Wer hat die Hosen an? – Radfahrerinnen um 1900

In den 1890ern bis kurz nach 1900 florierte das Radfahren im bürgerlichen Milieu. Doch wenn Frauen den Sattel besteigen wollten, spießten sich Kleidungskonventionen mit technischer Praktikabilität. Es entbrannte ein Meinungsstreit über Rock oder Hose, der weit mehr war als eine modische Diskussion.

Titelblatt „Die Radlerin“ Jg. 1 (1896/97), Nr. 21; Quelle: SLUB Dresden

Am Ende des 19. Jahrhunderts stellte das Fahrrad ein Luxusgut dar. Zugang zu dem neuen Fortbewegungsmittel, das damals noch mehr Sportgerät als Verkehrsmittel war, hatten vor allem der Adel und das wohlhabende Bürgertum.[1] Unter den Frauen dieser sozialen Schichten erlebte das Radfahren jedoch erst durch das Aufkommen von Niederrad-Damenmodellen mit einer nach unten durchgebogenen Querstange einen Aufschwung.[2]

Diese frühen Damenmodelle konnten zwar mit langem Rock bestiegen werden, den die damalige Kleidungskonvention vorschrieb, sie waren aber meist instabiler und in ihrer Leistung den Herrenmodellen unterlegen. Vor allem sportlich ambitionierte Frauen begannen daher in den 1890er Jahren, den schweren unpraktischen Rock gegen Hosen, auch Beinkleider genannt, einzutauschen.[3]

Die Hose als Konventionsbruch

Abb. 2: Rückansicht eines geteilten Rocks auf dem Rad, in: Die Radlerin, Nr. 22 Jg. 1 (1896/97), S. 413. Quelle: SLUB Dresden

Speziell bei Männern konnte die selbstbewusst auftretende, hosentragende Frau auf dem Fahrrad Unbehagen und Ängste auslösen. Der Bruch mit den gültigen Kleidungskonventionen stellte das konservative Wertefundament in Frage und die Männer sahen sich mit einem drohenden Machtverlust konfrontiert. Die im 19. Jahrhundert oft thematisierte Polarisierung der Geschlechter manifestierte sich nun einmal auch in der Kleidung – das „starke“ männliche Geschlecht trug Hosen, das „schwache“ weibliche Röcke.[4] Wenn Frauen nun anfingen – sei es auch nur beim Sport – mit diesen etablierten Konventionen zu brechen, erregte dies Widerstand.

Dabei war das Radfahren der Frauen an sich bereits mit vielen Vorurteilen, etwa dem der „Unweiblichkeit“, behaftet. Ressentiments gab es aber insbesondere auch in Bezug auf die Frauenhose. Nicht zuletzt wurden Hosen für Frauen oder generell der gespreizte Sitz vielfach als unsittlich, sexuell anrüchig oder obszön empfunden.[5] Allein die Knöchel einer Dame zu sehen, galt bereits als skandalträchtig.[6] Dieses gesellschaftliche Tabu führte gar soweit, dass man mit dem Ausdruck „die Unaussprechlichen“ auf das Kleidungsstück referenzierte.[7]

Die Rad fahrende Damenwelt steckte bei der Frage, ob Rock oder Hose in einem sozialen Dilemma zwischen gesellschaftlicher Anerkennung einerseits und Praktikabilität auf dem Rad andererseits.[8] Aus diesem Problem heraus entstanden diverse Kombinationskostüme, die einen Balanceakt zwischen Funktionalität und sozialer Akzeptanz anstrebten, sich jedoch nicht durchsetzen konnten. Beispiele dafür waren etwa der „geteilte Rock“, ein geschlitzter Rock mit darunter versteckten Hosenbeinen (siehe Abb. 2), oder auch sogenannte Verwandlungskostüme, welche mit einem meist komplizierten und fehleranfälligen Zugmechanismus den Rock in eine Art Hose verwandeln sollten.

Die Radfahrerin in der Werbung

Abb. 3: Werbeannonce der Firma Opel, in: Die Radlerin, Jg. 3 (1898/99) Nr. 5, S. 134. Quelle: SLUB Dresden

Ganz anders hingegen porträtierte die Werbeindustrie zumeist die Radfahrerin. Hier dominierten Hosen, teils Herrenmodelle und insgesamt eine sexualisierte Aufmachung, das Rollenbild der Radfahrerin. Ein Beispiel dafür ist die Werbeannonce „Die Siegerin“ der Firma Opel aus dem Jahr 1898 (siehe Abb. 3).

Zu sehen ist eine Frau in knielangen Pumphosen in triumphierender Pose vor einem Herrenrad. Mit dem rechten Arm hält sie ihre Kappe, ein modernes Accessoire für Damen, empor und wirkt dabei ganz und gar nicht unweiblich, sondern graziös und begehrenswert. Der Lorbeerkranz im Hintergrund und der nebenstehende Schriftzug „Die Siegerin“ setzen die Radfahrerin eindeutig in einen wettbewerblichen Kontext – zu einer Zeit, in der Damenrennen vom Deutschen Radfahrer-Bund untersagt waren. Dies lässt darauf schließen, dass Männer die Hauptzielgruppe dieser Werbung waren, ganz nach dem modernen Motto „sex sells“.[9]

Abseits der schillernden Werbeplakate und -annoncen hatte es die Damenhose allerdings zunächst schwer. Selbst äußerst liberal eingestellte, ambitionierte Rad(renn)fahrerinnen, wie etwa die Berliner Pionierin Amalie Rother, akzeptierten die Hose nur für sportliche Zwecke. Rother riet ihren Leserinnen in einem Artikel von 1898 etwa Folgendes: „Natürlich geht man mit der [Hose, Anm.] nicht etwa am Ankunftsort spazieren, sondern zieht hübsch den auf der Lenkstange mitgeführten Rock darüber. Das dauert bei mir höchstens eine Minute.“[10]

Eine Frage der Ästhetik

Die Kostümwahl sollte neben der Praktikabilität stets eine Frage der Ästhetik bleiben.[11] „Schön zu sein“ sei die „urewige Aufgabe“ der Frau, die auch die Radfahrerin nicht ver-nachlässigen dürfe, heißt es beispielsweise im Vademecum, einem 1897 erschienenen Ratgeberhandbuch für das Damenfahren.[12] Die sogenannten Pumphosen wurden daher, wenn überhaupt, meist nur schlanken, jungen Damen ans Herz gelegt.[13] Korpulentere und ältere Frauen sollten lieber auf die Kombinationskostüme zurückgrei-fen. Diese stellten zudem eine Kompromisslösung für konservativ eingestellte Radfahrerinnen dar, die zwar nicht den unpraktisch langen Rock tragen, aber sich – selbst auf ihrem Gefährt – der Öffentlichkeit nicht in Hosen präsentieren wollten.

Es scheint als hätten die ersten Radlerinnen eine gewisse Repräsentationsfunktion internalisiert. Sie waren äußerst bedacht auf ihr öffentliches Auftreten und sorgten sich um das Ansehen ihres Sportes. Ein tadelloses Erscheinungsbild strahlte in ihren Augen nicht nur auf sie selbst als Individuum zurück, sondern zugleich auf die gesamte Sportart des (Damen-)Radfahrens. Im Vademecum heißt es dazu beispielsweise: „Die radfahrenden Damen müssen sich daher doppelt bemühen durch ein richtiges, vollkommen fehlerloses Betragen zum Schwinden der Vorurtheile gegen Radfahrerinnen beizutragen.“[14]

Die Angst vor der Rollenumkehr

Abb. 4: Karikatur „Training“. „So, Manderl, jetzt geh schön heim mit den Kindern. Ich trainier noch eine Stunde.“ Quelle: Simplicissimus, Jg. 3 (1898) Nr. 10, S. 78.

Eines der vorgebrachten Vorurteile war, wie bereits erwähnt, die „Unweiblichkeit“. Speziell die hosentragende Radlerin fachte die Ängste vor einer Vermännlichung der Frau bzw. gar vor einer Rollenumkehr an.[15] Gerade eine solche Umkehr der Geschlechterrollen wurde häufig in Karikaturen thematisiert, wie beispielsweise auch in der Satire aus dem Simplicissimus (siehe Abb. 4). Während der Mann die Aufgabe bekommt, die Kinder zu beaufsichtigen, geht die Frau ihrem Hobby, dem Radfahren nach.

Die Befürworter des Damenfahrens bemühten sich, diese Ängste in Schach zu halten und zu entkräften. Der Schriftsteller und Philosoph Eduard Bertz, ein Verfechter des Damenradfahrens, formulierte seinen Einspruch folgendermaßen: „Man braucht auch nicht zu fürchten, daß sie darum aufhören wird, Weib zu sein; denn die Natur wird ihre Grenzen zu verteidigen wissen.“[16]

Ausstrahlungskraft auf die Alltagsmode

Zusammenfassend ist zu sagen, dass sich die Hose auf dem Rad nicht von heute auf morgen durchsetzen konnte, sondern der Kampf für eine freie Kleiderwahl viele Hürden und Rückschläge erlebte. Dennoch war das Radfahren eine der ersten Sportarten, bei welcher Frauen mehr oder weniger von Beginn an eine Adaption der Hose bzw. Hosenröcke in Betracht zogen.[17]

Öffentliche Auftritte von Frauen in funktionalerer Sportkleidung entfalteten eine Breitenwirkung und hatten langfristig gesehen Ausstrahlungskraft auf die Alltagsmode,[18] selbst wenn die Rad fahrenden Damen der Zeit, wie Amalie Rother, dies noch gar nicht beabsichtigten. Jedoch war Radfahren – und somit Hosentragen für Frauen – um die Jahr-hundertwende zunächst das Privileg einer eng eingegrenzten sozialen Gruppe.

Veronika Ebner

Anmerkungen

[1] Ebert, Anne-Katrin: Radelnde Nationen. Die Geschichte des Fahrrads in Deutschland und den Niederlanden bis 1940, Frankfurt am Main 2010 (= Campus historische Studien Bd. 52), S. 38-40., Rabenstein, Rüdiger: Radsport und Gesellschaft. Ihre sozialgeschichtlichen Zusammenhänge in der Zeit von 1867 bis 1914, Hildesheim / München / Zürich 1991, S. 142.

[2] Bleckmann, Dörte: Wehe wenn sie losgelassen! Über die Anfänge des Frauenradfahrens in Deutschland, Leipzig 1998, S. 18-20.

[3] Rother, Amalie: Das Damenfahren, in: Salvisberg, Paul von (Hrsg.): Der Radsport in Bild und Wort. Unter Mitwirkung zahlreicher Fach- und Sportsleute, München 1897, S. 111-136, hier S. 112, 118.

[4] Hartman-Tews, Ilse: Weibliche Körper-Verhältnisse – Wandel und Kontinuitäten, in: Brennpunkte der Sportwissenschaft 4 (1990), S. 146-162, hier S. 149.

[5] Rabenstein, Radsport, S. 146.

[6] Strubreiter, Martin: Regel-mässig. Die Einkreisung des Radfahrens durch Regeln und Vorschriften, in: Hachleitner, Bernhard / Marschik, Matthias / Müllner, Rudolf / Zappe, Michael (Hrsg.): Motor bin ich selbst. 200 Jahre Radfahren in Wien, Wien 2013, S. 168 – 171, hier S. 170; Maierhof, Gudrun / Schröder, Katinka: Sie radeln wie ein Mann, Madame. Als die Frauen das Rad eroberten, 2. Aufl., Dortmund 1993, S. 63f.

[7] Zweig, Stefan: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Köln 2013 [Erstausgabe 1942], S. 109; Jugend, Jg. 1 (1896) Nr. 50, S. 817.

[8] Sturm, Petra: Die bewegte Frau. Rad fahrende Frauen in Wien um 1900, in: Hachleitner, Bernhard / Marschik, Matthias / Müllner, Rudolf / Zappe, Michael (Hrsg.): Motor bin ich selbst. 200 Jahre Radfahren in Wien, Wien 2013, S. 62-65, hier S. 63.

[9] Simpson, Clare: Capitalising on Curiosity. Women’s Professional Cycle Racing in the Late-Nineteenth Century, in: Horton, Dave / Rosen, Paul / Cox, Peter (Hrsg.): Cycling and Society, Abingdon 2007, S. 47-65, hier S. 60f.

[10] Rother, Damenfahren, S. 119.

[11] [Stern, Gisela]: Vademecum für Radfahrerinnen. Ein Hilfsbuch in Fragen der Fahrtechnik, der Gesundheit, der Etiquette und der Kleidung. Hrsg. von der Redaktion der „Wiener Mode“. Wien 1897, S. 47; Bleckmann, Anfänge, S. 67.

[12] [Stern], Vademecum, S. 45. Dabei sollte man beachten, dass das Vademecum vom Verlag der Wiener Mode, also einem Modeverlag herausgegeben wurde. Eine Überbewertung der Wichtigkeit von Schönheit kann daher angenommen werden.

[13] Ebd., S. 44f.; Fressel, Carl: Der Radfahr-Sport vom technisch-praktischen und ärztlich-gesundheitlichen Standpunkte, 4. neubearbeitete Aufl., Neuwied / Leipzig 1898 (1.Aufl. 1895), S. 124f.; Wolter, Gundula: Hosen, weiblich. Kulturgeschichte der Frauenhose, Marburg 1994, S. 158.

[14] [Stern], Vademecum, S. 55.

[15] Ebert, Nationen, S. 128.

[16] Bertz, Eduard: Philosophie des Fahrrads, Dresden / Leipzig 1900, S. 147.

[17] Wolter, Hosen, S. 159; Pfister, Gertrud: 100 Jahre Frauen im Sport. Anfänge, Entwicklungen, Perspektiven, in: Sobiech, Gabriele / Günter, Sandra (Hrsg.): Sport & Gender – (inter)nationale sportsoziologische Geschlechterforschung, Wiesbaden 2017 (= Geschlecht und Gesellschaft Bd. 59), S. 23-34, hier S. 28.

[18] Borgers, Walter: Sportdress und Emanzipation – oder die Dialektik der Auskleidung, in: Brennpunkte der Sportwissenschaft 4 (1990), S. 163-187, hier S. 169.

Von |2021-11-21T14:11:57+02:0015. November 2021|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Veronika Ebner hat Geschichte und Kommunikationswissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) in München studiert. In ihrer Bachelorarbeit hat sie sich mit der Rolle der Frau in der öffentlichen Debatte über das Radfahren um 1900 beschäftigt. Dabei lag der Fokus auf den ersten weiblichen Fahrradfahrerinnen im bürgerlichen Milieu und deren Darstellungen in Fahrradzeitschriften, Karikaturen und der medizinischen Diskussion.

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