschichten gesucht und erforscht werden – und auch, dass der entsprechende, stets zu reflektierende Produktionskontext eigener Bewegungsnarrative darüber mitentscheidet, wie Frauenbewegungen erinnert werden.

Mirjam Höfner

Anmerkungen

[1] Angelika Schaser/Sylvia Schraut/Petra Steymans-Kurz (Hg.): Erinnern, vergessen, umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert (= Geschichte und Geschlechter, Bd. 73), Frankfurt, New York: Campus Verlag 2019.

[2] Johanna Gehmacher: „Wenn Frauenrechtlerinnen wählen können… Frauenbewegung, Partei/Politik und politische Partizipation von Frauen – begriffliche und forschungsstrategische Überlegungen“, in: Johanna Gehmacher/Natascha Vittorelli (Hg.), Wie Frauenbewegung geschrieben wird. Historiographie, Dokumentation, Stellungnahmen, Bibliographien, Wien: Loecker Erhard Verlag 2009, S. 135-180, hier S. 136.

[3] Kerstin Wolff: „Ein Traditionsbruch? Warum sich die autonome Frauenbewegung als geschichtslos erlebte“, in: Julia Paulus/Eva-Maria Silies/Kerstin Wolff (Hg.), Zeitgeschichte als Geschlechtergeschichte. Neue Perspektiven auf die Bundesrepublik, Frankfurt am Main: Campus Verlag 2012, S. 257-275.

[4] Johanna Gehmacher/Natascha Vittorelli (Hg.): Wie Frauenbewegung geschrieben wird. Historiographie, Dokumentation, Stellungnahmen, Bibliographien, Wien: Loecker Erhard Verlag 2009.

[5] Mirjam Höfner: „‚[…] wichtig zur Orientierung der jüngeren Generation‘. Erinnerungskultur nach 1945 im Münchner Verein für Fraueninteressen und Frauenarbeit“, in: Angelika Schaser/Sylvia Schraut/Petra Steymans-Kurz (Hg.), Erinnern, vergessen, umdeuten? Europäische Frauenbewegungen im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt, New York: Campus Verlag 2019, S. 124-151, hier S. 130.

[6] Ebd.

[7] Dorothee v. Velsen: Im Alter die Fülle. Erinnerungen, Tübingen: Wunderlich 1956, S. 380.

[8] Mirjam Höfner: „Motherliness and Women’s Emancipation in the Published Articles of Ika Freudenberg: A Discursive Approach“, in: Simone Bohn/Pinar M. Y. Parmaksız (Hg.), Mothers in Public and Political Life, Bradford, ON: Demeter Press 2017, S. 97-117.

[9] Zum Begriff „Kollektives Gedächtnis“ vgl. Aleida Assmann: Geschichte im Gedächtnis. Von der individuellen Erfahrung zur öffentlichen Inszenierung (= Krupp-Vorlesungen zu Politik und Geschichte am Kulturwissenschaftlichen Institut im Wissenschaftszentrum Nordrhein-Westfalen, Band 6), München: C.H. Beck 2007.

[10] D. v. Velsen: Im Alter die Fülle.

[11] Vgl. M. Höfner: „[…] wichtig zur Orientierung der jüngeren Generation“, S. 132.

[12] Lisbet Pfeiffer: „Konstituierung des Deutschen Frauenrings. ‚Ordnende Faktoren des öffentlichen Lebens'“, in: Welt der Frau 4 (1949), S. 4-5.

[13] Angela Icken: Der Deutsche Frauenrat. Etablierte Frauenverbandsarbeit im gesellschaftlichen Wandel, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften; Imprint 2002.

[14] Monika Schmittner: Aschaffenburg – ein Schauplatz der bayerischen Frauenbewegung. Frauenemanzipation in der „Provinz“ vor dem Ersten Weltkrieg (= Materialien zur Aschaffenburger Frauengeschichte, Band 2), Aschaffenburg: Stadt Aschaffenburg, Gleichstellungsstelle für Frauen 1995.

[15] Vgl. M. Höfner: „[…] wichtig zur Orientierung der jüngeren Generation“, S. 134-135.

[16] Irene Stoehr: „Kalter Bürgerinnen-Krieg? Eine deutsche Debatte um NS-Vergangenheit und Frauenbewegung am Beispiel Gertrud Bäumers 1946-1948“, in: L’Homme Z. F. G. 18, S. 95-113.

[17] M. Höfner: „[…] wichtig zur Orientierung der jüngeren Generation“, S. 137.

[18] Angelika Schaser: „Gertrud Bäumer – ‚eine der wildesten Demokratinnen‘ oder verhinderte Nationalsozialistin?“, in: Kirsten Heinsohn/Barbara Vogel/Ulrike Weckel (Hg.), Zwischen Karriere und Verfolgung. Handlungsräume von Frauen im nationalsozialistischen Deutschland, Frankfurt/Main, New York: Campus-Verl. 1997, S. 24-43.

[19] I. Stoehr: Kalter Bürgerinnen-Krieg?

Von |2021-08-03T10:34:40+02:0015. Juli 2021|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Mirjam Höfner forscht als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel. Ihr Promotionsprojekt, betreut von Prof. Sylvia Schraut (Universität der Bundeswehr, München), ist eine Biografie über die liberale Demokratin und bürgerliche Frauenrechtlerin Dr. Dorothee von Velsen (1883-1970). Kontakt: hoefner@addf-kassel.de

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