Afrofeminismus gegen das Vergessen

2019 wurde in Neuenburg zum ersten Mal ein öffentlicher Platz einer nichtweissen Person gewidmet: Tilo Frey war 1971–1975 erste Schwarze Nationalrätin. Die afrofeministische Rede von Brigitte Lembwadio zeigt wie kollektives Vergessen und Erinnern entlang von race und Geschlecht strukturiert ist.

Platzumbenennung der Neuenburger Espace nach Tilo Frey
Umbenennung der Neuenburger Espace nach Tilo Frey. Quelle: Jovita Pinto

Am Nachmittag des 6. Juni 2019 versammeln sich etwa 100 Personen vor der Universität Neuenburg. Ein Rednerpult ist aufgestellt und auf beiden Seiten befindet sich jeweils ein grosses Banner mit dem Porträt einer Schwarzen Frau: Tilo Frey (1923 – 2008). Sie war eine der ersten zwölf Frauen, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 ins nationale Parlament gewählt worden waren, und gleichzeitig die erste gewählte Schwarze [1] beziehungsweise Frau of Colour [2] im Bundesparlament. Der Platz in Neuenburg, «Espace Louis Agassiz», der einem Schweizer Naturwissenschaftler, Rassentheoretiker und Segregationisten des 19. Jahrhunderts gewidmet war, wird nun nach ihr umbenannt.[3]

Vier Redner_innen halten eine Ansprache. Darunter die Schwarze Anwältin und Aktivistin Brigitte Lembwadio. Ihre kämpferische Rede ist eine afrofeministische[4] Intervention in einen dominanten europäischen postkolonialen Diskurs: Anders als ihre Vorredner_innen lobt sie die Umbenennung nicht uneingeschränkt als emanzipatorisches Moment. Stattdessen ruft sie in Erinnerung, dass Schwarze Akteur_innen immer noch unsichtbarer Teil der Schweizer Geschichte sind, zeigt dass Rassismus weiterhin wirksam ist und kritisiert die Bagatellisierung von Kolonialgeschichte.

Die vergessene Politikerin

Ein Blick auf die Erinnerungs- bzw. Vergessensgeschichte von Tilo Frey macht deutlich, was ich unter postkolonialem Diskurs verstehe: Tilo Frey wuchs als Tochter einer in Kamerun lebenden Schwarzen Mutter und eines weissen[5] Schweizer Vaters im Kanton Neuenburg auf.[6] Als Neuenburg das Frauenstimmrecht im September 1959 als zweiter Kanton einführte, trat sie in die Freisinnig-Demokratische Partei (FDP) ein. 1964 wurde ins Gemeindeparlament gewählt und stand diesem 1970/71 vor. 1969 wurde sie Grossrätin des Kantons und somit zu einer bekannten Lokalpolitikerin.

Als Frey 1971 ihre Nationalratskandidatur bekannt gab, katapultierte sie dies in eine nationale Medienöffentlichkeit, wo sie im Vergleich zu den anderen Kandidatinnen überdurchschnittlich häufig porträtiert wurde. Dabei beschäftigte vor allem, dass sie nicht weiss war. Mit abenteuerlichen Geschichten über ihre Herkunft wurde ihr Schwarz-Sein hergeleitet und sie entlang körperlicher Marker beschrieben und rassifiziert. Die produktive Prämisse hinter diesen Texten war die Gleichsetzung von Europäisch-Sein mit weiss-Sein und Aussereuropäisch-Sein mit Nichtweiss-Sein, womit Tilo Frey von allen anderen Kandidatinnen hervorgehoben und ver-andert wurde.

Portraet Tilo Frey
Porträt Tilo Frey. Quelle: Jovita Pinto

Tilo Freys Wahl war für sie und ihre Partei eine Überraschung, gefolgt von einem raschen politischen Abstieg: Frey erlebte grössere Niederlagen auf regionaler Ebene und wurde 1975 nicht mehr in den Nationalrat wiedergewählt.[7] Kurz darauf zog sie sich aus der aktiven Politik zurück und es wurde still um sie. Vereinzelt erschienen Jubliäumstexte zum Frauenstimmrecht. Darin wurde sie gemeinsam mit den anderen ersten Parlamentarierinnen aufgelistet – ohne nähere Angaben zur Person. Unter obengenannter Prämisse lag es nahe, sie als weisse Person zu imaginieren. Als 2007 nationale und internationale Medien den Sozialdemokraten Ricardo Lumengo als «ersten Schwarzen Nationalrat» feierten, wurde dieses Vergessen nochmal deutlich vollzogen.

Das ‘rassenlose’ Nationalnarrativ

Das Vergessen von Tilo Frey spiegelt die Marginalisierung von Frauen und die Erweiterung politischer Rechte durch die Einführung des Frauenstimmrechts innerhalb der national-kollektiven Erinnerung wider. Zudem ist sie Folge eines ‘rassenlosen’ Nationalnarrativs: Demnach habe die Schweiz erstens keine Kolonialgeschichte und somit auch keine koloniale Rassismusgeschichte. People of Color werden als «ewig Ankommende von ausserhalb Europas»[8] gefasst, durch die Rassismus in der Schweiz erst zum Problem wurde. Gleichzeitig werden alltägliche Begegnung immer wieder zu einer ‘ersten’ Begegnung inszeniert. Die Trope der «ersten Schwarzen» reaktiviert diese Vorstellung.

Dies ist zweitens mit einem Rassismusverständnis verbunden, nach dem Rassisierung nicht als gesellschaftstrukturierend erkannt wird. Rassismus wird vielmehr als veraltet und durch Unwissen oder rechte Ideologie hervorgerufen verstanden.

In der Bemühung rassistische Sprache zu verbannen, setzte sich drittens zwischen den 1950er und 1980er Jahren in Kontinentaleuropa ein starkes sprachliches Tabu um race durch. Allerdings wurden dadurch explizite Verweise auf Rassisierung immer schon mit Rassismus verbunden.[9] Das erschwerte auch den Rückgriff auf ein Vokabular, das produktiv gemacht werden könnte um «Rassismus zu beschreiben»[10] und dem entgegenzutreten. So wird Rassisierung zwar zeigbar, aber im Bereich des Sagbaren nicht als solche an-erkannt.

Aktivist_innen, die auf die Intersektionalität von race und Gender hinweisen
Aktivist_innen, die auf die Intersektionalität von race und Gender hinweisen. V.l.n.r. Jovita Pinto, Laura Flórez von lucify.ch, Martha Zurita von PopVertSol und Izabel Barros von Cooperaxion. Quelle: Jovita Pinto

Ein Nebenschauplatz?

Schwarze Forscher_innen und Aktivist_innen haben einen wesentlichen Beitrag dazu geleistet, Tilo Freys Geschichte aufzuarbeiten und in Erinnerung zu rufen. So veranstalteten beispielsweise die Afrikanische Volksuniversität in Genf (UPAF) und der Carrefour contre le racisme anti-noir (CRAN) im Juni 2018 eine Gedenkveranstaltung zum zehnjährigen Tod von Tilo Frey. Zu diesem Anlass lancierten sie eine Petition, die unter anderem forderte, dass Tilo Frey mit einem öffentlichen Platz oder einer Strasse sowohl in Bundesbern, wie auch in Neuenburg erinnert würde. Die Petition wurde in Neuenburg dem Stadtrat vorgelegt, der sie mit einem weiteren vorliegenden Antrag verband: Öffentliche Ehrungen von Louis Agassiz sollten mit Tafeln versehen werden, die auf seine rassistischen Standpunkte verweisen. Auch diese seit 2007 bestehende Kampagne wurde von CRAN und weiteren Schwarzen Aktivist_innen innerhalb und ausserhalb der Schweiz unterstützt.

Als die Umbenennung im September 2018 bekannt gegeben wurde, entfachte in Schweizer Medien eine hitzige Diskussion um Erinnerungspolitik und Geschichte.[11] Allerdings stand Tilo Frey im Hintergrund. Mit Ausnahme eines einzigen Kommentars der Gleichstellungsbeauftragten von Neuenburg, ging es in der Debatte um Louis Agassiz. Damit wurde in dieser Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte erneut eine weisse Männlichkeit ins Zentrum gestellt und dadurch eine Epistemologie fortgeschrieben, in der nichtweisse und nichtmännliche Menschen kaum als historische Subjekte imaginiert werden.

Die Debatte war eine Fortführung einer längeren Diskussion um das koloniale Erbe der Schweiz im Allgemeinen und der Stadt Neuenburg im Speziellen: In den letzten 20 Jahren gab es mehrere Aufarbeitungen zur Beteiligung namhafter Patrizierfamilien am transatlantischen Sklav_innenhandel und der Sklaverei. Seither fordern antirassistische und dekoloniale Aktivist_innen die Umbenennungen bestimmter Plätze, Gebäude und Strassen, den Abriss von Denkmälern oder die Anbringung von erklärenden Tafeln. Um weitere Umbenennungen zu verhindern betonte die Stadt, dass die Umbenennung zu «Espace Tilo Frey» kein Präzedenzfall sei.

Die afrofeministische Intervention von Brigitte Lembwadio

Am 6. Juni 2019 allerdings wurde Tilo Frey gefeiert als Pionierin für Frauenrechte und nichtweisse Minderheiten: Der Integrationsdelegierte schrieb die Umbenennung in das Narrativ der migrationsfreundlichen Stadt ein, die als eine der ersten das Stimmrecht für Ausländer_innen eingeführt hatte. Die Historikerin Kristina Schulz las sie als Zeichen, dass Neuenburg keine sexistische oder rassistische Diskriminierung toleriere. Für den Rektor entsprach der Platz vor der Universität nun auch der internationalen und globalen Orientierung in der Universität.

Rede und Intervention von Brigitte Lembwadio
Rede und Intervention von Brigitte Lembwadio. Quelle: Jovita Pinto

Brigitte Lembwadio unterschied sich von ihren Vorredner_innen, indem sie die Umbenennung nicht als Zeichen einer Gesellschaft verstand, die Ungleichheit überwunden hat, sondern als einen erfolgreichen Moment im «Kampf» dagegen. Im Folgenden die wichtigsten Punkte ihrer Rede:

Eingeladen als Vizepräsidentin der Kommission für Integration aus Neuenburg, sagte sie zu Beginn, dass sie nicht in einer repräsentativen Funktion sprechen wolle, sondern als Schwarze Bürgerin. Sie dankte dem Carrefour contre le racisme anti-noir als Organisation, die sich in der Schweiz seit Jahrzehnten gegen Anti-Schwarzen Rassismus einsetze, und Tilo Frey wieder ins kollektive Gedächtnis gerufen hatte. Sie dankte auch der Stadt, die die Umbenennung eingeleitet hat.

«Als Person mit afrikanischer Herkunft, die die Debatten verfolgt hat, weiss ich, dass dieser Kampf nicht leicht war»[12] fügte sie hinzu, «Mir ist bewusst, dass der Kampf noch lange andauern wird – auch in Neuenburg. Denn als es darum ging die Strassennamen mit Nazi-Würdenträger umzubenennen, ist keine Debatte aufgekommen. Aber wenn es um Sklavenhandel und Sklaverei geht, sollte gemäss einigen das Genie der Folterer alles entschuldigen?»

Zum Schluss würdigte Lembwadio Tilo Frey für ihren Mut und das Vorbild, das sie geworden ist. Sie entschuldigte sich, dass sie «wie alle anderen auch» Tilo Frey vergessen hatte, und mahnte, dass «Afrofeministinnen», von denen einige auf dem Platz stünden, dafür kämpfen mussten, dass Frey Eingang in Schweizer Geschichtsbücher fand.

Brigitte Lembwadio

Brigitte Lembwadio machte darauf aufmerksam, dass sie selber Schwarz ist, und sie adressierte Schwarze Akteur_innen (Afrofeministinnen und CRAN) direkt. Damit brach sie das sprachliche Tabu um Rassisierung und sprach Schwarze Menschen als Bevölkerungsgruppe an, die auf spezifische Weise von gesellschaftlichen Ungleichheitstrukturen betroffen ist. Gleichzeitig unterbrach sie damit die weisse, männlich-zentrierte Epistemologie und machte Schwarze Menschen als vergeschlechtlichte handelnde historische Subjekte sichtbar.

Lembwadio sprach wiederholt die fortlaufende Marginalisierung von Schwarzen Menschen an und kritisierte die Bagatellisierung und Normalisierung von historischer Entmenschlichung, Ausbeutung und Leid im Kontext von Sklaverei. Dadurch griff sie Rassismus als etwas das weder vergangen noch randständig ist auf: Rassismus ist ein Machtverhältnis mit einer historischen Kontinuität, die bis in die Kolonialzeit zurückgeht, und bei der die Schweiz nicht aussenvor steht.

Die Intervention von Brigitte Lembwadio war nicht nur afrofeministisch, weil sie sich so bezeichnete, sondern weil sie in einen dominanten Diskurs eingriff, in dem Menschen, spezifisch Frauen of Colour, immer wieder übergangen oder marginalisiert werden.

Jovita dos Santos Pinto

Anmerkungen

[1] «Schwarz» bezeichnet keine Hautfarbe, sondern eine politisch-emanzipatorische Selbstbezeichnung und wird als solche Grossgeschrieben.

[2] «People of Colour, PoC» ist eine selbst gewählte Bezeichnung von Menschen, die sich als nichtweiss bezeichnen.

[3] Ich verstehe Männlichkeit (ebenso wie Weiblichkeit) als sozial konstruierte und historisch wandelbare Vorstellung davon, was als männlich (beziehungsweise weiblich) identifiziert, idealisiert und problematisiert wird. Dabei koexistieren oftmals mehrere Formen von Männlichkeit (und Weiblichkeit), wobei die Männer, denen diese Männlichkeiten zugeschrieben werden (oder die sie für sich beanspruchen) zueinander und zu Frauen in Machtverhältnissen stehen. So unterscheidet Raewyn Connell zwischen einer hegemonialen Männlichkeit und weiteren marginalisierten, komplizenhaften und untergeordneten Männlichkeiten. Connell, Raewyn W.: Der gemachte Mann, Wiesbaden 5/2015; für eine kritische Weiterentwicklung siehe: Hearn, Jeff: From Hegemonic Masculinity to the Hegemony of Men, in: Feminist Theory 5 (2004), 1, 49–72.

[4] Afrofeminismus, wie es va. im französischsprachigen Raum genannt wird (im deutschsprachigen Raum häufiger Schwarzer Feminismus genannt) ist eine Machtkritik, Analyse und Wissensproduktion und versammelt international Bewegungen, die hauptsächlich von Schwarzen Frauen getragen sind. Aufgrund der spezifischen Positionierung, die Schwarze Frauen an der Kreuzung von Geschlecht und Rassisierung einnehmen, werden sie auf spezifische Weise benachteiligt, gleichzeitig bleiben sie in emanzipatorischen feministischen und antirassistischen Bewegungen oft unsichtbar. Schwarzer Feminismus insistiert auf eine mehrdimensionale Machtanalyse und –kritik, die es vermag von den benachteiligsten Positionen auszugehen. Vgl. Natasha Kelley (Hg.), Schwarzer Feminismus, Münster 2019.

[5] «weiss» wird in diesem Text kursiv und klein geschrieben, um den Begriff als Privileg und Konstruktion zu markieren, nicht als Hautfarbe.

[6] Dieser Abschnitt beruht auf meiner Lizentiatsarbeit: «Oui, c’est un long chemin.» – Tilo Frey, erste Schwarze Nationalrätin. Eine Spurensuche in Schweizer Medien (1970-2011), Zürich 2014.

[7] 1972 war Frey die offizielle Kandidatin ihrer Partei für die Exekutive der Stadt und verlor die Wahl mit vernichtenden 8 Stimmen an einen Parteikollegen, 1973 wurde sie nicht mehr in den Grossrat gewählt und 1974 stellte sie sich nicht mehr für die Gemeindewahl auf. Auch beruflich waren 1971-1975 ihr Höhepunkt. Sie wurde Leiterin der Höheren Töchternschule. Als 1976 die Schule geschlossen wurde und mit der Handelsschule zusammengelegt wurde, musste sie zu ihrer Rolle als Lehrerin in Sekretariatsarbeiten zurückkehren. Sie arbeitete dort bis zu ihrer Pension 1984 und verbrachte im Anschluss viel Zeit in ihrem Ferienhaus in Südfrankreich.

[8] Fatima El-Tayeb: Anders Europäisch. Rassismus, Identität und Widerstand im vereinten Europa, Münster 2015.

[9] Vgl. David Theo Goldberg: «Racial Europeanization”, Ethnic and Racial Studies 29 (2), 2008, S. 331-364.

[10] Noémi Michel: «Racial Profiling und die Tabuisierung von ‘Rasse’», in: Mohamed Wa Baile et. al. (Hg.): Racial Profiling. Struktureller Rassismus und antirassistischer Widerstand, Bielefeld 2019, S. 87-105; S. 92.

[11] Für eine Analyse dieser Debatte vgl. Pinto, Jovita dos Santos: «Platz da!», Feminfo 50 (2018), S. 40-47

[12] Ich danke Brigite Lembwadio, die mir ihre verschriftlichte Rede zur Verfügung gestellt hat. (Übersetzung der Autorin).

Von |2020-02-16T13:23:54+02:0015. Februar 2020|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Jovita dos Santos Pinto ist Doktorandin am Interdisziplinären Zentrum für Geschlechterforschung an der Universität Bern und forscht zu Schwarzen Frauen und Öffentlichkeit in der Schweiz. Sie ist Mitgründerin von Bla*Sh – Netzwerk Schwarzer Frauen.

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