Geschlechtersensible Vermittlungsarbeit am Peršmanhof

„[A]lles waren die Frauen“.[1] Der Partisan_innenwiderstand in Kärnten/Koroška gilt als der massivste bewaffnete Widerstand gegen den Nationalsozialismus auf österreichischem Boden. Frauen waren auf unterschiedliche Art und Weise beteiligt. Inwiefern sind ihre Geschichten am Peršmanhof präsent?

Das Museum am Peršmanhof. Ort des Gedenkens, Ort des Widerstands

Das Denkmal am Peršmanhof. Foto: Markus Gönitzer

Das Museum am Peršmanhof liegt tief versteckt im Grenzgebirge zwischen Slowenien und Kärnten/Koroška, erreichbar nur über die steilen, schmalen Gräben, die hinter Bad Eisenkappel/Železna Kapla auf die Berge führen. Der Ort ist vielseitig historisch aufgeladen: als Ort der Trauer und des Erinnerns, als Ort der Ermächtigung für die Kärntner Slowen_innen, als Pilgerstätte für jugoslawische Partisan_innenverbände sowie österreichische Antifaschist_innen und als Ort der umkämpften Erinnerungen im österreichischen Geschichtsnarrativ über den Partisan_innenwiderstand.

Am 25. April 1945, kurz vor Kriegsende, ereignete sich am Peršmanhof ein Massaker, bei dem elf Menschen, vier Erwachsene und sieben Kinder, größtenteils Familienmitglieder der den Hof bewirtschaftenden Familie Sadovnik, vom SS- und Polizeiregiment 13 ermordet wurden. Das jüngste Opfer, Bogomir Sadovnik, war gerade einmal acht Monate alt.

Wie einige andere abgelegene Höfe in der Region war der Peršmanhof ein wichtiger Anlaufpunkt für den antifaschistischen Widerstand. Seit den 1980er Jahren wird das einzige Gebäude, das im Zuge des Massakers nicht zerstört wurde, als Museum genutzt. Der Peršmanhof avancierte daraufhin rasch zum zentralen Erinnerungsort des Partisan_innenwiderstands.

Die aktuelle von Lisa Rettl und Gudrun Blohberg kuratierte Dauerausstellung im Museum gibt einen umfassenden Überblick über das Leben der Familie Sadovnik am Hof, den Partisan_innenwiderstand und die Geschichte der Kärntner Slowen_innen. Das Museum ist von Anfang April bis Ende Oktober geöffnet und den Besucher_innen stehen Vermittler_innen zur Verfügung, die bei Bedarf durch das Museum führen können.

Widerstand am und um den Peršmanhof im geschlechtergeschichtlichen Prisma

Blick auf das Museum im Peršmanhof. Foto: Markus Gönitzer

Die Ausstellung am Peršmanhof lädt zu einer geschlechtergeschichtlichen Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen das NS-Regime in der Region ein. Ein Teil der Ausstellung ist den Lebensrealitäten von Frauen im Widerstand gewidmet.[2] Durch einen allgemeinen Einführungstext wird auf die verschiedenen Rollen verwiesen, die Frauen im organisierten Partisan_innenwiderstand innehatten. In der für den Widerstand zentralen Organisation, der Osvobodilna Fronta (in Jugoslawien und Kärnten agierende Befreiungsfront) übernahmen Frauen einerseits weiterhin weiblich konnotierte Aufgaben, etwa als Köchinnen oder Krankenpflegerinnen. Aufgrund ihrer formellen Gleichstellung mit den männlichen Partisanen nahmen sie andererseits aber auch militärische und politische (Führungs-)Funktionen ein.

Wenige Kilometer vom Peršmanhof entfernt wurde 1943 in Lobning ein Ortsausschuss der antifaschistischen Frauenfront gegründet. Darin organisierten sich Frauen, die den bewaffneten Widerstand verdeckt durch Kurier-, Propaganda- und Agitationsarbeit unterstützten. In der Ausstellung wird die Diversität der Aktivitäten im Widerstand anhand von Kurzbiografien von Partisan_innen sowie behördlichen NS-Dokumenten über Kampfhandlungen gezeigt.[3] Die Ausstellung bildet zwar verschiedene Frauenrealitäten im politisch-militärisch organisierten Partisan_innenwiderstand ab, der Widerstand baute aber auch vor allem auf zivilem Ungehorsam auf. Aus geschlechterhistorischer Perspektive gilt es dabei, die Gegenüberstellung von Partisan_innenkampf und widerständiger Zivilbevölkerung kritisch zu betrachten.

Dekonstruktion des Widerstands als rein bewaffneter Widerstand

Die für den Kärntner Kontext fundamentale Unterstützung des antifaschistischen Widerstands durch die Zivilbevölkerung ist für geschlechtergeschichtliche Untersuchungen vielfach relevant. Viele der kärntnerslowenischen Bauern und Bäuerinnen unterstützten die Partisan_innen mit Lebensmitteln und Kleidung, temporärem Unterschlupf, Informationsweitergabe und -beschaffung sowie durch die heimliche Verbreitung von Propaganda und schufen dadurch eine essentielle Basis für den bewaffneten Widerstand.

Auch wenn viele Bewohner_innen der kärntnerslowenischen Höfe rund um Eisenkappel/ Železna Kapla mit dem Partisan_innenwiderstand sympathisierten, stellte die Unterstützung dennoch eine große Herausforderung und Gefahr für die jeweiligen Höfe dar. Das Vorgehen der Nationalsozialisten gegen die Kollaboration der Zivilbevölkerung mit dem antifaschistischen Widerstand war äußerst hart und brutal.

Darüber hinaus brachte das Unterstützen der Partisan_innen mit Lebensmitteln die Familien selbst in existenzbedrohende Situationen. In vielen Fällen bedeutete die Unterstützung eine Mehrfachbelastung für Frauen, deren Ehemänner oft in den Krieg eingezogen worden waren oder sich dem bewaffneten Partisan_innenwiderstand angeschlossen hatten.[4] Frauen mussten also oft den Hof alleine bewirtschaften sowie Sorge- und Pflegearbeiten für ihre Familien und zusätzlich für die Partisan_innen leisten.

Buchcover der Erinnerungen der Partsain „Jelka“, Helena Kuchar, die vor einigen Jahren im Kärntner Verlag Drava erschienen sind. Foto: Markus Gönitzer

Da das repressive Klima gegenüber der kärntnerslowenischen und partisan_innenaffinen Bevölkerung auch nach dem Terror des Nationalsozialismus bestand, überlieferten widerständige Frauen ihre Erfahrungen nie oder nur sehr zurückhaltend.[5] Die wohl berühmteste Überlieferung einer Frau vom Partisan_innenwiderstand in Kärnten/Koroška stammt von Helena Kuchar, die den Partisaninnenname Jelka trug. Kuchar war in einer Vielzahl von Funktionen für den Widerstand tätig. Ihre Erzählung unterstreicht eindrucksvoll den Facettenreichtum des Widerstands.[6] So berichtet Kuchar unter anderem von informellen, konspirativen Frauennetzwerken, die sie als „lebende Post“ bezeichnet.[7]

Nicht zu selten reduzieren sich Geschichten des Widerstands auf seine bewaffnete Dimension. Wie aber bei genauerer Betrachtung am Beispiel des Partisan_innenwiderstandss sichtbar wird, war es die Kombination aus unterschiedlichen Tätigkeiten – vom organisierten bewaffneten Widerstand bis zur Unterstützung durch die Zivilbevölkerung –, die diesem zu seiner Stärke verholfen hat. Die Ausstellung am Peršmanhof bietet viele Anknüpfungspunkte für die Betrachtung des Widerstands der Zivilbevölkerung. Durch die Vermittler_innen kann die geschlechterspezifische Dimension der zivilgesellschaftlichen Unterstützung zusätzlich herausgearbeitet und vertieft werden, um einem maskulinistischen Reduktionismus des Widerstands als „Widerstand an der Waffe“ entgegenzuwirken.

Das Partisan_innendenkmal als Subversion von Geschlechterkonstruktionen

Ein weiterer signifikanter Ansatzpunkt für geschlechtergeschichtliche Annäherungen ist das Denkmal am Vorplatz des Peršmanhofs. Das Denkmal wurde 1947 ursprünglich in der Nähe von Völkermarkt/Velikovec errichtet. Nur fünf Jahre später wurde es von deutschnationalen Kräften gesprengt.

1983 wurde das Monument am Peršmanhof orginalgetreu aus den alten Teilen wiederhergestellt und erfüllt im kollektiven Erinnerungsnarrativ der Kärntner Slowen_innen seitdem mindestens zwei zentrale Funktionen: Einerseits erinnert es an den Widerstand der slowenischen Minderheit gegen den Nationalsozialismus. Andererseits sind die Sprengung und die Notwendigkeit der Versetzung des Denkmals eine traurige Manifestation des Umgangs mit der Widerstandsgeschichte und den Rechten der slowenischen Minderheit, wie etwa die Verwehrung der gesetzlich legitimierten Zweisprachigkeit im Schulwesen und im Bereich der Ortsbezeichnungen im Nachkriegsösterreich, insbesondere in Kärnten/Koroška.

Die 3 Figuren am Denkmal am Peršmanhof. Foto: Markus Gönitzer

Das Denkmal stellt drei Menschen, drei Widerstandskämpfer_innen, dar: einen Mann und eine Frau in Partisan_innenuniform, Schulter an Schulter und bewaffnet, die den militärischen Widerstand symbolisieren, und einen weiteren Mann an ihrer Seite, der eine Axt trägt und als Referenz an die widerständige bäuerliche kärntnerslowenische Zivilgesellschaft gelesen werden kann.

Die geschlechtersensible Analyse des Monuments ergibt mindestens zwei zentrale Fragestellungen im Hinblick auf die Dekonstruktionen bürgerlicher Geschlechternormen. Erstens kann die Darstellung der bewaffneten Frau als selbstbestimmtes politisches Subjekt gelesen werden, als ihren männlichen Genossen gleichberechtigt und als „Antithese bürgerlicher Geschlechterkonstruktionen“.[8] Diese Lesart schlägt Lisa Rettl in ihrer 2006 erschienen Arbeit zu dem Denkmal vor. Im österreichischen Kontext stellt die Darstellung der Partisanin bis heute eine seltene Subversion traditioneller Geschlechterrollen anhand eines öffentlich zugänglichen Denkmals dar.

Als zweiten Ansatzpunkt für dekonstruktive Annäherungen dient die Frage, ob diese Subversion dem allgemein maskulinistisch überhöhten Genre des Soldaten- und Heldendenkmals entgegenwirken kann. Mit der Visualisierung des bäuerlichen Widerstandkämpfers in Zivilkleidung wird zwar dezidiert auf die Zivilgesellschaft als wichtige Basis für den Widerstand verwiesen. Als Vermittler stellt sich mir jedoch die Frage, ob die Darstellung der Frau als Soldatin und die des Mannes als Metapher für die Unterstützung des Widerstands durch die Zivilbevölkerung als progressive Vorwegnahme und Subversion von Geschlechternormen gelesen werden kann oder ob sie nicht spezifische Geschlechterverhältnisse des Widerstands verschleiert. Frauen waren nämlich die zentralen Akteurinnen, die von ihren Höfen aus Widerstand leisteten. Einerseits kann also von einer Subversion von bürgerlichen Geschlechternormen gesprochen werden, anderseits werden die Tätigkeiten von Frauen und ihre Mehrfachbelastung nicht gewürdigt.

In der Geschichtsvermittlung am Peršmanhof ist es also wichtig, auf die Vergeschlechtlichung des Widerstands hinzuweisen und seine Repräsentation im Museum einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Anhand von Frauenbiografien, der Aufwertung des nichtmilitärischen Widerstands der partisan_innenaffinen Bevölkerung sowie der dekonstruktivistischen Analyse des Denkmals kann hier ergänzt und vertieft, sowie weiterführend an einer Schärfung des Begriffs „Widerstand“ aus geschlechtergeschichtlicher Perspektive gearbeitet werden.

Vor allem in der zeitgenössischen Erinnerungsarbeit und ihrer potentiellen Funktion als Rechtsextremismusprävention stellen geschlechtergeschichtliche Annäherungen an den Themenkomplex Verfolgung und Widerstand wichtige pädagogische Werkzeuge dar. In Zeiten einer sich autoritarisierenden Gesellschaft, zu deren Entdemokratisierung das Wiedererstarken antifeministischer Diskurse gehört, sollte diesen Werkzeugen vermehrt Aufmerksamkeit geschenkt werden. Das Museum am Peršmanhof bietet sich dafür an.

Markus Gönitzer

Literaturtipp

Kuchar, Helena, Jelka. Aus dem Leben einer Kärntner Partisanin. Klagenfurt/Celovec 2009.

Anmerkungen

[1] Johanna Sadolscheck /Zala über die verschiedenen Rollen von Frauen im organisierten Partisan_innenwiderstand: „Sie warn auch politische Komissare, alles warn, die Frauen, da hats keine Unterschied gegeben, Obs Mann oder Frau ist, wenn sie tüchtig war.“ In: Berger, Karin et al., Der Himmel ist blau. Kann sein. Wien 1985. S. 131.

[2] Vgl. Rettl, Lisa/Blohberger, Gudrun, Peršman. Göttingen 2014. S. 447.

[3] Vgl. ebd. S. 397–405.

[4] Vgl. ebd. S. 31.

[5] Vgl. Berger, Karin et al., Der Himmel ist blau. Kann sein. Wien 1985. S. 165.

[6] Vgl. Kuchar, Helena, Jelka. Aus dem Leben einer Kärntner Partisanin. Klagenfurt/Celovec 2009.

[7] Berger, Karin et al., Der Himmel ist blau. Kann sein. Wien 1985. S. 146.

[8] Rettl, Lisa, PartisanInnendenkmäler. Antifaschistische Erinnerungskultur in Kärnten. Innsbruck 2006. S. 60.

Von |2018-10-16T19:36:25+00:0014. Oktober 2018|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Markus Gönitzer studiert Geschichte und Englisch auf Lehramt an der Karl-Franzens Universität Graz. Außerdem arbeitet er in der Kunst- und Kulturinstitution Forum Stadtpark in der Programmierung der Sparte Gesellschaftspolitik. Seit einem Jahr bringt er sich im Museum Peršmanhof als Geschichtsvermittler ein. Sein Forschungsschwerpunkt ist neben dem Partisan_innenwiderstand in Kärnten/Koroška die Institutionalisierung der autonomen Frauenbewegung in Graz.

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