Kulturinstitute und Kulturdiplomatie ohne Akteur:innen?

Kulturinstitute werden gerne aus der Vogelperspektive beforscht. Hierarchien, politische Arbeitsvorgaben und Institutsleiter stehen meist im Fokus ihrer Geschichten. Ohne die Geschichten ihrer Akteur:innen fallen jedoch wichtige Aspekte der kulturdiplomatischen Arbeit dieser Institute aus dem Bild.

Foto Empfang Gäste am Balkon des Institut Francais de Barcelone
Empfang am Institut Francais de Barcelone, 1945. Quelle: FR-MAE Centre des archives diplomatiques de Nantes.

Seit dem späten 19. Jahrhundert zählen Kulturinstitute zu den Institutionen, durch die europäische Länder im Ausland vertreten sind. Als sich im Laufe der Zwischenkriegszeit ein neuer, systematischerer Zugang zur Kulturpolitik durchzusetzen begann, der spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg unter dem Begriff der Kulturdiplomatie gefasst wurde, erlebten nationale Kulturinstitute einen Aufschwung: Sie wurden zu Einrichtungen eines primär bilateral geregelten Kulturaustausches.[1]

Wie funktionierten diese Kulturinstitute also? Welchen Part hatten sie in den Kulturdiplomatien ihrer entsendenden Länder? Und wer wirkte prägend auf ihre Arbeit? Diese Fragen beantwortet die historische Forschung bislang zumeist wie folgt: Kulturinstitute seien zum einen als die verlängerten Arme jeweiliger Außenpolitiken zu sehen; zum anderen lag ihr Fokus auf dem Angebot diverser kultureller Veranstaltungen – deren Programmgestaltung in der Forschung besondere Beachtung fand; und zu guter Letzt hätten vor allem visionäre Institutsleiter[2] und politische Persönlichkeiten prägenden Einfluss auf das Wirken von Kulturinstituten genommen.

Hierarchisch und männlich? Wo steht das?

Wie dieses Bild der Kulturinstitute sich in der Historiographie durchgesetzt hat und warum es nur langsam zu wackeln beginnt,[3] wird unter anderem bei Steffen R. Kathe explizit. Im Fazit seiner Studie zum deutschen Goethe Institut erklärt Kathe, weshalb eine Vielzahl an Akteur:innen aus seiner Betrachtung ausgespart blieben: Sie seien in den Quellen nicht vertreten und hätten ohnedies keine wirkliche Handlungsmacht, da das kulturpolitische Arbeitsprogramm auf höheren Hierarchiestufen gestaltet würde.[4] Kann der Beitrag, den Kulturinstitute zu Kulturdiplomatien leisten, also ohne den Blick auf die lokale Institutsebene und die in ihr gegebenen Handlungsräume sinnvoll erfasst werden?

Die knappe Antwort darauf, die ich im Folgenden anhand zweier kurzer Beispiele ausführen möchte, lautet: Nein. Weder stellt es eine Unmöglichkeit dar, die Agency jener Akteur:innen, die am Tagesgeschäft von Kulturinstituten beteiligt waren, sichtbar zu machen und ernst zu nehmen, noch vermag das tatsächliche Wirken von Kulturinstituten an ihren Standorten – und somit der Institution „Kulturinstitut“ als kulturdiplomatisches Instrument an sich – durch das Studium zentral formulierter Vorgaben und hierarchischer Verwaltungsabläufe gefasst zu werden.

Die vergessenen Frauen des Institut Français de Barcelone

Pierre und Geneviève Deffontaines sitzend in förmlicher Kleidung mit Namensschildern am Revers
Pierre und Geneviève Deffontaines, 1956, Quelle: Wikimedia Commons, Public domain / Arquivo Nacional Collection.

Das erste Belegbeispiel, das ich bemühen möchte, ist jenes des Institut Français de Barcelone (IFB). In einer Dissertation zu den französischen Kultureinrichtungen in Spanien (1939–1964) wurde die Geschichte dieses Kulturinstituts bereits recht umfassend erforscht und sein Ansehen in der katalanischen Gemeinschaft dem langjährigen Institutsleiter, Pierre Deffontaines, zugerechnet. Im Fokus der Studie stehen die beruflichen Beziehungen, die er nach außen hin pflegte, sei es innerhalb des französischen Kulturnetzwerkes in Spanien, zum französischen Außenministerium oder zu spanischen und katalanischen Akteur:innen. Die Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeiter:innen bleiben hingegen nahezu ausgespart: Deffontainesʼ „eingeschweißtes Team“ wird weder vorgestellt noch diskutiert, sodass kein detaillierter Eindruck der internen Arbeit des Institutes entstehen kann.[5]

Diesen Akteur:innen fehlte es jedoch weder an Handlungsmacht noch am Eingang in das Quellenmaterial. Amélie Dufort etwa, die Generalsekretärin des IFB, ist in den Beständen des Centre des Archives Diplomatiques de Nantes mehrfach namentlich vertreten: Sie tätigte Aussendungen im Namen des Institutsleiters und war in großen Teilen und über lange Jahre mit der internen Kommunikation des Instituts betraut.[6]

Amélie Dufort als Generalsekretärin

Der Blick in ihre Personalakte gibt Aufschluss über Amélie Duforts Beitrag zur Geschichte des Institut Français de Barcelone. Mehr als 25 Jahre arbeitete sie am IFB und pflegte in dieser Zeit Beziehungen zu Kolleg:innen, Schüler:innen und Besucher:innen des Instituts. Nicht zu Letzt war es ihr zu verdanken, dass das Institut nach dem Spanischen Bürgerkrieg von Deffontaines übernommen werden konnte: Sie hatte 1939 finanzielle Mittel der französischen Gemeinschaft in Barcelona aufgestellt, um notwendige Reparaturen am Institutsgebäude vorzunehmen, und dafür gesorgt, dass 450 Schüler:innen für ihre Kurse ans Institut zurückkehrten. Als das IFB sich 1942 von der Kollaborateur:innenregierung Vichy-Frankreichs abwendete, folgte sie dem Institut in die Dissidenz und hielt auch in diesem Kontext die Kommunikation mit der Klientel des Instituts aufrecht.[7] Sein „Ansehen“ in der katalanischen Gemeinschaft verdankte das IFB somit in großen Teilen auch Amélie Dufort.

Deffontaines wusste ebenfalls um Duforts Verdienst. In wiederholten Briefen an die zuständige Abteilung des Französischen Außenministeriums bemühte er sich um ihre Verbeamtung und regte auch eine Verleihung der „palmes académiques“ – der höchsten französischen Auszeichnung für Verdienste um das Bildungswesen – an sie an.[8] Neben der Personalakte von Amélie Dufort liegen noch zahlreiche weitere Personalakten vor, die vom Engagement und der Zusammenarbeit der Mitarbeiter:innen des IFB zeugen. Bemerkenswerterweise sind diese Akten, besonders die der Frauen, die einzigen Zeugnisse ihrer Beiträge zur Geschichte des IFB.

Das Österreichische Kulturinstitut New York

Bibliothek ÖKI New York, Bücherregale mit Gang dazwischen
Bibliothek des ÖKI New York im 2002 neu eröffneten Gebäude 11 East 52nd Street in Manhattan, Quelle: Wikimedia Commons, CC-BY-SA 3.0.

Mein zweites Beispiel führt uns an das Österreichische Kulturinstitut (ÖKI) New York, dessen Geschichte ebenfalls bereits Objekt einer detaillierten historischen Studie war. Sie beleuchtet seine Anfänge nach dem Zweiten Weltkrieg neben dem von der österreichischen Exil-Community gegründeten Austrian Institute, das dem ÖKI 1963 seinen Namen überließ. Anschließend geht es um die Auslandskulturarbeit, das Österreichbild in den USA, die Auslandskulturpolitik, um „Dienstinstruktionen der ‚Zentrale‘“ und um die Künstler:innen, Ausstellungen und Veranstaltungen am ÖKI New York. Auch in dieser Geschichte sind die einzigen Institutsmitarbeiter:innen, die zu Wort kommen, die Leiter des ÖKI New York.[9]

Hatte das ÖKI New York denn Mitarbeiter:innen? Zu Beginn offenbar nicht: So schreibt Walter Seidl in seinem Buch, dass Wilhelm Schlag, der erste Institutsleiter des ÖKI New York, sich „[i]m Alleinkampf, anfangs auch ohne Sekretärin […]“ um den Aufbau der Kontakte bemühte, die er für seine Arbeit brauchte.[10] Dies deutet zwar auf die spätere Existenz einer Sekretärin hin, Erwähnung findet diese jedoch keine mehr. Mitarbeiter:innen des ÖKI New York bleiben auch im Übrigen nur angedeutet, beispielsweise wenn das mangelnde Interesse der US-Amerikaner:innen als Herausforderung für die Mitarbeiter:innen beschrieben wird.[11] Einzig Riccarda Zernatto, „Witwe des Dichters und Politikers in der Ära Schuschnigg Guido Zernatto“, wird aufgrund ihrer vorübergehenden Mitarbeit namentlich erwähnt. Worin diese Mitarbeit bestand, ist jedoch unklar.[12] Seidls bis in die späten 1990er Jahre reichende Studie präsentiert das ÖKI New York somit als einen Raum, in dem ausschließlich Institutsleiter und Künstler:innen handlungsmächtig wurden.

Die Reisetätigkeiten von Adolfine Eglestone

Umso bemerkenswerter ist es, wenn in den Beständen des Österreichischen Staatsarchivs, inmitten diverser, das ÖKI New York betreffender Akten aus dem Jahr 1975, die Genehmigungen von Dienstreisen zu finden sind, die nicht vom Institutsleiter unternommen wurden. Die reisende Person: Adolfine Eglestone.[13] Doch was war ihre Tätigkeit? Der Blick in den Amtskalender desselben Jahres verrät, dass Eglestone Bibliothekarin war, zu ihren Aufgaben und ihrem Wirken innerhalb des ÖKI bleiben die Informationen jedoch aus.[14]

Tatsächlich war eine kurze Online-Recherche in diesem Fall ergiebiger: Hofrätin „Ady“ Eglestone kam bereits 1965 als Bibliothekarin an das ÖKI New York, wo sie später in die Verwaltung wechselte und letztlich als Vizekonsulin akkreditiert wurde, bevor sie 1978 das Institut verließ. Zu ihren Aufgaben zählten neben der Katalogisierung und dem Erwerb von Büchern auch der Kontakt zu Besucher:innen, zu College-Student:innen, die zu Österreich forschten, sowie die Betreuung eines Film-Verleihs und von Konzerten.[15] Adolfine Eglestone war somit durch ihren persönlichen Kontakt zu den Besucher:innen des Instituts, ebenso wie durch ihre Arbeit an dessen Angebot, direkt an der Verbreitung des Wissens über die österreichische Kultur beteiligt, die das ÖKI zu leisten hatte.

Weder ausschließlich männlich noch besonders hierarchisch

In Kulturinstituten arbeitende Akteur:innen und ihre Handlungsräume zu finden, ist also im Sinne des historischen Erkenntnisgewinns lohnend, wenn es darum geht, den Beitrag der Institution Kulturinstitut zu Kulturdiplomatien zu fassen. Ministeriale Hierarchien und die Arbeit der Institutsleiter:innen geben nämlich vor allem Aufschluss über politische Zielsetzungen, interne Verwaltungsstrukturen und offizielle Netzwerke.

Die tatsächliche Ausprägung der Kulturinstitute als Begegnungsräume, die sich ihren Rahmenbedingungen anpassen, ist hingegen nur durch eine akteur:innenzentrierte Betrachtung zu untersuchen,  die Akteur:innen und ihre Interaktionen auf lokaler Ebene ernst nimmt. Eine solche Analyse zeigt, dass Hierarchien im Tagesgeschäft der Kulturinstitute eine ganz andere Rolle spielten, als Arbeitsvorgaben es vermuten lassen. Durch die Interaktion zwischen den Mitarbeiter:innen der Institute und ihren Besucher:innen eröffneten sich oftmals neue Handlungsfelder, in denen lokale Akteur:innen sich jenseits offizieller Richtlinien und entlang lokaler Interessen und Bedürfnisse im Sinne des kulturdiplomatischen Auftrags ihrer Institutionen betätigten.

Florence Klauda

Anmerkungen

[1] Vgl. Benjamin G. Martin, Elisabeth Marie Piller, Cultural Diplomacy and Europe’s Twenty Years’ Crisis, 1919-1939. Introduction, in: Contemporary European History 30 (2011), 149–150.

[2] Tatsächlich sind mir keine Studien bekannt, in denen eine Institutsleiterin in dieser Form erforscht wurde. Vgl.: Marion Knapp, Österreichische Kulturpolitik und das Bild der „Kulturnation“. Kontinuitäten und Diskontinuitäten in der Kulturpolitik des Bundes (1945–2002), Frankfurt am Main/ Wien 2005; Philippe Lane, French scientific and cultural diplomacy. Présence francaise dans le monde, Liverpool 2013.

[3] Seit einigen Jahren erscheinen nun auch Studien, in denen Akteur:innen abseits der Institutsleitung in den Blick genommen werden. Siehe z.B.: Daniel Logemann, Das Polnische Fenster. Deutsch-polnische Kontakte im staatssozialistischen Alltag Leipzigs 1972–1989, München/Oldenburg 2012.

[4] Steffen R. Kathe, Kulturpolitik um jeden Preis. Die Geschichte des Goethe Instituts von 1951 bis 1990, München 2005, 446–448.

[5] Vgl. Isabelle Losanlen, Un réseau culturel sur mesure. Les Etablissements Français en Espagne (1939–1964), Diss., Université de Provence 2008; Isabelle Lostanlen (Hg.), Pierre Deffontaines, directeur de l’Institut Français de Barcelone. Journal de Guerre 1939–1943, Villeneuve d’Ascq 2015, 30–33.

[6] Centres des Archives Dipolmatiques – Nantes, Ambassades, consulats, réseau culturel et de coopération (XVIe-XXe siècles), Postes diplomatiques et consulaires, Barcelone (Institut Français), 784PO/1/1;10 ;11 ;12 ;13.

[7] Centre des Archives Diplomatiques – La Courneuve, Direction générale des relations culturelles, scientifiques et techniques (DGRCST) / Personnel détaché, 4201TOPO/21, Amélie Duffort, Lettre à M. Joxe – Directeur de la DGRCST, 23.04.1948.

[8] CADLC, DGRCST/ Personnel détaché, 4201TOPO/21, Amélie Duffort, Note de Monsieur Deffontaines, undatiert.

[9] Vgl. Walter Seidl, Zwischen Kultur und Culture. Das Austrian Institute in New York und Österreichs kulturelle Repräsentanz in den USA, Wien/Köln/Weimar 2001.

[10] Vgl. ebd., 35.

[11] Vgl. ebd., 53.

[12] Vgl. ebd., 35.

[13] ÖSTA/ADR, BKA/AA, Kult, USA 41, Zl. 5109-A/74, Antrag auf Genehmigung einer Dienstreise vom 10.10.1974.

[14] Österreichischer Amtskalender. Zusammengestellt aus Amtlichen und Offiziellen Quellen, Wien 1974.

[15] Karin Pollak, Ady Egleston: Berufswunsch im Ruhestand erfüllt, https://www.noen.at/gmuend/von-new-york-nach-kiensass-ady-egleston-berufswunsch-im-ruhestand-erfuellt-schrems-adolfine-egleston-deutschlehrerin-miteinander-in-schrems-155948032 (abgerufen 16.09.2021).

 

Von |2021-10-22T10:29:57+02:0015. Oktober 2021|QuellenArbeit|0 Kommentare

Florence Klauda ist wissenschaftliche Projektmitarbeiterin und ÖAW DOC-Stipendiatin am Institut für Zeitgeschichte. In ihrer Dissertation „Actors and Structures of European Cultural Diplomacy: A comparison of French, Austrian and Spanish Cultural Institutes since 1945“ befasst sie sich mit dem „demokratischen“ Wirken der französischen, österreichischen und spanischen Kulturinstitute in den Kulturdiplomatien ihrer jeweiligen Länder nach 1945.

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