„Sie meinen es politisch!“

Am 7. März wurde die Ausstellung „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich eröffnet. Sie ist noch bis 25. August 2019 im Volkskundemuseum Wien zu sehen, bevor sie im Herbst nach Hittisau ins Frauenmuseum wandert. Jessica Richter hat mit Veronika Helfert und Johanna Zechner, zwei der vier Kurator*innen, über die Ausstellung gesprochen.

Ausstellung „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich im Volkskundemuseum Wien © kollektiv fischka/kramar

Jessica Richter: Worum geht es bei der Ausstellung?

Veronika Helfert: Um das Frauenwahlrecht! Genauer: Um den langen Kampf für politische Partizipation von Frauen* in den revolutionären Situationen Europas; um die Frauenstimmrechtsbewegung und das Engagement vieler Sozialdemokratinnen bis zu seiner Einführung 1918; sowie um die Rollen und die Handlungsspielräume von Politikerinnen. Wir zeigen aber auch, was die Einführung des Frauenwahlrechts bewirkt hat – also: Welche Gesetzesinitiativen Parlamentarierinnen auf den Weg gebracht haben, wie sich das Leben von Frauen* (und auch von Männern*) verändert hat

Jessica Richter: Wieso muss man einfach hingehen?

Johanna Zechner: Weil die Ausstellung nicht nur informativ, sondern auch kurzweilig ist! Sie ist nicht chronologisch, sondern nach Orten konzipiert, an denen für das Frauenwahlrecht gekämpft wurde und auf die die Einführung des Frauenwahlrechts eingewirkt hat. Das ermöglicht auch Einblicke in andere Jahrzehnte bis zur Gegenwart. Und wir haben uns bemüht, ein paar interaktive Elemente hineinzubringen. Um nur eine Sache herauszugreifen: Eine Installation mit einer Barrikade mit Matratzen sowie Holzpaletten und einem Megafon. Wenn Besucher*innen auf das Megafon drücken, hören sie eine Coverversion der Wiener Musikerin Gustav von „Die Frauen der Kommune“ aus der Proletenpassion der Schmetterlinge.

Der Ort „Autonome Frauenräume“ in der Ausstellung „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich im Volkskundemuseum Wien © kollektiv fischka/kramar

Jessica Richter: Und warum ist die Ausstellung auch politisch wichtig?

Veronika Helfert: Die Frage des Frauenwahlrechts ist ja letztendlich die Frage danach, wer in einem politischen Gemeinwesen an dessen Institutionen beteiligt ist. Nur wer* in einer Demokratie wählen und gewählt werden darf, hat eine Chance, sozioökonomische und rechtliche Rahmenbedingungen des Zusammenlebens mitzugestalten. Daher ist es wichtig, gleichstellungspolitische Errungenschaften in diesem Kontext sichtbar zu machen und zu zeigen, dass diese nicht von selbst kommen, sondern Ergebnis mitunter harter Ausverhandlungsprozesse waren und sind – und auch zurückgenommen werden können.

Johanna Zechner: Wir dachten dabei einerseits daran, dass 100 Jahre Frauenwahlrecht ja nicht 100 Jahre Demokratie in Österreich bedeuten: D.h. die Phase des austrofaschistischen Ständestaates sowie die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft haben wir auch thematisiert. Andererseits war es uns ein Anliegen darauf zu verweisen, dass dem demokratischen Wahlrecht immer auch Ausschlüsse eingeschrieben sind. 1919 etwa durften jene Frauen nicht wählen, die als Sexarbeiterinnen polizeilich registriert waren. Und wir schlagen auch eine Brücke zur Gegenwart: Seit den späten 1980er Jahren gibt es in Österreich Wahlrechtsbewegungen, die etwa ausgedehnte Mitbestimmungsrechte für Nichtstaatsangehörige fordern. Diese demokratiepolitische Reflexion ist uns gerade auch mit Blick auf die Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen wichtig.

Adelheid Popp warnte 1932 vor dem NS. Ausstellung „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich im Volkskundemuseum Wien © kollektiv fischka/kramar

Jessica Richter: Was war euch bei der Gestaltung ein besonderes Anliegen?

Johanna Zechner: Nicht zuletzt sollen Besucherinnen unserer Ausstellung politische Akteurinnen der letzten 150 Jahre kennenlernen: Sie sprechen hören und sehen, ihre Anliegen und die gesellschaftspolitischen Bedingungen ihres Aktivismus veranschaulicht bekommen. Wir haben viel audio-visuelles Material in der Ausstellung, das zur genaueren Beschäftigung mit jenen Politikerinnen einlädt, die die Geschichte Österreichs mitgeprägt haben, die aber im öffentlichen Diskurs wenig vorkommen. Die Besucherinnen können insgesamt auch 37 „Abrissblätter“ mit Akteurinnen mit nach Hause nehmen. Auf diesen kleinen Sammelblättern sind Porträts von Frauenwahlrechtskämpferinnen und Politikerinnen auf der Vorderseite abgebildet, auf der Rückseite finden sich die jeweiligen Kurzbiographien.

Jessica Richter: Was hat euch überrascht?

Veronika Helfert: Dass sehr viel zur Frauenwahlrechtsbewegung und der Geschichte von Politikerinnen – vor allem auf der Kommunalebene – noch unterbeforscht ist. Barbara Steininger etwa hat für den Begleitband, der zur Ausstellung erschienen ist, herausgefunden, dass Zenzi Hölzl, die bis dato als erste Bürgermeisterin galt, gar nicht die erste Frau im Amt war, sondern die Steirerin Maria Rothschädl – vielleicht findet sie aber noch eine andere erste! Trotzdem: Für unsere Ausstellung blieb sie weiterhin eine wichtige Politikerin. Sie war immerhin von 1948 bis 1958 zehn Jahre im Amt. Bis heute liegt ja die Prozentzahl der Bürgermeisterinnen in Österreich im einstelligen Bereich.

Johanna Zechner: Nicht das erste Mal, aber es überrascht immer wieder welche frauenpolitischen Forderungen schon seit über 100 Jahren existieren und noch nicht eingelöst sind. Und: mit welchen Anfeindungen und Widrigkeiten Frauen in politischen Funktionen zu kämpfen hatten und haben. Das reicht von sexistischen Fragen von Journalisten, über die Beurteilung von männlichen Politikerkollegen bis zu Schmäh- und Drohbriefen. Wir haben zum Beispiel in einer Vitrine einen Haufen an Zuschriften an die ehemalige Frauenministerin Johanna Dohnal aus den 1990ern ausgestellt, in dem sich unfassbare Beschimpfungen an sie befinden – die meisten basierend auf ihrem Geschlecht. Wir nennen es im Team den „analogen“ Shitstorm und finden es ganz wichtig zu vermitteln, dass es dieses Phänomen nicht erst seit social media gibt. Wenn es auch weniger öffentlich stattgefunden hat – diese Frauen mussten und müssen persönlich unglaublich viel aushalten, um unsere Gesellschaft mitzugestalten.

Jessica Richter: Was handelt sich eine* ein, wenn sie eine Ausstellung macht?

Ausstellung „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich im Volkskundemuseum Wien © kollektiv fischka/kramar

Veronika Helfert: Ausstellung machen ist eine aufwändige, aber sehr lohnende Sache! Für mich war es zu Beginn nicht leicht, mich mit der Herausforderung zurecht zu finden, dass Geschichten in einer Ausstellung über kurze Texte und Objekte erzählt werden. Es braucht Mut zur Kürze und Prägnanz – und damit zu Auslassungen, die mein Historikerinnenherz manchmal hat bluten lassen.

Johanna Zechner: Das Schöne an der kuratorischen Arbeit ist auch ihre Kreativität. Es ist für mich die Schönste aller Arbeiten. Es geht darum Geschichte in Geschichten zu vermitteln. So, dass auch Menschen was davon haben, die von dem Thema zuvor noch nie was gehört haben. So wie Veronika gesagt hat: Es geht um das immer wieder Hinterfragen und Präzisieren, was man erzählen möchte. Essentiell ist dabei die Arbeit im Team – auch gemeinsam mit dem Ausstellungsgestalter. Es ist uns gelungen, ein ungewöhnliches Ausstellungsdisplay zu entwickeln, so dass auch auf der gestalterischen Ebene die Orte, wie das Wahllokal, die Straße oder das Parlament räumlich sichtbar werden.

Die Ausstellung

Laufzeit: 8.3.–25.8.2019 im Volkskundemuseum Wien

Kurator*innen: Remigio Gazzari, Veronika Helfert, Corinna Oesch, Johanna Zechner
Ausstellungsgestaltung: Peter Karlhuber
Ausstellungsgrafik: Gerhard Spring
Mitarbeit: Matthäus Maier, Maria Steiner

Projektleitung: Johanna Gehmacher, Gabriella Hauch und Maria Mesner

Der Begleitband „Sie meinen es politisch!“ 100 Jahre Frauenwahlrecht in Österreich: Geschlechterdemokratie als gesellschaftspolitische Herausforderung erschien im März 2019 im Löcker Verlag (Wien) und wird am 27. März im Volkskundemuseum präsentiert.
Weitere Infos zur Ausstellung und zum Projekt unter: www.frauenwahlrecht.at


Von |2019-03-19T11:40:40+02:0018. März 2019|Gesellschaft&Geschichte|0 Kommentare

Veronika Helfert, Historikerin und Kuratorin, Gründungs- und Vorstandsmitglied von fernetzt. 2012–2016 prae-doc Assistentin für Neuere Geschichte und Frauen- und Geschlechtergeschichte am Institut für Geschichte. 2018 Promotion mit einem Dissertationsprojekt zur Frauen- und Geschlechtergeschichte der Rätebewegung in Österreich. Johanna Zechner, Historikerin und Kuratorin, gestaltet Ausstellungen und Vermittlungsprogramme zu Aspekten österreichische Zeitgeschichte, Erinnerungskultur sowie Frauen- und Geschlechtergeschichte in Wien und Niederösterreich.

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