Geschlecht in Entwürfen herrschaftsfreier Zukünfte

Warum sind Arbeitsbegriffe und Wirtschaftsdiskurse so wichtig für feministische, herrschaftskritische Zukunftsentwürfe? Der Beitrag reflektiert diese Frage anhand von drei räumlich und zeitlich unterschiedlich situierten Beispielen.

Ikonische Darstellung auf der Titelseite der Zeitung „Die Schaffende Frau. Sozialistische Zeitung mit Modenbeilage“, 1919.

Karin Hausen schrieb in ihrem Essay „Wirtschaften mit der Geschlechterordnung“ über die grundsätzliche Korrelation von Wirtschaft und Geschlechterverhältnissen in industrialisierten Gesellschaften. Sie argumentierte, dass zum einen die sozial akzeptierte und erwünschte Geschlechterordnung in der Moderne ein fundamentaler Teil des Wirtschaftens wurde. Zum anderen unterstützte die Wirtschaft die Etablierung und Aufrechterhaltung dieser Geschlechterordnung.[1]

Ein Aspekt dieses Wirtschaftens war und ist die geschlechtsspezifische Zuordnung von Arbeitsräumen. Diese baute auf einem essentialistischen Konzept polar konzipierter Geschlechter auf. In bürgerlichen Diskursen des 19. Jahrhunderts wurde Weiblichkeit als emotional und häuslich konstruiert und einer rationalen Männlichkeit gegenübergestellt. Diskurse um die rationale Männlichkeit deklarierten Männer als besser geeignet für die Herausforderungen des politischen, öffentlichen Lebens.

Dies blieb und bleibt aber nicht unhinterfragt. Diskurse über Arbeits- und Besitzverhältnisse erfordern die kritische Reflexion des Zusammenhangs von Geschlechterverhältnissen und hegemonialen Wirtschaftskonzepten. Die folgenden räumlich und zeitlich unterschiedlich situierten Beispiele sollen zeigen, wie Geschlechterverhältnisse in herrschaftsfreien Zukünften[2] auf unterschiedliche Weise imaginiert werden.[3]

Der Syndikalistische Frauenbund

Anarcho-Syndikalist_innen der Zwischenkriegszeit[4] traten für die Abschaffung von Privatbesitz, Löhnen, Parteien, Staaten und nationalen Grenzen ein. Anstelle der bestehenden politischen und wirtschaftlichen Ordnung sollte eine neue, auf Basis von gewerkschaftlichen Organisationen strukturierte, Gesellschaft treten. Doch inwiefern betraf diese Restrukturierung auch die Geschlechterhierarchien?

Titelseite der Zeitung „Die Schaffende Frau. Sozialistische Zeitung mit Modenbeilage“, 1919.

Der Syndikalistische Frauenbund, die Frauenorganisation der Freien Arbeit Union Deutschlands, forderte 1922 die Gleichberechtigung von Frauen als Bedingung für die Schaffung einer Gesellschaft ohne Kapitalismus – und umgekehrt.[5] Die Protagonistinnen verlangten die Mitsprache von Frauen gerade, weil sie anders seien als Männer. Das Ziel war nicht die Gleichheit unter den Geschlechtern, sondern die Gleichwertigkeit weiblich konnotierter Arbeit im Verhältnis zu männlicher Lohnarbeit.

Folglich versuchten sie nicht primär, Frauen für die Erwerbsarbeit zu begeistern, sondern revolutionär-syndikalistische Ideen in die Haushalte zu holen. Durch technische Fortschritte einerseits und Kollektivierung andererseits würde die Hausarbeit aufgewertet werden. Obwohl die Protagonist_innen darauf hinwiesen, dass auch Frauen über verschiedene Fähigkeiten verfügten und ihnen deshalb das gesamte Berufsspektrum offenstehen müsse, (re)konstruierten sie Weiblichkeit als emotional und häuslich.[6]

Die Naturalisierung von geschlechtsspezifischen Wesensmerkmalen dominierte auch die Vorstellung von der idealen Familie. Als negatives Beispiel dienten marxistische Ansätze zur Kollektivierung von Erziehungsarbeit und Kinderbetreuung. Denn „Persönlichkeiten mit Eigenwerten“ könnten sich „nur durch Einzelerziehung im Rahmen der freien Familie“ entfalten.[7]

Die Protagonist_innen reproduzierten bürgerliche Vorstellungen von geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung, gleichzeitig betonten sie aber die Individualität des Einzelnen und lehnten Arbeitsteilung in der Produktion ab. Arbeit sollte nicht aus ökonomischen Gründen verrichtet werden, sondern Freude bereiten und zur Selbstverwirklichung beitragen. Es sei notwendig, „die Arbeit wieder zu einer Sache des Einzelnen zu machen, die er mit Lust und Liebe verrichtet“. Dabei solle „die geleistete Arbeit […] nicht gemessen oder anderweitig gewertet“ werden, es solle „überhaupt von keinem Lohn mehr gesprochen werden“.[8]

Während Arbeit in der imaginierten Gesellschaft der Zukunft neu definiert und in einen neuen wirtschaftlichen Rahmen gebettet werden sollte, würden Geschlechterdifferenzen nicht aufgelöst, sondern umgedeutet werden.

Feministische Science-Fiction

Die Entkoppelung von Arbeit und ökonomischer Lebensgrundlage bildete auch in vielen Science-Fiction Romanen der 1970er die Basis für die Schaffung einer egalitären Gesellschaft. In Kontrast zu den Anarcho-Syndikalist_innen der Zwischenkriegszeit verknüpften feministische Autorinnen das Potential wirtschaftlicher Veränderung allerdings mit Diskursen der autonomen Frauenbewegung. In den folgend zitierten Romanen wurden Zukünfte vorgestellt, in denen Geschlechterdifferenzen nicht mehr existierten.

Ursula Le Guin: The Dispossessed. Buchcover der Ausgabe von 1974.

Die Autorin Ursula Le Guin imaginierte 1974 in ihrem Roman „The Dispossessed“[9] den Planeten Anarres. In ihrer Darstellung der dort lebenden Gesellschaft bezog sie sich auf anarcho-syndikalistische Ideen, die sie auch auf zwischenmenschliche Netzwerke erweiterte:

So leben die Menschen auf dem Planeten Anarres in lokal organisierten Gemeinschaften, Bedarf und Nachfrage an Arbeit und Produktion werden überregional verwaltet. Arbeiten werden freiwillig verrichtet oder geteilt, wenn sie von niemandem gemacht werden wollen. Einige Generationen nach der Revolution haben die Kinder auf Anarres weder eine Vorstellung vom Konzept „Gefängnis“ noch von „Besitz“. Dies wirkt sich auf Familien- und Geschlechterverhältnisse drastisch aus: Denn Eltern besitzen weder Kinder, noch Männer Frauen oder umgekehrt. Selbst die Sprache, die die Menschen auf Anarres sprechen, vermeidet besitzanzeigende Pronomen.

Marge Piercy: Woman on the Edge of Time. Buchcover der Ausgabe von 1993 (Fawcett).

In Marge Piercys Roman „Woman on the Edge of Time“[10] nimmt die Frage des Besitzes einen ebenso großen Stellenwert ein: Die Protagonistin des 1976 erschienen Romans reist aus ihrer Gegenwart in eine Zukunft, wo Geschlechterdifferenzen völlig aufgehoben sind. Dies ist vor allem durch Reproduktionstechnologien möglich, die das Gebären von Kindern vom weiblichen Körper entkoppelt. Um der Bildung von Kleinfamilien vorzubeugen, können sich für die Erziehung eines Kindes immer nur drei Personen melden. Zudem müssen Kinder in der Pubertät den Kontakt zu ihren Bezugspersonen vorübergehend abbrechen.

Die Technologien befreien aber nicht nur Frauen von ihren generativen Fähigkeiten, sondern auch alle Menschen von körperlicher Arbeit. Auch in Marge Piercy‘s imaginierter Gemeinschaft gibt es keinen individuellen Besitz.

Die Zukünfte beider Romane zeigen Gesellschaften, in denen es weder Geschlechterhierarchien noch geschlechtsspezifische Arbeitsteilung gibt. Die Veränderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – in „The Dispossessed“ durch die Reorganisation nach anarcho-syndikalistischen Prinzipien, in Marge Piercys Roman vor allem durch technologischen Fortschritt – bildet die Grundlage für eine neue Geschlechterordnung.

Das Pink Noise Girls Rock Camp

Im folgenden und letzten Beispiel zeige ich anhand eines feministischen Netzwerks der Gegenwart, wie Zukunft nicht nur imaginiert, sondern auch ausprobiert werden kann. Dabei ist ebenso die Schaffung einer alternativen ökonomischen Struktur als Ausgangslage für ein hierarchiearmes Zusammenarbeiten wichtig.

Titelblatt des Toolkits für die Gründung und Durchführung von Pink Noise Girls Rock Camps. Quelle: https://girlsrock.at/

Das Pink Noise Girls Rock Camp Niederösterreich ist Teil eines weltweiten Netzwerks. Dieses setzt sich aus Musiker_innen und feministischen Aktivist_innen zusammen, die im Rahmen von Projektwochen gemeinsam mit jugendlichen Teilnehmer_innen feministische Strategien zur Schaffung einer diverseren Musiklandschaft entwickeln. In einem Gespräch über Genuss und Geschlecht, das Aktivist_innen des Pink Noise Girls Rock Camp vor Kurzem verschriftlicht haben,[11] wird die Notwendigkeit der Umdeutung von Arbeitsbegriffen betont.

So speist sich die Freude an der Arbeit für die Aktivist_innen nicht etwa aus der (finanziellen) Anerkennung individueller Leistungen, sondern aus dem gemeinsamen Tun, aus der Gemeinschaft. Beim Pink Noise Girls Rock Camp stehe das Tauschen, Zusammenlegen und Bündeln von Wissen und Arbeit im Vordergrund. Nicht jede einzelne profitiere von dieser Arbeit, sondern die Gruppe. Dies widerspreche der ökonomischen Struktur der kapitalistischen Marktwirtschaft, wo jede Person für vermeintlich individuelle Leistungen individuell entlohnt wird.

Die Aktivist_innen grenzen also ihre Arbeit für das Pink Noise Girls Rock Camp dezidiert von kapitalistischen und neoliberalen Leistungsprinzipien ab. Sie schaffen einen Rahmen, der ein Handeln außerhalb der hegemonialen wirtschaftlichen Strukturen nicht nur zulässt, sondern notwendig macht.

Schluss

In allen drei Kontexten – in den Publikationen des deutschen Syndikalistischen Frauenbundes der Zwischenkriegszeit, in US-amerikanischen feministischen Science-Fiction-Romanen der 1970er Jahre, sowie im globalen feministisch-aktivistischen Netzwerk des Pink Noise Girls Rock Camps – sind sowohl die kritische Auseinandersetzung mit Arbeitsbegriffen wie auch die Reorganisation von Besitzverhältnissen zentrale Diskursfragmente. Ökonomische Rahmenbedingungen und deren Auswirkungen auf Geschlechterverhältnisse werden in allen Zukunftsentwürfen diskutiert. Die Lösungsvorschläge kreisen um die Frage, was Arbeit eigentlich ist und wie diese in einer Zukunft ohne Geschlechterhierarchien aussehen müsste.

Die Protagonist_innen malen sich aber nicht nur ferne Zukünfte aus, es geht auch, wie der deutsche Philosoph Daniel Loick für anarchistische Kontexte feststellte, „um die Aufhebung der Isolation und die Ermöglichung von Gemeinschaftserfahrungen, die Kultivierung solidarischer, nicht-kompetitiver Verhaltensweisen und das Erlernen von Selbstorganisationsfähigkeiten.“[12] Dabei werden Konzepte von Gemeinschaft ausprobiert, die als für die Zukunft erstrebenswert betrachtet werden.

Theresa Adamski

Anmerkungen

[1] Karin Hausen: Wirtschaften mit der Geschlechterordnung, in: Dies. (Hg.): Geschlechtergeschichte als Gesellschaftsgeschichte [1993], Göttingen 2012, 189-211, 190.

[2] In der historischen Zukunftsforschung wurde in den letzten Jahren immer wieder auf die Pluralität und Relationalität von Zukunftsentwürfen hingewiesen (vgl. Rüdiger Graf, Benjamin Herzog: Von der Geschichte der Zukunftsvorstellungen zur Geschichte ihrer Generierung. Probleme und Herausforderungen des Zukunftsbezugs im 20. Jahrhundert, in: Geschichte und Gesellschaft 42 (2016), 497-515; Andreas Reckwitz: Kreativität und soziale Praxis. Studien zur Sozial- und Gesellschaftstheorie, Bielefeld 2016), deshalb kommt hier die Mehrzahl „Zukünfte“ zur Anwendung.

[3] Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den ich im November 2018 bei der Tagung „Anarchistische Perspektiven auf Wissenschaft“ gehalten habe. Das vollständige Programm gibt es zur Einsicht unter: https://anarchie.userblogs.uni-hamburg.de/programm-2018/.

[4] 1922 wurde die Internationale Arbeiter-Assoziation (IAA), eine anarcho-syndikalistische Internationale, gegründet.

[5] Die Föderation der Syndikalistischen Frauenbünde: An alle Hausfrauen, Mütter und Töchter des Proletariats! An alle Arbeiterinnen, Hausangestellte und Angestellte in Läden und Büros!, in: Der Frauen-Bund 4, (1/1922).

[6] Der Beruf der Friseurin, in: Die Schaffende Frau 1 (2/1919).

[7] Die Aufgaben der Frauen, in: Der Frauen-Bund 4 (6/1922).

[8] Ebenda.

[9] Erstveröffentlichung 1974 bei Harper & Row, New York City.

[10] Erstveröffentlichung 1976 bei Alfred A. Knopf, New York City.

[11] Das Gespräch zum Thema „Genuss des Arbeitens in (Frauen*/Non-Binary-)Kollektiven“ wurde im Sommer 2018 von Veronika Adamski, Tina Bauer, Lina Maria Gärtner, Kristina Pia Hofer und Franziska Schwarz geführt und wird 2019 in einem Sammelband zu Geschlecht und Genuss veröffentlich. Bibliographische Angaben werden ergänzt, sobald der Sammelband erschienen ist.

[12] Daniel Loick: Anarchismus zur Einführung, Hamburg 2017, S. 44.

Von |2019-01-23T13:46:28+00:0015. Januar 2019|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Theresa Adamski ist wissenschaftliche Assistentin an der Universität Wien und arbeitet derzeit an ihrer Dissertation zu Wirtschaft, Arbeit und Geschlecht in revolutionär-syndikalistischen Arbeiter_innenbewegungen der Zwischenkriegszeit. Sie hat Studien in Geschichte und Architektur abgeschlossen und studiert Gender Studies mit den Schwerpunkten Dis/Ability Studies und Science and Technology Studies. Theresa Adamski ist außerdem Schlagzeugerin, Gitarristin und Sängerin und hält feministische Band-Workshops.

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