Wie „public“ ist Public History (Weekly)?

Jeden Donnerstag publiziert das mehrsprachige Blogjournal Public History Weekly Beiträge zu Geschichte, Politik und Didaktik. Wieso das 2013 gestartete Projekt erfolgreich ist und was zukünftig geplant ist, berichten die Redakteurinnen Isabella Schild und Judith Breitfuß.

Die Beiträge auf dem Wissenschaftsblog Public History Weekly erscheinen sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch. Quelle: Screenshot Public Weekly

Das Blogjournal Public History Weekly wird seit 2013 vom De Gruyter Oldenbourg Verlag in Kooperation mit der Schweizer Pädagogischen Hochschule FHNW publiziert und von vier Redaktionsstandorten – Basel, Luzern, Breslau und Wien – aus betreut. Das Format erscheint wöchentlich im Open Access, sodass es allen Leser*innen frei zugänglich ist. Jeder Artikel wird sowohl auf Deutsch als auch auf Englisch veröffentlicht, bei Autor*innen mit anderer Muttersprache wird zusätzlich eine dritte Sprachversion angeboten. Ein halbes Jahrzehnt nach seiner Gründung ist Public History Weekly geradezu ein Erfolgsprojekt: Tausende Leser*innen weltweit verfolgen Woche für Woche die neuen Beiträge auf der Website oder über Social Media; bisher wurden insgesamt über 270 Beiträge publiziert und in dreizehn verschiedene Sprachen übersetzt.[1]

Hohe Qualität für ein breites Publikum

Inhaltlich setzt sich das Journal mit Themen der Geschichtswissenschaft, Geschichtsdidaktik sowie der Politischen Bildung auseinander und verfolgt den Anspruch, Geschichte für ein möglichst breites Publikum spannend, prägnant und teils auch provokant aufzubereiten. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Texte in die Trivialität abgleiten. Im Gegenteil, die Beiträge auf Public History Weekly zeichnen sich durch eine hohe Qualität aus, die den strengen redaktionellen Guidelines und nicht zuletzt auch einem recht prominenten Autor*innenkreis (darunter etwa der Geschichtstheoretiker Jörn Rüsen sowie der Präsident der International Federation for Public History, Serge Noiret) geschuldet ist. Diese stehen vor der Herausforderung, historische Themen breiten- und publikumswirksam aufzubereiten: Das bringt nicht nur die Schwierigkeit mit sich, die Inhalte auf das Wesentlichste zu reduzieren (denn Beiträge auf Public History Weekly dürfen in der Regel eine Länge von 6000 Zeichen nicht überschreiten), sondern auch das Erfordernis, oftmals komplexe Forschungsergebnisse für ein breiteres Publikum zu „übersetzen“.

Was genau ist Public History? Definitionen und Kritik

Public History Weekly trägt sein Programm bereits im Namen – was aber ist Public History nun genau? In einem weiteren Sinne meint ‚Public History‘ jegliche Form von Geschichtskonstruktion im öffentlichen Raum. Das bedeutet, dass Geschichte nun auch außerhalb der universitären „halls of the academy“ stattfinden kann und sich prinzipiell alle Menschen an der Darstellung von Geschichte beteiligen können. Public History in diesem Sinne kann die Konstruktion und Präsentation von Geschichte in Museen, Gedenkstätten, Archiven und bei Jubiläumsfeierlichkeiten oder aber auch auf Reenactment-Veranstaltungen, etwa auf Mittelalterfesten, miteinschließen. Viele Vertreter*innen der universitären Geschichtswissenschaft stehen dieser Definition von Public History allerdings kritisch gegenüber, da eine Verwässerung und Verfälschung wissenschaftlich fundierter Geschichtsdiskurse befürchtet wird.

In einem engeren Sinne wird unter ‚Public History‘ deshalb die Aufbereitung historischer Inhalte von Akademiker*innen für ein nichtwissenschaftliches Publikum verstanden – Public Historians sind also „purveyors of the past to popular audiences“.[2] Während sich Public History nach wie vor an den methodischen Ansprüchen wissenschaftlicher Forschung orientiert, erfordert sie gleichzeitig die Fähigkeit, die Ergebnisse dieser Forschung packend und verständlich zu präsentieren. Dazu sind Kompetenzen notwendig, die das Repertoire der „herkömmlichen“ Geschichtswissenschaft oftmals überschreiten: So werden neben journalistischen Schreibfertigkeiten vor allem auch Skills im Bereich der digitalen Medien immer wichtiger.

Viele Universitäten haben sich diesen Anforderungen mittlerweile angenommen, richten zunehmend eigene Professuren ein und bieten eigene Public-History-Studiengänge an,[3] die die Studierenden für die Arbeit als Geschichtsvermittler*innen im öffentlichen Bereich vorbereiten sollen. Auch diese Spielart der Public History bleibt jedoch nicht ohne Kritik: Durch ihre Verlagerung außerhalb der Universitäten besteht die Gefahr, Geschichte zunehmend ökonomisch zu instrumentalisieren – der Markt wird also der bestimmende Faktor, der die Nachfrage nach und das Angebot an Geschichte steuert. Damit verbunden ist Indoktrination und Manipulation, genauso wie es vorkommen kann, dass unreflektierte Geschichtsbilder konstruiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Ist Public History Weekly wirklich „public“?

Im Hinblick auf die zuvor vorgebrachten Definitionen soll nun ein kritischer Blick auf Public History Weekly geworfen werden. Dazu gehören auch die Fragen, wie „public“ das Blogjournal tatsächlich ist und wie die Verantwortlichen versuchen, den Spagat zwischen Wissenschaftlichkeit und Öffnung zu meistern.

Public History Weekly verfolgt durchaus emanzipatorische Gedanken. Historisches Wissen soll den akademischen Elfenbeinturm verlassen und multilingual, prägnant und wissenschaftlich fundiert einer möglichst breiten Leser*innengruppe zukommen. Indem aber bislang zumeist nur Doktor*innen Beiträge auf Public History Weekly veröffentlichen dürfen, Geschichte und Politik also für ein breites Publikum, aber nicht durch das Publikum aufbereitet werden, muss das Blogjournal klar der enger gefassten Definition von Public History zugeordnet werden. Zwar wird ein eingeschränkter „Mitmach-Charakter“ befürwortet – so können sich die Leser*innen durch das Kommentieren von Beiträgen durchaus an der Diskussion zu beteiligen –, die fachliche Expertise wird aber weiterhin streng in wissenschaftlicher Hand gehalten.

Als Gründe für diese Maßnahmen können einerseits die Wahrung von wissenschaftlichen Standards und die Schaffung eines spezifischen Publikationsmediums, das einen besonderen Anreiz auf (potenzielle) Autor*innen ausübt, gesehen werden. Ebenso ist es ein Anliegen, die eigene Disziplin und den Berufsstand zu stärken. Ein Problem das damit einhergeht ist aber, dass durch diese policy das Geschlechterungleichverhältnis, das für wissenschaftliche Spitzenpositionen nach wie vor besteht, gespiegelt und nicht durchbrochen wird. Obwohl Public History Weekly sich stark um mehr Frauen als Autorinnen bemüht, gestaltet sich die Angelegenheit schwierig: Mit Stand 10.7.2018 sind etwa von 29 Stammautoren nur 9 Frauen. Bei den 52 Gastautoren sind nur 10 Frauen aufzufinden. Dieses ungleiche Geschlechterverhältnis auf Public History Weekly muss auf die nach wie vor benachteiligte Position von Frauen in der Wissenschaft und in wissenschaftlichen Spitzenpositionen zurückgeführt werden und daher auch Anlass sein, diese strukturelle Problemlage immer wieder anzusprechen und Verbesserungen einzufordern.

Perspektiven für die Zukunft

Wie kann der Spagat zwischen Wissenschaftlichkeit und einer breiteren Öffnung also gelingen? Im Fall von Public History Weekly ist für die Zukunft eine „Programmerweiterung“ vorgesehen: Einerseits sind zukünftig jährliche Tagungen geplant, auf denen Nachwuchswissenschaftler*innen ihre Projekte, die in den Bereich Public History fallen, vorstellen können. Die Beiträge sollen anschließend in Public History Weekly veröffentlicht werden. Andererseits erhalten ausgewiesene Fachleute aus verschiedenen Bereichen (etwa Bildung, Politik, Literatur, Medizin) auch ohne Doktorat die Möglichkeit, in der Rubrik „Wilde 13“ zu publizieren. Bestehen bleibt allerdings die Regelung, dass es sich dabei um „prominente“ – d.h. bekannte und profilierte – Autor*innen handeln muss. Lehrer*innen der Geschichte und politischen Bildung, deren berufliche Expertise sicherlich eine spannende Perspektivenerweiterung und einen breiteren fachlicheren Austausch ermöglichen würden, kommen (noch) nicht zu Wort.

Mit seinen Plänen für die zukünftigen Redaktionsjahre hat sich Public History Weekly definitiv ein Stück mehr für eine demokratischere Auffassung von Geschichte geöffnet, doch nach wie vor spielt sich der Austausch in einem relativ begrenzten, zum Teil eher elitären universitären Rahmen ab. Zwar kann jeder im Diskussionsforum mitdiskutieren, letztlich bleibt aber auch der Diskutant*innenkreis oftmals auf hochrangige Wissenschafter*innen beschränkt.

Der emanzipatorische Anspruch von Public History muss immer wieder diskutiert werden. Die Grundfrage wird sein, wie Public History im weiteren Sinne umgesetzt werden und gleichzeitig die Wissenschaftlichkeit der historischen Arbeit gewahrt werden kann, ohne dass so genanntes „totes Wissen“ produziert wird, das wenig Relevanz für die Öffentlichkeit besitzt bzw. Wissen, das für ein nichtwissenschaftliches Publikum kaum von Interesse ist.[4]

Gerade in den Zeiten von „fake news“ und „alternative facts“ sollte die Geschichtswissenschaft danach streben, fundiertes historisches Wissen für die Öffentlichkeit transparent, verständlich und zugänglich zu machen – um schlussendlich dadurch auch die eigene Disziplin zu legitimieren.

Isabella Schild & Judith Breitfuß

Anm. d. Redaktion: Der Beitrag wurde auf Wunsch der Autorinnen nach Veröffentlichung noch einmal von ihnen überarbeitet.

Anmerkungen:

[1] Stand: 19.6.2018. Da immer noch weit weniger Frauen als Männer Spitzenpositionen an Universitäten innehaben, vermuten wir, dass die elitäre policy von Public History Weekly das ungleiche Geschlechterverhältnis unter den Autor*innen bedingt.
[2] Jill Liddington, „What is public history? Publics and their Pasts, Meanings and Practices,“ in: Oral History 30/1 (2002), S. 92.
[3] So zum Beispiel die Freie Universität Berlin sowie die Universitäten Hamburg, Heidelberg und Köln.
[4] Kathrin Fromm, „‚Wir wollen kein ‚totes‘ Wissen produzieren.‘ Wie man die Vergangenheit packend präsentiert, erklärt Cord Arendes, Deutschlands erster Professor für Angewandte Geschichte,“ in: Zeit Online, 16. Januar 2014, https://www.zeit.de/2014/04/universitaet-professur-angewandte-geschichte.

Von |2018-10-17T11:40:24+00:0016. Juli 2018|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Isabella Schild ist Lehrerin für Deutsch und Geschichte am BORG Nonntal (Salzburg) und Doktorantin am Institut für Geschichte der Universität Wien (Fachdidaktik der Geschichte und Politischen Bildung). Darüber hinaus arbeitet sie als Redakteurin beim Blogjournal Public History Weekly. Arbeitsschwerpunkte: Konzeptuelles Lernen, Theorien der Geschichtswissenschaft. Judith Breitfuß ist Universitätsassistentin und Doktorandin am Institut für Geschichte (Fachdidaktik Geschichte, Sozialkunde und Politische Bildung) an der Universität Wien. Sie ist außerdem Redakteurin beim Blogjournal Public History Weekly. Arbeitsschwerpunkte: Globalgeschichte im Geschichtsunterricht, Schulbuchforschung.